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Full text of "Historische und philologische Aufsätze: Ernst Curtius zu seinem siebenzigsten Geburtstage am ..."

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This book is to bt returmd on or btfort 
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-2 '• . 1986 

1 8 JUM 'Q92 



K 

IN 



I 



■^ .A t\/<JL 



HISTORISCHE UND PHILOLOGISCHE 

AUFSÄTZE 



ERNST CURTIUS 



zu 



SEINEM SIEBENZIGSTEN GEBURTSTAGE 



AM ZWEITEN SEPTEMBER 1884 



GEWIDMET. 



MIT VIBR TAFBLN UND MIT VIBRZBHN ABBILDUNGBN IM TEXT. 



BERLIN 

VERLAG VON A. ASHER & CO. 

1884. 



y-.:* cF ^••p' 




INHALT. 



Seite 

I. H. Gerhard Lolling, Die Meerenge von Salamis (Taf. I.) . . i 

n. Heinrich Geizer, Kastor's attische Königs- und Archontenliste ii 

ni. Adolf Holm, Lange Fehde 21 

IV. Max Fränkel, Zur Geschichte der attischen Finanzverwaltung 3S 

V. Carl Fr ick, Zur Kritik des Joannes Malalas 5i 

VI. Konrad Trieb er. Kritische Beiträge zu Africanus .... 67 

VII. Ludwig Jeep, Zur Geschichte Constantin des Grofeen ... 79 

Vni. Alexander Conze, Das Berliner Medearelief (Taf. II.) . . . 97 

IX. Adolf Michaelis, Zur Zeitbestimmung des Silanions ... io5 

X. Rudolf Scholl, Griechische Künstlerinschriften iiS 

XI. Rudolf Weil, Olympische Miscellen (Taf. in.) kS 

Xn. Wilhelm Dörpfeld, Der antike Ziegelbau und sein Einfluß 

auf den dorischen Stil 137 

Xm. Ludwig Gurlitt, Bemalte Marmorplatten in Athen .... iSi 
XIV. Richard Borrmann, Ueber eine etruskische Aschenciste des 

Florentiner Museums 167 

XV. Adolf Furtwängler, Hector's Lösung. Ein Relief aus 

Olympia durch einen griechischen Spiegel ergänzt (Taf. IV.) 179 

XVI. Gustav Körte, Die Kreter des Euripides 195 

XVII. Heinrich lordan. Der Tempel der Vesta, die Vestalinnen und 

ihr Haus 209 

XVni. Karl Purgold, Olympische Weihgeschenke 221 

XIX. Heinrich Dressel, Numismatische Beiträge aus dem Grabfelde 

bei Piedimonte d'Alife (Allifae. Phistelia) 24S 

XX. Wilhelm Gurlitt, Paionios und der Ostgiebel des Zeustempels 

in Olympia 2S9 

XXI. Wilhelm Dittenberger, Epigraphische Miscellen .... 28S 

XXn. Bernhard Kubier, Athetesen im Aristophanes 303 

XXin. Carl Curtius, Ueber Pliniushandschriften in Lübeck ... 325 

XXIV. Arthur Milchhöfer, Ueber die Lage des «Kolonos» in Athen 339 
XXV. Gustav H i rs c h f e 1 d , Zur Typologie griechischer Ansiedelungen 

im Alterthum 363 

XXVI. Christian Beiger, Goethes und Schillers Beschäftigung mit der 

Poetik des Aristoteles 375 

XXVII. Philipp Spitta, Ueber die Beziehungen Sebastian Bachs zu 

Christian Friedrich Hunold und Mariane von Ziegler . . 403 



I. 



R GERHARD LOLLING 



Die Meerenge von Salamis, 



Hierzu Tafel I. 



I. l^eros und Kynosura. In den Untersuchungen über die 
Schlacht bei Salamis und speciell in der Frage, wie die Aufstellung 
der persischen und griechischen Flotte erfolgt sei, gewinnt trotz 
einigem Widerspruch allmählich die Ansicht allgemeine Geltung, dafs 
unter unseren Quellen am meisten Gewicht auf die Darstellung Hero- 
dots zu legen ist, bei dem immerhin einiges Detail zweifelhaft bleiben 
kann, während der wesentliche Theil seiner Schilderung durch den 
anschaulichen Bericht in den Persern des Aischylos bestätigt und in 
einzelnen Zügen glücklich ergänzt wird.') Die Schilderung Herodots 
trägt in ihrer gemessenen Einfachheit den Stempel innerer Glaub- 
würdigkeit. Nur in einem, nicht unwesentlichen Punkte, nämlich in 
der Erklärung der Stelle, an welcher Herodot Kynosura und Keos 
erwähnt, herrscht eine bis jetzt unaufgeklärte Dunkelheit Ich benutze 
diese Gelegenheit zu dem Versuche, dieses Dunkel aufzuhellen und 
fiige den weitern Versuch hinzu, hier noch einige andere topographische 
Fragen zu lösen, die uns bei der genaueren Untersuchung der sala- 
minischen Meerenge entgegentreten. 

Ich wende mich zunächst zu der eben erwähnten Stelle Herodots. 
Es sind die Worte, mit denen er schildert, wie der listige Anschlag 
des Themistokles, die Griechen zur Schlacht zu zwingen, durch die 
Stellungnahme der persischen Flotte zur Ausführung gelangte (VO 76): 
Tot(U di tag Twnd iyivero td äyycl&iyvaj tovto fjth ig t^v Vffitda t^v 
^vwdXetaVj (jbercc^v JSalafiZvog %b »ciikivfiv xoi t^g ^TVsiQOv, noXlovg t&v 
Il€Q(fimy oaußißdfUxvto, %ovro dij imM^ iylyopvo (Jbitkxt vvxvsgj iy^yoi^ 
Hky %6 an hsni^ xiqag xvxlwfAStfiH TiQog z^v SaXafjiIpa (^av^yot^ di oi 



1) Gegen G. Löschcke's Versuch, dem Ephoros gegen Herodot Geltung zu ver- 
schaffen (Jahrb. f. d. Phil. 115 (1877) S. 25 fg.), vgl. Duncker, Gesch. d. Alt. VII S. 282, 
Busolt, Rh. Mus. 38 (1883) S. 627 fg. 

I* 



äfHpl T^if Kiov t€ xal r^y Kvvwsovqap rerayfjbiyoi) xavetxof^ ^^ l^XQ^ 
Alovyifx^fjg ndyta %6v no^ikov %ffl^ v'qvdi . tävde di etpsxa ävi^YOV rdg 
riagj tva &q zoXth "EkXifit fMjdi qvytttf i^, äXl' dnoHafJKf&iyveg ip t^ 
2ahx^Xv^ dotey xUs^v zäp in lAlQTSfuaUo äyanp^ffficcTCüp. 

Diese Worte lassen wenig Zweifel übrig, dafs die nächtliche 
Flottenbewegung der Perser bezweckte, die griechische Flotte in der 
Hafenbucht der Stadt Salamis und längs der weiterhin sich nach dem 
Skiradion (Mitth. d. arch. Inst. I S. 127 fg.) hinziehenden Küste ein- 
zuschliefsen. Bei einer solchen Aufstellung lag die griechische Flotte 
im Angesicht der nach der Insel geflüchteten athenischen Bevölkerung 
und dem am Aigaleos gelagerten persischen Landheere gegenüber. 
Die Einschliefsung der Griechenflotte machte ein Entweichen, sei es 
nach dem Skiradion hin, wie es nach der Erzählung der Athener Adei- 
mantos mit den Korinthern versucht hat, sei es an Psyttaleia vor- 
bei, wo die Entscheidung stattfinden sollte, unmöglich. Die Perser 
hatten vor Beginn der Schlacht, darüber sind unsere Quellen einig, so- 
wohl die westliche (megarische oder eleusinische) als die östliche Enge 
(bei Psyttaleia) in ihrer Gewalt. Wir haben nun genauer zu unter- 
suchen, auf welche Weise sie nach Herodots Ansicht dies erreichten. 
Für die Enge von Psyttaleia bedarf es keiner weiteren Untersuchung, 
die Aussetzung der vornehmen Perser auf Psyttaleia beweist allein 
schon, dafs sie die beiden Meerstrafsen neben dieser Insel besetzt 
hatten. Schwieriger schien es, die Frage zu lösen, wie die Abschliefsung 
nach der eleusinischen Seite des Porthmos erfolgt sei und hier haben 
auch solche Historiker, die das gröfste Gewicht auf die Darstellung 
Herodots legen, die nur in den spätem Quellen überlieferte Nachricht, 
nach welcher eine Flottenabtheilung um die Südseite der Insel nach 
der megarischen Enge bei Budoron geschickt wurde, mit der Schil- 
derung Herodots verschmelzen zu müssen geglaubt. Herodot, der 
davon nichts weifs, aber doch auch die Entscheidung durch die Ab- 
schliefsung nach beiden Seiten hin erfolgen läfst, mufs vielmehr mit 
seiner Darstellung deutlich genug zu erkennen gegeben haben, dafs 
durch die von ihm geschilderte Bewegung der persischen Flotte die 
griechische in der salaminischen Rhede eingeschlossen war. Es mufs 
dies in seinen Worten liegen und Wir . können es nur in der Stelle 
suchen, die allein noch einigermafsen dunkel geblieben ist, nämlich 
in derjenigen, die ich im oben mitgetheilten Text als Parenthese ge- 
kennzeichnet habe. 

Zu den Worten äv^yoy ihh x6 an iffniffjg x^Qag xtmlovficrw Jifog 
T^y SaXafitya . . « . xatetxoy te fA^XQ^ Mwwx^ ndyta tot noQ&fwr 



5 

r^ yipHXij die dem Sinne nach eng zusammengehören, bilden die An- 
fangsworte des Cap. 85: Kcnd iiAv 6^ Id^vaiovq ixetdxctto 0oipimg 
(avto$ ydg sJl%ov %6 Jtqoq ^EXsvctvoq %€ %al ktmiqf^ x^Qccg), xatd di Acacs- 
dcuftayiovg "lanysg * wro» (T slx^y %6 n^og t^v ^£ ve xal xw IletQaiia eine 
genaue Parallele. Aus den zur Erläuterung der ersten Stelle hinzu- 
gesetzten Worten av^yov Si ol ift^l x^y Kiov xe xal x^p Kwodov^v 
xexayikivo^ entnehmen wir nun, dafs der Westflügel der Perser vor dem 
Heranfahren an die Insel dfHfi x^v Kiw, der Ostflügel It^Mpl x^y Kvvo- 
awfccp aufgestellt gewesen war. Nach Ausfuhrung ihrer Bew^ung, 
bei der es namentlich darauf ankam , dafs der Westflügel bis Salamis 
vorgeschoben wurde, war der Halbkreis geschlossen und die Umzin- 
gelung ausgeführt Was heifst nun aber äfiffl x^v Kiov} Die Worte 
sind unverständlich und es ist schon öfters vermuthet worden, dafs 
K^ nicht hierher gehört. Statt AMOI THN KEON ist offenbar 
AM0I THN AEPON einzusetzen, denn die gröfsere der in der Westenge 
liegenden Inseln fuhrt noch jetzt wie das kleine Eiland zwischen 
Kalymnos und Patmos den antiken Namen Leros.') 

Unter K3aiosura haben wir dann, wie auch meist angenommen 
wird, die lange, höckrige Landzunge zu verstehen, die von dem Weich- 
bilde der alten Stadt Salamis aus bis nahe an Psyttaleia ins Meer 
vorspringt und deren äufserstes Ende genauer als seilenische Klippen 
mit dem Kap Tropaia bezeichnet wurde. Letzteres heifst jetzt Kdßo 
Bdqßotq^. 

2. Der Porthmos, Amphiale, die Pharmakusen und die 
andern Inseln der Meerenge. Vor dem Beginne der Schlacht in 
der Meerenge soll Xerxes den Gedanken gefafst haben, durch Auf- 
schüttung von Dämmen und eine Schiffsbrücke (welche die Dämme 
verbinden sollte) seinem Landheere einen sicheren Zugang zur Insel 
zu verschafien.2) Wäre dieser Plan ausgeführt worden, so hätte auch 
Themistokles nicht den Untergang seiner Mitbürger, die sich nach der 
Insel geflüchtet hatten, abwenden können. Das Projekt des Xerxes 
zu vereiteln, mufs für den athenischen Feldherrn mit ein Beweggrund 
gewesen sein, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Seeschlacht 



>) Die nachfolgenden Bemerkungen liefern noch andere Belege, dafs sich gerade 
an der salaminischen Meerenge antike Namen erhalten haben. — Ein antiker Wachtthurm 
auf der Höhe der Insel beherrscht den eleusinischen GolC 

«) Der von Herodot (VIII 97) und Plutarch (Them. XVI) vertretenen Ansicht, dafs 
die Ueberbrttckung nach der Schlacht versucht sei, haben sich u. A. Leake, Grote und 
Duncker angeschlossea. Die Eile, mit welcher Xerxes nach der Schlacht aufbrach, ist 
dieser Ansicht nicht gUnstig. 



in der den Griechen mehr als den Persern günstigen Meerenge her- 
beizuführen. 

Es versteht sich von selbst, dafs der Versuch, die Meerenge zu 
überbrücken, nur an einer der engsten Stellen gemacht sein kann. 
Uns liegen zwei genauere Angaben darüber vor. Die erste ist in 
folgenden Worten des Ktesias (Phot ed. Bekk. S. 39) enthalten: 'O 6i 
^^"f^ - • • • i^w inl (frevcTOTOtf rffi jitTix^ CHgcocXeiov xtiXätTa$) i%mWB 
XäfJta irü 2ala(java. Damit hat bereits Leake (Dem. v. Att. S. 212 
Anm. 475) die Bemerkung des Ephoros (Diodor XI 18) zusammen- 
gestellt, nach welcher die Griechen rov mgov (j^ezccSv Salafavog xcd 
'HQaxXslav xctvetxw- Die Vergleichung zeigt, dafs an ein Herakleion, 
das man gewöhnlich hart an der Bucht von Keratzini ansetzt, wen^- 
stens im engeren Sinne nicht gedacht werden kann, denn die darauf 
bezogenen Ruinen liegen nicht an einer der engeren, sondern gerade 
an der weitesten Stelle der Meerenge und es kann also nicht daran 
gedacht werden, dafs die Perser eine Ueberbrückung von hier aus 
geplant hätten. Beide Stellen lassen sich nur vereinigen, wenn unter 
Herakleion im weiteren Sinne die unter dem Aigaleos und Salamis 
gegenüber liegende Küstenstrecke bis zur jetzigen Fähre, d. h. vne wir 
sehen werden, bis zum Kap Amphiale verstanden wird. Es konnte 
diese Küste nach dem einzigen bekannten Bauwerk an ihr benannt 
werden, ohne strenger genommen dazu zu gehören. 

Genauer noch ist die zweite uns vorliegende Angabe. Sie findet 
sich in folgenden Worten Strabons (DC 395) : Elra (d. h. nach dem an 
Megara grenzenden Eleusis) ro &QHi<Mv Tmiiov xci dfjbciptffiog cdyiaXog 
xal d^fjbog ' efd-'^ axga ^ IdiHfmhj xcu %6 VTtiQxeigjbeyop XatOfMVj xai 6 
eig SaXaiAtpa noQd-fwg wsw d$<fi;ddtog, oy Aaxovv ijutgäTO SigS^j i<p^ 
di 17 vavfkaxia yspofAipfj xal (fvyii räy üsgcär * ivtav-dn dk xal cu 0ctQ- 
fjtaQxov<UUx&j dvo pi^Utj w iv t& f*Bi^ov$ Kiqx^ fApog deixwtcu, 

*Y7Üq di T^g äxT^g vavtf^ 0^ iffilvj xaXettcu KoQvdaXlogj tuu 6 
dtiikog ol KoQvdaXletg ' €l&' Ow^v hikijy xal ^ ^vtrcileta xvX, 

Wäre in dieser Stelle die Breitenangabe des Porthmos richtig 
überliefert, so genügte eine einfache Messung, die Stelle der Ueber- 
brückung wiederzufinden. Aber sie ist sicher falsch, denn nirgends 
gibt es in der Meerenge eine so schmale Stelle. Wir haben uns 
darum zunächst an die übrigen Angaben zu halten. Hier führt nun 
glücklicherweise die Bemerkung, dafs das Kap Amphiale, an welches 
der Porthmos stiefs, unterhalb eines Steinbruchs lag, direkt zum Ziel, 
denn dieser Steinbruch ist noch jetzt vorhanden und zwar gibt es an 
der Küste von Keratzini bis Skarmangä nur einen Steinbruch, näm- 



lieh den hart über dem Fährhaus, von dem man jetzt nach Salamis 
übersetzt!) Die alte Fähre lag also ungeiahr da, wo man jetzt über- 
setzt Es ist die engste Stelle der Meerenge. Der jenseitige Lan- 
dungsplatz liegt hart unter den Ruinen der Burghöhe der alten Stadt 
Salamis; ganz in der Nähe des diesseitigen entspringt am Meere eine 
kleine Quelle« Letztere liegt am Fufse des Hügels, der sich nördlich 
von der Steinbruchhöhe erhebt und auf seinem Gipfel die Ueberreste 
einer alten, bis jetzt unbekannt gebliebenen Ummauerung trägt, die 
zum Schutz der Quelle und des aufgemauerten, noch theilweise erkenn- 
baren Uferwegs dienen konnte. Alles dies bestätigt, dafs auch im 
Alterthum hier die Fähre lag. Der Ufervorsprung unter der Stein- 
bruchhöhe mufs somit als Kap Amphiale bezeichnet sein: der Name 
rührt vielleicht davon her, dafs die Ost-Westrichtung der Enge daselbst 
fiist unvermittelt in die Süd-Nordrichtung übergeht, so dafs hier gleich- 
sam zwei Meerengen zusammenstofsen. 

Ein Blick auf diese Stelle der Enge gibt sofort die Ueberzeugung, 
dafs die persische Damm- und Schiffsbrücke nur hier geplant gewesen 
sein kann. Aufser dafs hier die Entfernung vom Festlande zum Insel- 
ufer die geringste ist, liegt mitten in der Enge zunächst dem Festlande 
benachbart eine Klippe und weiterhin die Quarantäneinsel Hag. Geor- 
gios: beide konnten gleichsam als Brückenpfeiler benutzt werden. 

Messen wir jetzt die Breite der Meerenge an dem hiermit wieder- 
gefundenen Porthmos,*" so ei^bt sich mit völliger Sicherheit, dafs bei 
Strabon statt dUHadwg nur dexcufrddtog gelesen werden kann. Zweitens 
müssen wir in der Klippe, die noch bei Strabons 2^iten weiter aus 
dem Meere hervorgeragt haben wird und noch jetzt, wie die englische 
Seekarte lehrt, nach allen Seiten von einem sehr seichten Wassergürtel 
umschlossen wird, die kleinere, in der Hag. Georgiosinsel aber die 
gröfsere der Pharmakussen mit dem Grabe der Kirke erkennen. 

Hiermit ist der Inselgruppe im innem Theile des Golfes der alte 
Name wiedergegeben. Bekanntlich hatte man bis jetzt mit diesem 
die beiden unbedeutenden flachen Inselchen vor dem Kap Skarmanga 
belegt, die den Namen KvQadeg tragen. Ich will hier wenigstens ver- 



>) Ich habe diese KUstenstrecke genau und oft genug untersucht, um die obige Be- 
hauptung aufstellen zu dürfen. Leake's Angabe (a. a. O. S. 159), dafs sich an der 
attischen Küste «Arpathoni» gegenüber, welches in der Bucht von Ambelaki gelegen sei, 
ein kleiner alter Steinbruch befinde, ist, was Namen und Lage der Insel anbetrifft, un- 
genau. D^ch mufs er den über dem Fährhaus liegenden Steinbruch im Sinne gehabt 
haben, der indessen gröfser ist, als die meisten Brüche des Hymettos. Strabon erwähnt 
ihn nicht etwa wegen seiner auffallenden Gröfse, sondern um die Lage von Amphiale, 
namentlich für den Vorüberftüirenden, genau su bestimmen. 



8 

suchen, auch diesen den alten Namen wiederzugeben, wobei ich von 
der Beobachtung ausgehe, dafs sich eine ganze Reihe antiker Namen 
in und bei der Meerenge zähe bis auf unsere Tage erhalten hat. So 
heifst das Inselchen Atalante jetzt Talandönisi, Psyttaleia ist noch nicht 
ganz unkenntlich zu Lipsokutäli entstellt, Leros ist ein ebenso sicher 
antiker Name wie Arpedoni {äQ7ud6yii\ so und nicht Arpathoni heifst 
das Inselchen südlich von der Megäli Kyrä). Danach braucht es wohl 
nur ausgesprochen zu werden, dafs die räthselhafte moderne Bezeich« 
nung KvQCideg eine leichte Entstellung für Xo&gadsg ist. 

3. Der Hügel des Kychreus und das alte Salamis. 'Axtag 
äfjk(fl KvxQslaq (Aisch. Pers. 570) erkämpften die Griechen ihren schönsten 
Seesieg. Kvx^ia war yf\^ Siuqdg ein alter sagenhafter, poetischer 
Name der Insel; beide tragen einen cultlichen Charakter und sind 
hergenommen jener von einer Höhe bei der Stadt Salamis, dieser von 
dem Vorgebirge, an dem ich Mitth. d. arch. Inst. a. a. O. die Ueber- 
reste der Athena Skiras nachgewiesen habe. 

Kychreus, heifst es (Str. 393; vgl. Eustath. zu Dionys. 511), erzog 
den Kvxqsidf^ offtg, den die Demeter in Eleusis zu ihrem Tempel- 
wächter machte, nachdem Eurylochus ihn von der Insel vertrieben, 
die er verheerte. Diese Sage^) weist auf den mystischen Dienst des 
Heros und auf ein enges Verhältnifs zum nahen Eleusis hin. Wir 
werden so in die älteste Zeit der. Geschichte unserer Insel eingeführt 
und erhalten, wenn wir nachweisen können, dafs so alte Cultlegenden 
sich an Punkte der nächsten Umgebung des geschichtlichen Salamis 
knüpfen, die Bestätigung für die noch umstrittene Ansicht, dafs die 
Stadt Salamis in späterer Zeit auf oder nicht weit von der Stelle 
ihrer ersten Gründung lag. Der Nachweis der genaueren Lage des 
Hügels, an den sich der Cult des alten mythischen Landeskönigs 
knüpfte, wird uns lehren, wie weit die bei Strabon a. a. O. vorliegende 
Notiz über die Verlegung des Hauptortes der Insel richtig ist. 

Zur Wiederauffindung des Kychreushügels dienen uns zwei An- 
gaben. Erstens ist bei Lykophron a. a. O. von Höhlen des Kychreus 
die Rede. Zweitens sagt Steph. v. Byz. u. d. W. KvxQ^tog Tiayog, tuqI 
SalafjiZpa . 2oifoxi^g Tsvxqm. In dieser von Pausanias^) bestätigten An- 



i) Eine andere, wie es scheint, jUngere Wendung der Sage läfet die Schlange, 
welche die Insel verheerte, vom Kychreus erlegt werden, der davon den Namen Anaxiphos 
erhält (Apollod. m 12 7, Schol. zu Lykophron 451). 

*) Er erwähnt I 36 1 das Heiligthum des Kychreus bei Salamis und fügt hinzu, dafs 
der Gott während der im nahen Gewässer tobenden Schlacht in Drachengestalt zwischen 



gäbe kann unter Salamis nur die spätere Stadt Salamis verstanden 
werden, deren Ueberreste an der Bucht von Ambelakr und auf der 
Windmühlenhöhe liegen, welche die Bucht an der Nordseite überragt 
und ostwärts in die stumpfe Spitze Punta ausläuft. Wer einmal diese 
Bucht umwandert oder sie von Psyttaleia kommend durchsegelt hat, 
dem mufs ein an ihrem Südrande, der Puntaspitze gerade südlich 
gegenüber etwas vorspringender, rundgeformter Hügel ins Auge ge- 
fallen sein. Die Spitze dieses jetzt Magula genannten Hügels wird 
durch einen der bekannten grofsen Tumuli gebildet, deren Entstehung 
in die vorgeschichtliche .Zeit zurückgeht. Vom Meere aus betrachtet 
scheint der Tumulus auf einer gewaltigen Polygonalmauer zu ruhen; 
in der That besteht dieser Fufs des Tumulus aus dem natürlichen 
rundgebogenen Felsrand, der sich senkrecht, von zahlreichen Rissen 
wie von Fugen unterbrochen, aufbaut. Unter diesem natürlichen Fels- 
gürtel senkt sich der niedrigere Nordabhang des Hügels mit Gräbern 
und grofsen Quadern allmählich zum Meere hinab, schroffer ist der 
Hügelrand an der Ostseite, die der Stadt Salamis zugekehrte Westseite 
zeigt zahlreiche Höhlungen , in die bei unruhiger See die Wellen hin- 
einbrausen. An die Südseite der Höhe lehnen sich alte Mauerzüge, 
die einen Theil des anstofsenden Landes bis zum Abhang des gegen- 
über aufsteigenden Hügelzugs umschlossen. Der Fufspfad am Ufer 
fuhrt von Magula in 12 Minuten zur Hag. Trias am Südrande des 
Stadtgebiets von Salamis. 

In diesem Hügel dürfen wir den KvxqeXoq ndyog wiedererkennen. 
Die Grotten seines Westrandes sind die KvxQ^t^ avTQa des Lykophron 
und mochten dem gläubigen Auge als Lieblingsaufenthalt oder Gre- 
burtsstätte des Poseidonsohnes erscheinen. Das ummauerte Land am 
Südfufse bildete sein Temenos. 

Dieser Kychreushügel war nun offenbar in alter Zeit enger mit 
dem Weichbilde der Stadt Salamis verknüpft als in der späteren, in 
welcher sich der Haupttheil derselben nach dem Windmühlenhügel 
hinzog. Darauf deutet die lange, schon auf der englischen Seekarte 
verzeichnete Mauer, die von der Magula aus den südlich ansteigenden 
Hügelrand emporläuft und dann westwärts dem Grate des Hügelzugs 
folgend, sich bis in die Nähe von Ambelaki hinzieht. Diese dem 
Dema zwischen Aigaleos und Parnes gleichende Mauer sicherte das 



den Griechenschiffen aufgetaucht sei. Sein Cult in Athen (Plut. Thes. X) wird an diese 
Sage angeknüpft haben; Solon (Plut. Sol. IX) opfert dem Heros heimlich noch auf 
Salamis selbst. 



lO 

• 

Weichbild der alten Stadt gegen jeden von Süden, namentlich also 
von Aigina her drohenden Ueberfall und bildete, so lange ein solcher 
zu furchten war, die natürliche Begrenzung der Stadt Erst als Aigina 
gedemüthigt war, konnte Salamis sich ungestört nach seiner Burghöhe 
hinziehen, die ihm von jetzt an weniger gegen die Feinde, als gegen 
den Boreas Schutz zu gewähren hatte. 



n. 



HEINRICH GELZER 



Kastor's attische. Königs- und 

Archontenliste. 



Unsere Kenntnifs von Kastor's, des Rhodiers Chronik, geht in 
der Hauptsache auf das Werk seines christlichen Nachfolgers und 
Nachahmers, Eusebios von Kaisareia, zurück. Im ersten Theil seiner 
Chronik handelt dieser S. 179 ff. ausführlich über die attische Königs- 
liste. Darin befindet sich ein grofses Excerpt aus Kastor S. 181, 30 
bis 183, 10. 

Kastoris de flegno Atheniensium. 

cExponemus nunc Atheniensium quoque reges, incipientes aKekrope, 
qui Diphyes cognominatus est et in Thimojitem desinemus. Verum 
enim vero omnium utique regum, qui Erekhthidae nominati sunt, tem- 
pus reperitur annorum CCCCL. Post quos reg^um suscepit Melanthus 
Andropompi Pelensis, eiusdemque filius Kodrus; et regnavenint ambo 
annos LII. [Sub finem regni statim steterunt prindpes usque ad 
mortem;]') a Kodro Makedoniorum stirpe incipientes et 3ub Alkmeone 
Eskhili desinentes. Tempus vero CC et novem annorum reperitur. 
Deinde per decennium principatum tenebant, qui erant VII numero, 
tenueruntque annos LXX. Postea annui a Kreonte principatum 
sumentes, desinunt sub Theophemo; cuius aetate omnino quidem 
nostrae regionis res praeclaraque gesta cessarunt.» Haec Kastor. 

Darauf scheint aber das geistige Eigenthum Kastor's sich zu be- 
schränken; denn die vorangehende Einleitung 179,35 — 181,28 zeigt in 
dem Timaeoscitat, in der Bestimmung von Ogygos' Alter und in der 
Erwähnung der ^av/Kroia fAv^loyavfAsya deutlich die Benutzung des 
Julius Africanus; anderes, so die Synchronismen, sind Eusebios' Eigen- 
thum, wie ihre Harmonie mit den Ansätzen des Kanons erweist. 



i) Der Hierosolymitanus hat hier eine LQcke; dagegen bietet der Tochatensis die 
Worte. 



14 

Auch die auf das Kastorexcerpt bei Eusebios folgende Regenten- 
und Archontenliste zeigt gar keine Uebereinstimmung mit Kastor, 
für die Erechthiden 429 J. Kastor 450 J. 

für Melanthos und Kodros 58 > » 52 » 

flir die aQXOVtfS dtd ßiav 312 > » 209 » 

Was den letzten Posten bei Kastor betrifft, so ist es klar, dafs 
man mit C. Müller CCIX in CCCIX verändern mufs. 

Die Zahl der zwei pylischen Könige hat man sich gewöhnt, seit 
Aucher in 58 zu ändern. Wir haben nämlich noch ein zweites Zeugnifs 
über Kastor^s attische Königsliste im Kanon ad a. A. 880/1 (Arm. 889): 
Castoris de regno Atheniensium. Exponemus autem et Atheniensium 
reges cognomento Erechthidas a Cecrope difye usque ad Thymoeten 
quorum omne tempus invenitur ann. CCCCXX Villi. ') Post quos sus- 
cepit regnum Melanthus Pyliensis Andropompi filius et huius filius 
Codrus qui imperarunt simul annis LVIII.*) Der Armenier bietet 
CCCCXLK, worin C. Müller sehr mit Unrecht eine Variante zu der 
Kastor 'sehen Zahl 350 sehen will. Es ist lediglich ein Schreibfehler 
fiir die bei Hieronymus richtig überlieferte Zahl; diese ist aber die 
genuine Summe des Eusebios, welcher im ersten Theil, in beiden 
Versionen des Kanons und ebenso in der armenischen Series Regum 
429 Jahre bis Thymoites zählt. Wer aber nur wenig eingehend mit 
dem Kanon sich beschäftigt hat, weifs, wie häufig hier Eusebios eignes 
Gut unter fremder Etiquette ausbietet, und wie wenig Autorität den 
dortigen Zahlen gegenüber denen des ersten Theiles innewohnt. Es 
leidet gar keinen Zweifel, dafs auch in unsrer Stelle einfach die 
Kastorischen Zahlen durch die eusebianischen ersetzt sind, mithin ist 
dieses Fragment völlig autoritätlos. Es fehlt uns also jegliche Con- 
troUe über die im ersten Theile der Chronik allein genuin überlieferten 
Kastorzahlen. Möglich wäre immerhin, dafs Kastor bei seinen viel- 
fachen Eigenheiten für die beiden Pylier 52 Jahre gerechnet hätte; 
indessen näher liegt die Annahme einer Verschreibung in den durch- 
aus nicht alten armenischen Handschriften. Gerade die unmittelbar 
folgende Königsliste zeigt bei Kekrops und Amphiktyon in den Zahlen 
gleichfalls Schreibfehler, welche hier jedoch durch die griechische 
Parallelüberlieferung des Panodoros corrigirt werden. 

Bei dem Herstellungsversuch der Kastorischen Liste ist von der 
Erechthidenzahl 450 auszugehen. Um die Einzelposten Kastor's wieder- 



«) BoDgarsianus und Middlehilleiisis CCCXXVmi. 
«) Regius LVini. 



»5 

si^ewinnen, müssen wir einen Blick auf die uns erhaltenen Listen 
werfen. Eusebios selbst hat Kastor sicher weder im ersten, noch im 
xweiten Theil seiner Chronik benutzt; die Einzelpo^n, wie die Summe, 
stimmen in der Ueberlieferung der 429 Jahre überein. Warum sollte 
er z. B. nicht so gut, wie bei der ass3nischen Liste, wieder einmal 
nach Cassius Longinus g^^rifien haben? Von den übrigen fallt Synkellos 
resp. Psuiodoros aufser Betracht, da er in der Hauptsache Eusebios 
fol^; auch Africanus hat, wie der Barbarus ausweist, einen andren 
Katalog benutzt. Es bleibt das zwar liederlich überlieferte, aber aus 
interessanten Quellen schöpfende xgovoynttff^ov ftvwoikov. Wir haben 
einen absolut festen Zeitpunkt, da Kastor ViUot; aloMüg 1193 setzt.') 
Dies mufs also Menestheus' letztes Jahr sein. 

In der Liste des x^ovoyigcufsXov tniptoftop ist Pandion I ialschlich 
Kekrops genannt; dann r^ert ^Eqsx^^^ ^« /\ sdlein Mai 's lateinische 
Uebersetzung hat annos 50, wie die gesammte übrige Ueberlieferung. 
y ist aus V verschrieben. Zwischen Oxyntes und Thymoites mufs 
noch Apheidas eingeschoben werden, welcher überall nur ein Jahr 
r^ert. Nach «r. la konnte er. a leicht ausfallen. Mit dieser einzigen, 
ebenso einfachen, als sichern Emendation erhalten wir genau Kastor's 
Summe 450 Jahre. Die hergestellte Liste ist demnach folgende: 

Kgat^og ir, &' 

^Ef^X^VHi^ Ar. vy 

*Eqbx^^ [^r- ^1 ' 

KiMQo^ 6 yfffsv^ ir. /»/ 

nupHw * h. »»' 

AlyBvg i%. ftff 

M$ps<f&ivg i%. «y 

J^fkotpäv ir. ly 

\^A(fMaq iv. a] 

Ovftoitiig iv, i 

In diesen Zahlen sind, abgesehen von kleinen Abweichungen, 
(Erichthonios, Kekrops II., Theseus) wie sie die Spätem und gerade 



i) Euseb. ed. Schoene, I. App. S. 214. A. von Gutscfamid: Beitrüge xur Geschichte 
des alten Orients S. 123. Mehr in dem demnächst erscheinenden zweiten Bande des 
S. Julius Africanus. 



x6 

Kastor lieben, nur zwei Zahlen auffällig, die des Kekrops I und des 
Oxyntes. Letzterer hat im Vergleich zu den andren Listen eine um 
beinahe zwei Decennien erhöhte Regierungsdauer, jener 30 statt 50 Jahre. 
Es ist klar, dafs zwischen beiden Zahlen eia Verhältnifs besteht Der 
frühe Ansatz von 'liiov aXwftg hat Kastor veranlafst, die Zeit zwischen 
diesem Ereignifs und der Einsetzung des Melanthos zu verlängern und 
dementsprechend ist die vortroische Epoche verkürzt. 

Interessant ist auch die Distinction der beiden Kekrops. Der erste 
ist dnpwqqy nach bekannter Erklärung so viel, als bilinguis; als ein- 
gewanderter Aegypter kann er nicht ytjyevijg sein; dies Epitheton kommt 
vielmehr dem zweiten Kekrops zu. Das ist offenbar kein müfsiger 
Einfall des compilirenden Byzantiners, sondern ältere Chronographen- 
weisheit. Kastor wäre dafür entschieden nicht zu gut. 

Für die pylischen Könige sind nach dem obigen höchst wahr- 
scheinlich $8 Jahre zu rechnen. Die lebenslänglichen Archonten im 
XqovoYqa^Btov cvprofMV können nicht aus Kastor stammen; denn die 
Summe desselben auch nach C. Müller s Emendation bleibt immer noch 
bedeutend hinter der jener Chronik zurück. Ebenso beruhen die von 
Eusebios abweichenden hohen Summen des Ariphron und des Thespieus 
nicht auf Verschreibung, sondern werden durch die Liste des Africanus 
geschützt. Am nächsten kommt Kastor offenbar der Katalog des 
Eusebios, welcher nur drei Jahre mehr zählt '^ eine Herstellung im Ein- 
zelnen ist unzulässig. 

Kastor's Athenerliste ist demnach folgende: 



Kekrops I 

Kranaos 

Amphiktyon 

Erichthonios 

Pandion I 

Erechtheus 

Kekrops 11 

Pandion U 

Aigeus 

Theseus 

Menestheus 



30 J 


. 1568 I 


9 J 


. 1538 -I 


10 J 


• 1529- 1 


53 J 


• 1519-1 


40 J 


1466— I 


50 J 


1426 — I 


43 J 


• 1376-1 


29 J 


• »333-1 


48 J 


. 1304— I 


34 J 


1256—1 


29 J 


. 1222 -I 



539 
530 
520 
467 
42; 

377 
334 

305 
25; 

223 

194 



Kastor's Jahr beginnt im Herbst.') Also reicht Menestheus' letztes 
Jahr vom Herbst 1194 bis Herbst 1193. Dafs dies sein Jahr von 
'lUov aXtKKSti sei, zeigt seine assyrische Liste, wo er dies Ereignifs 



•) G. F. Uoger: Philol. Anzeig. 1881, S. 83. 



417 Jahre vor das mit dem Herbst TT] beginnende Jahr, d. h. vor 
Ol. I, I setzt. 



Demophon 


33 J 


. II93 — II61 


Oxyntes 


31 J 


. ii6g— 113G 


Apheidas 


I J 


II29 


Thymoites 


IG J 


II28— III9 


Melanthos 


37 J 


. III8— IG82 


Kodros 


21 J 


. igSi— 1061 


die lebenslänglichen 






Archonten 


309 J 


. ig6g — 752 


Charops 


10 J 


. 751—742 


Aisimides 


IG J 


. 741—732 


Kleidikos 


IG J 


. 731—722 


Hippomenes 


10 J 


721—712. 


Leokrates 


IG J 


711—702 


Apsandros 


IG J 


7GI — 692 


Eryxias 


IG J 


691—682 


Kreon 




681 



Kreon, der erste ipiaviAog ctqxfHiVy entspricht demnach OL XXV, i. 
Es verlohnt sich, diesen Ansatz mit denen der andren Chronographen 
zu vergleichen. 

Am nächsten kommen Dionysios und Eusebios, welche beide 
Kreon 682/1 = Ol. XXIV, 3 ansetzen. Dionysios identißcirt zweimal 
(I» 71 "• 75) Charops erstes Jahr mit Ol. VIT, i = 752/1 , woraus sich 
der Kreonansatz von selbst ergiebt. Eusebios setzt Charops in Ol. VII, i ») 
= a. Abr. 1264, was dem im Herbst beginnenden Jahre 753/2 ent- 
spricht. Ebenso bestimmt er Kreons Epoche in OL XXIV, 3 = a. Abr. 
1334 = 683/2. Die Abweichungen von Dionysios sind also nur schein- 
bare und erklären sich aus dem verschiedenen Jahresanfang. Ohne 
Frage geben Beide Eratosthenes' Ansatz wieder. 

Julius Africanus (bei Synkellos S. 4GG) setzt Kreon 903 Jahre vor 
Philinos, dessen Jahr er in Ol. CCL, i setzt und mit dem Weltjahr 
5723 und dem Consulatsjahr des Gratus und des Sabinianus (= 221 p.Chr.) 
correspondiren läfst. Kreon fällt mithin in das Weltjahr 482 1 = 682 ; 
im Hochsommer dieses Jahres nimmt das dritte Jahr der XXIVsten 
Olympiade seinen Anfang. Auch sein Ansatz ist also mit den vor- 
erwähnten identisch. 

Andre Ansätze divergiren mehr oder weniger stark. 



>) Die eusebianischen Olympiaden hat nur der Armenier. 



Ein Jahr höher geht das Marmor Parium, welches Kreon 420 Jahre 
vor Archon Diognetos (Ol CXXIX, 2 = 263/2), also Ol XXIV, 2 = 683/2 
ansetzt.^) 

Der von Pausanias benutzte chronologische Aufrifs setzt Aisimides* 
fünftes Jahr (IV, 5, 10) in Ol IX, 2 = 743/2, und dafs hier kein Schreib- 
fehler vorliegt, zeigt IV, 13, 7, wo das Ende des ersten messenischen 
Krieges angesetzt' wird in Ol XIV, i = 724/3 'Adiqvijah Msdow^d&v 
f^v ägxijy er* i%6vv<av r^v dBxhtVj xal sxovg '/Tnrofe^v« reTccQVOv T^g ciQXV^ 
'^yiHffjtivov. (Dies, weil die Capitulation von Ithome stattfindet neql top 
ivtamov Xi^yorra.) Endlich überliefert noch Panodoros (bei Synkellos 
S. 400, 4) ^ di %&v iyiavaUap (sc. aQXOvcwp äg^^) ^QX^V ^^ J^^ *^^* 
%ov xwf^Vj KqbovTog ngcitov aQXOvrog ^yfjaafAdyav inl r^g hff dXvfiTtnidogy 
ol di inl x4. Mit letzterm Ansatz ist deutlich der Kastor's gemeint; 
über den ersten wage ich keine Vermuthung. 

Wir haben demnach für Kreon folgende Ansätze: 

1. Unbekannter Chronograph Ol XIX 

2. Pausanias Ol XXHI, 2 = 687/6 

3. Marmor Parium Ol XXIV, 2 = 683/2 

4. Dionysios Ol XXIV, 3 = 682/1 

5. Africanus Ol XXIV, 3 = 682 

6. Eusebios Ol XXIV, 3 = 683/2 

7. Kastor Ol XXV, i = 681/0 

Wir haben mithin zwischen den verschiedenen Ansätzen eine 
Discrepanz von mindestens 22 oder im höchsten Falle von 25 Jahren. 
Ein Blick auf die armseligen Reste der Archontenliste vor Drakon 
zeigt uns aber auch, was dieselbe werth ist. Von sieben uns be- 
kannten Ansätzen sind zwei bei Dionysios, vier bei Pausanias, einer 
im Marmor Parium überliefert. Natürlich geben diese lediglich die 
Meinung der drei divergirenden, von ihnen benutzten chronologischen 
Handbücher wieder; eine absolut sichre Fixirung der betreffenden 
Archonten ist demnach unmöglich. Der einzige Archon dieser Epoche 
aufser Kreon, dessen Zeit mehrfach überliefert wird, ist Tlesias; neben 
dem Zeugnifs des Marmor Parium,*) welches sein Archontat 418 Jahre 
vor Diognetos setzt, haben wir das des Pausanias IV, 15, i: het . . . 
TerdQTo) . . . Tfjg rqhijg xal ^ixotfrijg dXvfATaddogy f^v ^IxaQog 'YrteQ^ütevg ivixa 
<nddiOV. '^d^yfjfU di ol xax' iviavzov fjd^ agxoyreg ^(fay, xal ^A^ffvalo^ 
TXtfiiag iiQX'^- Demnach ist Tlesias anzusetzen: 



>) £. Dopp: quaestiones de Marmore Pario S. 60, 61. 

«) Hier heifst der Archon allerdings Lysias, offenbar ein Schreibfehler des 
Steinhauers. 



19 

Nach Pausanias: Ol. XXm, 4 = 685/4. 

Nach dem Marmor Parium: Ol. XXTV, 4 = 681/0. 

Also, wo doppelte Ueberlieferung vorhanden ist, weichen auch 
die Ansätze ab. Sicher ist nur, dafs Tlesias in der Archontenliste als 
dritter ivtcnkuog aqxnaiif eingetragen war.^) Sein Jahr bleibt so gut, 
wie das des Kreon^ in der Schwebe. 

Aber woher diese Unsicherheit, da doch die Athener gleichzeitige, 
mithin authentische Archontentafeln zum mindesten seit Begrenzung 
der Magistratur auf ein Jahr besafsen?') 

Die Archonten des VII. Jahrhunderts sind eben nicht, wie die des 
V. ehrsame Spiefsbürger, welche stillvei^ügt sich der Ehre freuten, 
als Kalendermänner an der Spitze der Urkunden und officiellen Erlasse 
zu stehen. Sie waren in That und Wahrheit Jahrkönige der Adels- 
republik, und die fähigsten und ehrgeizigsten Männer begehrten nach 
dieser vielumworbenen Beamtung: xa* d^Xov 0» fAeyUnijy dvpafuy [efx^y 6] 
aqxiov sagt das von Th. Bergk (Rh. Mus. 1881 S. 87 ff.) so geistvoll uns 
erschlossene Fragment aus der Politie der Athener ganz in Ueber- 
einstimmung mit Thucyd. I, 126, 8. 

Die dort geschilderten (udif^tg und der Compromifs im Jahre nach 
Damasias3) zeigen uns ein sehr bewegtes und buntes Leben4) da, wo 



x) Darum, weil durch Aisimides und Hippomenes der Zeitpunkt des Kreon bei 
Pausanias völlig feststeht, und weil andrerseits sein Tlesiasansatx diesen, wie im Marmor 
Parium zum dritten Archon macht, kann auch im Tlesiasansats kein Fehler stecken; 
sondern dieser mufs im Endjahr des Krieges Ol. XX VIII, i = 668 gesucht werden. Dafs 
bei Pausanias IV, 23, 4 nicht alles in Ordnung sei, zeigt sich bald. Die Worte lauten: 
laXat dt ^ El^a xat d noitfios 6 divTf^og Jaxtdakfioyiojy xai Mttratjymy rekos ltü)(tP 
'AS^yaloK a^jjfotToc A^oa&iyovg, htt n^iorip t^s dydotig re xai (ixocT^s ilvinniados, ijy 
ivixa Xioyti Adxmy* Ol. XXVIII siegte aber nach Africanus Charmis und J. Rutgers 
(S. Julii Africani 6Xvf4nMdtay dyayQatf^ S. 10 No. 5) hat voUkommen Recht, wenn er den 
Namen nicht ändert. Dafs bei Pausanias auch nicht zu ändern sei, zeigt die dreifache 
Bestätigung (III, 14, 3; IV, 23, 10; VIII, 39, 3) seines Ansatzes. Nichtsdestoweniger stehen 
aber andrerseits auch die vierzehn Jahre des Krieges nach Pausanias durch sein Zeugnifs 
IV, 17, 2 u. 20, 1 und das seines Gewährsmannes Rhianos, der elf Jahre für die Belagerung 
rechnet, völlig fest. Pausan. IV, 17, 11. 

otfQtos dQyiyyoio ite^i nrvxag im^TotoyTo 
Xtlfiara re noiag n dv<o xai' ttxoat ndaag. 

Also dauerte der Krieg nach Pausanias von 685 — 672, und er hat in der End- 
bestimmung entweder einen Rechenfehler gemacht oder ist mit dem Auge in seiner Tabelle 
aus der Zeile des Eurybos in die seines Nachfolgers Chionis abgeirrt. 

«) Dies kann Niemand nach von Gutschmid's Ausfuhrungen, Fleckeisen's Jahrb. 1861, 
S. 23 ff. mit Grund bezweifeln. 

3) Ich bemerke nur nebenbei, dafs die von M. Duncker A. G. VI 5 S. 125 A. 2 ge- 
gebene Deutung dieses Compromisses sich sprachlich nicht halten läfst. Sie ist der vor- 
gefafsten Meinung von dem eupatridischen Charakter des vorsolonischen Archonten- 
coUegiums zu liebe aufgestellt; wir haben aber unsre Anschauungen vom antiken Staatsrecht 



20 

wir Stagnation unter hochadliger Firma voraussetzten. Der Compromifs 
bestand das Jahr nach Damasias: xal ovt(h top fAsrd Jaiuxatav ii^av 
ivi\ixvT6v. «Wie lange es in Uebung blieb, ist fraglich», sagt Bergk; 
nach dem Wortlaut möchte man annehmen, nur während des Com- 
promifsjahres selbst. Schon nach dessen Ablauf trat die Reaction ein 
und in ihrem Gefolge neue <ftd<f€tg. Merkwürdig ist auch das zwei- 
jährige Archontat des Damasias; der gewaltthätige Mann wird heraus- 
geworfen, und die siegreiche Partei hat sein zweites Jahr wohl als 
äyaqx^oi bezeichnet. 5) Solche gewaltsame Ein- und Austritte des ersten 
Archonten, von denen das einzig überlieferte Beispiel sicher nicht das 
einzige in Wirklichkeit eingetretene ist, mufsten noth wendigerweise 
Divergenzen im Jahrbuche hervorrufen. Wer mehr auf Legitimität, 
als richtige Chronologie sah, zählte die intrusi so wenig, als die Curialisten 
die Antipapae, oder die thebaeischen Pharaonen die Regierungen der 
Hirten. Nun kamen im fünften und den folgenden Jahrhunderten die 
Gelehrten und bauten auf dieser wenig zuverlässigen Grundlage munter 
ihre chronologischen Aufrisse auf. Dafs es hiebei allerlei Differenzen 
absetzte, ist natürlich; das Gegentheil würde fast auf Inspiration, d. h. 
auf spätere Verabredung und Zurechtmachung deuten, mithin die Liste 
um vieles werthloser machen, als sie jetzt schon de facto ist. 



nach den Quellen zu bilden, nicht diese nach unsren Constnictionen umzudeuten. Der 
Versuch von Blafs Hermes XV, 374 und XVI, 45, den Damasias als zehnjährigen Archon 
hinzustellen, mufs als verfehlt bezeichnet werden. 

4) Th. Bergk 1. c S. 95, S. 98 ff. u. 102 ff. 

5) Th. Bergk: a. a. O. S. 96 A. i. 

Jena. 

H. Geizer. 



IlL 



ADOLF HOLM 



Lange Feh de 



in Euboia lagen in geringer Entfernung von einander die zwei 
berühmten Städte Chalkis und Eretria, Chalkis an der engsten Stelle 
des Euripos an einem dominirenden Punkte, Eretria in ebener Strand- 
gegend. Beide sollen Kolonien von Athen gewesen sein, schon vor 
dem trojanischen Kriege gegründet, und nach demselben durch neuen 
Zuzug eben daher verstärkt. Eretria soll aber auch Volk aus Triphytia 
erhalten haben. "* ^ . 

Die beiden Städte haben frühzeitig grofse Bedeutung erlangt. Zu 
besonderem Glänze mufs Eretria gekommen sein, wenn, wie eine In- 
schrift im Heiligthum der Artemis Amarynthia, 7 Stadien vor der 
Stadt, sagte, seine Bürger dahin mit 30CX) Hopliten, 600 Reitern und 
60 Wagen einen Festzug machen konnten. Beide Städte machten 
aber Anspruch auf das zwischen ihnen gelegene fruchtbare lelantische 
Gefilde, und über den Besitz desselben brach ein Krieg aus, von dem 

i 'S 3 

Thukydides sagt, dafs in ihn mehr Hellenen verwickelt worden seien, 
als in irgend einen anderen Krieg vor dem peloponnesischen. Den 
Chalkidiem standen die Samier bei, den Eretriern die Milesier. Auf 
chalkidischer Seite kämpften auch thessalische Reiter. Von der Ver- 
theilung der übrigen Bundesgenossen auf beide Seiten erfahren wir 
nichts. Die Eretrier waren an Reiterei überl^en, wurden aber besiegt. 
Der Grund des Krieges wird nicht allein der Streit um das lelantische 
Gefilde gewesen sein, sondern überhaupt gegenseitige Eifersucht der 
beiden Städte. 

Chalkis und Eretria haben ihre Bedeutung bald verloren. Die 
Feindschaft zwischen beiden kam unseres Wissens nicht wieder zu 
offenem, directem Ausbruch. Wir werden aber von ihren Schicksalen 
im Zusammenhang mit denen anderer Städte noch weiter hören. 



24 

Die beiden Staaten, welche von Herodot als entschiedene Partei- 
gänger in dem grofsen Streite zwischen Chalkis und Eretria bezeichnet 
werden, Samos und Milet, waren ebenfalls Nachbaren, wenn auch nicht 
ganz so nahe als jene. Sie lagen in directer Linie nur etwa 5 geogra- 
phische Meilen von einander entfernt. Man konnte von der Stadt 
Samos aus, die auf der Ostseite der Insel lag, die vorspringende Küste 
in der Nähe von Milet, von Milet aus ein Stück der Insel Samos nahe 
der Hauptstadt sehen. Samos und Milet waren aber Gemeinwesen 
von ganz anderer Bedeutung als Chalkis und Eretria. Die Macht der 
euböischen Republiken gehört der ersten Epoche der historischen Zeit 
Griechenlands an, dem 8. und 7. Jahrh. v. Chr., im 6. sind sie schon 
gesunken. Samos und Milet dagegen beginnen bereits im 8. Jahrh. 
bedeutend zu werden, entfalten sich mächtig im 7. und 6. und ge- 
hören noch im 5. zu den wichtigsten Staaten Griechenlands. Ueber 
den Ursprung der beiden Gemeinwesen sind nur Sagen vorhanden, 
die für Milet direct auf Athen weisen. Neleus, der Sohn des Kodros, 
welcher hinter seinem Bruder Medon nicht zurückstehen wollte, 
wanderte aus und liefs sich in Milet nieder, wo jedoch das ein- 
heimische Element an Zahl überwog. Der Gründer von Samos 
dagegen soll aus Epidauros gekommen sein. Er war allerding^s ein 
Jonier, aber die Beziehung von Samos zu Athen ist von vornherein 
keine so enge wie die zwischen Milet und Athen, und auch das Ver- 
hältnifs zwischen Samos und dem anerkanntermafsen echt athenischen 
Ephesos kann das nicht ersetzen, denn es ist, später allerdings freund- 
lich, zu Anfang doch eher feindlich. gewesen. 

Milet und Samos entwickeln sich zu bedeutenden Seemächten, 
aber jedes hat seine besondere Sphäre. Das ist hauptsächlich in 
Betreff Milets bekannt, das die Schiffahrt nach dem Nordosten fast zu 
seinem Alleinbesitz gemacht hat und sich rühmen konnte, die Mutter- 
stadt von 80 Kolonien zu sein, welche vorzugsweise den Pontos um- 
säumten. Samos hat weniger von sich reden gemacht als Milet; aber 
wir dürfen sagen, dafs die Samier mit Vorliebe nach dem Westen des 
Mittelmeeres fuhren. Das sehen wir aus der Nachricht, dafs ein 
samisches Schiff zuerst nach Tartessos gelangte, was dann den Pho- 
käern Veranlassung war, den gewinnbringenden Verkehr mit Iberien 
in die Hand zu nehmen. Im Süden, in Aegypten, waren allerdings 
die Milesier überwiegend, aber die Samier gehörten doch wenigstens 
zu den Griechen, die in Naukratis ein besonderes Quartier mit einem 
Nationalheiligthum hatten. Nach Nordosten haben sich die Samier 
nicht recht gewagt. Doch ist sicher, dafs sie, abgesehen von Samo* 



25 

thrake, das vielleicht nur des Namens wegen als samische Kolonie be- 
zeichnet wird, Perinth an der Propontis als Nebenbuhlerin berühmter 
megarischer Städte der Gegend gegründet haben. 

Samos und Milet standen schon dadurch in engen Beziehungen 
zu einander, dafs sie zu dem Bunde der jonischen Städte gehörten, 
welcher seinen religiösen Mittelpunkt in dem Heiligthum des Heliko- 
nischen Poseidon, am Vorgebirge Mykale, Samos gegenüber, besafs. 
So hätte man erwarten können, dafs sie überhaupt gute Freunde ge- 
wesen wären. Dafs sie es nicht waren, sahen wir schon. Sie hatten 
zu Hause einen Grund zu gegenseitiger Eifersucht darin, dafs sie die- 
selbe Küstengegend auszubeuten suchten, was zu Zwistigkeiten führte, 
in die auch das nördlich von Milet gelegene schwächere Priene hinein- 
gezogen wurde. Zwischen Priene und Milet fliefst der Maiandros. 
Aber auch die Samier blickten auf das Maianderthal wie auf etwas 
ihnen Angehöriges, das sieht man aus mythischen Beziehungen : Samia, 
die Mutter des Heros Samos, ist Tochter des Maiandros. Dazu kam 
zwischen Samos und Milet noch gegenseitige Eifersucht wegen des 
Handels an fremden Küsten und die Folge von alle diesem war ein 
nur scheinbar freundliches, in Wirklichkeit feindliches Verhältnifs. Zu 
directen Fehden ist es zwischen ihnen in früherer Zeit, wie es scheint, 
nicht oft gekommen. Aber wenn anderswo Kriege waren, standen sie 
gern auf verschiedenen Seiten und suchten sich indirect zu schaden. 
Die Schläge, die sie einander gönnten, wurden direct nur gegen die 
Bundesgenossen des Rivalen geführt. 

Versetzen wir uns jetzt, um die gefundenen Spuren weiter zu ver- 
folgen, nach dem Westen der Griechenwelt. Auch hier finden wir ein 
paar stammverwandte Nachbarstädte, die lange Zeit in scheinbar 
freundlichen Beziehungen zu einander stehen, zuletzt aber sich be- 
fehden, und das in einer Weise, die zwischen Chalkis und Eretria, 
zwischen Samos und Milet unerhört ist: Kroton und Sybans. 

Beide sind achäischen Ursprungs, Sybaris jedoch mit etwas mehr 
jonischen Elementen. Aber trotz der nahen Verwandtschaft wird der 
Charakter der Bevölkerung in beiden Städten bald ein ganz ver- 
schiedener. Sie stehen sich zuletzt innerlich fremd gegenüber. Es ist 
eine bekannte historische Thatsache, dafs sich Sybaris besonders an 
Milet angeschlossen hat; Milet und Sybaris haben auch durch ihre 
Lage in fruchtbarer Ebene eine gewisse Aehnlichkeit. Aber wir wollen 
sogleich hinzufügen, dafs, wie auf diese Weise eine Analogie zwischen ^V'^(,7J* 
Milet, Eretria und Sybaris entsteht, so auch auf der anderen Seite 



26 

Samos, Chalkis und Kroton sich ähnlich sind durch höhere» festere 
und gesündere Lage. 

Es ist ganz vor Kurzem auseinandergesetzt worden, worin das 
Geheimnifs des grofsen Rdchthums und der bedeutenden Stellung der 
Sybariten beruhte. Sybaris hatte keinen guten natürlichen Hafen; es 
hatte nicht einmal eigenen Seehandel. Dagegen besafs es ein ausge- 
dehntes Reich im Innern, das eine grofse Anzahl von Völkern und 
Städten umfafste, und dies Reich ging von dem Meere, an welchem 
Sybaris lag, bis zum tyrrhenischen , wo bedeutende Griechenstädte, 

*^j- "u-r^i-^'^ ^^^ Pyxus und Poseidonia, ihm gehorchten oder wenigstens eng mit 
uh .W-.J. - jj^j^ verbunden waren. Wie konnte Sybaris ohne eigenen Seehandel 

^i. blos durch Landbesitz so reich und mächtig werden? In welchem Zu- 

sammenhang mit seiner Bedeutung steht seine Herrschaft im Innern 
und am tyrrhenischen Meere? Die Antwort lautet: Sybaris vermittelte 
den Handel zwischen Milet und Etrurien. Die Etrusker brachten ihre 
Waaren zur See nach Poseidonia und Pyxus, die Milesier die ihrigen 
nach Sybaris, die Sybariten bewirkten den Austausch auf dem Land- 
wege. So ward Sybaris reich und üppig, wie Etrurien und wie Milet 
selbst. 

Und warum fuhren die Milesier nach Sybaris und nicht direct 



»•-** »-^ «vtA. 



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uv V, «-^ ^ nach Etrurien? Hier kommen wir auf unser Thema zurück: weil die 
t-itc-', ^ Coalition der Rivalen es verhinderte. Diese Rivalen waren die Freunde 

( -' KL.^ *. M*» jjer Samier, der Nebenbuhler Milets. Es war, wie wir gesehen haben, 

alte Freundschaft zwischen Samos und Chalkis. Die Chalkidier sind es 
aber gewesen, welche die ersten griechischen Kolonien an der West- 
küste von Unteritalien und in Sicilien gegründet haben. Wie früh Cumae 
angelegt worden ist, können wir nicht bestimmt sagen, vielleicht schon 
im 9. oder lo. Jahrh. vor Chr., jedenfalls früher ab irgend eine andere 
griechische Stadt in Italien. Am Golf von Neapel haben sich die 
Chalkidier eine neue Heimath gegründet. Und dann haben sie die 
Meerenge besetzt, durch welche allein man von Griechenland in's tyr- 
rhenische Meer gelangte. Zankle und Rhegion sind ursprünglich ganz 
oder grofsentheils chalkidische Gründungen. Die Chalkidier haben ferner 
die griechische Kolonisation auf Sicilien selbst begründet: Naxos, 
Leontinoi, Katane waren chalkidisch. Und wir können hier noch einen 
Schritt weitergehen. In Sicilien wirken Anfangs in gutem Einver- 
nehmen Chalkis und Korinth. Korinth folgt überhaupt im Westen 
vielfach den Spuren von Chalkis, das mehr Unternehmungsgeist hatte 
als Kraft, die Unternehmungen durchzufuhren. So ist es auch nicht 
unmöglich, dafs sogar auf Ortygia zuerst Chalkidier gewohnt haben. 



K* 



27 

Ortygia's berühmte Quelle hiefs Arethusa; aber wo war die aller- 
berühmteste und älteste Arethusa? Bei dem euböischen Chalkis. Ko- 
rinther und Chalkidier vertrugen sich wirklich eine Zeitlang gut auf 
Sicilien, obschon die Einen Dorier und die Anderen lonier waren. Sie 
waren Freunde als Syrakus gegründet wurde, d. h. um 735 v. Chr.; 
und diese Freundschaft wird noch begreiflicher, wenn man bedenkt, 
wie gute Freunde um dieselbe Zeit die Korinther und die Samier waren, 
diese vornehmsten Bundesgenossen von Chalkis im lelantischen Kriege. 
Nach Thukydides hat etwa 300 Jahre vor dem Ende des peloponnesi- 
schen Kri^es, also kurz vor 700 v. Chr. der Korinther Ameinokles 
auch den Samiem, nicht blos seinen eigenen Mitbürgern, Kriegsschiffe 
gebaut Er kam deswegen nach Samos. Solche Mittheilung wich- 
tiger Hülfsmittel an einen fremden Staat läüst auf ein sehr gutes Ver- 
hältnifs zwischen Korinth und Samos schliefsen. 

Wenn so in Italien am Golf von Neapel und an def Meerenge 
von Messina Chalkis herrschte, an der Ostküste von Sicilien wiederum 
Chalkis und das mit Chalkis und Samos befreundete Korinth, so be- 
greift man, dafs die Milesier sich scheuten, das tyrrhenische Meer zu 
befahren, und dafs sie froh waren, in der Verbindung mit Sybaris ein 
Mittel zu besitzen, trotz der Chalkidier und Korinther nutzbringenden 

* 

Handel mit den Tyrrhenern zu treiben, ja vielleicht sogar einen 
gröfseren Gewinn aus diesem Verkehr zu ziehen, als es diejenigen 
vermochten, welche den weiteren Weg durch die Meerenge ein- 
schlugen. 

Aber wir haben noch nicht alle Griechen von Bedeutung erwähnt, 
welche nach dem Westen fuhren und sich dort früh niederliefsen. Wir 
haben noch zwei Städte zu nennen, die sich im Westen einen grofsen 
Namen gemacht haben: Phokäa und Megara. Von den Phokäern 
erzählt Herodot Wunderdinge, die jedenfalls zum Theil übertrieben 
sind, da von der unter Anderem berichteten Priorität der Phokäer im 
Befahren des adriatischen Mreres schwerlich die Rede sein kann. Aber 
was wir mit Sicherheit von ihren Fahrten im Westen wissen, ist ehren- 
voll genug. Sie folgten den Samiern, als diese Tartessos entdeckt 
hatten, und führten den griechischen Handel mit Spanien weiter, sie 
setzten sich am ligurischen Golfe in Massalia fest; sie haben endlich 
am tyrrhenischen Meere, südlich von Poseidonia, Elea gegründet Es p«^,--.* — - '^-^^^ 
ist augenscheinlich, dafs Phokäa durchweg auf der Seite von Chalkis 
und Korinth stand; so ward ihm nicht blos gestattet, in^s tyrrhenische 
Meer zu fahren, es wurden seine Schiffe dort auch gern gesehen. 
Was den Chalkidiern und Korinthern recht war, konnte den Freunden 



X-. 



28 

der Sybariten, den Etruskern, und den Feinden der Korinther, den Kar- 
thagern, nicht gefallen. Gegen die Chalkidier selbst viel im tyrrhenischen 
Meere zu unternehmen, scheint Etruskern und Karthagern nicht oft in 
den Sinn gekommen zu sein, die Chalkidier hatten sich schon zu gut 
dort eingenistet. Aber die Phokäer sollten sich dort nicht ungestraft 
ausbreiten. Daher die Kriege der Karthager mit den Massalioten; 
daher die Anstrengungen der verbündeten Etrusker und Karthager 
gegen die Phokäer, als diese sich auf Corsica niedei^elassen hatten. 
In mühsamer Seeschlacht mit grofsen Verlusten si^reich, verzichteten 
die Phokäer auf Corsica ; aber sie wufsten sich dann auf dem italieni- 
schen Festland, auf Elea, zu behaupten. 

Anders als mit den Phokäem stand es mit den Megarern. Diese 
^m1 « ^a* » haben sich auf Sicilien niedergelassen, im hybläischen_^egara, und 

später in Selinus. Es könnte scheinen, als ob die Megarer, als Nach- 
baren der ' Korinther und bekanntlich Feinde der Athener , in die 
Bundesgenossenschaft der Korinther und Chalkidier gehörten. Das ist 
aber nicht der Fall. Schon bei ihrer ersten Niederlassung in Sicilien 
sind sie von den Chalkidiern schlecht genug behandelt worden, und 
Selinus hat sich durchaus nicht immer den Karthagern feindlich be- 
wiesen, wenn es gleich zuletzt durch sie fiel; Megara Hybläa ist jeden- 
falls durch Syrakus vernichtet worden. Und auffallend ist die Stellung, 
welche Megara im Osten einnimmt. Hier finden wir wichtige mega- 
rische Kolonien am Eingang des schwarzen Meeres. Byzanz und Chal- 
kedon beherrschten die Fahrt durch den Bosporos, also den Zugang zu 
dem Meere, welches der Schauplatz der staunenswerthen Handelsthätigkeit 
der Milesier war. Wir hören nicht von Zwistigkeiten zwischen Byzan- 
tiern und Milesiern. Wer wird glauben, dafs die Byzantier den Mile- 
siern feindlich waren, wenn diese nie einen Versuch gemacht haben, 
sich der Stadt Byzanz zu bemächtigen, wenn Byzanz stets in Frieden 
L, n die milesischen Schiffe an sich vorbeifahren liefsf Aber zwischen Me- 
. S*\ ^^ gara und Samos war über den Vorrang in der Propontis Feindschaft. 
A i^ V,^^ ' Die samische Kolonie Perinthos war den Megarern, zumal wegen der 

* . Nähe der eigenen Niederlassung Selymbria, ein Dorn im Auge. Sie 

beschlossen Krieg (6. Jahrh. v. Chr.). In Samos herrschte damals noch 
l die Aristokratie der Geomoren. Sie schickten Perinth Hülfe und die 
Megarer wurden besiegt. Das Ende der von Plutarch erzählten Ge- 
schichte, wie die samischen Seeleute mit Hülfe der gefangenen Megarer 
die Adelsherrschaft in Samos stürzen, geht uns hier nichts an, obschon 
sie die Thatsache enthüllt, dafs Parteiinteressen innerhalb der Bürger- 
schaften die traditionellen Interessen der Stadt durchkreuzen. Wir 



y 



' t. 



29 

• 

haben aus diesem Kriege zu ersehen, dafs- Megara und Samos sich 
nicht einmal an der Propontis vertrugen, während M^ara und Milet 
sich weder um den Bosporos, noch um das schwarze Meer stritten, 
an dessen Gestaden neben milesischen Kolonien eigentlich nur mega- 
rische vorkonimen. Wir dürfen also zu der einen Seite Megara hinzu- 
fügen und halten uns jetzt berechtigt, Samos, Chalkis, die chalkidischen 
Kolonien im Westen, Korinth und die phokäischen Kolonien auf die 
eine Seite zu stellen, Milet, Eretria, Megara, Sybaris mit seinen etru- 
rischen Freunden, auf die andere. 

Wir kehren zu den rivalisirenden achäischen Städten des taren- 
tinischen Golfes zurück. Die Entwickelung von Milet zeigt mit der 
von Sybaris gewisse Analogien. Milet hat sich früh mit dem Hinter- 
lande, den Barbaren Kleinasiens, auf freundschaftlichen Fufs gestellt; 
es hat, nach tapferem Widerstand gegen Lydien, es doch fiir besser 
gehalten, sich mit diesem Reiche zu verständigen, und den Vertrag, 
welchen die Milesier mit Kroisos gehabt hatten, erneuerte Kyros mit c^c--- H'^-t * ^^ 
ihnen. Während Milet sich fügte, wanderten die Phokäqr aus und 
fanden im Westen gute Aufnahme. Wie Milet stand Sybaris in guten 
Beziehungen zum Hinterlande, nur dafs hier die Griechen die Gebie- 
tenden waren und die Barbaren die Gehorchenden, eine Stellung wie • 
Sybaris hat keine andere Stadt Grofsgriechenlands gehabt. Der Luxus 
der Milesier ist bekannt, der der Sybariten vielleicht noch mehr, er 
scheint sagenhaft übertrieben zu sein. Eine ganz andere innere Ent- 
wicklung als Sybaris nahm Kroton, das an Reichthum es nicht mit 
seiner Nachbarstadt aufnehmen konnte, an energischer Ausarbeitung 
der Körperkraft der Bürger es aber weit übertraf. Ist es nun, bei den 
Beziehungen zwischen Samos und Milet, welche von jeher indirect feindlich 
waren, zu verwundem, wenn der Samier Pythagoras, der, wie so viele klein- 
asiatische Griechen des 6. Jahrh. im Westen eine gesichertere Heimath 
suchte, gerade Kroton zum Wohnsitze wählte, gewifs wegen der Vor- 
liebe der Krotoniaten fiir Gymnastik, die ihm als eine gute Grundlage 
für geistige Schulung erscheinen mufste, nicht zum mindesten aber auch, 
weil er Samier war und die Sybariten die besten Freunde der Milesier. ^ 
Wer weifs, ob nicht auch ein wenig der Name der Hera, die auf 
Sämos wie auf dem lakinischen Vorgebirge bei Kroton gleich hoch 
verehrt war, dazu beigetragen hat, dafs Samier und Krotoniaten sich 
als Freunde erschienen, wenngleich die Interessen dieser beiden Bürger- 
schaften nicht so eng verknüpft waren, wie die von Sybaris und Milet. 
Und nun müssen wir sogleich erwähnen, wie charakteristisch es ist, 
dafs gegen das Ende des 6. Jahrh. v. Chr. Samier Aufnahme am Golf 



3Ö 

von Neapel finden, in Dikaiarchia, dem späteren Puteoli. Der Golf 
von Neapel mit Ischia, Procida und Capri ist chalkidisches Gebiet, der 
Felsen von Pozzuoli liegt Kyme so nahe, dafs die Kymaeer ihn, der 
einen schönen Hafen beherrscht, jeden Augenblick besetzen konnten 
und von Anfang an besetzt haben werden. Wenn also* dort sich Sa- 
mier niederliefsen, so heifst das, dafs es ihnen die chalkidischen 
Kymaeer und Neapolitaner erlaubten. Dafs diese Gründe hatten, dort 
noch mehr Griechen ansässig zu wünschen, lag in den Zeitverhält- 
nissen; dafs ihnen Samier lieb waren, entspricht Allem, was wir auf 
den vorhergehenden Seiten auseinandergesetzt haben. 
^^^ / ■^^tv.a^ Aber zurück zu Kroton und Sybaris. Der plötzlich zwischen 

^ ^V*" ' ' beiden ausgebrochene Krieg ist bekannt, bekannt auch das schreckliche 

Ende desselben. Nach Herodot hielten auf die Nachricht von der Zer- 
störung von Sybaris die Milesier grofse Trauer und alles Volk schor 
das Haar; denn, wie Herodot sagt, «diese Städte waren von allen, die 
wir kennen, am meisten mit einander befreundet.» Die Krotoniaten 
haben in einer geradezu unerhörten Weise an Sybaris gehandelt. Es 
war nicht Hafs zwischen Aristokratie und Demokratie, der die 
barbarische Zerstörung veranlafste, denn die Krotoniaten hatten im In- 
' teresse der sybaritischen Aristokraten den Krieg unternommen und 
leisteten ihnen mit der Zerstörung von Sybaris einen traurigen Dienst. 
Es war auch nicht Nationalhafs, denn beide waren Achäer, es mufs 
nachbarliche Eifersucht wegen des blühenden Handels der Sybariten 
gewesen sein. Und wenn die Beziehungen zwischen Kroton und Samos 
nicht zu dieser Abneigung beigetragen haben sollten, was wir bestimmt 
annehmen — welcher Milesier sollte nicht geglaubt haben, dafs die 
Samier aus Hafs gegen Milet die Vernichtung von Sybaris veranlafst 
hatten, wenn er hörte, wie allmächtig gerade damals in Kroton der 
^^Il^J " " Samier Pythagoras war, von dem es nicht scheint, dafs er seinen 

grofsen Einflufs auf seine neuen Mitbürger angewandt habe, um sie auf 
das Unedle ihres Verfahrens gegen die besiegte Stadt aufmerksam zu 
machen? Dafs man in Milet die Samier niemals geliebt hatte, ist 
wahrscheinlich, dafs man damals anfangen mufste, sie zu hassen, ist 
ziemlich sicher. Wir haben soeben die erste grofse Katastrophe in 
dem Drama jahrhundertelanger Städtefehde verzeichnet. 

Jetzt erscheint eine neue Macht auf dem Schauplatze auch dieses 
Kampfes, eine Macht, die aber wahrscheinlich schon lange die eine 
der beiden Parteien unterstützt hatte. Es ist Athen, das in den Vorder- 
grund tritt, als es, von den Pisistratiden befreit, sich gegen die Spar- 
taner vertheidigen mufs. Im Jahre 506 v. Chr. rücken die Spartaner 



31 



mit ihren peloponnesischen Bundesgenossen, denen sie die wahre Be- 
deutung des Unternehmens verheimlicht hatten, in Attika ein. An die 
Peloponnesier schliefsen sich die Thebaner und die Bewohner von 
Chalkis an. Aber Uneinigkeit unter den Peloponnesiern' und unter den 
beiden spartanischen Königen, Demaratos und Kieomenes, selbst rettete 
Athen. Die Peloponnesier, vor Allen die Korinther, welche Athen 
nicht vernichten wollten, gingen nach Hause. Den Athenern standen 
nur noch die Boeoter und die Chalkidier gegenüber. Beide wurden 
geschlagen und die Macht von Chalkis gebrochen. Die chalkidtschen ^ 
Hippoboten mufsten ihr fettes Land, wahrscheinlich auch die einst er- 
strittene lelantische Ebene abgeben, und 40CX) Athener bekamen Güter 
auf Kosten der Chalkidier. Dafs die Parteinahme von Chalkis und 
seine übrigens milde Bestrafung mit allem von uns Auseinander- 
gesetzten in Verbindung steht, kann wohl nicht bezweifelt werden, 
wenn auch kein alter Schriftsteller es sagt. Wir glauben aber in Betreff 
Athens noch etwas zurückgreifen zu können. Es ist sicher, und wir 
werden sogleich den Beweis davon sehen, dafs Athen von jeher in den 
besten Beziehungen zu Milet stand; so erklärt sich auch, wie es nach 
Nordosten, im Pontos, einen so bedeutenden Komhandel betreiben 
konnte, so erklärt sich auch, weshalb es Sigeion besetzen wollte und I 
konnte. Dafs wir erst jetzt in diesem Zusammenhang von Athen zu 
sprechen haben, kommt daher, dafs es überhaupt vor dem 6. Jahrh. 
V. Chr. wenig in der grofsen Politik Griechenlands auftritt, im 6. Jahr- 
hundert selbst ist es aber vielfach mit inneren Angelegenheiten beschäftigt, 
und steht die längste Zeit unter der Herrschaft eines Tyrannen, dessen 
Interesse ältere Beziehungen durchkreuzen konnte und diesmal wirklich 
durchkreuzte. Aber ein Mal tritt es doch schon in der ersten Hälfte 
des 6. Jahrhunderts in Verbindungen auf, die auch fiir uns hier nicht 
ohne Interesse sind. Als Kleisthenes von Sikyon seine Tochter 
Agariste verheirathen will, sind unter den Freiem aufser einem Thessaler 
und einem Epiroten, einem Epidamnier, einem Aetoler, einem Argiver, 
einem Elier, einem Siriten und Arkadern, ein Sybarit, ein Eretrier und 
zwei Athener, also von der Seite von Samos Niemand, von der von 
Milet mehrere, und von Athen allein sogar zwei. Mag die ganze Frei- 
werbung Sage sein, in der Wahl der Orte, aus denen die Freier 
stammen, scheint doch eine Hindeutung auf freundliche Beziehungen 
zwischen einzelnen griechischen Staaten zu liegen. In der zweiten 
Hälfte des 6. Jahrh. ist allerdings die traditionelle Parteistellung Athens 
durch persönliche Interessen durchbrochen worden. Pisistratos war mit 
dem Tyrannen von Samos befreundet. Aber wenn Kroton sich zur 






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32 

Tyrannis bekehrt hätte, wäre es auch wohl mit Sybaris befreundet 
geblieben. 

Von nun an greift Athen aufs Gewaltigste in die Geschicke 
jt Griechenlands ein, und es spielt sich mit seiner kräftigen Hülfe das 
Drama der Rivalität von Samos und Milet und ihrem beiderseitigen 
Anhang zu Ende. Zunächst fallen mächtige Schläge auf dieselbe 
Seite, welche schon bisher am meisten gelitten hatte. Es kommt zum 
Aufstande der Jonier. Das sonst so vorsichtige Milet läfst sich ver- 
leiten, einem ehrgeizigen Egoisten Gehör zu schenken und sich an 
die Spitze eines Aufstandes gegen die Perser zu stellen. Aristagoras 
bemühte sich vergebens, die Spartaner zur Theilnahme am Kriege zu 
bewegen, aber er gewann die Hülfe der Athener und der Eretrier, 
dieser Letzteren, wie Herodot ausdrücklich .sagt, weil «früher» die 
Milesier den Eretriern gegen die Chalkidier beigestanden hatten — eine 
in diesem .Zusammenhang interessante Bemerkung, weil sie zeigt, wie 
lebhaft die Erinnerung an alte Freundschaft und alte Feindschaft bei 
den Griechen blieb. Der Ausgang des jonischen Aufstandes ist be- 
kannt. Ist es aber nicht merkwürdig, dafs es gerade die Samier sind, 
V*^^*J. " welche in der Seeschlacht bei Lade durch ihren Verrath den Kampf 

für die Perser entscheiden, dessen erste Folge die Zerstörung Milet 's 
war? Andere Umstände sind hierbei äufserlich wirksam: Rücksicht 
auf die eigene Sicherheit, Einflüsterungen des ehemaligen samischen 
Tyrannen Aiakes; aber dafs wirklich von 60 samischen Schiffen 49 
desertirten, sollte das nicht vor Allem eine Folge der alten Rivalität 
zwischen Samos und Milet sein ? Milet fallt, und wer hätte es diesmal 
einem Milesier ausreden können, dafs die Samier, nachdem sie vor 
16 Jahren den Untergang von Sybaris herbeigeführt, jetzt mit Freude 
die Gelegenheit benutzten, um Milet selbst zu vernichten? Da ist es 
nun ein schöner Zug, dafs die «wohlhabenden» Samier, welche das 
Benehmen ihrer Mitbürger nicht billigen, edler handeln als die 
Krotoniaten, dafs, als sie auswandern, sie die übrig gebliebenen 
Milesier, die nicht einmal Schiffe mehr hatten, mit sich nehmen. Ueber 
die Schicksale dieser Auswanderer in Sicilien, wohin sie von den 
chalkidischen Zankleern gerufen waren, müssen wir hier hinw^gehen. 
Jedenfalls ward unter den jonischen Städten Samos allein freundlich 
von den Persern behandelt. 

Was nun weiter folgt, ist zu bekannt, als dafs wir es hier erzählen 
dürften. Kaum hatten die Athener bei der Aufführung der Einnahme 
Milets von Phrynichos geweint, weil Milet ein Stück Athens war, da 
brach schon über sie selbst das Unheil herein. Gegen Eretria und 



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33 

Athen war "der Zorn des persischen Königs hauptsächlich gerichtet, EcXv * Ait,., -c^X 
und im Jahre 490 wurde Eretria zerstört, Athen rettete sich und 
Griechenland durch die Schlacht bei Marathon. Aber nach 10 Jahren 
waren die Perser wieder da, und nun fiel auch Athen. So waren nach 
Sybaris auch Milet, Eretria und Athen selbst vernichtet. Aber die 
drei letzten Städte nur für kurze Zeit. Salamis und Plataeä nöthigten 
die Perser zum Rückzug und Athen, Milet und Eretria wurden wieder 
aufgebaut. Und ein Menschenalter später hat Athen noch dafiir ge- 
sorgt, dafs Sybaris unter dem Namen Thurioi wieder erstand. Endlich 
hat es auch die Stadt strafen können, die es bisher verstanden hatte, 
anderen zu schaden, ohne sich selbst zu gefährden. 

Im Jahre 440 brach zwischen Samos und Milet ein Krieg wegen 
des Besitzes von Priene aus'. Die Milesier unterlagen; sie wandten sich 
an Athen. Die Athener geboten Halt; aber die Samier fügten sich 
nicht und Athen bekriegte Samos, das mühsam durch Perikles besiegt 
wurde. Man sagte, Aspasia, die Milesierin, habe den Perikles zum 
Kriege bewogen. Warum Aspasia, wenn sie eine gute Milesierin war, 
nicht den Perikles gegen Samos aufgereizt haben sollte, ist nicht ein- 
zusehen, aber ebensowenig, warum Perikles nicht ohne sie für das alt- 
verbündete Milet gegen das stets zweifelhafte und noch immer aristo- 
kratisch regierte Samos aufgetreten sein sollte. Der Krieg Athens mit 
Samos war die natürliche Folge eines langen Grolles. Samos wurde 
besiegt, aber so milde behandelt, dafs es nach der Niederlage fast 
ebenso blühend war wie zuvor und bald wieder ebenso aristokratisch 
regiert. 

Damit schliefsen wir. Seit der Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. herr- 
schen in Griechenland andere Verhältnisse. Die alten Parteiungen 
haben wenig Sinn mehr. 

Auf der einen Seite standen also hauptsächlich Milet, Eretria, 
Sybaris, zuletzt auch Athen, auf der anderen Samos, Chalkis, die Chal- 
kidier des Westens, Kroton. Wenn wir nun einen Blick auf die 
Gegenwart werfen, so ist Samos noch immer eine blühende kleine 
Stadt, Chalkis durch seine Lage stets von gewisser Bedeutung, Kroton 
fangt an, wieder aufzuleben. Aber Milet und sein Hafen sind im 
Schlamm des Maiandros verschwunden, Eretria schleppt in Fieberluft 
ein klägliches Dasein hin, Sybaris liegt tief im Sumpfe und unter den 
Wellen des Krathis begraben. Man kann ohne Vermessenheit sagen, 
dafs Milet, Eretria und Sybaris nie wieder existiren werden, es sei denn 
als elende Dörfer, und dafs Samos, Chalkis und Kroton nie wieder die 

3 



34 

Bedeutung haben werden, die sie im Alterthum hatten. Athen allein 
dauert fort und wird fortdauern, so lange die Akropolis steht und auf 
ihr die Reste unsterblicher Werke. 

Anmerkung. Die vollständige Dorchnibrung das Themas hätte näheres Eingehen 
auf die Verfassungsverhältnisse und die NUancirung der Stammesverhältnisse der be- 
sprochenen Staaten, sowie auf die eigenthUmliche Stellung der Icorinthischen Kolonien er- 
fordert. Der Raum gestattete es nicht. Vielleicht hätte sich aber dann auch der Grund- 
gedanke der Arbeit nicht so klar hervorheben lassen, wie es hoffentlich jetzt ge- 
schehen ist. 



(-.i, Jlf-:«^' C* l^..".v,.. J 



lY. 



MAX FRÄNKEL 



Zur Geschichte der attischen 

Finanzverwaltung. 



3* 



JDafs uns das Grundprincip bekannt ist, auf welchem die attische 
Finanzverwaltung des fünften Jahrhunderts aufgebaut war, verdanken 
wir der epochemachenden Arbeit Kirchhoff 's tZur Geschichte des 
attischen Staatsschatzes!. Wir wissen durch ihn, dafs die Athener, 
obwol sie ihren Staatsschatz in demselben Räume aufbewahrten wie 
die heiligen Schätze der Tempel, sich doch ein staatliches Eigentums- 
recht an den letzteren nicht angemafst haben, so dafs die Bestände 
derselben nicht fiir profane Zwecke, sondern lediglich iiir die Erfordernisse 
des Cultus verwendet werden konnten. Verzinsliche Anleihen freilich 
darf der Staat bei den Göttern aufnehmen ; er mufs dann aber förm- 
liche Schuldurkunden ausstellen, und es bleibt für das Princip des 
göttlichen Eigentums einerlei, ob die Rückzahlung dieser Darlehen 
tatsächlich erfolgt oder ob dieselbe, wie in den schweren Zeiten des 
peloponnesischen Krieges der Fall war, nicht mehr möglich ist. Ent- 
sprechend der grundsätzlichen Scheidung der Scfiätze wurden sie auch 
von verschiedenen Behörden verwaltet: der Staatsschatz von den Helle- 
notamien, die heiligen Schätze je nach den zwei grofsen Abteilungen, in 
die sie zerfielen, von den Schatzmeistern der Göttin und den Schatz- 
meistern der andern Götter. Der Name der Hellenotamien bezeichnet 
schon die Natur des ihnen unterstehenden Staatsschatzes: er bestand 
im Wesentlichen aus den Tributen der bundesgenössischen Staaten, 
und der Name der Behörde war beibehalten worden, als der Bundes- 
schatz mit seiner Uebersiedelung nach Athen zum attischen Schatze 
geworden war. 

Wir werden zu der Frage gedrängt, wie die attische Schatzver- 
waltung im vierten Jahrhundert geordnet war, nachdem mit dem See- 
bunde auch das Amt der Hellenotamien untergegangen war. Die 
Finanzord nung des zweiten Seebundes kommt dabei nicht in Betracht, 



38 

denn wie seine Verfassung überall das Bestreben zeigt, an die Stelle 
der Untertänigkeit der Staaten unter Athen, welche sich im ersten 
Bunde herausgebildet und die Erbitterung der Glieder erregt hatte, 
wahrhaft bundesgenössische Einrichtungen zu setzen, so flössen die 
nicht wieder als cTribute», sondern als «Beiträge» bezeichneten Geld- 
leistungen der Staaten, anstatt in den attischen Staatsschatz, in eine 
Bundeskasse.*) In der Zeit zwischen dem peloponnesischen Kriege und 
dem neuen Seebunde finden wir keine Spur, dafs man für die Ver- 
waltung etwaiger Schatzbestände Vorsorge getroffen hätte, was ja auch 
ganz überflüssig gewesen wäre; wir haben uns daher mit der späteren 
Zeit des Jahrhunderts zu beschäftigen, für welche uns das Anwachsen 
des epigraphischen Materials seit kurzem eine genauere Erkenntnifs 

• 

ermöglicht hat. Eine fruchtbare Betrachtung der Schatzverwaltung 
wird aber nur so zu gewinnen sein, dafs wir uns dieselbe überall im 
Rahmen der allgemeinen Finanzverwaltung vorzustellen versuchen, und 
wir werden die Aufgabe einer Finanzbehörde nur dann verstehen 
können, wenn wir uns auch die Competenzen der übrigen gegenwärtig 
zu halten und den gesammten Organismus in lebendiger Function an- 
zuschauen bemüht sind. 

Wir gehen von einer Urkunde aus, die schon im Corp. inscr. 
Att. II 737 mitgeteilt war, aber erst durch die neue Lesung und durch 
die meisterhafte Wiederherstellung Ulrich Köhlers, welche zuerst in 
den Mitteilungen des archäolog. Institutes V S. 268 (dann C. I. A. 11, 
2 Add. p. 508) veröffentlicht wurde, nutzbar geworden ist. Es ist eine 
Abrechnung der Schatzmeister der Göttin aus dem Jahre des Koroibos 
Ol. 118, 3 (306/5 V. Chr.) und dem folgenden. *= TT^iu^a. 

In der 10. Prytaiiie quittiren die Schatzmeister über den Empfang 
einer Summe von mehr als iio (nach Köhlers Mutmafsung 140) 
Talenten, die Antigonos den Athenern geschenkt hat, davon veraus- 
gaben sie auf Ratsbeschlufs in der 11. Prytanie an einen Athener 
Polykleitos, einen Erythräer und an die Strategen mehr als 20 Talente; 
leider ist nicht gesagt zu welchem Zwecke. Einen nicht verbrauchten 
Rest von dieser Summe, mehr als 10 Talente, liefern die Empfänger 
in der nächsten Prytanie an die Schatzmeister der Göttin zurück. In 
der 12. Pr3^anie zahlen diese Schatzmeister 702 Chrysus, also 2 Talente 
2040 Drachmen Silber, auf Volksbeschlufs an den Kriegsschatzmeister, 
um Schiffsbauholz, welches den Athenern von den Königen Antigonos 
und Demetrios geschenkt worden war, zur Stadt zu transportiren. Die 



>) Die Existetie einer Bundeskasse beweist C. I. A. II 1 7, Z. 46. 



39 

auf der Inschrift ferner erhaltenen Nachweisungen stammen aus der 
ersten Prytanie des folgenden j£|]|res, Ol. Ii8, 4. Auf Volksbeschlufs 
empfangen die Schatzmeister der Göttin von einer aus 5 Areopagiten 
und dem Kriegsschatzmetster zusammengesetzten Commission zwei ' 
Zahlungen: einmal einen Betrag, dessen Herkunft nicht angegeben ist, 
bestehend in 1SV3 attischen Talenten Silbers und einer Summe in Gold, 
und das zweite Mal eine Summe, die aus den attischen Kleruchen- 
staaten Lemnos und Imbros vereinnahmt war; die Zahl ist auf dem 
Steine verstümmelt. 

Die beiden Einnahmen, welche nach Ausweis unserer Urkunde 
den Schatzmeistern der Göttin zugeflossen sind, stammen eine wie die 
andere nicht aus Quellen, welche regelmäfsig die öffentlichen Kassen 
speisen, sondern sie sind aufserordentlicher Art. Von dem grofsen 
Geldgeschenk des Antigonos ist dies selbstverständlich; von dem 
zweiten, unter Anteil von Areopagiten aufgebrachten Posten hat es 
Köhler nachgewiesen, indem er (a. a. O. S. 281) daran erinnert, dafs 
es für eine finanzpolitische Tätigkeit des Areopags nur einen einzigen 
uns bekannten Vorgang giebt: die Beschaffung der in der kritischen 
Zeit vor der Schlacht bei Salamis für die Besoldung der Flotte nötigen 
Mittel, für welche keine öffentlichen Gelder bereit waren.') Wir haben 
also anzunehmen, dafs in der Zeit unserer Urkunde, in welcher nach 
der Befreiung Athens durch Demetrios Poliorketes ein vorübergehendes 
Aufleben des politischen Sinnes erfolgte, ebenso wie in der grofsen 
Zeit der Perserkriege dem Areopag die Aufgabe zuerteilt wurde, für 
die Wehrfähigkeit des Staates aufserordentliche Mittel flüssig zu 
machen. Dafs der zu diesem Zwecke vom Areopag abgeordneten 
Commission der Kriegsschatzmeister beigegeben wurde, ist sehr 
natürlich. 

Wir sehen demnach die Schatzmeister der Göttin aufserordentliche, 
zum Teil durch besondere Mafsr^eln herbeigeschaffte Staatseinkünfte 
in Empfang nehmen und davon an diejenigen zahlen, die der Beschlufs 
des Rates oder des Volkes ihnen bezeichnet, an einheimische und 
fremde Privatpersonen wie an Behörden: einmal an die Strategen, ein- 
mal auch an ein anderes Kassenamt, den Kriegsschatzmeister. Die 
von den ausgezahlten Geldern verbleibenden Restbestände sind an die 
Schatzmeister der Göttin zurückzuzahlen: diese sind also gegenüber 
den mit der Vereinnahmung und Verausgabung von Staatsmitteln sonst 



>) Plutarch Themistoklcs 10: odx Hyrtoy dt dtjfAociiay /^^^arcuK roti Id&riyaiotf, 
*AQtaTOTiXtjg fiiv ff^jet r^ ^| *AQfiov nayov ßovlf^v no^icacay dxrci (fj^a/^ia; hdcr^ ttiv 



4Ö 

betrauten Instanzen ein Centralamt; man kann ihre Tätigkeit nur als 
die einer Verwaltung des Staatsschatzes charakterisiren. Es ist also 
auf die Schatzmeister der Göttin die Competenz der früheren Helleno- 
tamien übergegangen; aufser ihrem heiligen Schatze untersteht ihnen 
jetzt auch der profane Staatsschatz. 

Diese Ordnung der Dinge erscheint auch als die am nächsten 
liegende, fast selbstverständliche. Es wäre sehr unverständig gewesen, 
hätte sich die Verwaltung nicht weiterhin des ihr durch die alte Sitte 
gebotenen Vorteils bedient, die Reservebestände des Staates unter den 
Schutz der Landesgöttin zu stellen, ihnen durch Aufbewahrung in dem 
vornehmsten Tempel einen sacrosancten Charakter zu verleihen. Als 
dann eine eigene Behörde fiir diese nur vorübergehend vorhandenen 
Schätze einzusetzen sich nicht mehr lohnte, mufste man von selbst 
diejenige Schatzbehörde, welche in demselben Räume ihre Verwaltung 
zu führen hatte, mit dieser Aufgabe betrauen. Wie im fünften Jahr- 
hundert die Hellenotamien werden daher im vierten die Schatzmeister 
der Göttin durch Rats- und Volksbeschlufs zur Verabfolgung der Mittel 
für diejenigen Aufwendungen, welche man nicht aus den laufenden 
Einnahmen bestreiten will oder kann, aus dem Staatsschätze ange- 
wiesen. 

Köhler legt diese Verhältnisse, wie sie sich aus der Inschrift er- 
gäben, folgendermafsen dar (a. a. O. S. 280 f): Als Hauptkassen- 
behörde erscheine der Kriegsschatzmeister, der dem Schatze Gelder 
zuführe und Gelder von dort beziehe. Dafs seine Kasse nicht blos für 
Kriegszwecke diente, sondern den Charakter einer Generalkasse gehabt 
habe, beweisen auch die Rechnungen über die Herstellung von goldenen 
Niken und Pompgeräten aus der Finanzverwaltung des Lykurg 
(C. I. A. II 739), wonach die damit beauftragte Commission ihre Fonds 
vom Kriegsschatzmeister bezog. Man habe sich hiernach die Sache 
so vorzustellen, «dafs die für die laufenden Ausgaben nicht benötigten 
Staatsgelder in die Kasse des Kriegsschatzmeisters flössen, der daraus 
auf Anweisung des Rates und Volkes zunächst die für Kriegszwecke, 
dann aber überhaupt die für aufserordentliche und einmalige Ausgaben 
erforderlichen Zahlungen leistete und die verbleibenden Bestände an 
den Schatz, in Zeiten, in denen ein solcher existirte, abführte». «Die 
Verwaltung des Schatzes haben nach Ausweis der Inschrift wie im 
5. Jahrhundert die Schatzmeister der Göttin.» 

Wir können dem Kriegsschatzmeister eine solche centrale Stellung 
nicht zuerkennen. Dafs die Schatzmeister der Göttin einen etwa vor- 
handenen Staatsschatz verwalteten, geht auch nach Köhlers Ansicht 



41 

aus unserer Inschrift unzweifelhaft hervor. Eine Competenz des Kriegs- 
schatzmeisters aber, wie er sie setzt, können wir uns neben der einer 
anderen Centralschatzbehörde, wie sie in den Schatzmeistern der Göttin 
notorisch existirt hat, nicht vorstellen. Was ist der Schatz anderes, 
als die für die laufenden Ausgaben nicht Jbenötigten Staatsgelder? Hatten 
die Schatzmeister der Göttin die Verwaltung des Staatsschatzes, so 
können diese Gelder nicht grundsätzlich in die Kasse des Kriegsschatz- 
meisters geflossen sein, und dafs dies in der Tat nicht der Fall war, 
scheint uns unsere Inschrift schlagend dadurch zu zeigen, dafs das 
grofse Geldgeschenk des Antigonos nicht in die Kriegskasse abgeführt 
wird, dafs diese vielmehr die Mittel zu dem von ihr competenzmäfsig zu 
bestreitenden Holztransport erst aus der durch jene Schenkung gefüllten 
Kasse der heiligen Schatzmeister beziehen mufs. Dafs der Kriegsschatz- 
meister eine Centralkasse nicht verwaltet haben kann, geht femer 
daraus deutlich hervor, dafs die in der ersten Prytanie von Ol. ii8, 4 
unter seiner eigenen Mitwirkung, also innerhalb seiner amtlichen 
Competenz vereinnahmten Summen nicht für seine Kasse zurück- 
behalten werden können, sondern dafs sie an eine andere abgeliefert 
werden müssen, die eben nur der Staatsschatz sein kann. Genau wie 
die Strategen empfängt der Kriegsschatzmeister von den Schatzmeistern 
der Göttin aus dem Staatsschatz Gelder fiir seine amtlichen Obliegenheiten 
und liefert er Gelder an dieselben ab. Er steht also zu dem Schatze 
in keinem andern Verhältnifs wie andere Beamte und kann eine 
Generalkasse nicht gefuhrt haben. Wenn wir ihn über seine eigent- 
liche Competenz hinausgehende Aufwendungen machen sehen, so 
werden wir dafiir eine andere Erklärung suchen müssen. 

Den Kriegsschatzmeister können wir jetzt durch eine grofse Reihe 
von Inschriften vom vierten bis ins erste Jahrhundert v. Chr. ver- 
folgen, während noch Böckh (Staatshaush. I S. 246) ihn so selten ange- 
führt fand, dafs er glauben konnte, das Amt sei nur vorübergehend in 
Kriegszeiten besetzt gewesen. Die älteste Erwähnung enthält die von 
Ulrich Köhler mit grofser Wahrscheinlichkeit in das Jahr Ol. iii, 3 
(334) gesetzte Inschrift C. I. A. II 739. Da in der Inschrift zu Ehren 
der Söhne Leukons (!A&ijvmov VI p. 152) aus Ol. 108, 2 (347 v. Chr.) 
die Apodekten eine Zahlung aus der Kriegskasse {ix x&p (^Qccnantxäy 
X^fMiVa)r) leisten, so hat Arnold Schäfer angenommen , dafs das Amt 
des Kriegsschatzmeisters damals noch nicht bestand und Löschcke hat 
auf Grund davon seine Entstehung in das Jahr der Schlacht von \ 
Chäronea Ol. iio, 3 (338) gesetzt (Rheinisches Museum N. F. Bd. 33, • 
S. 431). Wir können uns der allgemeinen Zustimmung, welche dieser 



43 

Ansatz gefunden hat, nicht anschliefsen, da wir den Schlufs, durch 
welchen der terminus post quem gewonnen ist, als zwingend nicht 
anzuerkennen vermögen.*) Die Frage, wann das Amt geschaffen ist, 
wollen wir vorerst noch offen halten; dafs es Ol. io8, 2, wo wir eine 
eigens dotirte Kriegskasse finden, auch schon einen Schatzmeister dieser 
Kasse gegeben habe, erschiene uns auch ohne weitere Gründe 
zunächst als die natürlichste Annahme; wir wollen dieselbe aber später 
durch eingehendere Erwägungen zu beweisen versuchen. 

Die Tätigkeit des Kriegsschatzmeisters, wie sie uns auf den In- 
schriften entgegentritt, ist meist eine sehr unkriegerische; nur in der- 
jenigen, von welcher unsere Betrachtungen ausgegangen sind, finden 
wir eine Beziehung derselben zur Landesverteidigung. Denn das 
Fichtenholz, für dessen Transport er hier von den heiligen Schatz- 
meistern die Mittel empfängt, sollte ohne Zweifel zum Bau von Kriegs- 
schiffen dienen, und dafs auch seine Teilnahme an der areopagitischen 
Commission mit dem auf die Hebung der Wehrkraft gerichteten 
Zwecke derselben zusammenhängt, ist schon gesagt worden. Sonst 
sehen wir ihn zweimal seine Kasse zu frommen Aufwendungen öffnen: 
wie er in der schon erwähnten Inschrift aus der Zeit der lykurgischen 
Verwaltung C. I. A. H 739 der zur Herstellung von Processionsgeräten 
und Bildern der Siegesgöttin im Verein mit den Schatzmeistern 
der Göttin betrauten Commission die Mittel liefert, so leistet er 
Ol. 112, 4 in Gemeinschaft mit den Apodekten und dem Staatsbankier 
den Schatzmeistern der Göttin und den Vorstehern des eleusinischen 



i) Es heifst in der Inschrift, dafs der Volksschatzmeistcr das Geld für die goldenen 
Ehrenkränze der Söhne Leukons den Athlotheten, welche mit der Herstellung derselben 
betraut werden, aus der Psephismenkasse des Volkes überantworten solle, vorläu6g aber 
sollen die Apodekten das Geld aus der Kriegskasse hergeben. Dies bedeutet, wie Arnold 
Schäfer nicht verkannt hat, dafs die Ausgabe zwar der Psephismenkasse des Volksschatt- 
mcisters zur Last fällt, dafs ihr aber, da sie im Augenblick erschöpft ist, die Mittel von 
den Apodekten aus der Kriegskasse vorgeschossen werden sollen. Die Apodekten sind 
die Generalkassirer des Staates, an welche zunächst sammtliche eingehenden Gelder abzu- 
führen sind, um von ihnen den einzelnen Behörden zur bestimmungsmäfsigen Verwendung 
je nach Bedürfnifs überantwortet zu werden: da es also möglich ist, dafs ein für die 
Kriegskasse bestimmter Posten bei den Apodekten lagert, ohne schon abgehoben zu sein, 
so konnte die in der Inschrift vorgeschriebene Kassenmanipulation auch stattfinden, wenn 
es einen Kriegsschatzmeister gab. In dieser Form auf seine Kasse anzuweisen war Ver- 
anlassung, wenn er selbst bereite Mittel gerade nicht in Händen hatte. Wir sehen also, 
dafs die Voraussetzung, auf welcher Schäfers Schlufs beruht, dafs nämlich in der Inschrift 
eine Funktion des Kriegsschatzmeisters von einer andern Behörde ausgeübt werde, in 
Folge der eigentümlichen, nur formalen und ganz allgemeinen Competenz des Apodekten- 
amtes durchaus nicht feststeht, was der Fall wäre, wenn statt der Apodekten eine 
specifische Behörde, etwa die der Strategen, genannt wäre. 



43 

Heiligtums einen Vorschufs zur Aufführung einer Mauer (C. I. A. 
n 834b Col. I Z. 39). In allen übrigen , sehr zahlreichen Inschriften ») 
wird stets die Herstellung von Urkundenstelen auf seine Kasse ange- 
wiesen. 

Dafs die Kriegskasse zunächst den Zweck haben mufste, die Wehr- 
kraft des Staates durch stete Bereitschaft der für ihre Erhaltung nötigen 
Mittel zu sichern, ist selbstverständlich. Wenn andererseits durch das 
Zeugnifs der Urkunden feststeht, dafs aus der Kriegskasse Ausgaben 
bestritten wurden, welche mit diesem Zwecke nicht die mindeste 
Gemeinschaft haben, so läfst sich dies nicht anders erklären, als dafs 
das souveräne Volk und sein Rat das Recht, sei es schon bei der 
Gründung der Kasse sich vorbehielten, sei es nachher usurpirten, die für 
den ersten Zweck der Kasse nicht verausgabten Gelder zur beliebigen 
anderweitigen Verwendung anzuweisen. So konnte es kommen, dafs 
in einer Epoche, in welcher die Betätigung des staatlichen Lebens 
immer mehr auf die Decretirung hohler Ehrenerweisungen zusammen- 
schrumpfte, die in den Inschriften hervortretende Function des Kriegs- 
schatzmeisters sich fast ganz auf die Bezahlung der darüber ausge- 
stellten steinernen Diplome beschränkte. Dafs man aber das Amt 
eines Kriegsschatzmeisters Jahrhunderte lang beibehält, um ihn In- 
schriftensteine bezahlen zu lassen, ist ein sehr bezeichnendes 
Symptom für die Erbärmlichkeit einer Epoche, welche, ohne sich 
lächerlich zu dünken, in dem Maskenpompe staatlicher Institutionen 
einherstolzirt, die einen ernsthaften Inhalt nicht mehr haben. So finden 
wir in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts einen Strategen mit dem 
besonderen Titel ijü T^y Ttccgafikety^t der in unseren Inschriften nichts 
tut, als bei der Beschaffung staatlicher Anatheme mitzuwirken (C. I. A. 
11 403. 404. 839). 

Eine Kriegskasse ist nicht denkbar, ohne dafs ihr bestimmte Ein- 
künfte zugewiesen wären. Fragen wir, aus welchen Quellen sie in 
Athen gespeist wurde, so können wir nur Böckhs Auskunft wieder- 
holen (Staatshaush. I S. 247), dafs für dieselbe die Ueberschüsse der 
Verwaltung und die Erträge der aufserordentlichen Vermögenssteuern 
(ftOffOQaS) bestimmt waren. Nach der Rede gegen Neaira 4 verordnete 
ein Gesetz, dafs im Falle eines Krieges die Ueberschüsse der Ver- 
waltung in die Kriegskasse fliefsen sollten; wie gefahrlich aber den 
Ansprüchen derselben die concurrirenden der Theorikenkasse waren. 



>) Zusammengestellt von Hartcl, Studien tlber attisches Staatsrecht und Urkunden- 
wesen S. 135. 



44 

ist namentlich aus den olynthischen Reden des Demosthenes bekannt, 
und so finden wir auch, dafs wahrscheinlich Ol. 107, 2 (350)») ApoUo- 
dor ein Psephisma im Rate einbrachte, die Ueberschüsse jenem Gesetze 
gemäfs zu verwenden und sie der Vergnügungskasse zu entziehen. 
Um so sicherer waren der Kriegskasse die Erträge der tltupogat, denn 
dieselben wurden in Athen niemals anders als für Kriegszwecke ad hoc 
erhoben. Eine regelmäfsige direkte Besteuerung zur Bestreitung der 
allgemeinen Staatsbedürfnisse kannte man nicht; sie wurde immer als 
ein Aushilfsmittel angesehen, zu welchem man nur in der Not greifen 
könne und ist nie etwas anderes als eine Kriegssteuer gewesen: so 
wird in der Rede gegen Polykles 50 tcc fitqaxwnixd als ein Synonym 
von 7iQO€Kf(fOQd gebraucht. Während nun in allen uns überlieferten 
Fällen die Erhebung der Eisphora eine ganz ausnahmsweise Mafsregel 
ist und je für einmal durch besondere Ausschreibung erfolgt, finden 
wir doch ein Beispiel, dafs die direkte Besteuerung zu einer dauernden 
Einrichtung gemacht wurde: C. I. A. II 270 werden zwei Metöken 
unter Anderem dafür belobt, dafs sie zu einer für den Bau der Schiffs- 
häuser und des Seearsenals von Ol. 108, 2 — 114, 2 (347 — 323) in der 
Höhe von 10 Talenten ausgeschriebenen Eisphora bereitwillig bei- 
getragen hatten. Es ist dies aber genau die Zeit, in welcher uns 
durch die Inschrift zu Ehren der Söhne Leukons die Existenz einer 
von den übrigen Staatseinkünften abgetrennten Kriegskasse bezeugt 
ist, und wir hoffen, dafs es nur der Zusammenstellung dieser Tatsache 
mit der sonst ganz unerhörten Erhebung einer regelmäfsigen Ein- 
kommensteuer bedarf, um keinen Zweifel übrig zu lassen, dafs diese 
zu dem Zwecke angeordnet worden ist, um die Kriegskasse von dem 
schwankenden und unsicheren Ertrage der Ueberschüsse und von der 
ad hoc anzurufenden Geneigtheit der Bürger zu einer Ausschreibung zu 
emancipiren und ihr einen stabilen Fonds zu sichern. Dafs nicht blos 
die Metöken, sondern auch die Bürger beisteuern mufsten, ist gewifs 
das bei weitem Wahrscheinlichste; ob die jährlichen 10 Talente nur 
den von den Metöken aufzubringenden oder den gesammten Betrag 
darstellen, kann zunächst unsicher scheinen, doch wird zur Ent- 
scheidung für die erstere Eventualität die Erwägung den Ausschlag zu 
geben haben, dafs mit den Hafenbauten die Bedürfnisse der Landes- 
verteidigung nicht erschöpft waren und dafs die Summe von 10 Talenten 
zu gering ist, um als die der gesammten Ausschreibung glaublich zu 
j sein. Stimmt man unserer Combination zu, dafs jene dauernde Eis- 



i) Vergl. Schäfer Dcmosth. III, 2 S. 179 f. 



45 

phora geschaffen wurde, um der Kriegskasse eine r^elmäfsige Dotation 
zuzuführen, so wird man auch zugeben müssen, dafs es sehr sonderbar 
wäre, wenn man diese Kasse mit selbständigen Mitteln ausgestattet 
hätte, ohne ihre Organisation durch Einrichtung einer selbständigen \ 
Verwaltung zu vollenden und wir können daher mit Zuversicht diej 
erste Einsetzung eines Kriegsschatzmeisters in das Anfangsjahr jener i 
Eisphora, also in Ol. io8, 2 (347) verlegen. >) 

Die damaligen Zeitumstände machen es im höchsten Grade glaub- 
haft, dafs man an eine zweckmäfsige Organisation der Kri^[skasse 
dachte und eine Erwägung derselben wird unsere Combination aufs 
beste unterstützen. Olynth war eben gefallen, und dies Ereignifs hatte 
die Athener aus ihrer schimpflichen Lethargie aufgerüttelt; die make- 
donische Gefahr war näher gerückt und man sah ein, dafs man die 
Verteidigungskraft der Stadt heben müsse: man legte zur Herstellung 
der Mauern und Türme Hand an. 2) Demosthenes war in diesem Jahre 
Ratsmann,3) derselbe Demosthenes, der während der Belagerung von 
Olynth nicht müde geworden war, den Athenern die Notwendigkeit 
der direkten Besteuerung zu Kriegszwecken ans Herz zu l^en; es 
war dies, verbunden mit der Mahnung, dafs die Bürger selbst in den 
Krieg ziehen sollten, sein mit leidenschaftlicher Eindringlichkeit fort- 
während wiederholtes ceterum censeoA) Der unglückliche Ausgang von 



>) Dionys von Halikarnafs hat uns die allem Anschein nach genau ausgeschriebene 
Nachricht des Philochoros tlber die Ol. 1 10, 2 vor der Schlacht bei Chäronea erfolgte 
Sistirung des Baues der Schiffshäuser und der Skeuothek aufbewahrt. Sie lautet (Fragm. 135 
Müller): AvaifAaxi^i^ 'jixtt^yfvf Inl tovtov ta fAkv igya ta ntgl rot^ vtoHfoixovi xai 
T^y axfvo^iixtiy dvtßäXovTo dM toy noktfAou ngog 4>iltnnoy' rd di XQijf^ara i^vifpiaayto 
navt* klvuh CTQctrtc$T$xd Jtifuoad'iyovg y^dipayros. Aus diesen Worten kann keine Instanz 
gegen unsre Ansicht, dafs die zu den Hafenbauten ausgeschriebene Steuer in die Kriegs- 
kasse geflossen sei, hergeleitet werden, indem man etwa meinte, der Chronist habe die 
Geldverwendung zu diesen Bauten und die Verwendung zu militärischen Zwecken in Gegen- 
satz gestellt. Denn dafs die Bauten einen militärischen Zweck hatten, liegt auf der Hand; 
Xqifitna ar^THOttMa steht hier nicht in der finanztechnischen Bedeutung von «Kriegs- 
kasse*, sondern das prädicative «rr^artoiTMce hat den prägnanten Sinn: czur unmittelbaren 
Kriegführung dienend». In der äufsersten Notlage benutzt man natUriich die Mittel 
nicht zur weiteren RUstung, sondern zum Schlagen: die Athener decretirten, dafs die bis- 
her ftlr die Kriegsbauten bestimmten wie alle andern verfUgbaren Gelder, d. h. vor Allem 
die sonst in die Theorikenkasse abgeftihrten, dem jetzt dringendsten Zwecke, der Aus- 
rüstung und Erhaltung des Aufgebotes, dienen sollten. Wären die Baugelder nicht in 
einem weiteren Sinne auch CTQOTMOTtxd gewesen, so hätte gar nicht gesagt zu werden 
brauchen, dafs die Bauten jetzt verschoben wurden, dann war dieser Aufschub durch die 
Bestimmung rd jif^j^ara ndvra tlyat üTQaruothxd selbstverständlich. 
*) Aeschines l, 80. 

3) Aeschines 3,62. 

4) Olynth. 2,31: Myta (fj xtifdkakoy, ndyrag eifftftQHy d*p Sciay txacrog ^/#* to 
iaoy, ndyrag ^ImVot» xard fii^oi. Vgl. i, 6. 19 f. 2, 13. 24. 27. 3, 10. 19. 33 f. 



46 

Olynth mufste seinen Bestrebungen eine mächtige Unterstützung ver- 
leihen, und da er als Ratsmann in die Lage gesetzt war, unmittelbar 
dafiir zu wirken, so wäre es wunderbar, wenn er nicht mit aller 
Energie daiiir eingetreten wäre. So können wir denn die selbständige 
Organisation und Dotirung der Kriegskasse so auffassen, dafs es 
Denipsthenes damals gelang, die Hälfte seines Programms zur Ver- 
wirklichung zu fuhren. Ueber seine Zeit hinaus ist jene Eisphora nicht 
erhoben worden, sie dauerte so lange das Ringen des attischen Staates 
um die Selbständigkeit dauerte: das letzte Jahr der Steuer, 323, ist 
das des lamischen Krieges, aufweichen die Knechtung Athens durdi Anti- 
patros, die Aufhebung der Verfassung, die Beseitigung des Demosthenes 
und der übrigen Patrioten folgte. So ist die Zeit dieser Steuer im Wesent- 
lichen die von Demosthenes' politischer Wirksamkeit, und wir werden 
seinem Ruhmeskranze als ein neues und nicht das geringste Blatt die 
Tatsache hinzufugen dürfen, dafs es ihm zuerst und ihm allein von 
allen athenischen Staatsmännern gelungen ist, die Abneigung seiner 
Mitbürger gegen eine fortlaufende direkte Besteuerung zu überwinden 
und seiner Vaterstadt dadurch die materielle Grundlage des Wider- 
standes zu sichern. — 

Als die Bewahrer von etwa vorhandenen Schatzreserven hatten 
wir die Schatzmeister der Göttin kennen gelernt; dafs fiir die laufenden 
Staatseinkünfte die Kriegskasse nicht als Centralkasse gelten kann, 
glauben wir gezeigt zu haben. Diese Centralkasse zu fuhren, kann nur 
der Vorstand der Verwaltung (o oder ol inl fj diOixi^$) bestimmt 
gewesen sein und die Verteilung der vorhandenen Mittel an die übrigen 
Behörden wie eine etwaige Ueberweisung an den Staatsschatz nach 

■ 

Mafsgabe der gesetzlichen Bestimmungen und der Volksbeschlüsse vor- 
zunehmen, mufs ihm obgelegen haben. Der Vorsteher der Verwaltung ist 
cder allgemeine Zahlmeister, welcher alles durch die Apodekten ein- 
genommene und zur Ausgabe bestimmte Geld erhält und die einzelnen 
Kassen damit versorgt»;') wollen wir die Analogie moderner Staats- 
\ einrichtungen heranziehen, so entspricht der Vorsteher der Verwaltung 
unserem Finanzminister, während die Apodekten die Generalstaatskasse 
fuhren. Irren wir nicht, so ergiebt unsere Darstellung eine in sich völlig 
glaubhafte und mit den Quellen übereinstimmende Anschauung von den 
Competenzen der vornehmsten Schatzämter und dem Ineinandergreifen 
ihrer Funktionen. 



>) Böckh Staatshaush. d. Ath. I S. 235. 



47 

Die Schatzmeister der Göttin scheinen uns in einer Weiteren In- 
schrifty C. I. A. n 612, als Verwalter des Staatsschatzes hervorzutreten, 
wenn sie nicht etwa hier dem Staate aus dem Tempelschatz ein Dar- 
lehen gewähren. Es ist ein Decret der attischen Ritter aus Ol. 120, 2 
(299), in welchem dieselben die Schatzmeister dafür beloben, dafs sie 
in Gemeinschaft mit den Hipparchen ihnen die Auszahlung rückständiger 
Verpflegungsgelder vom Volke erwirkt hatten.') Wäre die Unter- 
haltung der Reiterei, welche durch ihre Teilnahme an den Processionön 
ja auch dem Cultus diente, ordnungsmäfsig der Kasse der Göttin zur 
Last gefallen, so wäre eine Intervention des Volkes nicht nötig ge- 
wesen, und somit war in der 2^it unserer Inschrift die Staatskasse gewifs 
ebenso zu dieser Zahlung verpflichtet, wie es im (ilnften Jahrhundert 
sicher der Fall war, da die Schuldurkunde C. I. A. I 188 auch Summen 
verzeichnet, welche die Tempelkasse dem Staate zu den Ausgaben 
für die Ritter vorgestreckt hatte. Wir werden uns also als Anlafs des 
Decretes vorzustellen haben, dafs die Schatzmeister der Göttin auf 
Bitte der Hipparchen entweder beim Volke die Ermächtigung nach- 
gesucht hatten, die Rittergelder aus bereiten Beständen des Staats- 
schatzes zu decken oder dafs sie den nötigen Betrag aus dem heiligen 
Schatze dem Volke vorgeschossen hatten. 

Welche Auffassung auch hier vorgezogen werden ma^; dafs auch 
nach Euklid die Tempelschätze im Notfall dem bedrängten Staate 
durch Darlehen zur Hilfe kamen, möchten wir mit Hartel^) daraus 
schliefsen, dafs in einigen Inschriften (C. I. A. 11 17. 44. 84. 86) die 
Kosten für die Urkundenstelen nicht, wie die Regel ist, auf den TUfdag 
taS dijfiov, sondern auf die Schatzmeister der Göttin angewiesen werden, 
mit dem Zusätze, dafs die Zahlung i» Twy dixa %aldvx(av erfolgen 
solle. Bekannt ist die 2^it dieser Inschriften bei 17, der Urkunde des 
zweiten Bundes aus Ol. 100, 3, und bei 86, welche Böckh (zum C. I. Gr. 87) 
auf die Zeit zwischen Ol* loi und 103 bestimmt hat: die Inschriften 
können demnach sämmtlich nur wenige Jahre auseinander liegen. Es 
stimmt dieser Umstand vortrefflich zu der an sich wahrscheinlichsten 
Auffassung dieser zehn Talente, dafs sie als der Betrag einer Anleihe 
aus den Schätzen der Göttin anzusehen sind; dieselbe wurde nicht auf 
einmal, sondern in der Form entnommen, dafs die einzelnen dem 
Staate erwachsenden 2^1ungen unmittelbar auf diese Summe und 
folglich auf die Schatzmeister der Göttin angewiesen wurden, bis der 

(4 fnmtf TW t§ airoy xofiiiratyTtt» na^ rov d^/nov roy 6ifuX6iLuyoy adrolg, 
>) Stadien Über attisches Staatsrecht und Urkundenwesen S. 131 ff. 



48 

ganze Betrag aufgebraucht war. Hartel hat vermutet, dafs diese zehn 
Talente mit denjenigen identisch seien, welche die Metöken von 
Ol. io8, 2 — 114, 2 jährlich als Eisphora aufzubringen hatten und die 
wir als zur Füllung des Kriegsschatzes bestimmt nachgewiesen zu haben 
glauben. Wenn unser Nachweis überzeugend ist, so macht er die 
Hartersche Ansicht von selbst hinfällig, aber sie läfst sich abgesehen 
davon leicht widerlegen. Hartel mufs annehmen, dafs jene Eisphora 
für heilige Zwecke erhoben worden sei und in den Tempelschatz flofs, 
was dem Begriffe der Eisphora ganz widersprechend ist, bei welcher 
der Charakter einer Kriegssteuer immer festgehalten wurde. Ferner 
stimmen die Zeiten nicht: dafs die metökische Eisphora schon zu der 
Zeit erhoben worden sei, in welcher nach unseren Urkunden die 
heiligen Schatzmeister aus dem Fonds der zehn Talente zahlten, dafür 
fehlt jedes Anzeichen. — 

Wir hatten für unsere Betrachtung die Verhältnisse des fünften 
Jahrhunderts, wie Kirchhoff sie uns kennen gelehrt hat, als eine sichere 
Grundlage zum Ausgangspunkt gewählt. Wir haben dies mit Bedacht 
getan , obwol sich Herr Beloch jüngst im Rheinischen Museum N. F. 
Bd. 39 S. 43 ff. Mühe gegeben hat, diese Grundlage zu erschüttern. 
Wir wollen zu diesem Versuche nur Folgendes bemerken. Kirchhoffs 
Beweisführung beruht darauf, dafs schon zu Beginn von Ol. 88, i der 
Schatz von 5000 Talenten verbraucht war, der nach Thukydides II 13 
zu Anfang des peloponnesischen Krieges auf der Akropolis als disponibel 
vorhanden gewesen ist. Nun ist auch nach Beloch der von Kirchhoff 
auf die Organisation des Staatsschatzes gezogene Schluss «unanfechtbar», 
wenn diese Prämisse richtig ist; «er steht und fällt mit der Behaup- 
tung, dafs der Schatz im Herbst 428 erschöpft war». Dafiir, dafs dies 
der Fall war, fuhrt Kirchhoff die Tatsache an, dafs Ol. 88, i zum 
ersten Male während des Krieges eine Vermögenssteuer ausgeschrieben 
wurde: dies wäre nicht geschehen, wenn eine Schatzreserve verfügbar 
gewesen wäre. Dieser Erwägung zeigt sich Beloch nicht zugänglich; 
ihm ist sie nur ein «emphatischer» Ausruf und so findet er sich be- 
rechtigt, Kirchhoffs Prämisse eine durch keine Gründe gestützte Be- 
hauptung zu nennen. Dabei verschweigt er, dafs Kirchhoff für seine 
Ansicht noch einen andern Grund beibringt als eine aus der Kenntnifs 
des historischen Materials geschöpfte principielle Betrachtung, die nur 
fiir den überzeugend sein kann, der in diesen Dingen zu Hause ist: 
das Zeugnifs des Thukydides UI 17. An einer andern Stelle (S. 54 Anm.) 
erhalten wir dann ganz beiläufig die Versicherung, dafs dieses Kapitel 
«interpolirt» sei, eine Behauptung, der man zwar den Vorwurf der 



49 

£mphase nicht machen kann, aber jedenfalls den, dafs sie von Herrn 
Beloch gänzlich unbewiesen gelassen ist. Wir dürfen nun den Spiefs 
einigermafsen umkehren: Herrn Belochs Angriff bliebe zwar nicht 
stehen, wenn das Kapitel unecht wäre, aber er fallt sicher, wenn es 
echt ist. Nun ist zwar der Nachweis der Unechtheit früher versucht 
worden und er hat Zustimmung gefunden, aber er ist von Evidenz 
weit entfernt, und gründliche Kenner des Historikers haben ihm aufs 
lebhafteste widersprochen, zuletzt Herbst im Philologus Bd. 42 S. 681 ff. 
Der Verfasser dieser Zeilen ist fest davon überzeugt, dafs kein Andrer 
wie Thukydides dieses Kapitel geschriebe;i hat, und was speciell die 
hier in Betracht kommenden Worte betrifft (ra ftiy x^i^xta oiziog 
vnayaiM&ij t6 nQwvoy), so sind sie frei von jedem Anstofs: der 
Ausdruck vnayaXUnefty callmälig aufzehren» ist völlig passend, und wie 
Herbst bemerkt, hätte der Interpolator damit eine hier äufserst be- 
zeichnende Zusammensetzung gebraucht, die in der ganzen erhaltenen 
Literatur nur noch wenige Male vorkommt. Die Gründe für Kirch- 
hoflfs Prämisse sind also doch nicht mit so leichter Hand weg- 
zuräumen. 

Eine weitere Ausdehnung dieser Polemik wäre ebenso überflüssig 
wie für den Anlafs dieser Zeilen ungeeignet. Wir wollen vielmehr noch 
darauf aufmerksam machen, dafs dieselbe principielle Scheidung und 
räumliche Vereinigung von heiligen und profanen Schätzen, wie sie Kirch- 
hoflf für Athen nachgewiesen hat, sich noch zu Anfang des zweiten Jahr- 
hunderts in Delos findet: der heilige Schatz wird hier von den UQonoioi 
verwaltet, der profane Staatsschatz von den %afUa$, die ihn im Apollo- 
Tempel deponiren. ») Bei dem engen Zusammenhange zwischen Athen 
und Delos bietet diese vollständige Analogie eine wertvolle Bestätigung 
für Kirchhofes Auffassung. 



>) HomoUe im Bulletin de corr. hell^o. V, p. 85. 






Y. 



CARL FRICK 



Zur Kritik des Joannes Malalas. 



4* 



JNachdem Jagic im Archiv fiir slav. Philologie (B. II S. 4 flf.) die 
deutschen Gelehrten auf die Wichtigkeit der altslavischen Ueber- 
setzungen des nur im Auszuge <) erhaltenen Geschichtswerkes des 
Joannes Malalas, zugleich unter Hinweis auf die grundlegenden Arbeiten 
von Obolenski und PopofT^), aufmerksam gemacht hatte, unternahm 
es Carl de Boor, auf Anregung Mommsens und unterstützt von Jagic, 
den Werth des im Moskauer Codex des Annalisten von Perejaslawl 
enthaltenen altrussischen Malalastextes ah der Hand der vom Fürsten 
Obolenski mitgetheilten Bruchstücke festzustellen. Seine Prüfung er- 
gab 3), cdafs die slavische Uebersetzung allerdings zur Herstellung 
eines besseren griechischen Textes gute Dienste leisten werde, dafs 
dieselbe aber andererseits auch im Vergleich zum edierten griechischen 
Texte sehr lückenhaft sei, da eben in dem slavischen Texte nicht 
Malalas übersetzt sei, sondern ein aus ihm gemachter Auszug, der 
wiederum viele Interpolationen aus dem Bibeltexte und Georgios 
Hamartolos aufweiset 

Noch immer aber fehlt die hülfreiche Hand, welche wenigstens 
die bei Obolenski und PopofT mitgetheilten Excerpte weiteren Kreisen 
zugänglich machte. Nur einzelne Fragmente aus dem Werke von 
Obolenski sind neuerdings von Hermann Haupt 4), den seine Studien 
unabhängig von Jagic auf den Annalisten von Perejaslawl führten, in 



') VergL C. MUller, F. H. G. V, p. XIV uod MoaiiDsen, Hermes VI, p. 380 flf. 

*) Obolenski, der Annalist von Perejaslawl, erschien im IX. Bande der Chronik der 
Moskauer Gesellsch. f. Geschichte und Alterthumskunde (russisch, die Bände werden einzeln 
abgegeben). — Andrej Popoff, Ucbersicht der Chronographen russischer Redaktion. 1866, 
2 Hefte (ebenfalls russisch, nach Aussage Petersburger Buchhän<Uer vergriffen). 

3) Hermes XV, p. 235 f. 

4) Im Hermes XV, p. 232 ff. 



54 

griechischer Fassung publiciert worden. Diese freilich sind von höhe- 
rem Interesse, als bisher bemerkt worden ist. 

I. 

Weder in dem am Anfange defecten Baroccianus (No. 182) noch 
in der von Cramer, Anecdota Paris. 11 p. 231 flF. herausgegebenen Epi- 
tome des Malalas findet sich der von Obolenski p. XVII mitgetheilte 
Prolog der Chronographie. Derselbe lautet folgendermafsen: näyv 
TcaXop fjyovfJba^ crvyröfuog disl^iQXsad'ai htafftov x€(pdhxtw t&v l^oqi&Vs 
at vno Mcovtrifog tov XQOVoyQ&tfov %al vt^ ^A(pqhxavov %al Ev(f€' 
ßiov rov JlafjbiptXov xal Jlavtfapiov xal Jtdvfjbov xal OewfiXov xal 
KlijlJhsytog xal Juidfiqov xal Joiivivov xal Evffta&iov xal vno twp aXhav 
7wlvTrQay(Aoy^dvT(oy xqovoyqdfpwv xfä Un^OQimy xal noHfcAf [ded^ldoyra^ 
xai] dnjyetad'cu xal ifjtol [?] td äXn^d-äq yeyeytjfidya^) iv vä fhiQa xal iv 
totg XQ^^^ ^^ ßcu»Xd(äv [xal] etg xd md (MW ela€Xd-6v%a, Xiyta dij, dm 
T^ ßa(uX6iag zov Zi^(avog xal zäp fwc' avrop ßatuXewfdpvfOp xvX, 

Mit völliger Sicherheit läfst sich aus den ausgeschriebenen Worten, 
wie bereits Haupt bemerkte, die Frage nach der Abfassungszeit der 
Chronographie des Joannes Malalas dahin entscheiden, dafs die Regie- 
rungsgeschichte des Justinian den Schlufs seines Werkes bildete,^) und 
dafs er selber ein Zeitgenosse jenes Kaisers und der Vorgänger dessel- 
ben, Zeno, Anastasius I. und Justinus I., war. Andererseits aber ergiebt 
sich noch ein weiterer, nicht unerheblicher, Gewinn aus dem slavischen 
Anecdoton. Augenscheinlich nämlich liegt der Prolog des Malalas, 
nur in kürzerer Fassung, auch in den Eingangsworten der Excerpte 
des Codex Paris. 1630 fol. 234 (Müller, F. H. G. FV p. 540) vor. Man 
urtheile: 

!^7t6 rijg ix&iceiog 'Icodppov 'Avt^X'^^ ^7? ^^Q^ XQOvmp xal TcrUfetog 
x6(ffwv novf^üCfig, &g (f^pUVj ano ßißXiap Mfociatgj 'A(pq$xav6v, 
EifüsßioVj üanniov xal JtdvgAOv xal sriQiap, 

Liest man für Jlaniüovj wie es nothwendig ist, ITavoupiov^), so 



') Haupt vermuthet, dafs ursprünglich rä in* ifiov aXti&tk ytyiytifiiya gelesen wurde. 

>) Hody, Prolegomena zu Malal. p. XXXVIII ff. der Bonner Ausg., setzte den 
Malalas ins 9. Jahrh., C. Müller, F. H. G. IV, p. 536, in das Ende des 7. und den An- 
fang des 8. Jahrh.; dagegen Reiske (Commentar zu Constantin. Porphyr. II, p. 855 der 
Bonner Ausgabe), Gibbon (History of the decline and fall of the Roman eropire, Cap. XL, 
not. 11), Dindorf (Vorrede zur Bonner Ausg. des Malal. p. V ff.), Gntschmid (Die Grenze 
zwischen Alterthum und Mittelalter. Grenzboten 1869. I, p. 330 ff.), Mommsen (Hermes VI, 
p. 381}, Köcher. (de Joannis Antiocheni aetate, fontibus, auctoritate. Diss. Bonn. 1871, 
p. 6 ff.) vertraten die Ansicht, dafs Malalas bald nach Justinian sein Werk verfafst habe. 

3) Ein Schriftsteller namens Uanmas findet sich nirgends erwähnt. Carl Müller 



55 



kann kein Zweifel darüber obwalten, dafs die Anfangsworte der Pariser 
Excerpte nichts als eine kürzere Redaction des Prologes der Chrono- 
graphie des Malalas repräsentieren. Daraus aber folgt dann weiter 
die in mehrfacher Beziehung wichtige Thatsache\ dafs jene Excerpte 
nicht mit Carl Müller dem Joannes von Antiochien, sondern, wie 
schon Cramer^) wollte, dem Joannes Malalas zuzuweisen sind. Prüfen 
wir nun weiter, wie sich der Inhalt der Excerpte selbst zu der hier 
gegebenen Erklärung stellt, so ergiebt eine Confrontation derselben 
mit den beglaubigten Vertretern des Malalastextes folgendes Re- 
sultat. 

Müller Fi^. 2 S 2 (a. a. O. p. 540) deckt sich sowohl sachlich als 
auch dem Wortlaute nach, abgesehen von Kleinigkeiten, die zum Theil 
auf Schreibversehen beruhen, mit dem Text des Malalasexcerptes bei 
Cramer, Anecd. Paris, ü, p. 231, 20 — 26. 

S3 — 8 = Cramer II, p. 232, 3 — 28. Die einzige Verschiedenheit 
besteht darin, dafs der Cod. 1630 das Weib des Seth jiJiovQci nennt, 
während es im Cramerschen Texte richtiger ^oovajt* heifst, eine nahe- 
liegende Verwechselung, da Id^ovQcl, das Weib Kains, gleich im Fol- 
genden von Malalas namhaft gemacht wurde. 

S 9 — 13 haben den Malalastext vollständiger bewahrt, als das Ex- 
cerpt bei Cramer II, p. 232, 29 — 233, 3, wie folgende Gegenüber- 
stellung lehrt: 



Cod. Paris. 1630. 
'Ey totg XQ^^^ Tovrotg (UfatQav 
nvQog iTüEf^ifjev 6 ^eog ix %ov ovga- 
vov xard zäv ovv(W iv t^ KelTix^ 
X(a^ y$y(iytwvj xal Sxatxfsv avvijv 



^ Cramer. 
'O di nXovtaQXog ifffilv or» (Ufalga 

nvQog xarfydx^V ^^^ ^^^ KeXnx^i^ 
XtoQccy V7t6 Tov &€0v , xar^Tcavd^ 
Tovg yiyapTccg, xal äg top 'HQtdapop^) 



Sdentificierte. ihn mit dem in den Trit^ardlfK cvviofjiob xQoytxai (Bonner Ausg. des 
Codinus p. 175) genannten üttniag, der aber frühestens unter Anastasius I. gelebt haben 
kann, da er eines Ereignisses aus der Regierungszeit dieses Kaisers gedenkt, mithin 
schwerlich schon von Malalas benutzt wurde. Noch viel weniger kann an den von 
Eusebius in seiner Kirchengeschichte mehrfach (II, 15; III, 36, 39) citierten Bischof 
Papias, einen Schüler des Evangelisten Joannes, gedacht werden, vergl. Köcher 
a. a. O. p. 28. Dagegen ist der Chronograph Pausanias ein bevorzugter Gewährs- 
mann des Malalas (vergL p. 38, 15. 197, 17. 203, 22. 204, 2, 8. 248, 15 ed. Bonn.). 
Auch das übrige Contingent der im Prolog genannten Schriftsteller findet sich bei Malalas 
citiert: Moses p. 67, 6, Africanus p. 53, 14. 62, 6. 69, 3 u. ö., Eusebius p. 53, 17. 
57i 9* 7<>i 9 u. ö., Didymus p. 81, 8. 86, 17. 166, 22, Clemens p. 34, 10. 228, 18 u. ö., 
Theophilus p. 29, 4. 59, 17 u. ö., Diodorus p. 54, 13. 68, 10., Domninus p. 88, 16. 
142, 19 u. ö., Eustathius p. 399, 3. 

«) Anecdot. Paris. II, p. 379. 

') KQffdayoy codex, em. Cramer. 



rorro %6 nvq liftoijpiHS^v ol "EXkipffg, 
xcu, XiyawU %6p vMp toS ^iiav elvak 
TOP OcU&ovtcis n€7tTf»xata ix %ov 
aQfuxTog Tov ^Uav ^k %^p ^^p. ol 
3i Xotnol yiyaptfg, idöptfg tovg iS 
avT&p Ksgavpmd'dpTag^) i§$»yap 
aTCHd-eXq * xal iqyt^slg 6 @s6g, elirs 
rrgdg avtovg, ,»or» ov fi^ xarafulpfi 
to TTpsvfia fwv**, xal ra ili^g, dg 
i(A(fdQ€T€U ip ToXg MuKTaSxoTg (fity- 
ygäfAftadiP, 



56 

xal airrovg. Kai dg tov 'HgiSavoy ') 

Tovto liHo^vOi TO nvQ,^^ xal U- 
yova^ TOP v\6p tov 'HXiov elpat, op 
OaidoPTa cItwpj mnTioxota ix tov 
aQfuxTog dg t^p y^p, Kai notijT^ 
x(3g fbip oinco t^p l&roQktp ffvp- 
fyQcitpaTO \)ßidtog, alif^^cqpp di 
bItup XäiQdopevg nXovTogxog. 
TovTOirg löopTsg ol Xo^tioI yiyapTfg 
xegavpoßoX'^d'ipTag , ifutpap ämi- 
^tXg' xal dgy^tf^etg 6 Oeog cinep' 
„Ov [k^ xaTafAeipfi ro npevfui fuw 
ip ainaXg itd to cfpcu avtovg (faq- 
xagy TovTOvg JleUuxpdQog, nm^^ 
'EXXijpwp, Apofuxffe iqaxoPTOitodag, 
ix Tiqg y^g yepp^ipTag, xal ToXfi^ij- 
öüPTag Ttpa xatd t&p vtpitftoiP 
d'fixäp dtfpdfjtafop, lo)^ to O'tXop Aa- 
fpOQOig nXfjyaXg ^pdXfocSep, *0 di 
JSdgßtogS) slnsp ip ßa&aia nedidö^ 
duiyoPTag itsxv^^^^ nolcfMP futd 
Tipiop olxovPTCdP ip vipfikoXg 0^(kj 
xal raXg xoMatg tfv^fUpovg (popev- 
d-^pah vno T&p ip ToXg vtp^XolXg 
oixovprmp. 



Dafs dasjenige, was der Codex 1630 mehr bietet als der Text 
Cramers, in der That Eigenthum des Malalas sei und nicht fremder 
Zusatz, beweist auch noch ferner die Erwähnung des Servius, eines 
Schriftstellers, der zu den hervorragendsten Gewährsmännern des 
Malalas gehört zu haben scheint, vergl. Bonn. Ausg. p. 162, 14. 181, 2; 
Geizer, Sextus Julius Africanus p. 229 u. 245. 

Wäre die Chronik des Logotheten Symeon bereits vollständig 
ediert, so würde sich vermuthlich noch Genaueres feststellen lassen. 
Wenigstens scheinen die von C. Müller aus dem Cod. Paris. 1762 fol. 22 



*) ^lo^avviv codex, em. Müller. 

>) Unnötig erscheint Müllers Zusatz ol "EXltivtg, 

3) Siqa^og cod., em. Cramer. 

4) xQttyo^iyrag cod., cm. Cramer. 



57 

ausgeschriebenen Worte dieser Chronik auf Malalas als Quelle zurück- 
zugehen: ^ ag JSdQßtog UnogeX, Sr« Tioicfwy Sxovt§g fjterä t^vwv o/xotV- 
%mv iv i^XoXqs eha XBqcl [xai itoA add. mgo] ira) xo^Xla&g füg d^dxoygeq 
na%* avtmv äyi^nopregy wp* tay Tcal jwXXoi noXlaxtg iiw&ev avffqovvxo 
ßaUofM^iH, dQCcxavröJwdcg iichtXiiyTO, 

Auch S 14 (Müller p. 540) bietet mehrere brauchbare Erweiterungen 
des Malalastextes bei Cramer II, p. 233, 4 — ii. 



Cramer. 
Kai fyiyero ayd'Qomoq äyccnoifMfi'og 
in 6 ToS OboVj dropart Näe xat^ 
in(Affi€ &€ov nQO(fi^d^€i xißinnoy, 
xa\ sl(^Xd'€v avTog xal ol viol 
avTOV ndyreg, xal ix zäv xH/Qioiy 
xal kqnsT&v xal neretyüiy, xal 
iyiveto xccraxXwff^og ^(JtiQag — j 
xal anid-avs nä<fa CaQ^ ixovCa 
nysvfuc £09^?« ^Eyiveto dt ano ItiSdfA 
loi^ TOV xavaxXiHffwv irij^') ^ßff'^ß'j 
xal yeyeal h\ fAevd di to navtsah 
Toy xavaxXtxffJhoyj cvq4&ij ^ Mßanog 
dg td OQfj ^Agagdr r^g ILc^iag, 
xal €(frty iy avro} ^vla iwg tov yiv. 



Cod. Paris. 1630. 
Tote iydysTO N&j äy-9'Qom'og äya- 
mifi^yog vtto tov GeoVj xal iyivtzo 
6 xataxXvfffwg , xad-tig iy toXg 
B$ßXiotg qigetak. ^Etff äno Idöd^i 
iwg tov xavaxXwffbOV ßffyß'» ^Ey 

öi TW xß' *^** ^^5 t«?ff avxov 
£^^X&€ Näe ano tt^g x^ßtarov, 
xal nä0a ipvx^ ^ot; yiyovg 
avtov. Kai futd to nawfaa&ai 
toy xataxXwffAoy ixd&ufey ^ xißvotoc, 
WC fjtiy Jld^yafjbog ^rvyeyQdtpaTOj 
iy totg oQsai ^Agaqdt tifg Jltaidiag 
inaqx^^^ y V^ (JtiitQonoXtg ^ 
^Andfjte^a ' dg di ^Ifaafjnog xal 
aXXot, iy totg OQ€<rt l^Qaqdt 
r^^ ^^Qfjteyiag fAStal^v üdqd'iay 
xal liQfisyitay [l^]diaß^yiiy. 

S 15 des cod. Paris, 1630 stimmt wörtlich mit Cramer II, p. 233, 
12—15, ^^^ dafs in letzterer Version die Worte xcd iy totg vdaoi i&syto 
avtd yijx^^^* hinter nqwto^ inoiijfSiuy nlolta fehlen. Ferner giebt der 
Codex 1630 die in der Handschcift Cramers nicht mehr vorhandene 
Zahl der von der Sündfluth bis zum Thurrabau verflossenen Jahre to'j 
doch sicherlich ebenfalls nicht richtig. 

In S 16 weicht namentlich der Anfang vom Cramerschen Texte 
(p. 233, 16 — 27) ab. Der Cod. 1630 schreibt dem Cainan die Abfassung 
der Astronomie zu, Cramers Epitome dagegen dem Arphaxad. Aufser- 
dem beruft der Codex 1630 sich für seine Angaben zweimal auf 
die Autorität des Josephus. Die betreffende Stelle liest man in 
Joseph. Arch. I, 2, 3, und das Citat fand sich schon bei Malalas, wie 
überhaupt der Cod. 1630 gegenüber dem Cramerschen Texte wieder 



') Hth cod., em. Cramer. 



58 

die vollständigere und richtigere Redaction vertritt. Dies et^iebt 
eine Vergleichung des Parallelberichtes der Chronik des Georgios 
Monachos, deren erster Theil bekanntlich grofse Verwandtschaft mit 
Malalas aufweist, wenn derselbe auch kaum mit Chilmeadus und 
anderen als ein reiner Auszug aus diesem anzusehen sein dürfte.') 
Auch dieser Bericht nämlich (Bonner Ausg. des Malal. p. 6, i6 — 20) 
nennt den Cainan, nicht den Arphaxad, als Verfasser der Astro- 
nomie und citiert ebenso» wie der Cod. 1630, den Josephus als 
Quelle. Endlich hat auch der verwandte Bericht des Cedrenus I p. 16, 
II — 16 das Citat aus Josephus bewahrt. 

S 17 enthält, abgesehen von Cramer II p. 233, 30 — 32, die einzigen, 
bis jetzt aufgebrachten Trümmer des von Malalas seinem Werke ein- 
gefügten duificQUffwg T^g y^g. Nach den Untersuchungen von Gutschmid 
im Rh. Mus. 1858 p. 378 (Beiblatt) läfst der klägliche Zustand der 
Ueberlieferung wenigstens soviel erkennen, dafs die in derselben ver- 
tretene Recension derjenigen des Syncellus (Cedrenus), des Logotheten 
und des Barhebraeus am nächsten steht. 

Die grofsen Fragmente 4 und 6 bei Müller p. 541 ff, welche die 
Berichte über die assyrischen, italischen und ägyptischen Götterkönige 
enthalten, stimmen meist bis auf den Wortlaut genau mit den ander- 
weitig erhaltenen Relationen des Malalastextes, doch bieten sie auch 
einige willkommene Ergänzungen desselben. Folgende Uebersicht 
zeigt dies: 

Frg. 4 S I = Cramer H, p. 233, 32 -234, 3 u. 7—10. 
S 2 = Cramer p. 234, 10—17. 
S 3 = Cramer p. 234, 18 — 20. 

S 4 enthält einzelnes, was man in dem entsprechenden Passus bei 
Cramer p. 234, 20 — 35 vermifst, doch findet sich das Plus in den 
Malalasexcerpten des Chron. pasch, p. 65, 16 — 19 und p. 66, ii — 13. 

S 5 und S 6 = Cramer p. 234, 35 — 235, 16. Zu bemerken ist, dafs 
in beiden Relationen, ebenso wie auch in dem Excerpt des Chron. 
pasch, p. 66, 20, Belos mit einer Regierungszeit von 2 Jahren aus- 
gestattet ist. Ebendeshalb aber wird man auch die Aenderung Carl 
Müllers von ß' in 5/?' nicht gut heifsen können. 

Frg. 6 S I = Cramer p. 235, 24—34. 

$ 2 = Cramer p. 235, 35 — 236, 4. 
S 3 = Cramer p. 236, 9—13. 



*) Hierfür möge namentlich auf einen Punkt aufmerksam gemacht werden : Georgios 
Monachos übergeht, ebenso wie Joannes Antiochenus, in der assyrischen Königsreihe den bei 
Malalas zwischen Picus und Ninus vorhandenen Belos (s. Bonn. Ausg. des Malal. p. 18, 7}« 



59 

S 4 stimmt im ganzen mit Cramer p. 236, 13 — 2,0, doch nennt der 
Cod. Paris. 1630 allein die Mutter des Hermes-Faunus, Mamq ff ^IwaXtxij. 
Cedrenus I, p. 32» 11 hat den Namen zwar ebenfalls, aber er schöpft 
an jener Stelle bestimmt nicht aus Malalas, sondern aus einem ver- 
wandten Berichte, vermuihlich dem des Joannes von Antiochien (vergl. 
Geizer, Africanus p. 75). 

55 = Cramer p. 236, 21 — 237, i. 

56 handelt über Herakles, den Sohn des Zeus-Picus und der 
Alkmene, und .bildet eine nicht unerhebliche Erweiterung unseres 
Malalastextes, denn in den übrigen Versionen desselben finden sich 
nur zwei kurze Andeutungen der im Cod. 1630 bewahrten Erzählung, 
eine nämlich im Oxforder Malalas p. 34, 15 f. ed. Bonn.: 'O ii nj^- 
€$QtifA4yog ntxog 6 xal 2kvg iy xoXq äytOT^QOtg xqovotg StS^ß ^^ "^op 
'EQf$^p xal %6v ^HQanlia xci aXXov kvL (vergl. auch Malal. p. 161), die 
andere in der Epitome des Chron. pasch, p. 69, 7—8: 6 avtog Iltxog 
6 Med jSsvg i&xs fkevd roy 'EQfk^y xccl 'HQaxiia xci f*6t* iiutyoy kwX. 

S 7 = Cramer p. 237, 2 — 9 u. Chron. pasch, p. 82, i — ^4. 

$ 8 = Malal. p. 23, 1—24, 18. 

$9 « Malal. p. 24, 19—25, 6. 

$ IG, II u. 12 =s Malal. p. 25, 18 — 27, 14. Cramer II, p. 237, 10 — 
238, 20. Chron. pasch, p. 84, 15 — 86, 13. 

S 13 enthält einiges Selbständige gegenüber den Relationen des 
Mal. p. 27, 15—18 und des Chron. pasch, p. 86, 14 — 17. 



Cod. Paris. 1630. 
Merd JSä&igtp ißaci- 

dkufad 6 xal KaqaxWy 
aif ov ol %&v AtyvTt- 
tUey dvvdiftcu %^ iTua- 
rvfUap sXaßoy Otzqati, 



Malalas. 

ievg ikczd tr^y ylxijy 
xatalaßmy r^y Aiyvn- 
Toy xeXevrq' xal ißaai- 
iUtiofe /mt' ctvvoy t^g 
T&y AlyvmUay xd^g 
Oagaci 6 xal Maqaxd 
xalovfAcyog, Kai ix tov 
avTOv yäyavg ißaalksv^ 
fSay Atyvmicay ol lot- 



Chron. pasch. 

'O di SdOüMfrgtg ßa- 
iUlsvg (ietd %^y yixffy 
xaralaßdy t^y Ai- 
yvTTcoy TsXavtq , xai 
ißaxAlewfey /imt' ahroy 
r^ Twy AlyvTviUoy 
X^i^g 0ccQaci xal 
Ndx<ü^ xaXovfMsyog, xal 
ix TOV avjov yiyovg 
ißaiSiXavtUxy Atyvmlwy 
oi XoiTwi. 



noL 

S 14 =» Malal. p. 28, I — 29, 17. 

S IS = Malal. p. 30, 4 — 31, 8; 40, 2. Cramer ü, p. 238, 21—31. 
Chron. pasch, p. 76, 11—77, ^8. 

S 16 = Malal. p. 32, I — 12. Cramer p. 239, 13—24. 



6o . 

517 = Malal. p. 34, 6— 10. 

$ 18 = Malal. p. 34, 10—17; 35, 5 -37, 16. 

S i8* = Malal. p. 38, i— 16. 

S 19 = Malal. p. 38, 17—39,5- 

S 20 = Malal. p. 39, 5 — 9. Chron. pasch. 73, 21 — 74, 3. 

Ein glücklicher Zufall ist es, dafs sich für die im Vorhergehenden 
detaillierten Fragmente 4 und 6 die Parallelberichte des Joannes An- 
tiochenus in den Excerpta Salmasiana und tuqI dQer^gt sowie in einigen 
von C. Müller und Geizer gleichfalls dem joanneischen Geschichts- 
werke zugewiesenen Artikeln des Suidas erhalten haben. Da ersehen 
wir denn, dafs der joanneische Bericht nicht unerheblich') von dem- 
jenigen des Cod. 1630 abweicht, wenn es sich auch andererseits zeigt, 
dafs Joannes Antiochenus in der Hauptsache dem Malalas gefolgt 
ist.*) Zur Erklärung der Abweichungen brauchen wir jetzt nicht 
mehr zu der Annahme einer Doppelredaktion dieses Theiles des joan- 
neischen Geschichtswerkes unsere Zuflucht zn nehmen, sondern es be- 
bestätigt sich durch dieselben vielmehr aufs beste der von Gutschmids) 
aufgestellte Satz, Joannes habe in der Weise den Malalas ausgeschrie- 
ben, dafs er unter Beseitigung der gröbsten Irrthümer dessen Angaben 
aus anderweitigen Quellen ergänzte. Für den Bericht über die Götter- 
könige scheint er zur Controle die Chronik des Africanus herangezogen 
zu haben. 

Frg. 8, $ I — 5 (Müller p. 545) enthält nichts, was sich nicht in 
dem entsprechenden, übrigens weit ausführlicheren Passus des Oxforder 
Malalas p. 45, 11 — 52, 17 findet. Nur die Tochter des Nycteus heifst 
im Cod. Paris. 1630 Kakkwni^s was jedoch unzweifelhaft nach dem 
Baroccianus in lAmwnij zu verbessern ist. 

Im Cod. Paris. 1630 schliefst sich an Frg. 8 zunächst die lieber- 



1) Man vergl. darUber im AllgemetDen die Ausführungen von Geizer, Africanus 
p. 69<-83. Hervorbeben wollen wir hier nur einen Hauptpunkt: Malalas kennt als älteste 
assyrische Könige den Kronos — Zeus — Bclus — Ninus — Thuras, Joannes. Antiochenus 
dagegen hat in richtiger Kritik den Belus ausgemerzt 

^) Die Ucbereinstimmung ist zum Theil wörtlich, so z. B. in dem Bericht Über 
Herakles, den Sohn des Zeus und der Alkmene. Hier zeigt Joannes Antiochenus 
(Excerpta ntgt itQtttjg ed. Vales. p. 778) nur in ein paar Kleinigkeiten Verschiedenheit 
von Malalas (Cod. Paris, 1630, p. 543 Müller): statt cTo^or Xiovtog tfOQouyrtt schreibt er 
JoQay (f^fQoyra, und ferner äj(Qi dnvaroü statt ^ij^Q^ d-avaiou. Da sich diese beiden 
EigenthUmlichkeiten auch in der Parallel version des Cedrenus p. 33, i — 16 wiederfinden, 
so ist zu vermuthefl, dafs dieselbe aus Joannes von Antiochien stammt, uro so mehr, da 
auch aus sonstigen Grtinden (Geizer a. a. O. p. 75) wahrscheinlich ist, dafs Malalas hier 
nicht die Quelle des Cedrenus war. 

3) Grenzboten 1869, p. 330 ff. 



6i 

I 

Schrift Aoyog devreqog. Dies stimmt insofern mit Malalas, als dasjenige, 
was im Cod. Paris, auf die Ueberschrift unmittelbar folgt, allerdings 
den) zweiten Buche der Chronographie desselben angehört. Bald aber 
reihen sich dann weiter daran Excerpte aus dem III. und IV. Buche, 
ohne dafs dies besonders angemerkt wäre, ferner stammen auch die 
der Ueberschrift unmittelbar vorausgehenden Excerpte ebenfalls schon 
aus dem 11. Buche') des Malalas, und wir werden somit jene Ueber- 
schrift nicht als aus der Quelle des Eclogarius entnommen, sondern 
als eine erst von ihm fiir seine Excerpte gewählte Eintheilung anzusehen 
haben. Uebrigens enthält der S l dieses uioyoq devr^gog nichts, was 
man nicht bereits bei Malal. p. 53, 15 — 56, 3 und bei Cramer II, p. 239, 
25 — 240, II liest. 

Frg. 9 (Müller p. 546 Anmerkung) bildet wieder eine Ergänzung 
zu Malal. p. 57 f. und der Epitome Cramers II, p. 240, 12 — 20. Die 
beiden letzteren nämlich erzählen nur die Wanderung des Abraham 
aus Ur^) in Chaldäa nach Carrhae in Mesopotamien, übergehen da- 
gegen die Uebersiedelung desselben von Carrhae nach Palästina. Diese 
nun berichtet der Cod. Parisinus, begeht daher allerdings den Fehler, 
dafs er Carrhae einen Berg in Chaldaea nennt. Den Grund dieses 
Fehlers aber können wir noch aus Joannes von Antiochien erkennen, 
dessen erhaltener Parallelbericht (Excerpta de virt. p. 778 ed. Vales 
= Müller Frg. 8) sich gleichfalls eng an Malalas anschliefst. Dort finden sich 
nämlich die Worte des Malalas noch in richtiger Fassung: dysx^^V^^ ^^o 
Ka^^v OQtoi^ Xaldcckay ti^ f^<^ vw n<naik&v xd^ag xal mxffiiBy xtXj), 
während der Cod. 1630 äyexf^fV'^ ^^^ Ka^v (em. Müller, Kaq&v cod.), 
ia%hv oqog XahSaiag, ncai mx^y xtX, bietet. Es ist klar, dafs entweder der 
Eclogarius des Cod. 1630 die Verwechselung von oqo$ und OQog beging, 
oder dafs bereits in seinem Malalasexemplar o^v in o^ovg verderbt 
war. — Die Schlufsworte unseres Fragmentes: Kai daiv and xov 
xataxXwffiov kog lißgadfA Stil ,ytpf*e' stehen auch bei Malalas p. 58, 19, 
nur ist die Zahl dort in ,ififß(*e' verderbt. 

Frg. II, S I deckt sich mit Cramer 11, p. 240, 20 — 33 und Malal. 
p. 57, 10 — 58, 10, doch fehlt bei letzterem der Anfang: Vo^da»^ di 
7fota§wg OVTW Xiyera$ Ad t6 cv^i^iywo&at ivo afw, ^Ioq t€ xai Jdvfjy, 



<) Die Ueberschrift des II. Buches ist freilich im Baroccianus verloren gegangen, 
doch begann dasselbe bestimmt mit p. 22 ed. Bonn. (Vergl. die Note von Dindorf.) 

*) Ur wird zwar nicht ausdrücklich genannt, vergl. jedoch die ähnliche Version bei 
Cedrenus p. 48. 

3) Aus Joannes Antiochenns stammt auch der gleichlautende Bericht des Suidas 
V. JTi^tijjf. 



62 

Es ist um so weniger Grund, diese Worte dem Malalas abzusprechen, 
da sich dieselben genau so bei Suidas v. ^loQÖdp^ finden, während die 
Fassung des Joannes Antiochenus (Frg. lO Müller) ein wenig divergiert. 

S 2 fehlt ebenfalls in den erhaltenen Auszügen des Malalas, findet 
sich aber wörtlich bei Suidas v. Scqovx (durch Vermittlung des Joannes 
Antiochenus). 

S 3 bildet eine brauchbare Ergänzung zu Malal. p. 58, 14— S9i 4 
und Cramer 11, p. 240, 33 — 241, 5. 

5 4 = Cramer II, p. 241, 6 — 15 und Malal. p. 59, 5 — 7; 61, 3 — 4. 

S S enthält Mehreres, was bei Malal. p. 61, 15 — 21; 66, 20—67, 7 
fehlt.- 

Frg- 13 S I = Malal. p. 61, 22 — 62, 6. 

5 2 = Malal. p, 62, 6 — 63, 3. 

$ 3 = Malal. p. 69, 3—4. 

S 4 = Malal. p. 69, 19—70, IG. 

S S und 6 haben einiges Selbständige neben Malal. p. 70, 14 — 72, 15. 

S 7 = Cramer II, p. 241, 27—242, 25. 

Frg. 15 S I — 3 stimmt im ganzen mit der Erzählung des Malalas 
p. 76, 10 — 79, 17, bietet jedoch auch Einiges, was sich dort nicht findet. 

543= Malal. p. 79, 20 — 21. 

Die in S 5 aufgezählten Richter sind in den übrigen Malalasauszügen 
nur zum Theil genannt: Gedeon bei Cramer II, p. 241, 27 und Malal. 
p. 72, 16, Samson bei Malal. p. 81, 16. 

Von Frg. 17 findet sich nur einiges bei Malal. p. 86, 19; 90, 9; 
91, i; 143,4—15. 

Frg. 20 berichtigt den Irrthum in der sonst übereinstimmenden 
Erzählung des Oxforder Malalas (p. 81, 17 — 83, 16), dafs Lapathus 
König von Aegypten gewesen sei: er herrschte vielmehr ip %^ x&v 

2. 
In der Moskauer Handschrift des altslavischen Malalas folgt auf 
die Schlufsworte des VII. Buches (Bonner Ausg. p. 191, 5) eine umfang- 
reiche, 30 Blätter füllende Darstellung der Lebensgeschichte Alexanders 
.des Grofsen, welche Obolenski für Einschaltung des Uebersetzers aus 
einem «Alexanderbuche» erklärte, Haupt ^) dagegen dem Malalas selbst 
als Eigenthum vindicieren möchte. Haupt beruft sich für seine Annahme 
auf die Schlufsworte jener Alexanderepisode, welche ihm einerseits mit 



>) Hermes XV, p. 233 f. 



Ö3 

einer Stelle des Oxforder Malalas (p. »95. 15), andererseits ttiit den 
aus Malalas stammenden Angaben des Chronicon paschale (p. 321 ed. 
Bonn.) übereinzustimmen scheinen. Eine Gegenüberstellung beider 
Texte wird lehren, wie weit die Ansicht Haupts Berechtigung hat. 



Obolenski p. XXXV. 

i^^ di 6 ^AlilSaydQog STfj Xß xal 
ißita otnwg * äno x' h&y ^^^aro 
ßatuleve&y xal hij $ß' inoHiMifiEV. 
UoJi&iMüv di ivUffSs xal imdrä^e ßaq- 
ßctQwy id'iffi xß' xal *EXXiqv(av 
ffvXaq d\ *) SxtKfs di noXkV 
^^Xs^ayögetay t^y iv Atyvm(a'^)j 
ItiXhl^dpdquav t^y xqavovcaVj 
ItiXel^dvdQe^av t^v iv ^xvd'iq, 
l^i^dydQs^av v^y inl tov Kqovnidog 

norafwvj 
*AXi^dvdQ€ta^ xriif inl Tgoxidog, 
l/iXifyivd^iav f^v iy BaßvXtaviq 

inl TOV Tiyq^doq norafwVj 
l/iXs^di^Quay Ti^v inl MtfSayyov- 

ItiXf^dydQ^tay T'^y inl Tfjq Kt^ne^ag, 
l/iXi^dydQtuxr t'^v inl t&v iTunxwy 

xttfaXävj 
IdXt^dvdqstay r^v inl JIciQOV» 
^Eysyyif^ di 6 ^AXi^aydQog ft/i^yl 
tayovaqiff etg ytofk^yiay dya- 
%iXXjoy%oq tov ^XioVj dni&ave 
6i fkffyl änQtXXkA stg veofHjytay 
dvoyrog voS ^XUw xrX, 



Malalas p. 195, 15 — 18. 

e^ifiS di 6 avzog ^AXßSaydQog erij 
Xg'j ißaaiXiwSe di vnovd^ag xd 
ndyca svij 1^ , 6 di noXifwg aviov 
ixQdtffi^y «riy x^'j rnira^s di ßaq- 
ßdQtöp ix^yti xß'j 'EXXijywy ffvXdg 
ly', xal ixttffß TwXs^g avrog xal ol 
lux' avTOv noXXdg, 

Chron. pasch, p. 321, 6 ff. 
^AX^aydgog exT$C€ noXetg tß'j idv a\ 

nQO(f^yoQla$ avrat. 
l^X&^dydgetay t^y nagd Ueyrdnohy^ 

nqoTSQoy Xtxxovy xaXovfj^yfjy, 

Mifuf^oag ovcay ifinogtoy. 
^AXt^dydQftay x^y nQog Aiyvnxoy, 
l/iXi^dydQ€$ay x^y ngog 'Aqnay. 
IdX^dydqtuxy xi^y KaßUatSay, 
^AXs^dydQttay x^y xal Sxvd-iay iy 

Atyaioig, 
lAXe^dydo^iay xijy inl JIoiQtp. 
l^Xe^dydQftay x^y ncgl Kvnqidog 

noxaikoy. 
^AXe^äydQ€ucy x^y ixA TQwddog. 
^AXal^dydQemy X'^y inl BaßvXtayog. 
lAXi^dydQ&ay x^y inl Medacyayig, 
liXhSdyÖQeiay x^y inl ni(fittg. 
^AXt^dyS-Qstay x^y Kdöoy, 



*) Richtiger liest man td' im Moskauer Synodalcodex No. 280, welcher ebenfalls 
eine altslavtsche Malalasttbersetzung enthält, die im Uebrigen ganz mit den von Obolenski 
mitgetheilten Elxcerpten übereinstimmt. 

«) Nach *AX, T^y iw AlyvnTtfi nennt der Synodalcodex das *Aktlayd^ut nqog "AQnay 
des Chronicon pasch., welches in der andern Handschrift jedenfalls nur durch Versehen 
ausgefallen ist. Ebenso wurde ursprünglich für 'AXt^ayd^nty r^y iy BaßvXtayi^ int 
TOV TiyQtdog notafiov wohl gelesen 'AXt^ayifQtHty T^y iy BaßvXmyif^, 'AXdaydqtMty r^y 
inl tov Tiy^&dog nout^ov (vergl. Pseudo-Callisth. III, 35 ed. Müller). So kommt auch 
die übliche Zwölfzahl der Städte heraus. 



64 

Man kann ohne grofse Mühe erkennen, dafs die beiden Versionen 
doch nur scheinbar identisch sind. Denn nach Malalas lebte Alexander 
36 Jahre, dagegen nach der slavischen Ueberlieferung 32 Jahre, nach 
Malalas regierte er 17 Jahre und fiihrte von diesen wiederum 9 Jahre 
Krieg, während er nach dem Slaven 12 Jahre regierte und kriegte. 
Ferner unterwarf er nach Malalas 13 hellenische Völkerschaften, da- 
gegen nach dem slavischen Uebersetzer 14. Endlich weicht doch auch 
der Städtekatalog des Slaven in einem erheblichen Punkte von dem- 
jenigen des Chronicon paschale ab, indem letzteres das ^AL 17 inl 
TiyQidoq notafwv nicht bietet, dafür aber das beim Slaven fehlende 
^AX, ^ nagd Ileyidnohv nennt. 

Das sind Abweichungen, die sich nicht durch die Annahme von 
Schreibfehlern erklären lassen. Vielmehr haben dieselben in letzter 
Instanz ihren Grund in der Benutzung verschiedener Recensionen des 
Pseudo-Callisthenes, der gemeinsamen Quelle des Malalas sowohl wie 
der Alexandergeschichte der Moskauer Handschriften. 

Schon Jagic im Archiv f. slav. Philologie a. a. O. erkannte, dafs 
der slavische Bericht der durch den Codex C (bei Müller) vertretenen 
Recension des Pseudo-Callisthenes nahe verwandt sei. In der That 
genügt es, zum Beweise hierfür den einfachen Wortlaut jener Recension 
beizubringen: 

Pseudo-Callisth. III, 35 (p. 151 Müller) "'ECffiev o Uli^ardQog erij 
TQKxxohfra dvo ' ißUaas di ovttog * und HxofUy irüif ißa(fllevöiBy hif tß' ip t^ 
mQ^ytici [TwXtiAiiiv di ivixfffsv. 'YTihcä^e di ßdqßaqa i&yfi xß' ' *Ekli^y(ay di 
ifvldg td'.]^) "Extuss di nölstg öwöexa ratfrag. a l^le^ähfÖQSUXff %^v xax' 
AtyvTtxov, ß' lfiXs^dyiQ€uic$^ %^v it^ ^Ognfi ovdav. y ^Ahs^dpd^uiv ri^y 
ctg Kqdrufxov. d' lAl^dvdqHav r^tf iv Sxv^iq rii y^, £ ^Al^dvignav 
%fiv in\ KQfjTildoq narafwv, g' Itilel^dydQeucv t^ irü Tqfoddog. f ^AXt^dv- 
ÖQfiap %fiv iv BaßvXwvt, fj'" ^Ale^di^Qetai' tiJv ftg Ile^iav, -^ lil^dy- 
dQStav rijt^ ini Bavxsifdha %7i7m, ^' ^AXt^dvdQeucy t^ inl rcjS JIwQia. 
ia ItiXe^dydQfuxy z^v inl TiyQtdog notaiwv. &ß' l^lelSdrSfetap Tijy inl 
MeacyyUna, [^Eyeyyi^ füy 6 lil^atfdqog fj^yog "^ lavvavaqUw vso^viq, 
dvaxoXi^ oinff/fg tov ^Xlov ' itsisvifffe ii fjnjyog "AngiUSov psofi^tflff, ivonag 
ownig Tov ijXhv xrX,]^) 

Nicht so klar liegt die Sache in Bezug auf Malalas, da der Codex A, 



>) Die eingeklammerten Worte h»be ich aus der von Müller in den Text gesetzten, 
verwandten Recension hinsugefügt. 

«) Die in Klammem geschlossenen Worte sind wieder aus dem Texte Müllers 
beigefügt. 



65 

mit welchem die von ihm befolgte Recension Aehnlichkeit zeigt, gerade 
mehrfache Corruptelen aufweist. Dagegen tiitt hier nun zum Glück 
ein bisher noch gänzlich unbeachtet gebliebener Bericht ein, welchen 
die zuerst von Scaliger unter dem Titel Excerpta Latina Babari und 
neuerdings in authentischer Form von A. Schöne (Eusebi Chron. I, 
Appendix VI) edierte, alexandrinische Chronographie bewahrt hat. Ich 
lasse zunächst den Text (p. 34a. Schöne) nebst Retroversion folgen: 



Vixit autem Alexander annos 
XXXVI Regnauit quidem annos 
XVn sie. Pug^avit enim annos 
VIDI usque dum factus est anno- 
rum XXVm lUos autem alios octo 
annos uixit in pace et securitate 
subiugauit autem gentes barbaras 
XXn et Grecorum tribus XIII Con- 
didit autem Alexander civitates XII 
Qui usque nunc inhabitantur 
Alexandriam qui in pentapolim 
Alexandriam qui in Aegyptum 
Alexandrium qui ad arpam 
Alexandriam qui cabiosum 
Alexandriam Scythiam in Egeis 
Alexandriam qui in poro 
Alexandriam qui super Cypridum 

fluuium 
Alexandriam qui in Troada 
Alexandriam qui in Babylonia 
Alexandriam qui in mesas gyges 
Alexandriam qui in Persida 
Alexandriam fortissimam et mor- 

tuus est. 



^EnoHiMfie ydg et^ -^'j ydxQ*^ oi 
iyivezo irtay xifj rd di aXhx tf evfi 
e^ffi€V iv ^^QV^Jl ^^^ d(/beQ$(Apiq. 
*T7ri^¥V^€ dt ßaqßdqfav €&yij xß' 
xa\ *EXX^pa>y ifvXdg »/. ^ExTKfs di 
Itili^apdqoc nolag iß'j aH&pec ju-^X^ 
tov vvv xavoixovyTat' 

lfiXf:^dpdQ€uxp T^y sig Ihi^rdnoXiv 
^AXf^dvÖQfutv T^v slg AXytmvov 
IdXs^dvd^Kcv r^v Ttqag "Agnav 
^Ale^dyÖQttap r^ KaßUaaav 
IdXt^dvdqeuxv Sxiyd-iap iv Alyatoig 
IdXtidvdqt^av z^v iv HoigM, 
ItiXe^dvdQSuxy ri^y inl KvrtQidog no- 

Tafwv 
J/iXe^dydqeiap Tfjv äq Tgtadda 
l^lf^dvögetap x^v ep Baßvhavia 
Itile^dvÖQciap t^v dg MeCaöyvyig 
lAXs^dydqsiav rriv ctg Ihgdida 
^AXe^d$^Q€Mxp %^v KqdvifSroVj xal 

drtid'avsv. 



Es soll an einem andern Orte ausfuhrlich bewiesen werden, dafs 
das griechische Original der Excerpta Barbari etwa in der Zeit des 
Malalas eine Ueberarbeitung erfahren hat, deren Urheber zwar kaum 
den Malalas selbst, wohl aber eine auch von jenem benutzte Quelle 
zur Ergänzung seiner Vorlage verwandte. Jedenfalls ist die Ueber- 
einstimmung zwischen dem Berichte des Barbarus einerseits und dem- 
jenigen des Oxforder Malalas sowie des Chronicon paschale anderer- 

5 



66 

seits so genau, daTs dadurch die Textüberlieferung des ursprünglichen 
Malalas genügend gesichert erscheint, i) 

Dann aber kann die Alexandergeschichte der Moskauer Hand- 
schriften nicht in der Chronographie des Malalas gestanden haben^ 
vielmehr wird man annehmen müssen, dafs der altslavische Uebersetzer 
erst dadurch, dafs er bei Malalas den Pseudo-Callisthenes benutzt fand, 
veranlafst wurde, auf diesen selbst zurückzugreifen, nun aber zufallig 
nicht an die von Malalas ausgeschriebene Recension des Cod. A (Müller), 
sondern diejenige des Cod. C gerieth, die er dann auch da vorzog, wo 
er den Text des Malalas hatte. Weiter endlich wird man jedenfalls 
schliefsen dürfen, dafs Malalas die Alexandergeschichte nicht in dem 
Umfang, wie sie sich beim Altslaven findet, in sein Geschichtswerk auf- 
genommen hatte. Denn was hätte letzteren sonst bewegen können, auf 
Fseudo-Callisthenes zurückzugreifen? Dagegen ist es nicht unwahrschein- 
lich, dafs sich in dem ursprünglichen Texte des Malalas über Alexanders 
Leben aus Pseudo-Callisthenes noch dies oder jenes Stück vorfand, 
welches die erhaltenen Auszüge nicht bieten. So z. B. mag wohl das 
Testament Alexanders, wie es sich in den Excerpta Barbari p. 33b 
findet, auch bei Malalas gestanden haben« 



i) Der Text des Codex A (bei Müller p. 151) dürfte demnach folgendermafsen her- 
zustellen sein: ^Eßiiaci fitv olv 'Aki^ayd^cs hti X[c;'], dn6 tS-' (cod. m) ircSv d^iafityoc 
noXifitiy inokifitjoiv hii 9' (cod. *^'), fif/Q^S xfe'] ytyiytiTM, rä di aXka [V] if' t^i^fH 
»tti dfAtqifjivii} xal ii^tfQocvyp J^C^ffc»'. ^Ynira^y t^yti ßttqßa^y xft^ *EkHyiay ly (cod. » ). 
"ExTKfi nolag »/J* (cod. *y), aVrtyt^ f^^XQ* ^^^ ^^^ xarotxovyrat xrX. Auch das sich 
anschliefsende StHdteverzeichniOi ist lückenhaft; es sind nur acht Städte genannt 



YI. 



KON RAD TRIEBER 



Kritische Beiträge zu Africanus. 



5* 



Die spartanische Königsliste ist für die ältesten Seiten nach der 
Bemerkung des trefTlichen Joh. Brandts i) so wichtig, dafs es kaum 
einer Entschuldigung bedarf, wenn dieselbe hier von Neuem*) zum 
Gegenstand einer Untersuchung gemacht und womöglich zum Abschlufs 
gebracht wird. 

Nachdem Eusebius im ChroniconS) die Liste Apollodors mit den 
Worten Diodors wiedergegeben hat, läfst er seine eigene abweichende 
folgen. Peinlich wird man überrascht, wenn man am Schlüsse 4) eben 
dieselbe Bemerkung liest, welche sich bei ApoUodorS) findet und 
dort zutrifft, dafs das zehnte Jahr des Alcamenes mit dem ersten 
Jahr der ersten Olympiade zusammenfalle. Denn bei Eusebius trifil 
sie nicht zu, sondern es fällt thatsächlich erst das letzte Jahr des 
Alcamenes in Ol. i, i, wie er es selbst im Canon ganz augenscheinlich 
vor aller Welt darthut. 
Die verbesserte Liste des ApoUodor: Eusebius und Hieronymus^): 

1. Eurypon 42 1103 — 1062 42 1101-— 1060 

2. Agis 317) 106 1 — 103 1 1 1059 

3. Echestratus 35 1030—996 35*) 1058 — 1024 



*) Brandis, de temp. Graec. antiqu. rat. Bonn 1857, p. 26 f. 
«) Nachr. d. K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1877, 319 fT. 

3) Eus. ehr. I, p. 221 ff. Schoene. 

4) Eus. L c. p. 225, 4: «Alcamenes annos xxxvii, cujus anno x. prima olympias 
constituta est.» 

5) Apollod. nach Diod. bei Eus. 1. c. p. 223, 13: chujus (Alcamenis) regni anno X. 
contigit constitutio olympiadis primae». 

6) Im Canon beginnt Eusebius a. A. 916 (was bei ihm dem J. iioO, bei Hieronymus 
dem J. 110/ entspricht) und endet mit a. A. 1240. 

7) So emendirt Clinton, Fast. Hell I, 332, A. v. Gutschmid zu Euseb. ehr. p. 223 
N. 2 und L. V. Ranke, Weltgesch. I, 2, 299 A. Sie nehmen eine Verderbnifs von JA' in 
A' an. Die Zahl i sucht trotzdem H. Geizer, Africanus I, 142 A. 3 aufrecht zu halten. 

<) Im Chrontcon ist die Zahl 35 der Hs. N nicht in den Text aufgenommen wor- 
den, obwohl sie durch den Canon sanktionirt ist. Die übrigen Hss. haben 3?. 



70 
Die verbesserte Liste des ApoUodor: Eusebius und Hieronytnus: 



4. Labotas 


37 


995 959 


37 


1023—987 


5. Doryssus 


29 


958-930 


29 


986 — 958 


6. Agesilaus 


44 


929 886 


44 


957—914 


7. Archelaus 


60 


885—826 


60 


913—854 


3. Teleclus 


40 


, 825—786 


40 


853—814 


9. Alcamenes 


38 


785-748 


37 


813-777 


lOtes J. des Alcam. 


n^ 


325 





Statt der 356 J. des ApoUodor erhält Eusebius somit durch die 
Verkürzung der Regierungsjahre des Agis (i statt S\) und Alcamenes 
(37 statt ^8) nur 325 J. als Gesammtzahl. Dafs Eusebius selbst diese 
Kürzungen nicht vorgenommen habe, geht daraus hervor, dafs die 
Excerpta lat. barb.') gleichfalls die 325 J. haben. Nach ihnen regieren 
die spartanischen Könige vom 20ten J. des Saul bis zum iten J. des 
Achaz, in welchem die erste Olympiade stattgefunden hat. Dieser 
Ansatz der ersten Olympiade weist indessen auf Africanus als auf 
ihren Ursprung hin.*) 

Zur Gewifsheit wird aber diese Schlufsfolgerung durch die Nach- 
rieht desMalalasS) erhoben , dafs Africanus in der That 325 J. für die 
Herrschaft der spartanischen Könige festgesetzt habe. Somit ist die 
Zeit ihrer Regierung nach Africanus a. m. 4201 — 4725 (= iioi — ^^^ 
a. Chr.), also ganz wie bei Eusebius. 

Daher dürfte die ursprüngliche Liste des Africanus in folgender 
Weise4) herzustellen sein: 

1. Eurystheus 42 iioi 

2. Agis 2 1059 

3. Echestratus 34 1057 



<) Exe. lat. barb. tab. 42»^: «regnaverunt et Lacedemonii per annos CCCXXV et 
defeceruot in prima Olympiade, quae facta est sub Achaz regem Judae .... anno vicesimo 
Sahul initiaverunt Lacedemoniorum reges et defecerunt in anno primo Achat.» 

*) Scaliger, animadv. in Euseb. p. 69 a. 

3) Malal. IV p. 37 A: ißacilivffe roSv Aax§datfioyiiay n^MTos E^vü^svg hti fAß\ 
xat älXot ßafftXiis fut* a&roy 17' ifiov ißaciUvcay hfi Cftc;' xat d 'Alxafuyiis htj kC*. 
xai xariaj^ty v ßaffkXiia JfUfffutfxoymv tä nttyra IT17 rxc\ tis 'At^^txayog 6 coquO' 
TOTOS ffvyey^aiffttTo» 

Es ergeben sich daher: Eurystheus 42 J. 

8 Könige 246 
Alcamenes 37 

325 
Cedrenus p. 215, 23 Bonn, hat 325 J. ebenso wie das ^qoyoy^affi. ffvvT. p. 88. 

4) Die Gelzer'sche Liste 1. c. p. 148 f. weicht schon deshalb ganz ab, weil er sie 
1095 A* ^^^' beginnen läfst 



7« 



4. Labotas 


37 


1023 


5. Doryssus 


29 


986 


6. Agesilaus 


c 






9tai MeifiXaoq 


44 


957 


7. Archelaus 


60 


913 


8. Teleclus 


40 


853 


9. Alcamenes 


57«) 
325 


813—777 


10. Automedus 


25 





Den märchenhaften König Cemenelaus hat, wie Scaliger andeutet, 
der unwissende Verfasser der Excerpta lat. barb. wohl aus einem 
ursprünglichen ^^yffallaog oder ^ xal MtyiXaog in die Welt gesetzt. 
Dieser gab ihm auch 30 Regierun^sjahre, weil er das 6 oder ^ für eine 
Zahl gehalten zu haben scheint. Doch kennt auch Malalas 8 Könige 
zwischen Eurystheus und Alcamenes. Vom letzten Könige Automedus 
meinen die Meisten, er sei mit dem letzten korinthischen Könige Au- 
tomenes verwechselt; Unger*) nimmt an, es sei Aristodemus, der 
Vater des Eurystheus, nachträglich hinein geschwärzt worden; Carl 
Müllers) dagegen glaubt, es habe ursprünglich dagestanden: l4hca- 
lUvfUi xCj avToae iJC xs (i. e. xitvai). Das hätte der unwissende 
Scribent für AvrofAsdag xe' gelesen, wie er denn auch in der attischen 
Liste aus d$d ßlov einen König Diabeus gemacht habe. Allein so 
scharfsinnig dies auch klingt, es entspricht nicht der Wahrheit, wie 
sich bald zeigen wird. 

Dafs Africanus selbst diese Reduzirung der Gesammtjahre des 
ApoUodor vorgenommen habe, ist von vornherein wenig glaublich. 
Da sich aber an anderer Stelle 4) bereits ergeben hat, dafs Clemens 
Alexandrinus schon davon Kenntnifs hatte und sie falsch verwerthete, 
so kommt uns B. G. Niebuhr5) mit seiner Behauptung zu Hilfe, dafs 
Clemens, Tatian und Theophilus schwerlich den Berossus, vielleicht aber 
auch lUcht mehr den ApoUodor, im Original vor sich gehabt haben. 
Eusebius wenigstens kennt ihn an unserer Stelle nur aus Diodor. So 
gewinnt es denn den Anschein, als ob entweder ein verhängnifsvoller 



>) Der Text bietet nur 27 J. Die Verbesserung ist aus Malalas herübergenommen, 
s) Unger, ChronoL des Manetho BerL 1867. 

3) Müller, F. H. G. V, 2, p. XXXVIL 

4) Nachr. d. K. G. d. W. Gott. 1. c. p. 323 f. Clem. Alex. str. I p. 327 A = 
Apollod. fr. 74. 

5) Niebubr, kl. Schrift. I, 187 in der über alles Lob erhabenen Abhandlung «Histo- 
rischer Gewinn aus der armenischen Uebers. der Chronik des Eusebius.» 



72 

Schreibfehler sich in die ältesten Handschriften des Diodor ein- 
geschlichen, oder als ob Diodor selbst vielleicht in seiner gewöhn- 
lichen Fahrlässigkeit dem Agis 30 J. genommen habe. Bei dem 
gedankenlosen Arbeiten der späteren Chronographen wurde dieser 
Fehler nicht blofs übersehen, sondern sogar für neue Ansätze zu 
Grunde gelegt. Dies ging bei Eusebius so weit, dafs er in seiner 
Chronik ganz im Widerspruch mit seiner eigenen Liste (im Canon 
und in der Chronik) in das lote J. des Alcamenes die erste Olympiade 
setzte, offenbar blofs, weil es im Diodor gradeso zu lesen war. Und 
vielleicht schrieb er den ganzen Abschnitt gar nicht aus Diodor, son- 
dern aus Africanus ab. 

EJTie ähnliche Verschiebung und Verkürzung der Zahlen erlebt 
man in der korinthischen Königsliste nochmals bei Eusebius. Ob- 
wohl er die Liste des Diodor überliefert'), die ihrem ganzen Inhalte 
nach auf ApoUodor zurückzufuhren ist, so hat er selbst in der Chronik 
sowohl als im Canon*) wiederum eine ganz abweichende. 

ApoUodor Euseb. Sync. 3) 



I. Aletes 


38 


35 38 


2. Ixion 


38 


37 38 


3. Agelas 


37 


37 35 


4. Prymnes 


35 


im Uebrigen 


5. Bacchis 


35 


wie bei 


6. Agelas 


30 


ApoUodor 


7. Eudemus 


25 




8. Aristomedes 


35 




9. Agemon 


16 




IG. Alexander 


25 




II. Telestes 


12 




12. Automenes 


I 





(327) (323) (325) 

Als Summe nennt Diodor mit Einschlufs der jährlichen Pr)*tanen, 
die 90 J. regieren, 417 J.4), was genau zu den 327 J. der Könige 
stimmt. Ferner beginnt nach Diodor die Tyrannis des Kypselos 447 J. 
nach der dorischen Wanderung. 5) Es ist nun die Frage, ob ApoUodor 



») Diod. bei Euseb. 1. c. p. 219 ff. (= Sync. p. 179B.C.D w. p. 180A.B). 

») Euseb. 1. c. p. 221, 18 fF. und canon a. A. 917 — 1239 (Hieron. 916 — 1238). 

3) Sync. p. 180 Bf. 185 Df. Aehnlich Malal. p. 90, 14 Bonn., wo aber 3^3 fllr 3^3 
zu lesen ist. 

4) Diod. bei Sync. p. 180B: ^«*d' ovg h'uevotot nqvtaufkg htj ^' . o/uov wC'. 

5) Diod. ibid. p. 179^: fÄtra dt t^v tovtov (Aletae) Tfkfvr^v 6 TiQtcßvtttTog dfi 



73 

30 J. zwischen der Rückkehr der Herakliden und dem ersten König 
Aletes, oder erst zwischen den jährlichen Prytanen und Kypselos an- 
genommen habe. K. O. Müller und J. Brandts sind fiir die erste 
Annahme, und daiiir spricht der Wortlaut des Diodor, der von einer 
ununterbrochenen Reihenfolge von Königen und Prytanen aus dem 
Geschlechte der Bacchiaden bis auf Kypselos wiederholt und aus- 
drücklich redet. 

Folgendes wäre das Schema des ApoUodor mit Einschlufs der 
Tyrannen: 

Dorische Wanderung 1103 

Könige in Korinth 327 J. 1073—747 

jährliche Prytanen 90 J. 746—657 

K3T)selos 30 J. 656 - 627 

Periander AP^U]- 626—586 

Psamminit 3 J. 585—583- 

Allein der unbekannte Verfasser der ixloy^ l(rfOQuiy schliefst si.ch 
zwar durchgängig genau an die Jahreszahlen des ApoUodor an, wie 
im Jahre der Zerstörung Trojas, der dorischen Wanderung, des Ne- 
lidenzuges*), giebt aber für die spartanischen und korinthischen 
Könige 327 J., und, was das Wichtigste ist, läfst beide in demselben 
Jahre beginnen und aufhören: 3) xal ßa<AXevawu ^ccxsdmfjbSytot gjbcrd 
v6 oydofpco&uop hog Tijg ^iXlov dXfMfsfog' &v TtQätoq olq%b^ ^E^xd-evq (lies 
EvQVffd-evg) inl hf^ fjtß'j xäi naqaniihjui fi^v ßatuXsiav fi^XQ*^ l^heafi£povg 
Tov itf/atavy iq)' av ^ TtQtatti ^OXvf^Tndg- fjX^- *cA ßa(Ui^tg (Jbiy yeyöyafU 
%6v aQi&fWP ivvia. hfi di ain&v %x^. (fwaxfiaj^t di xal ^ Koq^v^Uov 
ßaiuXsia ^axsdaifJtiHU xard Tovg avtovg XQ^^^^ irtHfVcXtSa. &v nq&tog 
ißa<iiXewS€V Idh^f^ St^ Xfj'. xal aTWTt^fAnct r^ ßaOiXelav fi^XQ^ Avto- 
fbiyavg, xai yiroyra^ ßatuXttg tov aQi&fjbdv dcidexa. hti di avräy txJ^, 
IfSa Totg Aaxedai^koüh xal ägxv^ ^dl xiXog iviyxavzsg. 

Wenn in diesem Berichte zwar genau gesagt ist, dafs unter 
Alcamenes die erste Olympias gefeiert wurde, trotzdem aber die 



T&v ixyoytay ißaaiXtvae f*(XQ* ^?^ Kvipikov rv^yvidogt ^tk t^S xa&odov rdy *H^xXfk' 
(fcJr vcT&Qti hns^ vfx^. ^ Eus. L c. p. 219, 30: cquae Heraclidarum imiptione annis 
CCCCXLVn posterior (erat)», p. 180D: ^{ adTtav di (sc. Baxx^deiy) Hva xar* ivtavroy 
p^vyro n^vravhy, bV i'^*' *"o«J ßacikimg ilxt Ta^iy, inl hrj L', fiixQ* ^V^ Kv%pilov tü- 
^yyidof, t^' ^s xarMd'tjaay. 

>) Müller, Dor. I, 88 N. i. Brandis 1. c. p. 23; H. Geizer 1. c. p. 147 hat sich da- 
gegen für die zweite Annahme erklärt. 

«) Troja wird a.m. 4325 = 1183 a.Ch. zerstört, Gramer Anecd. Paris. II p. 197, i. 221,28; 
dorische Wanderung 4405 = 1103 p. 227, 20; Zug der Neliden 140 J. nach Troja p. 228, 32. 

3) ibid. p. 228, 160*. 



74 

Gesammtsumme aller spartanischen Könige nur 327 J. beträgt» so 
würde daraus folgen, dafs der Verfasser seine Nachrichten ebenfalls 
aus einem Texte des Diodor entnommen hat, der jenen alten Zahlen- 
fehler bei K. Agb enthielt Freilich kommen auf diese Weise gar 
nur 32Ö J., und nicht 32/ J., heraus. 

Dafs diese Vermuthung nicht ohne Grund ist, dafiir zeugt der 
Umstand, dafs der Verfasser der ixXoyv ItftoQtäy bei der Bestimmung 
der Lebenszeit des Homer der Meinung des Diodor beitritt,*) obwohl 
sie doch schon von Crates*) vertreten worden war, im Uebrigen 
aber einen anderen Geschichtsschreiber nicht zu nennen pflegt. 

Es geht daraus hervor, dafs dieser Fehler der Diodorischen Hand- 
schriften oder vielleicht gar des Diodor selbst die zweite verhängnifs- 
volle Folge gehabt hat, dafs die Späteren seit jener Zeit die sparta- 
nische und korinthische Königsliste mehr oder weniger eng mit 
einander verknüpften. 

AfricanusS) giebt nämlich den korinthischen Königen 32^}.; sie 
beginnen im 2ten J. des Eurystheus und enden im i5ten (richtiger i^.) J. 
des Joatham. Hieronymus und Eusebius folgen ihm in der Summe der 
Jahre, jener sogar auch in dem Jahre des Eurystheus, während dieser 
schon mit dem iten J. desselben einsetzt. Bei allen diesen hören die 
Könige in Korinth ein bis zwei Jahre vor der ersten Olympiade auf 

Bei Syncellus fallt sowohl der Anfang als das Ende Beider in 
dasselbe Jahr, a. m. 4423 = 1079 a. Chr. und 4745 == Ol. 5, 4. Dies 
ergiebt zwar nur eine Dauer von je 32^ J., allein es müfsten deren nach 
der Summe der einzelnen Regierungsjahre 325 sein, so dafs sie erst 
Ol. 6, 2 hätten aufhören müssen. Dieser seltsame Fehler kommt daher, 
dafs Syncellus sich beim 6ten K. Agelas scheinbar unabsichtlich im J. d.W. 
um drei Jahre irrt, und vom 8ten K. Aristomedes an stets zwei Jahre 
weniger verrechnet. 4) Dies geschieht in folgender Weise: 

5. Bacchis 35 a. m. 4569 

6. Agelas 30 46oi statt 460^ 

7. Eudemus 25 463! » 4634 



>) L c. p. 227, 26: od f^^y ^fjulg yt ffvyjuxrark&ifttd^at xa9^ws J^odtoQog dno- 
dtixyvat^ rovroy (sc. 'Of^i^y) itQO rtjs *HQaiiXiKf<5y xa&odov TfTcJUtrr^xorcr. 

«) Grates bei Sync. p. 180I), wo Alfr. Schoene zu Euseb. ehr. II, p. 58 ntQtxQa- 
njcayra in nt^t K^artiTa schön emendirt, und zwar auf Grund der Parallelstelle des 
Eusebius zu a. A. 914, in der Grates genannt. wird. 

3) Exe. lat. barb. tab. 42 b. 43 a. 

4) Sync. p. i8qC, 185 D. t86E 



75 

8. Aristomedes 35 465/ statt 465 P 

9. Agemon 16 469«^ > 469^ 

u. s. w. 
12. Automenes i 4745 4747 

Dies Alles kann um so weniger Zufall sein, als Syncellus in der spar- 
tanischen Liste von demselben a. m. 4423 ausgeht, sich aber merkwür- 
diger Weise wiederum beim 6. König Agesilaus um 3 J. irrt, *) indem 
er ihm nur 4I J. verrechnet, obwohl er ihm nach den beiden Haupt- 
handschriften, besonders aber B., 4^ J. zuweist. Dieser Irrthum setzt 
sich dann in folgender Weise fort: 

6. Agesilaus 44 J. a. m. 4567 

7. Archelaus 60 46O8 statt 46II 

8. Teleclus 4Ö 4670 ^ 467I 

9. Alcamenes 37 47ÖP » 47JU 

Er schliefst damit, dafs in Sparta der erste Ephor eingesetzt wurde. 
Kurz darauf^) aber bemerkt er am Schlüsse der korinthischen Liste, 
dais die spartanischen und korinthischen Könige bis zur Begründung 
der Prytanie (und selbstverständlich der Ephorie) je 350 J. ge- 
herrscht haben. 

Derselbe Widerspruch besteht beiEusebius: Zu Ol. i, i heifst es: 
«hucusque Lacedaemoniorum leges dominatae sunt per annos CCCL>, 
wobei leges offenbar mit reges verwechselt sind. Trotzdem setzt er 
unter Ol. 5, 4 ausdrücklich die Entstehung der Ephorie an, und Hiero- 
nymus spricht gerade bei dieser Gelegenheit von 350 J. Dabei werden 
sonst bis zum Tode des Alcamenes 325 J. angegeben und im Canon 
so verrechnet, dafs Alcamenes Ol. i, i aufhört. 

Selbstverständlich haben Eusebius und Syncellus ihre seltsamen 
Widersprüche aus Africanus übernommen. Denn die Excerpta lat. 
barb. berichten in der That am Anfang, dafs die spartanischen Könige 
3^5 J. bis zur ersten Olympiade regiert haben, schliefsen aber mit der 
Notiz, dafs das Königthum nach s50 J. aufgehört habe. 

Joh. BrandisS) meint zwar, nach der Rechnung des ApoUodor 
kämen bis zum Tode des Alcamenes 350 J. heraus. Indessen abge- 
sehen davon, dafs hier von der Liste des Africanus die Rede ist. 



>) Sync. p. 185 C. 

*) Sync. p. 186A: oi Jaxtda$f4ovU»v ßactXil^ jttii ol Koqty9'Uav toas rovdi tov 
Xqwov duiqxtaay In^ ry', fAid-' ofc iytawftct n^viayitg. Er fügt hinzu: tSf fziy rtyig, 
ini Aicx^^^"^ ^^jif orro; mal t^g n^rtjs ölvfintadog, tk cT« irtQot, fjittn tavja^ ok i^Qo^ 

3} Brandis 1. c. p. 30. Ihm folgt H. Geizer 1. c p. 142. 




76 

mufste er vorher erst die 38 J. des Alcamenes in ^2 verändern, um 
diese Zahl zu erhalten, was doch nicht angeht 

Kurz, es handelt sich hier um zwei verschiedene Fragen: erstens, 
woher kommt der Wirrwarr von 325 und 350 J.? Und zweitens, wie 
pafst das seltsame Jahr Ol. 5, 4 dazu, das Eusebius und Syncellus 
haben? 

Um mit der Beantwortung der zweiten Frage zu b^^nen, so ist 
bei Hieronymus^) Ol. 5, 4 das erste Jahr des K. Achaz, welches eben 
bei Africanus mit der ersten Olympiade zusammenfällt. Das Jahr 
Ol. 5, 4 = 757 ist demnach nur eine Uebertragung der ersten 
Olympiade des Africanus in das System des Eusebius. 
Syncellus hat jedoch dieses Jahr blindlings von Eusebius übernommen. 
Denn nicht a. m. 4745, sondern 470Ö ist bei ihm*) das erste Jahr 
des Achaz. 

Und wie verhält es sich nun mit der ersten Frage? Diese betrifft 
Africanus allein, und die Excerpta lat. barb. geben denn auch die 
Lösung. In ihrer spartanischen Königsliste, welche 325 J. bis auf 
Alcamenes zählt, fügen dieselben hinter diesen König noch den sonst 
völlig unbekannten König Automedus mit 25 J. an, mit dem Niemand 
was anzufangen weifs. Allein mit diesen 25 J. erreicht Africanus 
wirklich 350 J. So fällt denn dieser Automedus durchaus nicht den 
Excerpta lat. barb. zur Last, sondern er pafst treff'lich zum System 
des Africanus. Woher er ihn genommen hat, wissen die Götter. 

Was kann aber Africanus damit bezweckt haben? Automedus 
würde nach ihm 776 — 52 a. Chr. regieren. Das Jahr 752/1 oder 
Ol. 7, I ist aber bei Africanus das Jahr der Gründung Roms.3) 
Indem Africanus mit diesem Jahre zugleich den Ursprung der Ephorie 
verband, leitete ihn offenbar die nationale griechische Eitelkeit, den 
Beginn des Königthums in Rom und die Abschaffung desselben in 
Sparta mit einander zu verknüpfen. In demselben Jahre, da Roms 
erster König Rom erbaute, sollte das Königthum in Sparta aufhören. 



■) Bei Euseb. ist es Ol. 6, i. 

») Sync. p. 199 C. 

3) Nach Lydus, de mag. I, i mufs Africanus die GrUndung Roms Ol. 7, 11 setzen. 
Daselbst heifst es, dafs nach Africanus, Castor und Eusebius von der Ankunft des Aeneas 
bis zur GrUndung Roms 4/7 J. verflossen sind. Nun setzt Eusebius nach dem Vorgange 
des Africanus die Eroberung Trojas 1181. Femer ist bekannt, dafs Eusebius die Grün- 
dung Roms gleichfalls OL 7, i annimmt. Er rechnet auch chron. p. 291, 5 von Aeneas 
bis Romulus 4^7 J. nach der Hs. N., da er den Aeneas drei J. nach dem Falle Trojas 
in Latium landen läfst. Dies wird wohl auch Africanus gethan haben. Es ergeben sich 
somit für Africanus 4^7 J., welche Zahl denn auch bei Lydus herzustellen ist. (Die drei 
Jahre hat übrigens schon Diodor bei Euseb. chron. p. 283, 29 ff. und bei Sync. p. 194^*}. 



Das Verfahren des Africanus ist einer kurzen Besprechung werth. 
Er zuerst ist es wiederum, der von einer Abschaffung des Königthums 
und dessen Ersatz durch die Ephorie etwas weifs. Denn alle seine 
Vorgänger berichten nur, dafs das Königthum neben dieser Behörde 
noch weiter bestand, was auch den geschichtlichen Thatsachen ent- 
spricht. Einige sogar fuhren die Macht der Ephorie auf Chilon zurück. 
Jedenfalls steht fest, dafs sie noch unter König Kleomenes eine sehr 
untergeordnete Rolle spielte. Es soll hier ganz davon abgesehen 
werden, dafs Gewährsmänner wie Herodot') und Xenophon*) ihren 
Ursprung von Lycurg herleiten, und dafs Aristoteles 3) für Theopomp 
eintritt. 

Africanus benutzt somit, um kurz das Resultat zusammenzufassen, 
einen Text- oder Schreibfehler des Diodor, um darauf eine spartanische 
Königsliste zu konstruiren, die seinen nationalen Hirngespinnsten am 
besten zu entsprechen schien. Dafs er die spartanische am passendsten 
fiir seine Zwecke hielt, lag an der grofsen Bedeutung, die ihr Eratosthenes 
und ApoUodor für die Zeitrechnung vor den Olympiaden verliehen 
hatten. 



«) Herod. I, 65. 

«) Xenoph. de reg. Lac. S, i ff. 

3) Aristot. pol. viü (V), 9, I (13 13« 26). 



vn. 



LUDWIG JEEP 



Zur Geschichte Constantin des Grossen. 



J\n die berüchtigte Vision des Kaisers Constantinus, weiche uns 
sein Biograph Eusebius Vit. Constant. I, 28 erzählt hat, glaubt heut- 
zutage natürlich kein Mensch mehr, wenn selbiger Schriftsteller auch 
hinzufugt, dafs der Kaiser ihm die Geschichte selbst erzählt und sogar 
durch einen Eid bestätigt habe. Es mufs auch dem wunderseligsten 
Leser aller Glaube benommen werden, wenn er darauf hingewiesen 
wird, dafs Eusebius hist. eccl. IX, 9, wo er über dieselben geschicht- 
lichen Ereignisse handelt, wie Vit. Const. 1. c, nichts von einer der- 
artigen Vision weifs. Nichts desto weniger ist jene Stelle von ihm 
insofern als authentisch anerkannt worden, als er ganze Theile derselben 
später wörtlich in der Vita Constantini 1. c. wiederholt hat. Die 
Visionsgeschichte wurde aufserdem nach der Angabe des Eusebius ihm 
erst von Constantin erzählt fkcacQotg vifFs^oi^ X^ovotq or« ij^ui^ ti^g ccdrov 
YViitsetoq te ital ofuXkcg, Aufserdem kann von einem so wichtigen Er- 
eignisse nichts bekannt gewesen sein; denn sonst hätte es Eusebius 
sicherlich gewufst, zumal er seit der Synode von Nicaea mit dem Hofe 
in Beziehung stand. Ja Lactantius de mortibus persecutt. cap. 44, 
welcher vor 314 schrieb, mithin den Ereignissen, welche sich unter 
Maxentius abspielten, zu welcher Zeit die Vision stattgefunden haben 
soll, von allen Quellen am nächsten steht, weifs von der ganzen An- 
gelegenheit offenbar auch gar nichts, wiewohl er gerade speciell Con- 
stantins göttliche Mission hervorhebt. Er sagt 'Commonitus est in quiete 
Constantinus, ut coeleste Signum dei notaret in scutis atque ita proe- 
lium committeret.' Das klingt ganz anders als Euseb. vit. Const. I, 28 
äfAg)l fA€<f9i[jtßQ$mg ^Uav &Qag f^S^ ti^q ^f^QCcg aTWKhvwfft^ avrotg wpdttX- 
fiolg IdiXv ifpii iy avrä ovQapä VTtSQicsifAsyoy tov ^Xiov (fcavQOV tgoTiatop 
ix ifiotoq (fv^KfrafAsroy ygccfpijy re avrä (fvyij(p&a$ Xiyowfay ^%wt(a vlxa, 
x^äfißog (T ird %& ^edfMxtt xQcer^öäi ainoy Te xal t6 (nQcevton^xoy anav. 



§2 

S di^ ütekXofbivtp noi noQeiaVj (fvvctnexo tb xal ^etoQoy fytyevo ^vfioTO^. 

Sehr auffallend ist es ferner, dafs diese Geschichte erst nach dem Tode 
Constantin des Grofsen an das Tageslicht kam; denn bekanntlich ist 
die Vita Constantini nach dem Tode dieses Kaisers abgefafst worden. 
Eusebius stand damals bereits Mitte der siebenziger Jahre und un- 
mittelbar vor seinem Tode. Die ganze Schrift über das Leben Con- 
stantin des Grofsen ist von einem Geiste durchweht, der wenig geeignet 
ist, für die Glaubwürdigkeit neuer, nicht auch sonst bekannter That- 
sachen Betreffs des Christenthums Constantin des Grofsen und der 
damit zusammenhängenden Dinge bei objectiv urtheilenden Lesern zu 
wirken. Eusebius ist so blind von der Inspiration seines' Heiligen 
überzeugt, so vernarrt in die Anschauung, dafs Constantin von Anfang an 
auf göttliche Eingebung gehandelt habe, dafs es sehr wohl möglich 
ist, dafs dieser Schriftsteller in seinen schwächeren Jahren, ohne direct 
falschen zu wollen, in der angegebenen Richtung Mittheilungen von 
Ereignissen machte, die eines vollkommen realen Hintergrundes ent- 
behrten und nur in seiner Phantasie existirten. Wir brauchen da, 
meine ich, gar nicht an die geringe Verläfslichkeit Constantinischer 
Eide, wie Burckhardt wollte, zu denken, zumal man über diesen Punkt 
denn doch auch anders denken kann. 

Die Nachrichten aber, welche nach Eusebius in alle, auch die 
spätesten Quellen, über die Vision des Constantin übergegangen sind, 
stammen alle aus Eusebius selbst, wie ich genauer in meinen Quellen- 
untersuchungen zu den Griechischen Kirchenhistorikern, Leipzig 1884, 
p. 140 ff. (vgl. dazu ibid. p. 86 ff.) ausgeführt habe. Diese späteren 
Zeugnisse haben also gar keinen selbständigen Werth. 

Wenn nun auch aus Gründen des gesunden Menschenverstandes, 
wie aus Gründen historischer Kritik die Vision des Constantin als be- 
seitigt zu erachten ist, so hängen mit der Ueberlieferung derselben 
doch einige Nachrichten zusammen, die bis jetzt nicht vollkommen 
aufgeklärt worden sind. 

Die erste hierher gehörende Nachricht findet sich zuerst gleichfalls 
Euseb. hist. eccles. IX, g. Es wird daselbst erzählt, dafs Constantin 
nach seinem Siege über Maxentius und nach seinem Einzüge in Rom 
befohlen habe avtlxa tov (kar^Qlov xqinawv nd&ovg vnd xsTqu Idiag dx6vog 
avax&dipfak. Dann fiigt der Schriftsteller noch hinzu wxl d^ t6 <f(&fiJQiOP 
TOV (H;avQ(w (fruMtov inl r^ ds^t^ xaTi%wva avrov ip rc5 /uaJUcTrcr tßp ijtl 
'PeifMig deö^fjbOfUovfihna Torno öTtfiavtsq aitf[V d^ Tavt^v VTwyQatp^v iwal^o* 
^fHXiUv avxoXg rff 'Pcofitalwp iyxeXevercu <p(oy^' 



83 

Vfiäy ccTEO iv/w vov vvqdvvov dtcuUa&etfUxy ^Xev^i^üxta * hi fkiy xai %^ 
tfvyxk'titw nai tov dijfAOV ^BiaiiaUav Tfj ägxcUqt inufavsiq nuu r^ XafjbnQOv^i 

Diese Stelle findet sich Euseb. Vit. Constant. I, 40 so gut wie 
wörtlich wieder. Die Erwähnung des Kreuzes aber in der angeiuhrten 
Stelle der Historia eccles. des Eusebius hat auf Brieger, Constantin 
der Grofse als Religionspolitiker, Gotha 1880, p. 46 — ^47, eine so ver- 
wirrende Wirkung erzielt, dafs er auf die überraschende Idee ge- 
kommen ist, den hierher gehörenden Passus in der Kirchengeschichte 
des Euseb. fiir interpolirt zu halten-. Natürlich könnte diese Stelle 
doch nur aus der Vita Constantini interpolirt sein. Weshalb aber 
gerade diese? Es sind ja noch eine Menge andere Stellen vorhanden, 
die wörtlich oder fast wörtlich in beiden Schriften des Eusebius über- 
einstimmen; man sehe nur die Zusammenstellung von Brieger selbst 
ibid. p. 46, Axmi. i. Alle diese Stellen könnten mit demselben Rechte 
nicht aus der Historia ecclesiastica in die Vita, sondern umgekehrt 
aus der Vita in die Historia übertragen erscheinen. Und doch wird 
das kein vernünftiger Mensch behaupten können 1 Also weshalb ist 
gerade die in Frz^e stehende Stelle aus der Vita in die Historia ein- 
geschmuggelt? Dafür giebt es keinen stichhaltigen Grund. 

Ich glaube nicht, dafs man an eine offenbar unrichtige Ueber- 
setzung aus dem Lateinischen mit Burckhardt, Zeit Const. d. Gr. 1880 
(2. Aufl.), p. 351, Anm. i, zu denken braucht, um den ganzen Schwindel, 
welchen hier Eusebius — vielleicht ohne es recht zu merken — mit 
dem christlichen Symbole getrieben hat, zu erkennen. 

Sehen wir zunächst die Inschrift genauer an, so müssen wir zu- 
geben, dafs auch in der griechischen Fassung nicht ein Sterbenswörtlein 
von einem (ftavgov Cfiikstov steht. Es steht nur darin, dafs Constantin 
«unter dem heilbringenden Banner wahrer Tapferkeit» gekämpft und 
gesiegt habe. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dafs jenes 
Zeichen, was die Statue Constantins in der Hand hielt, das sogenannte 
Labarum war, jenes Feldzeichen, welches sich Constantinus vor dem 
Feldzuge gegen Maxentius construiren liefs und welches Eusebius Vit. 
Constant. I, 31, mit folgenden Worten beschreibt: viptiXov doqv xqwSm 
xaTiifjbipt€(fftiiH>v xiqaq sIxev iyxocQtUov (fravQOV tsxi^fiatt neTtoinnUpov. Es 
ist klar, dafs Eusebius sich durch diese Gestalt bestimmen liefs.^) Er 



<) Das eingeklammerte Wort halte ich fUr interpolirt. 

') Es kann auch möglicher Weise an die oben angebrachte Chiffre gedacht werden. 
Siehe 1. c. weiter unten vnh t^ tov orcrv^ov TQontti^. 

6* 



^4 

konnte' ja auch, wenn er sonst wollte, in der Zeit, in welcher er das 
neunte Buch der Historia ecclesiastica schrieb, d. i. 324 — 325, der 
Gestalt jenes Feldzeichens eine heilige Idee im christlichen Sinne unter- 
legen. In dieser Zeit nämlich hatte des Constantin Wandel zum 
Christenthum bereits öflFentlich stattgefunden und es gestattete seine 
ganze Staatsregierung, auf christlicher Basis reorganisirt, einen freien 
Rückschlufs auf seine früheren Gesinnungen, ja, es wurde ein derartiger 
Rückschlufs an höchster Stelle sicherlich gern gesehen und gefördert; 
denn zu allen Zeiten haben die Regenten gern gesehen, äafs man ihre 
Entschlüsse, welche einen hervorragenden Erfolg erzielten, als Früchte 
weit zurückgreifender Ueberlegung früherer Zeiten auffafste. 

Man könnte versucht sein, dieser Erklärung der vorliegenden 
Stelle deswegen zu widersprechen, weil das Symbol des Kreuzes, wie 
de Rossi gezeigt hat, im christlichen Sinne erst späterer Zeit anzu- 
gehören scheint. Doch geht dieses Vorkommen des Kreuzes als christ- 
liches Symbol nicht vollkommen Hand in Hand mit der allgemeinen 
Werthschätzung desselben Seitens der (Christen. Denn nur so erklärt 
sich die von Heiden und Christen bezeugte Abschaffung der Kreuzes- 
strafe bereits durch Constantinus. Vgl. Aurel. Vict Caes. 41, 3 und 
Sozom. I, 8. Wir dürfen also ohne allen Zweifel eine Auffassung der 
Fahne des Constantin Seitens des Eusebius in dem angenommenen 
Sinne voraussetzen und haben nicht den geringsten Grund, die Richtig- 
keit des Berichtes über jene Statue des Constantinus in Rom entweder 
überhaupt zu leugnen oder mit Gibbon sie einem späteren Besuche 
des Kaisers anzureihen. Das speciell Christliche, was mit dieser Er- 
richtung verbunden zu sein schien, ist eben nur fromme Phantasie des 
Berichterstatters. 

Diese fromme Täuschung zeigt sich auch bei der Besprechung des 
Labarum. Eusebius Vit Const. I, 31 erkennt in dem an diesem Feld- 
zeichen befestigten graphischen Symbole die beiden Anfangsbuchstaben 
des Namens Christi, und diese Auffassung wird unterstützt durch Lact, 
de mort. persecut. 44, wo dasselbe Zeichen als auf die Schilde der 
Soldaten des Constantin gesetzt angegeben und in demselben Sinne 
wie von Eusebius erklärt wird. 

Da Lactantius wie Eusebius die erste Anwendung des genannten 
Zeichens bereits in die Zeit kurz vor den Kampf des Constantinus 
mit Maxentius setzt, so ist an eine christliche Bedeutung dieses 
Zeichens gar nicht zu denken. Ganz abgesehen davon, dafs die Vision 
des Constantinus, die von den christlichen Autoren mit diesem Zeichen in 
Verbindung gebracht wird, sich leicht als Schwindel erwiesen hat, so 



85 

documenlirt sich die Verkehrtheit der christlichen Deutung desselben 
einfach schon durch den Umstand, dafs in jener Zeit Constantinus noch 
gar keine christliche Politik getrieben hat. Ich will jetzt nicht auf die 
ganze Frage von Neuem eingehen, obgleich sich leicht Exacteres zum 
Beweis der Wahrheit dieses Umstandes beibringen liefse, als bisher 
geschehen ist. Ich will nur auf Panegyricus VII, 2 1 (ed. Bährens) hin- 
weisen, wo noch nach dem Tode des Herculius, filso nach 310, die 
eifrige Verehrung des Apollo durch Constantinus gepriesen wird mit 
den Worten: 'vidisti enim, credo, Constantine, ApoUinem tuum 
comitante Victoria Coronas tibi laureas offerentem' und *merito igitur 
augustissima illa delubra tantis donariis honestasti, ut iam vetera non 
quaerant, iam omnia te vocare ad se templa videntur praecipueque 
Apollo noster'. Das war aber in einer Zeit, in der bereits Constantinus 
sich zum Zuge nach Italien gegen Maxentius rüsten mufste. Wie pafst 
dazu die Annahme von christlichen Chiffren und Zeichen, wie sie die 
Kirchenschriftsteller uns aufbinden wollen? Selbst der Umstand kann 
an diesem Urtheil nichts ändern, dafs de Rossi gegenüber früherer 
Annahme, die auch merkwürdiger Weise Burckhardt noch festhält, den 
Glauben an eine Rasur in der Inschrift des berühmten Triumphbogens 
Constantinus des Grofsen oder an die spätere Beseitigung des Namens 
*Juppiter' als irrig erwiesen hat. Es hat zwar sicherlich darin von 
Anfang an das noch jetzt gelesene 'instinctu divinitatis' gestanden, aber 
auch dieser Ausdruck erlaubt durchaus nicht, etwas für die christliche 
Gesinnung Constantin des Grofsen zur Zeit der Besiegung des Maxentius 
zu folgern; denn jener Ausdruck ist mit de Rossi nur als eine geschickt 
gewählte Form zu betrachten, mit welcher Christen wie Heiden zu- 
frieden sein konnten. Von irgend einer confessionellen Deutung ist 
daher hier vollkommen abzusehen. Wir können dabei dem Lactantius 
ruhig glauben, dafs Constantinus 'in quiete' irgend etwas gesehen, was 
ihn nachher beschäftigt, ja was ihn sogar bewogen habe, sich ein Feld- 
zeichen zu construiren. Aberglauben dieser Art war in dem Zeitalter 
Constantins zu Hause. 

Vor allen Dingen steht aber, was man bisher stets übersehen hat, 
die Beschreibung des Zeichens, welches die Anfangsbuchstaben des 
Namens Christi bezeichnen soll, nicht im Einklang mit der Erklärung, 
welche Lactantius von diesem Zeichen giebt. Lactantius sagt nämlich 
a. a. O. cap. 44: commonitus est in quiete Constantinus, ut coeleste 
Signum dei notaret in scutis atque ita proelium committeret Fecit, 
ut iussus est, et transversa X littera, summo capite circumfl«co, 
Christum in scutis notat. Es ist ganz klar, dafs die Worte 'transversa X 



86 

littera' nur bezeichnen können, dafs der Chiffre ein umgekehrtes oder 
verschobenes X (Chi) zu Grunde gelegen habe, also nicht ein X (das 
wäre ja ein wirkliches Chi), sondern ein +, welche Form allein ein 
verkehrtes Chi genannt werden kann. Denkt man sich an diesem 
Zeichen noch die Veränderung hinzu, welche Lactantius mit den 
Worten 'sunimo capite circumflexo' bezeichnet, hinzu, so haben wir das 
Zeichen ?, nicht das Zeichen )^, welches allerdings XP bezeichnen 
könnte. 

Aus diesem Factum, welches man bei kritischer Leetüre der be- 
rühmten Stelle des Lactantius wohl schon eher hätte erkennen sollen, 
geht besser wie aus allen andern unwiderruflich hervor, dafs Con- 
stantinus anfangs nie daran gedacht haben kann, sein Wunderzeichen, 
sei es an Schilden der Soldaten, sei es am Labarum befestigt zu denken, 
auf Christus zu beziehen. Wer in aller Welt wird denn ein Zeichen f 
machen, wenn er wünscht, dafs es ^P gelesen werden soll? Es ist eben nur 
allzuklar, dafs Lactantius, der fanatische und in seiner Verranntheit 
gerechter Beurtheilung der Kaiser absolut unzugängliche Autor, der 
alles, was nicht christlich unter ihnen ist, verdonnert und in un- 
würdigster, ungerechtester Weise beschimpft, alles aber, was sich auf 
Constantinus und seinen Vater bezieht, in den Himmel erhebt und mit 
dem Nimbus der Heiligkeit zu umgeben strebt, — es ist, sage ich, 
nur allzu klar, dafs Lactantius die heidnische Bedeutung des in Frage 
stehenden Zeichens nicht hat anerkennen wollen. Ob Lactantius der 
erste war, der eine Verdrehung der Bedeutung des Zeichens im An- 
schlufs an die Verdrehung zu >$ herbeizuführen suchte oder ob andere 
vor und neben ihm dasselbe gethan, thut nichts zur Sache. Es bleibt 
der Thatbestand bestehen, dafs das betreffende Zeichen P lautete. Das 
numismatische und epigraphische Material, was vorhanden ist, wider- 
spricht dem durchaus nicht. Dieses lehrt uns, dafs die Form -P zur 
Zeit Constantin des Grofsen vorkommt, dafs aber die Form "i häufiger 
zu finden ist. Das letztere erklärt sich sehr einfach dadurch, dafs 
nach vollständiger Christianisirung des Reiches selbstverständlich auch 
der Kaiser, wie schon oben berührt wurde, die christliche Deutung des 
Symbols entgegennahm und gern zur Unterstützung derselben eine 
kleine Wendung eintreten liefs, die übrigens vielleicht von Anfang an 
bei einer im cursiven Stil gemachten Anfertigung im gewöhnlichen 
Leben vorgekommen sein mochte. 

• Es mufs sogar als sehr zweifelhaft bezeichnet werden, ob Eusebius 
Vit. Const. I, 31 bei der Beschreibung des Labarum wirklich das 



J 



87 

Zeichen X oder )^ oder nicht doch vielmehr f vor Augen gehabt 
habe. 

Eusebius beschreibt augenscheinlich das ursprüngliche Labarum, 
nicht das Labarum oder die Labara, die in späteren Zeiten gemacht 
wurden und die, wie auch die Münzen bezeugen, das christliche 
Zeichen i hatten. Dafs Eusebius in der That das Prototyp des 
Labarum beschreiben will, sagt er deutlich ibid. I, 30. Nur unter 
dieser Annahme hat es einen Sinn, wenn Eusebius von diesem Feld- 
zeichen sagt, xai ^fjtag o<f>&aXftotg nore (Svvißfi naqaXaßeXv; denn andere 
Feldzeichen der Art zu sehen konnte doch wahrhaftig nicht zu den 
besonderen Ereignissen gerechnet werden. In dieser Beschreibung 
jenes Urlabarums sagt aber Eusebius 1. c, dafs das fahnenartige Tuch, 
welches an dem Querholze des Labarum angebracht war, gewesen sei 
ffvfii fteriiOQoy vno r« rov i^avQOv TQonaim, Dieses kann aber nur das 
Monogramm bezeichnen, und es ist gar nicht anzunehmen, dafs mit 
(ftavQog an dieser Stelle ein dem Chi gleichendes Kreuz gemeint sei, 
zumal doch in diesem Ausdruck eine Beziehung auf das Kreuz Christi 
zu sehen ist. Dieser Erwägung widerspricht keineswegs nothwendiger 
Weise das weiter oben in demselben Capitel des Eusebius über das 
Monogramm Gesagte; denn das xuxCoiiivov rov q xatd rd iheffaharov 
kann möglicher sehr wohl von einer einfachen kreuzähnlichen Durch- 
streichung des q verstanden werden, wie sich eine solche in dem 
Zeichen -P findet. Wenn Eusebius an derselben Stelle die dvo Cro^x^Xa 
rö Xqufxov nagadf^lovpta opofux in dem Zeichen findet, so steht er 
auf demselben Standpunkte, wie Lactantius. Nur würde die Lesung 
des Eusebius auch unter Annahme des Zeichens .p verständlicher sein, 
als man zur Zeit der Abfassung der Vita Constantini das Monogramm 
allseitig selbstverständlich für christlich gehalten hat. Es ist die Mög- 
lichkeit einer Auffassung dieser Stelle des Eusebius in dem angegebenen 
Sinne um so weniger auffallend, als man auch noch viel später das 
Zeichen -P anwendete statt des X, in einer Zeit, wo es sicherlich keinem 
Menschen mehr eingefallen ist, das Zeichen anders als XP zu inter- 
pretiren, mag auch bei dem Wiederauftauchen jener Form das Gefallen 
an dem Kreuze Christi mitgewirkt haben. 

Ich will auf die eben gegebene Interpretation der Eusebiusstelle 
nicht zu viel Gewicht legen. Sie soll nur zeigen, wie die landläufige 
Auffassung derselben weit davon entfernt ist, absolute Sicherheit be- 
anspruchen zu können, und sie in Folge dessen durchaus nicht geeignet 
ist, eine feste Unterlage für die Form £ als die Urform des Mono- 
gramms zu geben. 



88 

Die Lösung dieses Zeichens ist bisher nicht gefunden worden. 
Aus unserer obigen Besprechung geht zunächst das eine mit Sicherheit 
hervor, dafs wir die christliche Erklärung ganz fallen lassen müssen 
als eine den ursprünglichen Verhältnissen des Monogramms keineswegs 
entsprechende. Zweitens mufs beim Versuche, eine Lösung zu finden, 
von der Form ^ ausgegangen werden, da sie selbst der ältesten christ- 
lichen Beschreibung zu Grunde gelegen hat. 

Der wunderliche Versuch, das Monogramm mit Zeichen auf 
attischen Tetradrachmen oder Ptolemäischen Kupfermünzen zusammen- 
zubringen, ist trotz der ironischen Abmahnung EckheFs doctrina 
num. Vin, p. 89, nichts desto weniger von theologischen Gelehrten 
gemacht, die wohl den Sinn der betreffenden Stelle nicht ganz erfafst 
hatten. Dieser Versuch ist vollkommen mifsglückt; denn die Zeichen 
sind überhaupt gar nicht identisch. Vgl. Lenormant (M61. Archöol. lU, 
p. 197). Ebenso wenig ist daran zu denken, wie derselbe Gelehrte 
zeigt, dafs Zeichen auf Münzen des Tigranes oder des Mithridates mit 
unserm Monogramm zusammenhängen. Was sonst noch mit baktrischen 
und indoskythischen Münzen versucht ist von Rapp, das Labarum und 
der Sonnencultus in den Jahrb. d. V. d. Altertfr. im Rheinl. No. 39 
und 40, p. 116 ff., hat Brieger a. a. O. p. 40 mit der richtigen Be- 
merkung zurückgewiesen, dafs irgend eine Verbindung der auf solchen 
Münzen vorkommenden Zeichen mit dem Monogramm des Constan- 
tinus, zumal bei einer Zeittrennung von 500 Jahren, absolut nicht zu 
erweisen sei. 

Was kann nun aber das in Frage stehende Monogramm sonst 
bedeutet haben? 

Zunächst steht es fest, dafs es ein Zeichen gewesen sein mufs, 
welches nach dem damaligen, nicht christlichen Glauben ein Glück 
verheifsendes Zeichen war. Es liegt sehr nahe in der damaligen 
Zeit, an astrologische Zeichen und eine Deutung im astrologischen 
Sinne zu denken. Die Astrologie, die seit alten. Zeiten, wie auch die 
Litteratur beweist, eifrig gepflegt wurde, blühte besonders zur Zeit 
Constantinus d. Gr. Ein beredtes Zeugnifs bietet Firmicus Matemus 
mit seinen Büchern Matheseos. In der Astrologie aber spielen bekannt- 
lich die Planeten und ihre Stellung eine Hauptrolle. . Die Spenderin 
des Glückes ist vornehmlich die Venus. Es giebt nämlich sogenannte 
vier cardines für die Astrologie. Den wichtigsten Platz besitzt die 
Venus, wie Manilius ü, 918, sagt, 'in arce coeli*. Hier, fügt er weiter 
hinzu, V. 927 'Nomen erit Fortuna loco'; es ist das fieconQäyuic der 



89 

griechischen Astrologen.") Dieser Platz wird genauer in seinem Ver- 
hältnifs zur Venus von Firmicus III, ^ unter X bestimmt mit den 
Worten: In decimo loco ? {%, e. Venus) ab horosc. constituta, id est 
in medio coeU, faciet claros et coronatos et quibus grandis gloria et 
fortuna maxima conferatur. Ich bezweifele nicht, dafs wir in diesem 
Zeichen des Glückes das Vorbild des Constantinischen Monogramms 
haben. Das Zeichen der Venus ist bekanntlich aus tp entstanden 
(= fpoHSif'OQog).^) In der Gestalt )f und p kann ich nur den Uebergang 
zur cursiven Schreibung und zur Schreibung in einem Ductus erblicken. 
Diese Form wurde von den Christen wegen der bekannten Lesung 
natürlich festgehalten. 



Da ich einmal einen viel besprochenen Gegenstand aus dem Leben 
Constantins berührt habe, will ich auch einen bisher zu wenig be- 
handelten Punkt einer Untersuchung unterziehen, welcher für dasselbe 
von grofser Wichtigkeit ist. Es ist dies eine nie genau untersuchte 
Stelle über das Leben des Constantin, welche sich im späten Kirchen- 
historiker Nicephorus VII, 17 ff. findet. Der Anfang lautet: 

^iOxXfjTiayog eixocw Srij td ndvra ^ytfwpst'cfagj tm zBtdqtia r^g ^QX^^ 
€T€t Motii'iMavov Tov "^EqxovXXtov (SvikßatuXevHV alqetrah' xomtav 6 fiiy 
z^wxXtjTtavog yafjtßqdy inl dvyaxQl raXXeqiq, Ma^tftXpoVj og xal FaXXiQtog 
inexXijS'fj j XafAßdvet* 6 di ctv Ma^ifuapog 6 'EQXovXXtog inl &eod(OQqc t^ 
idUf xhfyoTql KoiytPtayra s(fx^j o) IlavvjreQTog xal Xhaqog inixXrpSig ^y* 
%^ ä^lap Tf[vixavTa tov rqißovviov dUjwvTa* aveipiog di KXavölov 6 Ktmfvccg 
^vyx'uv^v &v rav nqo AvqtiXtavov xal JmxXfi^avov ßatuXewfaffrog. sldivah 
Itivvoi XQBW, (dg xal a^Hfxo yafjterdg sxovrsg r^ Ttqog TOiig ßatuXstg (Szoqy^ vav- 
tag aTÜhiiov* r^ di Ocodcoqq Mal^ivTKtg tjv ädeX^^og 6 xavd tipf OovXßiap 
yiffvqaVj (og i^^g iqovfjtevj dtcup&aqfig' i^ i^g &eod(aqag ovo i<Sx^v 6 Kdytnag 
vtavg' Kbdvtstdythov, og^IovXMxvov vov dvaotßovg xal FdXXov Ttcerfjq ^V xal 
lAvaßaXtvov xov xal ^aXfMxTiov nariqa ^aXfunlav %ov veov' xal Svyaxiqa 
KcovffxavxlaVj ^i' AixivMg syfi(A€j KaXaaq vifveqov dpayoqtv&elg, FaXX^qtag 
Si Ma^ifityog 6 Jio^Xfjr^avov yafißqog xal avxog ovo box^v viovg. Mal^tiiXvov 
xov Tund x^y i(a 

i] Finnic. II, 22 Decimus locus, in X ab horosc. signo constituitur, quia a 270 p. 
initium' accipiens usque ad 300 p. extenditur et illic desinit; sed hie locus principalis est 
et oronium cardinum potcstate sublimior. Hie locus a nobis M C, a Graecis vcro ftiaoV' 
qavut appellatur, est enim in media parte totius mundi constitutus. In hoc loco vitaro, 
Spiritus, actus etiam omnes, patriam, domicilium totamque conversationem invenimus, artes 
etiam et quicquid nobis suf&agio confertur. 

«] Ueber das vorchristliche Kreuz vgl. Zöcklcr, Das Kreuz Christi, p. 21 ff. 



90 

xal Ssv^QOP hegay xavd ti^v 'Füifj^tp^ KaUxxQa drayoQevd'iyta. ov ttXevr^fkxp- 
tog AtnuvUo Toy ixalpov totwv 'Po»(AaXfH äniyetfAaVj xa^6ii£yo$ Kiavif€av%iviA 
TcS r^g yafMzijg ädehpAj Tfiytxavta iv FaXUcug xal B^awlcuq d^ ßcuf$- 
Xsvoytt. 6 di dg^fAiyog Komn^ag 6 XiMQog xal he^v TtaXSa ix t^ fuxxccQiag 
'Elipiig TOP KutvittapTtpop ysppq. ' & xtxi %6 xQorog r^g äqxv ^^oO^^ccVj «^ 
vd Xquhiutpiip xaläg ilofi>ip'(a' 7UXQ(0(ki[ASPog rot)^ ix t&p yvffihap CTKQiMitoay 
T^ 0€od(aQag ysyepfifiirovg ain&. 

Die oben angeiuhrte Stelle zeigt -eine nahe Verwandtschaft mit dem 
Texte der Chronik des Theophanes. Zunächst tritt sie Theoph. 
p. 8, 10 ff.') hervor. Nachdem hier die Ernennung der Cäsaren Con- 
stantius und Galerius angegeben ist, heifst es weiter p. 8, 1 5 mit wört- 
lichem Anklang an Nicephorus xahot ye kxoftiqfap yafAstdg ixoptioPj ag 
änoidapto dtd t^ TTQog Tovg ßafUliag ittoqyiqv. Sehr auffallend ist es 
aber, dafs wir Theoph. p. 14, 12 denselben Fehler haben wie bei Nice- 
phorus betreffs der Söhne des Constantins und der Theodora. Nicephoros 
giebt an Ktoptfi^dpTtop xai jipaßaiXvop tov xai JaXfuittop und be- 
zeichnet sie exprefs als ovo tüovgj so dafs wir es nicht mit einem 
Schreibfehler zu thun haben können, und Theoph. p. 14, 10 ff. sagt 
7UQMvt(ap xal zäp JüOkn&p avrov Ttaidmf zw 6fwnavQUß»p KmKtvayvipmj 
KwptnayrioVj (f'^fjtij xal lApaßaXXlpov tov xal JaXftaziov.^) An derselben 
Stelle setzt auch Theoph. (p. 14, 14) hinzu, wie Nicephorus, Constantius 
sei gewesen dvyatQld^ KXavSiov tov ßatuliang. Auch die unrichtige 
Angabe des Nicephorus (vgl. ibid. VII, 20 D), dafs Maximinus und Severus 
die Söhne des Galerius gewesen seien, spiegelt sich in etwas wieder 
in Theoph. p. 14, 18 xal initfiifie Ma)^$i»Xpop ftip top idtop vlop xa%d 
t^p i(papj JSnf^QOp di xatd Tf^p ^haXlap, Noch auffallender ist es, dafs 
Theoph. p. 16, 14 ff., 3) wiederum mit wörtlichen Anklängen an Nice- 
phorus, sagt %i%€ xal Aixipkop xaUiaqa 'PaiHtiot aPi^yoqswUxp, xaqfiofkspo^ 

Kfaptfiapxipta yafjbßgo} avrov optt sig ddei^p Kdmttapzlav «... 

2€ViJQOV öf^lad^ t€l€Vt^(kcprog, 

Nicephorus hat aber aus Theophanes nicht geschöpft. Mag man 
auch bei Zusätzen, wie rov nQO ^VQiiXtapov 9uxl Jkoxhjtiapov ßaCiXBWSUvxog, 
wie T^ (K Qeodwgq — diafp&aQsig an eigene Zusätze Seitens des Nice- 
phorus denken können; bei Zusätzen wie m UapVTKQtog — dUTWPxa 
zum Namen des Constantius ist dies natürlich unmöglich anzunehmen. 
Das mufs Nicephorus in seiner Quelle gefunden haben. 



■) Ich citire noch nach der ed. Bonn., weil sie augenblicklich noch die verbreitetste 
ist, ohne mich deswegen der Ausgabe von de Boor verlustig zu machen. 
>) Im Chron. Pasch, p. 516, 16 richtig. 
3) Im Chron. Pasch, p. 517 richtig. 



91 



Dasselbe Verhältnifs zeigt sich zwischen Theophanes und Nice- 
phonis, wenn man die Stelle über Constantinus bei Nicephonis weiter 
liest. Besonders tritt hervor Niceph. VE, 20, wo wir dieselben Autoren, 
Eusebius und Gelasius, citirt finden, wie bei Theoph. p. 15, 8, und zwar 
für dieselben Dinge in derselben Reihenfolge. 



Theophanes: 
Evaißiog di 6 KauUxQcvg (f^j Ott 
JuntXijtMxvoq naqdif^oav yerofiei^og xal 
(fvp TM ^EqxovXUo Tfiv ßatukiiav aiw- 
&ilksvog idtioiixov ßhw ayilaße 



Nicephorus: 
Jtoxl^tapog (Swdiia %ä t^ %otvfpf 
iSwdtoixovvTh aQXi^y tm *EQXovXlUp 
(fUfu Ma^tfuayä 

iduarm^ iifd^a JUQußdXlovTO* ioq 
Itiv näXceuniyog (f'ijOiv EMßtOQj 
ixet votsov iTWSxfiipdfSr^ TtaQacfQoyij- 
tsayxeq xal tov 7tQO(fijxoyTog loyuffAOv 
ixTQajiciyTeg 

• 

rsXa<M>g ä" o T^ Kannadoxwy Kat- 
(kxQsUxg iiricxonog furd t^ riyg ßa- 
(uXeiag amd-tüiv ig vüifqov [uta^iM 
XQij(fcc(fd'at l(fTOQ€t' xal xfiv dqxAv 
ayaXafißdyeiv avS'tg TUtgäad-at' xoiyti 
di T^g (fvyxX^ov tfr^^^ xal ifKfw 
äycuQ&3^a$ 

Man achte also femer in demselben Capitel des Nicephorus auf 
die chronologische Bestimmung nac|j Perserkönig und Bischof von 
Rom, was an Theoph. p. 8 ed. de Boor erinnert. Auch der Bericht 
über den Tod des Maximinus ist zu vergleichen mit Theoph. p. 20, 1 1 
und der über die Beseitigung des Herculius mit Theophanes p. 15, i. 

Nicephorus VII, 14 zeigt Verwandtschaft mit Theophanes p. 10, 7 ff. 
u. p. 12, 4 ff. 



r€Xd(f$og db 6 Kaukiqtiag r^g avt^ 
ijiUfxonog (ffpfiyj Ott fj^etafiel^iyTeg 
xcu Ttdhy ßaCtisStku x^tX^aayteg 
ifj^ifüf xoiyfi t^g (SvyxX^vov dya*QOvy- 
tat 



Nicephorus: 
äfj^Xsi tot xal iy ^AXfl^aydqflq fkiy 
/ftoxXfftiaydg xaiTUQ yeyyalag sgya 
Xfi^g dqdtuxvta iy tri xatd roy ^Ax^X- 
Xia tiqg Alyxmtov inavatndiSet toy 
K(ayiftayttyoy äyeXety inexdqei. FaX- 
Xiqtog di iy IJaXaKfTiyij tijg ijußov- 
Xijg IjTTteto . toy yovy XeXi^dvTa doXoy 
täv xqatovytioy dteyytaxtagj &€ov di 



Theophanes p. 10, 7: 
JioxXijfTiayog di iy l^Xf^aydQfiq toy 
^AxiXXia xad-ftXe. (fvyijy di airtä xal 
KiayiftaytXyog 6 viog Kon^ayttov, 
xofud^ yiog vmxQX^^y agKnevcay iy 
totg TVoXifwtgj oy oq&y 6 JtoxXfitui- 
yog (f&opfa xtyf/d'slg doXta ayfXeZy 
ianovda^e. &€og di tovtoy nagadoSd^ 
dUfkaOs xal t& nat(^h aTvidanu 



92 

aga tov ndvra tivv löyo) dtinovrog, ibid. p. 12, 4: 

ttQCcg ix T^ Ntxofi^siag inl rag K(av(ftavTtvov di tot vlov Kwvfftav- 

FaUhcg TtQog rov naxiqa fjtevißatvsv riov iv t^ avcexoXii xa\ Ualaufrlvfi 

duiyovTa oqäy Tüvtov 

FaXiJQtog Ma^ifuapog .... doXto 
d'apon&dou xovTov i(^4ipccT0 ' d'sict di 
n^lkfjd'siq TOV dolor fjta&tav dg /^aßid 
ifvyJi iffv (Uaifiqiav noqi^eiai xal nqog 
%6v Xdhov natiqa dutdii^etcu 

Zu Anfang des Capitels steht aufserdem einiges über das Streben 
des jungen Constantinus im christlichen Sinne, was sehr an dasjenige 
erinnert, was in den von mir unter Theoph. p. 12, 4 ausgelassenen 
Worten mitgetheilt wird. 

Wenn man nun bedenkt, dafs einige Notizen entschieden auf 
Eutropius zurückgehen, anderes, was sich eng mit Theophanes berührt, 
in verschiedenen anderen Quellen, wie die Randbemerkungen de Boor's 
in seiner Theophanes-Ausgabe lehren, sich wiederfindet, endlk:h Schlufs 
von Niceph. VII, 20 zum Theil entschieden wieder auf Eusebius hist. eccl. 
Vin, 13 (Ende) fuhrt, so könnte man auf die Vermuthung kommen, Nice- 
phoros habe sich hier aus diesem, aus Theophanes und noch einigen an- 
deren Büchern, die wir nicht mehr haben, seinen Stoff selbstständig zu- 
sammengetragen, zumal Nicephorus vorn seine Quellen nachweislich 
nicht genau angegeben hat. Es widerstrebt eine solche Annahme aber 
vollkommen der sonstigen Arbeitsart des Nicephorus, der sich auf 
mühselige Detailarbeit, wie sie jdann hier vorliegen würde, keineswegs 
eingelassen hat. Vergl. meine Quellenuntersuchungen u. s. w. p. 98 ff. 

Das siebente Buch des Nicephorus ist fast ganz, mit Ausnahme 
einiger Capitel, dem Eusebius entnommen, sowohl der Historica eccle- 
siastica, als der Vita Constantini, endlich ist noch einiges am Schlufs 
aus dem Sozomenus. Es wird demnach bestätigt, was ich eben im 
Allgemeinen über die Quellen des Nicephorus angegeben habe. Infolge 
dessen kann es keinem zweifelhaft erscheinen, dafs auch Niceph. VH, 17 
und was sich daran schliefst oder damit im innern Zusammenhange 
steht, aus einer Quelle entnommen ist, mag man auch in dem be- 
treffenden Stücke noch allerlei Anklänge an andere erhaltene Autoren 
entdecken können. 

Ohne mich jetzt auf die anderen Capitel des Buches einzulassen 
— es würde das augenblicklich zu viel Platz erfordern — wollen wir 
wegen der Wichtigkeit des Inhalts, den die fast ganz vergessene Stelle 



93, 

bietet, nach jener Quelle forschen, um dann ihre gröfsere oder gerin- 
gere Glaubwürdigkeit beurtheilen zu können. 

Erstens steht fest, dafs dieselbe nach Gelasius^), also nach Ende 
des fünften Jahrhunderts post Christum (vergh Phot. cod. 88) und 
vor Theophanes oder vor 813, wo die Chronik des letzteren 
schliefst 

Femer mufs als sicher angenommen werden, dafs dem Theophanes 
ebenso, wie es für den späteren Theil desselben erwiesen ist 2), auch 
im Anfange eine Epitome zu Grunde gelegen hat, welche aus einem 
oder mehreren kirchlichen Schriftstellern gemacht wurde. So nur er- 
klärt sich, dafs die Cramerschen Anecdota auch in dieser Partie mit 
Theophanes übereinstimmen. Nicephorus aber zeigt, da er an dieser 
Stelle trotz der nahen Beziehung zum Theophanes, wie wir sie eben 
gezeigt haben, weit über denselben hinausgeht, dafs er hier nicht aus 
einer derartigen Epitome geschöpft hat, sondern vielmehr aus derselben 
Quelle, aus der diese Epitome genommen wurde oder aus einer sehr 
gleichartigen. Durch diese Erwägung gewinnt unsere Stelle bei Nice- 
phorus natürlich beträchtlich an Werth. 

Dieselbe Ueberlieferung, wie sie bei Nicephorus überliefert wird, 
lag auch ohne Frage dem Suidas vor. Niceph. VII, 18 erzählt näm- 
lich, dafs Constantius auf einer Reise nach dem Orient mit der Tochter 
seines Wirthes in Drepanum*) den Constantinus erzeugt habe. Dem 
Mädchen habe er als Lohn der Liebe ein kostbares Purpurgewand ge- 
schenkt. Dieses sei später die Legitimation der Helena gewesen, als 
sie sich veranlafst sah, den Vater ihres Kindes zu nennen. Suidas, 
s. o. Ktavfftavxtvoq 6 [Jbiyag kennt die niedrige Abkunft, wenn er auch 
zufällig die Helena nicht nennt oder näher bezeichnet. Aufserdem 
läfst er den Constantinus erkannt werden vom Vater xard xtvaq 
yywQifwvg TQOTiovgj also an gewissen Zeichen, eine Angabe, die sonnen- 
klar auf die Darstellung, wie sie Nicephorus hat, hinweist Dann, 
fährt Suidas fort, sei Constantinus, als er Lust empfunden habe, xccva 
T$pa fvxfpf . . . %ovQ Tonovg xaxahTuXp^ ip otq diit^ßsp, gegangen TiQoq 
%6v Ttoniqa Kunviftdvtwv iv roXg VTÜq %dg ^AXmiq Sdv6(ftv ovra xal 
BQetayiq (fvpex^sQW iydfjfAOvyTa. Diese Fortführung der Erzählung 
des Suidas ist nur zu verstehen, wenn man die Erzählung in ihrem 
Verlaufe bei Nicephorus verfolgt. Es ist nämlich auch aus anderen Autoren 
bekannt, dafs Constantinus als Jüngling in Nicomedia am Hofe des 



■) Vergl, oben p. 91. 

*) Vergl. Sarrazin in den Comment. Jenensia Vol. I. 

3) Cf. auch Procop. de aedif. V, 2. 



94 

Diocletianus weilte und dann wie auf einer Flucht nach dem Westen 
zu seinem Vater eilte, welcher bald nach seiner Ankunft starb. Es 
ist keine Frage, dafs auch Suidas allein diese fluchtartige Uebersiedlung 
im Auge hat. Da er aber auch augenscheinlich die Geburt des Con- 
stantinus las, wie sie Nicephoros bietet, so mufs er auch natürlich die 
Stelle gelesen haben, an der, wie bei Niceph. VII, i8 (Ende), die 
Uebersiedlung des Constantinus nach Nicomedia berichtet wurde. Also 
auch hier treffen wir auf Uebereinstimmung der Quellen des Suidas 
und des Nicephorus. 

Die Quelle des Suidas können wir mit Sicherheit als Joannes 
Antiochenus bezeichnen. Dafs dieser Autor die Quelle des Suidas für 
die Nachrichten war, die sich auf die Kirche und ihre Entwicklung 
bezogen, wozu natürlich auch die Geschichte Constantin d. Gr. gehört, 
hat längst Bernhardy erkannt. Wir können hier an dieser Stelle diese 
Annahme besonders noch dadurch wahrscheinlich machen, dafs ein 
unter dem Namen des Joannes überliefertes Stück über Diocletianus 
auch im Suidas steht. Die Geschichte des Diocletianus ist ja aber 
auch ein Theil der Kirchengeschtchte und eng, wie im Nicephorus, so 
auch bei anderen kirchlichen Autoren, mit der Geschichte Constantins 
verbunden. 

Wenn wir nun bedenken, dafs die Quelle des Nicephorus wegen 
des Citats aus Gelasius nicht vor Ende des 5. Jahrhunderts geschrieben 
sein kann, so darf man bei der Verwandtschaft mit Suidas als sicher 
ansehen, dafs auch unsere Stelle des Nicephoros zu derjenigen Tradition 
gehört, welche im Joannes Antiochenus ihren Mittelpunkt und Sammel- 
platz fand. Diese Ueberlieferung ist bekanntlich eine gute, sehr beach- 
tenswerthe. Unsere Stelle trägt auch vollkommen das Gepräge, was wir 
in den sonst erhaltenen Stücken jener Tradition vorfinden. Es leuchtet 
zunächst als ursprüngliche Quelle Eutropius hervor. Nicephor. VII, 17 
(Anfang) geht, wie die betreffende Stelle bei Theophanes auf Eutrop. IX, 
22 zurück; auch die Verwandtschaft des Constantius mit Claudius 
findet sich in Eutrop. IX, 22: Constantius per filium nepos Claudii 
traditur. Ebenso ist ohne Frage die Stelle über die Ernennung der Cae- 
sares durch Maximianus Galerius ursprünglich aus Eutropius X, 2 ent- 
nommen. Aufserdem läfst sich eine Verwandtschaft von Niceph. VII, 19 
mit Eusebius vita Constant. I, 12 ff. und hist. eccles. VIII, 13 nicht ver- 
kennen. Von Eusebius wissen wir aber, dafs er dem Joannes von Antiochia 
gleichfalls als Quelle gedient hat. Vgl. Müller Frg. hist. gr. II, p. 540, N. 2. 
Auch Suidas s. v. Jtaxlfjrtaydg zu Anfang ist sicherlich aus derselben 
Quelle, wie der folgende Abschnitt, den wir schon erwähnten. Letzterer 



95 

ist aber, wie gesagt, bezeugter Mafsen aus Joannes von Antiochia. Vgl. 
Müller Frgm. 165. In dem ersten Abschnitte haben wir bei Suidas 
Anklänge an Theophanes. <) So sagt Suidas inl Totkov (i. e. Diode- 
tiano) xai Mcc^tfAuxpoS yafAßQOv avxov öuoyfwg xcerd Xqtffvuiväv ix^yijd^ (pQtT 
xfaddffrarog und Theophanes p- 9i 3 . . • ^unti/ijz^ayog xcä MaS^fuapog 6 
*EQxovX$og duoyfiov lUyctv xal ipq^xtadiifvatov xatd XQUfnavw avijysiQav. 
Dann heifst es bei Suidas am Ende des Abschnittes ovg ^ d'sia dix^ 
ivdixuag fierek&ovca dixaUag i^ixoxbs. xal 6 (liy i(Ufdy^ vno r^g iSvyxX'qtov, 
6 di ärnj^^oTOj eine Stelle, die ganz deutlich an die Stelle bei Theoph. 
p. 15, 8 if. erinnert, von der wir oben p. 91 gesprochen haben. Suidas 
hat hier nifr eine ganz thörichte Combination der eben angegebenen 
Stellen gemacht, wie ein Blick in den Text des Nicephorus und Theo- 
phanes lehrt. (Vgl. übrigens Malal. p. 310, 3 'O di airog JwxXf[i:uiv6g 
ßcuuXsvg inoifffs duoyfwi^ XQ^^^^^') Also auch durch diese Ver- 
gleichung kommen wir für Nicephorus auf dieselbe Tradition zurück, 
wie oben. Vermittels der Stelle des Suidas sehen wir, dafs wir es im 
Theophanes, resp. Nicephorus, mit einer Ueberlieferung zu thun haben, 
die der des Joannes von Antiochia verwandt ist. 

Wie weit man berechtigt ist, die betreffenden Stellen bei Nice- 
phorus dem Joannes selbst wirklich beizulegen, mag dahin gestellt 
bleiben. Mir lag es daran, auf die Bedeutung der vergessenen Stelle 
hingewiesen zu haben. Die Tradition ist gut; das ist erwiesen trotz 
der augenfälligen Fehler, welche mich bewegen, eher an eine indirecte 
Benutzung der Hauptquelle zu glauben. Den Inhalt der vorliegenden 
Stelle an der Hand der sonstigen Tradition über Constantin zu prüfen, 
mufs einer andern Zeit vorbehalten werden, um so mehr, da bei der 
Abweichung des Nicephorus von andern Quellen eine solche Explica- 
tion nicht in der erforderlichen Kürze gemacht werden kann. Nur 
möge das eine hier hervorgehoben werden, dafs die Frage nach dem. 
Geburtsorte des Constantin und der Stellung seiner Mutter zu Con- 
stantius durch Herbeiziehung unserer Stelle eine andere Beantwortung 
finden mufs, als bisher zu geschehen pflegte. 



') Vgl. hier die Quellennotizen am Rande des Theoph. von de Boor. 



YHI. 



ALEXANDER CONZE 



Das Berliner Medearelief. 



Hierzu Tafel II. 



»!!)eit dem Jahre 1838 befindet sich in den königl. Museen eine auf 
Taf. n, n. 2 nach dem Originale abgebildete Wiederholung des late- 
ranensischen Medeareliefs (Benndorf und Schöne n. 92. Unsre Taf II, 
n. i^). Waagen erwarb sie bei dem Kunsthändler Giov. Maldura in Rom 
als angeblich aus Palazzo Niccolini in Florenz stammend. Sie verdient 
in eingehenderer Weise kritisch beleuchtet zu werden, als in dem neuen 
Kataloge der Originalskulpturen (n. 926) geschehen konnte; denn 
in der Literatur steht sie bis jetzt mit einem Makel da, indem Frie- 
derichs in brieflicher Mittheilung an die Verfasser des lateranensischen 
Katalogs (a. a. O.) sie für modern, und zwar für eine Fälschung dieses 
Jahrhunderts erklärt hat. Dem gegenüber steht aufser der durch den 
Ankauf dokumentirten günstigeren Ansicht Waagens, wie nachher zu 
erwähnen, ein handschriflliches Echtheitszeugnifs gleicher Art von Joh. 
Martin Wagner, und in den Vorarbeiten zu dem neuen Kataloge finde 
ich die Echtheit des Reliefs von Herrn Furtwängler ausdrücklich betont. 

Auffallend fiir ein antikes Relief ist der äufsere Zustand insofern, 
als seine Oberfläche frei von aller Verwitterung ist und keinerlei Be- 
schädigung, auch nicht einzelner hervorragender Theile, zeigt. Nur 
ein der Schichtung des pentelischen Marmors folgend schräg abge- 
splittertes Stück des unteren Randes mit den Füfsen der Figur links, 
der Klaue links des Dreifufees und der Fufsspitze der mittleren Figur 
fehlt und ist durch eine unzweideutig moderne Ergänzung in Marmor 
ersetzt. Aufserdem zieht sich ein Rifs, wiederum im Zusammenhange 
mit der Marmorschichtung, quer über den Dreifufskessel durch das 



>) Die Photographie, welche der Abbildung zu Grunde liegt, giebt leider die Ränder 
des Reliefs nicht vollständig; die Maafsc sind nach Benndorf-Schöne gegeben. 

7* 



löö 

ganze Relief; auch weiter oben ist ein Ansatz zu einem ähnlichen 
Risse zu bemerken. Dem gröfseren ist aber in moderner Zeit mit dem 
Meifsel stark nachgeholfen und kleinere Spuren einer solchen 
Nachhülfe glaubt man auch an dem oberen kleineren Risse zu er- 
kennen. 

Hiermit sind die Erscheinungen bezeichnet, welche auf die Annahme 
modernen Ursprungs, ja einer Fälschung fuhren könnten. Am gravirend- 
sten ist auf den ersten Blick, dafs der Rifs künstlich verstärkt wurde, 
wie um das Relief alt erscheinen zu lassen. Dafs der frische Zustand 
der Oberfläche etwa durch gründlichje Ueberarbeitung hergestellt sei, 
also eine partielle Fälschung vorliege, ist durchaus nicht ersichtlich. 
Es hat keine Verkleinerung hervorragender Theile stattgefunden, wie 
sie doch bei Ueberarbeitungen zum Zwecke der Herstellung einer 
frischen anstatt einer verwitterten Form nicht ausbleiben kann. 
Höchstens geputzt wird das Ganze sein und über eine Einzelheit, 
den Zweig in der Hand der von Brunn kürzlich für Medea erklärten 
Gestalt (Sitzungsber. der k. baier. Ak. d. Wiss. 1881, S. 95 ff.), 
wird noch besonders zu reden sein. Sonst müssen wir das Ganze ent- 
weder als antik oder als modern hinnehmen. Und hier mag gleich 
ein Umstand angeführt werden, der eine Erklärung für den bei einem 
antiken Werke auffallend intakten Zustand der Marmoroberfläche an 
die Hand giebt. Es sind auf dem Relief mehrfkch Spuren einer Sinter- 
decke zu sehen, die, bis sie beseitigt wurde, den Marmor geschützt 
haben könnte. Dafs sie von einer hierzu hinreichenden Dicke und Art 
gewesen sein kann, läfst sich aus Folgendem schliefsen. Bei der kürz- 
lich vorgenommenen genauen Prüfung des Reliefs fand sich der 
Daumen der am Kästchen liegenden linken Hand der gewöhnlich so- 
genannten Medea mit einer braunen Masse bedeckt, so dafs wir erst 
vermutheten, diese Masse rühre von einer modernen Ergänzung des 
Daumens her. Als sie aber mit dem Meifsel angegriffen wurde, sprang 
sie leicht ab und zeigte den Daumen unter ihr wohlerhalten. Herr 
Roth hatte die Güte ein abgesprungenes Stückchen zu untersuchen 
und fand, dafs es c Sinter sei, wie er sich durch Einwirkung des Regen- 
wassers auf Marmor zu 'bilden pflegt, nicht etwa Mörtel oder der- 
gleichen.» War nun das ganze Relief früher einmal mit einer solchen 
Kruste überzogen, so erklärt sich, dafs nach deren Entfernung der 
Marmor in seiner jetzigen, dann also nicht mehr auffallenden, intakten 
Gestalt hervortrat. 

Gegen die Annahme modernen Ursprungs spricht etwas, was 
schwerer wiegt, als ein, wie wir sehen, nicht einmal sehr zwingender, 



• lOI 

auf den äufseren Zustand des Reliefs gegründeter Verdacht, nämlich 
die Echtheit attischer Formenbildung aus dem 4. Jahrh. v. Chr., wie 
sie der Vergleich mit den zahlreichen sicheren Arbeiten jener Zeit, 
zumal in einzelnen Partien unseres Reliefs, wie dem Munde, den leise 
gebrochenen Faltenzügen, ergiebt. Eine so eingehende Kenntnifs 
der Art jener Zeit könnten wir allerhöchstens etwa einem Marmor- 
arbeiter unseres Jahrhunderts zutrauen; denn früher war jene attische 
Weise allzuwenig bekannt. Femer wissen wir, wollen wir nicht zu 
sehr unsicheren Möglichkeiten unsere Zuflucht nehmen, von keinem 
doch nothwendiger Weise vorauszusetzenden Vorbilde vor dem Jahre 
18 14, wo das lateranensische Exemplar unter dem alten Pflaster der 
früheren französischen Akademie am Corso in Rom gefunden worden 
ist. Dem entsprechend hat ja auch Friederichs von einer Fälschung 
in unserem Jahrhundert gesprochen. 

Unser Relief existirte aber schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts. 
Den Beweis hierfür liefert eine Zeichnung in einem Sammelbande von 
Zeichnungen nach der Antike im kgl. Kupferstichkabinet zu Berlin. 
Mich hat darauf, glaube ich, zuerst Herr Puchstein aufmerksam ge- 
macht. Die Zeichnung ist, photographisch verkleinert, auf Taf ü, 
n. 2 b wiedergegeben. Dafs sie etwa wie angegeben zu datiren ist, 
bezeugen die Herren Kollegen vom Kupferstichkabinet. Genaueres hat 
Herr Schreiber ermittelt und mir in eingehender Darlegung zur Ver- 
^gung gestellt. Danach sind jene Zeichnungen, zu welchen die nach 
dem Medearelief gehört, von dem Genovesen Girolamo Ferrari unter 
Gregor XEQ. (1572 — 85) in Rom angefertigt. An der Identität des von 
Ferrari gezeichneten mit dem Berliner Relief kann vornehmlich deshalb 
kein Zweifel sein, weil die Zeichnung dasselbe Stück unten nach links 
zu schräg abgesprungen und fehlend zeigt, welches an B durch moderne 
Ergänzung ersetzt ist. Aufserdem bietet Ferraris Zeichnung den Zweig, 
wie ß ihn hat, anstatt des Schwertes auf L, und die linke Hand am 
Kästchen, welche B hat, die aber auf L fehlt. Auch entspricht das 
Gröfsenverhältnifs der beiden stehenden Figuren auf der Zeichnung 
mehr dem auf B, als dem auf L. 

Jene linke Hand am Kästchen ist wiederum vorhanden auf der nach- 
lässigen kleinen Abbildung eines gleichen Medeareliefs, welches sich bei 
Spon findet (misc. erud, antiq. p. 118): «ex manuscripto D. de Bagarris, 
qui — Romae in palatio Strozzi dilineaverat ex antiquo toreumate», 
wo dagegen die Hand, welche auf L das Schwert, auf B und bei Ferrari 
den Zweig hält, leer ist. Aber auch eine Schwertscheide in der 
anderen Hand, wie auf L, ist bei Spon nicht vorhanden. Dafs die Zeich- 



I02 • 

nung Ferraris und die des Sieur de Bagarris et du Bourget (1567 — 1620 
Stark, Handb. der Arch. d. K., S. 130) nach einem und demselben 
Originale gemacht wurden, wird auch dadurch weiter wahrscheinlich, 
dafs, wie Herr Schreiber gefunden hat, unter den Zeichnungen Ferraris 
noch andere als im Palazzo Strozzi, wo Bagarris Original sich befand, 
angefertigt in ihren Unterschriften bezeugt sind. Bagarris Zeichnung 
ist nach Spons Stich auf Taf. 11, n. 2 a wiedergegeben. 

Somit befand sich unser Berliner Relief in der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts im Palazzo Strozzi in Rom und wurde dort von Ferrari 
und Bagarris gezeichnet; dann verschwindet es aus 'der Kunde, die 
sich litterarisch nur in der Wiederholung der Sponschen Abbildung bei 
Montfaucon und in Gronovs und Graevius Thesaurus fortsetzt. 

Erst im Jahre 1828 kam es wieder [zum Vorschein, worauf ich 
durch eine Anmerkung in Urlichs Glyptothek, S. 104, aufmerksam 
geworden bin. Herr Urlichs hat mir sodann aus den Wagnerschen 
Papieren den genauen Wortlaut des Briefes an König Ludwig mit- 
getheilt. Wagner schreibt d. d. 27. März 1828: tAuch ist ein Basso- 
rilievö in griechischem Stil zu verkaufen von etwa I3 Palm in der 
Breite und 4 Palm in der Höhe. Es ist bis auf einige wenig bedeu- 
tende Ergänzungen ziemlich gut erhalten und stellte drei weibliche 
bekleidete Figuren vor; die eine setzt einen Dreifufs, die andere hält 
einen Zweig und die dritte eine Art Eimer.» Wagner fuhrt sodann 
die lateranensische,. damals «im Hofe des Palastes des Luigi Bonaparto 
befindliche Wiederholung, sowie die Erklärung auf Medea und die 
Peliaden an, und fährt fort: «Man verlangt dafür 300 Scudi. 'Im 
Falle man fiir die der griechischen Skulptur gewidmeten Sääle ein Basso- 
rilievo nöthig hätte, würde es dazu sehr schicklich zu verwenden sein.» 
Der König ging auf den Kauf nicht ein. 

Es kann dann nur wieder dasselbe Relief sein, welches endlich 
Waagen 1838 bei Maldura in Rom für die Berliner Museen erwarb.* 
Die Angabe des Händlers, es stamme aus Palazzo Niccolini in Florenz, 
kann dagegen nicht ins Gewicht fallen. Es mifst 1,165 ^ i^ der Höhe 
und 0,89/0,97 m in der Breite, also, da ein Palm = 0,224 "i ist, etwas 
mehr, als Wagners übrigens nur ganz obenhin, wohl aus der Erinnerung 
gegebene Schätzung beträgt. Aus dieser Differenz kann kein Gegen- 
grund gegen die Identificirung hergenommen werden. 

Unser Relief B stimmt also durch den Bruch, die Hand und den 
Zweig mit Ferraris Zeichnung, durch die Hand mit der in offenbar 
nachlässiger Form uns vorliegenden Bagarrisschen Zeichnung, durch 
den Zweig und annähernd die Mafse mit dem Wagnerschen Exem- 



I03 

plare überein, unterscheidet sich aber von L durch die Hand und den 
Zweig, an dessen Statt jenes das Schwert zeigt. Mit dem Fehlen des 
Schwertes hängt dann das Fehlen auch der Schwertscheide in der andern 
Hand zusammen. Der Zweig ist ein Olivenzweig mit Beeren. Er war 
schon vorhanden, als Ferrari zeichnete. Sein Fehlen auf der Zeichnung 
des Bagarris wird am wahrscheinlichsten nur der Nachlässigkeit des 
Zeichners oder der Wiedergabe bei Spon zuzuschreiben sein. Gar kritische 
Bedenken gegen die Echtheit dieser Einzelheit, wie sie heute entstehen 
können, möchte ich weder Bagarris noch Spon zutrauen. Dagegen 
müssen wir uns allerdings mit solchen Bedenken abfinden. 

Dafs ursprünglich auf dem Berliner Exemplare, wie auf dem 
lateranensischen ein Schwert in der Hand dargestellt gewesen und 
erst durch Ueberarbeitung ein Zweig daraus geworden sei, wird vor 
Allem dadurch nahe gelegt , dafs unter der rechten Hand auch auf B 
eine dicke Masse, dem Schwertknaufe auf L entsprechend, vorhanden ist, 
welche bei dem Zweige in der That sinnlos erscheint. Auch ist von dem 
Zweige selbst nur so viel erhaben ausgeführt, als etwa Marmorkörper von 
der Form des Schwertes, wenn dieses zuerst da war, vorhanden gewesen 
sein müfste; die übrigen Theile des Zweiges sind nur im Umrifs in den 
flachen Grund der Platte gezeichnet. Diese im Gegensatz gegen die 
übrige Konturenbehandlung des Reliefs stehende Ausfuhrung des 
Zweiges würde ihrer ganzen Art nach dem i6. Jahrhundert wohl zuzu- 
trauen sein. Dann müfste aber auch die Schwertscheide, welche, wenn 
das Schwert ursprünglich da war, doch wohl auch nicht gefehlt hätte, 
getilgt sein, und eine solche Procedur, welche an der Stelle der 
Schwertscheide jedesfalls auch nicht die geringste Spur gelassen hätte, 
ist doch für das i6. Jahrhundert allzu minutiös und also unglaublich. 

Eher würde ich für wahrscheinlich halten, dafs bei Ausführung einer 
antiken Kopie das in der Composition ursprüngliche Schwert mit dem 
Zweige vertauscht und die Scheide weggelassen sei. Der von dem übrigen 
Relief abweichende Stil des Zweiges würde auch bei dieser Annahme 
eine Erklärung finden und der hellenistisch -römischen Art entspricht die 
Art der Ausführung des Zweiges sehr wohl. Ebenfalls einen Zweig 
hält, wie ich von Herrn Furtwängler angemerkt finde, die für Medea 
zu haltende Figur beim Peliasopfer eines pompejanischen Wand- 
gemäldes (Heibig, n. 1261b, Atlas, Taf XIX). 

So weit dessen starke Zerstörung urtheilen läfst, würde das late- 
ranensische Exemplar überhaupt den gröfseren Anspruch haben, das 
attische Original zu sein oder ihm näher stehen, als das Berliner, 
welches letztere zwar, wie Anfangs betont, echt im Detail der Form 



104 

erscheint, wenn man dem gegenüber moderne Formengebung sich zu 
vergegenwärtigen hat, aber doch durch Glätte und Leerheit, an der 
modernes Putzen schwerlich allein Schuld sein kann, gegen das late- 
ranensische Exemplar absticht. Das ehedem Strozzische, jetzt Berliner 
Exemplar wäre also eine Arbeit von der Art der Münchener, Vatika- 
nischen und Florentiner, allerdings in freierer Nachbildung sich be- 
wegenden Wiederholungen der Niken von der attischen Balustrade 
(Kekul^, Reliefs an der Balustr. der Athena Nike, S. 5. 9. 18 f. Frie- 
derichs -Wolters nn. 808. 809). 

Nach Art sorgfältiger mechanischer Kopien genau ist die Ueber- 
einstimmung allerdings auch zwischen den beiden Exemplaren des 
Medeareliefs nicht. Die Platte von B ist stärker verjüngt und aufserdem 
um etwa 0,08 m höher, als die von L; die Figuren aber sind umgekehrt 
. auf L etwas gröfser, als auf B, und auch die Verhältnisse, namentlich 
in der Höhe der beiden aufrechtstehenden Figuren, sind auf beiden 
Exemplaren nicht dieselben. Die stehende Figur links (ohne die auf L 
nicht sehr deutliche Erhöhung der Kopfbedeckung) mifst auf L 1,039 "'i 
auf B nur 1,036, die stehende Figur rechts auf L 1,055 oder ursprünglich 
noch etwas mehr, auf B 1,04. 



IX. 



ADOLF MICHAELIS 



Zur Zeitbestimmung Silanions. 



Ueber die Zeit des attischen Bildhauers Silanion liegt nur das 
eine Zeugnifs des Plinius vor, der in seiner chronologischen Tabelle 
der Erzgiefser ihn am Ende einer mit Lysippos beginnenden Reihe 
aufzählt und demgemäfs in Ol. 113, cum et Alexander Magnus , an- 
setzt '). Dafs das Datum sich direct nur auf den erstgenannten 
Lysippos bezieht, kann heutzutage wohl als ausgemacht gelten. Für 
Silanion ergiebt sich aus der Zusammenstellung nur, dafs Plinius ihn aus 
einem für uns nicht mehr ersichtlichen Grunde für einen ungefähren 
Zeitgenossen Lysipps hielt und daher lieber unter Ol. 113 unter- 
brachte, als entweder unter Ol. 104 neben Praxiteles und Euphranor 
(denn die 107. Olympiade mit Aetion und Therimachos bleibt besser 
aus dem Spiel) oder unter Ol. 121 bei Eutychides und den anderen 
Künstlern der Diadochenzeit. Brunn ^) hat bereits bemerkt, dafs 
Silanion schon früher thätig gewesen sein mochte, da er selbst eine 
Statue Piatons (gest. 347), sein Schüler Zeuxiades eine des Hypereides 
(gest. 322) gemacht habe, und man ist ihm allgemein darin gefolgt. 
Ich, möchte versuchen wahrscheinlich zu machen, dafs Plinius den 
Künstler getrost um etwa zehn Olympiaden früher hätte ansetzen 
dürfen und dafs kein Grund vorliegt, ihn überhaupt bis in die Zeit 
Alexanders hinabreichen zu lassen. 

Leider ist bisher keine Inschrifl zum Vorschein gekommen, deren 
paläographischer Charakter oder sonstige Merkmale eine Fixirung Si- 
lanions gestatteten. Die Namen der von ihm dargestellten olympischen 



«) Plinius 34, 51 CXIJI Lysippus fuH^ aim et Alexander Magnus, item Lysisiratus 
fraier eins, S/Aenis, Euphron, Endes, Sosiraius^ Ion, Silanion (in hoc mirabile quod ntälo 
doaore nobilis fuit, ipse disciputum habuit Zeuxiaden), Ueber Ol. I13 als Mitte der 
Regierungszeit Alexanders s. Löwy Untersuchungen S. 63. 

>) Gesch. der griech. KUnstler I S. 391. 



io8 

Sieger, unter denen zwei junge Messenier sind'), bieten nur insofern 
eine ganz allgemeine Zeitbestimmung, als nach einer Bemerkung des 
Pausanias (6, 2, lof.) den Messeniern erst seit ihrer Rückkehr aus der 
Diaspora (369) das Siegesglück in Olympia wieder lächelte. Gleich 
im folgenden Jahre (Ol. 103) siegte der zwölfjährige Knabe Damiskos 
im Knabenwettlauf. Die beiden von Silanion dargestellten Knaben 
waren beide Sieger im Faustkampf; sie gehörten also verschiedenen 
Olympiaden an, und zwar vermuthlich nicht der eben genannten 
103. Genaueres läfst sich aber über die Zeit ihrer Siege nicht er- 
mitteln. 

Einen etwas festeren Anhalt bietet dagegen diejenige Statue, die 
unter den uns bekannten Werken Silanions neben der sterbenden 
lokaste unser Interesse zumeist in Anspruch nimmt, das Portrait des 
Bildhauers ApoUodoros, in dem Silanion das Charakterbild einer 
leidenschaftlichen, bis zur Tollheit gesteigerten Selbstkritik geschaffen 
haben sollte^). Denn nach den Darlegungen von M. Hertz 3) läfst sich 
nicht fuglich daran zweifeln, dafs dieser Bildhauer ApoUodoros, insanus 
co^nominatus ^ von jenem anhänglichen Schüler des Sokrates nicht 
verschieden ist, der nach Piatons anschaulicher Schilderung 4) genau 
wegen der gleichen Eigenschaft, der gegen sich und andere gerichteten 
rücksichtslosen Kritik, den Beinamen (uxp^xog führte. Nun war dieser 
ApoUodoros nach der von Piaton ihm in den Mund gelegten Angabe 5) 
im Jahre 416, als Agathon seinen ersten Sieg errang, noch ein Knabe. 
Mag man darunter mit Jahn ein Alter von etwa acht oder mit Hertz 
eines von 15 — 16 Jahren verstehen, immer fallt die Zeit von ApoUo- 
doros Geburt in die ersten Jahre des peloponnesischen Krieges, etwa 
zwischen 430 und 425. Gewähren wir nun auch dem leidenschaftUchen 
Selbstquäler eine Lebensdauer von ungefähr siebzig Jahren, gewifs ein 
reichliches Ausmafs, so ist sein Tod etwa um 360 oder bald nachher 
anzusetzen, sicher nicht später, während einem selbst erhebUch früheren 



i) Paus. 6, 4, 5 (Satyros von Elis). 14, 4 (Telestes von Messene). 14, 11 (Damaretos 
von Messene). 

») Plinius 34, 81 Silanion ApoUodorum fudit^ ßdorem et ipsum, sed intcr cundos dili- 
gentissimum artis ei miquofn sui iudicem^ crebro perfecta signa frangentem, dum satiari 
cupiditate artis non quU^ tdeoqtie insanum cognominattim ; hoc in eo expressit^ nee hominem 
ex aere fecit sed iracundiam. 

3) Arch. Anzeiger 1858 S. 243* ff., wiederholt und gegen einige Bedenken O. Jahns 
(Abh. der sächs. Ges. der Wiss. VIII S. 718 Anra. 50) vertheidigt in dem Breslauer Programm 
de Apollodoro statuario ac philosopho, 1867. Vgl. Brunn in Meyers allg. KUnstler-Lex. II, 176 f. 

4) Symposion i p. 173 C— E. Eine kritische Zusammenstellung der auf ihn bezüg- 
lichen Stellen giebt Hertz S. 6 f. 

5) Plat. Symp. i p. 1 73 A naidtap ovriav ^fjiviv Ir*. 



109 

Ansatz nichts im Wege steht. Ohne Zweifel ist es bei dem höchst 
individuellen Charakter der Persönlichkeit und des Portraits am wahr- 
scheinlichsten, dafs Silanions Statue noch bei ApoUodoros Lebzeiten 
gefertigt ward. Sollte dies aber auch nicht zutreffen, so werden wir 
doch nicht viel tiefer hinabgehen dürfen, denn schwerlich hat sich das 
Interesse für den seltsamen Kauz, der zwar anhänglich in seiner Ver- 
ehning und eigenartig in seinem Wesen, aber geistig nicht eben be- 
deutend war'), noch lange nach seinem Tode so lebendig er- 
halten, dafs Silanion sich hätte veranlafst sehen sollen sein Bildnifs zu 
schaffen. Somit fallt diese Statue mit ziemlicher Sicherheit noch 
vor die Mitte des Jahrhunderts, wahrscheinlich aber nicht unbedeu- 
tend früher. 

Ebendahin scheint auch die Statue Piatons zu weisen, die Silanion 
im Auftrage des Persers Mithradates für das Musenheiligthum in der 
Akademie anfertigte^). Dafür kommt nicht sowohl die Lebenszeit 
Piatons in Betracht (denn das Bildnifs könnte ja sehr wohl erst nach 
seinem Tode gewidmet worden sein), wie die Persönlichkeit des Stifters 
der Statue — wenn es nämlich gestattet ist diesen mit einem ander- 
weitig bekannten Zeitgenossen Piatons zu identificirens). Der Perser 
Mithradates ist jedenfalls unter den Verehrern des Philosophen eine 
so auffällige Erscheinung, dafs der Versuch einer Erklärung gerecht- 
fertigt sein wird. Nun stammten die Könige von Pontos, bei denen 



«) Xen. Apol. 28 in^v/ntjr^s fiiy ic^v^^ avrov, älXtag d* iiS^d-tjs. — Apollodors 
künstlerische Thätigkeit setzt Jahn in die nachsokratische , Hertr in die vorsokratische 
Periode seines Lebens. Dafs die Jugendzeit hierfür ausreichenden Raum gewährt haben 
könne, mag man Hertz zugeben; ja man könnte aus der voreuklidischen Inschrift eines 
ICfinstlers [*A]noll6dfaQos (CIA. I, 404) ein Argument fUr diese Ansicht entnehmen. Allein 
Apollodors eigene Scljildenmg seiner Jugend {nt^n^ixioy onti rv/otf** xai olofxivog t* 
noitiv Plat. Symp. i p. 173 A) pafst doch durchaus nicht zu Plinius Zeugnifs tlber die 
Art seiner künstlerischen Thätigkeit; letzteres scheint vielmehr vorauszusetzen, dafs Silanion 
ApoUodor als selbstquälerischen Künstler persönlich gekannt und daher seine Charakteristik 
entnommen habe. Auch die von ApoUodor angeführten Portraitstatuen {phiiosophi 
Plin. 34 , 86 passen besser zum vierten als zum fünften Jahrhundert , wo Portraitstatuen 
noch zu den Seltenheiten gehörten. Dafs übrigens ApoUodor als Künstler Bedeutendes 
geleistet habe, wie Jahn als nothwendig voraussetzt, läfst sich aus Plinius kurzer Erwäh- 
nung nicht schliefsen; Anlafs zu dieser mag eben die von Plinius an der anderen SteUe 
angeführte Charaktereigenthümlichkeit geboten haben. 

*) Diog. Laert. 3, 25 ip cf* t(5 7r()(ura> tüv unofAVfifjioviVfAitKüv *Pttßü}Qivov (fi^irat 
Ott Mk^Qnfärtj^ o niqarig dt^Jq^avT« JlkuTtavog «W^^ro »iV jijv 'AxadtifAiay xai inty^aipi 
MtS^qtdatfig o 'PoifoßaTov (vgl. S. 1 1 1 Anm. 2) JliQafje Movüatg tixova dyi&tro niartoyog, 
^y JCtkavimy fnoiriot\ 

3) Dies ist bereits geschehen von Vaillant Achaemenidarum imptrium S. 12 ff., doch 
mit Beimischung von anderen Angaben, deren Zugehörigkeit gröfseren Zweifeln unter- 
worfen ist, vgl. S. 1 10 Anm. 5. 



tlö 

jener Name besonders häufig auftritt und deren authentische Reihe um 
302 mit Mithradates Ktistes beginnt, von einem Geschlechte ab, von 
dem wir im vierten Jahrhundert drei auf einander folgende Vertreter 
kennen, einen älteren Mithradates (gest. 363), Ariobarzanes (gest. 337) 
und Mithradates den Jüngeren (gest. 302), den Vater des Ktistes'). 
Ed. Meyer ^) hat überzeugend nachgewiesen, dafs erst eine spätere 
Geschichtsfalschung auch diese Männer zu pontischen Königen ge- 
macht hat, während sie in Wirklichkeit mit dem Pontos nichts zu 
thun hatten und überhaupt ein pontisches Reich vor Mithradates 
Ktistes gar nicht existirte. Vielmehr waren jene drei an der mysischen 
Küste der Propontis ansässig. Der jüngere Mithradates wird aus- 
drücklich als erblicher Herrscher von Kios bezeichnet 3). Sein Vater 
Ariobarzanes mischte sich als Satrap von Phrygien vielfach in die 
griechische Politik und stand zeitweilig so gut mit Athen, dafs er mit 
seinen drei Söhnen das dortige Bürgerrecht empfing4). Endlich ist 
kein Grund zu bezweifeln, dafs auch Ariobarzanes. Vorgänger, der 
ältere Mithradates, bereits ebendort ansässig war; ja eine indirecte 
Bestätigung dafür ergiebt sich aus den Erzählungen von Klearchos, dem 
Herakleoten vom Pontos. Dieser, einst ein Zuhörer Piatons, hatte 
eine Zeitlang als Verbannter in eines Mithradates Diensten gestanden, 
bis er in seine Heimat zurückberufen ward. Später von dort ver- 
trieben, hatte er sich der Hilfe eben desselben Mithradates, der den 
Herakleoten feindlich gesinnt war, bedient, um sich der Stadt wieder 
zu bemächtigen, dann aber treulos seinen Genossen gefangen genom- 
men und erst gegen grofses Lösegeld entlassen. Das geschah um 365, 
also gegen das Ende der Lebenszeit des älteren Mithradates von Kios. 
Die nicht gar weite Entfernung von dem pontischen Herakleia macht 
die angedeuteten Verhältnisse am leichtesten erklärlich, wenn wir unter 
dem dort genannten Mithradates eben den Herrn von Kios verstehen 5). 



I) Diod. 15, 90. 16, 90. 20, III. 

3) Geschichte des Königreichs Pontos S. 31 ff. 

3) Diod. 20, III MkS-Qidartjs . . . dypQeS^tj ntQl Kiov Tfjg Mwriag, oQ^ctg a&r^g xat 
'jiQQh'tjs (tri TQ&ttXOPTa niyre' r^y dt ^vvaattiav dtadtJidfi(yog M^d'gtdartig 6 vlog adrov 
xrJL. Statt des völlig unbekannten 'AQqivrjg vermuthet Jak. Gronov Kaqivrigy d. h. Karene, 
an der mysbchen Küste Lesbos gegentiber zwischen Atarneus und Thebe gelegen. 

4) Demosth. 23, 141. 202. Wenn er 336 starb, kann er schwerlich mit dem bei 
Xenophon Hell, i, 4. 7 genannten Ariobarzanes identisch sein, der 405 die athenischen 
Gesandten im Auftrage des Phamabazos nach Kios geleitet (Meyer S. 35 Anm. i). Sollte 
dies ein älteres Mitglied derselben Familie sein? 

5) Suidas KXinqx^^ (^ß^* Memnon bei Phot. cod. 224). Justin. 16, 4. Meyer a. a. O. 
S. 34 Anm. I stellt die Identität der beiden Mithradate als unerweislich hin; eine grofsc 
Wahrscheinlichkeit dafür ist aber doch vorhanden. Dagegen mögen der in Xenophons 



ttt 

Diesem Dynastengeschlechte kommt aber auch die Bezeichnung 
cPersers zu; wenigstens rühmten sich ihre Nachkommen, die Könige 
von Pontos, ihrer Abstammung von einem der sieben Perser, die einst 
unter Führung des Dareios den falschen Smerdis getödtet hatten'). 
Wie Dareios in der Inschrift von Bisitun bei jedem der Verschwore- 
nen aufser dem Vatemamen auch noch hinzufugt, dafs er ein Perser sei, so 
würde sich auch Mtd^qaddttf; o 'Pödoßccrov Ißqcfijg auf der zur Platonstatue 
gehörigen Inschrift dieser Abkunft rühmen 2). Jedenfalls scheint mir ein 
Perser in Kios als Verehrer Piatons weit natürlicher als ein orientalischer 
Barbar. Kios, das Lokal der Hylassage, eine alte Gründung der Mi- 
lesier, hatte dem delisch-attischen Seebunde angehört; und wenn wir 
auch die Stadt unter den Theilnehmern des neuen Bundes nicht nach- 
weisen können, so scheint doch ein Inschriftfragment aus dem Jahre 
377/76 dafiir zu sprechen, dafs auch damals freundliche Beziehungen 
zwischen ihr und Athen obwalteten 3). Uebechaupt aber ist unter den 
Schülern Piatons kaum eine Landschaft stärker vertreten als die Um- 
gebung der Propontis. Seit langer Zeit mit Athen durch Interessen 
verschiedenster Art verknüpft, zeigt sie sich auch damals stark unter 
dem Einflufs der geistigen Einwirkungen, welche von der Philosophie 
des europäischen Griechenland und nicht am wenigsten von der Aka- 
demie ausgingen. So erhält der aus persischer Familie stammende 
Herr von Kios seinen natürlichen Platz neben Timolaos von Kyzikos 
und Euäon von Lampsakos, neben Leon von Byzanz und den Hera-^ 
kleoten Klearchos Chion und Leonidas, lauter Männern, die an den 
politischen Verhältnissen ihrer Heimath lebhaften Antheil nahmen, 
zupi Theil solchen, welche mit gröfserem oder geringerem Erfolg nach 
einer Art von Herschaft strebten, wie sie Mithradates in seiner Stadt 
wirklich ausübte4). 



Anabasis wiederholt erwähnte Freund des jüngeren Kyros und der ebenda 7, 8, 25 als 
Statthalter von Lykaonien und Kappadokien genannte Mithradates, welche Vaillant eben- 
falls für identisch hält, allerdings besser aus dem Spiele bleiben. 

«) Polyb. 5, 43, 2. Sallust. bist. 2 Fr. 53 Kr. (Ampel. 30, 5). Florus i, 39 (40 = 3, 5, i). 

*) Ob der Name des Vaters richtig tiberliefert ist, scheint zweifelhaft. Marres 
de Favorini vita S. 102 vermuthet M^^^, ^OQovToßdrov , mit Berufung auf Arrian (1,23. 
2f 5t 7)* Sallust und Florus nennen Artabazes als Stammvater des Geschlechtes; sollte 
dieser Name darin stecken? 

3) Die Kutvol zahlen im alten Bunde stets den gleichen Betrag von 1000 Drachmen. 
Vgl. dazu .CIA. II, 22 = Schöne griech. Reliefs Tf. 9, 53 S. 27 f. Schöne ist freilich ge- 
neigter ''/xfoc £u lesen und die Inschrift auf den Beitritt von Ikos zum neuen Seebunde 
(CIA. n, 17 ^ Z. 84), der in der That in jenem Jahr erfolgte, zu beziehen; der Ikier 
mfifste dann also seine weibliche Heimathsinsel Ikos vertreten. Köhler läfst die Lesung 
unentschieden, mir schien das vermeintliche I nur ein Bruch im Stein zu sein. 

4) Vgl. die Belege bei Zeller Philos. der Griechen n, i ' S. 365 Anm. 2. 



112 

Wenn hiemach wahrscheinlich (denn mehr wird man kaum be- 
haupten dürfen) der ältere Mithradates von Kios der Besteller der 
Platonstatue war, so ist für dies Werk Silanions eine Zeil^enze ein- 
mal durch den Beginn von Piatons Thätigkeit in der Akademie (etwa 
387) und andrerseits durch den Tod des Mithradates im Jahre 363 
gegeben. Die ungefähre Uebereinstimmung des letztgenannten äufsersten 
Termins mit dem oben fiir das Bildnifs ApoUodors gewonnenen Re- 
sultat kann dazu dienen, die Vermuthung über Mithradates zu stützen. 
Silanion gehört danach nicht sowohl zu den Künstlern der. Zeit Philipps 
und Alexanders, Praxiteles Euphranor Lysippos, in deren Gefolge er 
seinen Platz in den Darstellungen der Kunstgeschichte zu erhalten 
pflegt; zeitlich tritt er vielmehr der älteren Gruppe von Künstlern des 
vierten Jahrhunderts, Skopas Kephisodotos Damophon, näher. In den 
ohne Zweifel auf freier Phantasie beruhenden Portraits der Sappho und 
Korinna berührt er sich mit dem etwas älteren Argeier Naukydes, 
der ein Bild Erinnas geschaffen hatte, wie später Lysippos und die 
folgenden Generationen dergleichen litterarische Portraits mit Vorliebe 
behandeln. Von der Auffassungsweise der Bildnisse durch Silanion 
erfahren wir nichts als was von der scharfen Charakteristik selbst- 
quälerischer Leidenschaft in der Statue ApoUodors gesagt wird*). 
Dies genügt aber, um den Künstler in einen deutlichen Gegensatz 
gegen die ideale Portraitbildnerei des fünften Jahrhunderts zu setzen, 
als deren Hauptrepräsentanten wir Kresilas zu betrachten pflegen und 
deren allgemeiner Charakter uns aus einer Reihe erhaltener Köpfe an- 
schaulich entgegentritt. In eben diesem Gegensatz ist der nächste 
Genosse Silanions sein attischer Landsmann, der äyd'QfOTtoTWiog 
Demetrios von Alopeke, dessen Zeit sich bekanntlich neuerdings 
durch mehrfache Inschriflfunde ebenfalls auf die erste Hälfte des 
vierten Jahrhunderts hat bestimmen lassen^). Nicht als ob beide 
Künstler einander ganz gleich zu stellen wären. Der starke Naturalis- 
mus jenes antiken Denner, der nach rücksichtsloser Wiedergabe der 
äufseren Erscheinung in allen ihren Einzelheiten strebte, ist aus Lucians 
Beschreibung seiner Statue des Pellichos bekannt, und es ist schwerlich 



«) Die bekannte Statuette Piatons (Mon. ined, d. Inst, in, 7. Schuster Portr. d. 
griech. Philos. Taf. 2, 2. Platants Symposium ed. O, Jahn, Titelbl.) würde als Nachbildung 
grade der Statue Silanions auch dann nicht mit Bestimmtheit gelten können, wenn Heyde- 
manns Zweifel, dafs der Philosoph Piaton gemeint sei (Jen. Literaturz. 1876 No. 419)' 
weniger Gewicht hätten, als ihnen in der That zukommt. Sonst würde das Bild wohl 
geeignet sein, die obige Ausführung zu bestätigen. 

a) Schöne Hermes V S. 309. Hirschfeld arch. Ztg. 1872 S. 20 Taf. 60, 5. — Köhler 
athen. Mitth. 1880 S. 318. — Benndorf ebenda 1882 S. 47. 



113 

ein Zufall, dafs ein anderes Werk des Künstlers die hochbetagte 
Lysimache darstellte, die 64 Jahre lang das Priesterthum der Polias 
verwaltet und vier Generationen von Nachkommen um sich hatte er- 
blühen sehen I): ein dankbarer Vorwurf für diesen xataTijjShsxpog. Wie 
weit in diesen Werken auch eine innere Charakteristik, wie wir sie 
Silanion zuschreiben dürfen, der äufseren Charakterisirung entsprach, 
wissen wir nicht. Andrerseits läfst sich die erstere, gerade in der 
Richtung wie Silanion sie übte, schwer ohne ein gewisses Mafs 
realistischer Durchführung denken; und eben dahin weist ja auch, was 
wir von desselben Künstlers lokaste hören. Vergleicht man damit 
den sonstigen Charakter der attischen Kunst jener Zeit, die im Ganzen 
den idealen Zug der älteren Kunst, wenn auch in etwas anderer Rich- 
tung, fortsetzt, so ist die abweichende Tendenz jener beiden Künstler 
auffällig genug. Sicherlich genügt e^ zu ihrer Erklärung nicht, auf die 
Verschiedenheit von Bildnifsstatuen und Idealbildern im Allgemeinen 
hinzuweisen, da jene ja einer idealeren Behandlung sehr wohl 
fähig sind. 

Die Lösung dieser Schwierigkeit ist meines Erachtens in der filr 
die Kunstgeschichte bisher nicht genügend verwertheten Thatsache 
gegeben, dafs eben um diese Zeit in Athen die Sitte aufkommt 
lebenden Männern Standbilder zu errichten, während in älterer Zeit 
eine solche Auszeichnung nur Verstorbenen zukam. Konon, dem sein 
knidischer Sieg vom Jahre 394 zuerst diese Ehre eingetragen hatte, 
folgten in den siebziger Jahren sein Sohn Timotheos, ferner Chabrias 
und Iphikrates; Konons Freunde Euagoras von Kypros schlössen sich 
bald andere auswärtige Herscher, wirkliche oder vermeintliche Wohl- 
thäter des Staates, an; hinter den Männern des Krieges und der Politik 
blieben auch die litterarischen Gröfsen nicht zurück, wie denn z. B. 
aufser Piaton auch Isokrates noch bei Lebzeiten sein Standbild erhielt, 
von Leochares gearbeitet, von Timotheos — doch wohl vor seiner 
Verbannung im Jahre 354 — in Eleusis gewidmet. Es leuchtet ein, 
dafs die Darstellung einer lebenden Persönlichkeit zu einer mehr der 
Wirklichkeit sich anschliefsenden Wiedergabe einladet, ja gradezu 
nöthigt, da sowohl die unmittelbare Benutzung des Modells wie der 
von selbst sich darbietende Vergleich des Abbildes mit dem Urbilde 
hierauf fuhren müssen; womit natürlich nicht gesagt sein soll, dafs nun 
sogleich der äufserste Naturalismus nothwendig wäre. Diesen mochten 



>) So nach der von Benndorf (S. 112 Anm. 2) scharfsinnig erkannten Inschrift der Basis, 
deren Schlufs etwa so gelautet haben mag: . . . i^tniQa[a]iy trtj [^Ay^üg' »lifxjoi^ra d* 
irjj xal Tecaa(^* 'AS-ay^ [Jovltvcaca yerti] tiocaq* intldt rixytay. 

8 



114 

einzelne Künstler wie Demetrios vorwegnehmen, während die übrigen 
erst allmählich nachfolgten. Der oben versuchte Nachweis, dafs 
Silanion, ebenso wie sein Freund und Fachgenosse Apollodoros, im 
Wesentlichen derselben Zeit angehörte wie Demetrios, kann vielleicht 
grade dadurch einiges Interesse beanspruchen, dafs nunmehr Demetrios 
nicht mehr als eine ganz vereinzelte Erscheinung dasteht, sondern dafs 
wir einen Umschwung in der Portraitbildung eben für jene Zeit in 
gröfserem Umfange constatiren und zugleich nach seiner Ursache ver- 
stehen können. Möglich, dafs auch noch ein anderes Moment dabei 
mitgewirkt hat. In die Zwischenzeit zwischen der alten Idealkunst des 
fünften Jahrhunderts und diesen neuen Bildnissen fällt nicht nur die 
scharfe Scheide des grofsen Krieges mit seinem Hervordrängen der 
einzelnen Individuen, sondern auch die völlige Umwälzung auf dem 
Gebiete der Malerei durch Apollodoros Zeuxis Parrasios und ihre 
Genossen. Welche Anregungen von hier aus auf die Plastik ausgeübt 
worden sind, verdiente wohl eine eingehende Untersuchung; wie sich 
mir denn überhaupt immer mehr die Ueberzeugung aufdrängt, dafs 
durch den gröfsten Theil der griechischen Kunstentwickelung hindurch 
die Malerei der Plastik vorang^[angen und ihr gewissermafsen den 
Weg gewiesen hat, so zu sagen die führende Kunst gewesen ist. Es 
erscheint nicht undenkbar, dafs die arguHae voltus eines Parrasios, die 
feine psychologische Charakterisirung eines Timanthes auch auf die 
Auffassungs- und Darstellungsweise der plastischen Portraitbildnerei 
eingewirkt haben. Doch wird dieses Moment wohl nur in zweiter Linie 
in Betracht kommen dürfen; die hauptsächliche Ursache des bezeich- 
neten Umschwunges in der Portraitkunst wird immer in dem Ueber- 
gange vom Gedächtnifsmale des Todten zum Ehrendenkmal für den 
Lebenden zu suchen sein. 



X. 



RUDOLF SCHOLL 



Griechische Künstlerinschriften. 



8' 



J\us dem Boden Olympia's ist der antiken Kunstgeschichte mit 
der ansehnlichen Aehrenlese neuer Thatsachen und neuer Probleme 
unmittelbar die weitergreifende Forderung erwachsen, ihr Arbeitsfeld 
gründlich umzupflügen, ganze Strecken neu zu bestellen und von ein- 
gewurzelten Vorstellungen zu reinigen, ja wieder von vom bei den 
Grundfragen der Quellenkritik einzusetzen. Die lebhafte Diskussion 
gegensätzlicher Meinungen, die dem Fernerstehenden leicht den unbe- 
haglichen Eindruck einer Alles in Frage stellenden Auflösung hinter- 
läfst, hat doch bereits begonnen, einleuchtende Ergebnisse auszuscheiden 
und sie von blendenden Combinationen und von luftigen Einfallen zu 
unterscheiden. Wenn ich hier diese Diskussion an einem periphe- 
rischen Punkte berühre, so bestimmt mich der Wunsch, mit meinen 
anspruchslosen epigraphischen Bemerkungen einen Tribut der Dank- 
barkeit dem verehrten Mann darzubringen, der uns mit der wieder- 
erweckten Weihestätte hellenischer Festsitte und Kunstthätigkeit auch 
jene Fundgrube der sich neu verjüngenden Forschung erschlossen hat. 

cEine merkwürdige Urkunde peloponnesischer Künstlergeschichte» 
nennt Ernst Curtius mit Recht die bekannte argivische Inschrift vom Weih- 
geschenk des Praxiteles in Olympia ^^^Tcoftog inoiyiji ^A^yetaq \ xaQyetddag 
aYsXdtda rä^yako. Einen förmlichen Künstlerroman sogar .hat der jüngste 
Herausgeber aus den wenigen Worten herausgelesen. Röhl übersetzt 
«Fecit Atotus, Argivus et Argeades, filius Agelaidae Argivi.» Nach 
ihm war der Bildhauer Ageladas ein Makedonier aus dem alten könig- 
lichen Geschlecht der Argeaden, er wanderte aus nach Argos, der 
fabelhaften Wiege seines Geschlechts, und gewann sich dort Ansässig- 
keit und Bürgerrecht. So begreife sich, dafs sein Sohn Atotos, der 
Erbe der Firma, Werth darauf legt, sich selbst sowohl als den Vater 



ii8 

als Argiver zu legitimiren, und gleichzeitig Titel und Rechte seines 
Heimathadels zu wahren. 

Eine phantasievolle Erklärung, die auch ihre Gläubigen gefunden 
hat. Indessen — um den Makedonier Ageladas den Archäologen, 
und den von Argos bestätigten Anspruch der Argeaden den Histo- 
rikern zu überlassen — ein kundiger Epigraphiker wie Röhl durfte 
sich nicht dabei beruhigen, eine Schwierigkeit der Interpretation durch 
zwei neue zu beseitigen. Um die ungewöhnliche Stellung des iriolffis 
zu rechtfertigen, wird uns eine viel unerhörtere Umstellung des Vater- 
namens hinter Heimaths- und Geschlechtsbezeichnung zugemuthet. Und 
so auffallend es wäre, das Ethnikon dem Vaternamen anzuschliefsen, 
so mangelhaft motivirt ist die umständliche Wiederholung des Ethnikon 
bei Sohn und Vater. Vollends bedenklich, ja nicht zu verstehen ist 
die Verbindung ''AQystog xai ^Aqyeuidag, bei welcher die einfache Partikel 
nicht gleichartige Begriffe, wie etwa in dem Svqaxotuog nal KafuxQi%rcaog 
der metrischen Inschrift desselben Denkmals, sondern die durchaus 
ungleichartigen der Orts- und Geschlechtsangehörigkeit zusammenfassen 
soll. Die letztere könnte dem Sprachgebrauch gemäfs nur durch 6 iS 
^Aqyeadäv oder rov liQyeadtap yivovg ausgedrückt sein. 

Die nächstliegende Auffassung behält also Recht, dafs Argdadas 
der Name des Sohnes von Ageladas ist, der als zweiter neben Atotos 
an dem Denkmal gearbeitet hat. Dafs das Verbum sich im Singular 
dem ersten Namen anschliefst, ist freilich ungewöhnlich, aber ohne 
eigentlichen Anstofs. Es erklärt sich aus dem herrschenden und gerade 
bei argivischen Künstlern beliebten Gebrauch, dem iTwlffis die Stelle 
zwischen Namen und Ethnikon zu geben, und weiter, wie dieser Ge- 
brauch selbst, aus der Nachwirkung älterer metrischer Formen von 
Künstlerinschriften nach Art der später zu erwähnenden delischen, in 
welchen die Voranstellung nicht aufTällt. Uebrigens ist die Struktur 
auch der Inschriftenprosa nicht unbekannt: in der vielbehandelten 
Urkunde von Halikarnass z. B. wiederholt sie sich: iTÜ Aioptog 
7iQirtav[€VOp}to[g z]ov X)a(f(ui(Aftog xa[i] 2a[QV0&(iSi]XX[av t}ov Ge^xv^lfoy^ta] 
und Totg fAifi}iJi{oa]w inl IdTwXhavidsia tov yiv[ydcc]fHog fji/^ffpop[€]v<n^og luu 
[IIa)/]a(jbV(a tov KaaßoiXXtog xal 2[aXfjb]axni(mf fJbPiifWP€vdyT(iü[p Mjsyaßmea 
TOV l^(pvd(Uog xai [0o]Qfjd(opog tov lI[a]yvcc(P(tiog, 

Um so schwerer fallt das andere Bedenken ins Gewicht: Tagysim 
als Ethnikon zum Vatersnamen gezogen ist weder zu belegen noch 
irgend zu entschuldigen. Das olympische Epigramm IG A 12 ®^a- 

avfjbdxov Tiatdsg tov MaXlov | Tm Jl Jdiahtog xal [ dpS&ev] 

läfst sich nicht vergleichen: hier war tov MaXhv nicht blos durch die 



119 

poetische Fassung und die Voranstellung des Vaters veranlafst, sondern 
die nicht-melische Schrift gibt einen unverkennbaren Fingerzeig, dafs 
die Söhne und Stifter des Denkmals Grund hatten, sich selbst nicht, 
oder nicht mehr, als Melier zu bezeichnen: und fiir die ähnlich gefafste 
delphische Inschrift Toi XaqoTÜvov Jtcadeg wid'Mxp tov JTaQlov (Bull, de 
corr. hell. VI 445) beweist Alphabet und Dialekt dasselbe. Nur Genitiv 
aber kann Tagysito sein. Wilamowitz nahm den Dualis td Hgyelid und 
Ausfall eines zweiten Namens vor xaQysuiiag ^n\ aber seine Ergänzung 
l'O Sstva tav i^pog] it&qyeuiiaq äyehuda t&QyBUa \ \x& Jifl dps&irati], 
die den Argeiadas zum Weihenden macht und damit den Künstler 
Ageladas beseitigt, ist nicht mehr zu halten, seitdem die Voraussetzung, 
dafs eine links angrenzende Platte fehle, durch den Augenschein der 
genau aneinanderschliefsenden Bathronblöcke hinfällig geworden ist. 
Auch formell würde rta ligyeho Anstofs geben: nicht der Dualis an 
sich, von dem im Argivischen so gut wie im Lakonischen, Elischen, 
Arkadischen, Böotischen Spuren geblieben sein können, vielleicht sogar 
erhalten sind, falls I G A 43a (= Newton Ancient greek inscriptions in 
the British Museum 11 138) wirklich nach Argos gehört — : wohl aber der 
Artikel. Im .poetischen Epigramm heifst es wohl liXSijytoQ inohfisv o 
Ndl^tog oder MtxxniS^ — iTuAffis nuxi tioq ^Aqx^qikoq — ol Xton in der 
prosaischen Nomenklatur ist der Artikel vor dem Ethnikon unerhört. 
Abgesehen natürlich vom Genitiv, dessen eigenartiger Gebrauch auch 
hier die Abweichung duldet, ja begünstigt: Oapodixav dfü tov ^EQfwxQd- 
ravg tov H^ntovfpUn) j oder rXswixa tode öäfMt tav KvTtqtov tav SccXa- 
IMpUn) u. a. 

Es bleibt ilir taQyeUo (tagysiov) nur eine Möglichkeit der Erklärung: 
Argeios hiefs der Vater des Ageladas, Grofsvater des Argeiadas. Bei 
dieser Annahme ist die Fassung tadellos, der Artikel unentbehrlich. 
Und auf einen Namen l^gyetog weist doch eben die patronymtsche 
Bildung IdQyskddaq zurück. Das Verhältnifs ist das gleiche wie bei Strom- 
bichides Enkel des Strombichos, der Wechsel häufig in JafAox^tidag 
^aftox^teog und Aehnlichem. 

Argeios als Name eines Künstlers der argivischen Schule ist 
übrigens eine längst bekannte, wenngleich allgemein verkannte Gröfse. 
Flinius nennt ihn an der Spitze seiner Liste der Schüler Polyklets: £x 
fds Polyclitus discipidos habidt Argium^ Asopodorum^ Alexitn^ Aristidem^ 
Phrynonem^ Athenodorum^ Demean Clüorium. Man hat sich nach dem 
Vorgang von Thiersch gewöhnt, Argium Asopodorum als zusammen* 
gehörig zu fassen, entsprechend dem Demean Clitarium und dem vor- 
hergehenden Gorgias Laccm: so noch zuletzt Löwy in seinen um- 



I20 

sichtigen Untersuchungen zur griechischen Künstiergeschichte. Das 
ist durchaus unstatthaft: denn dafs Plinius an ein Ethnikon nicht 
dachte, zeigt die Stellung der Namen. Aber dieselbe Stellung läfst 
auch fiir ein Mifsverständnifs des Plinius, wie es ihm gleich darauf mit 
Kresilas und Kydon passirt ist, keine passende Erklärung zu. 

Dagegen hat Klein (Studien zur griechischen Künstlergeschichte, in 
den Archäologisch-Epigraphischen Mittheilungen aus Oesterreich Vn 63) 
den Schüler Polyklets in unserm Argeiadas wiederzufinden vermeint 
Es scheint ihm 'nur mehr fraglich, ob diese Latinisirung des Namens 
Argeiadas Plinius, seiner Quelle, oder irgend einem Abschreiber zur 
Last fällt. Der Sohn des Ageladas war also nicht blos Genosse der 
Schüler Polyklets, sondern selbst dessen Schüler und seines Vaters 
Enkelschüler*. Mit dieser letzteren Gleichung widerlegt die Combination 
sich selbst. Einer Widerlegung bedarf auch die Namensgleichung nicht, 
von der sie ausgeht. Der paläographische Charakter unserer Inschrift 
vereinigt sich mit den scharfsichtigen und unwiderlegten Beobachtungen 
Furtwänglers über das zeitliche Verhältnifs des Praxitelesbathron zum 
olympischen Tempelbau, und mit den Zeugnissen der besseren kunst- 
geschichtlichen Tradition zu dem Ergebnifs, dafs der Sohn des Ageladas, 
welcher gegen die Mitte des Jahrhunderts an jenem Denkmal thätig 
war, der ältere Kunstgenosse, Polyklet der jüngere war. Auch Athano- 
doros der Achäer und Asopodoros von Ai^os, welche die andere 
gleichzeitige Inschrift des Bathron nennt, sind nicht *die von Plinius 
aufgeftihrten Schüler Polyklets, sondern ältere Meister, durch nahezu 
zwei Generationen getrennt von dem jüngeren Athenodoros, der nach 
404 an dem lakedämonischen Siegesmonument zu Delphi gemeinsam 
mit Demeas von Kleitor arbeitete, neben welchem er auch in Plinius 
Verzeichnifs steht (Pausanias bezeichnet beide als Kleitorier). Für 
Asopodoros mufs es dahingestellt bleiben, ob der Name sich gleich- 
falls bei einem Epigonen wiederholt hat oder nur irrthümlich in die 
Schule Polyklets gerathen ist. 

In dem Argius des Plinius haben wir ohne Zweifel einen jüngeren 
Träger des Namens zu erkennen, der im Hause des Ageladas erblich 
war. Als Jünger Polyklets würde dieser jüngere Argeios .der zweiten 
Generation nach Argeiadas angehören. Es ergabt sich eine regelrechte 
diadoxi] der Künstlerfamilie: 



121 

Argeios 



Ageladas 

I 

Argeiadas 

• 

Argeios. 
Dafs in der Unterschrift eines Kunstwerks ein Künstler aufser dem 
Vater auch den Grofsvater namhaft macht — während bei seinem 
Genossen jeder derartige Zusatz fehlt — , rechtfertigt sich aus der Be- 
deutung solcher Abstammungsangaben als Kennzeichen der altbewähr- 
ten Firma, und bestätigt zugleich diese Bedeutung, die ein anderes 
ai^visches Künstlerepigramm verständlich umschreibt: EvteiiStxg xcd 
JCQvadd'SfHg rdde iqya tiXaUUxp ^AqY$Xoiy tix^^v ddixeg i» Tconiffav (nach 
der glücklichen Verbesserung des überlieferten n^i^üsv). 

Die drei Namen vereinigt auch die Künstler-Genealogie der delischen 
Basis, in welcher uns das unschätzbare Denkmal der ältesten Marmor- 
bildnerschule bewahrt ist. Auch nach dem neuerlichen Fund eines 
zweiten angrenzenden Stücks bietet die Inschrift der Herstellung und 
Erklärung noch Schwierigkeiten. Sie lautete wohl: 
ilf«xxi[a(% %id^ ayaX]fMx xaXov \nolffie 9uA v\oq\ 
\^A\qX'^qiu}q . . . $Mv 6Xfiß6\Xov ^AmXktavoq (oder '/ox«ce(^)] 



x) Homolle im Bull, de corresp. hell. Vn 254, mit den Ergänzungen Kirchhofs 
(bei Röhl, Jahresbericht über die Fortschritte der klass. Alterthumswiss. 18S3 S. 14; dazu 
Furtwingler Archäol. Zeitung 1883 S. 91), die ich an dem Gipsabgufs unseres kunst- 
archäologischen Instituts prüfen konnte. Kirchhoffs Lesung des ersten Verses Mtxx^[adtfg 
fAt ajfÄO xaXoy [äyakf^ inotfCi xai vlog] entspricht nicht der Gröfse der Lücke und 
-würde die Zeile Ubermäfsig verlängern. Was V. 2 stand, weifs ich nicht: gegen Röhls 
[ßovl]^tcty sprechen aufser dem E und dem Raum die erhaltenen Züge: der erste Buch- 
stabe ist nicht das schmale Halbrund eines C, sondern der Anfang eines O, €> oder 4», 
vor £ scheint nur / oder T gelesen werden zu können. Am Anfang des 3. Verses ist 
vor Ol für einen Buchstaben Platz,' aber eine Spur nicht erkennbar: [T](ü* Xiai* würde 
durch das Alphabet empfohlen, aber in Blafs' Vorschlag ^(Deutsche Lit. Zeitung 1883 

S. 1728) iV ixijßo[kog *toj[iat^a T]m Xmü* Mikei[y]og nargiMOP &a[Tv xofÄicatit] 

ist der Dativ ohne verständliche Beziehung, der Ausdruck überhaupt schief. Wäre es* ge- 
stattet (woran ich vorübergehend gedacht habe), in Melas den mythischen MitgrUnder von 
Chios und eponymen Schutzpatron des Chierweins zu erkennen, der lediglich durch Inter- 
pretationsfehler fllr den Vater des Künstlers genommen worden wäre, so liefse sich die 
VTendung rw» Xioit MiXaros natQiotoy äa[Tv cawffii] verstehen, rf> Xi^ collektiv wie 
das mit (Unrecht angefochtene) t^ Jaxtdat/^oyi^ des olympischen Weihgeschenks. Indefs 
kann diese Hypothese, von anderen Bedenken zu schweigen, Angesichts der im Text ge- 
gebenen Erwägungen nicht bestehen. Durch dieselben wird auch Röhls Ergänzung des 
Schlnfsworts vifAovng (wie Cauers xXiovtig) widerlegt 



122 

MiXavog ist natürlich mit natqdiov a&tv zu verbinden: in dieser 
Verbindung erscheint das Hereinziehen des Ahnen und Schulstifters 
noch bedeutsamer. Die Schrift des Epigramms ist entschieden nicht 
diejenige der Heimath des Künstlerpaars: sie hat für /^ die dem Kykla- 
den- Alphabet eigenthümliche Form C und folgt in der Bezeichnung 
des kurzen und langen O -Vokals, wiewohl ohne Consequenz, dem 

System von Faros undSiphnos('/L#TPO/i2iV:, APXEPMQS.HKHCQ , 

daneben freilich KAAON, MEAJ\N]OS, Ol XIOI). Mir ist nicht 
zweifelhaft, dafs die Schrift dem Fundort und Aufstellungsort des 
Denkmals angehört: dafs Archermos, wie späterhin seine Söhne, be- 
sonders ftir Delos thätig gewesen, war ja auch dem Alterthum wohl* 
bekannt. Wir hätten damit das bisher vermifste Beispiel fiir das 
epichorische Alphabet von Delos, zugleich den erwünschten Beleg, dafs 
dasselbe mit demjenigen der Nachbarinseln, besonders Faros, überein- 
stimmte. Die erwähnten Inconsequenzen werden auf Rechnung der 
Verfertiger des Denkmals zu setzen sein, welche die ihnen ungewohnte 
Schriftart anwandten. Diese auffallende Aneignung eines fremden 
Alphabets findet ihre Erklärung durch den richtig ergänzten Schlufs 
des Epigramms naxqmiw &(ftv JUnovteg. Die Chier Mikkiades und 
Archermos waren ausgewandert und lebten als Metöken in Delos. Dafs 
von Schutzbürgern in Weih- und Grabinschriften zwar der Dialekt ihres 
Heimathorts, aber die Schrift ihres Wohnorts angewandt wird, bildet 
geradezu die Norm. So in der Weihurkunde eines gleichfalls berühmten 
Chiers, des Dichters Ion, auf der attischen Burg, und ebendort in der 
Stiftung eines anderen loniers 'HydXoxog' iksydXijl^y) di ^lo^svifig aQsr^ 
t€ Ttcuifiq fjbotQap sxtav ti^pös Ttöhp ydfjbstatj in den Grabschriften der 
lonierin Lampito zu Athen (yijg äno nctTQcdfjg) und des Atheners 
Antistates zu Aigina XalQere ol Ttaqioytsgj iyco di IdvtuStdtfig vXig ^Axdqßov 
xetfjuxi T^id« d'avdv^ Ttatqida y^p nqohTuiv, Auch die oben angeführten 
Inschriften von Olympia und Delphi gehören hierher. In der letzteren 
ist merkwürdigerweise auch der heimische Dialekt gegen den fremden 
vertauscht: ein, so viel ich sehe, ganz alleinstehender Fall. 

Ob die argivische Künstlerfamilie, von welcher wir ausg^angen 
sind, ursprünglich aus Argos stammt, darf wohl gefragt werden. 
Namen wie Argeios, Argeiadas sehen nicht aus wie auf argivischem 
Boden gewachsen. Dafs ein Athener seinen Sohn Lakedaimonios oder 
Thettalos, ein Spartiate den seinen Athanaios tauft — oder, um. im 
Bereich der Kunstgeschichte zu bleiben, dafs ein Farier Lokros, ein 
Korinther Amyklaios, ein Herakleote Makedon heifst, hat nichts be- 
fremdliches: dagegen wird man einen Athenaips am letzten in Athen, 



123 

oder einen Lakedaimonios in Sparta suchen. Indefs die Wege oder 
Umwege, auf welchen der Künstler Argeios zu seinem Namen, und 
der Name nach Argos gekommen ist, entziehen sich der Vermuthung. 
Jedenfalls aber liegt in dieser Namensform selbst ein Grund dafiir, 
dafs unsere Inschrift das bereits dem ersten Künstler beigefügte Ethnikon 
bei dem zweiten nicht wiederholt: was bei dem Sohne des Ageladas 
unbedenklich war. 

lieber diesen Namen noch ein Wort. In HAFEAAIJA nimmt 
man Krasis an = o IdyBldUta. Das ist möglich: der Artikel o vor dem 
Genitiv des Vaters läfst sich in der Namensbezeichnung älterer, auch 
argivischer Urkunden nachweisen; einzelne Beispiele liefern auch die 
Künstlerinschriften, namentlich von Vasenmalern, Aber das Fehlen 
des Artikels bildet doch durchaus die Regel, und insbesondere bei 
einer vollständigen Nomenklatur wie die vorliegende finde ich keine 
Abweichung von der stehenden Form, die uns vielfach bezeugt ist: 
JijlMjTQtog Mf[t((a rav BovXayöfOVj A^sgjdAoQog Ntxapoqog rov ^AQrefMdtüQOVj 
JtoAagog ^todcigov tov lAd^payoqoVj Xagt^erog MfjTQodfOQOV toS Xdqf[toq 
u. Aehnl. Das fallt ins Gewicht gegen die behauptete Krasis, für eine 
ursprüngliche Form Hagelaidas. Und warum nicht Hagelaos wie Hege- 
leos, wie Hegelochos Hegestratos? Die herkömmliche, auf die nichts 
beweisende Ueberlieferung unserer Texte gegründete Auffassung, dafs 
der dorische Dialekt in äyiofjuxt und seinen Ableitungen die Aspiration 
von Haus aus verschmähe, ist durch authentische und gerade die 
ältesten Zeugnisse widerlegt: speziell als argivisch ist die Form 
'A^fßxQiiT^ j wie lakonisch AyiflfHQCuogj uiYffiiijaoq, böotisch jiY^j^fovdqoq 
bezeugt. Uebrigens hat mit der inschriftlichen Ueberlieferung die 
literarische, soweit sie beweiskräftig ist, das ist in diesem Fall die der 
lateinischen Texte, die echte Namensform gemein. Bei Plinius geben 
an den drei Stellen, wo der Künstler vorkommt, die guten Hand- 
schriften übereinstimmend Hagelades und Hageladae. So wenig wie 
bisher die Herausgeber des Plinius, werden sich künftig unsere 
Archäologen weigern dürfen, den peloponnesischen Meister bei seinem 
wahren Namen Hagela(i)das zu nennen. 



XI. 



RUDOLF WEIL 



Olympische Miscellea 



Hierzu Tafel III. 



Der Kopf des Apollo Im Westglebel des Zeustempels. 

JL/ie manchfachen, einander widersprechenden Ergebnisse, welche 
die Untersuchungen über die Urheberschaft der Sculpturen des Zeus- 
tempels in Olympia geliefert haben, zwingen dazu, in andern Denk- 
mälergebieten nach gleichzeitigen oder doch verwandten Gestalten zu 
suchen, welche sowohl zur Prüfung der bei Pausanias vorliegenden 
Ueberlieferung als auch zur Vergleichung mit dem, was die Aus- 
grabungen geliefert haben, dienen können. 

Für die Metopen ist gleich zu Anfang bei der Herausgabe des 
Atlasreliefs mit Bezug auf die Hesperide der nöthige Hinweis gegeben 
worden, c Unverkennbar ist in ihrem Kopfe eine grofse Aehnlichkeit 
mit dem nymphenartigen Kopfe, welchen wir auf der Rückseite der 
arkadischen Landesmünzen finden.» (E. Curtius, Mittheilungen des d. 
archäol. Instit. I (1876) S. 210). Es handelt sich dabei um den Kopf 
der Despoina, wie ihn die der Mitte des 5. Jahiiiunderts angehörigen 
Triobolenstücke tragen (v. Sallets Zdtschr. f. Numismatik m Taf. 8 n. 7 
und n. 6, DC Taf. 2 n. 3). Dem Kopf der jetzt in Paris befindlichen 
Ortsgottheit aus der Metope, welche den Kampf gegen die stym- 
phalischen Vögel enthielt, kommen andere Münzen derselben Serie 
nicht weniger nahe, der Athena der Augeias -Metope der Athena- 
kopf mit dem hohen nach hinten weit herabreichenden Bügel auf den 
älteren Silbermünzen von Kleitor. Befremden kann freilich diese Er- 
scheinung nicht, sobald man sich erinnert, dafs auf elischen Didrachmen 
aus der Frühzeit des 5. Jahrhunderts der in Arkadien althergebrachte 
Typus des auf felsiger Höhe thronenden Zeus, der seinen Adler ent- 
sendet, bis in die Einzelheiten entsprechend wiederkehrt (Gardner, Num. 



128 

Chronicle N. S. 19 (1879) Taf. 11 n. 3; Types of greek coins Taf. 3 
n. 41). Einen Unterschied der Kunstübung der Eleer und der arka- 
dischen Cantone gibt es für jene Zeit nicht und konnte es natiu'gemäfs 
nicht geben. 

In eine andere Richtung wird man gewiesen, wenn es sich darum 
handelt, für die Giebelgruppe der Westseite des 2^ustempels Ver- 
gleichungsobjekte zu gewinnen. Zwei Silbermünzen der Insel Siphnos, 
ein Didrachmon und ein Triobol (im Berl. Münzk., abgeb. Taf. m n. i 
u. 2), beide mit gleicher Rückseite: dem fliegenden Raben, der ein Blatt 
im Schnabel trägt und der Aufschrift $!♦, bieten auf der Hauptseite einen 
Apollokopf Der breite, mächtige Nacken, auf den der Kopf aufsetzt, 
die Gesichtslinie, die noch etwas strenge Falte um den Mund, die An- 
ordnung des Haares, wie die Locken in der Profilansicht gegen die 
Stime fallen, die Lockenpartie, welche das Auge und das Obertheil 
der Wange umrahmt, und die gewellten umgewickelten Haare im 
Nacken,') mit dem über den ganzen Kopf laufenden Haarband, Alles 
entspricht bis ins Einzelne dem Kopf der Apollofigur des West^ebeb 
in Olympia. In einer etwas jüngeren Bildung kehrt der eben be- 
schriebene Apollokopf wieder, mit geringen Aenderungen in dem die 
Stirn umrahmenden Lockenkranz und mit einem Lorbeerkranz ge- 
schmückt, auf kleinen Silbermünzen von Kolophon (Friedlaender-Sallet, 
Das Königl. Münzkab. n. TT\ abg. Taf. in n. 3) und diesen nahe ver- 
wandt ist der Apollokopf der Silbermünze von Mitylene (Imhoof-Blumer, 
Monnaies grecques E. n. 29), nur dafs hier die Haarpartie am Hinter- 
haupt etwas gelockert erscheint. Den gleichen Apollotypus bringt ein 
seltenes Didrachmon von Side im Britischen Museum, diesmal aber 
in ganzer Figur, die Chlamys über die Schulter geworfen, und vor 
einem Altar opfernd, den Bogen in der gesenkten Linken, den Lorbeer- 
zweig in der Rechten, zur Seite den Raben (Gardner Types Taf. 10 n. 6; 
abg. Taf. m n. 4). Die Kopfbildung des Apollo und die Haartracht 
entspricht hier genau den siphnischen Münzen. Side hat diesen Typus 
von Westen her empfangen unter dem Einflufs des attischen Seebunds, 
für den ja grade an den Vorposten der griechischen Cultur Städte, wie 
das Side benachbarte Phaseiis eifrig eingetreten sind, weil sie in der 
attischen Seemacht Schutz gegen die Barbaren -Elemente fanden. In 



>) Der Mannorkopf ist, um die Vergleichung mit den Mttnzbildern lu erleichtem, 
auf Tafel m von der rechten Seite dargestellt worden, welche bei der Au£itellung im 
Giebelfeld dem Beschauer abgekehrt war. Dadurch hat aber zugleich auf eine Wieder- 
gabe der Haarpartie ttber dem Nacken, die auf der linken im Giebel nach vom gekehrte 
Seite so sorgfiiltig ausgearbeitet, hier dagegen nur angelegt ist, verzichtet werden müssen. 



129 

einer etwas späteren Zeit, zu Anfang des vierten Jahrhunderts erscheint 
auf cilicischen Silbermünzen jene neuerdings mehrfach behandelte Copie 
der Parthenos des Phidias (Gardner Types lo n. 28) und der um die 
Zeit des Euagoras anzusetzende merkwürdige Stater in Cypern, den 
Six auf die Nemesis des Agorakritos zu Rhamnus bezieht (Num. 
Chron. IH ser. 2 Taf. 5, Rev. Num. 1883 S. 287). Dem Apollotypus der 
Münze von Side nahe verwandt ist derjenige auf dem Stater des 
Themistokles, den Waddington fiir Magnesia in Anspruch genommen 
hat (Rev. Num. 1856 Taf. 3 n. 2. Luynes Choix Taf. 9 n. 7). 

Die hier zusammengestellten Münzbilder ergeben, dafs es sich da- 
bei um eine bestimmte Gestaltung des Apollo -Ideals handelt, welche 
in der Mitte des fünften Jahrhunderts auf den Inseln des a^eischen 
Meeres, wie an der kleinasiatischen Küste weite Verbreitung gefunden 
hat, in ionischen Städten so gut wie bei dorischer und aeolischer Be- 
völkerung. Es gilt hier, was Kekulö jüngst ausgeführt hat» dafs cdie 
Grenzen der Stammesgenossenschaft mit den Grenzen der Kunst- 
schulen und Kunstübung so wenig zusammenfallen, wie mit denjenigen 
des Alphabetes; geographische Lage, Nachbarschaft und Verkehr üben 
hier ihre Wirkung.» (Archäol. Zeitung 41 (1883) S. 243). Freilich 
wäre es von Wichtigkeit, wenn sich auch in Athen der gleiche Apollo- 
Typus nachweisen liefse, doch hat es mir wenigstens nicht gelingen 
wollen, ihn aus den dortigen Denkmälern zu belegen; dafs aber allein 
unter dem regen Handelsverkehr, welchen die attische Seeherrschaft 
in 's Leben gerufen hat, seine weite Verbreitung sich erklären läfst, 
bleibt darum nicht minder gewifs. 

Während aber in den sicilischen Städten im Verlaufe des fünften 
Jahrhunderts auch in der Kleinkunst, wie sie uns durch die Münzbilder 
vor Augen geführt wird, sich das Bestreben zeigt, unaufhaltsam Neues 
zu schaffen und zu gestalten, was sie auch ungleich rascher den Höhe- 
punkt ihrer Kunstentwickelung erreichen läfst als das Mutterland, zeigen 
sich die Ostgriechen weit conservativer. Neben dem Apollo -Typus, 
welchen der olympische Westgiebel aufzuweisen ];iat und die ihm hier 
verglichene Münzreihe, liegt ein jüngerer mit ausgebildet vor, wie ihn 
Phidias seiner Göttergruppe an dem Ostfries des Parthenon eingefügt 
hat, cein jugendschönes Haupt mit breitem Lorbeerkranz im krausen 
Haar», derselbe Typus, welcher, aber erst viel später, in den Erzeug- 
nissen, der Kleinkunst» auf den Münzen von Amphipolis und vor Allem 
der Chalkidier sichtbar wird. Zeitlich sind beide Typen, wenn auch 
vielleicht an verschiedenen Orten, nach einander ausgebildet worden. 
Wie grofs oder klein aber auch der zeitliche Abstand zwischen beiden 

9 



130 

sein mag, die Kleinkunst nimmt auf das Neue zunächst noch keine 
Rücksicht und bewahrt die filr sie vorhandene Tradition. 

Die Münzen von Kolophon, die uns für das fünfte Jahrhundert in 
grofser Vollständigkeit vorliegen, halten an dem beschriebenen Apollo- 
Ideal zähe fest, nur langssim dasselbe mildernd in den kurzhaarigen 
Kopf. 

Was aus dem Apollo-Typus, von dem' wir hier auszugehen hatten, 
am Beginn des vierten Jahrhunderts geworden ist, beweist die neuer- 
dings von Imhoof bekannt gemachte Silbermünze von lasos aus der 
durch Konon zu Stand gebrachten Symmachie des Jahres 394 (monnaies 
grecques F. n. 6), der Apollokopf mit dem einfachen gewellten Haar, 
ganz ohne den Schmuck der wallenden Locken, nur nach vom geziert 
mit dem Lorbeerkranz, und ein verwandter, in der Ausfuhrung freilich 
viel roherer Kopf des Didrachmon von Zakynthos im Berliner Kabinet 
(Imhoof S. 170). 

Zur Nike des Paeonios. 

Dank der regen Betheiligung, welche die sicilischen und unter- 
italischen Städte im sechsten und fünften Jahrhundert an der Festfeier 
zu Olympia nahmen, und der glanzvollen Entfaltung, welche sie auch 
den Festen ihrer Heimath verliehen, begegnet uns auf ihren Münzen 
keine Gestalt häufiger als die Nike. Bald eilt sie wie in Katana mit 
Binde und Kranz dem als Mannstier gebildeten Flufsgott entgegen, 
bald, und dies ist ja das Gewöhnliche, hat sie das siegreiche Gespann, 
vereinzelt auch das Rennpferd zu bekränzen. In der älteren Zeit, wo 
das Gespann langsam schreitend im Abfahren begriffen ist, wird sie 
proleptisch ihm beigesellt, in der gleichen Richtung über ihm schwebend 
und schon die Rosse bekränzend, in der späteren Zeit, wo das Gespann 
in vollem Jagen dargestellt wird, fliegt sie ihm stets entgegen, um den 
Wagenlenker zu kränzen. Seltener wird die Scene dadurch verein- 
facht, dafs Nike selbst zur Lenkerin des Gespannes wird, welche das- 
selbe zum Siege fuhrt. In diesen Darstellungen aber herrscht wieder 
eine unendliche Manchfaltigkeit der Auffassung, indem die Göttin bald 
ganz wagrecht, bald nur nach vorn sich neigend, bald aufrecht, mit 
Tänie, Guirlande oder Kranz, wohl auch mit Kerykeion und Kranz 
heranschwebt. Für die kunsthistorische Entwickelung der Figar bietet 
sich auf keinem andern Denkmälergebiet eine gleiche vollständige 
Reihe, die nur dadurch in ihrem Werth eingeschränkt wird, dafs bei 
der Kleinheit der Darstellung auf den meist mehr oder weniger un- 



131 

vollkommen erhaltenen, nicht selten schon beim Ausprägen nicht voll- 
kommen gelungenen Stücken das Erkennen dieser mit gemmenähnlicher 
Feinheit behandelten accessorischen Theile erschwert und oft unmöglich 
gemacht wird. 

Typisch für alle hier vorkommenden Auffassungen der Nike- 
Gestalt ist, dafs ihre Adlerschwingen, mögen dieselben mehr der 
Rückenlinie folgen, oder mögen sie mehr erhoben sein, immer so 
g^estellt werden, dafs die Stelle, in' welcher Innen- und Aufsenflügel 
zusammenstofsen, nämlich der vom Eckflügel bedeckte Carpus den 
höchsten Punkt des Flügels bildet, typisch aber auch das für die eilige 
Götterbotin so charakteristische Motiv des festgeschürzten Gewands. 
Das letztere erleidet nur einmal eine Ausnahme, auf einigen syraku- 
sanischen Dekadrachmen und Tetradrachmen des Kimon, wo das dem 
Beschauer zugekehrte Bein der nach rechts fliegenden Nike in seiner 
ganzen Länge entblöfst wird, der lange Chiton, der das andere Bein 
verhüllt, in mächtigen Falten gegen die Schwungfedern des Adler- 
flügels zurückwallt, der breite Gewandumschlag aber, der unterhalb 
des Gürtels zum Vorschein kommt, nach hinten gegen die Mitte des 
Flügels zurückfliegt (abgeb. n. 5). Die Münzbilder Kimons, die etwa 
um das Jahr 400 entstanden sind, bieten somit die Nike ganz in 
der Auffassung, die wir bei der Statue des Paeonios wiederfinden, 
allerdings mit der Vertauschung des entblöfsten Beines, welche durch 
die Richtung, in der die Nike auf dem Münzbilde fliegt, nothwendig 
ivurde. 

Der Zeuskopf des Phidias. 

Vaillant beschreibt in seinen Numismata imperatorum a populis 
Romanae ditionis graece loquentibus percussa (Amstelod. 1700) S. 82 
unter Septimius Severus eine Bronzemünze: HAEiSiN in Peloponneso. 
Caput Joüis Olyntpii, die sich in seinem Besitze befand. Eckhel Doctr. 
Num. II 264 kennt dieselbe Münze, wenn er sag^: Jovis Olytnpii in 
Elide cultus noHssimus^ cujus item caput in cerio Elearum ttumo Severi 
cemitury und auf die gleiche Münze kann sich auch nur* S. 268, wo er 
die Typen der elischen Münzen aufzahlt, sein caput Jcvis Olympii be- 
ziehen, da er von der Hadriansmünze der Pariser Sammlung mit dem 
Zeuskopf noch nichts weifs. Da Näheres über das Verbleiben der 
Münze nicht bekannt geworden war, und sie für verschollen gelten 
mufste, kann es nicht Wunder nehmen, dafs neuerdings Zweifel in die 
Richtigkeit der alten Beschreibung gesetzt worden sind. 

9* 



Die Münze, welche in Eckhels Catalogus Musei Caesarei Vindo- 
bonensis noch nicht vorkommt, befindet sich gegenwärtig in der 
Wiener Sammlung. Julius Friedlaender, der sich so sehr angelegen 
sein liefs, das Material der elischen Münzen mit Zeusköpfen zu 
sammeln, brachte vor einigen Jahren einen Abdruck an das Königliche 
Münzkabinet, in der Absicht, dieselbe gelegentlich zu veröffentlichen, 
was ihm nicht mehr vergönnt gewesen ist. 

Ein anderes Exemplar, das Herr Fröhner die Güte gehabt hat, 
fiir mich zu untersuchen, wahrscheinlich das ehemals Vaillant'sche, ist im 
Besitz des Pariser Cabinets und bereits von Mionnet Supplement IV, 
i8o, n. 58, beschrieben, nur dafs der Zeuskopf dort irrig für einen 
epheubekränzten Dionysoskopf (,Bacchus Indien') erklärt wird, bei dem 
etwas verschliffenen Zustand des Stücks ein sehr verzeihlicher Irrthum, 
der zugleich beweist, dafs Mionnet das Eigenartige des dargestellten 
Kopfes nicht entgangen war (abgeb. n. 6). 

Der Gesichtscontour des Zeuskopfes auf der Severus- Münze ist 
der gleiche wie der auf der bekannten, neuerdings so oft abgebildeten 
Hadrians-Münze, ebenso der Lorbeerkranz, die Anordnung der Haare, 
die in einzelne Lockenstrählen aufgelöst in den Nacken herabfallen. 
Dagegen ist der Kinnbart etwas kürzer gehalten. 

Bedürfte es noch neuer Beweisgründe fiir die Ansicht, dafs uns 
der Kopf des Phidiasbildes in dem Zeuskopf der Hadriansmünze vor- 
liegt, so wäre gewifs geltend zu machen, dafs auf der Severusmünze 
der völlig gleich gestaltete und von allen sonstigen Zeusköpfen auf 
Münzen dieser Zeit durchaus abweichende Zeuskopf der Hadrians- 
münze wiederkehrt. Doch lehrt schon die einfache Vergleichung 
dieses Kopfes mit dem des Poseidon, wie er im Ostfries des Parthenon 
dargestellt wird — denn auf diesen Kopf mufs wegen der Beschädi- 
gung, die der Zeuskopf des Frieses erlitten hat, zurückgegangen 
werden — , dafs nur der Zeuskopf der Hadriansmünze und derjenige 
der Severusmünze von dem Kunstcharakter des Phidias abhängig ist, 
die auf den elischen Autonom-Münzen befindlichen Zeusköpfe hingegen 
alle mehr oder minder selbständig den Zeus -Typus weiterbilden. 

Bemerkenswerth bleibt aber die enge Anlehnung des Zeuskopfes 
der Severusmünze an den der Hadriansmünze, um so mehr, als auf 
den elischen Münzen mit dem thronenden Zeus, wie die Olympiafunde 
ergeben haben, bereits unter Hädrian (v. Sallets Zeitschr. f Num. VII 
110 n. 2) eine derartige Umwandlung der Figur vorgenommen wird, 
dafs von einer Copie des Tempelbildes kaum mehr die Rede sein 
kann, ja dafs man auf die Vermuthung kommen mag, hier habe nicht 



133 

mehr des Phidias Zeusbild, sondern vielmehr die von Hadrian für das 
Olympieion zu Athen angefertigte Statue den Ausgangspunkt gebildet. 
Bei der Reconstruction des Phidiasschen Zeus kommen mithin 
allein in Betracht: die von Vaillant bereits erwähnte, in Sestini's Descr. 
di alcune medaglie del museo Fontana I 58 s. Taf. VI n. i zuerst ab- 
gebildete Florentiner Münze mit der Darstellung des sitzenden Zeus 
linkshin, neuerdings so vielfach wiederholt, und nach Friedlaenders An- 
sicht verschieden von dem Exemplar, das der Sammlung der Königin 
Christine angehört hat und von Havercamp in seinem Nummophylacium 
Reginae Christinae S. 377 Taf, 56 n. i veröffentlicht, seitdem aber spur- 
los verschwunden ist, wogegen Sestini allerdings das Florentiner 
Exemplar mit demjenigen bei Havercamp für identisch hält; ferner die 
Münze mit dem sitzenden Zeus rechtshin im Berliner Kabinet (Fried- 
laender-Sallet* n. 862) und in der Olympia-Sammlung (Zeitschr. f. Num. 
Vn 110 n. i), aufserdem, wiewohl schon freier das Gewand umgestal- 
tend, die Münze mit dem sitzenden Zeus von vom (Friedlaender-Sallet* 
n. 863); für den Kopf der Statue endlich die bekannte Pariser Münze 
(Mionnet II 201 n. i), zuerst abgebildet von Friedlaender (Zeitschr. f. 
Münzkde. in Taf. 30 n. 2) und die hier abgebildete, in Wien und Paris 
befindliche Münze, somit alle, die zuletzt genannte allein ausgenommen, 
der Regierungszeit des Hadrian angehörig. 



Während uns die Thätigkeit des Herodes Atticus in Olympia 
durch die Ausgrabungen in unerwarteter Ausführlichkeit vor Augen 
gestellt worden ist, und sogar die Neronischen Anlagen sich wieder- 
gefunden haben, ist die Hadrianische Zeit so gut wie ganz im Dunkel 
geblieben. Die Marmorstatue des Hadrian in der Exedra des Herodes 
Atticus, mit' dem eigenthümlichen Panzerschmuck der Athene, welcher 
die Lupa beigesellt ist, die im Zeustempel einst vorhandene Statue, 
welche die Achäer dort aufgestellt hatten, die umfangreiche Urkunde 
der Panhellenen über die dem Hadrian zu erweisenden Ehren geben 
uns doch keinen direkten Anhalt für seine Thätigkeit, sondern be- 
-weisen nur fiir das erneute Ansehen der Feststätte in jener Zeit. 
Unter diesen Um^nden gewinnen die zahlreichen unter Hadrian ge- 
prägten Münzen der Eleer eine ungleich gröfsere Bedeutung. Der, 
wie es scheint, bei des Kaisers erster Anwesenheit zu Athen in An- 
griff genommene Ausbau des Olympieion, das mit einem Sitzbild des 
Gottes in der aufser Gebrauch gekommenen Goldelfenbein -Technik 
ausgestattet werden sollte, war es offenbar, was Hadrians Aufmerk- 



134 

samkeit vorzugsweise Olympia zuwandte, und was die Eleer dann ver- 
anlafste, die Statue und ihren Kopf in so manchfacher Weise zum 
Münztypus zu machen. Dafs Hadrian dabei etwaige Restaurations- 
arbeiten, welche für die verarmten hellenischen Gemeinden kostspielig 
waren, ausführen lassen konnte, ist damit keineswegs ausgeschlossen. 
Auch den Festspielen hat Hadrians Philhellenismus neues Ansehen ver- 
liehen, wiewohl er ihnen in den fiir Athen gestifteten Panhellenien eine 
Concurrenz bereitete. Vornehme Römer, wie der Praetor L. Minicius 
Natalis (Dittenberger, Arch. Zeit. 36 S. 39) bewerben sich wieder um 
den Kotinos-Kranz am Alpheios, und da inschriftlich für bezeugt gelten 
kann, dafs Hadrian zweimal den Peloponnes bereist hat, wird man die 
auf unserer Tafel unter n. 7 nach einem Exemplar der Olympia-Samm- 
lung wiedergegebene Münze der Eleer') schwerlich anders, als auf die 
Anwesenheit des Kaisers bei der Olympienfeier des Jahres 129 zu 
deuten haben. 

Die Aphrodite Pandemos des SIcopas. 

In EHs lagen hinter dem Markte nur durch die Korkyräische Halle 
von diesem getrennt die beiden Aphrodite -Heiligthümer. Für den 
Tempel der Aphrodite Urania hatte Phidias das Goldelfenbeinbild ge- 
arbeitet, und die Göttin dargestellt, wie sie mit einem Fufs auf eine 
Schildkröte trat. In dem mit einem Gitter umschlossenen Temenos 
der Pandemos stand im Freien auf einem Postament das Erzbild einer 
auf dem Ziegenbock reitenden Aphrodite, ein Werk des Skopas. 
(Paus. VI 25, i).*) Diese ist uns erhalten in dem Münzbild einer unter 
Severus geprägten Münze der Eleer, welche hier nach einem Exemplar 
der Münzdubletten aus den Ausgrabungen von Olympia unter n. 8 ab- 
gebildet ist. 

Weit ausgreifend in vollem Rennen dargestellt ist das stattliche, 
mit mächtigen Hörnern geschmückte Thier, welches die Göttin trägt. Die 
Aphrodite sitzt seitwärts, schleierartig ist das Gewand über den Hinter- 
kopf gezogen, von wo es seitlich aufgebläht, das Untertheil der Figur 
bedeckt. Ueber der Stirn der Göttin wird ein Diadem oder ein 



i) Ein anderes Exemplar dieser MUnze, welches den Flufsgott^ mehr gelagert wieder- 
gibt mit der vollen Aufschrift HA€l(üN, Vs. Hadriansk. r. AYTOKPATlüP AAPIANOC 
C€B, in der Wiener Sammlung: Eckhel Catal. Mus. I. 118 n. 2; abgeb. bei Froehlich 
IV Tentamina p. 180 Mionnet SuppL IV 180 n. 49. 

^) lliq^fxftat fitv to jifÄtvog &Qiyxw, xQtjnig dt iytog rov xtfAtvovg mnoitjTttt, xal 
int rj5 xQl^t'i^i äyak/Lta \4rfQ0ffiTfjg x^kxovy inl JQttytfi xa^firrth /«AxiiJ* Sxona tovto 
fQyoy, 'AjQodir^y di Hayd^fioy Syo/aaCowfi, 



135 

schleifenartiger Kopfschmuck sichtbar. Die linke Hand ist an den 
Hals des Thieres gelehnt, die rechte gegen die Brust erhoben. Brust 
und Leib der Göttin erscheint mit einem feingefaltelten Untergewand 
bedeckt; es ist der lange Chiton, dessen Falten um die Füsse der 
Figiu* wieder zum Vorschein kommen. Hierin unterscheidet sich das 
Münzbild von der Darstellung der Aphrodite Epitragia auf der schönen 
rothfigurigen Hydria, welche aus der Sammlung Castellani jüngst für 
das Antiquarium des Berliner Museums erworben worden ist (Fröhner, 
Catalogue de la collection Castellani Rome 1884, n. 68. Furtwängler, 
Katal. der Vasensammlung des Berl. Museums n. 2635). Dagegen ist 
auf einem bei Sparta gefundenen Marmorrelief, welches zuerst Gust. 
Hirschfeld (Bullet, d. Inst. 1873 S. 183), später Dressel und Milchhöfer 
in dem Verzeichnifs der spartanischen Alterthümer (Mittheil, des d. 
archäol. Inst. 2, S. 420) beschrieben haben, die auf dem Bock reitende 
Göttin in ein hochgegürtetes Untergewand gehüllt; künstlerisch ohne 
höheren Werth, ist dies kleine Denkmal doch darum von Bedeutung, 
^veil es als Votivbild gedient haben zu scheint. Einen langen bis auf 
die Füfse reichenden Aermelchiton , und ein Obergewand, das Schofs 
und Beine bedeckt, dann schleierartig über den Rücken zum Hinter- 
kopf gezogen ist, trägt auch die kleine Terracottenfigur der Aphrodite 
Epitragia aus Myrina (Bullet, de corresp. hellen. VII (1883) S. 91 
Taf. 8). Und die gfeiche Gewandung wird auf der Darstellung des 
Münzbildes sichtbar. 

Wie nun aber auch die Anordnung des Einzelnen bei der Statue 
des Skopas gewesen sein mag, der Gesammteindruck , welchen das 
offenbar für eine relativ hohe Aufstellung bestimmte Werk auf den 
Beschauer machte, läfst sich aus dem Münzbilde wiedergewinnen, das 
deutlich zeigt, wie der Künstler seine Aufgabe zu lösen verstanden 
hat. Die stürmische Eile, die in solcher Weise und bei solchem 
Aufbau der Gruppe ') nur im Erzbild darzustellen war, bringt die 
über Länder und Meere dahinziehende Wandei^öttin in schärfsten 
Gegensatz zu der Auffassung, die Phidias seiner Urania gegeben hatte, 
der Schützerin ruhiger Häuslichkeit. 



<) Die zweimalige Erwähnung der XQtinis in der angeführten Stelle des Pausanias 
Ijifst darauf schliefsen, dafs die Statue sich auf einem nach Form und Höhe eigenthUmlich 
gestalteten Unterbau erhob, welcher auf der Münze, die hierin ohne Zweifel das Original 
getreu wiedergibt, nur unter den Hinterbeinen des Bocks sichtbar wird. 



XIL 



WILHELM DÖRPFELD 



Der antike Ziegelbau und sein Einfluss 

auf den dorischen Stil. 



lLs ist eine beachtenswerthe Thatsache, dafs die ältesten dorischen 
Tempelbauten aus Stein, wie z. B. die Tempel von Korinth, Syrakus 
und Selinus, schon den fast vollkommen entwickelten dorischen Stil 
zeigen. Wir finden bei ihnen ungefähr dieselben Kunstformen, wie sie 
bei den Bauten der späteren Jahrhunderte vorkommen. Nur in Details 
und Proportionen weichen die ältesten Bauten von den späteren ab, 
das künstlerische Schema ist schon im Wesentlichen dasselbe. Wie 
ist diese Erscheinung zu erklären? 

Soll man annehmen, dafs die ältesten Tempel, welche wir bisher 
kennen, zugleich auch die ersten Bauwerke des dorischen Stiles sind, 
und dafs mithin die dorischen Kunstformen von den griechischen 
Architekten direkt für den Steinbau erfunden wurden? Oder soll man 
glauben, dafs die ältesten dorischen Bauten sämmtlich untergegangen 
sind, weil sie aus einem leicht vergänglichen Materiale bestanden, und 
dafs mithin die erhaltenen Steinbauten erst die Endpunkte einer langen 
Entwicklungsreihe sind? 

Beide Ansichten haben eifrige Vertreter gefunden. Für die 
erstere sind Klenze, Bötticher und manche Andere eingetreten. Sie 
nehmen an, dafs die dorischen Kunstformen fiir Stein gezeichnet, und 
dafs die ersten Bauwerke dorischen Stiles ganz in Stein ausgeführt 
worden sind. Nach ihrer Meinung müssen die ältesten erhaltenen 
dorischen Steindenkmäler auch zugleich zu den ältesten dorischen 
Bauten überhaupt zählen. 

Der Hauptvertreter der zweiten Ansicht ist bekanntlich Vitruv; 
auch manche neuere Gelehrte sind auf seine Seite getreten. Nach 
Vitfuv ist der dorische Stil an Holzbauten entstanden. Die Details 



I40 

der Holzkonstruktion haben die Elemente zur Ausbildung der einzelnen 
Kunstformen geliefert, und der so entwickelte Stil ist als ein 
schon ziemlich festes Schema auf den Steinbau übertragen worden. 

Der Haupteinwand, den die Vertreter des Steinbaues gegen diese 
Hypothesen Vitruvs und seiner Nachfolger erheben, scheint allerdings 
sehr berechtigt zu sein. Bestanden nämlich, so sagt man, die ältesten 
dorischen Bauten aus Holz, so mufsten es schlanke und luftige Gebäude 
sein, weil die Natur des Holzes keine gedrückten und schweren Pro- 
portionen begünstigt. Wenn man nun später dazu überging, solche 
Holzbauten in Stein nachzuahmen, so konnte man zwar die Propor- 
tionen, dem neuen Materiale entsprechend, etwas schwerer machen, 
aber es ist kaum begreiflich, dafs man nun plötzlich so überaus ge- 
drückte Verhältnisse wählte, wie sie gerade die ältesten dorischen 
Bauten zeigen. Mit vollem Rechte wiesen die Anhänger des Stein- 
baues als Analogon auf den jonischen Stil hin. Die ältesten jonischen 
Bauten bestanden, wie fast allgemein angenommen wird, aus Holz. 
Als man anfing, diese in Stein auszuführen, wurden die schlanken 
Verhältnisse des Holzbaues beibehalten, und nur solche Veränderungen 
vorgenommen, welche das neue Material unbedingt vorschrieb. Es i^t in 
derThat auffallend, dafs bei den ersten dorischen Bauten nicht in derselben 
Weise verfahren wurde. Wenn sich nun in dem einen Falle aus dem 
Holzbau ein leichter, gefälliger Stil entwickelt, wie kann dann in dem 
andern Falle aus demselben Holzbau eine schwerfallige, fast plumpe 
Bauweise hervorgehen? 

Eine solche Frage mufs man in dieser Form allerdings verneinen. 
Aus demselben oder aus zwei ähnlichen Holzstilen können sich niemals 
zwei' so verschiedene Bauweisen entwickeln. Aber wissen wir denn, 
dafs der alte dorische Holzbau dem alten jonischen ähnlich war? Sind 
nicht Verhältnisse denkbar, welche die Dorer veranlafsten, schon 
ihre hölzernen Bauten in gedrungenen, schweren Proportionen zu er- 
richten ? 

Solche Verhältnisse haben in der That existirt. Die alten do- 
rischen Bauwerke waren keine einfachen Holzbauten, sondern bestanden 
nachweisbar meistens aus Lehmziegeln, die an der Luft getrocknet 
waren, in Verbindung mit Holz. Und diese Ziegel') sind es gewesen, 
welche zu den schweren Verhältnissen geführt haben, wie wir sie an 
mehreren der ältesten dorischen Steintempel finden. 



i) Die aD der Luft getrockneten Lehroziegel werden wir im Folgenden «Luftziegel», 
«LehmziegeU oder einfach «Ziegel» nennen, während wir für die gebrannten Ziegel den 
Namen «Backsteine» gebrauchen werden. 



141 

Bevor wir untersuchen, wie ein derartiger Einflufs des Ziegel- 
materials auf die Proportionen der Gebäude stattfinden konnte, haben 
wir noch nachzuweisen, dafs wirklich die Gebäude jener Zeit vielfach 
aus Ziegeln bestanden, und dafs überhaupt der Lehmziegelbau im alten 
Griechenland eine sehr grofse Rolle spielte. 

Es ist eine vielverbreitete Annahme, dafs nur solche Mauern aus 
griechischer Zeit stammen, welche aus regelmäfsigen Quadern oder 
wenigstens aus grofsen Steinen ohne Mörtel bestehen. Wenn daher 
irgendwo in Griechenland Mauern zu Tage liegen oder bei Ausgra- 
bungen ans Licht kommen, welche aus kleinen unregelmäfsigen Steinen 
oder aus Lehmziegeln bestehen, so werden sie gewöhnlich als 
c späte Mauern» bezeichnet, gar nicht beachtet und oft absichtlich 
zerstört. 

Und doch sind fast alle griechischen Wohnhäuser und selbst viele 
öffentlichen Grebäude in solcher Weise erbaut worden. Da die Griechen 
bei ihren Mauern den Kalk nicht als Mörtel, sondern nur als äufseren 
Putz verwendeten, so mufsten sie bei Emchtung dünner, vertikaler 
Mauern entweder grofse, gut bearbeitete Quadern nehmen, die ohne 
Mörtel zusammenhielten, oder sie benutzten kleinere Bruchsteine und 
Ziegel und bedienten sich dann des Lehms als Bindemittel für die- 
selben. Die erstere Bauart ist hauptsächlich aus finanziellen Gründen 
bei gewöhnlichen Bauten gewifs nur selten zur Anwendung gekommen, 
denn eine Quadermauer ist ganz bedeutend theuerer als eine Wand 
aus kleinen Bruchsteinen oder Lehmziegeln. Ob von den beiden 
letzteren Materialien die Bruchsteine oder die Ziegel eine umfang- 
reichere Verwendung gefunden haben, läfst sich schwer entscheiden. 
In gebirgigen Gegenden werden Bruchsteine, in den Ebenen die Ziegel 
häufiger gebraucht worden sein. 

Aus einer ganzen Reihe von Gründen können wir aber schliefsen, 
dafs die Lehmziegel in der That in Griechenland ein sehr viel an- 
gewendetes Baumaterial waren. 

Zunächst ist beachtenswerth, welche weite Verbreitung der Ziegel- 
bau in den übrigen Ländern des Alterthums gehabt hat. In Mesopo- 
tamien waren die meisten Städte ganz oder wenigstens zum grofsen 
Theil aus Ziegeln erbaut. Dieselben Lehmziegel finden wir auch in 
Aegypten wieder, wo die grofsen .Umfassungsmauern der Tempel- 
bezirke aus ihnen erbaut waren. Auch mufsten ja bekanntlich nach 
der Bibel die Kinder Israel während ihres Aufenthaltes in Aegypten 
für die Pharaonen Ziegel streichen. Ferner waren, wie die neuesten 
Ausgrabungen in Hissarlik gelehrt haben, die sämmtlichen Mauern auf 



142 

der Pergamos von Ilion aus Lehmziegeln erbaut, und zwar sowohl die 
Wände der Häuser, als die starken Festungsmauem. Schliefslich 
wissen wir aus antiken ' Schriftstellern, dafs manches Bauwerk in Asien 
aus Ziegeln erbaut war, so nennt z. B. Vitruv (11, 8, 9) als wichtige 
Ziegelbauten die Residenz der attalischen Könige in Tralles, den 
Palast des Krösus in Sardes und den Palast des Mausolos in Hali- 
karnafs. 

Aber nicht nur im Orient und Aegypten, sondern auch in 
Griechenland selbst lieferte der Luftziegel ein sehr praktisches und 
daher oft gebrauchtes Baumaterial. Aus Herodot, Thukydides, Pau- 
sanias, Vitruv und anderen Schriftstellern lassen sich Stellen bei- 
bringen, wo von Luftziegeln und ihrer Verwendung zu Mauern die 
Rede ist; auch Inschriften berichten von Ziegel mauern. So wissen 
wir z. B., dafs ein Theil der Stadtmauerp Athens und die zum Piräus 
ftihrenden langen Mauern aus Zi^eln bestanden, dafs in Patras zwei 
Tempel mit Ziegelmauern existirten, dafs die Stadtmauer von Mantinea 
eine Luftziegelmauer war etc. 

Unter den Beispielen, die Pausanias anfuhrt, ist besonders eine 
Säulenhalle in Hieron von Epidauros erwähnenswerth. Das Thal des 
Hieron ist nämlich so überaus reich an guten Bausteinen und so arm 
an Lehm, dafs uns die Anwendung der Lehmziegel zuerst ganz un- 
begreiflich erscheint. Offenbar können nur die grofsen Vorzüge der 
Luftziegel die Veranlassung gewesen sein, dafs man sie sogar in 
steinreichen Gegenden als Baumaterial verwendete. 

Diese Nachrichten der alten Schriftsteller sind in den letzten 
Jahren durch Ausgrabungen vollkommen bestätigt worden. An ver- 
schiedenen Orten sind antike Ziegelmauem zu Ta^gc getreten: Eleusis 
hat eine 4,50 m starke und über 3 m hohe Mauer aus Lehmziegeln 
geliefert; in Tiryns sind auf der Burg noch alte Ziegelmauem gefunden 
worden, und die Erde, mit welcher die Mauern des jetzt ausgegrabenen 
Palastes bedeckt waren, bestand zum gröfsten Theile aus halb ver- 
branntem Ziegelschutt; in Mykene ist schon jetzt, bevor Ausgrabungen 
daselbst gemacht sind, auf der Spitze der Oberburg eine grofse Ziegel- 
mauer sichtbar. Sie ist ebenso wie die Mauern von Tiryns und Troja 
bei der Zerstörung der Bui^ durch Feuer derart gebrannt worden, 
dafs sowohl die Ziegel, als der Lehmmörtel zwischen denselben zu 
rothem, hartem Stein geworden ist. Antike Ziegelmauem sind end- 
lich auch in Olympia und in Tegea und Spuren derselben noch an 
anderen Orten nachweisbar. 

Wir kennen also schon jetzt einzelne alte Ziegelmauern und es 



U3 

bedarf wohl keines Beweises, dafs sich ihre Zahl bald beträchtlich ver- 
mehren wird, Wenn man in Zukunft bei Ausgrabungen auch den ein- 
fachen Ziegelmauem Beachtung schenkt. Vorläufig ist allerdings ihre 
Zahl noch verhältnifsmäfsig gering; wenn man aber bedenkt, dafs 
Lehmziegelmauem sehr leicht zu Grunde gehen und dafs es ein be- 
sonderer Zufall ist, wenn eine solche Mauer bis auf unsere Zeit er- 
halten bleibt, so können auch schon die bis jetzt bekannten wenigen 
Mauern als Beweis für die häufige Verwendung der Lehmziegel an- 
geführt werden. 

Einen weiteren Beweis hierfür liefert uns die Konstruktion der 
Quaderwände und zugleich der für die Steinquadern übliche Name. 
Die Wände der antiken Tempel und anderen Grebäude bestehen näm- 
lich fast regelmäfsig aus einem unteren Sockel von aufrechtstehenden 
Platten und der oberen, aus gewöhnlichen Quadern gebildeten Wand. 
Wodurch ist diese Anordnung entstanden? Im Quaderbau ist der 
Sockel konstruktiv vollständig unnütz, für eine Ziegelwand dagegen ist 
er nicht nur nützlich, sondern sogar unbedingt nothwendig. Denn eine 
solche darf niemals in ihrer ganzen Höhe aus Ziegeln bestehen, weil die 
Erdfeuchtigkeit schnell in die Lehmziegel hineinziehen und sie in kurzer 
Zeit zerstören würde. Um dies zu verhindern, mufs dn Sockel aus 
Quadern oder Bruchsteinen hergestellt werden, der das obere Lehmziegel- 
mauerwerk von der Erde isolirt. So baut man die Ziegelmauem heut zu 
Tage, so hat man es jedenfalls auch im Alterthum gethan. Aus der kon 
struktiven Nothwendigkeit beim Ziegelbau folgte später die künstlerische 
Ausschmückung fast aller Wände mit einem Sockel. Die hochkantigen 
Platten im unteren Theil der Quaderwände sind also noch eine Remi- 
niscenz an die alten Ziegelmauem. Wer etwa noch hieran zweifeln 
möchte, den wird gewifs der Name der oberen Wandquadera 
(nXiv&o$) davon überzeugen, dafs die Quaderwand in der That nur eine 
Tochter der alten Ziegelwand ist. Auch hier erkennen wir also wieder 
die wichtige Rolle, welche der Ziegelbau im Alterthum gespielt hat 

Sodann dürfen wir noch eine weitere Eigenthümlichkeit der Quader- 
gebäude als Beweis für die grofse Verbreitung des Ziegelbaues an- 
fuhren, nämlich die Konstruktion der Thürgewände. Bei mehreren 
antiken Quaderbauten dorischen Stiles (ich nenne z. B. den Parthenon 
und die Propyläen in Athen) sind die Thüreinfassungen nicht aus be- 
sonderen Steinen hergestellt oder an die anstofsenden Wandquadern 
angearbeitet, sondern sie bestanden, wie sich an Ort und Stelle be- 
stimmt nachweisen läfst, aus hölzernen Pfosten, die vermuthlich mit 
Bronze überkleidet waren. Für monumentale Quaderbauten und nament- 



144 

lieh fiir solche aus Marmor ist das eine sehr seltsame Konstruktion, 
die sich auf den ersten Blick nur schwer erklären 4äfst. Ihre Ent- 
^ stehung wird uns aber begreiflich, sobald wir wieder an den Vorgäpger 
des späteren Quaderbaues, den Ziegelbau, denken. Bei einer Lehm- 
zi^elwand konnte man die Thürecken nicht aus Ziegeln herstellen, 
sondern mufste, um die Ecken widerstandsfähig zu machen, hölzerne 
Pfosten oder Bohlen anfügen; solche Hölzer sind an den Thüren der 
ausgegrabenen Gebäude von Tiryns und Troja noch in verkohltem 
Zustande erhalten oder wenigstens aus deutlichen Spuren noch zu er- 
kennen. An die hölzernen, mit Metall verkleideten Thürpfosten hatte 
man sich so sehr gewöhnt, dafs man sogar, als die Mauern aus Mar- 
morquadern hergestellt wurden, bei dorischen Bauten meistens an den 
alten hölzernen Einfassungen festhielt. Diese Erscheinung ist aber nur 
dann verständlich,* wenn der Ziegelbau mit seinen hölzernen Tbür- 
gewänden in ältester Zeit allgemein üblich war und auch später für 
einfache Gebäude beibehalten wurde. 

Schliefslich dürfen wir auch wohl noch die grofse Verbreitung 
welche der Luflziegelbau im modernen Griechenland besitzt, als Beweis 
für sein häufiges Vorkommen im Alterthum anführen. In fast allen 
Ebenen Griechenlands baut man noch heut zu Tage vielfach die Häuser 
aus Lehmziegeln, und selbst in Athen, wo es doch Bruchsteine in 
reicher Menge giebt, kommen in den Vorstädten viele Häuser aus 
Luflzi^eln yor. Wenn sich aber der Lehmziegel heut zu Tage noch 
als praktisches Baumaterial erweist, so wird er im Alterthum, als man 
den Kalkmörtel noch nicht kannte, jedenfalls mit noch gröfserem Vor- 
theil benutzt worden sein. 

Die grofse Verbreitung des Ziegelbaues im alten Griechenland 
wird hiernach wohl kaum noch von Jemand bezweifelt werden. Wer 
die Vorzüge des Lehmziegels kennt, der würde dies gewifs auch ohne 
die angeführten Beweise nicht thun, denn der Luftziegel war vor Be- 
nutzung des Kalkmörtels für Griechenland das bequemste, billigste und 
— wenn man vom Quaderbau absieht — auch das dauerhafteste Bau- 
material. Letzteres wird zwar manchem unglaublich klingen, doch 
braucht man nur die Ausfuhrungen Vitruvs über den Ziegelbau und 
speciell die Abschnitte 8 — 9 im 8. Kapitel des II. Buches zu lesen, um 
sich davon zu überzeugen. 

Die Herstellung der Ziegel und die Konstruktion der Ziegelmauern 
kennen wir aus den Angaben Vitruvs und aus den aufgefundenen 
Mauern. Hier nur einige kurze Bemerkungen darüber: Die Ziegel 
sind beträchtlich gröfser und stärker als die gewöhnlichen römischen 



US 

Backsteine und als unsere modernen gebrannten Ziegel; 0,45 m lang 
und breit und O, lO m hoch dürfte ein Durchschnittsmafs für dieselben 
sein. Gewöhnlicher Lehm, der nicht gereinigt ist, sondern oft sogar 
grofse Kieselsteine, Muscheln und Topfscherben enthält, wird mit Stroh 
vermischt, zu Ziegeln geformt und dann meist mehrere Jahre lang an 
der Luft getrocknet. Zur Herstellung der Mauern wurden je nach ihrer 
Dicke und nach dem Format der Ziegel verschiedene Arten des Ver- 
bandes gewählt. Die Wandstärke war meist sehr grofs; in Troja be- 
trägt sie bei einem 4,55 m breiten Räume 1,25 m, bei einem anderen 
von 10,15 m Breite dagegen 1,45 m. Als Mörtel benutzte man ziem- 
lich reinen Lehm, der ebenfalls mit Stroh oder Heu vermengt war. 

Die Enden der Ziegelmauem wurden mit Holzpfosten versehen 
und oft legte man zur gröfseren Haltbarkeit noch horizontale Längs- 
und Querhölzer durch die ganze Mauer hindurch, wie dies in ähnlicher 
Weise noch heute in Griechenland üblich ist. 

Von Aufsen mufste die Mauer mit einem Putze versehen werden, 
damit sie nicht vom Regen beschädigt ^urde; man wählte hierzu ent- 
weder einen Lehmputz (wie in Troja) oder eine Lage Lehm und dar- 
über einen Kalkputz (wie in Tiryns). Besondere Sorgfalt wurde auf 
die obere Abdeckung der Mauern verwendet, weil von dort der Regen 
am gefahrlichsten werden und die Lehmziegel schnell vernichten konnte. 
Eine so konstruirte und von allen Seiten gegen die Einflüsse der Witte- 
rung geschützte Mauer konnte Jahrhunderte lang bestehen, ohne bau- 
fällig zu werden. 

Suchen wir uns jetzt das Bild eines alten Ziegel- und Holz- 
baues, wie er dem dorischen Steintempel vorausgegangen sein mag, 
vorzustellen: Ein von Ziegel wänden umgebener Naos ist auf einer 
Seite mit einem besonderen Pronaos ausgestattet. Die Ziegel ruhen 
auf einem Unterbau aus Stein. Der Pronaos, als templum in antis 
gebildet, hat an beiden Seiten zwei kurze Ziegelwände, welche vorne 
mit hölzernen Anten abschliefsen. Zwischen den Anten sind zwei 
Säulen aus Holz angeordnet, die auf steinernen Basen oder auf einer 
durchgehenden Steinschwelle ruhen. Von Ante zu Ante ist über 
die beiden Säulen hinweg ein Architrav aus Holz gespannt. Derselbe 
läuft nicht rings um den Bau herum, sondern über den Ziegelwänden 
wird er durch eine Bohle ersetzt, welche hier als Unterlage für die 
Balken der Decke vollkommen ausreicht. . Die Balken reichen von 
Wand zu Wand und benutzen die ganze Mauerstärke als Auflager. 
Ihre aufsen sichtbaren Köpfe werden verkleidet und bilden die Tri- 

glyphen. 

10 



140 

Das Dach ist ursprünglich horizontal und tritt zum Schutze der 
Wände nach allen vier Seiten in gleicher Weise über. So entsteht 
das durchgehende horizontale Hauptgesimse. Die Eindeckung des 
Daches geschieht mit Lehm, und zwar vermuthlich in derselben Weise, 
wie es heut zu Tage noch vielfach im Orient üblich ist. Erst die 
Erfindung der Dachziegel aus gebranntem Thon gestattete die An- 
bringung eines schrägen Satteldaches und damit die Anordnung der 
beiden Giebel. Die Bauten von Troja und von Tiryns hatten noch 
horizontale Lehmdächer. 

Wird ein solcher Bau mit einer peripteralen Säulenhalle ausge- 
stattet, so werden auf steinernen Stufen Säulen aus Holz aufgestellt, 
welche einen durchgehenden hölzernen Architravbalken tragen. Die 
Deckbalken der Cella sind in diesem Falle nicht an der Aufsenkante 
der Wand abgeschnitten, sondern ragen noch über das Pteron hinw^ 
bis auf den äufseren Architrav. Ebenso geht das horizontale Dach 
über die Säulenhalle hinüber und bildet über dem äufseren Triglyphon 
ein weit ausladendes, schützendes Hauptgesimse. 

Um uns die Proportionen eines solchen Baues zu vergegenwärtigen, 
gehen wir wieder von dem einfachen templum in antis aus und setzen 
für die einzelnen Abmessungen bestimmte Zahlenwerthe ein. Ange- 
nommen, die Cella sei im Innern 6 — 8 m breit, so müssen wir nach 
Analogie der trojanischen Bauten die Stärke der Ziegelwand zu min- 
destens 1,25 m ansetzten. Die Höhe der Säulen wird in diesem Falle 
5 m keinenfalls überschreiten; sie wird sogar meist noch viel geringer 
sein. Betrachten wir nun die äufsere Fassade: die beiden hölzernen 
Parastaden des Pronaos haben dieselbe Breite wie die Ziegelwände, 
nämlich 1,25 m, und sind höchstens 5 m hoch, haben also im günstigsten 
Falle ein Verhältnifs des Durchmessers zur Höhe von i : 4. Das ist 
aber ein sehr plumpes Verhältnifs. Der künstlerische Sinn der alten 
Griechen wird nun zwar nicht so weit gegangen sein, dafs man den 
zwischen den Parastaden stehenden hölzernen Säulen ein gleich 
schweres Verhältnifs gegeben hätte, aber es liegt doch auf der Hand, 
dafs es sehr häfslich gewesen wäre, dünne schlanke Säulen zwischen 
so plumpe Eckpfeiler zu stellen. Man darf vermuthen, dafs die breite 
Ziegelwand mit ihren Parastaden dahin führte, die Säulen jedenfalls 
stärker zu machen, als es die Natur des Holzes verlangte. 

Aehnlich steht es mit dem Epistyl. Ueber die breiten, schweren 
Anten konnte man nicht gut einen leichten Architrav legen; er mufste 
in seinen Abmessungen wenigstens einigermafsen zu den Stützen 
passen. Es lag aber noch ein andrer Grund vor, fiir den Architrav 



einen möglichst starken Balken zu wählen. Der Architrav hatte näm- 
lich die grofsen Deckbalken aufzunehmen, und diese wiederum mufsten 
sehr stark sein, weil sie das aufserordentlich schwere Lehmdach zu 
tragen hatten. Wer je Gelegenheit hatte, selbst im Orient ein solches 
Lehmdach zu sehen, der wird gewifs auch die mächtigen Holzbalken 
im Innern der Zimmer bemerkt haben, welche sich trotz ihrer Stärke 
oft beträchtlich durchgebogen haben. Um die durchschnittlich etwa 

0,30 m starke Lehmschicht zu tragen, waren dicke Bohlen und starke 

« 

Deckbalken nothwendig, und letztere bedurften zu ihrer Unterstützung 
wiederum eines mächtigen Epistylbalkens. 

Man hat zuweilen bezweifelt, dafs es im Alterthum in Griechen- 
land solche gewaltigen Hölzer in genügender Anzahl g^eben hat, um 
Säulen und Balken von grofser Stärke aus Holz herzustellen. Nach* 
dem wir aber die Inschrift über die Skeuothek des Philon kennen und 
aus derselben wissen , dafs selbst im 4. Jahrhundert Holzbalken von 
0,74 m Breite an solchen Stellen verwendet wurden , wo Balken von 
einem Drittel dieser Breite vollkommen ausgereicht hätten, sind diese 
Zweifel nicht mehr berechtigt. 

An den eben geschilderten Bauten aus Ziegeln und Holz hat sich, 
wie ich glaube, der dorische Baustil entwickelt. Die Holzkonstruktionen 
haben zur Ausbildung der charakteristischen Elemente dieses Stiles 
geführt, wohl ungefähr in der Weise, wie es Vitruv beschreibt. Hierbei 
bewirkten aber die starken Ziegelwände und das schwer lastende 
Lehmdach, dafs die Proportionen schwerer und gedrückter wurden, 
als dies beim reinen Holzbau der Fall gewesen wäre. 

Man wird vielleicht den Einwand erheben, dafs, wenn sich wirk- 
lich der dorische Stein -Tempel aus einem Ziegel- und Holzbau ent- 
wickelt habe, in Griechenland sich doch mindestens die Fundamente 
oder der steinerne Unterbau eines einzigen solchen Tempels erhalten 
haben müfste, zumal da die Zahl derselben gewifs keine kleine gewesen 
sein könne. 

Die Ausgrabungen des letzten Decenniums haben uns in der That 
ein solches Gebäude geliefert, und zwar einen peripteralen Tempel, 
dessen Unterbau aus Stein, dessen Säulen und Anten aus Holz und 
dessen Cellawand aus Lehmziegeln bestand: nämlich das Heraion in 
der Altis von Olympia. 

Leider existirt noch immer keine genaue Beschreibung dieses 

uralten und für die dorische Baukunst so hochwichtigen Baues, auf die 

ich mich hier beziehen könnte; denn die vorläufigen Publikationen ent- 

10* 



i4ä 

halten nur kurze Berichte über diesen Tempel und die endgültige 
Publikation der Funde von Olympia ist noch nicht erschienen. Ich 
mufs daher hier in kurzen Worten diejenigen Punkte hervorheben, welche 
für uns von Wichtigkeit sind. 

Das Heraion besteht bekanntlich aus einer langgestreckten Cella 
mit Pronaos und Opisthodom und ist von einer peripteralen Halle 
umgeben. In situ sind noch erhalten: der äufsere Stylobat mit ein- 
zelnen Trommeln der meisten Säulen, die Wand der Cella, des Pronaos 
und Opisthodom bis zu einer Höhe von ca. i m, je eine Trommel der 
2 Säulen des Pronaos und die Stylobate der Innensäulen. Es fehlen 
also namentlich das ganze äufsere Gebälk, die Säulen der Cella und 
des Opisthodom, der obere Theil der Cellawand und die ganze 
Decke. 

Die jetzt noch vorhandenen Säulen sind nicht nur in ihren Durch- 
messern und ihren Formen gänzlich von einander verschieden, sondern 
auch in ihrem Materiale und in ihren technischen Eigenthümlichkeiten. 
Sie können daher nur nach und nach im Laufe der Jahrhunderte auf- 
gestellt worden sein, sobald eine der älteren Säulen baufällig geworden 
war. Zur Zeit des Pausanias war noch eine dieser älteren Säulen, aus 
Holz bestehend, im Opisthodom erhalten; daraus dürfen wir ohne Be- 
denken den Schlufs ziehen, dafs alle Säulen ursprünglich aus Holz be- 
standen. Weder vom Epistyl, noch vom Triglyphon, noch vom Geison 
ist irgend ein Stein bei den Ausgrabungen gefunden worden; da sich 
aber von allen anderen Gebäuden Olympias, wie sehr sie auch zerstört 
waren, stets zahlreiches Baumaterial vorgefunden hat, so sind wir zu 
der Annahme berechtigt, dafs auch das ganze äufsere Grebälk aus Holz 
bestand und bis zum Untergange des Tempels als solches erhalten 
blieb. 

Aus demselben Grunde ist sowohl die Decke der Cella als die- 
jenige der Hallen eine hölzerne gewesen; die grofsen Deckbalken der 
Cella reichten, wie sich aus der axialen Aufstellung der inneren und 
äufseren Stützen ergiebt, von dem einen Pteron über die Cella hinweg 
bis zu den Säulen des anderen Pteron und waren gewifs im Aeufseren 
als Triglyphen charakterisirt. 

Als der Tempel ausgegraben wurde, fanden wir über dem aus 
grofsen Quadern bestehenden Sockel eine byzantinische Mauer, welche 
aus Statuenbasen, Porossteinen und Kalk hergestellt war. Wir fragten 
uns damals, weshalb haben die Byzantiner den ganzen oberen Theil 
der Mauer, genau bis zum Sockel, abgebrochen und dann mühsam auf 






149 

demselben Unterbau eine neue Mauer gebaut? Sollte etwa der ganze 
obere Theil der Mauer aus einem vergänglichen Materiale bestanden 
haben, das vollständig unbrauchbar war, als die Byzantiner den Tempel 
wieder benutzen wollten? Nun läfst sich in der That aus sicheren 
technischen Kennzeichen, die ich hier nicht einzeln anfuhren kann, 
nachweisen, dafs über dem erhaltenen Sockel keine weiteren Stein- 
quadern gelegen haben können. Aus welchem Material kann dann 
aber der obere Theil der Mauer bestanden haben? Aus Holz? — Das 
verbietet die bedeutende Stärke der Mauer, denn eine hölzerne Wand 
macht man nicht 1,19 m stark. Aus Backsteinen? — Dann begreift 
man nicht, weshalb die Byzantiner die Mauer nicht wenigstens theil- 
weise stehen liefsen, und weshalb sie nicht einzelne 'Backsteine beim 
Neubau der Wand wieder verwertheten. Also müssen es Lehmziegel 
gewesen sein! Für sie pafst die grofse Wandstärke sehr gut; sie 
mufsten ferner zerfallen und sich ganz auflösen, als das Dach des 
Tempels zerstört war, und ihr Material war für den Neubau nicht 
wieder benutzbar. Schon diese Gründe könnten uns veranlassen, an 
die Existenz der Lehmziegel am Heraion zu glauben. Zum Glück 
giebt es aber noch einen sicheren positiven Beweis für ihr Vor- 
handensein. 

Bei der Ausgrabung des Heraion wurde nämlich im Tempel selbst 
und in seiner Umgebung eine etwa i m hohe grünlich gelbe Lehm- 
schicht gefunden, über welcher die sog. Slavenmauern standen. Wir 
glaubten damals, dafs diese sonst nirgends in der Altis vorkommende 
Erdschicht durch einen Erdrutsch des Kronion entstanden sei. Ich 
habe mich aber an Ort und Stelle davon überzeugt, dafs ein Erdrutsch 
vom Kronion niemals nur das Heraion verschütten konnte, und dafs 
wir daher das Vorhandensein der Lehmschicht in anderer Weise 
deuten müssen. 

Es ist jetzt klar, dafs der im Heraion gefundene Lehm von den 
Ziegeln herrührt, welche einst die Cellawand bildeten. So lange das 
Tempeldach bestand, erhielten sich die Ziegel Jahrhunderte lang; so- 
bald aber das Dach zerstört war und der Regen die Ziegel treffen 
konnte, zerfielen sie schnell und deckten den ganzen Tempel etwa 
I m hoch zu. So sind es auch die Lehmziegel gewesen, welche den 
auf dem Fufsboden des Tempels liegenden Hermes des Praxiteles für 
uns gerettet haben. 

Die Cellawand bestand also in ihrem unteren Theile aus Poros- 
quadern, weiter oben aus Ziegelsteinen. Die Ecken der Mauer, sowohl 



ISO 

am Pronaos wie am Opisthodom, waren mit hölzernen Anten ver- 
kleidet, und auch die Umrahmung der Cellathüre bestand, wie man 
noch deutlich erkennen kann, aus Holz. 

Der Heratempel in Olympia ist mithin einer derjenigen Bauten, 
welche den dorischen Steinbauten vorangegangen sind, und ah denen 
sich der dorische Stil entwickelt hat. Er bestätigt also glänzend den 
oben bewiesenen Satz, dafs neben dem Holz auch der Ziegel von Ein- 
flufs auf die Entwicklung des dorischen Stiles gewesen ist. ^ 



XIII. 



LUDWIG GURLITT 



Bemalte Marmorplatten in 

Athen. 



JL/er glückliche Erfolg, welcher die Bemühungen Löschckes und des 
Architekten Friedrich Thiersch bei Untersuchung der Lyseasstele gekrönt 
hat, denen wir die Wiederherstellung des bis zur Unkenntlichkeit ent- 
schwundenen Grabbildes jenes Priesters danken (Mitth. d. arch. Inst. IV. 
S. 37 ff. Taf. I, II, I u. 3), erweckte das Verlangen nach weiteren Funden 
dieser Art und gab im Jahre 1880 meinem Freunde Milchhoeffer und 
mir Anlafs, weitere Umschau in Athen nach ehemals bemalten Marmor- 
platten anzustellen. Milchhoefer hat das Ergebnifs seiner Studien in 
den Mittheilungen d. archäol. Instituts V. S. 164 ff. Taf. VI. niedergelegt. 
Das Folgende mag als Nachtrag zu jener Abhandlung betrachtet wer- 
den. Es bleiben dadurch 3 Bildwerke bester griechischer Zeit, die 
schon fast erloschen sind, ihrem Inhalte nach erhalten. Die Ab- 
bildungen, welche ich beifuge, gebe ich nach meinen vor den Originalen 
gefertigten Zeichnungen, weil eine mechanische Copie das Wesentliche 
nicht zum Ausdruck bringen würde, und weil es mich freut, auch in 
dieser Beziehung hier, wennschon wenig, so doch eigenes liefern zu 
können. 

1. Bemalte Grabstele In Athen. 

(Vgl. Milchhoefer a. a. O. S. 191, 3.) 

Unter der Menge kleinerer Grabsteine, welche von nahe und fern 
zusammengebracht im Vorhofe des Centralmuseums aufgepflanzt stan- 
den, liefs ein durch eigenartige, elegante Palmetten-Bekrönung hervor- 
ragender Stein einstmalige Bemalung des Schaftes voraussetzen, zumal 
die Details der Palmette deutlich vorgeritzt und noch kenntlich mit 
Farbe ausgefüllt waren. Nach wiederholten gemeinsamen Bemühungen, 
das Bild zu enträthseln, theilte mir Milchhoefer mit, dafs er den Stein 



'54 

ganz freigelegt und darauf die Darstellung eines Hahnes erkannt habe; 
und es gelang mir jetzt von ihr eine Copie zu nehmen, wie sie hier, 
auf y,; des Originales reducirt, mit absichtlich starker Hervorhebung 
der Formen vorliegt, (Fig. i Höhe des Original» 0,79, Br. 0,27, 
Bildh. 0,29 m). Die Zeichnung war nur dadurch erkennbar, dafs wie 
bei der Palmettc der Stein an den bemalten 
Stellen der Verwitterung stärkeren Wider- 
stand geleistet und seinen helleren Ton 
erhalten hat; ganz vereinzelt waren braune 
Farbenreste. Mit dem unteren Theile der 
Stele sind die Füfse des Hahnes und viel- 
leicht auch die Inschrift weggebrochen, die 
den Namen des Verstorbenen nannte. Das 
noch streng stilisirte, naturalistischer Pflanzen- 
motive entbehrende Akroterion setzt Milch- 
hoefer auf Grund der Untersuchung, die er 
(a. 3. O.) über die zeitliche Entwickelung . 
der Palmette anstellt, in das Ende des 
5, vorchr, Jahrhunderts. Da aber gerade 
die Form mit dem auf- und absteigenden 
Motive unter den zahlreichen attischen Mo- 
numenten dieser Art ihresgleichen nicht 
hat') und auch der Marmor nicht attisch, 
sondern ein mittelkörniger, aufserordentlich 
weifser, wahrscheinlich parischer Stein ist, 
schliefslich auch die Darstellung unter allen 
attischen Grabmonumenten vereinzelt da- 
stehen würde, so haben wir aufserattische 
Provenienz anzunehmen, wodurch die Zeit- 
*' '■ bestimmung aus der Form der Palmette 

an Zuverlässigkeit verliert. Immerhin dürfen 
wir die Entstehung des Bildwerkes in der Zeit zwischen dem aus- 
gehenden 5. und der Mitte des 4. Jahrhunderts suchen. 

Wie aber verhält es sich mit dem Sinne der Darstellung? Ein 
Hahn mit einem Sterne als Hauptbild eines Grabsteines, das ist gewifs 
eine ganz eigenartige, seltsame Erscheinung! Obschon ursprünglich 



■) Verwandle, wenn ichon einfachere Zeichnung dct ulbslündigcD BekiönuDgeo find 
»ich unter den Thon- und Marmorakrolerien dei Tempeb auf Atgina; vgl. Eiped. de 
Moree HI, Taf. 54, besonders unter No. I. u. 7. 



ISS 

fremd und noch von Cratinus (Athenaeus 9 p, 374) und Aristophanes 
(av. 483 f., 707, 883) als t persischer Vogel» bezeichnet, lebte dieser 
wachsame, eifersüchtige Gebieter des Hühnerhofes, dieser stolze, streit- 
bare Ritter doch schon früh, schon vor den Perserkriegen, — früher 
als V. Hehn (Culturpflanzen und Hausthiere 4. Aufl., S. 260 ff".) erweisen 
wollte — mit all' seinen eigenartigen Lebensäufserungen deutlich in 
dem Bewufstsein der Griechen.») Wie lebhaft und mit wie viel Humor 
sie die Erscheinung und das Treiben des Hahnes beobachteten, und 
wie vielfache Beziehungen sie ihm zu ihrem Götter- und zu dem 
Menschenleben geben, ist von Ernst Curtius bei Besprechung eines 
Alabastrons mit der Darstellung eines Hahnenkampfes (Arch. Zeitg. 
1878, S. iSpff.» Taf. 21, i) nachgewiesen worden. 

Bei den Persem genofs der Hahn wegen seines Morgenliedes als 
Feind der Finsternifs, des Aberglaubens, der Zauberei und aller bösen 
Geister göttliche Verehrung, wofür, abgesehen von den schriftlichen 
Zeugrnissen (vgl. V. Hehn a. a. O. S. 262 ff.), zwei persische Bildwerke 
zum Belege dienen. Auf dem ersteren, einem geschnittenen Steine 
aus Babylon (Layard Discoveries, p. 538), sehen wir eine adorirende 
persische Flügelgestalt vor dem auf einem Altare stehenden Hahne, 
auf dem anderen , einem Cylinder des britischen Museums (s. ebenda 
und Gaz. arch^ol. VI. i88o p. 193), einen anbetenden Priester vor 
einer gleichen Darstellung des Hahnes, und zwischen ihnen* 2 heilige 
Geräthe, über beiden Gruppen steht die Mondsichel. Was war natür- 
licher, als dafs sich diese Auffassung, wenn es dessen überhaupt be- 
dürfte, zugleich mit der Kenntnifs des Vogels und seines Namens halka 
oder alka (= äXSxtwQ mit beziehungsvoller Assimilation an ^Uxtcag, 
flhmQOv u. s. w., vgl, V. Hehn a. a. O.) nach Westen übertrug? In 
dieser Eigenschaft erscheint er daher auch am frühesten bei Theocrit 
Id. Vn. 123 als oq&QU)g, bei Simonides (frgm. 81 b. Bergk) als 
äfjhSQoqwyog, und noch bei Prop. El. I. 16, 46 als ales matutinus. Ge- 
schnittene Steine, auf denen Hahn und Stern verbunden sind (Berlin. 
Mus., Gemmensaal, Schrank 2 914, Hahn, einen Wagen ziehend, darüber 
ein Stern; Gades, Abdrucksammlung 51 u. 68), und ein Hahn mit 
menschlichem Oberkörper, leierspielend und mit dem Sterne in deut- 
lichem Hinweis auf sein Morgenlied (Licetus Hierogl. S. 85 = Gorlaeus 
Dactyliotheca 11. 482) beweisen die Geläufigkeit dieser Verbindung. 
Eben dieser Umstand beseitigt, wie ich glaube, einige andere scheinbar 
nahe liegende Erklärungsversuche. So wird man eine auf Terracotten, 



>) Der Nachweis hierfür läfst sich aus den Bildwerken erbringen (S. 157 f.). 



iS6 

Vasen, Spiegeln und Mosaiken häufige Beziehung >) auf die erotische 
Natur des Hahnes von vorne herein ablehnen dürfen. 

Noch weniger ist an eine rein äufserliche, etymologisirende Deutung 
zu denken, als entspräche hier der Hahn dem Löwen auf dem Grab- 
steine des Aiünv von Sinope (L. v. Sybel, Kat. der Sculpt. zu Athen 
n. 146) oder der Hündin auf dem der Eutamia — falls in letzterem 
Falle überhaupt eine Anspielung auf den Namen der Verstorbenen 
«Wohl-SchafTnerin» beabsichtigt war, wie Welcker Syllog. epigr. p. 134fr. 
meinte. (Vgl. H. Heydemann die ant Marmorbildw. zu Athen n. 513, 
V. Sybel n. 80.) Zumal wenn der Name des Todten nicht beigefügt 
war, wäre diese Art einer auf den Grabsteinen sonst ungebräuchlichen 
Wappensprache unverständlich gewesen. Auch als Symbol des Wett- 
kampfes, wie auf dem Strategensessel zu Athen ,^) auf den attischen 
Sieger -Amphoren 3) und sonst häufig, oder als Hinweis auf die 
palästrische Uebung und Tüchtigkeit des Verstorbenen deuten, darf 
hier der Hahn nicht gedeutet werden. Zwar sind Hahnenkämpfe ein 
nicht seltener Schmuck von Grabmonumenten 4) seit der ältesten und 
zugleich vortrefflichsten Darstellung an dem Grabmale zu Xanthos, 
doch finden sich die Kämpfe in dieser Verwendung meines Wissens 
nie isolirt, und nun gar ein einziger Hahn würde kaum hinreichen, 
diese Beziehung auszudrücken, die der beigefügte Stern überdies ver- 
wischen würde. In der Hand des Verstorbenen, wie auf dem Grab 
steine des Echedemos aus Larissa, 5) gestattet der Hahn diese Erklärung 
schon eher, wennschon hier meist eine naive Copie des Lebens vor- 



<) Vcrgl. Ch. Lenormant et J. de Witte, Elite des monum. ceram. t. I. p. 36, t. II. 
p. 119, t. IV. p. 180. Panofka, Terracotten des Kgl. Mus. zu Berlin S. 99. Roulez, Choix 
des Tases peints du Musee de Leyde p. 703. Toelken, Verzeichnifs der Gemmen zu Berlin, 
No. 482, 483 — 486. So auch auf dem schönen aus Megara stammenden (M. Fränkel, 
Arch. Zeitg. 1879 (37), S. 100, Taf. 12) Spiegel des Berliner Museums, mit Aphrodite-Stütze 
und mit Hähnen, Hase und Wiesel (?) auf dem Spiegelrande; auf den jUngst erworbenen 
Terracotten des Berl. Antiq. aus Myrina (Cat. No. 7798), wo ein Knabe auf einer Bank 
neben einem Altar sitzend gebildet ist, in der R. Früchte, in der L. einen grofsen Hahn 
haltend, der nach den Früchten pickt, falls diese Scene nicht rein genrehaft aufzufassen 
ist, ohne weitere Beziehungen. 

s) V. Sybel, Kat. No. 4990, wo die Litteratur aufgeführt ist. 

3) Gerhard, Annales de l'Inst. arch. 1830, t. II. p. 214. 

4) Vgl. O. Jahn, Archäol. Beiträge S. 437 ff. Michaelis, Arch. Zeit. 1866, S. 145- 
Curtius ib. 1878 (36], S. 159. Matz, Ant. Bildwerke in Rom, m. No. 3929, 3946, 3920 
u. s. w. 

5) P. Boissevain, Mitth. d. arch. Inst VI. S. 77—80. Brunn ib. VIII. S. 81 ff. 
Taf. in. — Auch sonst ist dieses Motiv nicht selten, und findet sich aufser auf Vasen 
und Terracotten auch in der Marmorstatue des Alectryophoros , vgl. dessen Behandlung 
durch Köhler, Memoires de l'Acad. Imp. III. 



157 

liegen mag, die den Verstorbenen in seiner Lieblingsbeschäftigung, 
also in der Pflege des Kampfhahnes, darstellt, entsprechend dem auf 
attischen Grabreliefs häufig gebildeten Spielen der Kinder mit einem 
Hündchen, Vogel, Hahne, einer Puppe (vgl. Michaelis Arch. Zeitg. 1871, 
S. 140, Taf. 53), einem Ball, Wägelchen u. s. w.') 

Als Opferthier ist der Hahn deutlich charakterisirt auf dem Grab- 
monumente der Akropolis zu Xanthus, wo er von einem Manne der 
Gottheit dargebracht wird, auf den spartanischen Heroenreliefs und auf 
den Asklepios- Reliefs, doch wieder ist es der Stern, der in unserem 
Falle eine Beziehung auf Asklepios und die Deutung des Hahnes als 
Opferthier verbietet, abgesehen davon, dafs dieser Sinn einem Grab- 
monumente fern liegt. 

Es bleibt somit für unseren Fall dem Hahne seine älteste, sym- 
bolische Beziehung als Verkünder des Lichtes, als Feind der bösen 
Geister und der damit verknüpften Vorstellungen. Auf den ältesten 
griechischen Bildwerken erscheint er aufserordentlich häufig im Kreise 
der orientalischen, theils fabelhaften, theils fremdartigen Thiergestalten, 
zwischen Sphinxen, Sirenen und dem fischleibigen Manne. Diese Ver- 
bindung war traditionell, und schliefst nicht aus, dafs der Hahn gleich- 
wohl den Griechen damals schon aus eigener Beobachtung bekannt 
war, wie E, Curtius aus der nicht stilisirten, sondern von Anfang an 
aufserordentlich naturalistisch lebenswahren Bildung des Hahnes folgert. 
In der That finden wir Hahn und Henne schon auf sehr alten 
korinthischen Gefafsen, der Natur bis ins Kleinste getreu nachgebildet 
So auf einer alten Vase aus Kamiros (Berl. Ant. n. 1959), wo in drei 
Streifen oben Hähne, dann Panther, Sirene, Wasservogel und wieder 
Panther erscheinen, zahlreiche Beispiele bieten die korinthischen Salb- 
gefäfse in Beutelform (Berl. Antiq. n. 11 13, 21 14, 21 16, 1024), wo 
man an entsprechender Stelle sonst Sphinxe (n. 10 14, 340), geflügelte 
Löwen (n. looi), geflügelte Ungeheuer mit Fischleibem findet; und 
besonders das grofse Gefäfs n. 1002 mit 2 stattlichen Hähnen, die 
durch eine Schlange getrennt und von reichen Ornamenten umgeben 
sind, beweist die frühe persönliche Bekanntschaft mit diesem Thiere. 
Mit den sämmtlichen mythischen oder wirklichen Gestalten des Orients, 
in deren Gesellschaft der Hahn hier erscheint, kam ihm im Allge- 
meinen schon nach Auffassung der Griechen prophylactische Kraft zu 
und diese mufste sich ihm ganz besonders anheften, da er sich all- 
morgentlich von Neuem durch sein Krähen als Feind der Finsternifs 



>) Die betreffenden Monumente aus Athen führt v. Sybel Kat. p. XIX auf. 



!58 

und alles Uebels ankündigte.') Diese prophylactische Natur machte 
ihn geeignet, gleich dem Gorgoneion als Münz- und Schildwappen ^) 
auf Trinkschalen, 3) Lampen und bis in späte Zeit als Amulet4) zur 
Abwehr des Uebels zu dienen. Vermöge solcher Eigenschaften konnte 
er einer Reihe von Gottheiten und allen Heroen zugetheilt werden, 
welche mit Licht und Finsternifs in Beziehung stehen. So finden wir 
ihn bei Helios als Symbol der Sonne (Gerhard Griech. Myth. S. 41 
und 470), bei ApoUon (Hehn a. a. O. S. 286), bei Eros sehr häufig 
(O. Jahn Arch. Beitr. S. 28 und Bull. Nap. IL S. 106 f. , Elite des mon. 
c^ram., t. IV. pl. XLIX. Heuzey Rev. Arch. N. S. XIX. p. i flf. 
J. de Witte ibid. XVII. p. 374), bei den Mondgöttern, dem Gotte Men 
(G. Schlumberger, Gazette archtol. 1880, pl. 32), Artemis (diese auf einem 
Hahn reitend auf einer Terrakotta des Berl. Antiq. aus Myrina (?), Kat. 
No. 7736), Athena Ergane (Paus. VI. 26. 2)^ Latona (Aelian. Hist 
anim. IV. 29), bei den chthonischen Gottheiten Demeter und Persephone 
(Porphyr, de abstin. IV. 16; Curtius, Arch. Zeitg. 1871, S. ^6 f.) und 
auch dem Attis geweiht (Compt. rendu, 1875. S. 45 f ), vor allem aber 
wegen seiner heilsamen Kraft dem Asklepios (v. Sybel, Kat. No. 377), 
wohl eben deshalb auch den Dioskuren (ib. No. 3103) und den Heroen, 
die ja alle mehr oder weniger Götter des Heils waren; ebenso den heroi- 
sirten Verstorbenen, die man in ähnlicher Weise segensreich fortwirkend 
dachte. Hier steht der Hahii in nächster Analogie zu einem anderen 
dämonischen Wesen, welches eben den obengenannten Gottheiten und 
Halbgöttern angehört und in gleicher Weise durch seine prophylactische 
Natur Attribut der Heroen und Hüter des Grabes geworden ist, nämlich 
der Schlange. Ist es richtig, dafs die Schlange, wie die Sphinx und 



i) Dabei wurde sein Bild oft phantastisch ausgeschmückt: Auf einer grofsen korin- 
thischen Amphora aus Caere (Berl. Antiq. n. 1707 [17 12]) mit der Darstellung der 
kalydonischen Jagd haben wir 2 Hähne mit Menschenköpfen gegenüber einer Sphinx, 
sonst durchaus deutlich charakterisirt mit grofsen Schwanzfedern und Sporen, je eine 
Blume an gebogenem Stengel vom Kopfe aufsteigend, eine omamentale Umgestaltung des 
Kammes , gegenüber sogar 2 Hähne mit Pantherköpfen und aufser ihren eigenen Füfsen 
je einer erhobenen Panthertatze. Hennen, entsprechend mit Menschenantlitz gebildet, 
gleichen völlig den sonst als Sirenen gedeuteten Gestalten, so dafs man zwischen der 
Benennung schwanken könnte. 

«) Ueber den Hahn als Haupt- oder Nebentypus auf asiatischen, hellenischen, itali- 
schen und sicilischen Münzen vgl. Curtius, Arch. Zeit. 1878, S. 159, i. — Als Schild- 
zeichen führte ihn der Idomeneus von Onatas (Paus. V. 25, 5, der freilich eine Beziehung 
auf den Sonnengott darin erkennt). 

3) z. B. im Centrum der Kylix: Mus. Gregor. II. 64, 3. 

4) Vgl. O. Jahn, Ueber den Aberglauben des bösen Blicks, Ber. d. sächs. G. d. \V. 
1855, S. 79 Anm. 204 u. S. 98 Taf. m. 2; V. 2 u. 6. Dazu das Mosaik Mon. dell' Inst. 
VIII. 60 (Hahn mit Schlangen, Krebs u. s. w.). 



159 

Sirene, als einziger Schmuck von Gräbern vorkam (vgl. Mitth. d. Inst. IL 
S. 461, rV. S. 279 Anm.; Arch. Zeitg. 1882 (40), S. 387 ff., besonders 
Note 6), wobei wir sie als tutela loci anzusehen haben , so dürfte dem 
Hahne dieselbe Deutung zufallen bei der engen Verwandtschaft, die 
zwischen der Auffassung von diesen Thieren bestand. Wir finden Schlange 
und Hahn vereinigt auf den alten korinthischen Salbgeiafsen, auf den 
spartanischen Heroen-Reliefs (Mitth. d. arch. Inst., II., Tafel XX, XXII; 
Gypsabgüsse in Berlin 216 c. 218), — deren Alter unbestimmt ist, aber 
wohl leicht unterschätzt wird — auf den bekannten Asklepios- Reliefs 
aus Athen (Arch. Zeitg. 1877, S. 139 ff., Mitth. II. S. 216 ff.) und an 
den Amuletten (O. Jahn, s. obige Anmerkung). 

Noch ist der weitere Sinn der Schlange auf Gräbern, besonders 
auf den bekannten Todtenmalen nicht zu allgemeiner Zufriedenheit 
erkannt worden, deutlicher ist die Symbolik unseres Hahnes, der durch 
den beigefiigten Stern zum Träger einer tiefreligiösen Anschauung 
wurde. Der Lichtverkünder auf dem Grabe dient ihm nicht zum 
Schutze allein, sondern weist auch hin auf das Fortleben des Ver- 
storbenen, Als Sokrates befahl, nach seinem Tode dem Asklepios 
einen Hahn zu weihen, sprach er einen Gedanken aus, den wir an- 
nähernd hier verbildlicht sehen, indem er» den Tod als eine geistige 
Verklärung, als das Morgengrauen eines lichtvolleren Lebens betrachtet. 
Zu einer Zeit, in welcher solche Ideen von den Philosophen gelehrt 
wurden, in der das Wort: ro fäh cäfia c^fia (Plato Gorg. 493 A; 
Zeller, Philosophie der Alten, I* S. 32) geläufig war und auch durch 
das Bild auf den Grabmonumenten und den Todtenmalen das Fort- 
leben der Abgeschiedenen veranschaulicht wurde, in dieser Zeit mufste 
auch die tiefsinnige Symbolik des Lichtverkünders allgemein verständ- 
lich sein. Irren wir also nicht, so spricht aus dem fast verblafsten 
Steine ein Geist tief innerlicher Frömmigkeit, eine gläubige Zuversicht 
auf eine Auferstehung nach dem Tode. Der Ruf des Hahnes weckt 
den Verstorbenen, gleich den Posaunen des jüngsten Qerichts. So 
erscheint uns jetzt das Bild fast wie eine Anticipation späterer christ- 
licher Ideen, der Hahn gleichsam als Verkünder des höheren Lichtes, 
das fast ein Halbjahrtausend später den Menschen aufleuchtete. 

2. Votivrelief aus Megara. 

(v. Sybel Kat. N. 388.) 

Milchhoefer sagt in dem oben genannten Aufsatze S. 194: «. . es 
sei noch auf einen problematischen Fall hingewiesen: Im Central- 



i6o 



m, Zimmer der Votivreliefs, oberste Reihe, befindet sich gegen- 
wärtig ein kleines, bester Zeit angehöriges Relief aus Megara. Rechts 
ein bärtiger Mann in einen Mantel gehüllt, die r. Hand adorirend er- 
hoben. Ihm gegenüber, durch einen Zwischenraum von o,iom ge- 
trennt, eine Göttin, die in der R. eine Taube, in der L. eine Fracht 
(Granate) hält. Gewandmotiv etwas ähnlich der Demeter auf dem 
eleusinischen Relief (rechts). Auf dem Felde zwischen den beiden 
Figuren zeichnen sich drittens als hellere Fläche die Umrisse einer 



anscheinend menschlichen Gestalt in der Gröfse der Göttin ab. Will 
man nicht annehmen, dafs hier eine dritte Reliet^gur in späterer Zeit 
sorgfältig wegradirt worden sei, was von dem Originale nicht wahr- 
scheinlich aussieht, so hätten wir einen ganz vereinzelten Fall der An- 
wendung von Malerei und Sculptur nebeneinander. Höhe (ohne den 
unteren Einsatzzapfen): 0,275 "^t Breite 0,245 ™-» Durch diese Be- 
obachtung aufmerksam gemacht, untersuchte ich das zierliche Reli« 
und kam dabei, wie die nach meiner Zeichnung angefertigte Abbildung 



i6i 

zdgt, zu anderem Ergebnifs. Ich erkannte mit aller Bestimmtheit zu 
Unterst einen ^ quadratischen Körper, darunter einen Gegenstand von 
lockerer, durchbrochener Grestalt. Demnach kann nicht zweifelhaft 
sein, daTs es ein Altar') und ein Baum*) sind, welche zwischen beiden 
P^ren gemalt waren. 

Das Mittelstück des Feldes, welches mit der Oberfläche des Reliefs 
in seiner mittleren Verticalen gleiche Höhe hat, ist nach beiden Seiten 
hin allmählich zu der — sehr geringen — Tiefe des Reliefgrundes 
übergeführt und sorgfältig geglättet. An spätere Beseitigung einer 
3. Relieffigur oder an Unfertigkeit der Arbeit darf daher nicht gedacht 
werden. Wir erkennen hier vielmehr eine mit Bewufstsein durch- 
geführte Praxis des Künstlers, durch die einige Beobachtungen über 
die Reliefkunst der letzten Zeit sehr anschaulich illustrirt werden. Der 
Künstler hielt offenbar die Darstellung eines ast- und blattreichen 
Baumes fiir unverträglich mit der Marmortechnik und besafs zu viel 
künstlerischen Takt oder nur zu viel praktischen Verstand, um dem 

• 

Materiale Gewalt anzuthun. Er begnügte sich daher, den Baum und 
den Altar zu malen, während er die beiden menschlichen Gestalten 
auch im Relief ausarbeitete. 3) Diese Erscheinung steht nicht eben ver- 
einzelt da, denn dieselbe Einsicht hielt bekanntlich auch sonst die 
Künstler der besten Zeit ab, im Relief Scepter, Lanzenschafte, Zügel 



>) Altar oder Opfertiscb zwischen Adorant und Gottheit ist auf den Asklepios-Reliefs 
die Regel; vgl. ▼. Duhn, Arch. Zeitg. 1877 S* V39i Mittheil. d. arch. Inst. II. S. 139, 
Taf. 15—17, ebenso auf dem Nymphenrelief, Mitth. V. Taf. 7; IV. Taf. 18. R. Schoene, 
Griecb. Relieb Taf. XDC 86. 

«) Dafii ein Baum den Altar beschattete, entspricht dem wirklichen Brauche, vgl. 
Homer B. 305 

^/lAiig cf' d/iAfpi m^i Tt^t^y Uqovs xara ßtaf4ovg 
fyh/Aiy ddttyoTouft Tgltiiaüac htarhfAßag, 
xaXp vnh nlixTayicTt^^ Bd-ty ^ty dykaoy vcfoi^. 

beschreibt diese Zusammenstellung, die uns auch aus Bildwerken geläufig ist; vgl. Böt- 
ticber, Baumcultus S. 46 f., Fig. 5, 6, 8, 13, 34, 35; Miliin, Monum. ant. ined. II. 39; 
Mülin; GaL 15 t, F 612 u. s. w. Das verwandteste Beispiel bietet das Asklepiosrelief 
Mitth. IL Taf. 16 =: Curtius Kaupert, Atlas von Athen Taf. 11, wo Hygieia sich an den 
hinter dem Altar stehenden Baumstamm stfitzt. Götterbilder unter oder neben dem hei- 
liget! Baum s. b. Bötticher a. a. O. S. 147 ff. 

s) Auf einem der 9 Votivreliefs an dem Zeus Meilichios (Berlin. Mus. No. 441), die 
jfingtt von P. Foucart im Zusammenhang behandelt worden sind (Bulletin de Corr. 
HeU. VH. p. 507 ft), ist der Abstand zwischen den Adoranten und der adorirten grofsen 
Schlange so grob, daft auch hier ein gemaltes Mittelstück , etwa auch ein Altar und Baum, 
nicht unwahrscheinlich ist. Die oberflächliche Behandlung des Reliefe setzt Bemalung 
der ganzen Darstellung voraus. — Ist man einmal auf diese Erscheinung aufmerksam 
gemacht, so finden sich vielleicht noch weitere Beispiele. 

II 



l62 

u. dergl. in .Marmor auszuarbeiten. Da die Relieä durchgehend be- 
malt waren, fielen diese Fälle wenig ins Auge. 

Mehr und mehr erkennt man jetzt die grofse Gemeinschaft, das 
enge Zusammenwirken der Reliefkunst mit ihrer Sdiwesterkunst, der 
Malerei. Sind doch sogar einer neuesten Entdeckung zufolge deutliche 
Spuren erhalten, die eine Bemalung des grofsen pergamener Frieses 
beweisen, der fiir unser Gefühl doch gewifs jeder coloristischen Zu- 
that entbehren könnte. 

In der Marmorplastik seiner Zeit steht der Oelbaum des Par- 
thenon-Giebels vereinzelt da, hier war die plastische Darstellung des 
Baumes durchaus unerläfslich, doch auch die erhaltenen Reste desselben 
zeigen, wie sehr er sich in seiner gedrungenen Form dem Materiale 
fügen mufste.i) Wollten die Künstler Bäume und Rundplastik bilden, 
so bedienten sie sich des Erzes, wofiir mehrere Fälle bekannt sind: 
so stifteten die Athener nach dem Doppelsiege am Eurymedon eine 
eherne Palme nach Delphi, eine andere weihte Nildas dem Apollon 
auf Delos (Plutarch Nikias 8), auch im Erechtheion in Athen stand 
eine solche (Paus. I. 26, 7, Brunn G. d. gr, K. 11. 407, weitere Bei- 
spiele bei Boetticher, Baumcultus , S. 212 fr.). Betreff der sicher 
datirten älteren Reliefs bekennt Woermann in seiner trefflichen Be- 
handlung dieses Gegenstandes (die Landschaft in der Kunst der alten 
Völker, S. I37if.)> dafs ihm auf diesen sorgfaltig ausgearbeitete Bäume 
nicht bekannt wären, und er sieht die ersten Bäume, Andeutungen des 
Waldes, sehr primitiver, verkürzter Art auf dem Fries des Lysikrates- 
Denkmals, während alle Relief/ eigentlich landschaftlichen Charakters 
und alle plastischen landschaftlichen Vollbilder der nachalexandiinischen 
Zeit angehören (S. 131}.^) Auf Grund unseres Reliefe dürfen wir an- 
nehmen, dafs in älterer 2^it auch sonst die Bäume, wenigstens ihr 
Blätterschmuck, wie wohl auch auf dem Lysikrates-Friese, ausschliefslich 
gemalt waren. 



>) Vgl. Eug. Peteiseo, Kunst des Pbidias S. 162 C und daselbst die nOdreiche Litte- 
ratur Über diesen Gegenstand. Kronenlose und abgestumpfte Baumstämme zum Zwecke 
der Localbeseichnung oder als Sttttsen fUr Statuen bleiben dabei natürlich an&er Betracht 

s) Als Beispiele der Reliefs nenne ich nur das Telete- Relief ans Luku« Kekitle, 
Ant. Bildw. N. 284 = v. Sybel, Kat N. 348, Exped. de Moree m. Fl. 90, 2. Lebas 
mon. üg. PI. 98; Kekule N. 232, Relief eben&lls aus Luku =? t. Sybel N. 574. Exp^d. 
de Moree III. Fl. 97. Kekule No. 146 =s v. Sybel 216 1 Sarkophag mit Kentaurenrelief. 
Der blätterreiche, realistisch behandelte Baum des altgriechischen Grabreliefs Arch. 
Zeitg. 1871 (29) Taf. 53, 2 ist moderne Ergänzung (S. 138). Das Relief in Ince Blundell 
Hall Arch. Zeitg. 1877 (35) Taf. 12, 2 scheint mir betreff der Echtheit nicht aufser Zweifd 
fu stehen. 



i6s 

Wir müssen uns hier mit diesen Andeutungen begnügen, die in 
das Capitel der jetzt immer mehr zur Kenntnifs und Anerkennung ge- 
langenden Polychromie antiker Marmorwerke gehören. 

Das Götterbild mit den Attributen der Taube und der Granat- 
frucht stellt Aphrodite dar und ist, soweit griechische Künstler über- 
haupt auf den Votivreliefs Cultbilder copirten,') als Copie eines solchen 
zu betrachten, wie die steife Stellung und das traditionelle Verhalten der 
heiligen Attribute beweist. Die einzige ersichtliche Abweichung von dem 
Originale liegt in der Senkung der rechten Hand, die im Relief nothwendig 
wurde, sollte nicht der linke Arm völlig verdeckt werden. 2) Die Statue, 
welche in ihrer Erscheinung zurückgeht auf die bekannten cyprischen 
Aphroditestatuen, auf archaische griechische Marmorwerke (wie das aus 
Marseille: Gazette archtol. 11. p. 133, pl. 31) und besonders auf die 
Aphrodite -Stützen der Spiegel, deren schönster eben aus Megara 
stammt (Mylonas, Arch. Zeit. 1875 (33) Taf. 14 n. i und M. Fränkel, Arch. 
Zeit. 1879 (37) S. 100, Taf. 12) ist gleichwohl im Ausdruck und in der 
Behandlung des Gewandes völlig frei von der archaischen Tradition, 
und nur die charakteristische Haltung verräth noch die Macht des alten 
Herkommens. In dieser Beziehung steht das Bild auf gleicher Stufe 
mit der Parthenosstatue des Phidias, gleich dieser den ersten Schritt zur 
völligen Befreiung der Kunst bezeichnend. 

Der Baum vor dem Götterbilde deutet nach griechischer Sym- 
bolik einen Wald oder Hain an. Wir dürfen hier einen Granatbaum, 
der der Aphrodite heilig 3) und von ihr selbst in Cypern gepflanzt 
worden war (Athen, in. p. 84 nach dem Komiker Eriphos), voraus- 
setzen, da schon die Frucht in ihrer Hand darauf hindeutet und auch 
die Spuren der Bemalung runde Formen (Früchte) aufweisen, die ich 
anfangs iiir Rauchwölkchen eines Altarfeuers ansah. Auch sei daran 
erinnert, dafs ein Hafenort in Megaris von der Granate (ctSii) wegen 
der schönen Früchte den Namen JStdovg führte. 

Die Arbeit ist attisch und das statuarische Vorbild kann ebenso 
gut in Athen, als in Megara gestanden haben: ein Aphroditebild aus 
der Zeit des Phidias in einem heiligen Haine, das könnte uns ver- 
führen des Alkamenes: !r^^^o(Srf iy Krptoiq als Vorbild anzunehmen. 4) 

i) Vgl. darüber R. Scboene, Gr. Reliefs S. 22. 

«) Aus einem ebenfalls äufserlicben Grunde hält auch der Adonis als Griff der 
Bronzepfanne aus Montefiascone (Berliner Antiq. N. 7273) das Vögelchen (Taube) mit 
gestrecktem Arme. 

3) V. Hehn a. a. O. S. 192 ff. 

4) Dabei ist mir bewufst, dafs das Caltbild im Tempel stand. Vgl. Overbeck S. Q. 
812—815; Brunn G. d. gr. Künstler I. S. 233 ff. 



104 

Wennschon eine directe Nachbildung nicht tu erweisen sein dürfte 
— obgleich ich auch Widersprechendes nicht finde — so ist doch ein 
Einflufs jener Neuschöpfungen des Alkamenes fast nothwendig, und 
ich wüfste kein zweites Bild, welches seiner Zeit nach und zufolge der 
Vorstellung, die wir uns von der Statue des Alkamenes machen, diesem 
Werke näher stehen sollte. 

Der Adorant hat wie die Votiv- und Grabreliefs des 5. Jahrhunderts 
meist deutlich ausgeprägte individuelle Gesichtsbtldung (vgl. R. Schöne 
Gr. Rel. Taf. XX. 87; Milchhoefer V. S. 207, v. Duhn Mitth. H. S. 216, 
Taf. XIV; Arch. Zeitg. 1877, S. 139 n. 69) und bestärkt uns in der 
Annahme, dafs in diesem Bilde eine treue Nachbildung der Wirklich- 
keit gegeben würde. 

3. Grabstele aus dem Piraeus. 

(Pittakis 343; Ross Arch. Aufs. I 41. Ephemeris 1680 Raogabe II. 1980. Gerhard 
Annali 1837, 119. Michaelis Ber. der s. Ges. der W. 1867, 116. Kekule N. 286. Milch- 
hoefer Mitth. V. S. 193, 10. V. Sybel Kat N. 2270.) 

Die schlanke Grabstele wurde im Jahre 1833 im Piraeus gefunden, 
sie ist oben abgeschlossen durch eine rundliche, fiir Aufmalung eines 
Anthemions bestimmte Bekrönung; die Farbenreste sind noch erkennbar, 
ebenso der Eierstab auf dem Kymation. Unter den Inschriften sind die 
stärker als sonst erhaltenen Spuren des Bildes,') einer aus zahlreichen 
Grabreliefs bekannten Abschiedsscene (siehe S. 165, Höhe des Steines 
0,63 m, Breite 0,27 m, Bildhöhe 0,26 m). 

Bei den gemeinsamen Aufgaben, die der Plastik und der Malerei 
häufig zufielen, war auch eine Uebereinstimmung der Motive und der 
Behandlungsweise vorauszusetzen, und doch ist jede neue Bestätigung 
willkommen. Sie beweist, wie wohl man berechtigt ist, Entlehnungen 
aus dem einen Gebiete in das andere anzunehmen. 

Ich habe leider versäumt, in Athen nachzuforschen, ob sich unter 
den Reliefs eines von völlig übereinstimmender Zeichnung findet, 
glaube es aber leugnen zu können. Bei aller Uebereinstimmung fehlt 
es diesen Monumenten nie an Abweichungen. Ein Händedruck (nach 
V. Sybel) war nach meiner Zeichnung nicht gebildet, wohl aber ein 
Entgegenstrecken der Hände oder wohl nur Gesten der Rede. Nimmt 
man es genau, so war ein Abschiednehmen auf Grabsteinen auch nicht 



i) An dem Kopfe des Knaben und des Mannes und hie und da an den Gewändern 
treten rothbraune Farbenreste hervor, im Uebrigen war auch hier die Zeichnung durch 
die verschiedene Abtönung des Marmors kenntlich. 



i65 



am Platz, der beiden — anscheinend Mann und Frau — gleichzeitig 
gesetzt wurde; auch «die Geräthe» des Dieners erkenne ich nicht, 
sondern ein zu beiden Seiten herabhängendes kurzes Gewand. Das 
an sich nicht hervorragende Bild fuhrt mich zur Erwähnung eines leider 
fast völlig entschwundenen Grabgemäldes verwandter Darstellung, des 
aus Gröfse, Zeit (4. Jahrh.) und Standort zu schliefsen, bedeutenden 
Werth gehabt haben mufs. Es ist das des Dionysios-Grabes an der 



\= 




TAMCPIAOI rpOOO 

TOPClNAlOl TOPHNAIA 




heiligen Strafse am Dipylon, welches die hintere Wand der Aedicula 
schmückte (E. Curtius u. J. A. Kaupert, Atlas von Athen, Taf. 4 N. 8, 
V. Sybel, N. 3323 und die Inschriften G. Kaibel, Epigr. gr. N. 351). 
Die Decoration der Kasettendecke, weniger die der Anten, liefse sich 
in ihrer Zeichnung und Farbe reconstruiren, aber auch auf der Haupt- 
fläche sind Reste eines Bildes zu erkennen, deren ich bisher nirgend 
Erwähnung finde, die mir aber ausreichend erscheinen, den Gegenstand 
des Bildes festzustellen: denn ich erkannte bei genauer Untersuchung 



i66 

soviel, um behaupten zu können, dafs links ein Mann in langem Ge- 
wände*) stand; ein Kopf mit brauner Färbung des Haares reicht fast 
bis an die Decke, während in der rechten Ecke deutlich ein ge- 
schweiftes Stuhlbein sichtbar wird, das eine sitzende Frau voraussetzen 
läfst. Für eine dritte Figur ist vor und hinter diesen beiden kein Platz, 
auf diese scheint daher die Darstellung beschränkt gewesen zu sein. 
Eine nochmalige Untersuchung unter günstigeren Umständen fuhrt 
vielleicht zu sicherer Anschauung und wäre recht zu wünschen in An- 
betracht der Bedeutung, die einem grofsen Gemälde des IV. Jahr- 
hunderts zukommen mufs. 



I) Davon ist links unten ein stilisirt gefältelter Zipfel sichtbar, dessen scharf gezeich- 
nete Umrisse sich in einiger Erhöhung aber farblos erhalten haben. 



XIY. 



RICHARD BORRMANN 



lieber eine etruskische Aschenciste 
des Florentiner Museums. 



-- •• - « • 



Z^M den wichtigsten Resultaten der vor drei Jahren beendeten Aus- 
grabungen auf dem Boden des alten Olympia darf man, so wenig 
auch zur Zeit von einer erschöpfenden abschliefsenden Bearbeitung 
derselben die Rede sein kann, doch mit Fug und Recht neben den 
Ergebnissen für Topographie und Denkmalkunde, die Erweiterung und 
Bereicherung zählen, die unser Wissen auf so manchem bisher weniger 
beachteten Gebiete der Alterthums- Forschung erfahren hat Diese Be- 
reicherung verdanken wir vor allem der durch eine planmäfsige Auf* 
grabung ermöglichten allseitigen wissenschaftlichen Ausbeutung dieses 
Centrums hellenischer Kunstthätigkeit sowie der unschätzbaren An- 
regung, die durch die dortigen Entdeckungen für Specialstudien nach 
den verschiedensten Richtungen hin erwachsen sind. Welch neue Auf- 
schlüsse haben uns nicht die zahlreichen Bronzeilinde Olympia's für 
unsere Kenntnifs der alten Erztechnik ergeben 1 Ein der Wissenschaft 
gradezu neu erobertes Gebiet bildet die Aufdeckung des ausgedehnten 
Netzes der Bewässerungs- und Entwässerungs-Anlagen des alten Fest- 
ortes. Aehnliches gilt von den zahlreichen daselbst zu Tage getretenen 
Resten altdorischer Architectur, die uns namentlich durch den Ver- 
gleich mit den anderweitig erhaltenen ganz neue Gesichtspunkte für 
die Entwickelungs- Geschichte dieses Stils geliefert haben. Ein weites 
Feld fiir zum Theil grundlegende Studien bot femer ebendort eine in 
ihrer Art einzige Sammlung von architectonischen Terracotten dar, 
d. h. vorzugsweise von solchen, die zur Eindeckung und Aus- 
schmückung der Dächer dienten. Die Fülle oft vollkommen intacter 
Stücke von Dachziegeln, Simen, Stirnziegeln, Wasserspeiern und Akro- 
terien aller Art gewährte zum ersten Male einen vollständigen Ueber- 
blick über die erstaunliche Vielseitigkeit der antiken Dachconstructionen 
und damit erst die Möglichkeit, auch das in anderen älteren Samm- 



A 



170 

lungen vorhandene, aber unvollständige und zerstreute Material richtig 
zu würdigen und zu beurthetlen. Ein fernerer Gewinn war die auch 
für die Architectur-Geschichte im weiteren Sinne wichtige Entdeckung 
von einer eigenthümlichen Verwendung der Terracotta im altdorischen 
Steinbaue zur Incrustation der steinernen Kranzgesimse, eine Technik, 
die an mehreren älteren Monumenten, und zwar anscheinend nur in 
den Stiftungen der sicilischen und unteritalischen Colonien nach- 
gewiesen werden konnte. Es wurde daher eine dankbare Aufgabe, im 
Anschlüsse an die in Olympia gemachten Beobachtungen und Er- 
fahrungen die Denkmäler jener beiden Kunstgebiete, die ja von jeher 
eine Sonderstellung in der griechischen Kunst einnahmen, von neuem 
zu untersuchen, wobei speciell das Studium des auch dort besonders 
reichen Terracotta-Materials hinsichtlich seiner Verwendung in der 
Architectur in's Auge gefafst wurde. Die Resultate dieser Unter- 
suchungen, die mittelbar auch den Anlafs zu dem vorli^enden Ver- 
suche gegeben haben, auf die wir daher mehrfach zurückzukommen 
genöthigt sein werden, sind zum ersten Male im einundvierzigsten 
Programme zum Winckelmanns- Feste der Archäologischen Gesellschaft 
zu Berlin >) zusammengestellt In denselben ist freilich ein grofses und 
reiches Gebiet der Thonindustrie — Etrurien — noch nicht berührt 
worden. Dafs in Etrurien die Terracotta eine ausgedehnte Verwendung 
im Bauwesen erfahren, ist schon durch die zahlreichen Fundstücke von 
offenbar architectonischer Bestimmung erwiesen, ebenso war zu ver- 
muthen, dafs sich daselbst ähnliche Erscheinungen wie an den sicili- 
schen und unteritalischen Tempeln vorftnden würden. Leider jedoch 
hat sich kein Bauwerk so weit erhalten, um uns eine unmittelbare 
Vorstellung davon zu geben, und aus den einzelnen, in^ den ver- 
schiedenen Sammlungen zerstreuten Fragmenten wird sich so lange 
kein anschauliches Bild gewinnen lassen, bis wir nicht eine genauere 
Kenntnifs des Formensystems, der Profile und Qiederungen der unter- 
gegangenen Bauten erlangt haben werden. Um so wichtiger ist es 
daher zur Zeit, alles dasjenige zu Rathe zu ziehen, was an bildlichen 
oder plastischen Nachahmungen architectonischer Monumente in den 
reichen Gräberfunden des alten Etruriens, sei es an den Grabfagaden 
selbst, sei es in Wandmalereien und Reliefs oder endlich in den zahl- 
reichen Sarkophagen und Aschendsten auf uns gekommen ist Pfl^ 
doch, wie die Beobachtung lehrt, an derartigen handwerldichen Nach- 



>) Ueber die Verwendung von Terracotten am Geison und Dache Griechischer 
Bauwerke. 



171 

bildungen sehr oft das rein technische, das Detail der Constniction, 
mit Soi^alt und Verständnifs wiedergegeben zu sein. Es dürfte daher 
der Versuch gerechtfertigt erscheinen, einmal ein besonders interessantes 
Beispiel solcher Nachbildungen, wie es die diesen Zeilen beigefügte 



Abbildung eines im Florentiner Museum befindlichen Aschengehäuses 
zeigt, etwas eingehender zu behandeln. 

Der Abbildung liegt keine exacte Aufnahme zu Grunde, sondern 
nur eine bei Gelegenheit gefertigte Handskizze, in welcher die obere 
Partie des kleinen Monuments, und auch diese nur zur Hälfte, jedoch 
so weit zur Veranschaulichung des nachfolgenden nothwendig erscheint, 
dargestellt ist.'} 

Die Gesammthöhe des obloi^en Gehäuses beträgt in Millimetern 
gemessen 570, die Dimension der Langseiten 4Ö0, der Schmal- 
seiten 370. 

■) Bei Micali: Monum. p. scrv. alla sloria d. aiit. pop. Ital. tav. LXXII finden sich 
iwei AscheDcislen abf^bildct , von denen die eine bis auf die abweichende Fonn des 
Daches der uiuTigeD fast volIkommcD gleicht, w.Uircnd die andere dieselbe inlcressante 
DacbbilduDg leigt. Da man lut Zeit meines Aufenthaltes in Floceni grade mit der üebei- 
fuhtung der Antiken -Sammlung in das neu eingerichtete Museum beschäftigt war, habe 
ich die beiden StUcke nicht gesehen und mit dem oben dargestellten vecgleicheD können. 
Nach den Abbildungen zu urtheilen, finden indefa die auf da* letztere sich beziehenden 
Ausfahrangen auch auf die entsprechenden Theile der «nietca ihre Anwendung. 



1/2 

Was an ihm zunächst in die Augen fällt, ist der entschieden 
architectonische Character des Ganzen, sodann die, wenngleich nur an- 
deutende, doch vollkommen anschauliche Wiedergabe bestimmter con- 
structiver Details. Die vier Ecken werden durch Rundpfosten gebildet, 
an welchen sich noch deutliche Reste von rother Färbung erhalten 
haben. Die Flächen sind nach Art von Füllungen durch rechteckige 
Vertiefungen getheilt, zeigen aber sonst keine weitere Gliederung. Den 
Abschlufs nach oben bildet frei überhängendes Blattwerk von grad- 
liniger Begrenzung und verschiedener Tönung, bei welcher ein rh)^- 
mischer Wechsel dreier Farben, gelb, schwarz und roth, erkennbar ist 
Hierauf folgt eine im Profile an die dorische Blattwelle erinnernde, 
stark unterschnittene Hohlkehle mit etwas phantastisch gebildetem 
Blattwerke, dessen einzelne spitz zulaufende Blätter nur in ihrem oberen 
freien Ueberfalle plastisch ausgearbeitet sind und rothe Färbung zeigen. 
Unter demselben finden an jeder Ecke und jedesmal auch auf der 
Mitte der Langseiten kleine runde Stützen Platz, welche ebenso 
wie die unteren roth bemalt waren. So wenig man auch in 
dem bisher geschilderten Aufbaue die Nachbildung eines bestimmten 
monumentalen Vorbildes voraussetzen wird, so darf man darin doch 
andrerseits auch nicht eine blofs willkürliche Zusammenstellung von 
Einzelformen erblicken, vielmehr verräth das Ganze, wie schon ange- 
deutet, eine entschieden architectonische Anordnung, in welcher die 
einzelnen Glieder, wenngleich in freier decorativer Behandlung, doch 
in richtiger Verbindung und Reihenfolge ihre Stelle haben. Dies lehrt 
schon der Vergleich mit anderen Monumenten derselben Gattung. So 
finden sich die Rundpfosten oder Säulen an den Ecken vielfach wieder. 
Auch der überhängende Blattkranz erscheint in dieser einfachen Form 
und den charakteristischen Farben sehr häufig an architectonischen 
Hintergründen von Reliefs, und zwar in der gleichen Verbindung mit 
Säulen. Es mufs diese anscheinend den Zeltbauten entlehnte und an 
Stoff- Gehänge erinnernde Decoration sehr beliebt und verbreitet ge- 
wesen sein. Das Berliner Museum besitzt unter den leider noch nicht 
veröffentlichten Terracotta- Funden aus Cervetri einige mit reichen 
AnthemienMustern verzierte Platten, xlie in ähnlicher Anordnung einen 
frei herabhängenden Wandschmuck gebildet haben mögen. 

Der für unsere Betrachtung wichtigste Theil des kleinen Monu- 
ments ist nun aber das Dach. Dasselbe zeigt zunächst das gewöhn- 
liche Schema von Flachziegeln und halbkreisförmigen Kalypteren zur 
Ueberdeckung der Fugen. Auf dem Firste erkennt man eine Reihe 
gröfserer Deckziegel mit Ausschnitten, in welche die Kalyptere ein- 



173 

greifen. Die letzteren endigen an der Traufe mit halbrunden, scheiben- 
förmigen Stimziegeki. Die ältesten derartigen, zum Dache des Heraion 
gehörigen Stimziegel besitzt die Sammlung in Olympia, mehrere haben 
sich in Cumae gefunden und flir Etrunen bilden die runden Antefixe, 
meist mit einem Kopfe in der Mitte und einem denselben umgebenden 
Blattkranze gradezu eine typische Form. Im Ganzen schliefst sich das 
Dach genau an das in Sidlien und auch in Unteritalien ') übliche 
Schema an, in welchem zum Unterschiede vom eigentlichen Hellas 
fast durchweg der ebene Flachziegel in Verbindung mit halbkreisför- 
migen Deckziegeln erscheint. Befremdlich kann auf den ersten Blick 
der Anschlufs des Daches an den Giebel erscheinen. Der klassische 
Typus der antiken Dachconstructionen zeigt an dieser Stelle als Ab- 
schlufs der Dachziegelreihen stets eine Sima, hinter welcher das Wasser 
zur Traufe geleitet und verhindert wird, in das Giebelfeld herabzu- 
fliefsen. Statt dessen wird im vorliegenden Falle der Dachabschlufs 
von den beiden starken, erheblich über die Dachfläche hinausragenden 
Sparren gebildet, die auf eine breite Firstpfette von entsprechendem 
Vorsprunge aufgekämmt sind. Dafs wir es hier mit der Nachahmung 
einer Holzconstruction, die zugleich die einfachste Form des Dach- 
gerüstes überhaupt darstellt, zu thun haben, ist augenscheinlich. Eine 
solche Construction nun aber, bei welcher das Holzwerk nicht mit 
durch das Dach gedeckt, sondern vollkommen frei liegen würde, er- 
scheint in Wirklichkeit nur statthaft unter der Annahme einer Ab- 
deckung des Giebelgespärres und der zwischen demselben und den an- 
schliefsenden Dachziegeln vorhandenen Fuge, sei es durch besonders ge- 
bildete Kalyptere, *) sei es durch eigens dafür berechnete Verkleidungs- 
stücke. Vielleicht deuten die kleinen auf der Oberfläche des Sparrens be- 
merkbaren Löcher innerhalb einer schmalen Nut, sowie der auf der 
Giebelspitze vorhandene Ansatz auf die Befestigung irgend eines beklei- 
denden oder krönenden Schmuckes hin. Die Möglichkeit einer solchen 
Verkleidung der Giebelsparren, durch welche die in uxiserer Abbildung 
angedeutete Construction technisch gerechtfertigt wird, darf nicht wohl 
mehr bezweifelt werden, seitdem an zahlreichen Beispielen die In- 
crustation sogar von Steingesimsen durch thöneme Kastenstücke an 
älteren Bauwerken Siciliens und Grofsgriechenlands erwiesen ist. Denn 



i) Vgl. Einund vierzigstes Winckelmanns-Programm 1881, p. 17. 

*) Derartige Lösungen finden sich angedeutet bei Micali, Mon. p. serv. alla storia . . . 
tav. LVn 3 u. 4, femer in dem kleinen Dacbaufsatze der schon citirten Abbildung 
tav. LXXII I, und wenn die darauf sich besiehenden Angaben genau sind, bei Campana 
ant. op. in plast. tav. VI. 



174 

schwerlich kann ein Verfahren, die Geisa durch aufgenagelte Kasten- 
stücke zu verkleiden, ursprünglich für den Haustein berechnet gewesen 
sein, wir müssen vielmehr in demselben eine aus anderweitiger Praxis 
übernommene Technik, und zwar, wie auch in dem oben citirten Pro- 
gramme, p. 13, hervorgehoben, eine Entlehnung aus dem Holzbaue 
vermuthen, bei welchem eben dasjenige, was beim Steinbaue nur wie 
eine decorative Zuthat erscheint, einen praktischen Zweck erfüllt hat 
Zu der gleichen Annahme fuhrt uns die Beobachtung noch einer an- 
deren auffallenden Eigenthümlichkeit, die das horizontale Giebelgeison 
in unserem Beispiele darbietet, und die sich vollkommen übereinstim- 
mend auch bei Micali a. a. O. tav. LXXII. 2, femer auch auf dem archi- 
tektonischen Hintet^unde eines von demselben Autor in seinen Monu- 
menti inediti tav. XXII. mitgetheilten Reliefs wiederfindet ^ Was in 
dem letzteren nur flüchtig angedeutet ist, durch die kleinen halbkreis- 
förmigen Erhebungen an der Basis des Giebeldreiecks, giebt sich bei 
beiden Florentiner Aschencisten unzweideutig als ein System von 
Kalypteren und Stirnziegeln zu erkennen. Eine derartige Anordnung 
hat nun aber in Wirklichkeit — und es sind hier ja stets die prak- 
tischen Consequenzen mit zu berücksichtigen — zur unbedingten Vor- 
aussetzung, dafs zuvörderst das Giebelgeison durch Platten oder Dach- 
ziegel, deren Fugen durch Kalyptere geschlossen werden mufsten, 
abgedeckt war. Es ergiebt sich daraus ein System wie an der Traufe, 
obwohl an dieser Stelle von einer eigentlichen Traufenbildung nicht 
die Rede sein kann. Diese merkwürdige Erscheinung steht nun nicht 
etwa vereinzelt da als eine Besonderheit bei unserem und den citirten 
Aschengehäusen, wir finden vielmehr eine Analogie dazu ebenfalls in 
den schon mehrfach erwähnten Bauten, bei welchen wir auch die In- 
crustation der Steingesimse durch Terracotta constatirt haben: so am 
Geloer Schatzhause in Olympia und dem mittleren Burgtempel in 
Selinus. Bei diesen, sowie nachweislich auch noch bei anderen Bau- 
werken war nämlich das mit einem Kastenstücke verkleidete horizon- 
tale Giebelgeison zwar nicht mit Dachziegeln und Stimziegeln, wohl 
aber noch mit einer Sima und anschliefsenden Dachziegeln ausgestattet 
Dafs beide Fälle der Sache nach vollkommen übereinstimmen, ist ohne 
weiteres augenscheinlich, ebenso, dafs beide auch ursprünglich einen 



') Das von Micali publicirte Relief gehört mit drei anderen zn einer Ascbenciste 
des Berliner Museums. Auf demselben ist als Hintergrund ein Bauwerk mit einem Giebel 
dargestellt, dessen Ecken einen interessanten plastischen Schmuck in Form liegender 
Löwen zeigen. Ruhende Löwen als Eckakroterien besafsen auch mehrere der Schatz- 
häuserbauten in Olympia. 



175 

gemeinsamen praktischen Zweck gehabt haben müssen. Wenn der- 
selbe nun in Steinbauten» wie die oben angeführten, nicht mehr er- 
kennbar ist» so läfst er sich doch vielleicht durch ein Zurückgehen auf 
alte Holzconstructionen ermitteln. Wir müssen uns zu dem Ende die 
ziemlich ausführlichen, wenngleich wenig anschaulichen Angaben des 
Vitruv über den etruskischen Tempel, der ja bekanntlich ein Holzbau 
gewesen ist, in's Gedächtnifs zurückrufen. 

Indem ich hierbei dankbar einem Fingerzeige meines Freundes und 
Studiengenossen auf diesem Gebiete, Herrn Fr. Graeber folge, möchte 
ich kurz auf den entscheidenden Punkt, nämlich die mächtige Aus- 
ladung des Daches im etruskischen Tempel hinweisen. Dieselbe be- 
trug nach Vitruv bis zu Y4 der Säulenhöhe (Vitruv IV. 7 . . . trajecturae 
mutulorum parte quarta altitudinis columnae projiciantur) und wurde be- 
wirkt durch die vorspringenden Balkenköpfe. Die Stirnen derselben 
erhielten eine durchgehende Verschalung ') oder gleich direct eine 
Verkleidung durch Terracotta und bildeten derart das Geison. Da 
die Ausladung dieses letzteren offenbar nur den Zweck hatte, das 
darunter liegende, aus verdübelten Balken (trabes compactiles) be- 
stehende Holzgebälk des Tempels gegen die zerstörende Wechselwir- 
kung von Regen und Sonnenbrand zu schützen, so mufste es in 
gleicher Breite rings um den Tempel vorspringen, und darf nicht etwa 
blos, wie in einzelnen Reconstructionen geschehen, für die Trauf- 
seiten vorausgesetzt Morden. Daraus resultirt nun aber für den Giebel 
eine erhebliche Tiefe, da seine hintere Abschlufswand (tympanum) mit 
dem Gebälke bündig lag, und in weiterer Consequenz auch für das 
horizontale Giebelgeison eine entsprechende Aufsichtsfläche, die un- 
bedingt eines besonderen Schutzes gegen die Witterung bedurfte. An 
den Langseiten war das Geison ja stets durch die daraufliegenden 
Dachziegel gedeckt; seine Stirnfläche konnte, wie gesagt, leicht durch 
aufgenagelte Kastenstücke von der Art der an dea sicilischen Bauten vor- 
handenen geschützt werden. Es lag mithin nahe, auch die breite 
Oberfläche des Frontgeison, die dem Schlagregen an^ meisten ^ aus- 
gesetzte Stelle, wie die Traufe entweder mit Flach- und Deckziegeln 
oder mit einer Sima mit Wasserspeiern zu versehen. Im ersten Falle 
ergiebt sich die Anordnung, die unsere Abbildung zeigt. Von der 
zweiten Möglichkeit gewährt .uns die Giebelbildung des Schatzhauses 
der Geloer, wie sie im V. Bande der provisorischen Publication 



') Dieses ist wohl nur der Sinn von Vitniv's Worten : item in eoram frontibus ante- 
pagmeata figantur. 



1/6 

über tdie Ausgrabungen zu Olympia (1879—81)», Tafel XXXIV, dar- 
gestellt ist, ein Bild. 

Beide Lösungen, deren Begründung wir soeben versucht haben, 
enthalten somit, ebenso wie das schon mehrfach besprochene Incrusta- 
tionsverfahren, gewissermafsen die Reminiscenz an eine in den alten 
untergegangenen Holzbauten geübte Praxis zur Sicherung gegen die 
Einflüsse der Witterung. Was aber bei dem Holzbaue mit seinem 
vorspringenden Dache erklärlich, ja schlechthin als eine Nothwendig- 
keit erscheint, hat bei dem Hausteinbaue seine praktische Bedeutung 
verloren. Denn hier erfordert die natürliche feste Beschaffenheit des 
Materials, zumal bei der verhältnifsmäfsig geringen Ausladung des 
Giebelgeison und dem genauen Fugenschlusse der antiken Technik, 
keinen andern Schutz als etwa einen guten Putzüberzug. Man wird 
daher in der Uebertragung des Incrustationsverfahrens auf Stein nichts 
anderes erkennen als ein gewohnheitsmäfsiges Beharren bei einer 
altbewährten Technik und einem beliebten, vielleicht typisch gewordenen 
Schmucke fiir das Aeufsere. Im eigentlichen Hellas hat sich aufser an 
einem Centralpunkte wie Olympia bis jetzt noch keine Spur der er- 
wähnten Technik gefunden und es gewinnt fast den Anschein, als ob 
dieselbe auf Sicilien und Unteritalien beschränkt geblieben sei. In 
diesem Falle würde man berechtigt sein, zwischen der Baukunst der grie- 
chischen Colonien und derjenigen Etruriens, oder allgemeiner gesprodien, 
Mittelitaliens, einen engeren, auf wechselseitiger Beeinflussung beruhenden 
Zusammenhang zu vermuthen. Denn es wäre gewifs kein Zufall, dafs 
in der Architektur gerade dieser Aufsengebiete der griechischen Kunst, 
zumal bei dem bereits entwickelten dorischen Stile, noch die Erinne- 
rung an den in Italien seit jeher heimischen Holzbau durchblickte. Es 
liefsen sich auch wohl noch weitere Merkmale eines solchen Zusammen- 
hanges und einer Ueberdnstimmung in den Formen anfuhren. So ist 
bereits darauf hingewiesen, dafs das Dach unseres Aschengehäuses das 
durchgehende, in Sicilien und auch in Grofsg^echenland beobachtete 
typische System ebener Flachziegel mit halbkreisförmigen Kalypteren 
und Stimziegeln aufweist. Die Rundpfeiler oder Säulen an den Ecken oder 
als Abschlufs der Wände finden sich mehrfach in sicilischen Bauwerken, 
es genügt hier an den Pronaos des nördlichen Burgtempeb zu Selinus, an 
die Ecklösung am Zeus-Tempel in Ag^gent und an das sogenannte Grab- 
mal des Theron ebendaselbst zu erinnern. Schliefslich darf auch auf die 
eigenthümlich tiefen Pronaos-Anlagen einiger der älteren sicilischen 
Monumente hingewiesen werden, in denen eine spedfisch italische, im 
römischen Tempelbaue weitergeführte Grundform nachzuklingen scheint. 



17/ 

• 

Indessen mag es mit den bisherigen Andeutungen an dieser Stelle 
sein Bewenden haben, zumal wir uns bewufst sind, damit das Gebiet 
der Vermuthungen zu betreten und Fragen zu berühren, deren Conse- 
quenzen wir nicht weiter verfolgen wollen. Der Zweck des vorlie- 
genden Aufsatzes war zunächst der, ein interessantes Exemplar jener 
zahlreichen etruskischen Aschengehäuse von architektonischem Cha- 
rakter eingehender zu behandeln und einzelne auffallende Besonderheiten 
desselben, in denen wir die Andeutung und Nachbildung von ganz 
bestimmten constructiven Lösungen erkannten, zu erläutern und zu be- 
gründen. Mit der Begründung derselben versuchten wir sodann an der 
Hand des kleinen Monuments, ein Bild von dem altetrusldschen Holz- 
baue und der ihm eigenthümlichen Verkleidung durch Terracotta zu 
gewinnen, um schliefslich mit Hülfe dessen zu einer befriedigenden Er- 
klärung für gewisse analoge Erscheinungen, wie sie sich aus der Ver- 
bindung der Terracotta mit dem dorischen Steinbaue ergaben, zu ge- 
langen. Wie weit wir diesen Zweck erreicht haben, müssen wir der 
sachkundigen Beurtheilung anderer überlassen und uns einstweilen der 
HofTnung hingeben, dafs die obigen Ausfuhrungen wenigstens eine An- 
regung zu weiteren erfolgreichen Studien auf diesem noch wenig be- 
schrittenen Wege geben mögen. 



12 



XY. 



ADOLF FURTWÄNGLER 



Hector^s Lösung 

Ein Relief aus Olympia durch einen griechischen Spiegel 

ergänzt 



Hierzu Tafel IV. 

Radirung von Ludwig Otto. 



12 




JL)ie segensreichen Ausgrabungen von Olympia haben unter einer 
fast unabsehbaren Fülle von alterthümlichen Bronzegegenständen auch 
einige wenige unscheinbare dünne Blechstreifen zu Tage gefördert, die 
nicht wie die gewöhnliche Menge nur ornamental geziert sind, sondern 
bedeutungsvolle Darstellungen aus der Sage enthalten. 

Diese Reste, so spärlich und zerstückt sie auch sich fanden — 
denn nur eine gröfsere Platte gelang es vollständig aufzudecken — 
waren uns doch hoch willkommen; denn sie boten uns erst eine An- 
schauung von Originalen der Art wie wir sie uns immer ersehnt 



l82 

hatten, von den alt-peloponnesischen Flachreliefs, die der Zierde von 
Geräthen dienten und deren hohe Bedeutung uns längst aus den er- 
haltenen Beschreibungen des Kypseloskastens und des Amykläischen 
Thrones sowie aus den schwarzfigurigen Vasendarstellungen klar ge- 
worden war, die uns auf jene Gattung als ihre Vorbilder hinwiesen. 

Unter diesen fragmentirten olympischen Reliefs befand sich eines, 
dessen Figurenreste besonders zu Vermuthungen reizte. Es ist das in 
der Vignette am Schlüsse nach einer Zeichnung wiederholte Stück, die 
nach Photographie und Abgufs und mit Hülfe meiner Notizen von 
dem sehr schwer kenntlichen Originale hergestellt worden war.') 

In meiner vorläufigen Behandlung der olympischen Bronzen*) 
schlofs ich aus den erhaltenen Motiven, dafs cam wahrscheinlichsten 
Priamos zu erkennen sei, welcher den Achilleus um den todten Hektor 
anflehe». Anders glaubte später Milchhöfer den Vorgang deuten zu 
müssen ;3) er erkannte Theseus, welcher den Minotauros hingestreckt 
hat und dem Ariadne einen Kranz zu reichen im Begriffe ist. Durch 
einen Irrthum meiner Beschreibung hatte ich indefs selbst Anlafs zu 
dieser Deutung gegeben; ich hatte in der Linken der rechts zur Hälfte 
erhaltenen Figur den «Rest eines Reifens oder Kranzes» zu erkennen 
geglaubt 4) und die Zeichnung dahin beeinflufst; dies war ein Sehfehler; 
denn es ist nur eine runde geschlossene Faust vorhanden, die einen 
Stock aufstützt. 

Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, nicht nur diesen Fehler ver- 
bessern, sondern meine frühere Deutung zur Gewifsheit erheben und 
vor Allem das Fehlende des olympischen Reliefs vollständig ergänzen 
zu können. 

Bei der Versteigerung der gewählten Sammlungen Alessandro 
Castellani's, die zu Rom im Frühjahre d. J. statt hatte, kam unver- 
muthet aus einer vergessenen Lade ein Stück zum Vorschein, das der 
Besitzer augenscheinlich einst besonders verschlossen hatte, über dessen 
Herkunft aber die Erben leider Nichts mehr anzugeben wufsten. Es 
erregte durch seinen ungewöhnlichen Charakter sofort die Aufmerksam- 
keit der Kenner. Es wird nun hier in der an der Spitze dieser Zeilen 
stehenden Abbildung auf ein Drittel verkleinert 5) vergegenwärtigt, 

») Ausgrab. v. Olympia Bd. IV, Taf. XXV 1. unten; S. i8, 2. E. Curtius, das 
arch. Bronxerelief aus Ol. (Abh. d. kgl. Akademie 1879) S. 13, 5. Milchhöfer, An- 
fänge der Kunst S. 187, c. 

>) Bronzefunde von Olympia (Abh. d. kgl. Akademie 1879) S. 94. 

3) Anfänge d. Kunst S. 188. 

4) S. Ausgr. V. Ol. Bd. IV, S. i8. 

5) Gesammtlänge 0,36; Dm. der Scheibe 0,18, GrifHänge ebensoviel 



i83 

während sein wichtigster Bestandtheil, das Relief, in einer Radirung die 
L. Otto den Beiträgen dieses festlichen Bandes angereiht hat, die 
Tafel IV schmückt. 

Es ist ein Spiegel, und zwar ein griechischer. Letzteres ist 
unschwer zu beweisen. Unter der Fülle von Metallspiegeln, welche Italien, 
namentlich Etrurien und Latium (Praeneste) geliefert haben, hat sich 
meines Wissens niemals einer gefunden, welcher der durch den unsern 
vertretenen Gattung angehörte. Auch G. Körte, der das einschlägige 
Material gegenwärtig am besten übersieht, wufste mir keinen nachzu- 
weisen. Dagegen kann ich zwei Spiegel nennen, die in allen Eigen- 
thümlichkeiten der Form und Technik mit dem vorliegenden überein- 
stimmen, nur jedes Schmuckes entbehren; und beide stammen aus 
Griechenland, der eine aus Naupaktos, der andere aus Korinth; sie 
gehören beide dem kgl. Antiquarium zu Berlin <), und vielleicht besitzen 
auch andere Sammlungen griechischer Bronzen ähnliche noch nicht 
beachtete Stücke. 

Das Charakteristische derselben ist, dafs Griff und Scheibe aus 
einem Stücke bestehen und beide sehr dünn und leicht gearbeitet sind ; 
die italischen Spiegel sind immer bedeutend dicker und schwerer. 
Deshalb haben letztere auch regelmäfsig einen gekerbten oder sonst 
verzierten äufseren Scheibenrand; im Gegensatze dazu sind unsere 
griechischen Spiegel gerade am Rande am dünnsten. Ferner pflegen 
die italischen Spiegel mehr oder weniger convex und auf der concaven 
Rückseite mit gravirter Darstellung geziert zu sein; unsere griechischen 
zeigen nur eine kaum bemerkbare Convexität der Hauptseite und 
keinerlei Gravirungen. Am eigenthümlichsten ist indefs ihr Griff. Der 
Uebergang vom Scheibenrand zur Griffzunge wird erst durch eine 
viereckige breitere Fläche vermittelt; die Griffzunge selbst ist relativ 
breit und flach und dünn wie das Ganze; unten erweitert sie sich 
noch einmal zu einem Rund, das dann in eine kurze Spitze ausläuft.^) 
Die Länge des Griffes ist dem Durchmesser der Scheibe gleich. 

In all diesen Punkten stimmt unser Spi^el mit jenen von ge- 
sicherter griechischer Provenienz durchaus überein; doch eines hat er 
vor jenen, die völlig unverziert sind, voraus, den merkwürdigen Relief- 
schmuck. Auf seiner Hauptseite — die durch eine ganz schwache 



*) a) Inv. No. 7445 aus Naupaktos. Gesainxntlänge 0,35; Dm. der Scheibe 0,175; 
Länge des Grifib ebensoviel. — b) Inv. No. 2818 = Friederichs, kl. Kunst u. Industrie 
S. 23, No. 8. Länge 0,265. ^^^ Korinth, durch Rofs. 

>) Die an unserem Exemplare abgebrochen, aber an dem von Naupaktos erhalten, 
doch verbogen ist. 



i84 

Convexität der Scheibe und die Vergoldung ') bezeichnet ist — ist der 
Griff nebst der viereckigen Fläche mit einer dünnen Schicht Blei belegt; 
dieselbe diente offenbar dazu, eine Bekleidung von dünnem Bronze- 
blech zu befestigen. Die letztere ist von dem Griffe indefs leider abge- 
fallen; auf jenem Viereck jedoch sitzt noch in seiner ursprünglichen 
Lage auf dem Blei ein Relief aus sehr dünnem Bronzeblech fest. Dafs 
es nicht etwa erst ia neueren Zeiten hier aufgelegt worden sei, lehrt 
der Augenschein, wie dies denn auch die in Rom anwesenden Kenner 
sofort erkannten. Und auch darüber, dafs dieser Schmuck gleich bei 
Anfertigung des Spiegels beabsichtigt war, werden wir vergewissert, 
indem der Griff auf dieser Seite zwei etwas emporstehende Ränder 
zeigt, um die Bleischicht einzufassen. 

Das Relief ist vorzüglich erhalten, von Oxydation ziemlich frei 
und in allen seinen Einzelheiten völlig deutlich. Man sieht sofort, dafs 
es eine Wiederholung des olympischen ist, aber keine mechanische, 
denn mancherlei Details sind verschieden. Zunächst ist das Feld des 
olympischen etwas höher; es ist 0,049, das unsrige nur 0,045 hoch; 
dagegen ist die Relieferhebung des olympischen Exemplars beträchtlich 
geringer, es ist flacher als das vorliegende; deshalb ist dort das Einzelne, 
auch abgesehen von der viel stärkeren Oxydirung, so schwer zu erkennen. 
Das olympische war ferner Theil eines gröfseren Complexes gleicher 
Bildfelder, die durch Ornamentrahmen getrennt waren, wie dies an 
anderen gleichartigen olympischen Stücken deutlich ist; das unsrige 
ist an den Seiten nur durch ein feines Rändchen eingefafst, doch oben 
erscheint dasselbe Ornament wie an den olympischen, nur etwas enger 
geordnet. 

Die Composition, die Bewegungen der Arme und Beine sind auf 
beiden Stücken ganz gleich, doch ist auf dem olympischen alles mehr 
nach 1. zusammengeschoben; »die Kniee des an der Erde Liegenden 
erscheinen hier zwischen den Beinen des Stehenden, dort rechts davon; 
auch die beiden stehenden Figuren sind sich näher gerückt. Unser 
Relief ist indefs auch etwas breiter als hoch, während das olympische, 
wie sich mit Beihülfe der anderen zugehörigen Stücke erkennen läfst, 
quadratisch war.*) 

Ueber die Deutung kann jetzt, nachdem die vollständige Com- 
position vorliegt, kein Zweifel bestehen. Ein Greis, der einen jugend- 
lichen Helden anfleht um den Todten, der auf der Erde liegt, kann 

>) Von der Vergoldung sind Reste unter dem Oxyd dieser Seite £u bemerken» Die 
Rückseite zeigt die dunklere Metallfarbe unter grüner sowie blauer Oxydation. 
>) S. Bronzefunde v. OL S. 91. 



i8s 

nur Priamos sein, der unglückliche Vater, der zu dem grimmen 
Achilleus fleht, ihm die Leiche seines Hektor herauszugeben; doch 
nicht allein konnte er das Zelt des Mörders so vieler seiner Söhne auf- 
suchen; der geleitende Gott Hermes führte ihn sicher dahin; ihn er- 
kennen wir in der bärtigen Gestalt rechts mit dem Heroldstabe in der 
Linken. Zwar könnte man in derselben auch den Herold Idaios sehen 
wollen, den Priamos in der Ilias als einzigen Begleiter aus Troja mit- 
nimmt. Doch dagegen spricht zunächst die Erscheinung der Figur, 
die durchaus kein Greis ist wie Idaios {yi^v II. 24, 368), und ihre 
Nacktheit pafst gewifs besser zu dem Gotte als dem Herold der Wirk- 
lichkeit Eine genaue Uebereinstimmung mit Homer wird übrigens 
weder durch die Annahme des Hermes noch durch die des Idaios er- 
zielt; denn jener verläfst in der Ilias den Priamos, nachdem er ihn 
sicher in den Hof des Achilleus geleitet hat (v. 468); Idaios aber wird 
von Priamos im Hofe bei den Wagen zurückgelassen, während er das 
Zelt betritt, und erst später nach erfolgter Gewährung wird er in das Zelt 
gefuhrt (v. 577). Es leuchtet indefs ein, wie ungleich wichtiger dem Künst- 
ler, der auf möglichst kleinem Räume den ganzen Inhalt der Handlung 
darzustellen hatte, die Figur des Hermes sein mufste gegenüber der 
unwesentlichen Gestalt des Idaios; denn jener repräsentirt die ganze 
göttliche Leitung des Vorganges, den Willen des Zeus, der bereits 
Thetis zu Achill geschickt hat, um ihn zu erweichen, der Priamos auf- 
fordern liefs und ihm Hermes als Geleiter und Beschützer sandte. 

Und unserm Künstler ist es in der That gelungen, den wesent- 
lichen Inhalt jener einzig schönen Schilderung von Hektors Lösung 
im letzten Gesänge der Ilias, deren Kenntnifs wir bei ihm hier 
voraussetzen wollen, auf's Engste zusammengezogen wiederzugeben. 
Freilich mufste er sich hierzu von dem Detail der dichterischen 
Schilderung emancipiren und seine Darstellung deckt sich denn auch 
mit keinem bestimmten Momente in jener. Zunächst sah er von 
jeder Andeutung des Locales als unwesentlich ab; den Achill läfst er 
nicht zu Hause in seinem Zelte nach vollendetem Mahle sitzen, wie 
der Dichter, sondern er stellt ihn einfach als jugendlichen Helden 
nackt und mit dem Speere bewaffnet hin; die Lanze gehört zu seiner 
kriegerischen Natur, nicht zur momentanen Situation. Der todte 
Hektor liegt zu seinen Füfsen, während er im Epos natürlich abseits 
gedacht wird, wo Achill ihn iv xoV* (v. 17) hat liegen lassen. Für 
Priamos hat der Künstler nicht ein stürmisches Herankommen, Um- 
fassen der Kniee, Küssen der Hände oder Wälzen vor den Füfsen des 
Achilleus, sondern das aus der einfachsten und dem Griechen doch 



i86 

deutlichsten Bewegung des Anflehens bestehende Motiv, das Berühren 
des Kinns gewählt. Uebrigens wird auch dieses im Epos erwähnt, 
da Priamos von sich sagt iyci d'ilsfiyoTSQog nsq IhXvjy d' oV ov7T4o xiq 
imxd'oviog ßgotog aXkoq^/ ävdqoq nocidotfopoio notl (Ptofjux x^^Q* 6QSye(f&cu, 
Der alte König ist als Greis deutlich charakterisirt durch die Glatze 
und die gebeugte Haltung; er steht vorgebückt und stützt die Linke 
fest auf einen Stock , wie ihn auch der Gesang des Epos (v. 247) mit 
einem oxiptdviov ausgestattet denkt. Er trägt den langen Chiton wie 
es dem alten Manne und Könige geziemt; ein shawlartiger schmaler 
Mantelstreif fällt ihm über rechte Schulter und linken Unterarm herab. 
Ob auf dem olympischen Relief auch dieses Detail der Gewandung, 
abgesehen von der durch das flachere Relief mitgebrachten Ver- 
schiedenheit, übereinstimmte, ist bei dem Zustande desselben kaum 
mehr zu constatiren. 

Die Bewegung der nach unten ausgestreckten rechten Hand des 
Achilleus ist wohl als Andeutung der Gewährung zu fassen, die er 
dem Flehen des Greises zu Theil werden läfst, als Ausdruck des Frei- 
gebens des vor ihm liegenden Leichnams. Der Künstler, der die 
ganze Sage auf's Kürzeste zusammengefafst darstellen wollte, durfte 
diesen wichtigsten Moment, den Höhepunkt und Kern der Handlung 
nicht unangedeutet lassen. Zwar dafs der Held gerührt wurde durch 
den Anblick des gebeugten Greises — olxrftQwif nohop re xaqfj Ttohw 
T€ YivBWVj wie der Dichter von Achill sagt (v. 515) — dies konnte 
der Beschauer allein aus der Gegenüberstellung der beiden Figuren 
errathen; doch welchen Erfolg dies haben werde, mufste zu sehen sein. 
An dem räumlichen Nebeneinander zeitlich verschiedener Momente 
stiefs sich die archaische Kunst bekanntlich gar nicht.') 

Die erhobene Rechte des von r. herankommenden Hermes werden 
wir wohl als mahnende, auffordernde Bewegung fassen müssen; er ist 
der Bote des Zeus, er erinnert, dafs Achilleus nicht Jioq aJÜTijTcu 
ig)€Tfi(xg. Natürlich ist auch dieses Eintreten des Hermes nur zu er- 
klären aus jenem Streben des Künstlers, Alles zu geben. 

Unsere Darstellung der "ExroQog Ivrga ist ohne Zweifel die älteste, 
die wir besitzen. 'Auf den attischen Vasen*) finden wir eine von der- 

») Vgl Robert, Bild u. Lied S. 14 ff. 

») S. das Verzeichnifs von Benndorf (Annali d I. 1866, p. 246 ff); nur ein spät 
schwanfiguriges Bild ist durch Abbildung bekannt (Ar eh. Ztg. 1854, Tf. 72, 3); zwei 
andere sind sehr ungenügend beschrieben und gehören vielleicht garnicht hierher. Streng rotb" 
Agurig im Stile des Epiktetschen Kreises ist die Schale bei Overbeck, Gall. her. Bildw., 
Taf. 20, 3. Ein Prachtstück ist der Skyphos in Wien (Mo n uro. d. I. VIH, 27), der, wenn 
mich nicht alles trügt, ein Werk des Brygos ist. Zwei etruskische Vasen (eine etwas 



i87 

selben durchaus verschiedene; sie erscheint jedoch erst in der letzten 
Phase der schwarzfigurigen Technik, die nicht älter ist als der streng 
rothfigurige Stil, dem die bedeutendsten Exemplare dieses Typus an- 
gehören. Von einem Zusammendrängen auf möglichst engen Raum 
wird hier abgesehen; vielmehr wird die Andeutung des Epos, dafs 
Achill eben die Mahlzeit vollendet hatte, als Priamos eintrat, in male- 
rischer Breite zur Darstellung eines in seinem Zelte schmausenden 
Achill benutzt, unter dessen Kline der Leichnam des Hektor liegt; es 
ist die befriedigte Rache des wilden Helden, die hier zum Ausdrucke 
kommt. Priamos konnte nun erst heranschreitend dargestellt werden; 
das Flehen, Erweichen und Gewähren kommt hier nicht zur Vergegen- 
wärtigung. Die Composition geht von anderen Gesichtspunkten aus 
als die unsrige; sie verzichtet auf Wiedergabe des Ganzen, malt aber 
einen bestimmten, und zwar einen vorbereitenden Moment breiter aus; 
sie setzt die Kenntnifs des weiteren Verlaufes der Handlung bei dem 
Beschauer voraus und verweilt um so ausfuhrlicher bei der einleitenden 
Scene. Deshalb fügt sie auch allerlei Nebenpersonen hinzu, die Be- 
gleitung des Priamos und die Umgebung Achill's. Als Vorlage für 
diesen Typus möchte man ein breiteres Gemälde vermuthen, dessen 
Bedingungen ja so andere waren als die der knappen, von engem 
Rahmen umspannten decorativen Flachreliefs; seine Erfindung wird der 
Zeit angehören, da die gröfsere Wandmalerei sich ausbildete, während 
unsere Reliefcomposition in der älteren Periode der noch ausschliefs- 
lich decorativen Kleinkunst entstanden ist. • 

Ueberblicken wir das Bildwerk nun als Ganzes, so wird unser 
Auge von einer überraschenden Klarheit und Strenge der Linien- 
fuhrung berührt; es ist nicht nöthig, in Worten diese zu entwickeln, 
da sie sich unmittelbar aufdrängen. Man beachte nur z. B., dafs die 
Spitze des Scheitels der Mittelfigur gerade in der verticalen Mittellinie 
des Feldes liegt; ferner, wie genau sich die beiden seitlichen Figuren 
Achill und Hermes entsprechen, ohne doch eintönige Wiederholungen 
zu sein; sie setzen beide den einen Fufs vor und erheben den einen 
Arm; sie sind beide gleich hoch, und die straffen eckigen Linien ihrer 
aufrechten Figuren dienen als strenger Rahmen zu der niedrigen Ge- 



ältere Overbeck Gall. Tf. 20, 2; eine späte Connestabile pitt. mur. di Orvieto tav. 16) 
befolgen eine abweichende Tradition, indem sie Achill sitzen lassen. — Der Einflufs der 
Tragödie (Aeschylos) ist erst in der Darstellungsweise der apulischen Vasen nachweisbar. 
Vgl. Robert, Bild u. Lied S. 18. 96. 142. Luckenbach im ii. Supplementbde. d. 
Jahrb. f. Philol. S. 507 ff. 



i88 

stalt und den weicheren Umrissen des gebeugten Priamos in der Mitte. 
In die Lücken des unteren Theiles des Bildes schiebt sich die Gestalt 
des Hektor trefflich ein; seine emporgezogenen Kniee füllen den 
Raum zwischen Achill und Priamos und seine Hand tritt wieder in 
den Zwischenraum seiner Beine. Es wäre freilich natürlicher gewesen, 
die Leiche mit gestreckten Beinen zu bilden, doch ist es einleuchtend, 
wie künstlerisch ungünstig dies gewirkt hätte. Charakteristisch ist 
aber wieder, wie einfach klar und straff der Körper gel^ ist, in 
rechtem Gegensatze zu den auf archaischen Vasen bei den Todten so 
beliebten Verschränkungen. 

Die Herkunft des olympischen Reliefs — bei welchem der Fundort 
schon peloponnesischen Ursprung als das wahrscheinlichste bezeichnete 
— ist durch eine Inschrift, die ich auf einem anderen, doch völlig 
gleichartigen Stücke entdeckte, als argivisch ziemlich sicher ge- 
stellt, i) Dann ist es aber das wahrscheinlichste, dafs auch unser 
Spiegel mit seinem Relief in Argos gefertigt wurde. Indefs müssen 
wir zugeben, dafs die Vorlagen, nach denen unsere Metallkünstler ar- 
beiteten, weiter verbreitet sein konnten und namentlich dürfen wir (iir 
die alten Centren von Kunstindustrie der Peloponnes, für das benach- 
barte Korinth und Sikyon den Besitz solcher Vorbilder annehmen. 
Nach Korinth deutet, wie es scheint, die eigenthümliche Form unseres 
Spiegels, die ich, wie erwähnt, bis jetzt nur in Korinth und Naupaktos 
nachweisen kann; an letzteren Ort wird die Form indefs gewifs von 
Korinth gekommen sein, dessen Handel und Industrie ja jene Küsten 
beherrschte. In Athen finden wir im fünften Jahrhundert, wie uns die 
Vasenbilder lehren, eine durchaus verschiedene Spiegelform ge- 
bräuchlich. 

Es lassen sich indefs noch Erwägungen allgemeinerer Art an- 
stellen, welche geeignet sind, den Ursprung unseres Reliefs aus der 
Peloponnes, sei es aus Argos, Korinth oder Sikyon zu bestätigen. 

Die oben geschilderte eigenthümliche Compositionsart, das Zu- 
sammendrängen der Handlung auf engsten Raum und die Concentra- 



>) S. Bronzefunde v. Ol. S. 92 ; Ausgr. v. Ol. IV, S. 19; die Form des Lambda, 
auf dem die Zutheilung beruht, ist bis jetzt bekanntlich nur in Argos und dem von dort 
colonisirten Rhodos nachgewiesen. — Milchhöfer's Angabe (Anfänge der Kunst 
S. 184, Anm. 2), die Gattung dieser Reliefs fände sich in Etrurien wieder, beruht auf der 
Notiz in meinen fironzef. v. Ol. S. 93, wo ein verwandtes, doch etruskisches Relief band 
angeführt wird, das mir auf Vorbilder wie die argivischen Reliefs zu deuten schien, die 
demnach auch nach Italien exportirt worden wären. — Ob die Reliefs von Dodona, die 
ich a. a. O. S. 91 f. als völlig gleichartig vermuthete, dies wirklich sind, weifs ich nicht 
anzugeben, da ich sie noch nicht zu sehen Gelegenheit hatte. 



1^9 

tion auf das Wesentlichste, der streng synimetrbche Aufbau der 
Gruppe, die möglichst einfachen abgemessenen und eckigen Bewe- 
gungen der Figuren — alles dies scheinen, soweit unsere beschränkte 
Kenntnifs ein Urtheil zuläfst, Eigenschaften, welche jene alte decora- 
tive Reliefkunst der Peloponnes, die im Kypseloskasten ein uns durch 
Beschreibung bekanntes Prachtstück schuf, in besonderem Mafse aus- 
gezeichnet haben. Während die älteste decorative Kunst nur lose, 
breite friesartige Compositionen kennt,») so sind diese am Kypselos- 
kasten bereits in der Minderzahl und auf gewisse Stellen beschränkt, 
wo sie den decorativen Zweck fortlaufender Bänder erfüllen, während sich 
anderwärts jener Reichthum von einzelnen Bildern entfaltet, welche in 
prägnantester Fassung den Kern einer mythologischen Handlung dar- 
stellen; sie waren wahrscheinlich von omamentalen Rahmen umspannt 
wie die argivischen Bronzereliefs.*) Dafs ein guter Theil der Typen 
der altattischen Vasen auf Vorbilder dieses peleponnesischen Kunst- 
kreises zurückgeht, hat man gewifs mit- Recht erkannt; wir finden in 
ihnen die geschilderte Compositionsart häufig wieder; ich erinnere nur 
an jene beliebten Typen der verschiedenen Heraklesthaten, Peleus und 
Thetis, Menelaos und Helena, Aias und Kassandra, Neoptolemos und 
Priamos, die Zweikampfsbilder, den Rüstungs- und Abschiedstypus der 
Helden zwischen Vater und Mutter u. s. w. Es sind immer zwei oder 
drei Figuren, zwischen denen die Handlung sich abspielt; eine vierte und 
und fünfte werden zuweilen als nah betheiligte Zuschauer zugefügt. 
Auch handlungslose Typen, wie Apoll zwischen Leto und Artemis, 
Dionysos zwischen zwei Silenen oder N3anphen werden nach diesem 
Vorbilde gestaltet. 

Im Gegensatze hierzu zeigen die chalkidisch- ionischen Vasen eine 
entschiedene Vorliebe für die ältere breitere friesartige Behandlung der 
Stoffe, und auch wo ihre Typen sich mit den oben geschilderten be- 
rühren, unterscheiden sie sich durch eine lebendigere Auffassung, die 
sich nicht in so eng gemessene Grenzen einschnüren läfst, die da zum 
Ueberquellen neigt wo dort straffes Zusammenfassen herrscht. Da- 
neben aber sind als Gegensatz hier die wappenhaften Typen noch be- 
sonders beliebt, d. h. streng symmetrische G^enüberstellungen, aber 
ohne Bedeutung und Handlung; man kann diesen Wappenstil, der im 
Orient seine vollste Entwicklung gefunden hatte und in der ionischen 



>) Vgl. den homerischen und hesiodischen Schild; die figürlichen Darstellungen der 
«Mykenischen«, der cDipylon« und anderer ältesten Vasengattungen; die von Löschcke, 
Ar eh. Ztg. i88i, S. 49 besprochenen Typen, die alle cparataktisch» componirt sind. 

«) Vgl. was ich Ar eh. Ztg. 1882, S. 200, bemerkte. 



190 

Kunst so fest safs, als eine Vorstufe zu der oben geschilderten an- 
sehen, die wir die metopenartige nennen möchten und die Bedeutung 
mit der Strenge des Aufbaus vereinigt. 

Besonders wichtig sind uns in diesem Zusammenhange einige in 
Korinth gefundene Goldplättchen des Berliner Antiquariums; ') die auf 
denselben erscheinende Composition von Theseus' Kampf mit dem 
Minotauros im Beisein der Ariadne hat die gröfste Verwandtschaft mit 
der unseres Reliefs und zeigt dieselben wesentlichen Eigenschaften. 
Im Gegensatze zu dem von einer chalkidischen und altattischen Vasen 
bekannten lebhaft bewegten Schema des Minotaur steht derselbe hier 
gerade aufrecht, dem Theseus parellel; dieselbe gemessene Strenge der 
Bewegungen, dasselbe Concentriren der Handlung in dem quadra- 
tischen Felde wie auf unseren Bronzereliefs. Dagegen ist der Stil 
jener Goldplättchen entschieden älter als der der letzteren. Auf jenen 
finden sich nwfl^) sowohl in der Tracht, als besonders dem Gesichts- 
typus der Figuren, wie es scheint. Hinweise auf Kreta, wenn nicht als 
Entstehungsort, so doch als den Fiats, von dem die Vorbilder sich nach 
Korinth verbreitet. Diese Spuren würden aber vortrefflich mit der 
Tradition stimmen, wonach die dädalische Kunst sich von Kreta nach 
der Peloponnes verbreitete und gerade bei Korinth in Sikyon eine Haupt- 
stätte fand; nur von den Künstlern, welche die alte Kunst des Holz- 
schneidens und des getriebenen Metalles auf Rundwerke übertrugen, 
sind uns einige namentlich überUefert; die Verbreitung der decorativen 
Relief kunst knüpft sich an keine Namen, und doch hat auch sie gewifs 
ihre bestimmte schulmäfsige Entwickelung gehabt. Wir dürfen ihre 
Blüthe in den besprochenen Bronzereliefs erkennen, deren schönstes 
bis jetzt bekannte Exemplar das von uns hier veröffentlichte ist. 

Dafs in den uns erhaltenen archaischen sogen. Apollostatuen local 
differencirte Uebertragungen in Marmor nach einem von Kreta gekom- 
menen Typus der sogen. Dädalidenschule zu erkennen sein möchten, 
ist früher von mir vermuthet worden. 3) 

Wie auffallend ähnlich ist aber der Stil gerade d^ zwischen 
Korinth und Argos, bei Tenea gefundenen bekannten Statue jener Art 
und dem unseres Bronzereliefs 1 Der Achill und Hermes stehen so da, 
wie jener t Apoll», mit vorgesetztem linken Beine; ihre Proportionen 
stimmen ebenfalls mit dem letzteren überein; die Haare im Nacken 



i) Archäol. Ztg. 1884, Taf.8. 

«} Wie ich in meiner Besprechung derselben (Ar eh. Ztg. 1884, "^^xt zu Taf. 8) er- 
wähnt habe. 

3) Arch. Ztg. 1882, S. 55. 



191 

sind hier und dprt dieselben, ') das Profil sehr ähnlich; vor allem 
gleichartig ist aber die Behandlung der Beine mit der übertriebenen, 
aber richtigen Hervorhebung der Muskeln, den sorgfältigen dünnen 
Knieen und Knöcheln; daneben das relative Ungeschick in Wiedergabe 
des Mittelkörpers, das namentlich in den Wülsten auf dem Leibe des 
Hektor hervortritt. Dagegen ist die Charakteristik des Greises an 
Priamos, sowie der lebendige Ausdruck seines Kopfes mit dem etwas 
geöffneten Munde eine Leistung, die wir innerhalb der Grenzen dieser 
Kunst kaum erwarten durften. 

Das Interesse unseres Reliefs ist mit diesen Andeutungen natürlich 
nicht erschöpft. Nur einen Punkt wollen wir noch berühren, das Ver- 
hältnifs des Kunstwerks zu seiner Quelle, der Sage. Wir haben bei 
unserer Beschreibung oben ohne Weiteres angenommen, dafs der Dar- 
stellung die Ilias zu Grunde liege so wie wir dieselbe besitzen. Es 
fragt sich indefs, ob der Künstler die Schilderung der Utas selbst 
kannte oder ihm nur der Hauptinhalt der Sage, die Lösung Hectors 
bekannt war. Es wäre dies zu wissen interessant fiir die Entscheidung 
der Frage, ob dem Kunstkreise, dem wir unser Relief zugeschrieben 
haben, das homerische Epos geläufig gewesen sei. 2) Wir sahen oben, 
dafs man eine genaue Kenntnifs der Ilias bei dem Künstler voraus- 
setzen kann und alle Abweichungen von der Dichtung sich leicht er- 
klären aus künstlerischen Gründen, aus dem Haften der archaischen 
Kunst an den ihr eigenen Typen, an ihrer eigenen Ausdrucksweise. 
Indefs die Nothwendigkeit der directen Abhängigkeit vom Epos können 
wir schwerlich beweisen, und es konnte auch die von der uns vor- 
liegenden dichterischen Form unabhängige Volkssage die vermittelnde 
sein. Allerdings erscheint mir letzteres weniger wahrscheinlich; denn 
die Geschichte von der Lösung des Leichnams des Hector hat schon 
nichts von jenen drastischen Zügen wie sie die Volkssage liebt und 
überall verbreitet; sie scheint vielmehr ein individuell dichterisches Er- 
zeugnifs, das auch nur in dem vom Dichter gegebenen Gewände fort- 
lebt. Auch gehört ja der Gesang dcr'Exvo^ XvvQa zu den späteren 
Parthien der Ilias. Dann weist doch auch die Figur des Hermes un- 
seres Reliefs auf Kenntnifs des Epos; denn die Kunstsitte Hermes 
allenthalben in die Darstellungen der Sage einzuführen, nur um zu 
zeigen, dafs Zeus* Wille geschehe, gehört erst der späteren Zeit an. — 



i) Die Torderen aufstrebenden Haarspitxen des Achill sieht man oft in gleicher 
Weise auf korinthischen Vasen und Pinakes; auch auf altattischen suweilen, wie auf der 
Frangois-Tase. 

*) VgL Löschcke im Doxpater Univer8«-Progr. 1880, S. 6. 



192 

Es sind uns meines Wissens noch zwei Bildwerke altkprinthischer Kunst 
bekannt, die ihren Stoff der Ilias entnehmen; das eine ist die Scene 
des Kypseloskastens, wo Agamemnon gegen Koon über Iphidamas 
kämpft nach der liyafjbi/j^poyog äQunskc, das andere ein leider fragmen- 
tirter korinthischer Pinax,') wo Diomedes, wie in der Jtofiidovg 
äQUfisia, unter Athena's Schutz kämpft über den gefallenen Pandaros, 
wahrscheinlich gegen Aineias.^) Die beiden Fälle schildern je eine 
Hauptthat der Helden von Argos und es konnte hier allerdings wohl 
die einheimische Sage, nicht die Ilias die Quelle gewesen sein. 

Was uns die Entscheidung in diesen Fragen so schwer macht ist 
die typische Behandlungsweise der archaischen Kunst, die das Indivi- 
duelle möglichst ausschliefst. In unserm Fall speciell haben wir ge- 
sehen, wie der Künstler einen ihm geläufigen alten Typus zu den Ge- 
stalten des Achill und Hector verwendet; dagegen läfst uns die spätere 
Darstellungs weise, wo Achill beim Mahle liegt, keinen Zweifel an der 
genauen Iliaskenntnifs ihres Schöpfers. Selbst das Hauptmotiv unserer 
Reliefs, das Anflehen einer stehenden Figur durch Berühren des Kinns, 
war vielleicht ein schon fertiger Typus, den der Künstler benutzte; 
der Henkel eines Buccherogefäfses ist mit dem Ausschnitt aus einer 
alten Reliefcomposition geschmückt die jenen Typus darstellte; 3) ein 
bärtiger Mann der nach rechts steht, wird von einer anderen Gestalt 
durch Anfassen des Kinns angefleht; da es der Raum des Henkels 
nicht erlaubt, wurde diese zweite Figur leider weggelassen. Wie eine 
andere auf Buccherogefafsen öfter wiederholte Gruppe eines Mannes 
mit einer Frau den älteren allgemeinen Typus für mehrere späterhin 
individualisirte mythologische Scenen zu enthalten scheint, 4) so könnte 
auch jener Typus des Anflehens existirt haben, bevor er auf Priamos 
und Achill übertragen wurde. 

Doch wie dem auch sei, die Betrachtung des griechischen Spi^els, 
den wir hier veröffentlicht, wSir nicht ohne erfreuliche Ei^ebnisse; seine 
Gestalt und die Art seines Schmuckes war uns neu und lehrte uns 
eine, wie es scheint namentlich von Korinth aus verbreitete, alterthüm- 



x) S. meinen Berliner Vasencatal. No. 764. 

3) Dafs am Amykläischen Throne eine Scene vorkam, deren Stoff aus demselben 
letzten Gesänge der Dias genommen scheint, aus dem unser Relief stammt, nämlich die 
TQms innpi^yrts /oac "Exro^t, lassen wir hier unberücksichtigt, da der Künstler jenes 
berühmten Werkes aus dem ionischen Kleinasien stammte. 

3) Abgebildet bei Heibig, das homerische Epos, 1884, S. 166; beschrieben in 
meinem Berliner Vasencatal. No. 1615. Es ist ein Stück von gewöhnlicher Bucchero- 
technik, durchaus ohne jenen cgrünlichen Firnis», den ihm Heibig a. a. O. zuschreibt. 

4) S. Milchhöfer, Anfänge d. gr. Kunst S. 187. 189. 



I9i 

liehe Spiegeigattung kennen; sein Retief bot die willkommene Ei^;än- 
zung eines interessanten Denkmales aus Olympia; es war uns dies 
femer durch Composition und Stil ein hervorragend schönes Muster 
ftir die Eigenart der archaischen Reliefkunst, wie sie sich in der nord- 
östlichen Peloponnes ausgebildet hatte und welche die verschiedensten 
mythologischen Stoffe in ihren Kreis zog, alle in verwandter Weise 
behandelnd, womöglich mit Benutzung alter schon fertiger Typen. 
^ir lernten in dieser Kunstgattung neben aller naiven Deutlichkeit 
und Lebendigkeit der Auffassung doch ernste Zucht und Strenge als 
die Haupteigenschaft ihres Stiles kennen, wie diese es auch waren, die 
späterhin die Werke der peloponnesischen Kunstschule vor allen aus- 
zeichneten. 



XYI. 



GUSTAV KÖRTE 



Die Kreter des Euripides. 



•3* 



LJen Mythus von Pasiphae hat Euripides in den K(fijteg auf die 
Bühne gebracht.') Das bezeugt ausdrücklich Timachidas im Scholion 
zu Aristophanes Fröschen v. 849, und ohne Angabe des Stückes 
Joh. Malalas p. 86, 10 und 31, 6. Auch wird mit grofset Wahr- 
scheinlichkeit auf Euripides bezogen, was Libanius m. p. 64, 15 (vgl. 
auch p. 375, 23) über die Bearbeitung desselben bedenklichen Stoffes 
durch einen tragischen Dichter sagt. Weiter erfahren wir aus dem 
schon citirten Aristophanes-Scholion, dafs Ikaros, und folglich auch 
sein Vater Daedalos, zu den Personen des Stückes gehörte.^) Endlich 
lehrt das erhaltene Chorlied (fr. 475 Nauck), dafs der Chor aus den 
Priestern des idaeischen Zeus 3) bestand. Dagegen sind aus dem 
anderen Fragment (474) keinerlei Folgerungen für die Oekonomie des 
Stückes zu ziehen, denn nur der Vers: 

in Aristophanes Fröschen 1356, ist nach dem Scholion den K^tsg 
entlehnt, nicht auch der folgende: 

welchen Nauck mit vollem Rechte ausgeschlossen hat. Nur dieser 
würde aber etwas über den Gang der Handlung lehren und in der 
That beruht Welcker's Vermuthung4) über den Inhalt des Stückes 



i) Vgl. Nauck, Trag. gr. fragm. p. 401 f. 

•) Scbol. Aristoph., Frösche 849: 0} ^i' tig r^f ro0 *ixaqov fio^^diav iv roig 
KQ9i4ri. Also nur eine Monodie des Ikaros, nicht, wie O. Jahn, Arch. Beitr. 238, 6 an- 
giebt, des gefangenen Ikaros ist bezeugt. 

3) Nicht den Kureten, wie Nauck angiebt, denn der Chor sagt von sich selbst y. 
14 f.: xai KovQiJTOiy \ ß^x/og ixk^&fjy öfftatd-tig, 

4) Griech. Trag. II, S. 801. 



198 

wesentlich auf demselben. Vielmehr ist nach dem bisher besprochenen 
Material unsere Kenntnifs darauf beschränkt» dafs die unnatürliche 
Leidenschaft der Pasiphae zu dem Stier (und deren Folgen) in dem 
Stücke vorkam. Doch dürfen wir, meine ich, aus dem Umstände, 
dafs die Worte des Aristophanes (Frösche 849 f.) 

ydfjbovg T'avofflovg d<kpi^mf etg v^ zixw^ 
überhaupt von einem alten Gelehrten auf die Kqjjteq bezogen werden 
konnten, den Schlufs ziehen, dafs in diesem Stücke jener ävofSwg ydftog 
der Pasiphae nicht nur nebenher erwähnt, sondern ausfuhrlich ge^ 
schildert war und als ein bedeutungsvolles Moment der Handlung her- 
vortrat Eben darauf fuhren die Worte des Libanius 1. c. ovx OQdTs 
TOP Miv(o dewd 7ui(S%oyi:a inl z^g CHfp^ xal vfjv otxlap airaS d§d %ov 
ji^q IlatSufdff; SQCorog iv atoxvpfi ysY^vfUkivfpf. 

Von einer anderen Tragödie, welche denselben Stoff behandelt 
hätte, ist nichts überliefert. Dem Titel nach könntet der Jaidalog 
des Sophokles in Betracht kommen. Welcker hält freilich dieses 
Stück für ein Satyrspiel, ^) den Daedalos für den Schmied Hephaestos. 
Aber die Gründe für diese Vermuthung sind keineswegs stichhaltig. 
Der eherne Riese Talos (fr. 164. 165), welchen Hephaestos dem Minos 
als Wächter seiner Insel verfertigt hatte, konnte in jedem auf Kreta 
spielenden Stücke auf mannigfache Veranlassung hin erwähnt werden 
und auch die im Zusammenhang mit demselben auf Simonides und 
Sophokles zurückgeführte Erklärung des fiüQddptog yHonq (fr. 164) giebt 
keine Veranlassung, an ein Satyrspiel zu denken. Die Anrufung der 
ütxTOvaqxoq Movdcc (fr. 163} weist eher auf den zhettav Daedalos als auf 
den Hephaestos als Helden des Stückes. Es liegt also kein Grund 
vor, von der nächstliegenden Annahme abzuweichen, dafs das Stück 
die Schicksale des Daedalos auf Kreta und seine Flucht von da zum 
Vorwurf hatte, also diejenigen Ereignisse, welche den in Sophokles' 
KafUxiot^) behandelten vorausgingen. Ueber den Gang der Handlung 
lehren die Fragmente nichts. 

Diese dürftige litterarische Ueberlieferung wird nun, zunächst für 
das euripideische Stück, in überraschender Weise durch eine Reihe 
von Reliefs etruskischer Aschenkisten ergänzt. 



') ib. I, 73 flC Vgl. Nauck fr. 163—168. 

3) Diesem StUcke setzt Welcker den nur einmal von Clemens Alex, erwähnten Mi^tas 
gleich; Nauck p. 175 vermuthet, dafs iv Miv^ aus iy Ufivxijf verderbt sei. Als dritte 
Möglichkeit tritt die Identificirung mit dem JaidaXog hinzu; keinenfalls ist eine besondere 
Tragödie Minos anzunehmen. 



199 

I. Im Museum zu Volterra n. 299. Alabaster. Länge 0,53 m. 
Abgeb. Raoul-Rochette Man. ined. pl, 67, A i; Inghirami GalL omer. 
Od. I, 69. Zur Linken des Beschauers sitzt eine Frau auf einem 
Altar, angstvoll das (weibliche) Götterbild umklammernd. Sie ist ge- 




©© ©^0^;©©©©© 



flüchtet vor dem auf der entgegengesetzten Seite befindlichen bärtigen 
Mann, welcher, den Oberkörper zurückbeugend, mit der Rechten zum 
Schlage (mit einem nicht angegebenen Schwerte) ausholt. Er ist voll- 
ständig bekleidet und trägt die sog. phrygische Mütze. Zwischen 
diesen beiden sind noch zwei Personen vorhanden. Zunächst dem 
Manne, ihm zugewandt, eine Frau in Chiton und Obergewand, welche 
ein Kind mit Stierkopf auf dem Arme trägt. Dann ein unbärtiger 
Mann *) in kurzem Chiton, Chlamys und Stiefeln en face, der nach der 
Frau auf dem Altar hinblickt und mit einer Geberde der Bestürzung 
oder Verlegenheit die Rechte an das Kinn gelegt hat. 

Die richtige Deutung des Ganzen ist schon von O. Jahn [ArchäoL 
Beitr. S. 240) aus der unserer Abbildung zu Grunde liegenden 
Gerhard'schen Zeichnung gefunden, welche deutlich erkennen läfst, 
dafs das Kind einen Stierkopf hat. Die Frau auf dem Altar ist dem- 



>) Dafs diese Figur männlich ist, macht schon die Tracht unzweifelhaft. Dadurch 
erledigt sich die Vermuthung von O. Jahn, Arch. Beitr. S. 240, 9. 



nach Fasiphae^ der Mann zur Rechten Minos, dessen Zorn eben durch 
die Geburt des Minotauros veranlafst ist. Den Mann neben Pasiphae 
lassen wir besser einstweilen unbenannt. Es ist klar, dafs er nicht zu 
den auf etruskischen Urnenrcliefs so häufigen Füllfiguren gehört Und 
dafs er in naher Beziehung zu Pasiphae steht. 

Vier andere Urnenreliefs, von denen bisher nur eins, gerade in 
dem entscheidenden Theile verstümmeltes bekannt war, zeigen eine 
etwas abweichende, namentlich aber durch ein ganz neues Element 
bereicherte Composition. Drei davon sind volterranisch und von 
Alabaster. 



2. Museum zu Volterra n. 435. L. 0,55 m. Die gröfsere rechte 
Hälfte des Reliefs ist oben unvollständig. Dennoch erkennen wir ohne 
Schwierigkeit den Minos wieder, welcher hier als König ein Scepter 
in der Linken führt, während die Rechte erhoben ist Vor ihm kniet 
eine jugendliche Frauengestalt, welche flehend beide Hände gegen ihn 
ausstreckt. Durch die heftige Bewegung ist ihr das Gewand herab- 
geglitten, so dafs der dem Beschauer zugewandte Rücken entblöfst 
ist, an welchem ein Busenband (ot^ö^M»') sichtbar wird. Offenbar 
sucht sie die links Stehenden vor der Wuth des Königs zu schützen, 
nämlich zwei Frauen, von denen die erste wieder den kleinen 
Minotaurus auf dem Arme trägt, wahrend die zweite anscheinend 
schuldbewufst den Kopf gesenkt und die Hände in einander gelegt 
hat. Sie ist mit einem Halsband geschmückt. Kein Zweifel, dafs 



diese als Pasiphae, dtc erstgenannte Frau als eine Dienerin zu fassen 
ist. Am linken Ende der Darstellung sehen wir endlich einen bärtigen 
Mann in Chiton und Fileus, der Kopfbedeckung der Handwerker, der 
mit auf dem Rücken gebundenen Händen auf einem niedrigen Klapp- 
stuhl {ixXaihti) sitzt. Hinter ihm (im Hintergrunde) kommt theilweise 
ein Stier zu Tage. Ohne Zweifel Ist Daedalos und die von ihm ge- 
fertigte Kuh gemeint. Der Künstler büfst fiir seine Hülfe bei dem 
rapog ävöolos, dessen Frucht der Minotaur ist. Die Figuren zur 
Rechten des Minos sind ohne Bedeutung : ihm zunächst ein Doryphoros, 
der den König ebenfalls zu besänftigen scheint, dann eine Furie mit 
Fackel. 



3. Museum zu Volterra n. 434. L. 0,63 m. Das Relief ist nahezu 
vollständig erhalten, doch hat die Oberfläche im Ganzen sehr gelitten. 
Die Hauptgruppe ist fast genau dieselbe; dem Minos fehlt das Scepter, 
in der erhobenen Rechten hat er dagegen ein Schwert. Ein gut em- 
pfundener Zug ist es, dafs der kleine Minotauros vor dem Zorn des 
Grofsvaters sich bei der Mutter au bergen sucht, der er beide Arme 
entg^enstreckt. Pasiphae steht auch hier wie von ihrer Schuld nieder- 
gedrückt mit schlaff herabhangenden Armen da. Hinter ihr, links, ein 
Diener, welcher ihren rechten Arm berührt, entweder um sie an ihre 
Mutterpfljcht zu mahnen oder um sie von der Aufnahme des kleinen 
Ungethüms zurück zu halten (weil Minos dadurch noch mehr gereizt 
werden könnte). Zur Rechten des Letzteren folgt ein nach rechtshin 
gewandter Doryphoros mit Lanze und Schild, dann der gefesselte 



202 

Daedalos (dessen Kopf sehr beschädigt ist, aber vermuthlich bärtig 
war). Er wird bewacht von einem Manne in Chiton (im Hintei^rund) 
der ihm die Linke auf die Schulter legt und in der erhobenen Rechten 
eine Doppelaxt hält, bereit, auf ein Zeichen des Herrschers den schuldigen 
Daedalos zu tödten. Der Knabe rechts neben diesem, dessen Haltung 
entschiedenes Mitgefühl mit dem Gefesselten ausdrückt, ist ohne Zweifel 
sein Sohn Ikaros. An der rechten Ecke der Darstellung ist endlich 
die Kuh, hier in der Vorderansicht, und daneben ein Diener in der 
gewöhnlichen Tracht, der bestürzt nach links hinblickt. 

3 a. Museum zu Volterra n. 288. L. 0,68 m. Abgeb. Inghirami, 
Man. etr. I, 80; O verbeck GalL heroischer Bildw. Taf V, i S. 121 
n. 27 a. Die ganze linke Seite ist sehr zerstört. 

Verkürzte Replik der vorigen Darstellung. Die Mittelgruppe des 
Minos und des knieenden Mädchens ist der auf 2 sehr ähnlich, nur ist 
die Bewegung des Mädchens noch etwas pathetischer geworden. Rechts 
kehrt der Doryphoros von 3 wieder, ihm entspricht ein zweiter links. 
Hinter ihm erkennt man eine sich nach links hin beugende Figur und 
^ne weitere* darf an der Ecke vorausgesetzt werden, welche ganz zer- 
fressen ist. Doch dürfen wir nicht die Gruppe der Dienerin (mit dem 
kleinen Minotaur) und der Pasiphae annehmen, denn die erhaltene Figur 
hat einen kurzen Chiton und Chlamys, kann also nur als ein Diener, 
ähnlich dem auf No. 3 links, betrachtet werden. Er scheint die links 
vorauszusetzende Figur, die demnach als Pasiphae zu fassen, zurück- 
zuhalten. Die Dienerin mit dem Minotaur fehlt, ebenso Daedalos 
und aus dem für unsere Scene characteristischen Stier der vorigen 
Nummer ist das an dieser Stelle auf Urnenreliefs sehr gewöhnliche 
Pferd geworden, welches ein Mann am Zügel hält. Die Darstellung 
ist so bis auf die Mittelgruppe aller derjenigen Figuren und Motive 
entkleidet, welche dem darzustellenden Vorgang speciell eigenthüm- 
lieh sind und an deren Stelle sind Dutzendfiguren ohne alle individuelle 
Bedeutung gesetzt. So entstellte Darstellungen können natürlich nur 
als Glieder der betreffenden Reihe richtig gewürdigt werden. Dafs die 
vorliegende in die der Pasiphae-Darstellungen gehört, beweist die Mittel- 
gruppe, welche in keiner anderen Composition unter den Urnenreliefs 
wiederkehrt. 

Auf die Hauptfiguren beschränkt ist eine peruginer Urne: 

4. Museum zu Perugia. Travertin. L. 0,60 m. Die Motive der 
einzelnen Figuren sind im Ganzen dieselben wie auf den vorhergehenden 
Darstellungen: Rechts Minos, nur mit dem Himation bekleidet, in der 
Linken die Schwertscheide, in der erhobenen Rechten das Schwert 



203 

Das Mädchen ihm zu Füfsen ist ein wenig mehr nach rechts hin her- 
umgedreht. Zum Theil von ihr verdeckt steht die Dienerin, welche 
sich vorbeugend und den Kopf angstvoll zu Minos umwendend den 
kleinen Minotauros der Pasiphae hinreicht. Diese hat auch hier die 
eigenthümlich starre, Schuldbewufstsein ausdrückende Haltung. Die 
Ausführung des Reliefs ist ziemlich gering und steht hinter der der 
volterraner Exemplare entschieden zurück. 

Die wesentlichste Bereicherung dieser Gruppe von Reliefs gegen- 
über No. I liegt offenbar in der Intervention der vor Minos knieenden 
weiblichen Gestalt. Offenbar ist dieselbe jugendlich gedacht; darauf 
weist schon die auf eine gewisse sinnliche Wirkung berechnete Ent- 
blöfsung des Oberkörpers. Ihre ganze Erscheinung, die Kühnheit und 
Leidenschaftlichkeit ihrer Fürbitte verbieten, sie für eine gewöhnliche 
Dienerin zu halten; sie mufs ein näheres Anrecht auf das Gehör des 
Königs, nähere Beziehungen zu denen haben, für die sie fleht. So er- 
giebt sich, wie mir scheint, mit Nothwendigkeit die Deutung auf eine 
Tochter des Minos und zwar diejenige, welche in der Ueberlieferung 
im nächsten Zusammenhang mit den auf die hier dargestellten folgenden 
Ereignissen steht, nämlich Ariadne. 

Ein anderes wichtiges Moment der Handlung ist die Bestrafung 
des Daedalos als Mitschuldigen der Pasiphae; und dieses ist auch auf 
No. I, wie mir scheint, angedeutet. Denn mit Hülfe der übrigen Dar- 
stellungen werden wir nun auch dort in dem Mann neben Pasiphae den 
Daedalos erkennen dürfen, welcher im Bewufstsein seiner Schuld und 
in Erwartung der Strafe sorgenvoll dasteht. Unbärtig ist derselbe auch 
auf zwei anderen Aschenkistenreliefs,') welche ihn in seiner Werkstatt, 
die Anfertigung der hölzernen Kuh leitend (auf No. i in Gegenwart 
der Pasiphae) darstellen. 

Ihrem ganzen Charakter nach gehen diese Darstellungen ohne 
Zweifel auf eine dramatische Quelle zurück und nach dem eben Ge- 
ss^en können nur Euripides' KQ^eg oder Sophokles' Jaidalog in 
Frage kommen. Die überwiegende Wahrscheinlichkeit spricht von 
vornherein für das Stück des Euripides, für welches, wie wir sahen, 
die unnatürliche Leidenschaft der Pasiphae als charakteristisches 
Moment bezeugt ist. Dafs bei Sophokles dieser bedenkliche Mythus 
ebenfalls im Vordergrunde gestanden habe, ist durchaus nicht anzu- 



<) I. Mosetim zu Volterra n. 335. Uroe etnischc n, Taf. 29, i ; Micali Mon. ant. 49, i. 
2. Museam za Leyden. Urne etr. II, 29, 2; Janssen, Etrur. Grafreliefs JX, 18; Micali 
Mon. ant 49, 2. 



204 

nehmen. Vielmehr mufs bei ihm der Zorn des Minos gegen Daedalos 
(und die Flucht des Künstlers) in andrer Weise motivirt gewesen sein, 
als durch die Mitschuld an dem Vergehen der Pasiphae. In der That 
stehen zwei Ueberlieferungen über diese Vorgänge einander gegenüber. 

Nach der einen') wird Daedalos in das Labyrinth gesperrt, weil 
er die Liebe des Theseus und der Ariadne und deren Flucht nach 
Erlegung des Minotauros durch seinen Rath begünstigt hatte. Nach 
der anderen wird er wegen der Verfertigung der hölzernen Kuh ein- 
gekerkert. Die letztere Version giebt Hygin Fab. 40 unter der Ueber- 
schrift Pasiphae. Wir setzen seine Erzählung, soweit sie hier in Be- 
tracht kommt, vollständig her. 

Pasiphae Solls filia uxor Minois sacra deae Veneris per aliquot 
annos non fecerat. ob id Venus amorem infandum illi obiedt, ut 
taurum illa^) amaret. In hoc Daedalus exul cum venisset, petiit ab 
eo auxilium. is ei vaccam ligneam fecit et verae vaccae corium in- 
duxit in qua illa cum tauro quem ipsa amabat3) concubuit. ex quo 
compressu Minotaurum peperit capite bubulo parte inferiore humana. 
tunc Daedalus Minotauro labyrinthum inextricabili exitu fecit in quo 
est conclusus. Minos re cognita Daedalum in custodiam coniecit 
at Pasiphae eum vinculis liberavit. Itaque Daedalus pennas sibi et 
Icaro filio suo fecit et accommodavit et inde avolarunt.4) 

Offenbar gehen in der Motivirung der Strafe des Daedalos — und 
dieser Punkt ist von entscheidender Wichtigkeit für die Gruppirung 
der übrigen Vorgänge — unsere Reliefs und die Erzählung des Hygin 
auf eine und dieselbe Quelle zurück; diese kann keine andere sein als 
eben die Tragödie des Euripides. Beide Ueberlieferungen, die monu- 
mentale und die litterarische, ergänzen einander. Hygin verweilt ausfuhr- 
lich bei der Vorgeschichte; die Verwicklung des Drama's ist nur ganz 
kurz angedeutet. Erst mit Hülfe der Reliefs gewinnen wir eine Vorstellung 



>) Servius in Verg. Aen. VI, 14: Sed tertio anno Aegei filias Theseus missus est 
potens tam virtute quam fonna. Qui cum ab Ariadne regis filia amatus ftiisset DaedaU con- 
silio filo iter rexit: et necato Minotauro cum rapta Ariadne victor aufugit. Quae cum 
omnia factione Daedali Minos deprehendisset effecta eum cum Icaro filio 
«ervandum in Labyrinthum trusit 

«) So M. Schmidt statt des verderbten: taurum (quem ipsa amabat) alia amaret. 

3) Die oben sinnlosen Worte quem ipsa amabat setzt Schmidt hier an der richtiges 
Stelle ein. 

4) In Zusammenhang mit der Verfertigung der Kuh und dem Zorn des Minos dar- 
über ist die Flucht des Daedalos auch in der euhemeristischen Darstellung des Diodor 
I^t 77 gesetzt. Ganz allgemein giebt den Grund zu seiner Einkerkerung und Flucht an 
Pausanias VII, 4, 6 : xarayyioa&eig de ddtxtlv ino rov Miyto xai is t6 (ffO^umr^^M»' o^ov 
T^ nanfi ifAßXfj^s&g ixdtdQacxit u ix JC^jri;; x.t.X. vgl. IX, ii, 4. 



^05 

von der letzteren und vermögen den Inhalt der Kq^e^ wenigstens in 
allgemeinen Umrissen zu reconstruiren. 

Natürlich war bei Beginn des Stückes der Minotauros schon ge- 
boren. Im Prolog, den Daedalos oder nach einer ansprechenden Ver- 
muthung O. Jahn's') Aphrodite selbst gesprochen haben mag, wurden 
die vorausliegenden Ereignisse erzählt: Die von der erzürnten Liebes- 
göttin erregte Leidenschaft Pasiphae's für den Stier, deren Befriedigung 
mit Hülfe des Daedalos, die Geburt des kleinen stierköpfigen Unge- 
thüms^) imd seine Verbergung im Labyrinth, welches man sich als von 
Daedalos eigens zu diesem Zweck, wahrscheinlicher wohl als im Auf- 
trage des Minos zur Bewahrung von Gefangenen erbaut denken kann. 
Nach dem Prolog wird Pasiphae aufgetreten sein, schuldbewufst und 
zitternd vor der Entdeckung ihres Fehltritts, den sie aber mit beredter 
Schilderung der unwiderstehlichen dämonischen Leidenschaft, unter 
deren Bann sie gestanden, entschuldigt. Wie die Entdeckung erfolgt, 
bleibt ungewifs. Im ersten Zorn bedroht Minos das Leben der 
schuldigen Gattin und des auf seinen Befehl herbeigebrachten Minotaur, 
welcher als Puppe sehr wohl auf der Bühne erscheinen konnte. Da, 
im Augenblick der höchsten Gefahr, wirft sich Ariadne dem Vater zu 
Füfsen und rettet durch ihre flehende Bitte das Leben der Mutter und 
des kleinen Minotaur. Der Chor der Propheten des Zeus, 3) welche 
Minos, wie schon O. Jahn vermuthet, zur Sühnung des prodigium hat 
holen lassen, vörd dann den Zorn der Aphrodite als die geheime Trieb- 
feder von Pasiphae's Vergehen aufgedeckt und somit dieses auch in 
Minos Augen in einem milderen Lichte haben erscheinen lassen. 
Minos verzeiht der Gattin und beschliefst (auf eine weitere Mahnung 
des Chors?), die Miüsgeburt aufzuziehen. Daedalos aber, der hinter 
seinem Rücken mit Pasiphae conspirirt hat, beschliefst er zu 



A) AichäoL Beitrüge S. 238. 

*) In diesen Zusammenhang pafst vortrefflich der von Platarch Theseos c. 15 citirte 
Vers (Nauck fr. 383), avfifitxjoy Mo^ xdnoq>{aXM>y ßQi(pos, welcher gewöhnlich dem 
Siiaivs zugetheilt wird. Ich stimme Otto Jahn (a. a. O. Anm. 7) auch in Bezug auf die 
Lesart beL (Nauck schreibt wegen Flut Mor. p. 520 C: r^tpog). Auch der andere Vers 
bei Plutarch: rav^iw fUfux^t xai ßgorov dtifXj ^vast (Nauck fr. 384) gehört aller 
Wahrscheinlichkeit nach in die K^^ts; ich vermuthe, da£s er aus dem Bericht über die 
Geburt des Minotauros an Minos selbst stammt 

3) Dafs das Chorlied Eurip. fr. 904 in unser Stück gehöre, wie Valckenaer ver- 
muthet hatte und Welcker fOs gewifs erklärt (S. 802), glaube ich nicht. Der Schluft weist 
auf eine gro&e öffentliche Noth hin, der man durch Stlhnung ein Ende zu setzen 
sucht. Das pafst gar nicht auf die persönliche Bedrängniis der Pasiphae in den Kretern. 
Im Eingang wird allerdings wohl Zagreus angerufen, aber dessen Verehrung ist nicht auf 
Kreta beschränkt. 



206 

strafen. Wahrscheinlich ist dieser schon früher gefangen gesetzt. Der 
zurückbleibende Ikaros, so vermuthe ich, beklagte in der uns bezeugten 
Monodie das harte Geschick des Vaters. Mit Pasiphae's Hülfe wird 
dann Daedalos von den Fesseln befreit. In dem Augenblick, wo 
Minos seine Rache an ihm ausfuhren will, meldet ein Bote die wunder- 
bare Flucht von Vater und Sohn und damit schliefst das Stück. 

Es ist lehrreich, zu verfolgen, wie Euripides auch in diesem Stück 
mit kühner Hand den überlieferten Stoff umgeformt hat. Seine Er- 
findung ist es allem Anschein nach/dafs Fasiphae die Aphrodite durch 
Unterlassung ihrer Verehrung gekränkt habe und dafs die Göttin jene Ver- 
nachlässigung durch die Erregung der unnatürlichen Leidenschaft rächt 
Während nach der gewöhnlichen und anscheinend älteren Ueberliefe- 
rungi) Minos von Poseidon durch jene Leidenschaft seiner Gattin zu 
dem Stier, den er zu opfern unterlassen, bestraft wird, erscheint bei 
Euripides vielmehr Fasiphae als Schuldige. Ihre Leidenschaft ist nicht 
mehr eine unverschuldete Heimsuchung, ja dem Minos konnte sie als 
Ausflufs weiblicher Zuchtlosigkeit erscheinen und gewifs trat diese An- 
schauung in dem Stücke hervor. Wahrscheinlich hat Euripides auch 
nicht unterlassen, jene widernatürliche Sinnesverirrung bis auf einen 
gewissen Grad psychologisch zu motiviren; seine Fasiphae war sicher 
keine Tugendheldin. In dem Grade aber, wie ihr Charakter in's Schwarze 
gemalt war, wird der des Minos gehoben worden sein, so dafs er als 
der schändlich verrathene Gatte, der die Schande seines Hauses aufs 
Tiefste empfindet, erschien.*) Eine weitere Erfindung des Euripides 
war die Einführung der Ariadne. Die Scene, welche uns die Reliefs 2 
bis 4 vergegenwärtigen, war gewifs von grofser dramatischer Wirkung. 
Im Zusammenhang mit den übrigen Neuerungen stand endlich die Ver- 
legung von Daedalos' Flucht in einen früheren Zeitpunkt. 

Wir haben für die Reconstruction des euripideischen Stückes zu- 
nächst die Reliefs der zweiten Gruppe verwerthet, es fragt sich, ob 
für No. I eine andere litterarische Quelle anzunehmen ist, da ja hier 
die so charakteristische Intervention der Ariadne fehlt. Ohne Zweifel 
ist dies zu verneinen. Auch diese Darstellung pafst durchaus in den 
Rahmen des euripideischen Stückes: es ist nur ein etwas früherer Mo- 
ment gewählt. Dafs Fasiphae bei dem Götterbilde Schutz sucht, kann 



x) ApoUodor 3, I, 4 u. sonst. Die ErzäUang bei Servius in Verg. Aen. VI, 14, diis 
Aphrodite die Entdeckung ihres Ehebruchs mit Ares durch Helios an dessen ganzem Ge- 
schlechte, darunter auch an Pasiphae gerächt habe durch Erregung von infandi aroores 
sieht nicht nach alter Ueberlieferung aus. 

•) Vgl. die oben angeführten Worte des Libanios m, 64. 



207 

auch eine Erfindung des bildenden Künstlers sein. Schwerlich aller- 
dings des Verfertigers des Reliefs, denn dieses geht sicherlich ebenso 
wie die der anderen Gruppe und die weitaus gröfste Zahl der Urnen- 
reliefs überhaupt auf ein griechisches Vorbild zurück. 

Bisher ist allerdings aufserhalb der etrusldschen Kunst ejne Dar- 
stellung dieser Scene nicht nachzuweisen, wie überhaupt keine aus der 
Jugendgeschichte des Minotauros. Das Marmorrelief im Palazzo Gri- 

mani zu Venedig, welches Thiersch^) beschreibt, scheint verschollen; 

■ 

jedenfalls ist es nicht mehr an Ort und Stelle. >) Hingegen gehört ein 
anderes etrusldsches Monument in diesen Kreis, nämlich die jetzt mit 
der Sammlung Luynes im cabinet des m^dailles zu Paris aufbewahrte 
Trinkschale (zweifellos etruskischer Fabrik), deren Innenbild Pasiphae 
mit dem kleinen Minotauros auf dem Schofse darstellt 3) Diese schon 
längst gefundene Deutung ist zweifellos richtig, die neue Fr. Lenormant's 
bedarf keiner Widerlegung. 

Der, JcUdaXog des Sophokles, so dürfen wir nach dem oben Ge- 
sagten vermuthen, enthielt die andere Version von der Flucht des 
Daedalos, welche Servius a. a. O. mittheilt. Das Stück behandelte 
also die späteren Ereignisse auf Kreta: die Erlegung des Minotauros 
und die Flucht des Theseus mit der Ariadne, und zwar unter bedeut- 
samer Mitwirkung des Daedalos. Denn in der älteren Ueberlieferung, 
welche schon Pherekydes4) gab, ist es Daedalos, welcher dem athe- 
nischen Landsmann durch seine kluge Erfindung mit dem Knäuel 
den Rückweg aus dem Labyrinth und dadurch die Flucht mit der 
Geliebten ermöglicht. Aus dem Titel des sophokleischen Dramas 
dürfen wir vermuthen, dafs Daedalos in dieser Rolle sehr in den 
Vordergrund trat: er, der älteste Vertreter athenischen Kunstruhmes, 
zugleich feuriger und unerschrockener Patriot, der dem Theseus 
die Bestehung des gefährlichen Abenteuers ermöglichte und dadurch 
dem schimpflichen Tribut seiner Heimathstadt fiir immer ein Ende 
macht. Alles dies in Auflehnung gegen seinen Herrn, den Tyrannen 
Minos, und im vollen Bewufstsein, dafs er dessen Zorn dadurch 
auf sich lade. Seine Kunst rettet ihn aus der Gewalt des Tyrannen, 
mit dessen völliger Demüthigung und ohnmächtiger Wuth das Stück 
schliefst. 



>) Reisen in Italien I, 257; O. Jahn, Arch. Beitr. S. 239 f. 

*) Dtttschkc, Antike Bildw. in Oberitalien Bd. V führt es nicht auf. 

3) Abgcb. Gazette archeologique V (1879) pl« 3 vgl. S. 33 ff. 

4) Schol. Od. XI, 322. 



2od 

Eine Fortsetzung fand es in den KufUmiHj welche den elendeti 
Tod des Minos im Hause des Königs Kokalos in Sicilien behandelten, 
wohin er dem geflohenen Daedalos gefolgt war. ') Denselben Stoff wie 
Sophokles nach unserer Vermuthung im Daedalos, behandelte Euripides 
in seinem ©^(jevg, welches Drama sich inhaltlich an die K^qreg an- 
schlofs.2) Bei ihm trat Daedalos, entsprechend dem Schlufs der 
Kreter, gar nicht auf, die Liebe der ^nziAne, allein verhalf dem 
Theseus zum Siege. Hygin fab, 42 giebt wiederum die euripi- 
deische Version. 



«) Vgl. Nauck, trag. gr. fr. p. 159 f., Welcker, Griech. Trag. I, S. 431 ff. 

*) Ob Accius in seinem Minos oder Minotaurus dem Sophokles oder dem 
Euripides folgte, läfst sich aus dem einzigen Fragment nicht erkennen, mit Emipides 
(fr. 384) stimmt es nur ganz im Allgemeinen. Vgl Ribbeck, trag. rom. fr. (ed. 2) 
p. 195. Die röm. Trag, im Zeitalter der RepubL S. 565. 



XYIl. 



HEINRICH lORDAN 



Der Tempel der Vesta, 



die Vestalinnen und ihr Haus. 



14 



Slts mag an dieser Stelle nicht unwillkommea sein, wenn ich in 
einem vorläufigen Berichte mittheile, was ich im April und Mai dieses 
Jahres über die Trümmer des Tempels der Vesta, des Hauses der 
Vestalinnen und über diese selbst ermittelt habe. Die italienische Litte- 
ratur hatte manche Lücke gelassen und einiges Unrichtige in Umlauf 
gesetzt. Niemand wird sie deshalb anklagen. Inmitten der rasch fort- 
schreitenden Ausgrabungen lafst sich ein völlig befriedigendes oder 
abschließendes Urtheil über den Werth der neuen Funde von den 
Lettern dieser Arbeit nicht erwarten und der neu Hinzutretende hat es 
verhältnifsmäfsig leicht, will er eine Nachlese halten. Dies wird auch 
in liberalster Weise von jener Seite anerkannt, und ich habe es ins- 
besondere Herrn Senator Fiorelli zu danken, dafs er wieder, wie früher 
schon einmal, durch thätiges Eii^eifen im entscheidenden Augenblick 
meine Arbeit gefordert hat.>) 

Im J. 1874 deckte man etwa 20 m östlich vom Castortempel den 
Unterbau eines kreisrunden Gebäudes auf, welcher alsbald, obwohl 
nicht mit Sicherheit, auf Grund der schrifbtcllerischen Zeugnisse als 
Tempel der Vesta erkannt wurde. Heut ist darüber kein Zweifel 
mehr möglich, und ich verweile nicht bei der beseitigten Controverse. 
Der Zustand der Ruine bei der Aufdeckung ist leider nicht sorgfältig 
aufgenommen worden. Erst jetzt, nachdem acht Jahre lang Regen 

■} Wat im FoIgeadcD Über den YntstcRipel gesagt ist, wird demDlchst unter Vor. 
lettmg einci grOfKren Apparati von Zeichiiun|;eD io den Memorie dell' ■cademia dei Lincei 
■lufUhiUchet bchuidelt werden. 



2t2 

und andere Unbilden denselben nicht ganz unerheblich verändert haben, 
ist man zu einer genaueren Aufnahme und einem Restaurationsversuch 
geschritten. I) Indessen zeigte eine Nachprüfung, welche ich mit Hilfe 
des Herrn Architekten Fr. Otto Schulze vorgenommen habe, dafs 
dieser Versuch nicht das Richtige getroffen hatte. Man hat nämlich 
angenommen, der erhaltene Unterbau, dem man, ich weifs nicht mit 
welchem Rechte, einen Durchmesser von 17,35 m zutheilte, sei das 
Podium eines Tempels von nur 8,40 m Durchmesser gewesen, mithin, 
es habe diesen sehr kleinen Tempel ein unbedeckter Gang von g^en 
4,50 m Breite auf der Höhe dieses Podiums umlaufen. Den Beweis 
dafür sollten aufser anderem, was ich hier übergehen kann, die in der 
Nähe gefundenen Architekturstücke, insbesondere die Trümmer der 
doppelten Reihe von Cassetten der Decke des Säulenumgang^ liefern. 
Für ein so eigenthümliches und seinem Zwecke nach unverständliches 
Schema eines Rundtempels mufste man sich nach Analogien umsehen: 
aber nicht allein giebt es solche meines Wissens überhaupt nicht, 
sondern es bezeugen auch die antiken Abbildungen des Tempels, 
welche in dem Restaurationsversuch berücksichtigt worden waren, dafs 
die Säulen am Rande des Unterbaues standen. Schwerlich hätte man 
die auffallende und charakteristische Gestalt des Podiums nicht zur 
Darstellung gebracht. Zudem hatte mir schon früher*), die Zusammen- 
stellung von IG römischen Rundtempeln den Beweis geliefert, dafs ein 
Durchmesser von 13 — 16 m der gewöhnliche, ein gröfserer von 19 — 26 
seltener ist: ein Durchmesser von nur 8 m erscheint unerhört. Ich unter- 
nahm daher mit Herrn Schulze zunächst eine Nachmessung der Cassetten 
(mittelst Holzlatten und Schnur), behufs Feststellung des Radius des 
Gebäudes, dem sie angehörten. Wir vermochten bei einem Stücke, 
dessen Erhaltungszustand nichts zu wünschen übrig liefs, nur auf einen 
Radius von 7,20 (bis zur Säulenaxe), also auf einen Durchmesser von 
14,40 zu gelangen. Es wurde sodann eine genaue Aufnahme der 
Grundfläche des Unterbaues unternommen. Mit Berücksichtigung der Reste 
der Treppe an der Ostseite und eines noch in situ befindlichen Stückes 
der Tufbekleidung des opus incertum gelang es, den Durchmesser der- 
selben auf rund 15,50 festzustellen. Die Untersuchung des Unterbaues 
führte noch weiter: es sind Tufblöcke erhalten, welche nach dem Cen- 
trum zu die Cellawand, nach der Peripherie zu die Säulen getragen haben 



i) Lanciani Tatrio di Vesta (aus den Notizie degli scavi Dicembre 1883), S. 44 f« 
mit T. XIX— XXI. 

>) S. Bursians Jahresbericht 1875, 772 £, wo nur dem templum Romuli der Durch- 
messer von rund 15 m zu geben ist. 



213 

müssen. Ueber die Oberkante dieser Blöcke aber läuft eine fingerdicke 
Schicht weifser Marmorsplitter, in Lehm gebettet, welche sich als ein 
weifser horizontaler Ring darstellt. Die von Herrn Fiorelli erbetene 
Anbohrung über dieser Schicht ergab, dafs sie mit oben glatter Fläche 
sich in den Unterbau tief hinein erstreckt. Ferner zeigte sich, dafs 
das darüberliegende Material (Brocken gelblichen Tufs) von dem dar- 
unterliegenden (Brocken dunkelbraunen Tufs) völlig verschieden ist, 
auch die lose Aufschüttung des erstgenannten Materials von der soli- 
deren des zweitgenannten stark absticht, endlich — und dies ist wohl 
entscheidend — dafs die Ueberreste der nach Osten liegenden Treppen- 
stufen nicht gestatten, die Treppe bis zu der Höhe der oberen Schicht 
hinaufzuführen, sondern dafs man mit ihnen nur bis zur erwähnten 
Marmorschicht gelangt. Dies fuhrt, wenn ich nicht irre, mit zwingen- 
der Gewalt zu dem Schlufs, dafs diese Schicht das Niveau des Tempels 
bezeichnet und das, was darüberliegt, ein Aufbau ist, der nicht zum 
Tempel gehört. — Ich verweile nicht bei den weiteren Details der 
Restauration: die Hauptsache darf ich fiir erwiesen halten, die ver- 
suchte Restauration ist unrichtig. 

Denkt man sich nun diesen Tempel von 15 m Durchmesser mit 
seiner Marmorbekleidung wiederhergestellt, so hat man die auffallende 
Erscheinung, dafs er südlich durch einen Zwischenraum von kaum 
1^1% tn von einer Reihe von Tabernen getrennt ist, welche sich in öst- 
licher Richtung bis zu dem Hause der Vestalinnen fortsetzen. Dafs 
diese Enge nicht ursprünglich sein kann, ist augenfällig. Der Tempel 
mag — die marmornen Architekturstücke zeigen die flüchtigste, un- 
gleichmäfsigste Arbeit — nach dem Brande unter Commodus wieder- 
hergestellt sein. Die Tabernen sind in Ziegelmaterial und Construction 
dem anstofsenden Hause der Vestalinnen so völlig gleichartig, dafs man 
sie auch für diesem gleichzeitig ansehen mufs: dieses ist aber, wie wir 
sehen werden, zur Zeit Hadrians gebaut. Die Frage liegt nahe: ist 
der Tempel auf altem Fundament wieder aufgebaut und sind nur 
später die Tabernen durch den immer wachsenden Raummangel so 
dicht an denselben herangerückt worden? Ich verschweige nicht, dafs 
zwischen den Tabernen und dem Tempel noch ein Tufblock in situ 
liegt, der diesen berührt und offenbar einem älteren Gebäude angehört. 
In jener späteren Zeit lag er unter Terrain. In dem Boden, den ich 
an seinem Rande aufwühlte, fand ich ein kleines Bruchstück eines 
schwarz gefirnifsten Tongefäfses mit gelbem Rande, das Heibig der 
Gattung der etwa im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr. in Grebrauch ge- 
wesenen Schalen zuwies. War der Tempel ehemals kleiner? Stand 



214 

er gar an einem andern Ort? Letzteres wird man gewifs für völlig 
unmöglich erklären. Vielleicht dafs uns der Abbruch der Kirche 
S. Maria Liberatrice die Mittel giebt, das noch vorhandene Räthsel zu 
lösen. Einstweilen müssen wir uns hüten, nicht in die üblichen 
schwindelhaften Lösungsversuche zu verfallen. 

Von den Stufen des Tempels gelangt man, an einer Kapelle vor- 
bei, welche eine grofse öffentliche Inschrift spätestens der Zeit Hadrians 
getragen hat,') zur Thüre des Vestalinnenhauses. Ein Peristyl von 
67, 66 X 23,07 m Fläche (Mafse des Herrn Schulze) erstreckt sich vor 
uns , parallel und 8 m unter der jetzt völlig aufgedeckten fUfva via, 
welche neben dem Titusbogen die hier zum Palatin abbiegende sacra 
via trifft. Es liegt im Niveau des älteren Pflasters der letzteren, von 
ihr getrennt durch einen grofsen Porticus und Bäderbauten, welche 
wir schon früher durch die Ziegelstempel als Bauten der Zeit Hadrians 
erkannt hatten. Hinter dem Peristyl liegt das tablitium mit je 3 ceUae 
an jeder Seite, längs des Peristyls an der Seite der ncva via erstreckt 
sich eine Reihe von weiteren cellae, unter ihnen das pistrimanL Wieder 
sind es die Ziegelstempel, mehr als 50 in situ sichtbar, welche ein- 
stimmig auch diesem Vestalinnenhause — denn die zahlreichen im 
Peristyl gefundenen Ehrenbasen und Statuen der virgines Vestales 
maximae^ von denen ich später spreche, schneiden jeden Streit über 
die Benennung des Hauses ab — den gleichen Ursprung zuerkennen 
und damit die Annahme nahe legen, dafs dieses ganze rechtwinkelig 
und parallel zur Axe der sacra via gelegte Netz von Gebäuden nichts 
anderes ist, als ein durch die Errichtung des Tempels der Venus und 
Roma nothwendig gewordener Neubau, errichtet nach Abbruch der 
älteren, in Resten unter den neuen Ziegelbauten erhaltenen Gebäude.^) 
Die Raumverhältnisse des Peristyls sind auffallend genug, wenn man 
an die 6 Bewohnerinnen des Hauses und ihre Dienerschaft denkt Das 
Auffallende steigert sich noch, wenn eine Beobachtung des Herrn 
Schulze das Richtige getroffen hat. An den Langseiten standen je 18, 
an den Schmalseiten je 6 Säulen. Zwischen jenen niedrige marmor- 
bekleidete Bänke. Herr Schulze hat beobachtet, dafs die auffallender 
Weise ungleichen Intercolumnien der Langseiten in der Richtung vom 
Eingang nach dem Tablinum regelmäfsig wachsen, von 3,26 bis 3,65 m. 
Er ist der Ansicht — uijd schwerlich wird man widersprechen können — 

• 

i) Sie ist schon im J. 1882 gefunden worden und lautet: senatus pcpulusque romami[s] 
pecunia publica fadendam curavit (nämlich aediculamt es fehlt Nichts). 

«) Ich habe diese mit Hilfe von Herrn Dr. Dressel ausgeführte Untersuchung in der 
Festsitzung des Instituts d. J. vorgelegt: s. Bull, dell' ist. 1884, 88 ff. 



21S 

dais hier Zufall ausgeschlossen, vielmehr die Absicht erkennbar ist, das 
an sich schon sehr lange Peristyl noch länger erscheinen zu lassen. 
— In der Mitte des Peristyls findet sich ein Kreis von sogenannten 
tegoloni, von 5 m Durchmesser: um denselben legt sich ein acht- 
eckiger Streifen von Ziegeln, welcher an die beiden Säulenreihen der 
Langseiten anstöfst und dessen Ecken durch gleiche Backsteinstreifen 
in der Richtung der Radien des Kreises mit diesem verbunden sind. 
Man hat in dem Kreise bei Nachgrabungen über i Y2 ni tief keinen Stein 
gefunden, der den Fufsboden hätte tragen können: nur terra vergine. 
Mir scheint es wahrscheinlich, dafs man hier Bäume oder Pflanzen her- 
gesetzt hatte. Die Ziegelstempel zeigen, dafs das Achteck mit seinen 
Radien ein nachconstantinischer Bau ist, die tegoloni tragen Stempel 
etwa der Zeit Hadrians. Man kann zweifeln, ob jener Bau ein Repa- 
raturbau ist, der an die Stelle eines ähnlichen älteren trat. Die tegoloni 
können wohl nur einen marmornen Platten-, d. h. Fufsbodenbelag ge- 
tragen haben. Die Ziegelstreifen mögen Ueberreste von symmetrisch 
geordneten Basen für die zahlreichen kleinen Bildwerke sein, welche 
in dem Atrium gefunden sind. 

£s war in der That nöthig, dafs man den Vestalinnen, welchen 
die Villeggiatur versagt war, inmitten dieser stets wachsenden Stein- 
massen wenigstens ein besonders geräumiges und luftiges Asyl ge^ 
währte. Verschwunden war der «Hain der Vesta», in dem sie noch zu 
Ciceros Zeit hatten ausruhen und sich im Hochsommer vor dem tödt- 
lichen Klima schützen können: die Bautrümmer und das neugefundene 
Stück des capitolinischen Plans, das uns die Gegend östlich und südlich 
vom Castortempel aufklärt, zeigen, dafs in der ganzen Gegend zwischen 
dem Tempel der Vesta und dem Palatin kein Quadratmeter unbebauten 
Raumes übrig war. Der Tempel des Divus Augustus und die Palast- 
bauten des Caligula werden dem Hain den Garaus gemacht haben. ^) 
Es war um so nöthiger, als auch die Wohlthat reichlich springender 
oder fliefsender und in Becken aufgefangener Wasserstrahlen (salientes 
und locus) f wie sie die Wasserleitungen durch die ganze Stadt spen- 
deten,*) ihnen durch die Kultusvorschrifl, sich niemals geleiteten Wassers, 
also nur des Quell-, Regen- und Brunnenwassers zu bedienen, versagt 
war. Und in der That hat sich auf dem ganzen Gebiet ihres Hauses 
bis jetzt keine derartige Vorrichtung gefunden, auch nicht in dem 



x) Dafs er seit der mittleren Kaiserzeit nicht mehr existirte, hat Lanciani a. O. S. 42 f. 
richtig bemerkt Ueber das StUck des Plans vgl ro. Abhandlung in der Schrift Ricardo 
Lepsios — gratiilatus inst. arch. german. quod Romae consistit R. 1883. 

^ Latus und salimte$\ ro. Topographie 2, 47 ff. 



2l6 

Peristyl, dem Orte, der sonst in Wohnhäusern regelmäfsig mit einer 
solchen versehen ist: die Stelle vertritt hier ein grofser Wasserbehälter 
in Verbindung mit einem unterirdischen Abflufskanal, aber ohne Brun- 
nen, der nach seiner ganzen Einrichtung wohl nur dazu gedient haben 
kann, das Wasser aufzunehmen, das man ihm aus Quellen zutrug. i) 

Feierlich ernst, fast traurig, blicken uns die Statuen der Ober- 
vestalinnen an, die in dem Peristyl des Hauses gefunden sind und 
ehemals auf den ebenfalls hier gefundenen Basen mit Ehreninschriften 
ringsum unter der Säulenhalle thronten. Wie die Ehreninschriften, 
35 an der Zahl,^) mit einer einzigen Ausnahme — der Inschrift der 
Praetextata Crassi fil(ia) — der Zeit vom Beginn des 3. Jahrhunderts 
angehören, so wohl auch die Statuen, deren 11, theils fast unversehrt, 
theils in Bruchstücken erhalten, jetzt wieder in jener Halle, mehrere Köpfe 
in einer der 6 cellae am Tablinum aufbewahrt werden. Eine von jenen 
Statuen, welche den rechten, jetzt oberhalb des Ellenbogens gebrochenen 
Arm fast wagerecht streckte, wird man für verhältnifsmäfsig jung, etwa 
höchstens 30 Jahre alt, zu halten haben, die übrigen gehören späteren 
Lebensaltern, wohl dem Ausgang der vierziger oder den fünfziger 
Jahren an. Die wissenschaftliche Frage, die uns diese Bildnisse stellen, 
ist nicht so leicht zu lösen, wie es wohl den Anschein gehabt hat. 3) 
Virgil sagt von dem Priester Hämonides (Aen. 10, 538): if^^ula ctd sacra 
redmibat tempora vitta und sachkundig erklärt Servius dies mit den 
Worten infula fascia in modum dtadetnaäs a qua vtttae ab utraque parte 
dependent; quae plerumque lata est^ plerumque tortüis de albo et cocco; die 
infida aber, sagt Prudentius (gegen Symm. 2, 1085), umwindet der 
Vestalin das lose Haar, sie ist von Wollenstoff (Festus Auszug S. 113). 
Aufserdem trägt die Vestalin auf dem Kopf das suffibulum^ wie uns 
Festus (S. 349) sagt, ein weifses, verbrämtes, viereckiglängliches Kleidungs- 
stück, das die Vestalinnen beim Opfer trugen, und das mit einer fibula 
zusammengefafst wurde.4) Auf dem berühmten capitolinischen Altar, 
dessen Relief die wunderbare Einftihrung der Göttermutter nach Rom 
durch die tuansalvia und die dieses Rettungsschiff ziehende Claudia 



x) S. a. m. Aufsatz im Bull, dell' ist. 18S4. Die Kultusvorschrift . giebt Festus 
S. 158/ 161 (unter murUs), 

«) Ueber die frtiher an derselben Stelle gefundenen und die neugefundenen In- 
schriften s. Lanciani l'atrio di Vesta S. 16 £ 

3) Auch hierüber hat Lanciani Tatrio di Vesta S. 29 ff. gehandelt: die erhaltenen 
Zeugnisse tlber das äuisere Auftreten der Vestalinnen wiederholen sich tlberalL 

4) Ftlr die Stelle des Varro 6, 21, nach welcher der sacerdos publt€us ein suffibutum 
tragen wUrde, weifs ich keine sichere Emendation. Ich lasse sie deshalb aus dem Spiel 



21/ 

Quinta darstellt,') sehen wir diese deutlich mit einem solchen, nur 
bis auf die Schultern herabhängenden, unter dem Kinn zusammen-^ 
geknüpften Schleier bekleidet: doch wohl als Vestalin, obwohl die 
bessere Ueberlieferung sie Matrone nennt.*) Und eben einen solchen 
über dem Obergewand auf die Schultern herabhängenden Schleier trägt 
die schönste der neugefundenen Vestalinnen, von welcher ich gleich 
weiter zu sprechen habe (s. die Vignette), nur dafs er frei und nicht unter 
dem Kinn geknüpft herabhängt. Indessen es bleibt immer die Frage, 
ob dieses suffibulum ein ausschliefslich den Vestalinnen zukommendes 
Kleidungsstück, und nicht vielmehr nur dem Namen nach von jenem 
Schleier verschieden ist, den jede verheirathete Frau beim Opfer oder 
auf der Strafse zu tragen hatte.3) Ein Bildwerk hatte ich mir schon 
vor langer Zeit wegen seiner Aehnlichkeit mit dem capitolinischen 
Altar angemerkt: es ist ein Altar des Casino der ViUa Borghese, auf 
dessen einer Seite eine Priesterin einen dem der Claudia gleichen, nur 
nicht zugeknüpften Schleier trägt, also grade einen solchen, wie wir 
ihn jetzt an einer Vestalin kennen. Und doch ist diese Priesterin 
wohl nicht eine Vestalin; wenigstens wüfste ich nicht, wie zu einer 
solchen der auf der Gegenseite dargestellte Hirsch in Beziehung zu 
setzen wäre. Ist die inftda mit den vittae den Vestalinnen eigen? 
Beides wird auch Opferthieren zukommend genannt und zahlreiche 
Bildwerke zeigen uns die Stirn des Opferstiers mit einer Binde um- 
wunden, während zu beiden Seiten Bänder herabhängen. Aber aller* 
dings lehren uns sowohl die oben angeführte Nachricht, dafs die infula 
der Vestalinnen diademartig die Haare umschliefse, als die neugeftinde- 
nen Statuen eine besondere Gattung dieser Binde kennen. Wir müssen 
die Kleidung dieser Statuen näher ins Auge fassen. 

Von den neugefundenen ii Statuen lassen noch 8 ein sicheres 
Urtheil über die Gewandbehandlung zu, dazu kommen 3 Köpfe, welche 
bereits publicirt sind.4) Ueber einem bis zu den Füfsen reichenden 
Untergewande, das die Brust deckt und unmittelbar unterhalb derselben 
durch einen bandartigen dünnen Gürtel, der in der Mitte geknotet ist, 
zusammengehalten wird, liegt ein mantelartiges, weites Obei^ewand. 
Dieses ist in drei Fällen von hinten über den Kopf gezogen, so jedoch, 
dafs es nur das Hinterhaupt bedeckt, zieht sich unter dem rechten 



>) Ich beziehe mich auf meine Anmerkung zu Preller 2, 58. 
>) S. Amtzen zu den Viri illustres 46, 3. 

3) Neuerdings wieder behandelt von Heibig, Sitzungsberichte der MUnchener Ak. 
(phil. bist. Kl.) 1880, 523. 

4) Bei Lanciani l'atrio di Vesta T. XVm, 1-3. 



2l8 

hoch vorgestreckten Arm in breiten Falten quer über den Leib und 
hängt mit seinem Zipfel über den linken niedriger vorgestreckten Arm 
herab. Nur die schon angeführte Statue hat statt dessen das suffi- 
buhtm, über das Oberkleid herabhängend, auf dem Kopfe. Die Füise 
sämmtlicher Statuen, an denen sie erhalten sind, sind mit Schuhen 
{Calcet) von weichem Stoffe bekleidet, welche die Form des grofsen 
Zehen hervortreten lassen, die der übrigen nicht: sie machen den Ein- 
druck dicker Strümpfe; wo die Spitze frei hervortritt, fehlt jede An- 
deutung einer Sohle. Was den Kopfschmuck anlangt, so ist allen vier 
Statuen, deren Köpfe erhalten sind, sowie den einzeln gefundenen 
Köpfen gemeinsam, dafs sie eine breite Binde tragen, welche das Haar 
zum gröfseren Theil verhüllt, und zwar so, dafs unterhalb der Binde 
nur ein schmaler Streifen desselben, zu beiden Seiten des Scheitels in 
glatten Streifen nach rückwärts gezogen, hervortritt, oberhalb, auf der 
Mitte des Schädels das Haar bis rückwärts, wo der Schleier aufsetzt, 
freiliegt, oder es erreicht der Schleier auch die Binde und zieht sich 
darüber. Diese Binde ist auf der Scheitellinie breit und wird nach 
rückwärts gleichmäfsig schmaler. Sie besteht aus mehreren parallel 
laufenden Bändern: an einer der wohlerhaltenen Statuen und einem 
der Köpfe zeigen sich die Bänder deutlich als dicke, rundliche, spiral- 
förmig gewundene Streifen, sechs an der Zahl, bei den andern ist die 
Form zwar im Ganzen übereinstimmend, aber weniger charakteristisch 
dargestellt; auch zählt man dort, wenn ich recht notirt habe, nur vier 
bis fiinf Streifen, weil der Schleier sich darüber legt. Nicht gemeinsam 
ist ihnen ein zweiter Schmuck: zwei Bänder, welche von der be- 
schriebenen Binde ausgehend hinter den Ohren herab bis auf den Hals 
hängen. Von den Statuen, deren Kopf erhalten ist, tragen nur zwei 
diese Bänder, an einer dritten kopflosen sind die unteren Enden der- 
selben erhalten. Offenbar haben die Verfertiger der Statuen sich eine 
gewisse Freiheit genommen, deren Berechtigung darin liegen mag, dafs 
die Vestalinnen zwar die Haarbinde immer, den selbständigen Schleier 
und die Bänder nur bei bestimmten Gelegenheiten getragen haben. Er- 
innern wir uns nun des oben angeführten Zeugnisses des Servius, so 
sehen wir deutlich, dafs es die c diademartige Binde», die croeist 
breit, meist gewunden aus weifs und Scharlach» ist, sehr genau be- 
schreibt. Sie besteht offenbar aus sechs spiralförmig gewundenen 
dicken Wollenstreifen, welche jedenfalls in Natur, wie noch jetzt im 
Marmor, mit ebensoviel gewundenen und horizontal über das Vorder- 
haar laufenden Haarflechten die gröfste Aehnlichkeit hatten. Ich bin 
daher def Meinung, dafs im Volksmunde diese Binde eben desw^en 



219 

den bisher nicht erklärten Namen c sechs Flechten» führte und daüs 
— wie begreiflich — die 2^ahl nicht zufallig, sondern ein Sinnbild der 
Sechszahl des CoUegiums war.') — Man wird auch die Schuhe und 
ihre Form fiir uralt halten dürfen, und sicher hat es für Stoff und 
Form derselben eine Ritualvorschrift gegeben, wie für die cSchuhe 
oder Sohlen» der Flaminica:^) aber sie ist verloren gegangen. 

Was sonst an Schmuck erhalten ist, darf als mehr oder minder 
zufallig, nicht rituell oder spät betrachtet werden. Dahin gehört 
namentlich das an an einem breiten gefalteten Halsbande getragene 
brochenähnliche Kleinod, in Relief sehr deutlich dargestellt an der 
Statue mit suffiiulum, vielleicht das spätere Abzeichen der virgines 
maxinuujS) An einer andern Statue war dieser Schmuck, wie Bohr- 
löcher und Oxydationsreste zeigen, aus Metall aufgesetzt. An einer 
dritten sieht man Reste eines solchen Metallzierraths an dem über den 
linken Arm gehängten GewandzipfeL — Es ist schade, dafs wir nicht 
wissen, was die ausgestreckten Hände der Vestalinnen hielten oder ob 
sie etwas hielten. Fast sollte man meinen, sie seien adorirend auf- 
wärts gestellt gewesen. Nur an einer Statue sind die Hände erhalten: 
abweichend von den übrigen ist die linke abwärts gestreckt; sie hält 
Aehren, die rechte das Gewand. Aber freilich, ist auch dies eine 
Vestalin? Der Kopf fehlt. 

In dem kreisrunden Unterbau des Tempels, in der unmittelbaren 
Nähe des Vestalinnenhauses sind uns werthvoUe Ueberreste des ur- 
sprünglichen Zustandes selbst in diesen Formen des 2. und 3. Jahr- 
hunderts erhalten : werthvoUer noch sind jene Abdrücke des primitiven 
Ritualgesetzes, das brunnenlose Wasserbecken im Vestalinnenhause 
und die uralte Haarbinde der Statuen. Wenn zur Zeit des Septimius 
Severus Terentia Flavola, oder in der Zeit des letzten Kampfes um das 
heilige Feuer Coelia Concordia in diesem Schmucke die Stufen ihres 
Klosters, die wir stark ausgetreten vor uns sehen, hinabstieg und 
wenige Schritte von da die ebenfalls, wenn auch zertrümmert erhaltene 



>) Die einzige Stelle, welche davon spricht, ist die des Festus S. 393a: senis 
crifuhu nubentes omantur quod is (Ais die Hs.) omaius veiustissimus fuii: quidam qwyd 
eo vestales virgines omtniur, quamm autiiatem viris suis sponde {sponoe die Hs.) arU .... 
a ceieris (?). Mir scheint es klar, dafs die Bräute die alte Jungfraaenhaartracht an- 
legen, und da(s diese bei den Vestalinnen in dem das Haar nachahmenden Wollendiadem 
zur heiligen Tracht geworden war. Erst unsere Statuen haben uns diese Tracht genau 
kennen gelehrt: daher irrten darüber die andern, so auch Heibig, a. Q. S. 515. 

s) Festus 161 = Serv. Aen. 4, 518. 

3) Lanciani Tatrio di Vesta S. 30. 



:220 

Treppe des Rundtempels hinauf, indessen die Menschen an ihr vorüber 
zwischen Forum und Sacra via hin- und wiederfiutheten, so wird der 
Gegensatz zwischen jener Gestalt aus den Tagen König Numas und 
der modernen Gesellschaft kaum geringer gewesen sein, als wenn im 
heutigen Rom das Ordenskleid zwischen den koketten Gestalten der 
Paini einherschreitet Und in dem Verhalten beider Gegensätze zu 
einander zeigt sich die ungeheure Gewalt, die eine durch Jahrhunderte 
festgehaltene, einfache Form einer verständlichen und wohlthätigen 
religiösen Idee über das Chaos des ephemeren Menschenlebens übt. 



XYIIl. 



KARL PURGOLD 



Olympische Weihgeschenke. 



Die seit Jahren geführten Discussionen über die Authentidtät des 
Pausanias haben sich seit einiger Zeit fast ausschliefslich auf die Be- 
urtheilimg seiner Beschreibung 01ympia*s gerichtet, nicht nur weil 
dieselbe einen der interessantesten Bestandtheile seines Werkes bildet, 
sondern noch mehr, weil durch die Wiederaufdeckung Olympia's hier 
ein Material zur Controle des Schriftstellers gewonnen worden ist, wie 
es an keinem anderen Orte Griechenlands in diesem Umfang vorliegt 
Um so mehr erscheint es mir als die Aufgabe derjenigen, denen die 
wissenschaftliche Bearbeitung der olympischen Funde anvertraut ist, 
dieses Material zur Untersuchung einer für unsere Kenntnifs des alten 
Griechenland so wichtigen Frage mit möglichster Vollständigkeit und 
Genauigkeit zur Verfügung zu stellen und vor allem die Berührungs- 
punkte nachzuweisen, welche die thatsächlichen Ergebnisse der Aus- 
grabungen mit der Beschreibung des Periegeten darbieten. 

Die Inschriften, auf deren Gebiet die Mehrzahl derselben sich 
findet, sind auch nach dieser Richtung hin noch keineswegs erschöpft; 
unter denjenigen, welche bisher bei Pausanias identificirt worden sind, 
ist noch mancherlei festzustellen und zu berichtigen, ihre Zahl aber 
läfst sich um etwa den vierten Theil vermehren. Sie setzen uns in 
den Stand, die Ueberreste einer Anzahl der von Pausanias in Olympia 
beschriebenen Weihgeschenk^ wieder zu bestimmen; sie sind die 
sichersten, aber nicht die einzigen Erkennimgszeichen, welche von 
diesen Monumenten auf uns gekommen sind. 

Aus einer gröfseren Arbeit, welche darauf gerichtet ist, Pausanias 
in seiner Beschreibung Olympia's an der Hand des wiedergewonnenen 
Thatbestandes zu folgen, habe ich einige Abschnitte herausgenommen, 
und zwar gerade solche, welche die Bestimmung von Monumenten 
zum Gegenstand haben, deren ursprüngliche Bedeutung sich nicht 
durch das unanfechtbare Zeugnifs einer von Pausanias überlieferten Auf- 
schrift erweisen, sondern nur indirect durch Untersuchimgen anderer 
Art aus seiner Beschreibung wieder erkennen läfst. 



224 

Den hypothetischen Charakter eines Theils derselben habe ich 
mir nicht verhehlt und keineswegs zu verdecken gesucht; vielmehr 
schien es mir grade um seinetwillen besonders wünschenswerth, vor 
einer weiteren Verwendung dieser Combinationen sie Anderen zur Be- 
urtheilung und Nachprüfung vorlegen zu können. 



L 

Einen festen Punkt in der Beschreibung der olympischen Zeus- 
Statuen bei Pausanias (V, 24, 3) bildet die Südostecke des Tempels, 
vor welcher die runde Basis des von den Lakedämoniem geweihten 
Zeusbildes gefunden worden ist, «zu seiner Linken» stand «an der 
ersten Säule des Tempels», also an der Ecksäule desselben im Süd- 
osten, der von Mummius aus der korinthischen Beute gestiftete Zeus. 

Wenn Pausanias von hier weiterhin am Pelopion seine Aufzählung 
fortsetzt, so mufs er vor der Ostfront des Zeustempels herumgegangen 
sein; in dieser Gegend ist daher das dazwischen genannte Anathem 
der Eleer nach dem Arkaderkrieg, das grösste aller ehernen Zeus- 
bilder in der Altis, zu suchen. 

Ich glaube, dafs uns das Mittelstück seines Bathrons in dem 
grofsen, vor der Ostfront gefundenen Conglomeratstein») erhalten ist, 
welcher die Arch. Zeitg. 1876, S. 219 unter No. 22 publicirte Inschrift 
trägt: 



FAAEinN 

p ^p 1 A^ 






i) Er liegt innerhalb der östlichen der 3 hemikyklischen Basen an der Nordseite der 
Ostfront und war nicht in die byzantinische Mauer yerbant. Ein anderer, nach dem 
Material und den genau Übereinstimmenden Mausen dacu gehöriger Block, der auch die* 



2^5 

Es ist dies ein 1,33 hoher Basisblock von 0,71 Breite und 0,41 Dicke, 
der trotz des an den aufrechtstehenden Kanten vortretenden Randes 
rechts und links Anschlufsfläche zeigt. Die Vorderseite der Basis, die 
somit merkwürdiger Weise in stehende Felder oder Streifen getheilt 
war, hatte also, da wir an jeder Seite mindestens noch einen solchen 
Block voraussetzen müssen, nicht weniger als 2,13 Meter Breite, viel- 
leicht aber bei weitem mehr. Die obere Platte, welche in 2 Löchern 
auf der Oberfläche unseres Blocks befestigt war, mufs mit ihren vor- 
tretenden Profilen mindestens gegen 3 Meter breit gewesen sein und 
die Höhe der ganzen B^sis mit dem oberen und unteren Profilblock 
etwa 2 Meter .betragen haben. 

Wir gewinnen damit das Bathron eines colossalen Anathems, das 
nach der Inschrift die Eleer jj^qI oikovoiaq*' geweiht haben. Aufser 
einigen Ehrenstatuen, welche hier nicht in Betracht kommen, finden 
sich unter den von Pausanias genannten Monumenten nur 2 Stiftungen 
der Eleer: die Athenastatue des Nikodamos, welche ebenfalls in dieser 
Gegend gestanden haben mufs, und das Weihgeschenk nach der 
Arkaderschlacht. Für das letztere, ein 27 Fufs hohes, ehernes Zeus- 
bild, ist unser Bathron mit seinen gewaltigen Dimensionen als ganz 
besonders geeignet zu betrachten. 

Die Zeit der Inschrift hat Dittenberger, der sie in der Arch. Ztg. 
herausgab, besonders wegen der Beibehaltung des Digamma im Anlaut 
des Namens auf das 4. Jahrhundert bestimmt;^) nehmen wir dazu 
noch die unregelmäfsigen , alterthümlich anmuthenden Formen der 
Buchstaben, besonders des Ny*), so werden wir nicht über die erste 
Hälfte dieses Jahrhunderts damit herabgehen dürfen. 

In diese Zeit nun fallt grade das Ereignifs, das wie kein anderes 



selben Ränder an den Langseiten zeigt, vielleicht einer der an den Inschriftstein seitlich 
anstofsenden Blöcke von der Vorderseite des Bathrons ist wie mancher andere von der 
Ostfront verschleppt worden und liegt jetzt 6 Schritt vor der SUdostecke des Heraion. 

i) Das Vorkommen des F auf der Weihinschrift eines Monuments wird mit der 
Beibehaltung dieses Zeichens auf den Münzen von Elis nicht in eine Linie gestellt werden 
können, da es auf diesen bis weit über die Zeit seines wirklichen Gebrauchs hinaus typisch 
geblieben ist — ebenso wie auf den zahlreichen in Olympia gefundenen runden Bronze- 
marken (Arch. 2>itg. 1S78, S. 180, No. 213). Das auf den Münzen von Korinth bis in 
späte Zeit beibehaltene Koppa wird in einer korinthischen Weihinschrift von Olympias 81 
schon nicht mehr im Stadtnamen verwendet 

3) Die archaische Form des P, welche die Publication in der Arch. Zeitg. am Schlufs 
der Inschrift zeigt, beruht nur auf einer Verletzung des Steins an dieser Stelle, dessen Ober- 
fläche von ausgewitterten Adern durchfurcht ist. Die an den Enden verdickten Linien 
der Buchstaben sprechen nicht gegen diese Ansetzung der Inschrift; es sind mir einige 
Beispiele davon bekannt, welche noch dem 5. Jahrh. angehören. 

15 



226 

den Gottesfrieden Olympia^s und die Eintracht der dort sich ver- 
sammelnden griechischen Stämme gestört hat, der Krieg mit den 
Arkadern, nach dessen Beendigung die Eleer das von Pausanias er- 
wähnte Weihgeschenk vor dem Zeustempel aufstellten. 

Der Zusatz jjnegl OfwyaiaQ'' als Grund der Weihung wird kaum 
eine passendere Motivirung finden können, als durch die Ereignisse 
dieses Krieges, der nach der gewaltsamen Occupation Olympia's und 
der widerrechtlichen Feier der Spiele durch die Pisaten mit einer fried- 
lichen Lösung und der Wiederherstellung des früheren Rechtszustandes 
endete. Nicht der momentane Erfolg der . Eleer oder die spätere 
Wendung des Krieges führte zu diesem Resultat, sondern die religiösen 
Bedenken, die sich unter den Arkadem geltend machten und eine 
Spaltung unter ihnen zur Folge hatten, veranlafsten sie freiwillig durch 
Vertrag das olympische Heiligthum seinen rechtmäfsigen Besitzern 
wieder herauszugeben, i) 

Diesem Hergang entspricht es, dafs die Eleer ihr Weihgeschenk 
nach dem Kriege nicht in der sonst üblichen Form als ein Anathem 
aus der den Feinden abgenommenen Beute, sondern vielmehr als ein 
Denkmal der wiederhergestellten Eintracht bezeichneten. 

Auch die auffallende Form der Widmung durch den einfachen 
Genitiv erklärt sich aus diesen Umständen, unter welchen es den 
Eleern darauf ankommen mufste, hier vor allem ihren Namen als den 
der rechtmäfsigen Inhaber von Olympia nachdrücklich hervorzuheben. 
Vielleicht hatten die Pisaten ein, wenn auch nur provisorisches Denkmal 
ihrer Olympiadenfeier in der Altis hinterlassen, das die zurückkehren- 
den Eleer beseitigten, wie sie auch jene Olympiade selbst als nicht 
gefeiert in ihren Annalen übergingen. Dasselbe Bestreben, die Er- 
innerung an die fremden Eindringlinge zu verwischen, wird nun 
auch die Eleer bestimmt haben, auf dem von ihnen gestifteten 
Monument den Namen ihres Stammes mit besonderer Betonung 
voranzustellen. 

Als Entstehungszeit dieses Denkmals ist demnach das Ende von 
Olympia, 104, oder wahrscheinlicher der Anfang der folgenden anzu- 
nehmen, und die damit gewonnene, genauere Datirung der Inschrift 
ist um so erwünschter, als sich an dieselbe eine kleine Gruppe anderer, 



>) Xenophon Hellen. VIT, 4, 35. rov rt ya^ U^ov tov Jio^ n^ittcraym oMlv nf^ 

oUaS'at fAakkov uv oSna /«^»C^a^^a». ßovlofjLivtav dt tuvra xai rtiy 'BlUtay, iMi^ 
dfufoti^o^s tiQ^ytiy notiiaaa&at' xai iyiyoyro anoydai* 



durch ihre Schriftformen und sonstige äufsere Merkmale als gleichzeitig 
anschliefsen läfst, deren Besprechung an dieser Stelle jedoch zu weit 
fuhren würde. 

IL 

Ein anderes Werk, das nur in der Beschreibung des Pausanias er- 
halten ist und hier bisher eine verschiedene Beurtheilung erfahren hat, 
möchte ich versuchen, als eine Stiftung derselben Zeit nachzuweisen. 

Bei Gelegenheit des Heiligthums des Sosipolis erzählt er (VI, 20, 
4 u. 5) die wunderbare Geschichte von der Sendung dieses « Dämon > 
zum Beistand der Eleer gegen die Arkader, eine jener frommen 
Legenden von sichtbarer göttlicher Hülfe in Kämpfen historischer Zeit, 
wie die bekannten Erzählungen von der Schlacht bei Marathon und 
dem Galliereinfall in Delphi, die wir ebenfalls Pausanias verdanken. 

Die Eleer weihten dem Sosipolis in ihrer Hauptstadt ein Heilig- 
thum neben dem der Tyche (VI, 25, 4), in welchem er in einem Ge- 
mälde dargestellt war: natg fdy ijhidaVj äiknix€%a$ di xhxiAvda TWtxllfp^ 
vno äütiQoav, r^ xe^Q^ ^^ ^X^ '^fl i^^Q^ ^o xigccg ri^g lAfMxk&slag, und 
ein anderes am Schauplatz seiner wunderbaren Erscheinung, in Olympia 
am Kronion, in welchem er mit Eileithyia zusammen verehrt wurde. 
Aber sollten sie hier nicht auch eine Statue zu seinen Ehren errichtet 
haben? 

Wenn wir sehen, wie noch beinahe 100 Jahre später der Beistand 
des Gottes zur Errettung seines Heiligthums von den Stämmen, welche 
an dem Si^e über die Kelten bei Delphi theilgenommen hatten, in 
einer Reihe glänzender Kunstwerke verherrlicht wurde, so werden wir 
gewifs die Frage aufwerfen dürfen, ob in der Blüthezeit der griechischen 
Kunst in Olympia, das die griechischen Staaten im Wetteifer mit 
ihren Götterbildern ausschmückten, ein derartiges Ereignifs vorüber- 
gehen konnte, ohne dafs die Eleer, die Herren der Stätte, die Gott- 
heit, welche sie im Besitz derselben geschützt hatte, auch künstlerisch 
verewigten. 

Sosipolis war ein Knäblein, das seine Mutter noch an der Brust 
trug, als sie es in Folge eines Traumgesichtes den Eleern als Beistand 
in der Kriegsgefahr überbrachte. Diese glaubten seiner göttlichen 
Sendung und setzten es vor ihr Heer, wo es sich beim AngfrifT der 
Feinde in eine Schlai^e verwandelte und die Arkader, durch dies 
Wunder erschreckt, zur Flucht wandte. Die Worte, mit denen Pau- 
sanias die Situation schildert, in welcher das Kind die Eleer rettete: 

15* 



2^8 

Ti^ia(U v6 Tuxkdtov n{g6 tov iUQixrevfMXTog yvinyoyj scheinen mir nicht 
zufällig mit der Beschreibung einer im Heraion aufgestellten Statue 
übereinzustimmen (V, 17, 4): fwudiov di inixQtxfoy xadfjrcu y^^v tz^ 

Wenn wir in dieser Statue, wie ich glaube, ein Bild des Sosipolis 
zu erkennen haben, so gewinnen wir damit zugleich ein werthvoUes, 
weil unbeabsichtigtes Zeugnifs dafür, dafs Pausanias in seiner Beschrei- 
bung Olympia^s und der Erklärung dessen, was er dort sah, in der 
That, wie er selbst oft genug andeutet, von lokaler Ueberliefening 
und mündlicher Exegese abhängig war, die er hier und da durch 
eigene Combination zu ergänzen oder zu berichtigen versucht. Eine 
solche an Ort und Stelle durch die Führer gebotene und daher natur- 
gemäfs von allerlei Zufälligkeiten abhängige Erklärung aber konnte 
sehr wohl an einem oder dem anderen Punkte einmal ausbleiben und 
den Besucher im Stich lassen. Auf diese Weise erklären sich manche 
Lücken in der Exegese des Pausanias, die er nicht immer durch eigene 
Vermuthung auszufüllen vermochte und die bei systematischer Aus- 
nutzung der älteren periegetischen Literatur schwer verständlich sein 
würden. 

Eine solche aber findet sich gerade in der Beschreibung des 
Heraion-Inneren nochmals, gleich im Eingang, wo er neben dem Cult- 
bild der Hera eine andere, neben ihr stehende Figur erwähnt, bärtig, 
mit Helm, ohne sie benennen zu können, fiir deren Erklärung auch 
wir daher nur auf Vermuthung angewiesen sind.^) Doch glaube ich, 
dafs sich die Bedeutung dieser vielbesprochenen Statue noch mit 



i) Die von Furtwängler (Bronsefunde aus OL S. 31 Anm.) aufgestellte Vermuthung, 
dafs es «eine menschliche Votivstatue als Krieger» gewesen sein möge, ist deshalb nicht 
anzunehmen, weil sie ganz sicher mit den beiden vorhergenannten Bildern des Zeus und 
der Hera zusammengehört. Es folgt das nicht nur aus den Worten des Pausanias, sondern 
auch aus der Form des Bathrons, das im Hintergrunde der Heraioncella erhalten ist und 
diese dem ältesten Cultus Olympla's geweihte Gruppe trug. Dasselbe ist gegenwärtig 
etwas über 4 Meter lang und über n/« Meter tief erhalten, und obwotil die Rück- und 
Seitenflächen jetzt unvollständig sind, so mufs seine Form doch immer eine oblonge ge- 
wesen sein, selbst wenn es — was gewifs nicht der Fall war — bis zur RUckwand der 
Cella gereicht hätte; fUr 3 Figuren in fast doppelter Lebensgröfse, von denen die mittlere 
safs, ist es seinen Dimensionen nach vollkommen geeignet. — Aus denselben Gründen 
ergiebt sich aber auch, dafs die andere Vermuthung Furtwänglers, nach welcher er das von den 
Kypseliden geweihte goldene Zeusbild an erster Stelle hier einsetzen will, ebensowenig 
annehmbar ist, da dasselbe unmöglich zu diesen Ij^a anla gehört haben kann, ein Aus- 
druck, den Furtwängler selbst mit Recht aus dem einfachen Material dieser altertbUmlichen 
Mergelkalk-Bildwerke erklärt. Vielmehr gehört dieser Zeuscolofs der Kypseliden gerade 
zu den zahlreichen Belegen dafür - was man umsonst in Abrede zu stellen sucht — ^ 
dafs Pausanias n'chts beschreibt, was zu seiner Zeit nicht mehr vorhanden war. 



229 

einiger Sicherheit bestimmen läfst, wenn wir uns vergegenwärtigen, 
dafs zur Zeit dieser Bildwerke das Heraion der einzige Tempel 
Olympia's war, das einzige Heiligthum also, in welchem die Bilder der 
in Olympia in ältester Zeit zusammenverehrten Gottheiten in bedecktem 
Raum aufgestellt werden konnten. Wenn wir hier also neben der 
thronenden Hera, die damals wohl noch nicht die alleinige Inhaberin 
des Tempels war, einerseits Zeus dargestellt finden, so ist auf ihrer 
anderen Seite Pelops zu erwarten, cder unter den Heroen in Olympia 
die gleichen Ehren bei den Eleern geniefst wie Zeus unter den Göttern t 
(Paus. V, 13, i). Die Beschreibung pafst für diesen vollkommen — 
wir würden somit die gesammten Elemente des ursprünglichen olym- 
pischen Cultus hier beisammen finden, wie es unter jenen Bedingungen 
nicht anders vorauszusetzen ist. Zu Pausanias' Zeit dagegen war die 
ursprüngliche Einfachheit dieser Verhältnisse unter der Fülle anderer 
Monumente, zum Theil der besten griechischen Zeit, so verdunkelt, 
dafs es nicht zu verwundem ist, wenn er die ihrem Aeufseren nach 
wenig significante Figur, die er beschreibt, nicht auch erkannte. 

Es scheint mir daraus hervorzugehen, dafs Pausanias in der Cella 
des Heraion wirklich sich selbst überlassen war und nur diejenigen 
Statuen benennt, die er entweder selbst erkannte, oder die er bei 
seinen späteren Nachforschungen über die Künstler der dort aufge- 
stellten Werke mit Namen bezeichnet fand. Die nachträgliche Ver- 
wendung persönlicher und literarischer Erkundigungen über die Ge- 
schichte der Künstler wie über manches Andere kann Niemand be- 
zweifeln, in unserem Fall ist sie aus den hier gehäuften Angaben über 
Schul- und Familienverhältnisse der Künstler, welche die archaischen 
Goldelfenbeinstatuen fiir das Heraion arbeiteten, ganz besonders 
deutlich. 

Den Namen des Boethos dagegen, der jene Kinderstatue verfertigt 
hatte, wird er aus der Künstlerinschrifl des Werkes entnommen haben, 
während es durchaus nicht auffallend ist, wenn er für die Benennung 
desselben keinerlei Anhalt auf ihm fand. Die Aufschriften auf Götter- 
bildern nennen in der Regel die Gottheit, der die Statue geweiht war, 
welche häufig genug mit der dargestellten identisch ist (wie z. B. bei 
dem Hermes des Glaukias, Arch. Zeitg. 1881, S. 83 No. 384); aber bei 
einem im Heiligthum einer anderen Gottheit aufgestellten Agalma ist 
eine erklärende Beischrifl kaum zu erwarten. 

Der Mangel einer Benennung dieser Kinderfigur von Seiten des 
Pausanias, der sich, wie mir scheint, aus den angegebenen Gründen 
zur Genüge erklären läfst, hat zu der Annahme gefuhrt, dafs dieselbe 



230 

überhaupt keine in3^hologische Bedeutung gehabt habe und somit als 
Genrebild betrachtet werden könne;') aber selbst in vorgerückterer 
griechischer Zeit. pflegte man dergleichen Darstellungen noch nicht in 
Tempeln aufzustellen. 

Andererseits ist leicht zu sehen, dafs fiir ein Bild des Sosipolis in 
Olympia kein anderer Aufstellungsort mit mehr Wahrscheinlichkeit an- 
genommen werden kann, als grade das Heraion. Sein eigenes Heilig- 
thum war nur der Priesterin zugänglich und darum zu diesem Zweck 
nicht geeignet; es lag am Kronoshügel, an der Stelle, an welcher der 
Dämon in Schlangengestalt verschwunden sein sollte; wenn man somit 
auf die Sage Gewicht legte, so mufste zur Aufstellung seiner Statue 
das am Fufse des Kronion gelegene Heraion zunächst in Betracht 
kommen, zumal da es nach einer treffenden Bezeichnung «mehr Museum 
als Tempel > war. 

Die Hauptsache aber scheint mir dabei, dafs wir mit dieser Er- 
klärung der räthselhaften Kinderflgur eine Datirung für dieselbe ge- 
winnen, durch welche sie den beiden anderen Werken, die neben ihr 
ein späterer Zeit» in das Heraion geweiht wurden, auch zeitlich an die 
Seite rückt, nämlich dem Hermes des Praxiteles, dessen Künstler 
Plinius grade in Olympias 104 ansetzt und der Aphrodite des Kleon, 
welcher 6 Olympiaden früher eine der Zanesstatuen für Olympia 
arbeitete. Wenn auch in den Worten, mit welchen Pausanias nach 
Beschreibung der alterthümlichen, in der Heraioncella aufgestellten 
Götterbilder zu diesen 3 Werken übergeht: XQ^^V ^^ wttBQOV xa» aiXa 
äyi&€(fap ig ro 'HgaTaVj kein directer Anhalt dafür gefunden werden 
sollte, dafs wir hier eine Gruppe gleichzeitig geweihter Statuen vor 
uns haben, so ist das doch aus anderem Grunde anzunehmen. 

Die Aufstellung gröfserer Anatheme im Innern einer Tempelcella 
ist mit der architektonischen Anordnung und den räumlichen Dis- 
positionen derselben so eng verknüpft, dafs man, auch abgesehen von 
der Heiligkeit des Orts und der daraus hervorgehenden religiösen Scheu, 
hier weniger leicht Veränderungen vorgenommen haben wird, als an 
anderen Orten, selbst als z. B. im Pronaos; am wenigsten aber wohl 
zu Gunsten eines einzelnen, weder durch seinen Stifter noch durch 



i) Diese Auffassung Overbeck's ist hervorgegangen aus dem Wunsch, eins der be- 
kanntesten Genrebilder, den kapitolinischen Domauszieher, mit diesem Werke des Boethos 
zu identifiziren. Dagegen scheint mir aufser manchem Andern schon der Ausdruck des 
Pausanias zu sprechen, denn ich glaube kaum, dafs er den schlanken, halberwachsenen 
Knaben als naidiot^ bezeichnet haben wUrde; nennt er doch den in ungefähr gleichem 
Alter befindlichen Knaben im Westgiebel des Zeustempels, den der Kentaur gcfafst hält, 
schon naida vi^iuoy» 



231 

seine Darstellung besonders ausgezeichneten Werkes, wie es bei 
der bisherigen Annahme mit der Statue des Boethos der Fall 
sein würde« 

Es ist daher natürlich, dafs man Umstellungen und Neuaufstellungen 
von Statuen innerhalb eines Tempels möglichst bei Gelegenheit von 
baulichen Veränderungen oder Ausbesserungen des Gebäudes vorzu- 
nehmen suchte. 

So steht die Aufstellung der römischen Kaiserstatuen, welche 
Pausanias im Innern des Metroon Sah und die dort zum Theil wieder 
aufgefunden worden sind, in Verbindung mit dem völligen Umbau 
dieses Gebäudes im Beginn der Kaiserzeit') 

Ebenso ist in der Cella des Heraion durch Dörpfelds Beobach- 
tungen*) eine durchgreifende Veränderung der inneren Disposition 
constatirt worden und wir werden einen Zusammenhang derselben mit 
der Neuaufstellung der «in späterer Zeit» in das Heraion geweihten 
Kunstwerke um so eher annehmen müssen, als von dem einen unter 
diesen, dem Hermes des Praxiteles, noch sicher zu erkennen ist, dafs 
er mit Rücksicht auf die neue Anordnung der Tempelcella aufgestellt 
wurde. 3) 

Dazu kommt, dass gerade in dem Zeitraum, in welchem dies 
ungefähr geschah, die historischen Begebenheiten und die Schicksale 
Olympia's während derselben eine architektonische Erneuerung des 
Tempels nothwendig machen mufsten. 

Die Besetzung Olympia's durch die Arkader, die Befestigung des 
Kronion und der Altis, vor allem aber der im Innern des Heiligthums 
selbst geführte Kampf, bei welchem die Mauern und Tempel als Ver- 
theidigungspunkte benutzt und durch über Nacht aufgeführte Ver- 
schanzungen verstärkt wurden 4), — dies alles hat ohne jeden Zweifel 
zahlreiche und tiefgehende Verwüstungen mit sich gebracht, denen 
gerade das Heraion durch seine Lage am meisten ausgesetzt war, so- 
wohl als Bollwerk am Fufse des zur Festung umgewandelten Kronos- 
hügels, wie als Hauptziel des Angriffs der Eleer, welche von der 



i) Ausgrabungen von Olympia im. S. 33. 

») Olymp. Berichte No. 40. Arch. Zeitg. 1880, S. 47 f. 

3) Der in situ erhaltene Unterblock der Hermesbasis steht genau in der Mitte 
zwischen a der Innensäulen, welche bei dieser neuen Anordnung im Innern der Cella 
angebracht wurden, dagegen aufser Verhältnifs zu der durch vortretende Wandpfeiler ge- 
bildeten Nischeneintheilung des Cella-Inneren, die zu der ursprünglichen Anlage des Heilig- 
thums gehört 

4) Vgl. di^ SrzjOaung bei Xenoph. Hell. VII, 4, 14 u. 28 ff. 



232 

Westaltismauer her die Vertheidiger bis zum Zeusaltar zurückdrängten. ') 
Eine der ersten Angelegenheiten der Eleer, nachdem ihnen der Besitz 
des Heiligthums zurückgegeben war, mufste es daher sein, die Spuren 
dieses Kampfes möglichst zu verwischen und die Schäden, die er hinter- 
lassen hatte, wieder herzustellen. 

Ebenso waren aber auch Lücken in dem künstlerischen Inventar 
der Tempel auszufüllen, denn gerade die Beraubung der olympischen 
Tempelschätze spielt in der weiteren Entwicklung der Ereignisse 
eine ganz besondere Rolle. ^) Unter den U^ X^H'^^^j deren wider- 
rechtliche Verwendung der Grund zur Spaltung unter den Arkadern 
wurde, sind ganz gewifs nicht nur die etwa vorhandenen Vorräthe an 
gemünztem Gelde, sondern vor allem die Schätze an kostbaren Ge- 
räthen und Kunstwerken zu verstehen, welche den Hauptreichthum der 
olympischen Heiligthümer ausmachten. Und auch in dieser Hinsicht 
mufs neben den Schatzhäusern wiederum das Heraion am meisten 
mitgenommen worden sein, da es von jeher zur Aufbewahrung gerade 
der dem Material nach werthvollsten Kunstschätze diente. Das ist 
selbst zu Pausanias' Zeit aus dem Ueberrest alter Gold- und Elfenbein- 
sculpturen und anderer Werthstücke, den er darin noch vorfand, er- 
sichtlich; auch die in späterer Zeit aus dem Megareerschatzhaus und 
dem Philippeion entfernten kostbaren Kunstwerke hatte man hier unter- 
gebracht. Vielmehr noch aber tritt es in dem bei Athenäos3) erhaltenen 
Fragment des Polemon hervor, in welchem das Heraion neben den 
Thesauren genannt wird und ganz wie diese einen wahren Schatz an 
goldenen und silbernen Geräthen in sich birgt. Auch der goldgetriebene 
Zeuscolofs, den Kypselos nach Olympia gestiftet haben soll, war hier 
aufgestellt, und wenn er zu Pausanias' Zeit nicht mehr dort vorhanden 



i) Es liegt nahe, mit diesem Kampfe in der Altis auch die Kriegerleiche in Ver- 
bindung zu bringen, von deren Auffindung Pausanias (V, 20, 4 u. 5) erzählt. Die That- 
sache ist nicht zu bezweifeln und steht mit den architektonischen Beobachtungen, nach 
welchen das Heraion sein ursprungliches Holzgebälk und das alte Ziegeldach bis zuletzt 
bewahrt hat, in bester Uebereinstimmung. Die Erklärung des olympischen Exegeten aber, 
welche Pausanias Überliefert, scheint weniger unanfechtbar : in dem Kriege der Lakedäinonier 
gegen Elis, auf welchen er verwies, ist eine Schlacht in der Altis sonst nicht bekannt und 
nach Xenophons (Hell. III, 2, 26) Erzählung, nach der man Agis in Olympia opfern liefs, 
auch nicht wahrscheinlich. Auch Pausanias in seiner ausführlichen Erzählung des Krieges 
(in, 8, 3 ff.) weifs nichts von einer solchen ; ihre spätere Erwähnung bei Gelegenheit der 
Statue des Lichas (VI, 2, 3) wird daher ebenfalls auf den Irrthum des olympischen Exe- 
geten zurückzuführen sein, der vielleicht durch das in der Altis aufgestellte Tropaeon 
über die Lakedämonier (V, 27, il) veranlafst war. 

>) Xenoph. Hell. Vü. 4. 33 f. 

3) Athenaeus XI. p. 479 F. Preller, Polemon. Fragm. XXII. 



233 

war, so folgt daraus, dafs er bei dieser oder einer späteren Beraubung 
des Tempels entfernt worden ist. 

Das Goldelfenbeinbild des Phidias ist wohl durch die Scheu vor 
seiner religiösen Heiligkeit oder seinem über ganz Griechenland ver- 
breiteten künstlerischen Ruhm vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt 
geblieben; dafs es aber trotzdem in jener stürmischen Zeit nicht ohne 
alle Beschädigung davonkam, scheint aus der Nachricht hervorzugehen, 
nach welcher es von dem Messenier Damophon') duiPt^orog ^ tov 
iXiffoiftag wieder hergestellt worden ist. Denn dieser Künstler, dessen 
Hauptwerke für die neubegründeten Städte Messene und Megalopolis 
bestimmt waren, mufs hiernach gerade in der aufOlympias 102 folgenden 
Periode thätig gewesen sein. 

Nehmen wir alle diese Umstände zusammen, so ist als sicher zu 
betrachten, dafs nach den Ereignissen der tAnolympias» umfassende 
Wiederherstellungsarbeiten und Erneuerungen an den Gebäuden und 
Kunstwerken der Altis, und zwar besonders im Heraion vorgenommen 
worden sind. Und wenn wir nun von der Aufstellung einer Anzahl 
von Statuen in demselben erfahren, welche ihrer Künstler oder ihres 
Gegenstandes wegen gerade dieser Zeit zugewiesen werden müssen, so 
ist der Schlufs gerechtfertigt, dafs sie zu den Werken gehören, mit 
welchen die Eleer nach ihrem Wiedereintritt in den Besitz Olympia's 
die durch die arkadische Invasion beschädigten und theilweise beraubten 
Tempel wieder auszustatten und in den früheren Stand zu setzen suchten. 

Das Ziel, auf welches diese Untersuchung hauptsächlich gerichtet 
ist, besteht in der Gewinnung eines Anhaltspunktes zur genaueren 
Datirung des Hermes des Praxiteles. Denn obwohl die Zeit des Künstlers 
durch Plinius Angabe im Allgemeinen feststeht, so bleibt für die An- 
setzung seiner Werke im Einzelnen doch noch ein so weiter Spielraum, 
dass das Bestreben gerechtfertigt ist, für dieselben auf anderem Wege 
zu einer bestimmten Fixirung zu gelangen. 

Den Hermes hat Brunn aus stilistischen Gründen als eine der 
frühesten Arbeiten des Künstlers bezeichnet, und wenn wir durch unsere 
Untersuchung auf das Ende der 104. Olympiade als die Zeit der Auf- 
stellung des Werkes geführt wurden, so trifft das mit jener Annahme 
überein, da die Angabe des Plinius, welcher Praxiteles gerade in diese 
Olympiade ansetzt, «mehr den Anfang, als das Ende seiner Thätigkeit» 
zu bezeichnen scheint.*) 



>) Paus, nn, 31, 6. 

s) Brunn, KUnstlergesch. I. S. 336. 



234 

■ Zur Begründung dieser Angabe des Plinius verweist Em. Löwy 
in seinen schönen und ergebnifsreichen «Untersuchungen zur griechischen 
Künstlergeschichte» (S. 64) auf die Arbeiten des Praxiteles iiir Mantinea, 
indem er iiir diese die Schlacht bei Mantinea als mafsgebendes Datum 
annimmt. Aber da er selbst nachweist, dafs die historischen Auf- 
zeichnungen, auf welche unsere Nachrichten über Künstlerchronologie 
zurückgehen, aller Wahrscheinlichkeit nach hauptsächlich in Olympia 
entstanden sind (S. 73 ff.), so scheint es mir eine noch einleuchtendere 
Begründung jener Angabe, wenn wir sie auf das in Olympia selbst be- 
findliche Werk des Praxiteles zurückfuhren, dessen Aufstellung mit 
einem historischen Ereignifs von so einschneidender localer Bedeutung 
wie die Anolympias verbunden war. 

Ueberdies war der Hermes nicht das einzige Werk des Praxiteles, 
an welches sich diese Erinnerung knüpfte; im Tempel des Dionysos 
zu Elis war das Bild dieses Gottes ebenfalls von ihm ausgeführt i) 
und wie man die Goldelfenbeinstatuen der Aphrodite Urania und der 
Athena, welche Phidias für Elis arbeitete, mit dem Aufenthalt desselben 
in Olympia in Verbindung bringen wird, ebenso gehören auch die für 
die Eleer gearbeiteten Statuen des Praxiteles gewifs der gleidien Zeit 
des Künstlers an. Dionysos war die von den Eleern am meisten ver- 
ehrte Gottheit und es entspricht ganz dem griechischen Brauche wenn 
sie nach einer glücklich überstandenen Zeit kriegerischer Bedrängnifs 
für das Heiligthum ihres Hauptgottes dessen Bild ausführen liefsen; 
auch der Gegenstand der Hermesgruppe: die Kindheit des Dionysos, 
ist gewifs aus demselben Grunde für das nach Olympia geweihte 
Anathem gewählt worden. 

Mit dieser schon ganz ansehnlichen Reihe von Statuen scheinen 
jedoch die Stiftungen der Eleer nach Beendigung des Arkaderkrieges 
noch nicht abgeschlossen. Das Heiligthum des Sosipolis in Elis (VI, 25, 4) 
befand sich unmittelbar neben dem der Tyche und dafs er dieser auch 
im Cultus nahestand, zeigt das Attribut, welches er auf dem Gemälde 
daselbst in der Hand hielt: das Füllhorn, das von der Tyche auf ihn selbst 
übergegangen ist, bezeichnet ihn wie diese als heilbringende Gottheit 
Da nun die benachbarte Statue der Tyche, welche Pausanias beschreibt, 
ebenfalls dieser Zeit angehört, so ist anzunehmen, dafs sie — und mit 
ihr vermuthlich das ganze Heiligthum — auch aus demselben Anlafs 
gestiftet wurde, wie das des Sosipolis. 

Die Entstehung dieses Bildes in der hier besprochenen Periode 



') PausaQias VL 26, i, 



235 

aber folgt aus seinem Material; es war ein vergoldetes Holzbild, Kopf, 
Hände und Füfse aus Marmor angefügt, eine Technik, die als eine 
Art billigeres Surrogat der Goldelfenbeinsculptur gerade in dieser Zeit, 
in welcher die Traditionen der ersten Kunstblüthe noch einmal auf- 
lebten, angewendet worden ist. Ihr Hauptvertreter ist der messenische 
Künstler Damophon, derselbe, der das Zeusbild des Phidias restaurirte 
und dafür von den Eleern mit Ehren belohnt wurde (Paus. IV, 31, 6); 
es ist daher sehr wahrscheinlich, dafs auch diese Statue der Tyche in 
Elis sein Werk war. 

In Olympia lag das Heiligthum des Sosipolis am Kronion, ober- 
halb der Schatzhäuserterrasse ; an ihrem Fufse wurde der jüngste Tempel 
der Altis errichtet, das Metroon, dessen Erbauung aus architektonischen 
Gründen dem 4. oder 3. Jahrhundert zugewiesen wird. Wenn wir für 
seine Anlage nach einer Zeit suchen, in welcher auch in anderen Ge- 
genden des Peloponnes der Göttermutter Tempel errichtet wurden, so 
werden wir durch die Heiligthümer derselben in Megalopolis und Messene, 
die gewifs bald nach der Begründung dieser Städte in Olym. 102 ge 
stiftet worden sind, wieder auf denselben Zeitraum gefuhrt, dem die 
bisher besprochenen Werke zugewiesen werden mufsten; ihre Statue 
in Messene war eine der bedeutendsten Arbeiten des Damophon. Die 
Vermuthung ist sonach wenigstens möglich, dafs auch das Metroon 
von den Eleern bei der Wiederherstellung Olympia's nach der arka- 
dischen Invasion erbaut wurde. 

Das Bild einer von r^em und ernstem Kunstschaffen erfüllten Zeit, 
das wir hier flir Elis gewinnen, entspricht vollkommen der Periode 
politischer und religiöser Restauration, welche die thebanische Herr- 
schaft flir den ganzen Peloponnes mit sich brachte. 

Neben dem schon älteren Kleon — der Künstler des Zeuscolosses 
ist leider nicht bekannt — tritt Praxiteles als Vertreter einer neuen 
künstlerischen Richtung auf, und dieser Gruppe wird nunmehr auch 
Boethos zuzuweisen sein, der bisher als beträchtlich jünger angesehen 
wurde. Dafs ein Genrebild wie sein Knabe mit der Gans etwa um 
die Mitte des 4. Jahrhunderts recht wohl denkbar ist, scheint mir nicht 
zu bezweifeln; sein drittes bekanntes Werk, Asklepios als Knabe, ge- 
sellt sich zu der Reihe von KinderbUdungen, welche aus dem Kreis 
der zweiten attischen Schule hervorgegangen sind. 

ffl. 

Im Uebergang von der Beschreibung der Zeusstatuen zu der der 
anderen Anatheme (V, 25, i) nennt Pausanias ein aus der römischen 



236 

Colonie Korinth gestiftetes Weihgeschenk, das Ttgog zA fieydltB ycua 
aufgestellt war: Alexander der Grofse in Zeusgestalt. 

Diese postume Verherrlichung Alexanders in römischer Zeit von 
Seiten eines patriotischen Korinthiers scheint aus dem Gedanken her- 
vorgegangen, den Stifter des xoiyw (fwddgtw der Griechen zu Korinth 
als nationalen Helden zu feiern, in fühlbarem Gegensatz zur römischen 
Herrschaft, deren gewaltthätiger Beginn mit der Zerstörung Korinths 
auch durch die spätere Wiederherstellung der Stadt dort nicht vergessen 
gemacht sein mochte. Die Bedeutung dieses Anathems als eine Art 
Protestation des griechischen Nationalgefiihls gegen die von den Rö- 
mern nach der Zerstörung Korinths nach Olympia gestifteten Beute- 
stücke tritt noch mehr hervor, wenn wir uns nach dem Platz um- 
sehen, welchen es am cgrofsen Tempelt eingenommen haben kann. 

Unmittelbar am Zeustempel ist nur an einer Stelle ein angebautes 
Bathron erhalten, an der Nordecke der Ostfront, in dem einspringenden 
Winkel neben der Rampe, und dies entspricht seiner Form und Con- 
struction nach genau den Voraussetzungen ftir die Aufstellung eines 
bedeutenderen Anathems römischer Zeit: erhalten ist der aus Gufswerk 
mit angesetztem Ziegelrand gebildete Kern eines aufsen mit Stein- 
blöcken bekleidet gewesenen grofsen Postaments. 

Für das hier in Rede stehende Weihgeschenk ist dieser Standort 
um deswillen besonders geeignet, weil er hier auch räumlich ein 
Gegenstück bildet zu dem aus der korinthischen Beute gestifteten 
ehernen Zeus des Mummius, der am Südende der Ostfront «an der 
ersten Säule des Tempels t, also genau an der entsprechenden Stelle 
auf der andern Seite der Rampe aufgestellt war. 

Dafs bei aller Unterwürfigkeit und Schmeichelei gegen den rö- 
mischen Machthaber solche Regungen des griechischen Nationalgefiihls 
nicht gefehlt haben werden, ist an sich wahrscheinlich genug und 
ebenso, dafs sich im Laufe der Regierungszeit des einen oder anderen 
Kaisers Momente finden lassen mochten, in denen eine solche verhält- 
nifsmäfsig harmlose patriotische Demonstration ungestraft möglich war. 
Besonders zur Zeit des griechenfreundlichen Hadrian wird das der Fall 
gewesen sein, und dieser 2^it ungefähr gehört das Monument an, in 
welchem wir, wie ich glaube, die Ueberreste jenes Weihgeschenkes zu 
erkennen haben: der «Zeuscolofs», der am 25. Mai 1878 auf dem 
Metroon gefunden i) und im 5. Jahr der Ausgrabungen durch zahl- 



>) «AttsgrabuDgen zu Olympia« m. Taf. XVIII, S. 13. 



237 

reiche gröfsere und kleinere Fragmente aus dem nordöstlichen Theil 
der Altis ergänzt worden ist 

Es könnte unbesonnen erscheinen, eine solche Identification zu 
wagen, wenn wir nicht in diesem Fall durch die ausdrückliche Ver- 
sicherung des Pausanias, alle in der Altis befindlichen Zeusstatuen cauf 
das sorgfältigste» aufgezählt zu haben, berechtigt und gewissermafsen 
verpflichtet wären, auch diese Colossaifig^r, deren Zeustypus unver- 
kennbar ist — es genügt, die auf der folgenden Tafel photographirte 
Statue des Claudius als Jupiter') damit zu vergleichen — unter den 
von ihm angefiihrten aufzusuchen. 

Unter diesen nun findet sich au&er dem schon erwähnten Zeus 
des Mummius und einer andern Statue, die man, ohne dafs sie in- 
schriftlich als solches bezeichnet war, zu den Weihgeschenken des 
Mummius rechnete, ^) sowie jener Statue Alexanders in Zeus- 
gestalt kein anderes Werk, dessen römischer Ursprung sich einiger- 
mafsen wahrscheinlich machen liefse.3) Von jenen beiden aber be- 
zeichnet Pausanias das am Tempel aufgestellte Hauptstück ausdrück- 
lich als Bronzestatue, so dafs für die andere als zugehörig betrachtete 
auch dasselbe Material anzunehmen ist. 

Doch darf ich hier ein anderes Zeusbild nicht unerwähnt lassen, 
das Pausanias, weil es nicht ein der Altis», d. h. im Freien aufgestellt 
war, aufserhalb dieses Zusammenhangs anfuhrt, ebenso wie er dem 
im Innern des Buleuterion befindlichen 2^us 'OgMiog nicht in der topo- 
graphischen Reihe, sondern am Schlüsse derselben nachträglich be- 
schreibt. Im tKarchedonierschatzhaus» (VI, 19, 7) stand ein j,Zevg 
Ik^i&H iktYOi^t und dieser ist in Olympia zuweilen als derjenige be^ 
trachtet worden, mit welchem wir unsere Colossalstatue zu identifidren 
hätten, da ihr Fundort — das Metroon liegt gerade unter jenem 



1) c Ausgrabungen zu Olympia« IIL Taf. XIX. vgl. IUI. S. 13 Anmkg. 

») V. a4. 8. 

3) In den letzten Discussionen über die c Autopsie» des Pausanias ist ihm von einer 
Seite vorgehalten worden, dafs ihn seine Antipathie gegen das Römerthum nicht gehindert 
habe, «die Weihgeschenke des verhafsten Mummius» anzuführen, von der anderen, dafs 
er dieselben keineswegs vollständig aufzähle. Wenn es Pausanias somit nicht gelingt, es 
Allen recht zu machen, so bleibt er doch auch hier seinem einmal angenommenen Grund- 
satz treu, die massenhaft vorhandenen römischen Weihgeschenke in der Altis zu über- 
gehen, au&er wo er durch ein sachliches Interesse — wie hier die Vollständigkeit der 
Aufzählung aller Zeusbilder — genöthigt wird, auch die römischen Anatheme dieser Art 
zu nennen, oder wo ihn die Beschreibung eines Gebäudes dazu führt, auch dessen römi- 
schen Schmuck oder Inhalt zu erwähnen — dazu gehören die Schilde des Mummius an 
der Aufsenseite des Zeustempels -und die Geschenke des Nero im Innern, sowie die dort, 
im MetrooD und Kyrenäerschatzhaus aufgestellten Kaiserstatuen. 



23« 

Schatzhaus — dafür in der That ganz besonders gut passen würde. 
Aber abgesehen davon, dafs wir keinerlei Berechtigung zu der An- 
nahme haben, dafs jene Zeusstatue, welche im Karths^erschatzhaus 
neben einem Weihgeschenk des Gelon aufgestellt war, römischer Zdt 
angehörte, steht dem besonders die Gröfse des Colosses entgegen, der 
ohne Basis ca. 4 Meter hoch gewesen sein mufs. Die von Treu her- 
vorgehobene Unmöglichkeit, ihn in der Cella des Metroon unterzu- 
bringen, gilt daher nur um so mehr dir das noch kleinere Schatzhaus 
der Karchedonier. 

Der Fundort des Colosses «auf dem Südrande des Metroonstylo- 
bats» spricht auch keineswegs gegen seine Herkunft von einem an der 
Nordostecke des Zeustempels aufgestellten Weihgeschenk; der von der 
Ostfront nach dem Heraion verschleppte Block von der Basis des 
Zeus der Eleer z.B. ist kaum minder schwer transportabel als die 
gröfsten Stücke des gewaltsam zersprengten und zerkleinerten Körpers 
unserer Colossalstatue. In jedem Fall aber kann er in die Lage, in 
welcher er gefunden wurde, erst nach Zerstörung des Metroons ge- 
bracht worden sein , d. h. nach der Erbauung der byzantinischen 
Festungsmauer, deren Nordwestecke hart an seinen ursprünglichen 
Standort anstöfst, und über welche er daher bei ihrer Anlage oder 
später herabgestürzt worden sein wird, da er zu ihrer Constniction 
— die byzantinische Mauer besteht durchweg aus Säulentrommeln und 
Quadern — nicht verwendbar erschien. 

Endlich ist für unsere Erklärung dieser Statue noch ein aus dem 
Torso selbst entnommenes Argument anzuführen: der Hals ist vom 
und an der linken Seite hoch genug erhalten, dafs ein Ansatz des 
Bartes noch erkennbar sein müfste, wenn ihr Kopf bärtig gewesen 
wäre. Nun sind uns zwar aus älterer griechischer Zeit eine Reihe von 
unbärtigen Zeusbildern überliefert , flir die Entstehungszeit dieses 
Werkes aber ist eine solche Darstellung in keiner Weise anzunehmen. 
Dagegen ist sie natürlich vorauszusetzen, wenn wir hier, wie ich glaube, 
Alexander in Zeusgestalt zu erkennen haben. 

IV. 

Im dritten Bande der c Ausgrabungen zu Olympia», TtXVDL A. 
sind die Reliefs einer viereckigen Marmorbasis photographirt, die un- 
gefähr in der Mitte ihrer Höhe horizontal auseinandergesprengt ist und 
nur den unteren Theil der auf ihr dargestellten Figuren erhalten zeigt. 
Im Mai dieses Jahres wurde im nördlichen Theil der Echohalle, wo 



239 

es seit Jahren unter anderen Steinen unbeachtet gelten hat, ein 
Marmorfragment mit verstümmelten Figurenresten gefunden, das sich 
sogleich als ein Stück des Obertheils jener Basis erkennen liefs und 
jetzt mit demselben wieder verbunden ist, wie es die beigegebene 
Skizze zeigt. 

Aufser den Ergänzungen der Reliefe auf der linken Nebenseite 
und dem gröfseren Theil der Vorderseite, welche das neue Stück 
bietet, läfst es uns auch erkennen, dafs wir hier nur einen Theil eines 
gröfseren Monuments vor uns haben: seine Oberfläche ist zum Auf- 
lager eines über ihm liegenden Steins hergerichtet (im Innern rauh 
gespitzt, der ursprünglich etwas darüber hervorstehende Rand jetzt 
abgeschlagen), der Block gehörte also zu einem höheren Postament, 
das wie die Nikebasis aus mehreren, aufeinander gebauten Steinen ge- 
bildet war.^ 

Auf der linken Nebenseite ist ein Held im Kampf mit einem 
Löwen dargestellt, das Thier steht ihm aufgerichtet gegenüber und 
hat die linke Hinterpranke auf sein linkes Knie geschlagen, während 
der Schweif den Boden peitscht. Zu den bisher allein erhaltenen 
Beinen des Kämpfers fugt das neue Oberstück den Umrifs seines 
Oberkörpers und des bärtigen Kopfes, sowie den des Löwen, dessen 
Kopf an seiner rechten Schulter anliegt, so dafs er ihn wahrscheinlich 
mit beiden Armen umfafst hielt, um ihn zu erwürgen; der gegen- 
wärtige Zustand der fast ganz abgestofsenen Figuren läfst nur noch 
die allgemeinen Umrisse erkennen. Der dreieckige Ansatz eines rechts 
im Felde hinter dem Löwen abgebrochenen Gegenstandes findet auf 
dem oberen Theil keine Fortsetzung, kann ako nicht von einer Figur 
herrühren. 

Als Gegenstück dazu ist auf der rechten Nebenseite der nach 
beendetem Kampf auf dem überwundenen Thier ausruhende Sieger 
dargestellt; der Löwe liegt lang au^estreckt am Boden, Kopf und 
Körper en face; auf ihm sitzt sein Ueberwinder, von dem nur die 
unteren Gliedmafsen erhalten sind, den linken Fufs hat er gerade vor 
den Kopf des Thieres auf dessen linke Vordertatze gestellt, während 
sich seine Rechte auf den Schenkel des Löwen stützt. 



t) Er ist im Ganzen 0,38—39 hoch, wovon 4 cm auf den unteren, rings 3 cm breit 
vorstehenden Rand kommen. Die Lttnge der allein vollständig erhaltenen Vorderseite be- 
trigt ohne diesen Rand 1,0*5, der obere Theil aber ist nur bis 0,71 lang erhalten. Die 
Tiefe des ursprOnglich gewifs quadratischen Steins ist an dem unteren Theil nur bis zu 
0,7» resp. o,li m an den Seiten erhalten, am oberen Theil aber bis 0,95. 

Das Material ist ein weifser Marmor, von unregelmttfsigem, zum Theil grobem Korn, 
welcher peloponnesischen Ursprungs zu sein scheint. 



240 

Es war sehr natürlich, dafs man die Erklärung dieser Dar- 
stellut^en zunächst in dem Löwenkampf des Herakles suchte; aber 
wenn bei dieser Annahme die auf 
der mittleren Hauptseite der Basis 
erhaltene Scene unerklärt bleiben 
musste, so bietet uns diese jetzt, 
nachdem sie durch das neu auf- 
gefundene Obertheil einige wesent- 
liche Ergänzungen gefunden hat, 
den Anhalt zu einer neuen Auf- 
fassung der gesammten Dar- 
stellung. 

Hier sitzt am linken Rande 
nach rechts gewandt auf einem 
Thronsessel mit gedrechselten 
Beinen und gerader Rücklehne 
ein vollbekleideter, bärtiger Mann, 
dessen faltiger Mantel unter der 
Brust gegürtet ist, während ein 
Untergewand an den Aermeln 
und über den Fiifsen zum Vor- 
schein kommt, die auf dem Fufe- 
brett des Thrones ruhen. Der 
linke Arm ist voi^estreckt und 
hielt ein nur durch Farbe ange- 
deutetes Scepter, der rechte Ellen- 
bogen ist auf die Rücklehne des 
Sessels gestützt und an die Hand 
lehnt sich sein Kopf, der mit der 
'Phrygischen Mütze* bedeckt ist; 
die oben spitz zulaufende Form 
derselben und die Seitcnlaschen, 
welche von ihr über seine Schul- 
tern herabhängen, sind noch deut- 
lich zu erkennen. 

Wenn wir den allgemeinen 
Eindruck der Figur, die majestä- 
tische, etwas lässige Wurde der Haltung und die volle, fast frauenhafte 
Bekleidung mit diesem letzteren Attribut zusammennehmen, so werden 
wir dieselbe mit einem Wort als Barbarenkönig bezeichnen müssen. 



241 

Vor ihm schreitet nach rechts ein unbekleideter Mann auf eine 
Gruppe von 4 Frauen zu, die in ruhiger abwartender Haltung auf der 
rechten Seite des Reliefs ihm zugewendet stehen, leicht variirt in 
Stellung und Bekleidung, aber sämmtlich in feingefalteten Unterge- 
wändern mit übergeworfenem Mantel. Von der ersten ist auf dem 
neuen Stück noch ein Theil des Oberkörpers erhalten, die erhobene 
Rechte fafst mit zierlichem Gestus das Gewand über der Schulter, 
Kopf und Brust aber sind vollständig zerstört. 

Der in der Mitte schreitende Mann ist offenbar die Hauptfigur 
der Darstellung; bisher war nur sein Unterkörper vorhanden, der 
etwas schwerfallige Schritt mit gebeugten Knieen liefs vermuthen, dafs 
er eine Last trug. Das jetzt dazu gekommene Obertheil läfst gerade 
noch erkennen, welcher Art dieselbe ist; es zeigt hinter dem leider 
ganz abgestofsenen Körper noch die in der Luft schwebenden Füfse 
einer anderen Gestalt, die er offenbar mit den Armen umfafst hat, 
ihr Körper fiel nach der Richtung des Bruchs schräg vor dem seinigen 
herab. Diese Füfse sind von der Gröfse seiner eigenen, der Getragene 
war also ohne Zweifel ein überwundener Gegner; der Ansatz einer 
Spitze vor dem linken Knie des Trägers mufs von einer Waffe her- 
rühren, die jener in der herabhängenden Hand hielt. 

Aus den Mythen des Herakles wird sich diese Scene, ein Kämpfer, 
der vor einem Barbarenkönig und dessen Hof seinen bewaffneten 
Gegner mit den Armen bezwungen hält, allerdings kaum erklären 
lassen; wohl aber aus den Thaten eines sterblichen Nachahmers des 
Herakles, des Thessaliers Pulydamas, dessen von Lysipp gefertigte 
Statue in Olympia aufgestellt war.') 

Tansanias (VI, 5) erzählt ausführlich und mit Bewunderung die 
erstaunlichen Kraflleistungen dieses Athleten, neben denen ihm seine 
Siege im Pankration, wie er sagt, kaum mehr der Erwähnung werth 
schienen. 

Er tödtet im Olymp einen Löwen mit blofsen Händen ttqoi^x^ 
de ig t6 roXftiKJM if^hn^iilci TiQoq rd 'HgctxiJoirg sqya — aus einer 
Heerde greift er den gröfsten und wildesten Stier heraus und bezwingt 
ihn so, dafs er nur mit Zurücklassung seines Hufs sich von ihm los- 
machen kann; einen Wagen in vollem Lauf erfafst er und hält ihn 



<) Als Theile der Basis der Pulydamas - Statue sind diese Reliefs bereits in Adolf 
Boettichers Olympia S. 103 von R. Weil erklärt worden auf Grund der beiden auf den 
Löwenkaropf bezüglichen Seiten; die mittlere jetzt ergänzte Darstellung, durch welche die 
dort gegebene Deutung als richtig erwiesen wird, mufste sich allerdings bei ihrer damals 
so fragmentarischen Erhaltung einer bestimmten Erklärung entziehen. 

16 



24^ 

mit Pferden und Fuhrmann. Der Ruhm seiner Stärke und Thaten 
drang bis zum Perserkönig Darius Nothos, der ihn nach Susa kommen 
und vor seinem Hofe Proben seiner Kraft abl^en liefs; dort forderte 
er 3 der esogenannten Unsterblichen 9 zugleich zum Kampf mit ihm 
allein heraus und überwand und tödtete sie. cVon diesen Thaten, 
fahrt Pausanias (VI, 5, 7) fort, sind die einen auf der Basis seiner Statue 
in Olympia dargestellt, die anderen fuhrt die Inschrift auf.» 

Es kann kein Zweifel sein, dafs wir 2 derselben auf dem erhaltenen 
Theil dieses Bathrons dargestellt finden: die Ueberwindung -des Löwen 
in 2 Scenen und eine der am Perserhofe ausgeführten Kraftproben, 
zwar nicht die von Pausanias beschriebene, sondern eine andere, die 
er nicht erwähnt, dem Anschein nach ein Sieg im Ringkampf oder 
Pankration, der eigentlichen c Kunst» des Pulydamas, die er gewife 
auch vor dem Perserkönig producirt haben wird, und zwar über einen 
mit dem Schwert bewaffneten Gegner, eihe That, auf welche die beim 
Africanus (bei Euseb. p. 41 unter Ol. 93) erhaltene Angabe pafst 

Die Worte, mit welchen Pausanias die Statue des Pulydamas ein- 
fuhrt o di ini %& ßci^QV ^^ vip^Xä AwHitnov (liv ifftw iqyovs geben 
in anschaulicher Weise, wie sie nur der Schilderung von selbst Ge- 
sehenem eigen zu sein pflegt, die Vorstellung von einem aus über- 
einander gelegten Steinen errichteten Piedestal, wie dasjenige, zu 
welchem unser Reliefblock gehört haben mufs. Sein ursprünglicher 
Standort war im östlichen Theil der Altis, denn neben ihm standen 
die Statuen des Kallias und des Eukles (VI, 6, i u. 2), deren Basen 
ebenso wie die weiterhin erwähnte des Euthymos in die byzantinische 
Ostmauer aufgenommen wurden; auch die beiden Theile der hier be- 
sprochenen haben sich an verschiedenen Punkten der Ostseite gefunden. 

Ueber die Vertheilung der in Relief-Inschrift verherrlichten Thaten 
des Pulydamas auf dem Bathron läfst sich nichts bestimmtes feststellen; 
es ist möglich, dafs auf der fehlenden 4. Seite unseres Blocks die Be- 
zwingung der 3 € Unsterblichen» dargestellt war, dieselbe kann aber 
auch ebensogut auf der Hauptseite eines anderen Blocks angebracht 
gewesen sein, dessen Nebenseiten dann z. B. die Ueberwältigung des 
Stiers einnehmen mochte. Ein weiterer Stein mufs die Inschrift ge- 
tragen haben, von der ich nach allen bekannten Analogien annehmen 
möchte, dafs sie nur ein Verzeichnifs seiner Siege in kunstgerechten 
Kampfspielen, nicht aber auch Erzählungen anderweitiger Heldenthaten 
enthalten haben wird. Es bliebe demnach auch die Schilderung des 
Abenteuers mit dem Wagen der Reliefdarstellung vorbehalten und ich 



243 

glaube kaum, dafs mit Pausanias* Erzählung der Inhalt derselben 
erschöpfend angegeben ist. 

Der Ehrgeiz des Pulydamas, es den Thaten des Herakles gleich 
zu thun, trat in der künstlerischen Verherrlichung derselben vielleicht 
noch prägnanter hervor, als wir aus den geringen Ueberresten und 
der Beschreibung jetzt zu erkennen vermögen. Löwe und Stier sinfl 
in dieser Hinsicht deutlich genug, aber auch der Einzelkampf mit dem 
dreifachen Gegner am Perserhof ist vermlithlich durch den des Herakles 

4 

gegen Geryoneus inspirirt und in dem erhaltenen Hauptbilde unserer 
Reliefs scheint die Art, wie der Held den überwundenen Gegner 
zappelnd gepackt hält, einen Anklang an die aus späteren Reliefs be- 
kannte Darstellung des Herakles zu verrathen, der den Eber auf seinen 
Schultern lebendig dem geängsteten Eurystheus überbringt. Doch 
könnte man als heroisches Vorbild für diese Scene auch an den Ring- 
kampf des Herakles, oder noch eher an den des Theseus denken, 
denn die Erzählung von dem Wagen legt die Erinnerung an ein be- 
kanntes Kraftstück des jugendlichen Theseus') nahe, so dafs er viel- 
leicht den Ehrgeiz so weit trieb, die Thaten der gröfsten Heroen aus- 
zuführen oder übertreffen zu wollen. 

Die Statue des Pulydamas war ein Werk des Lysipp, die Reliefs 
ihrer Basis gehören daher nicht nur sicher der Zeit dieses Künstlers 
an, sondern sind vermuthlich auch nach seinen Angaben, vielleicht 
von seinen Schülern ausgeführt. Die schlechte Erhaltung des auf uns 
gekommenen Ueberrestes derselben läfst von der Schönheit der Aus- 
fuhrung, die wir bei einem Werk dieses Ursprungs erwarten dürfen, 
nur wenig mehr erkennen; dagegen ist die Composition der Reliefs 
noch hinlänglich deutlich, um von ihrem ursprünglichen Charakter 
einen Eindruck zu geben. 

Derselbe scheint wesentlich bestimmt von dem decorativen Zweck, 
fiir welchen sie entworfen wurden. Die Bestimmung des Bathrons 
bringt die Scheidung von Haupt- und Neben-Seiten mit sich, während 
es bei den letzteren nicht darauf ankam, den Raum zu füllen, sondern 
nur je die Mitte mit einer Gruppe zu verzieren, machte die aus- 
gedehntere Darstellung der Hauptseite eine innere Gliederung nöthig. 
Hier sind die Figuren zu Seiten der freibleibenden Mittellinie vertheilt, 
nicht nach der strengen, äufserlicb symmetrischen Weise der älteren 
Kunst, sondern nach freiem, künstlerischem Ermessen, welches die 



>) Pausan. I. 19, i. 

i6* 



Ä44 

gröfsere Masse der einen Hälfte durch die hervorragendere Bedeutung 
und das Interesse der Handlung auf der anderen aufzuwiegen sucht 

Die Conception der einzelnen Figurengruppen verräth durchaus 
noch die Originalität der Erfindung griechischer Zeit. Besonders tritt 
das auf der rechten Nebenseite hervor, die Situation: der auf dem 
überwundenen Löwen ausruhende Sieger, mag durch die Metope des 
olympischen Zeustempels, welche dieselbe Scene darstellt, eing^eben 
sein, ihre künstlerische Gestaltung aber ist hier eine neue und charak- 
teristische; die Ueberlegenheit des Siegers über den unschädlich ge- 
machten Feind tritt sehr ausdrucksvoll liervor, indem er den Fufs auf 
die Tatze des Löwen, grade vor dessen Rachen gesetzt hat; die Lage 
des Thiers in vollkommener Vorderansicht, welche die Metope nur 
für den Kopf angewendet hat, ist höchst eigenthümlich, in der späteren 
Kunst wird man nicht leicht etwas Aehnliches finden. 

Die Kämpfergruppen der Haupt- und Nebenseite sind leider in 
ihren Details wenig mehr erkennbar; für die letztere wird man wie für 
einige der nicht erhaltenen Reliefscenen unseres Bathrons eine gewisse 
Uebereinstimmnng mit Lysipps Darstellungen der Thaten des Herakles 
für Alyzia in Akamanien annehmen dürfen, die gewifs für die auf uns 
gekommenen späteren Nachbildungen, z. B. für die Sarkophage, nicht 
ohne Einflufs geblieben sind. 

Auch in den sitzenden und den ruhig stehenden Figuren zeigt 
die feine, mit den einfachsten Mitteln erreichte Nüancirung der Be- 
wegungs- und Bekleidungsmotive noch deutlich die Hand eines frei- 
schaffenden Künstlers. Anlage und Wurf der Gewänder ist durchaus 
die der besten griechischen Zeit und ebenso gehört die etwas schräge, 
perspectivische Stellung des Thrones und Fufsschemels des Perser- 
königs, sowie die nur mit Farbe ausgeführte Andeutung des Scepters 
in seiner Hand zu den Eigenthümlichkeiten griechischer Reliefs des 
4. Jahrhunderts. 

Das von Brunn beobachtete Princip griechischer Reliefbildung, 
nach welchem die hervortretenden Theile der Darstellung sämmtlich 
einer mit der Grundfläche parallelen idealen oberen Fläche unter- 
geordnet werden, ist hier vollständig gewahrt; selbst von den am 
weitesten vorspringenden Theilen der Figuren tritt keiner über die 
durch den unteren Rand bezeichnete Höhe heraus; diese obere Fläche, 
welche das Hervortreten der Figuren beherrscht, ist in Wirklichkeit 
realer als die Grundfläche des Reliefs selbst: es ist die ursprüngliche 
Oberfläche des Steins, aus welchem dasselbe gearbeitet wurde. 



XIX. 



HEINRICH DRESSEL 



Ntimismatische Beiträge 

aus dem Grabfelde bei Piedimonte d'Alife 

(Mifae. Phistelia). 



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Oart unter den schrofien Abfallen des samnitischen Apennins 
nach dem Thal des mittleren Voltumo liegt, zwischen olivenreichen 
Hängen, ein freundliches Bergstädtchen Piedimonte d'Alife, und unweit 
davon, nach Alife zu, ein antikes Grabfeld. In vergangenen Zeiten 
kam es nicht selten vor, dafs die Bauern beim Bearbeiten dieses Feldes 
auf ein altes Grab und seinen oft kostbaren Inhalt stiefsen: das ver- 
anlafste sie dann wohl, das Erdreich nach verborgenen Schätzen plan- 
los zu durchwühlen, und eben infolge dieser meist erfolgreichen Ex- 
plorationen dürfte auch der Name da conca d'oro», d. h. die Gold- 
kuhle, aufgekommen sein, welchen jenes Feld noch heute ftihrt. 

Zum Glück ftir die Alterthumswissenschaft gehört es jetzt einem 
intelligenten Manne, dem Fabrikbesitzer Giacomo Egg, der in den 
Mufsestunden, welche ihm der Betrieb seiner blühenden Baumwoll- 
spinnerei läfst, mit ebensoviel Liebe als Begeisterung sich der syste- 
matischen und gründlichen Durchforschung dieses interessanten Punktes 
gewidmet hat. Es ist Egg*s Verdienst, wenn wir heute wirklich mit 
Nutzen die reiche Ernte eines antiken Grabfeldes verwerthen können, 
das sich in mancher Beziehung mit demjenigen von Suessula messen 
kann. 

Die Necropolis der conca d'oro gehört mit grofser Wahrschein- 
lichkeit der Stadt Alliiae an. Dreifache, ja vierfache Art der Bestattung 
zeichnet sie aus. Denn die Todten sind hier bald in mächtigen, dach- 
förm^ gedeckelten Särgen aus Tufstein, bald in einfachen Ziegel- 
gräbern beigesetzt, gewöhnlich aber in dem nackten Erdboden ge- 
bettet — und alle diese Gräber, die in bunter Reihe dicht bei einander 
und meist nach den verschiedensten Himmelsrichtungen orientirt vor- 
kommen, gehören einer, wenn auch nicht sehr alten, immerhin doch 



248 

älteren, d. h. vorrömischen Periode an; erst viel später, etwa gegen 
das Ende der Republik, begann man hier die Todten zu verbrennen 
und ihre Asche in Thongefäfsen beizusetzen. 

Eine ausfuhrliche Behandlung der so mannigfaltigen Gegenstände, 
welche aus diesen verschiedenartigen Gräbern an das Tageslicht ge- 
zogen wurden, beabsichtige ich demnächst in den Schriften des deut- 
schen archäologischen Instituts in Rom zu publiciren; heute greife ich 
aus dem reichen mir vorliegenden Material nur einige winzige Silber- 
münzen heraus, da sie mir Gelegenheit bieten, einige Bemerkungen 
besonderer Art daran zu knüpfen. 

Die meisten Tufsteinsärge enthalten, aufser den auch sonst in 
Gräbern gewöhnlich vorkommenden Gefäfsen und Schmuckgegen- 
ständen, fast regelmäfsig ein formloses Kupferstück (raudus, aes rüde) 
und eine kleine Silbermünze. Es kann nun zwar nicht befremden, in 
Gräbern, die keineswegs einer sehr alten Zeit angehören, die primitivste 
Form des Geldwerthes vorzufinden (Mommsen, Gesch. d. Rom. Münz- 
wesens, S. 170), gewifs aber ist es überraschend, in ein und demselben 
Grabe aes rüde und geprägtes Silbergeld, also Geld in zwei ver- 
schiedenen Gestalten, nebeneinander zu treffen. Mag auch in 
gewissen Gegenden, zumal in solchen Gauen, welche durch ihre 
geographische Lage den grofsen Verkehrsstrafsen entrückt waren, nach 
der Einführung des geprägten Geldes die alte Münze noch eine Zeit 
lang als Zahlungsmittel fortgedauert haben, aus Gewohnheit vielleicht 
auch noch viele Jahre hindurch festgehalten worden sein: dieser Ge- 
wohnheitscours mufste endlich einmal aufhören und hatte sicherlich 
schon längst ein Ende erreicht, als man in der Necropolis der conca 
d'oro begrub. Dafs vielmehr in diesen Gräbern das formlose Kupfer- 
stück nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung des Geldes hatte, geht 
daraus klar hervor, dafs der rituelle, fiir den alten Charon bestimmte 
Obolus daselbst in der Gestalt einer kleinen Silbermünze erscheint; 
und dafs ferner zwischen dieser und dem raudus wirklich ein Unter- 
schied, sogar ein grofser Unterschied besteht, liegt in der Thatsache 
ausgesprochen, dafs die Silbermünze im Munde, der raudus dagegen 
in oder auf der rechten Hand des Verstorbenen gefunden wird. 
Wir werden ihm demnach hier eine besondere Bedeutung heilten 
müssen, und diese Bedeutung kann nicht wohl eine andere gewesen 
sein, als eine rituelle. Ich möchte in der Deposition des formlosen 
Kupferstückes in das Grab eine specielle Art desjenigen Brauches er- 
blicken, den das römische Alterthum mit dem Ausdruck tstipem 
iacere» bezeichnet, und bei welchem man ja bis in sehr späte Zeit 



■> ' - < »a p'^ilHaiPBWi»t*»^*^ ia !■ u^ ' i^ P^^^üg'^r^^'^^PH^ig^^^swWi^^^r^gi^^^i^^^^^'^" . '* " *■ > ■— _ . . . — i« ;^ -» -:fi^ 



249 

hinab sich der primitiven Geldesform bediente (Mommsen a. a. O.); 
andererseits wäre es aber auch nicht unmöglich, dafs man bei der 
Niederlegung des raudus in die Hand des Verstorbenen von dem 
Gedanken ausging, den Todten selber als spendend, d. h. als stipem 
iacentem zu bezeichnen. Wie dem auch sein mag, diese meines 
Wissens zum ersten Male in der Necropolis der conca d'oro auf- 
tretende Erscheinung') ist so merkwürdig, dafs sie gewifs verdient, 
genauer untersucht zu werden. 

Ich komme nun zu der kleinen Silbermünze selbst, die bald in 
den Tufsteinsärgen zusammen mit dem raudus vorkommt, bald auch 
bei den in der nackten Erde bestatteten Todten, hier aber allein, an- 
getroffen wird. Unter 43 von Hrn. Egg in den eben erwähnten zwei 
Arten von Gräbern gefundenen Silbermünzen gehören 7 nach AUifae, 
23 nach Phistelia, nur eine nach Neapolis; bei den übrigen 12 ist die 
Attribution theils unsicher, theils auch infolge der mangelhaften Er- 
haltung unmöglich.*) Alle sind vom kleinsten Modulus, d. h. ent- 



*) In einigen bei Palestrina entdeckten Peperinsärgen befand sich je ein Stück aes 
nide, doch keinerlei MUnze: vgl. Annali d. Istit. 1855, ^* 75* 

>) Hier das genaue Verreichnifs. Das Gewicht konnte ich nur auf einer nicht sehr 
exacten Goldschmiedswaage bestimmen. 

Allifae 

A Friedlaender osk. Mttnzen Taf. V, 4. 7 Ex. mit einigen Varietäten. Auf einem Ex. 
(0,625 Gr.) ist die Aufschrift der Rückseite //// A A I B A V\ O ^^, auf einem anderen 
(0,60 Gr.) steht A A I B A V\ ///// ; die übrigen 5 Ex. sind sämmtlich verwildert und 
schlecht geprägt, die Aufschrift auf einigen recht deutlich ^A8NOH, auf einem 
ist nur noch ///////// VV O N sichtbar, Gewicht 0,70; 0,65; 0,625 {2 Ex.); 0,55 (ab- 
genutzt). 

Phistelia 

B Friedlaender Taf. V, 3. 7 Ex., Gewicht 0,70; 0,625; 0.60 (3 Ex.); 0,55; 0,35 (vielfach 
abgebrochen). — C i Ex., in allem mit den vorigen übereinstimmend, nur dafs 
die Aufschrift der Kehrseite rechtsläufig ist, SlSTUVIS. Gewicht 0,60. — 
D Friedlaender Taf. V, 4. 4 Ex. mit kaum erwähnungswerthen Abweichungen (auf 
dem einen ist die Aufschrift der Rückseite nicht sichtbar), die Schrötlinge alle sehr 
knapp. Gewicht 0,60 (3 Ex.); 0,50. — £ Friedlaender Taf. V, 6. 5 Ex. mit einigen 
Varietäten. Auf 2 Ex. steht am Ende des Stadtnamens ein Punct, auf 2 anderen 
fehlt er, auf einem Ex. ist die Aufschrift deutlich SUV^I/ZIS, ein Ex. ist ver- 
wildert. Gewicht 0,35; 0,325; 0,275 (2 Ex.); 0,20 (vielihch zerbrochen). — F, G 
die in diesem Aufsatze näher beschriebenen und abgebildeten zwei Stücke von 
Phistelia (5 -f i Ex.). 

Phistelia 1» 

H Carelli Taf. 62, 2 und 3. 7 Ex. mit einigen Verschiedenheiten, Gewicht 0,65 (2 Ex.); 
0,60; 0,55 (das einzige Ex. mit dem Stern); 0,525; 0,475 (»tark oxydirt); 0,35 
(vielfach zerbrochen). 

Neapolis 

7 ähnlich den beiden bei Carelli Taf. 72, 3 und 4 abgebildeten Pallaskopf rechtshin, den 



250 

weder Obolen oder Halb- und Viertelobolen. Der Kürze w^en be- 
zeichne ich im Folgenden die einzelnen Münztypen mit den bei der 
Aufzählung in Anmerkung 2 verwendeten Buchstaben. 

Es ist zunächst bemerkenswerth, dafs in völlig gleichartigett 
Gräbern dieser Necropolis bald der gewöhnliche Phisteliatypus {^, 
bald diejenige Münze mit dem Löwen ohne Aufschrift vorkommt (//), 
welche von Carelli wegen einer gewissen Verwandtschaft mit den 
Didrachmen von Phistelia dieser Stadt zugewiesen, von Friedlaender 
(osk. Münzen S. 30) dagegen ihr abgesprochen wird. Da diese beiden 
Münztypen auch sonst in Samnium oft zusammen gefunden werden,*) 
so werden wir jetzt schliefsen dürfen, dafs sie ungefähr gleichzeitig 
sind. Ihr Vorkommen in identischen Gräbern der conca d'oro hat aber 
aufserdem einen gewissen Werth für ihre Bestimmung; denn ergiebt 
sich auch daraus nicht ohne weiteres, dafs die Münze nach Phistelia 
gehört, so wird doch wenigstens die Zutheilung Carellis damit in keiner 
Weise beeinträchtigt. 

Wichtiger ist schon das Ergebnifs für den Münztypus A. Er wird 
bekanntlich einer Stadt AUiba oder Alipha zuerkannt, wenngleich nicht 
Alle darin übereinstimmen, wo diese Stadt gelegen habe. Der heute 
am meisten verbreiteten Ansicht zufolge wäre es eine, übrigens sonst 
gänzlich unbekannte und eigentlich nur der Münze zu Liebe creirte 
Ortschaft in der Umgegend von Cumae.*) Das wohlbekannte, auf 
dem Grenzgebiet von Campanien und Samnium gelegene Allifae da- 
gegen, auf das man doch zunächst gefuhrt wird, wurde von den 



Helm bekränzt, unter dem Helmbusch ein Kügelchen. Rs. Halber Stier mit mensch- 
lichem Antlitz linkshin, darüber 10 3 1/// (ein Stempelfehler läfst nicht erkennen, 
ob auf n noch ein Buchstabe folgte), Gewicht 0,65. 

Cnmae oder Neapolis^ 
AT Vgl. Cat of greek coins in tfae brit. mus., Italy S. 104, 98. Winzige Mttnse mit eineni, 
vielleicht weiblichen, behelmten Kopf rechtshin (der Helm bekränzt?) Rs, Kreis, 
durch zwei rechtwinklig sich schneidende Durchmesser in vier Segmente getheilt; 
in jedem Segment ein Punct. 3 Ex., von denen 2 in schlechtem Zustande. Ge- 
wicht 0,20; die beiden fehlerhaften Ex. 0,15 und 0,125. — ^ ^ ähnliche winsige 
Stttcke, wie es scheint verwildert. Vorderseite kavan erkennbar, Kehrseite wie' bei 
den vorigen, nur ist der Kreis viel kleiner. Gewicht 0,10. 

Aufserdem wurde in einem Ziegelgrab ein plattirtes Didrachmon von Uria gefunden. 
Pallaskopf linkshin, der Helm mit Kranz und Eule geschmückt. Jis» Stier mit mensch- 
lichem Antlitz rechtshin, darüber f^ M E < Y (Yrena für YrsMa findet sich anch auf 
einem Ex. des Berliner Münzcabinets, vgl. Friedlaender a. a. O. S. 40). 

>) Vgl. z. B. BulL arch. nap. n. s. HI. (1855) S. 130 f. 

>) Vgl. Millingen, considerations S, ^42. MommseUt unterital Dial, S. 106. Sambon, 
monn. de la presq'ile italique S. 169, 



251 

Meisten ausgeschlossen; zunächst weil die Abdeichen der in Rede 
stehenden Münze auf eine am Meer gel^ene Stadt hindeuten sollen, 
dann aber wegen einer von Trutta herrührenden und von Friedlaender 
(a. a. O. S. 25) bestätigten Angabe, da(s im allifaner Gebiet die Münze 
nicht vorkomme, während sie häufig in der Umg^end von Neapel 
zusammen mit den kleinen Stücken von Phistelia gefunden werde. 
«Also zwei sehr entscheidende Merkmale, Fundort und Tj^enähnlich« 
keit, fuhren in die Nähe von Cumae und Puteoli (Phistelia), und es 
wird daher sehr wahrscheinlich, dafs diese Münzen der freilich nur 
supponirten Stadt angehören, deren Namen sich in Monte Ollibano, 
unweit Cumae, erhalten hat» : so schliefst Friedlaender (a. a. O. S. 26) 
mit Millingen und Avellino, wobei aber nicht zu vergessen ist, dafs 
man unter Phistelia eine Seestadt in der Nähe von Cumae, d. h. 
Puteoli versteht. Halten wir dagegen folgende Thatsachen. In einer 
Necropolis, die in nächster Nähe des samnitischen Allifae gelegen ist, 
und daher wohl auch das Grabfeld eben dieser Stadt gewesen sein 
dürfte, finden wir diese Münze zu wiederholten Malen, und sie 
tritt auch hier sozusagen im Verein mit den kleinen Phisteliastücken 
auf, denn beide kommen je einzeln in durchaus identischen Gräbern 
vor. In der Necropolis von Cumae dagegen, in deren unmittelbaren 
Nähe man das auf den Münzen genannte Alliba oder Alipha voraus- 
setzt, hat sich trotz wiederholter und sehr gründlicher Nachgrabungen 
auch nicht ein einziges Exemplar derselben gefunden.') Damit 
ist also ein wesentliches Argument wider das samnitische Allifae ein- 
fach eliminirt, ein ebenso wesentliches Argument aber gewonnen gegen 
ein in cumanischem Gebiet gelegenes Alliba; und da, wie sich in der 
Folge noch ergeben wird, auch das letzte Argument, die auf eine See- 
stadt deutende Typenähnlichkeit, durchaus keine Beweiskraft hat, so 
dürften doch wohl alle Zweifel darüber beseitigt sein, dafs die kleinen 
Silbermünzen mit der Umschrift Allibanon, Alliba, Alifa und ähn- 
lichen wirklich dem samnitischen Allifae angehören. 

Und nun Phistelia. Das in Anmerkung 2 gegebene Verzeichnifs 
enthält die Haupttypen der kleinen Phisteliamünzen bis auf einen ein- 
zigen (Friedlaender a. a. O. Taf. V, 7) vollständig. Unsere Series zählt 
aber aufserdem zwei Stücke, von denen eins gänzlich neu, das andere 
zwar nicht unbekannt ist, bisher aber nur in einem Exemplar vorge- 
kommen war, das gerade einen wesentlichen Punkt, die Umschrift der 
Vorderseite, nicht erkennen liefs. 



>) Dieses hat auf meine Anfrage der genaue Kenner der cumanischen Necropolis 
Hr. Steyens in Neapel bestätigt. 



252 

Der neue Phisteliatypus ist ein einziges Stück von nicht ganz 
6 Millimetern Durchmesser, eine Viertelobole, wie sich aus dem Ge- 
wicht von 0,15 gr. ergiebt. Zum Glück ist es von einer Erhaltung, die 
auch die kleinsten Einzelheiten des Gepn^es zu erkennen gestattet. 
Auf der Vorderseite der im wesentlichen dem häufigsten Phisteliatypus 
(Friedlaender, Taf. V, 3) entsprechende, eigenthümlich behandelte jugend- 
liche Kopf, fast ganz von vorn und mit nur ganz schwach angedeutetem 
Hals, nur dafs hier der Kopf bekränzt erscheint. Um denselben ist 
die linksläufige Umschrift ^IV^T^lS so vertheilt, dafs die .ersten 
5 Buchstaben auf der rechten, die letzten 3 auf der linken Seite des 
Kopfes stehen. Da der Schrötling etwas knapp war, ist der drittletzte 
Buchstabe nur zum Theil zum Ausdruck gekommen. Die Rückseite 
zeigt innerhalb eines Kreises einen vierstrahligen Stern mit einem Punkt 



• o 



9 




oder Kügelchen zwischen den einzelnen Strahlen. Abgesehen davon, 
dafs dieses Stück die Reihe der kleinen Phisteliamünzen um einen 
neuen Typus bereichert, erhalten wir mit demselben die Gewifsheit, 
dafs Phistelia bis auf die Viertelobole hinab gemünzt hat. 

Wichtiger als das vorige ist das zweite Silberstück von Phistelia, 
das seit Friedlaender's Publication nur durch ein mangelhaft erhaltenes 
Exemplar der Sammlung Pacelli in S. Salvatore di Telese bekannt 
war (a. a. O., Taf. V, 5), nun aber durch fünf meist wohlerhaltene Exem- 
plare aus der conca d oro in erfreulicher Weise ergänzt und sicher- 
gestellt wird. Der Kopf der Vorderseite entspricht demjenigen der 
oben erwähnten Viertelobole auch darin vollständig, dafs er bekränzt 
ist; die Umschrift lautet •^ll^nV und ist derart vertheilt, dafs auf 
jeder Seite des Kopfes drei Buchstaben stehen. Auf der Kehrseite der 
Stadtname «^IV^T^lS 2u je zwei Buchstaben um das Zeichen I 
vertheilt.') Die besterhaltenen Stücke wiegen 0,325 gr. (ein etwas ab- 



i) Ueber dieses Zeichen vgl. Friedlaender, osk. Münzen S. 27, der mit Recht darauf 
aufmerksam macht, dafs gegen die Annahme, darin den Buchstaben // zu erblicken, die 
zuweilen stark gekrümmten beiden Hasten sprechen. An If scheint mir Übeihaupt nicht 
gedacht werden zu können, da die dieses 2^chen gewöhnlich begleitende Schrift die 
Stellung X bedingt: ganz sicher ist dieses der Fall bei der Münze von Allifae, Fried- 
laender a. a. O. Tal V, 2, bei dem neapolitaner Stück, Sambon a. a. O. Taf. X, 12, und 
so wohl auch, trotz der bisherigen Auffassung, bei den beiden Phisteliatjrpen, Friedlaender 
Taf. V, 5 und 6. 



253 

brochenes £x. wiegt 0,275, ein anderes mit sehr knappem Schrötling 
0,25), und damit ist die Existenz der Haibobole in der Münzreihe von 
Phistelia gesichert. Das Interesse dieses Stückes concentrirt sich in 
der Umschrift des Kopfes, die, wie wir gesehen haben, aus dem ein- 
zigen Worte Upsiis besteht Ich kenne nur ein Beispiel in den os- 
kischen Münzseries, welches zum Vergleich mit unserer Münze heran- 
gezogen werden könnte: ich meine das Erzstück der Stadt Aurunka 
mit der Aufschrift* Aunmkud und Makdüs^) (= Magtdius). Hier 
und dort also der Stadtname und aufserdem ein Personenname, in 
welchem man wohl mit Recht den Namen einer Magistratsperson der 
betreffenden Stadt vermuthet. Upsiis ist ein specidl osldscher Name, 
der in den entsprechenden oder benachbarten Regionen theils in der 
Originalform >) nachweisbar ist, theils in der lateinischen Flexionsform 
Opsius sich erhalten hat (vergl. C. I. L. IX und X). 

Hätten die bisherigen Untersuchungen über Phistelia die Lage 
dieser Stadt in überzeugender Weise gesichert und uns damit den 
Weg zu ihrer Geschichte erschlossen, so könnte dieses neue Stück mit 
dem oskischen Magistratsnamen uns in der genaueren Kenntnifs ihrer 
städtischen Organisation vielleicht wesentlich fördern; bei dem heutigen 
Stande der Phisteliafrage jedoch mufs seine volle Verwerthung der 
Zukunft vorbehalten werden. Vermag aber diese eine Münze fiir den 
Augenblick unser Wissen hinsichtlich der inneren Gestaltung Phistelias 
nicht zu erweitern, so (lihrt uns dag^en das häufige Vorkommen von 
Phisteliastücken in der Necropolis der conca d'oro doch einen entschei- 
denden Schritt in der schwebenden Frage weiter und ich denke auch 
der Lösung entgegen. 

Werfen wir zunächst einen raschen Blick auf den jetzigen Zustand 
der Frage um das geheimnifsvoUe Phistelia. Nachdem die älteren 
Numismatiker fiir die gesuchte Stadt in Pästum eine passende Stelle 
gefunden zu haben glaubten, zogen sie mit ihr bald an die entgegen- 
gesetzte Meeresküste nach Histonium hinüber; doch sie liefsen ihr auch 
hier keine lange Ruhe irrten an mancherlei Stätten vorüber und führten 
sie schliefslich nach Puteoli. N^ch Mazocchi (comm. in tab. Heracl. 
S. 510) und Sestini (classes generales, S. 14) war es Millingen, welcher 
Puteoli für .besonders annehmbar erklärte (ancient coins, S. ^\ und 
wenngleich er gar nicht lange darauf diesen Ort wieder aufgab, um 
Phistelia an einer nicht näher determinirten Stelle des neapolitanischen 



>) Cat. of greek coins in tfae brit. mtis., Italy S. 75 ; vgl. Fricdlaender a. a. O. S. 63. 
«) Zvetaieff, sylloge inscr. oscanim n. 55 üpsim = Opsiorunu 



254 

Golfs anzusetzen (considerations, S. 201}, kamen die bedeutendsten 
Numismatiker der Neuzeit doch auf Puteoli zurück. Der Gründe, 
welche sie veranlafsten, gerade dieser Stadt den Vorzug zu geben, 
waren drei: einmal die Namenähnlichkeit Puteoli — Fistlus; dann die 
Typenähnlichkeit besonders mit der Münze des benachbarten Cumae, 
welche ein sicheres Criterium dafür abgeben sollte, dafs Phistelia eine 
Seestadt war; endlich die Umgebung von Neapel als hauptsächlichen 
Fundort. Da geschah tief im samnitischen Binnenlande unweit Campo- 
basso ein grofser Fund von Phisteliamünzen. Minervini (osserv. 
numism., S. 14 flf.) wurde dadurch veranlafst, die immer noch nicht 
recht untergebrachte Stadt aus dem schönen Golf von Neapel mitten 
in die Berge von Samnium zu versetzen, und, einer von Petrucci') 
ausgesprochenen Ansicht sich anschliefsend, sie mit jener von Livius 
und Florus erwähnten Stadt zu identificiren, deren Name zwischen Fugi- 
fulae, Furfulae und Faesulae eine lange Reihe von handschriftlichen 
Corruptelen aufweist, die dem oskischen Fistluis recht nahe kommen. 
Seitdem sind viele Jahre vergangen, ohne dafs die Phisteliafrage 
sich wesentlich veränderte. In neuerer 2^it jedoch stellte von Duhn 
einige fast nur gelegentliche Bemerkungen über Phistelia zusammen 
(Bull. d. Istit. 1878, S. 31), welche heute, mit den Ergebnissen aus dem 
Grabfelde bei Alife betrachtet, der Ausgangspunkt fiir eine neue, 
hoffentlich die letzte Phase in der Frage um Phistelia werden; er 
hat die Beobachtung gemacht, dafs in der Necropolis von Capua 
Phisteliamünzen nur in geringer Zahl vorkommen, viel häufiger da- 
gegen auf samnitischen Gebiet sich finden, zumal in der Gegend von 
Telese. Diese Beobachtung kann ich nur bestätigen, denn auch nach 
meinen Reisenotizen treten sie im eigentlichen Campanien lange nicht 
so häufig auf, als in Samnium. Dazu kommt die von dem bereits er- 
wähnten Petrucd in seiner handschrifUichen Geschichte von Telese 
verzeichnete Nachricht, dafs auf den zwischen Piedimonte d'Alife und 
Faicchio (unweit Telese) gelegenen Bergen von Monterbano aufser den 
Resten von sogenannten cyclopischen Mauern auch die Tradition be- 
stehe, welche eben diese Stelle mit dem alten Phistelia identificirt (von 
Duhn im Bull. d. Istit. 1878, S. 32). 

Wie verhalten sich zu diesen Notizen die aus den Ausgrabungen 
in der Necropolis der conca d*oro gewonnenen Thatsachen? Wir haben 
gesehen, dafs in dem Grabfelde bei Alife die Phisteliamünzen in über- 



<) Ueber die bandschriftlidie Geschichte von Telese: vgl, BuU. d. Istit 187S, 
Seite 31. 



255 

wi^ender Anzahl auftraten, denn unter den 43 dort gesammelten 
kleinen Silberstücken tragen nicht weniger als 23 den Namen dieser 
Stadt;') femer, dafs in völlig identischen Gräbern derselben Necropolis 
bald Stücke von Phistelia, bald solche von AUifae, bald die inschrift- 
losen kleinen Münzen mit dem Löwen vorkommen, mithin auch hier 
die auch sonst nachweisbare und gewiis aufiallige Erscheinung, dafs 
diese drei Münzsorten fast r^elmäfsig beisammen gefunden werden. 2) 
Daraus ergiebt sich zunächst, dafs sowohl die Phisteliatypen B bis G 
und die aufschriftlosen Münzen mit 'dem Löwen //, als auch die Klein- 
silberstücke von Allifae A ziemlich gleichzeitig sein werden. Es mufs 
aber auch zwischen diesen drei so constant zusammen auftretenden 
Münztypen ein enger Zusammenhang bestehen, und dieser Zusammen- 
hang denke ich, ist ein localer, d. h. mit anderen Worten, diese Münzen 
müssen benachbarten Städten angehören. Da der im Grabfelde bei 
Alife wiederholt vorkommende Typus A sicher nicht einem in der 
Nähe von Cumae vorausgesetzten AUiba zuzutheilen ist, sondern viel- 
mehr dem samnitischen Allifae angehören dürfte (vergl. S. 251), so 
folgt für die beiden anderen, doch wohl ein und derselben Ortschaft 
angehörigen Münztypen B und H, dafs sie von einer Stadt geprägt 
sind, die nicht allzuweit von Allifae gelten war. 3) Und da femer 
die Fundnotizen, nicht die früheren allzu allgemein gehaltenen und nicht 
immer zuverlässigen, 4) sondern die neueren auf genauer Beobachtung 
und auf Ausgrabungen beruhenden uns für Phistelia alle vom eigent- 
lichen Campanien hinwegweisen und nach der Grenze Samniums bis 
in das samnitische Bergland fuhren, so werden wir heute mit mehr 



■) Rechnen wir die Öfters erwälmten, mit grofser Wahrscheinlichkeit auch zu Phi- 
stelia gehörigen Stticke mit dem Löwen hinsu {H)^ so steigert sich die Zahl auf 30. 

s) FOr die beiden erstgenannten Münztypen Fricdlaender a. a. O. S. 25; bei kleineren, 
ans Campanien oder Samninm nach Rom in den Handel gebrachten MUnsfunden habe 
ich fast immer die drei Münstypen beisammen getroffen. 

3) Auf die Nachbarschaft von Allifae und Phistelia könnte auch die Typenähnlich- 
keit deuten , welche twei Mttnzen von Allifae (Friedlaender Taf. V, 2 u. 3) mit zwei Stücken 
Yon Phistelia (ebenda Taf. V, 5 u. 6) aufweisen. Allein hierauf ist kein besonderes Ge- 
wicht SU legen, da es, wie sich noch zeigen wird, mit der Tjpentfhnlichkeit eine besondere 
Bewandtnüs hat 

4) Die Provenienzangaben , welche die Antiqnittttenhündler besonders in Neapel 
liefern, sind mit der gröditcn Vorsicht aufEnnchmen: fest alles stammt, wenn man ihren 
Angaben Glauben schenken will, aus Cumae, Pozzuoli, Pompei, Oberhaupt aus der näheren 
Umgebung Neapels, während doch nicht allein, was in SOditalien, sondern auch was im 
Bergland von Samnium und den Abmzzen gefunden wird, nach Neapel confluirt. So be- 
ruhen viel&ch die £rttheren Notizen Ober die Provenienz der kleinen Phistelia- und Allifil- 
mttnzen auf Aussagen recht bedenklicher Art. 



2S6 

Zuversicht und niit gröfserem Recht, als es zuvor geschehen konnte,') 
Phistelia in demjenigen Theil von Samnium zu suchen haben, der an 
Campanien angrenzt, oder genauer präcisirt, auf den Abhängen des 
nach dem Thal des mittleren Volturno abfallenden Berg- 
landes in der Richtung von Piedimonte d'Alife bis hinter Telese und 
vielleicht bis in das caudinische Samnium hinein. 

Ob Phistelia wirklich auf den Bergen von Monterbano gelegen 
hat, wo Petrucci neben cyclopischen Mauern die Localtradition für den 
Namen Phistelias vorfand, ob es in der unmittelbaren Umgegend von 
Telese zu suchen ist, ob es gar mit der von Livius IX, 21 erwähnten 
Stadt Plistia oder Plistica identisch ist, wie Avellino (opuscoli in, S. 86) 
geglaubt hat und bei der auch ich unabhängig von ihm einen Moment 
stehen geblieben war, lasse ich dahin gestellt; nur eine genaue topo- 
graphische Untersuchung jener Gegend, die Prüfung ihrer Ueberreste 
und die fortgesetzte Beobachtung der Münzfunde, besonders in den 
Gräbern, wird darüber Aufschlufs zu geben vermögen. 

Sicher lag Phistelia nicht im Herzen von Samnium, wie Minervini 
angenommen hat, weil eine tief in Samnium gelegene, also doch wohl 
rein samnitische Stadt, keine eigene Münze geprägt hat (Mommsen, 
unterital. Dial., S. 106). Vi^mehr zeigt uns die Münzreihe von Phistelia, 
dafs diese Stadt eine mit griechischen Elementen gemischte Bevölke- 
rung hatte: denn eines unter seinen kleinen Silberstücken fuhrt den 
Stadtnamen in der griechischen Form und mit griechischen Buchstaben 
geschrieben (Friedlaender a. a. O. Taf. V, 4). Dafs es aber nur einen 
einzigen Phisteliatypus mit griechischer Aufschrift giebt, und eben diese 
Münze auf ihrer Rückseite den Stadtnamen in oskischer Sprache und 
mit oskischen Lettern wiederholt, ist ein sicherer Beweis dafür, dafs 
in jener Stadt das oskische Element das bei weitem vorherrschende 
war.*) 

Ist schon aus diesem Grunde ein am Golf von Neapel gelegenes 
Phistelia recht bedenklich, so wird, abgesehen von anderen wider- 
sprechenden Gründen,3) seine Identität mit Puteoli, überhaupt seine 
Lage im Gebiet von Cumae- Puteoli -Neapolis durch den Umstand 



") Vgl. von Duhn in den Verband!, d. 34sten Vers, deutscher Philol. in Trier, S. 157. 

*) Ich sehe wirklich nicht ein, was Minervini (saggio di osserv. numism. S. 15) bei 
Erwähnung dieser einzigen bilinguen PhisteliamUnze veranlafste, gerade entgegengesetzter 
Ansicht zu sein (doveva assolutamente predominare Telemento greco). — Dafs hingegen 
ein nicht weit von der Grenzscheide Campaniens gelegenes Phistelia auf seine griechischen 
Bevölkertmgselemente eine kleine Rticksicht nahm, kann nicht befremden. 

3) Gegen Puteoli z. B. chronologische Gründe; vgl. von Duhn in den Verhandl. d. 
34sten Vers. d. Philol. in Trier, S. 157. 



4j; 

geradezu unmöglich gemacht, dais weder in puteolaner Gräbern noch 
in der viel durchforschten Necropolis von Cumae auch nur eine einzige 
Münze von Phistelia zum Vorschein gekommen ist.^) 

Und nun zum Schlufs noch eine Bemerkung über die Typen- 
ähnlichkeit der Phisteliamünze mit südcampanischen, speciell mit cuma- 
nischen Stücken, auf die ja die Anhänger von Phistelia-Puteoli ein so 
grofses Gewicht legen. Man hat besonders die Anlehnung an cumaner 
Typen hervorgehoben und behauptet, dafs Abzeichen wie der Delphin 
und die Muschel auf eine am Meer gelegene Stadt deuten. Die Be- 
merkung ist nur zum Theil richtig, die Folgerung entschieden falsch. 
Denn unter etwa lo bisher bekannten Münzen von Phistelia zeigen 
streng genommen nur zwei insofern eine Anlehnung an cumaner Typen, 
als auf ihnen wesentlich übereinstimmende Abzeichen vorkommen;^) 
volle Typenentlehnung ist dagegen nicht nachweisbar, während alle 
übrigen auch nicht ein einziges Abzeichen fuhren, das auf eine Seestadt 
hindeuten könnte, hingegen Anlehnung an Neapel, an Heraklea, an 
Allifae, Reminiscenzen an Nola oder Uria. Wie es aber bei den 
osldschen Münzen mit der Anlehnung und mit der Entlehnung über- 
haupt steht, lehrt ein nur flüchtiger Blick auf die betreffende Series: 
die Typen wiederholen sich in der auffälligsten Weise, und wir finden 
kaum eine Stadt, welche nicht auf der einen oder andern Seite ihrer 
Münze das Abzeichen einer andern nahen oder fernen Stadt repro- 
ducirte.3) Läfst demnach die Typenähnlichkeit durchaus keinen 
Schlufs auf die Nachbarschaft zweier Städte zu, so ist noch viel 
weniger eine Muschel, ein Delphin oder sonst ein ähnliches Symbol 
ein zwii^ender Grund, um eine damit versehene Münze einer Seestadt 
zuzuweisen: die Münze von Calatia mit dem Dreizack des Neptun, 
jene von Larinum und von Luceria mit dem Delphin, die von Teate 
mit Neptun, auf dem Delphin reitend, und manche andere4) sind ein 
schlagender Beweis dafür; ebenso wie die Scylla auf den S. 249 er- 
mähnten Silberstücken keineswegs genügt, um sie dem tief im Binnen- 
lande gelegenen Allifae abzusprechen. 

Endlich vergesse man nicht, dafs, während alle übrigen osldschen 



*) Die ausdrttcklidie Bestätigung auch dieser Nachricht Terdanke ich Hrn. Stevens. 

*) Muschel, Gerstenkorn und Delphin (Friedlaender a. a. O. Taf. V, 3 u. 4) oder 

die blofse Muschel u. Gerstenkorn? (cat. of greek coins in the brit. mus., Italy S. 122, i). 

3) Um nur auf einige Beispiele hinzuweisen, vergleiche man die Mttnzserien Capua- 
Atella; Capua-Calatia ; Hyria-Fretemum (Neapolis, Poseidonia); Teate- Velia, Taren tum. 

4) Vgl. auch die Bemerkungen von Cavedoni im Bull. arch. nap. II (1844) S. 103 
und Friedlaender a. a. O. S. 21. 

17 



2S8 

I 

Münzen einen engen stilistischen Anschlufs an die griechisch-campanische 
Kunst zeigen, allein die Münzreihe von Phistelia einige Typen auf- 
weist, welche vom stilistischen Standpunkt betrachtet, eine andere 
Kunstempfindung verrathen. Schon das Didrachmon mit der rechts- 
läufigen Aufschrift Fisüus (Friedlaender a. a. O. Taf. V, i) zeigt auf 
der Vorderseite einen Kopf, welcher der sonst in Campanien befolgten 
Richtung entschieden fremdartige Elemente enthält: es li^ etwas 
Wildes und Derbes, zugleich CharactervoUes darin, wie es auf keiner 
anderen oskischen Münze wiederkehrt — die kleine öfter erwähnte 
aufschriftlose Münze mit dem Löwen ausgenommen, deren ähnlich, 
nur noch viel derber behandelter Kopf Carelli, und wie es scheint 
mit vollem Recht, veranlafste, sie Phistelia zuzuschreiben. Und nun 
vollends die eigenthümlichen, fast ganz von vorn dargestellten 
Jünglingsköpfe, oft nur blofse Gesichter, mit kurzem Haar, die bis 
jetzt auf ftinf verschiedenen Kleinsilberstücken nachweisbar sindl Das 
sind wahrlich keine Repräsentanten griechisch -campanischer Kunst, 
sondern rein oskisch-samnitische Gebilde, Köpfe aus denen das 
nationale Element der samnitischen Bergstadt zu vollem Durchbruch 
gekommen ist. 



XX. 



WILHELM GURLITT 



Faionios und der Ostgiebel des 
Zeustempels in Olympia. 



17* 



JDie Giebelsculptufen des Zeustetnpels in Olympia bieten der 
archäologischen Betrachtung eine solche Fülle von Problemen <), daCs es 
auch den vielseitigsten Bemühungen bisher noch nicht gelungen ist, 
dieselben in jeder Hinsicht befriedigend zu lösen. >) Es bedarf daher 
gewifs keiner Entschuldigung, wenn ich mich hier mit einer Reihe 
dieser Probleme beschäftige, am wenigsten in einer Schrift, welche in 
dankbarer Erinnerung an vielseitige Belehrung und Förderung zur 
Feier des Jubelfestes von E. Curtius bestimmt ist, dem wir die Wieder- 
auffindung dieser Sculpturen vor Allem und in erster Linie ver- 
danken. 

Indem ich auf die in Anm. i angekündigte weitere Ausfuhrung 
verweise, betone ich hier vorläufig, dafs auch für mich die von C. T. 
Newton, Sidney Colvins3) und Brunn 4) erkannte stilistische Ueberein- 
Stimmung der gesammten Tempelsculpturen, d. h. des Ost- und West- 
giebeb und der Metopen eine Thatsache ist. Sie zeigt sidi nach 
meinem Empfinden namentlich darin, dafs sich in sämmtlichen Sculp- 
turen des Tempels jene verwirrende, besonders schwierig zu begrei- 
fende Verschiedenheit oder Mischung von Stilen und Typen findet, 
welche man mit einem harten Ausdrucke c stillos» nennen Jcönnte und 



i) Der Attftats war nrsprUnglich gröfser angelegt und besprach auch den Westgiebel 
UDd seinen Künstler Alkamenes. Die Eiige des Raumes zwang, diesen ganzen Theil weg- 
zulassen. Der Verf. wird in der nächsten Zeit den hier ausgelassenen Theil an anderem 
Orte veröffentlichen und erlaubt sich schon hier auf diese Fortsetzung, als auf eine noth« 
wendige Ergänzung, hinzuweisen. 

*y Ans der umfangreichen Litteratur tt^er die Giebelsculpturen habe ich im folgen- 
den mit Vermeidung jeder Polemik nur das citirt, was meine Auffassung, soviel ich mir 
bewuist bin, beeinflu&t hat. 

3) The Academy 1876, No. aoS. 

4) Sitzungsber. der phil. phiU. Classe der bayr. Ak. 1877 S. i ff 1878, S. 44^ ff. 



262 

mancher vielleicht auch so genannt hat. Sie hat auf mich Anfangs 
den Eindruck einer trüben, nicht geklärten Mischung gemacht, hervor- 
gebracht dadurch, dafs die Entwürfe oder Modelle von Künstlern, 
welche dem Kreise des Pheidias angehörig, auf der Höhe des damals 
in Athen erreichten Kunstschaffens standen, an den einheimischen 
elischen Steinmetzen kein für solche Aufgaben geschultes Personal 
fanden. ') 

Dieser Auffassung aber sind jetzt die Stützen entzogen; denn 
erstens ist die Vollendung des Tempels mit seinem im Rahmen der 
Architektur auftretenden Schmucke früher zu setzen*), als man sonst 
annahm; zweitens ist die enge Verbindung zwischen Alkamenes und 
Paionios einer- und Pheidias andererseits nicht mehr festzuhalten. Aber 
auch abgesehen von diesen chronologischen Schwierigkeiten genügt die 
obige Annahme nicht zur vollständigen Erklärung der in den Sculp- 
turen zu Tage tretenden Erscheinungen. Dennoch verdient sie nicht 
die Zurücksetzung, welche ihr jetzt von verschiedenen Seiten zu Theil 
wird. Sind nicht auch am Parthenon die verschiedenen ausführenden 
Hände deutlich sichtbar und am sogenannten Theseion? wobei nicht 
vergessen werden darf, dafs damals in Athen die Marmorsculptur eine 
ganz andere Entwickelung hinter sich hatte als in Elis. Deckt sich 
im Tempel von Phigaleia der Stil der Reste der Metopen mit dem 
des Innenfrieses? Und wie ist auf der andern Seite der gemeinsame 
Zug zu erklären, welcher unleugbar die zeitlich und räumlich getrennten 
Sculpturen vom Maussolleion in Halikamafs, vom Nereiden-Denkmale 
und vom Heroon zu Gjölbaschi verbindet? 

Doch es würde hier zu weit fuhren, wollte ich den Einflufs dieser 
«Bauhütten» ausführen, wie man sie mit einem Ausdrucke bezeichnen 
kann, welcher ganz analogen Verhältnissen und Zeiten entnommen ist. 
Soviel steht jedenfalls fest und ist durch die Ausgrabungen bestätigt 
worden, dafs es in Elis vor den Tempelsculpturen kein gröfseres 
Werk der Marmorplastik gegeben hat, dafs also die Steinmetzen von 
Elis keine Gelegenheit hatten, Hand und Auge an gröfseren plastischen 
Aufgaben zu üben. 

Wenn ich mich an eine Besprechung dieser Probleme mache, so 
geschieht es nicht mit der Prätension, sie sämmtlich zu lösen. Nur 
möchte ich in Umkehrung des Rumohr'schen Wortes, dafs die Thätig- 
keit des Künstlers «anschauendes Denken» sei, die Hauptaufgabe des 

>) V. Latzow's Zeitschr. XII, S. 197 ff. 

>) Purgold, Archäol. Zeit. 40 S. 184. Vgl. FurtwMngler, Arch. Z. 37 S. 44. Ders., 
Die Bronzefunde von Olympia S. 4 f. Abh. der Berl. Akad. 1880. 



263 

Archäologen in Fragen wie die vorliegenden als «denkendes Anschauen» 
bezeichnen und damit andeuten, dafs man ganz von den Ansichten, welche 
durch die rein literarische Ueberlieferung über Paionios und Alkamenes 
nahe gelegt waren, abzusehen hat und nur aus der Betrachtung der 
wiedergefundenen Monumente Aufschlufs und Förderung erwarten darf. 

Trotz dieser Stellung zu den hier zu behandelnden Fragen ist es 
nothwendig, einige Bemerkungen über die Angaben des Pausanias, so- 
weit sie die Giebelsculpturen des Tempels betreffen, vorauszuschicken. 
Denn, wenn wir der bestimmten Aussage des Pausanias nicht trauen 
dürfen, ist die Ueberschrift, welche wir für diesen Aufsatz gewählt 
haben, unberechtigt, ist es uns nicht gestattet, mit den Werken, wie 
sie vor uns liegen, die Namen bestimmter griechischer Künstler zu 
verbinden. 

Die Sache liegt da für Paionios und Alkamenes nicht gleich. Bei 
Alkamenes haben wir zunächst keinen Grund, an der Angabe des Pausa- 
nias (5, 10, 8) zu zweifeln. 1) Bei Paionios (Paus. 5, 10, 6) dagegen könnte 
man den Grund eines Irrthums, nicht so sehr zwar des Pausanias, 2) als der 
elischen Tradition aus einer falschen Deutung der uns jetzt vorliegenden 
Inschrift der Nike-Basis 3) erklären. Man braucht nur anzunehmen und 
hat angenommen, dafs in dem Satz: og xcu tämqfuni^QHx noiw inl %ov 
vadv ivixa antike Leser, wie, da die Inschrift bekannt wurde, einige 
der modernen Erklärer den Ausdruck äxQm^ijQta nicht, wie es allein 
möglich scheint, 4) nur auf den Schmuck auf den Giebeln, sondern auch 
auf die Figuren i n den Giebeln bezogen hätten und sofort hatte man 
Gelegenheit, dem Pausanias mit einer gewissen Schadenfreude eines 
der Mifsverständnisse vorzuwerfen, an denen er, wie man glaubt, so 
reich ist Aber erstens wäre mit der Möglichkeit eines Mifsverständ- 
nisses nicht auch schon der Beweis für das thatsächliche Vorhanden- 
sein erbracht. Dann würden sich hier doch, wie ich schon andeutete, 
eher die Eleer als Pausanias geirrt haben und im Ganzen herrscht 
keine so grofse Geneigtheit, die elischen Tempelbehörden des Irr- 
thums zu zeihen, wie Pausanias, den man schier für vogelfrei er- 
klärt hat. 



>) lieber den Irrthum in der Bezeichnung der Mittelfigor spreche ich in der Ab- 
handlung Aber Alkamenes. 

s) Aus dem folgenden wird es klar werden, dafs ich in der cPausaniasfrage» an 
dem «altvaterischen» Standpunkt, den Schubart (Neue Jahrb. 1883 S. 469 ff., 1884 S. 94 ff.) 
und Brunn (ebenda. S. 23 ff.) vertreten, festhalte. 

3) Röhl, inscr. Graec. ant 358. Hicks, manual of Gr. historical inscr. 49. Ditten- 
berger, syll. inscr. Gr. 30. 

4) Michaelis, Archäol. Zeit. 34 S. 169. 



264 

Drittens aber haben wir doch keinen Grund anzunehmen, dafs die 
Griechen ihre eigene Sprache nicht verstanden hätten, besonders da sie 
durch den prägnanten Ausdruck ijü rov vadv, welcher fiir Figuren in 
den Giebeln wenig passend ist, auf den rechten Weg gewiesen worden 
wären. Dieses Mifsverständnifs, sei es des Pausanias oder der Eleer, 
ist also im höchsten Grade unwahrscheinlich. 

Man könnte die Sache aber auch anders wenden und es merk- 
würdig finden, dafs Paionios in der Inschrift von seinem Siege in der 
Concurrenz — oder wie wir es nennen wollen — wegen der Akro- 
terien spricht, von dem viel gröfseren Werke der Giebelgruppe, welche 
seiner Nike gegenübersteht, dagegen nichts erwähnt. Der Grund dieser 
Erscheinung ist wohl der folgende : Das Motiv der herabschwebenden 
Nike ist für den Tempelgiebel erfunden. Die Bestellung der Messenier 
ist durch die Akroterien-Figur angeregt, die Nike selbst ist eine Replik, 
eine Wiederholung der auf dem Giebel befindlichen. Was war natür- 
licher, als dafs sich Paionios hier als Verfertiger jener schwerlich mit 
einer Künstlerinschrift versehenen Figur gleich mitbekannte? Mufste er 
ohne diese Angabe nicht als Copist erscheinen? 

Zu den in stark anekdotischer Färbung überlieferten Nachrichten 
über Concurrenzen mit plastischen Werken, welche sich stets auf 
Einzelfiguren beziehen, tritt hier die erste, monumental beglaubigte 
hinzu. 

Bei der Betrachtung der Werke des Paionios befinden wir uns 
in einer einzig günstigen Lage. Die zwei plastischen Arbeiten 
unseres Künstlers, welche in der alten Litteratur erwähnt werden, 
liegen uns vor, und zwar eine unzweifelhaft authentische Original- 
arbeit seines Meifsels neben den mehr decorativen Sculpturen des 
Giebelfeldes. Auf eine dritte Arbeit unseres Meisters, welche wir 
erst durch die Inschrift kennen gelernt haben, können wir, glaube ich, 
aus seiner Nike zurückschliefsen. Aus den Verhältnissen der beiden 
erstgenannten Werke zu einander müssen sich die wichtigsten Schlüsse 
ziehen lassen, Schlüsse, welche namentlich auch für die Auffassung 
des Pheidias ausschlaggebend sind, von welchem uns nur Sculpturen 
im Rahmen der Architektur erhalten sind. Der Unterschied zwischen 
den Originalarbeiten und solchen Atelierwerken braucht freilich hier, 
wie dort, nicht ganz derselben Art zu sein: erstens weil der Parthenon 
sammt und sonders eine Sorgfalt der Ausfuhrung zeigt, welche 
wenigstens den Giebelfeldern in Olympia abgeht; zweitens weil 
Pheidias in Athen über viel geschultere Kräfte verfugte als Paionios 
in Elis; und endlich tritt ein incommensurabler Factor ein, nämlich 



205 

die alles überragende Genialität des Pheidias. Aber doch die Richtung, 
in welcher der Unterschied liegt, werden uns diese Betrachtungen an- 
deuten. 

Es ist natürlich, dafs wir bei einer Würdigung des Paionios von 
seinem Originalwerke ausgehen, wobei wir uns die Datirung auf 
später versparen. Wir wollen es versuchen, ganz voraussetzungs- 
los vor die Statue zu treten und nicht bereits durch historische Er- 
wägungen unser Urtheil im Voraus bestimmen lassen. Wir haben 
keinen Grund anzunehmen, dafs irgend eine fremde Hand hier 
zwischen Conception und Ausfuhrung getreten ist, dafs Paionios dieses 
Werk, auf welches er mit einem emphatischen Zusätze seinen Namen 
setzte, aus seiner Werkstatt nehmen Kefs, ehe er, sei es selbst dieselbe 
ganz in Marmor fertiggestellt, sei es doch die letzte Hand persönlich 
angelegt hatte. Alle Vorzüge und Mängel, welche wir entdecken 
können, werden Vorzüge und Mängel des Paionios selbst sein. 

Die Conception des Werkes, eine Nike, welche durch die Luft 
herabfliegt, ist, — darüber sind alle einig — malerisch, und zwar 
malerisch in der prägnanten Bedeutung des Wortes, d. h. beeinflufst 
von einem für ein Gemälde erfundenen oder auf einem Gemälde dar- 
gestellten Motiv. Furtwängler') und Milchhöfer») haben mit gröfstem 
Rechte auf diese Beeinflussung der Plastik durch die Malerei enei^sch 
hingewiesen. Es ist Thatsache, dafs die pathetischen Maler Zeuxis 
und Parrhasios älter sind, als Skopas und Praxiteles, die Bildhauer, 
welche durch allbekannte Werke für uns die Vertreter dieser neuen 
Richtung sind. Und ebenso hat Brunn mit Recht' darauf aufmerksam 
gemacht, dafs Aglaophon, der Vater des Polygnotos, zuerst die Nike 
mit Flügeln gemalt haben soll 3) und dafs die bunten Kopftücher des 
Polygnotos4) bei unseren Giebelgruppen zahlreich vertreten sind, wie 
sich auch an dem allein erhaltenen Hinterkopf der Nike sich kreuzende 
Kopfbinden verwendet finden. Auch darf man nicht vergessen, dafs 
der gröfste Künstler dieser Zeit in seiner Jugend ein Maler gewesen 
ist. Doch ist nichts geeigneter, die Genialität des Pheidias zu zeigen, 
als das unfehlbar sichere Gefühl, welches ihn in seinen plastischen 
Werken von solcher Beeinflussung von der Malerei durchaus freihält. 
Und dieses sichere Stilgefühl war in Athen so eingewurzelt, dafs wir 
in der Nikebalustrade, obgleich ja das Relief ein Aufgeben der 



i) Der Dornanuieher und der Knabe mit der Gans. 
•) Die Befreiung des Prometheus. 

3) Brunn, a. a. O. 1S77 S. 36. 

4) Brunn, a. a. O. 1878 S. 45a 



266 

strengeren Gesetze der Rundfigur eher verträgt, unter den zahlreichen 
geflügelten Gestalten keine finden, welche ganz vom Boden losgelöst 
wäre. So haben wir hier einen sehr frühen Fall der Beeinflussung 
der Sculptur durch die Malerei, welche sich durch die ganze Folgezeit 
hindurchzieht, in unserer litterarischen Ueberlieferung deutlich genug 
hervortritt, sich aber in den Monumenten nicht so demonstriren läfst, 
da uns einerseits die gemalten Vasen gerade da den Dienst versagen, 
wo das eigentlich Malerische in der Malerei sich entwickelt, die Wand- 
gemälde dagegen als späte Nachzügler und letzte Ausläufer einer 
Kunst erscheinen, welche ihren Kreislauf bereits vollendet hat. 

Weniger allgemein aber ist erkannt, dafs wir es hier mit einer 
decorativen Sculptur zu thun haben. Sie ist, wie sich aus dem Zu- 
satz zur Künstlerinschrift auf der Basis erschliefsen läfst, eine Replik 
der Akroterion-Figur. Ihre nächste Verwandte, die Nike von Megara, 
auf dem Theseionplatz in Athen') wird gewifs auf jeden Beschauer 
einen decorativen Eindruck machen und ebenso die Nereiden, die 
man zum Vergleiche herangezogen hat.^) Die herabfliegende Nike 
ferner ist in aller späteren Kunst in derselben decorativen Weise ver- 
wendet worden. 3) Es ist nun interessant zu beobachten, wie Paionios, 
welchen das Malerische im verwendeten Motiv durchaus nicht beun- 
ruhigt zu haben scheint, das allzu Decorationsmäfsige zu modifldren 
bemüht war. Er vermehrte vor allem die Mafse des Bildwerkes, 
sowohl um die monumentale Wirkung zu verstärken, als um der 
Figur in der Seitenansicht eine ruhigere Silhouette zu geben. Denn 
der gewaltige Bausch des nachflatternden Mantels, das vom Gürtel 
ausgehende Gewandstück, welches nur eine maskirte Stütze ist, hat 
bei einer Akroterien-Statue, die auf die Vorderansicht berechnet 4) ist 
und von der Seite kaum gesehen werden konnte, keinen Sinn. Der 
nachfliegende Mantel, der wie ein Blechdach wirken mufste, scheint 
mir in aller erhaltenen Bronzeplastik unerhört. 

Ist nun die Frage unberechtigt, woher dieses neue Motiv stamme, 
welches wir an dem Bronzewerke nicht voraussetzen können, an der 
Marmorstatue aber flnden? Ich habe schon in einem früheren Aufsatze, 
welcher nur mit den Funden der ersten und zweiten Campagne 
rechnete, auf die Nike oder Iris 5) vom Ostgiebel des Parthenon hin- 



i) MittheiluDgen d. deutschen archäol. Inst, in Athen VI, Taf. lo, il. 
a) Overbeck, Gr. Plast 3 II. S. 415. 

3) V. LUtsow, MUnchener Antiken Taf. 13. 

4) Furtwängler, Arch. Zeit. 40. S. 347 ff. 

5) G. bei Michaelis, der Parthenon Taf. 6. Benndorf, Neue architolog. Unters, auf 
Samothrak^ S. 72 erkennt in ihr eine cjütere Hand», 



26/ 

gewiesen. Durch die Thatsache, dafs auch der Nike des Paionios ein 
Mantel nachflattert, wird dieser Hinweis noch schlagender. Sollen wir 
annehmen, dafs dieses Motiv zweimal erfunden sei oder dafs Pheidias 
von Paionios geborgt habe? Beides scheint mir höchst unwahrschein- 
lich und es ist das einfachste anzunehmen, dafs Paionios die Statue 
aus dem Ostgiebel gekannt und in seiner Weise verwendet hat. Dazu 
kommt noch, dafs der eigenartige Gegensatz der starken Bewegung 
des Gewandes an den Beinen und des nachflattemden Mantels, während 
die Gewandung um die Brust verhältnifsmäfsig ruhig ist, sich bei beiden 
Statuen findet. Während sie sich bei der Pheidiassischen Figur erklärt, 
da wir annehmen müssen, dafs Nike, der Situation entsprechend, eben 
den ersten Schritt thut, den die schwere Falte am vorgesetzten Unter- 
bein prachtvoll charakterisirt, so dafs die loseren, beweglichen Theile 
der Kleidung zuerst ergriffen werden, hat dieser Contrast, der bei 
Paionios noch viel stärker und unvermittelter auftritt, bei seiner durch 
die Luft hinsausenden Nike keinen Sinn. Doch glaube ich nicht, dafs 
wir den Einflufs der Pheidiassischen Figur weiter ausdehnen dürfen. 
Wenn ich auch nicht leugne, dafs Paionios von der Gewandbehandlung 
in der attischen Schule gelernt hat, so bleibt doch genug Malerisches, 
nur ungefähr Stimmendes übrig, um so viel behaupten zu können, dafs 
er, aus welchen Gründen immer, die Vorzüge der attischen Schule 
zwar auf sich wirken liefs, aber nicht ganz und voll in sich aufnehmen 
mochte oder konnte. 

Die besten Gewandpartien sind offenbar diejenigen, welche Paionios 
am tiefsten aus dem Marmor herausgeholt hat Dort löst sich das 
Gewand in tiefen, schönen Faltenzügen fast ganz in Bewegung auf. 
Ich möchte da dem absprechenden Urtheile Brunn's nicht beistimmen, 
dafs ein Theil derselben wie angeklebt erscheine. Die Falten, welche 
so aussehen, sollen zu denjenigen überleiten, welche, als durch den 
Körper und das vorliegende Gewand gegen den Luflzug geschützt, 
fast senkrecht herabfallend gedacht sind. Uebrigens bedenke man 
auch, dafs diese Falten von vorn mit der gesammten Basis kaum zu 
sehen waren und nur in der Seitenansicht in der angegebenen Weise 
wirkten. Etwas Aehnliches sehen wir z. B. am Gewände der Niobe, deren 
Rückseite uns vielleicht die beste Vorstellung von der Rückseite der 
Nike, abgesehen natürlich von den Flügeln, geben kann. Anders steht 
es mit der ganzen Vorderansicht der Statue. Da fehlt es hauptsäch- 
lich an der nöthigen Tiefenentwicklung der Falten. Auf dem zurück- 
stehenden rechten Bein hat das seinen guten Grund. Der scharf an- 
geprefste Stoff drückt den energischen Luftzug glücklich aus. Aber 



268 

sonst ist alles zu knapp, zu dürftig, namentlich die Falten auf der 
Brust und über dem linken vortretenden Schenkel. 

Diese und ähnliche Mängel der Figur sind schon oft hervorge^ 
hoben worden, dafs ich hier nicht weiter eingehend über sie zu 
sprechen brauche. Doch die Erklärung derselben scheint mir noch 
nicht gelungen. Es sind offenbar der Bauch, die Brüste, das Knie zu 
nahe unter der Oberfläche des Blockes angelegt und so hat Paionios, 
obgleich er die Brüste schwellend, den Bauch geradezu vorquellend 
bildete, nicht mehr Tiefe und Bewegungsfreiheit genug gehabt für die 
Faltenlagen, wollte er nicht in*s Fleisch hineingehen, wie er es beim 
Gürtel wirklich gethan hat. Er mufste sich also vor den Brüsten, 
unter dem linken Arm und über dem linken Schenkel helfen, wie es 
eben ging. Wo er Material genug hatte, wie am Rücken, hat er sogar 
den übervollen Luftsack nicht gescheut. Vorne, wie schon gesagt, ist 
alles zu knapp, zu gespannt, zu dürftig ausgefallen und d^moch ist 
der Oberkörper im Vergleich zu den gewaltigen Beinen zu schmächtig 
gerathen, dennoch ist ihm fast schon zu viel weggenommen worden. >) 
Unser Künstler hat, wie es Puget von dem Bildhauer überhaupt ver- 
langte, seine Statue im Marmor gesucht. Ich brauche kaum daran zu 
erinnern, dafs das gröfste plastische Original-Genie der Neuzeit, Michel 
Angelo, nach demselben Princip gearbeitet hat, und so wird es wohl 
nicht mehr als ein Vergehen an der Majestät der antiken Kunst er* 
scheinen, wenn ich es geradezu ausspreche, dafs sich Paionios bei der 
Bildung des Oberkörpers bis zum Gürtel und dann wieder bei den 
, Faltenlagen über dem linken Schenkel etwas verhauen hat. 

Dies kann aber einem Künstler nur passiren, wenn er die Her- 
stellung eines Thonmodelles in der Gröfse des Marmorwerkes aus 
irgend einem Grunde verschmäht. Es ist natürlich ganz und gar un- 
möglich, zu entscheiden, ob Paionios ein Modell im kleineren Mafs- 
stabe oder eine Zeichnung benutzte — das eine oder das andere ist 
von Vielen für die Giebelsculpturen angenommen worden — oder ob 
er sich im Vertrauen auf sein Können ohne weitere Vorbereitungen 

« 

an den gewaltigen Marmorblock wagte. 

Aber so erklären sich doch nur die hervorstechendsten Mängel: 
die auffallende Knappheit des Oberkörpers, das Verschwinden des Ge- 
wandes zwischen den Beinen, die sonderbar unverständliche Bildung 
des Untergewandes unter dem linken Arm und über dem linken Schenkel. 



i) Ich verstehe nicht, wie man diese auffallende Knappheit des Oberleibes aus Rück- 
sicht auf die optische Wirkung erklüfen kann. 



«-^ Das gäiize Werk ist von aufsen hinein, statt von innen heraus ge- 
arbeitet Dem Künstler schwebte bei seiner Arbeit nur die äuisere 
Erscheinung seiner Gestalt vor. Er hat sie nicht durch einen Act 
künstlerischer Intuition oder Abstraction in ein plastisches Kunstwerk 
umgewandelt, welches nach innerer Nothwendigkeit gebildet sein mufs 
imd in sich selbst sein Lebensprincip trägt Dies zeigt sich am deut- 
lichsten in den unbelebten Falten vor der Brust und in der oberfläch- 
lichen Bildung des Nackten. Es handelt sich um ein mehr äufserliches 
Ver&hren, welches sich am kürzesten durch die Bezeichnung «decorativ» 
charakterisiren lä&t Dazu stimmt dann auch die Behandlung der 
Basis, welche nichts ist als ein unbehauen stehen gelassener Block, 
nur dem realen Bedürfnifs dienend, den Marmor zu tragen, i) 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so erkennen wir in der Nike 
ein plastisches Werk, welches von einem Maler empfangen, in die 
decorative Plastik übergefUhrt und dann durch eine Reihe von Modi- 
ficationen für die Monumentalplastik geeignet gemacht worden ist, in 
Paionios einen Künstler, welcher den Einflufs des ^Jlvtutw i^ycun^^op 
empfunden hat, aber durch denselben in seinem Wesen nicht mehr 
verändert wurde, vor Allem weil er sich in seiner kühnen, wagenden 
Technik so sicher fühlte, daCs er der mühsamen, sot^ältig abgewogenen 
Arbdt der gleichzeitigen attischen vrxe peloponnesischen Schule ent- 
rathen zu können meinte. 

«Der wahre Stil kommt dann,» heifst es in A. Feuerbachs ,Ver- 
mächtnifs', twenn der Mensch, selbst grofs angelq^ nach Bewältigung 
der unendlichen Feinheiten der Natur die Sicho-heit erlangt, in's Grolse 
zu gdien«» Hier haben wir einen begabten Künstler vor uns, welcher 
diese Versuche, diese mühselige c Bewältigung der unendlichen Fein- 
heiten der Natur» überspringen zu können meint und mit keckem 
Wagen gleich nach den höchsten Kränzen greift Es ist ein Glück 
für die Entwickelung der griechischen Kunst, dafs solche Künstler- 
natiuen in der entscheidenden Zeit des 5. Jahrhunderts nicht bestimmend 
gewirkt haben, aber es ist ein neuer Zug in dem Gemälde der griechischen 
Kunstgeschichte jener Zeit, vielleicht störend, aber umgemein wichtig. 

Audi Paionios war aller Wahrscheinlichkeit nach, wie es ausdrück- 
lich von Pasiteles oder Praxiteles heifst, 2) ein Autodidakt, d. h. er war 
nicht durch eine anerkannte Schule gegangen, sondern durch sein 



<) Sie war freilich dem Ai^ bat gans enteogen und die Löcher in der Vorderseite 
derselben scheinen auf eine Vorkehrung su deuten» welche diesen Block noch mehr ver- 
kleiden sollte. 

•) Paus. 5, 20, 3. 



2;o 

Talent aus einem Steinmet2en ein Künstler geworden. Diese enge 
Verbindung von Handwerk und Kunst braucht nicht immer eine ge- 
wisse Aengstlichkeit oder Genauigkeit der Ausfuhrung zur Folge zu 
haben. Sie kann sich auch, wie wir bei Paionios annehmen, darin 
äufsern, dafs man mit verwegener Sicherheit von einem decorativen 
Standpunkte aus an die gröfsten Aufgaben herantritt und sie im Ver- 
trauen auf ein technisches Können, welches nie versagt hat, ausfuhrt. 
Sie kann sich auch, und so erscheint uns die Nike, in einer gewissen 
soi^losen fa-presto-Manier zeigen, welche Grofses zu schaffen glaubt, 
wenn sie nur, wie Feuerbach sagt, tin*s Grofse geht.» 

Es wird hier auch am Platze sein, die Consequenzen aus dieser 
Auffassung fiir die Giebelfiguren des Parthenon zu ziehen. Benndorf 
hat versucht, das Eigenartige des Gewandstiles dieser Figuren dadurch 
zu charakterisiren, dafs er sie wie «in Vision», «mit innerstem Aufgebot 
von Intuition in der Erregung einer athemlos raschen Arbeit» vollendet 
nennt.') Betrachten wir z. B. das Gewand der liegenden Figur im 
Ostgiebel ,^) so mufs man sagen, dafs es ein Wunder in Conception 
und Ausfuhrung ist: so ganz nur die schöne Folie des Leibes und 
doch bis in's Einzelnste hinein voll selbstständigen Lebens, so liebevoll 
durchgeführt bis in die kleinsten, wie zufälligen Falten und Fältchen 
und doch in seinen grofsen Massen so einfach, so übersichtlich zu- 
sammengehalten. Diese wunderbare Vollendung kann fiir die Plastik 
nur in Thon erreicht werden; der Thon allein folgte jeder Intention 
des Künstlers geschmeidig, in ihm allein können solche Studien nach 
der Natur ausgeführt werden und andererseits das Ganze wieder in 
seinen Hauptmassen ynd Zügen zusammencomponirt werden. Für die 
Giebelsculpturen des Parthenon also sind offenbar naturgrofse Thon- 
modelle hergestellt worden und in ähnlicher Weise wie im Gewände 
des Praxitelischen Hermes können wir die Nachwirkung dieser Thon- 
modelle noch in den fertigen Marmorwerken beobachten.3) 

Ueber die Inschrift hier nur wenige Worte. Aus der Form des 
jonischen Alphabets lassen sich jetzt, seit durch Rühl4) und Compa- 
retti,5) die Inschrift von Halikamafs ihre paläographische Bedeutung 
eingebüfst hat, noch weniger als früher^) sichere Kriterien fiir die Zeit- 

i) Benndorf, Neue archäoL Unters, auf Samothrake S. 72. 73. 
s) M. bei Michaelis, der Parthenon, Taf. 6. 

3) Wir nehmen also an, dafs Pheidias für die Marmorwerke eben solche Modelle 
herstellte, wie sie die Technik des Gusses von jeher nothwendig machte. 

4) Philologus 41. S. 54ff. 

5) Melanges Graux S. ilSff. 

6) Kirchhoff, Studien zur Geschichte des gr. Alph. 3 S. 4 ff. 



271 

bestimmung entnehmen. Auch der Inhalt giebt keinen festen chrono- 
logischen Anhalt. Haben wir die Nike des Paionios im Obigen richtig 
aufgefafst, so mufs sie nach dem Parthenon, d. h. nach 436 v. Chr. 
geschaffen sein, und in der That ist in der Inschrift nichts enthalten, 
was uns hinderte, die Ausfuhrung der Gestalt der Nike nach 429 1) 
anzusetzen. Denn wenn auch Brunn 2) und Röhls) und namentlich 
Dittenberger4) richtig nachgewiesen haben, dafs aus der allgemeinen 
Bezeichnung ano %w noleiiUav nichts weiter zu schliefsen ist, so bleibt 
es doch am einfachsten diese Formel so zu verstehen, dafs sie sich 
auf die mannigfachen Kämpfe zurückbezieht, welche etwa 422 durch 
den Nikiasfrieden einen vorläufigen Abschlufs fanden. 

Indem ¥rir uns nun zur Betrachtung des Ostgiebels wenden, er- 
innern wir daran, dafs wir oben keinen Grund fanden, an der Richtig- 
keit der Angabe des Pausanias über den Urheber zu zweifeln. Es 
ist trotzdem klar, dafs sich Pausanias bei der Beschreibung und Be- 
nennung der Figuren im Giebel geirrt hat. Denn er hat offenbar ein 
Mädchen fiir einen Jüngling genommen. Aber ich sehe nicht ein, was 
wir aus diesem Irrthume folgern können, mag er aus einem Ueber- 
sehen des Pausanias selbst oder aus einer falschen Angabe der elischen 
Ortsfiihrer oder endlich aus der schriftlichen Quelle stammen, welche 
Pausanias einfach abgeschrieben habe, als dafs hier eben ein Versehen 
vorliegt. Nur möge darauf hingewiesen werden, dafs wir auch heute 
noch in Verl^enheit sind, dem Mädchen und, fiige ich gleich hinzu, 
dem sitzenden Greise einen passenden Namen zu geben. 

Ich gehe hier nicht auf die verschiedenen Anordnungen 5) ein, wie 
sie E. Curtius^ und wie sie Treu?) vorgeschlagen haben. Bei der 
losen Aneinanderreihung der Figuren scheint eine Entscheidung schwer 
zu treffen. Die Anordnung von E. Curtius hält sich enger an die 
äufseren Umstände des Fundes, aber sie stöfst auf gewisse technische 
Schwierigkeiten, welchen Treu gerecht zu werden versucht. Wir ver- 
sagen es uns daher auch, näher auf die Corresponsion der einzelnen 
Figuren einzugehen. Genug dafs sich bei jeder der beiden Anord- 
nungen eine symmetrische Composition ergiebt, welche aber nicht die 
mathematisch genaue der Aegineten ist, sondern sich der fein ab- 



>} Schübling, Arch. Zeit. 35. S. 59 ff. 

•) a. a. O. 1878 S. 470 1 

3) Inscr. Gr. ant S. 8a zu n. 348. 

4) S7II. inscr. Gr. S. 59 zu n. 30. 

5) G. Hirschfeld, Deutsche Rundschau 1877 S. 286 ff. 

6) £. Curtitts, Sitzungsber. der Berl. Akad. 1883 S. 115 ff. 

7) Treu, Arch. Z, 40, S. 215 ff. 



gewogenen rhythmischen Entsprechung nähert, welche in den Giebel- 
feldem des Parthenon hervortritt und oft besprochen ist Aber auch 
ohne hier zu entscheiden, gönnen wir uns nicht dem herben Urtheile 
anschliefsen, welches man über die Giebeicomposition ausgesprochen 
hat.') Schon die Fülle der Schemata von den aufrecht stehenden, 
durch die mannigfache Abwechselung der knieenden und sitzenden 
bis zu den liegenden Figuren., in der Ecke scheint mir eine mildere 
JBeurtheilung zu verdienen. >) Eine Reihe dieser Gestalten ist in ihrer 
Haltung höchst originell erfunden und dargestellt. Besonders ist dabei 
auf die jugendlichen Gestalten, den kauernden Knaben 3) und das 
hockende Mädchen4) hinzuweisen. Auf den gleichzeitigen .Vasen- 
bildem werden Knaben und Mädchen und Kinder überhaupt als kleine 
Erwachsene gebildet. Auch das reizende Relief des Mädchens mit 
der Taqbe aus Faros 5) zeigt diese Eigenthümlichkeit und auf dem 
Relief von Eleusis^) hat die sichere Fügung der Glieder und der feste 
Stand des Knaben nichts Kindliches. Auch später noch gelingt es den 
griechischen Künstlern nicht immer, diese Schwierigkeit ganz zu über- 
winden. Der Plutos des Kephisodotos?) hat einen zu kleinen Kopf 
und andererseits zu reife Formen. Auch am Praxitelisdien Hermes 
ist das Kind das Schwächste. Nicht nur ist es zu klein, sondern 
Kopf und Körper haben nicht das richtige .Verhältniüs. Erst der 
hellenistischen Kunst gelingt es den «Putto» darzustellen.^) Um so 
bemerkenswerther ist die gelungene Bildung des Mädchens, besonders 
aber des Knaben in unserem Giebel, dem wir aus dieser Frühzeit nur 
den Domauszieher9) an die Seite stellen können. 

Den dargestellten Moment hat man richtig als die «Ruhe vor dem 
Sturme», bezeichnet Der Künstler konnte das Wettfahren selbst im 
Giebel nicht darstellen. Er hat sich einen andern ungemein prägnanten 
Moment gewählt. Eben haben die beiden Protagonisten den Schwur 
geleistet, beide mit einer reservatio mentalis. Zögernd im Gefühle der 



«) Oerbeck, Gr. Plast. 3 I S. 426. 

«) Vgl. die gleichzeitigen Bemtlhungen der Schalenmaler aas dem Kreis des 
Epiktetos. 

l) E bei Tieu, Arch. Z. 40 Taf. 12. 

4) O bei Treu. 

5) Ich kenne nur eine Photographie aus dem Apparat der Wiener Akademie. 

6) Arch. Z. 1844 Taf. 15. 

7) Mittheilungen des d. Instituts in Athen VI. Taf. 15. 

^ Der Knabe mit der Gans, Overbeck, Plastik Fig. 122. II S. 144; der Domaus- 
zieher, Arch. Z. 37, Taf. 2. 3. 

9) Furtwängler, der Dornauszieher und der Knabe mit der Gans, 1876. Vignette, 
vgl. Murray, a history of Greek sculpture L S. 227. Gazette arch, Vn Tal. 9«- 11. 



^73 

Schuld, welche sie im Begriflfe sind, auf sich zu laden, wendet sich 
jeder nach seiner Seite, und vortrefTlich ist bei beiden der Trotz zu- 
gleich und die innere Hemmung ausgedrückt Diese Spannung setzt 
sich dann fein fort in den auf beiden Seiten stehenden weiblichen 
Figuren, welche gleichfalls wie von einem Schauer vor der Entschei- 
dung ergriffen scheinen. Während aber dann, so viel wir sehen 
können, nur noch in dem Kopfe des. Greises jene ahnungsvolle Stim- 
mung zum Ausdrucke kommt, scheint bei den andern nur die ab- 
wechselnde Darstellung des Sitzens und Knieens den Künstler in- 
teressirt zu haben. Erst in der gespannten Aufmerksamkeit der 
beiden Flufsgötter tönt der angestimmte Accord wieder an. In der 
Mitte aber, das Ganze beherrschend, erscheint Zeus selbst, zwar in 
lebendiger Leiblichkeit, aber dennoch als ein ayalfta, wie es Tansanias 
bezeichnet, den Anwesenden unsichtbar, aber waltend und wirkend 
durch seine blofse Gegenwart, wie Zeus auf dem Throne im Tempel 
ruhig dasitzt, während in den Bildwerken seine Weltregierung in Be- 
lohnung und Strafgerichten dargestellt ist.') 

Betrachten wir die Figuren zunächst, ohne in das Einzelne einzu- 
gehen, so mufs uns auffallen, dafs trotz der reichen Mannigfaltigkeit 
in den Stellungen der knieenden, hockenden, kauernden, sitzenden und 
liegenden Figuren die stehenden ein wesentlich gleiches Schema zeigen. 
Das polykletische uno crure insistere finden wir nirgends verwendet. 
Der Oberkörper aller Figuren zeigt keinen Gegensatz der belasteten 
und entlasteten Seite. In der Stellung z. B. des Pelops ist der 
Künstler nicht weiter gegangen, als bis zum Stande des Apollon 
Philesios, welchen man sich gewöhnt hat, auf Kanachos den älteren 
zurückzufuhren. Bei sämmtlichen Figuren ist der Körper breit und 
massig angelegt. Das Nackte ist so gebildet, wie es dem Auge er- 
scheint, aber nicht wie es ist.^) Wenn auch die einzelnen Partien des 
Körpers oder der Muskeln im Ganzen und Grofsen richtig gegen ein- 
ander abgesetzt sind, so fehlen doch die scharfen Scheidungen, die 
mathematische Richtigkeit, die etwas abstracte Manier der pelopon- 
nesischen Schule und andererseits ist von der inneren Belebung, welche 
Pheidias seinen Gestalten zu geben weifs, nichts zu verspüren. Auch 
hier läfst sich sagen, was wir bei der Nike schon aussprachen, dafs 
nämlich die Arbeit gewissermafsen von aufsen, von der Oberfläche 
des Blockes hineingeht, dafs aber nicht ein Componiren von Innen 



■) E. Petersen, die Kunst des Pheidias S. 375. 
») Plin. n. h. 34, 65. Aristot. Poät. 25. 



18 



^74 

heraus vorhergegangen ist. Deswegen fehlt diesen Figuren auch das 
feine rhythmische Gefühl. Der Contur ist mit einem gewissen rohen 
Naturalismus gebildet, welchem feineres künstlerisches Abwägen ferne ist. 

Dasselbe läfst sich auch von den Gewändern ss^en. Auch sie 
zeigen, wenn auch in verschiedenen Stilarten, wie wir gleich besprechen 
werden, die breite, oberflächliche, massige Manier, die den Körpern 
eigenthümlich ist. Femer ist bei allen Figuren auf eine starke Mit- 
wirkung der Malerei gerechnet, um die Einzelheiten erst zur Wirkung 
zu bringen; und endlich ist ihnen allen gemein die rücksichtslose Ver- 
nachlässigung derjenigen Theile, welche entweder von dem Auge des 
Beschauers abgewendet waren oder durch die Kante des Simses dem 
Anblick entzogen wurden. 

Alles dieses berechtigt uns zu dem Ausspruche, dafs wir hier de- 
corative Sculpturen im prägnanten Sinne des Wortes vor uns haben. 
Aber stellt man sich einmal auf diesen Standpunkt, auf den Standpunkt 
decorativer Sculptur, so wird man das Massige, Breite, Raumfiillende 
als einen Vorzug empfinden. Jede Figur deckt den ihr angewiesenen 
Raum in energischer Entwickelung. Besonders findet diese Bemerkung 
auf die fünf mittleren Figuren ihre Anwendung. Sie sind sämmtlich 
fast ganz in der Vorderansicht, und doch in geschickter, geistreicher 
Abwechselung gebildet. Niemand würde hier an eine Verdoppelung 
der Figuren denken können, wie es bei den Aegineten geschehen ist.') 
Man darf sie eben nicht nur mit den Parthenongiebeln vergleichen. 
Diese sind ein einziges Werk, wie Pheidias ein einziger Künstler war. 
Und wie es nur den attischen Architekten gelungen ist, Anmuth und 
Leichtigkeit mit monumentaler Wirkung zu verbinden, so hat es auch 
Pheidias zuerst verstanden, die vollendetste plastische Stilisirung zu tadel- 
loser decorativer Wirkung zu bringen. In ihm vereinigt sich eben, 
was früher getrennt war: der breite, zuweilen etwas flaue Vortrag, mag 
man ihn nun malerisch oder decorativ nennen, der Thonbildner und 
Marmortechniker mit der knappen, scharfen, sorgfaltig abgewogenen, 
fast ängstlichen Art der Holzschnitzer und Erzgiefser, der eine im 
letzten Ende auf Asien, der andere auf Aegypten weisend. Denn die 
Kunst Vorderasiens ist, nach den ersten naturalistischen Anläufen,') 
sowohl im Relief als in den spärlichen Rundfiguren durchaus auf den 
äufseren Schein gerichtet, Fläche füllend, decorativ. Die Aegypter 
dagegen bekunden in ihrer besten Zeit einen auf das Monumentale, 
mehr auf das Allgemeine, als das Besondere gerichteten Sinn. 



>) Lange, Ber. d. phil. hist. Cl. der k. sächs. Ges. d. W. 1878. 
«) Perrot et Chipiez, histoire de l'art dans l'antiquite II. S. 585 ff. 



Man muis unsere Giebelgruppen aber auch mit den Aegineten ver- 
gleichen. Ein rein plastisches Stilgefühl trägt dort die Schuld, dafs 
Alles mager und sperrig erscheint, so dafs man eine Verdoppelung 
der Figuren wahrscheinlich gefunden hat. Und doch sind die Aegineten 
und die Sculpturen von Olympia nur durch wenige Jahre getrennt. Es 
ist ganz immöglich, hier von den einen zu den anderen einen lieber- 
gang zu construiren. Zwei ganz verschiedene Stilrichtungen stehen sich 
da ihren letzten Ausläufern gegenüber, Brunn's ^) nordgriechische Kunst, 
und die der Daedaliden nach Klein.^) In der attischen Schule des 
Pheidias finden sie ihre Ausgleichung. Aber auch Polykleitos sieht 
sich veranlafst, seinen Gestalten eine gröfsere Fülle zu geben. 

Bei dieser Betrachtungsweise erklären sich auch die Fehler und 
Mängel, welche unser durch die Vollendung der Parthenonsculpturen 
und die als freistehende Rundplastik gearbeiteten Aegineten verwöhntes 
Auge beleidigen. Alle Theile, welche nicht zu sehen waren, also für 
den Zweck der decorativen Wirkung gleichgiltig sind, sind einfach 
nicht fertig gestellt worden. Man hat sie stehen gelassen, wie sie 
waren, und dieses ist besonders wichtig für jene Partien, welche durch 
die vorspringende Kante der horizontalen Sima verdeckt waren. Diese 
unteren verdeckten Gewandpartien, die entweder entsetzlich flau und 
wollen aussehen, oder die sichtbaren Faltenzüge nur eben ganz ober- 
flächlich zu Ende fuhren, müssen bei der Betrachtung ganz eliminirt 
werden. 

Fragen wir aber, wo sich dieser Sinn fiir decorative Plastik auf 
griechischem Boden entwickelt hat, so werden wir nach Kleinasien und 
die vorli^enden Inseln gewiesen. Die gewaltigen Tempelbauten, das 
Heraion auf Samos, das Artemision in Ephesos, das Dindymaion bei 
Milet, botenr in ihren weitgespannten Giebelfeldern und den langen 
Friesstreifen Raum zu ihrer Entwicklung. 

Bei Betrachtung der Figuren des Ostgiebels im Einzelnen fallen 
sehr bedeutende Unterschiede ins Auge. Die Köpfe zeigen ver- 
schiedene Typen und die Gewänder sind in verschiedenem Stil — oder 
sollen wir sagen in verschiedener Manier? — behandelt. Es ist dies 
um so bemerkenswerther, als die Körper, welchen sie angehören oder 



>) Bninn, Sitz.-Ber. d. phil.-phill. Classe der. k. bayr. Ak. d. W. 1876 S. 315 S. 

*) Klein, Arch. epigr. Mitth. a. Oesterreich 5, S. 84ff. 7, S. 60 fil Beide Namen 
sind übrigens nicht glücklich gewählt. Auch alle andern Namen scheinen mir das Problem 
nicht zu erschöpfen. Nur in der allgemeinen Fassung, welche ich oben gegeben habe, 
tritt es in seiner ganxen Bedeutung hervor. 

I8» 



iy6 

welche sie bekleiden, im Wesentlichen eine übereinstimhiende, oben 
charakterisirte Behandlung zeigen. 

Einen ganz bestimmten Stil hat das Gewand der Hippodomeia.') 
Wir sehen die streng stilisirte Darstellung des weiten, hellenischen 
Frauenkleides mit Ueberschlag und Gewandbausch, wenn es als ver- 
hüllende Bedeckung, nicht als Folie des Körpers behandelt wird. Bis 
auf die linke Brust und das leise vorgesetzte rechte Knie verschwindet 
der Körper unter der Gewandung. Die symmetrische Anordnung des- 
selben wird nur durch den Knick unter der Halsgrube und den Zipfel 
über der rechten Schulter unterbrochen. Letzterer führt zur zweiten 
Manier hinüber: beide dienen der Belebung des Gewandes, nicht der 
Verdeutlichung des darunterliegenden Körpers. 

Mit Ausnahme des Gewandzipfels übereinstimmend trägt die 
Hesperide^} und die AthenaS) auf den Metopen dasselbe Gewand. 
Dieser erste Gewandstil hat sich offenbar in strenger Schulübung all- 
mählich entwickelt Wir können ihn, indem wir die Artemis von 
Kalavryta,4) die argivische Hera 5) und das Relief der Polystrata^) 
vergleichen, den peloponnesischen nennen. 

Am nächsten verwandt ist das Gewand der Sterope.7) Doch tritt 
der erste Stil, hier noch getrübter auf. Die Zipfelfalten des Ueber- 
falls an ihrer rechten Seite gehören einer ganz anderen Stilrichtung 
an, welche in der Chlamys des Oinomaos,^ namentlich an seiner 
rechten Seite, herrscht. Die knappen, scharf gebrochenen Falten, 
welche wie Blätterteig aussehen, finden ihre nächste Analogie in 
Werken, wie das Relief aus Pella9) und das Relief in Athen. *o) Diese 
Weise der Gewandbehandlung hat sich, im Gegensatz zu der oben 
besprochenen, bei der plastischen Darstellung des eng und prall am 



F bei Treu: Arch. Z. 40. Taf. 12. Ausgrabungen von Olympia I, 7. V, 12. 
») Metope: Ausgr. I, 17. 

3) Metope: ü, 26A. Sie ist in ihrem feinen, durchaus gleichmttfsigen Stil, in ihrem 
gemäfsigten Archaismus die einheitlichste Gestalt am ganzen Tempel. 

4) Arch. Z. 39, Taf. 2, 2. Hier tritt er in der einfachsten Fassung auf. Vgl. 
Mittheilungen d. d. a. Inst, in Athen III Taf. i, i. 

5) Ann. dell' inst. 1861 tav. d'agg. A. Conze, Götter- und Heroengestalten Ta£ 6, i. 
5) Le Bas, voyage arch. mon. fig. Taf. 102, i. 

7) IC. Ausgr. n, 6. 

8) y, Ausgr. I, 9. IV, 9. 

9) Mitth. des d. a. Inst, in Athen VIII Taf. 4 (Brunn). Bull, de corr. helleo. Vm 
Taf. II (Heuzey). 

ic) Exped. de la Moree pl. 41, i — 3. «Wahrscheinlich aus Lamia* v. Sybel, Katalog 
der Sculpturen zu Athen 76, «Gewifs aus Salamis», Furtwängler, Sammlung Sabouroff 
zu Taf. 5. 



277 

Körper anliegenden Gewandes entwickelt, bei welcher gewissermafsen 
für die Dürftigkeit der Bekleidung selbst die zierlich gefältelten Zipfel 
entschädigen sollten.*) Doch ist bei dieser zweiten Manier in unserm 
Giebel, entschiedener als bei der ersten, mit der archaischen Gebunden- 
heit gebrochen: sie macht sich nur noch in der verhältnifsmäfsigen 
R^elmäfsigkeit der Faltenzüge, in der abstracteren Stilisirung der ge- 
steiften und geprefsten Zipfel bemerklich.*) 

Den Uebergang zu einem dritten Gewandstil bildet die Bekleidung 
des kauernden Knaben. 3) Auch hier ist das Gewand knapp anliegend 
und geht auf der Basis in an die alte Regelmäfsigkeit erinnernde 
Quetschfalten aus. Aber der Stoff ist gröber, und es ist nicht ein be- 
stimmtes Kleidungsstück, sondern ein wie zufallig umgenommenes 
Stück Zeug dargestellt. 

Die übrigen Figuren, mit * Ausnahme des Mädchens ,4) haben 
eigentlich nur malerisch umgenommene Tücher aus einem groben 
Gewebe, welche naturalistisch dem zufalligen Wurfe an einem Manne- 
quin nachgebildet sind und im Wesentlichen nur dazu dienen, den 
Gestalten mehr Fülle zu geben und eine Abwechslung drapirter und 
nackter Figuren hervorzubringen. Nur das Mädchen zeigt in seiner 
durchgeführten Bekleidung eine klarere Linienführung 5) und beweist, 
dafs auch diese dritte Manier einer plastischen Stilisirung fähig war. 
In diesen flotten, aber auch flauen Gewändern liegt etwas Individuelles, 
und wir werden, indem wir die Nike zum Vergleich heranziehen, in 
ihnen die decorative Manier des Paionios selbst erkennen können.^) Sie 
weist auf den Gewandstil hin, welchen Pheidias zur Vollendung führte. 

Noch schärfer tritt diese Verschiedenheit bei den Kopflypen her- 
vor. Niemand würde glauben, um von den zwei vollständig erhaltenen 
Exemplaren auszugehen, dafs der Greisenkopf?) und der Kopf des 
Kladeos^ ein und demselben Werke angehören, wenn dies nicht eben 



<) Ein gutes Beispiel aus der grofsen Menge dieser Gestalten giebt die Aphrodite 
mon. dell' inst. IX Taf. 3. 

*) Ich verzichte darauf, diesem Gewandstil einen bestimmten Namen zu geben. 
Heibig, das homerische Epos aus den Denkmälern erläutert S. 128 0*., führt diesen knappen 
und Conventionellen Stil auf aegyptiscbe und vorderasiatische Einflüsse zurück. 

3) £. Ausgr. I, 13. 

4) 0. Ausgr. n, 7A. rV, loA. 

5) Abgesehen von dem untergeschlagenen Unterbein, welches von der Sima ver- 
deckt war. 

6) Doch tritt sie nicht ganz rein auf. Der Knick z. B. auf der Hüfte des Alpheios 
(A. Ausgr. I, 15.) muthet an, wie ein Motiv aus der ersten Manier. 

7) N. Ausgr. I, la 11. 

^ P, Ausgr. I, 14. IV, 6. 7. 8. 



278 

durch die Ausgrabung über jeden Zweifel gestellt wäre. Betrachten 
wir den erstgenannten! Er ist ein Meisterwerk der decorativen Plastik 
mit seinem grofs angelegten, hohen Schädel, welcher das spärlich sich 
ringelnde Kopfhaar belebt, aber nicht verdeckt, mit der hohen falten- 
reichen Stirn, mit der energischen starken Nase, mit seinen grofsen 
tiefliegenden Augen, mit dem sprechenden Mund und dem in seinen 
Massen vortrefflich angelegten Bart. Und daneben nun der Kopf des 
Flufsgottes, der fast in jedem Zuge ein Gegenspiel des Greisenkopfes 
ist: ein langgezogenes, niedriges Schädeldach, das Haar eine unge- 
gliederte, ganz dem Maler überlassene Masse, kurze, glatte Stirn, spitze, 
gekniffene, luftlose Nase, kleine, fast in der Ebene des Gesichtes 
liegende Augen, deren Lider unbelebte Curven bilden, festgeschlossener 
Mund mit schmalen Lippen. 

Von den übrigen Köpfen ist ddr von L>) dem von N verwandt; 
der Kopf von B*) wiederholt den Typus des Herakles in den Metopen;3) 
der Kopf des Mädchens O ist eine weniger ausgeführte Replik der 
Köpfe des Westgiebels; der des Oinomaos endlich ein Beispiel rein 
äufserlicher Mache. 

Sehen wir uns nach Analogien für die beiden Typen N und P um, 
so werden wir nach verschiedenen Seiten gewiesen. Der Grdsenkopf 
gehört zu den Köpfen, auf welche Conze aufmerksam gemacht hat;4)- 
im Umrifs erinnert er an den Kopf des Theseus oder Dionysos vom 
Ostgiebel des Parthenons) und an die Köpfe auf dem Friese ebenda. 
Eine consequente Weiterbildung aber zeigen, namentlich in der Form 
der grofsen Augen, die Köpfe des Skopas aus den Giebelfeldern des 
Athenatempels in Tegea.^) Der Kopf des Flufsgottes aber hat die 
scharfe, fast mathematische Linienführung, auf welche Brunn wiederholt 
aufmerksam gemacht hat, wie wir sie in ihrer einfachsten Form auf den 
altspartanischen Reliefs?) sehen. Er fuhrt zu dem Typus des Doryphoros. 



i) Ausgr. I, i6A. n, 9A. 
*) Ausgr. n, 7B. V, 13A. 

3) Ausgr. V, 16. IV, 12A. B. 13A. Vgl. das Köpfchen von Meligö, Mitth. d. d. a. 
Inst, in Ath. Vn Taf. 6. 

4} Beiträge zur Geschichte der griech. Plastik zu Taf. II. 

5) Michaelis, D auf Taf. 6, 10. 

6) Mitth. d. d. a. Inst, in Ath. VI. Taf. 14. 15. Uebrigens haben am frOhesten 
Matz und ich (im Jahre 1868) diese Köpfe als zu den Giebelfeldern gehörig erkannt. Ich 
habe sie damals dem Ephorat und Prof. Kumanudis in Athen angezeigt, konnte aber 
weder ihre Transportirung nach Athen, noch ihre Abformung durchsetzen. 

7) Mitth. d. d. a. Inst, in Ath. II Taf. 20 — 25. Furtwängler, Sammlung Sabouroff 
Taf. I. Der Schnitt der Augen in dem herausgewandten Kopf (Taf. 20) ist ganz der an 
unserem Kopfe. 



279 

So kreuzen sich in den Sculpturen des Giebelfeldes die verschie- 
densten Richtungen und Einflüsse. Sie gewähren uns einerseits einen 
belehrenden Einblick in die gährende Bewegung auf dem Gebiete der 
Plastik in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, sind aber andererseits 
in ihrer Mischung in ein und demselben Giebelfelde schwer zu begreifen. 
Eine Verschiedenheit der ausführenden Hände mufs angenommen werden, 
aber diese Annahme löst das Räthsel nicht vollständig, besonders weil 
die ganz verschiedenen Kopflypen N und P auf Leibern sitzen, welche 
in ihrem derben Naturalismus die gröfste Uebereinstimmung zeigen und 
weil doch das Ganze durch den allen Gestalten und Typen gemein- 
samen decorativen Zug zusammengehalten wird. 

Die Bildung der Pferde weicht bedeutend ab von der im Giebel 
und im Friese des Parthenon. Es ist dabei zu beachten die magere 
Croupe, das spitze Hintertheil und der walzenförmige Leib, wie wir 
ihn in voller Ausbildung in einem archaischen Werke, dem Reiter von 
Vari,^) finden. Es ist dieselbe Pferdebildung, die in etwas gedrunge- 
neren Formen auf dem Westgiebel unseres Tempels wiedererscheint, 
und welche auch im Grofsen und Ganzen die der Kentaurenleiber auf 
den Parthenon-Metopen ist. Die Hälse der Pferde des Ostgiebels sind 
schwächlicher, gestreckter, als am Parthenon, ohne allerdings die Weich- 
lichkeit des argivischen Reliefs*) zu erreichen. Die kleinen Köpfe 
sind fein naturalistisch ausgebildet, doch zeigen sie g^enüber den 
Pferden des Parthenon eine gewisse Kleinlichkeit Es sind hier viel 
mehr Einzelformen ausgeführt und angedeutet, die plastische Stilisirung 
ist nicht so weit geführt. Aehnliche Pferde finden wir im Friese des 
Parthenon nur einmal. 3) 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so zeigt sich, dafs wir die 
Eigenthümlichkeit des Stiles des Paionios, wie wir denselben aus seinem 
Originalwerke der Nike abgeleitet haben, in den Giebelsculpturen wieder 
finden: dasselbe Streben nach decorativer Wirkung, derselbe kecke 
Wurf, der gleiche Mangel feiner und rhythmischer Empfindung, 4) die- 
selbe Weise, mehr von aufsen hinein, als aus einer Idee von innen 
heraus zu schaffen. Es zeigt sich uns dabei die merkwürdige Erschei- 
nung, dafs Paionios, trotz der Einwirkung der attischen Schule, sein 



i) Mitth. d. d. a. Inst in Ath. IV, Taf. 3. 

*) Mitth. d. d. a. Inst, in Ath. m, Taf. 13. . 

3) Michaelis, der Parthenon, Taf. 12. XXn. XXDI. Sie zeigen auch denselben An- 
satz des Schweifes. Es wird wohl gestattet sein, die Frage aufznwerfen, ob wir in diesen 
Darstellungen die viel gerühmten Pferde des Kalamis erkennen dürfen. 

4) O. Rayet, gazette des beaux arts 1877 S. 134 ff. 



28o 

künstlerisches Wesen in den dretfsig Jahren, welche wir jetzt über 
blicken können, nicht verändert hat: er ist ein energischer, begabter 
Decorativkünstler gewesen und geblieben, und wir dürfen daraus viel- 
leicht schliefsen, dafs er in einem Alter nach Olympia gekommen ist, 
welches es ihm erschwerte von seiner einmal ausgebildeten Art abzu- 
weichen und welches ihn verhinderte, die neuen Eindrücke innerlich 
zu verarbeiten. Die Nike und der Ostgiebel sind nur qualitativ, nicht 
im Wesen verschieden. Rücksichtsloser treten in dem Ostgiebel die 
malerisch decorativen Formen auf, doch auch in der Originalstätue ist 
das Motiv und die Ausfuhrung nur aus der decorativen Richtung des 
Künstlers zu begreifen. 

Aber welcher Unterschied herrschte dennoch zwischen dem Ori- 
ginalwerke und den Giebelgruppen I Im Giebel ist alles vergröbert und 
verflaut. Die decorative Breite wird zur Plumpheit, namentlich in den 
Gewändern der 3. Manier, die unbekümmerte Behandlung zur Nach- 
lässigkeit, der naive Wurf der Erfindung zur Nonchalance. Wendet 
man den Blick von den Gruppen zur Nike zurück, so überrascht der 
durchaus individuelle Zug, die packende, eflectvolle Darstellung eines 
kühnen Bewegungsmotivs, die grofsartige Auflassung, die Frische der 
Mache. Wir erkennen hier — und zwar zum ersten Male innerhalb 
der griechischen Kunst — wie viel, auch in Griechenland, bei solchen 
Tempelsculpturen von der ersten Inspiration des entwerfenden Künst- 
lers auf dem weiten Wege bis zur Ausfuhrung verloren ging. 

Hier ist der Platz, ein Zeugnifs über Paionios zu besprechen, 
welches das interessante Resultat zu ergeben scheint, dafs Paionios, 
obgleich er, wie Alkamenes, kein Athener war, in Athen selbst be- 
schäftigt war, wenn auch nicht gerade als plastischer Künstler. Ich 
meine die Stelle in der Komödie des Krates Ofigia. ') In derselben 
war die gute alte Zeit als ein wahres Schlaraffenleben geschildert, und 
in der erhaltenen Stelle überbieten sich ähnlich, wie in den Rittern des 
Aristophanes der Wursthändler und der Paphlagonier, zwei Interlocu- 
toren in der Schilderung der Genüsse, welche sie ihren Anhängern 
gewähren wollen. Der erste bietet ein tTischchen deck dich» u. s. w., 
der andere ein Warmbad von Meerwasser, welches sich von selbst 
füllt, und zu dem Salbflasche, Schwamm und Sandalen von selbst 
kommen. Er sagt: 

— rd S'CQgMx lovTQd a^w TOtg ifjboTg 

irü nuoviAv SKfJuq dui tov nccnaviav 

inl (ano Bergk) t^ dvtldttifQ, — 

i) Kock tragm. com. Gr. Krates fr. 15. 



28 1 

Mit Recht hat Birt^) an der Erwähnung des mx$wiov, welches 
doch nur als Krankenhaus gefafst werden kann, Anstofs genommen. 
Was soll es in der That bedeuten, dafs das warme Wasser twie durch 
das Krankenhaus» geleitet werden soll? 

Leopold Schmidt, dessen Conjectur ich nur aus dem Citate Birts 
kenne, vermuthet daher: ^ d§d tix^ ncuwvtov, was einen vortreff- 
lichen Sinn giebt; aber die Veränderung ist sehr gewaltsam. Birt 
schlägt vor: oKmeg dtd rov Umaoriov, was freilich sehr einfach ist, aber 
wiederum hinsichtlich des Sinnes und der Construction seine Schwierig- 
keiten hat. Den störenden Artikel könnte man entfernen, indem man 
schriebe: Acmeg 6td tov namviov. Aber dw mit dem Genetiv bleibt 
hart und wenn man dtd tov Ikuwwv schreibt, so giebt es wieder kein 
Mittel, den Artikel zu entfernen. Die Stelle scheint mir noch nicht 
geheilt. Die Corruptel steckt in den Buchstaben IIEPJIA. 

Wie dem aber auch sei, dafs hier von einem Ingenieur, um den 
modernen Ausdruck zu wählen, welcher den Athenern eine Wasser- 
leitung angelegt hatte, die Rede ist, scheint mir unzweifelhaft. Birt 
denkt dabei an den Architekten Paionios aus Ephesos, welcher im 
Verein mit Demetrios den Tempel der Artemis in Ephesos vollendete 
und dann mit Daphnis zusammen den Tempel des ApoUon Dindymaios 
bei Milet baute. ^) Brunn 3) ist im Zusammenhange mit seiner Auf- 
fassung der samischen Künstlerfamilie der Rhoikos , Telekles und 
Theodoros geneigt, den Bau speciell des Branchidentempels und damit 
auch die Zeit des Paionios von Ephesos erst nach der Schlacht am 
Eurymedon anzusetzen. Doch wird man sich jetzt allgemein lieber 
der Ansetzung , welche Urlichs 4) vertreten hat , anschliefsen. Er 
läfst das Dindymaion um die Zeit der Schlacht bei Mykale er- 
richtet werden, den Tempel von Ephesos aber viel früher. Bedenken 
wir nun, dafs Aristophanes in den Rittern V. 537, welche 424 v. Chr. 
aufgeführt wurden , von Krates als einem damals noch lebenden 
Künstler spricht, der dann und wann noch einen Sieg gewinne, dafs 
die dort gegebene Charakteristik des Krates auf Stücke pafst, wie die 
&fiqla, welche auch Kratinos erst in seinem Alter schuf, 5) so müfste 



1) Elpides S. 102, Axun. 66. 
*) Vitr. Vn pracf. 16. 

3) Geschichte der griech. Künstler n S. 380 ff. 

4) Rhein. Mus. N. F. X. S. i ff 

5) Eine genaue Zeitbestimmung läfst sich nicht gewinnen. Nach Athenäus p. 268 E 
sind sie vor den Amphiktyonen des Telekleides aufgeführt, welche Kock fragm. com. Gr. 
I. S. 209 nach der Verurtheilung des Anaxagoras (c. 431. £. Curtius, Gr. Gesch. 5 m, 
S. 396) ansetzt. 



282 

das Werk dieses Ephesiers Paionios ein sehr bedeutendes sein, wenn 
es in einer Komödie aus der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts 
als ein allgemein bekanntes erwähnt würde. <) Dann aber dürften 
wir uns darüber wundern, dafs wir von dieser Wasseranlage, oder was 
es sonst war, keine Erwähnung in der antiken Litteratur finden. Da- 
gegen brauchen wir, wenn es sich um eine Anspielung auf eine eben 
damals entstandene Anlage handelte, >) uns dieselbe nicht gerade 
bedeutend zu denken und daher auch nicht zu erwarten, sie noch 
anderwärts erwähnt zu finden. 

Wir gewinnen damit also Kunde von einem Paionios, der nach 
der Mitte des fünften Jahrhunderts in Athen thätig war und bei der 
Seltenheit des Namens, fiir welchen wir aus dieser Zeit nur noch einen 
Träger nachweisen können, einen attischen Kleruchen aus Lemnos, 
welcher in den ersten Jahren des peloponnesischen Krieges gefallen 
ist,3) liegt es gewifs nahe, an unseren Paionios zu denken. Ich brauche 
nur an Kleoitas zu erinnern, welcher die IjtndfpeiAg im Hippodrom zu 
Olympia errichtete und dessen Ruhm sich namentlich auf dieses tech- 
nische Werk gründete, um der Verbindung von plastischer und tech- 
nischer Begabung und Bethätigung das Befremdende zu nehmen. 

Für die, wie ich glaube, noch nicht endgiltig gelöste Frage, ob 
Pheidias zuerst den Zeus von Olympia oder die Athene Parthenos ge- 
bildet habe, 4) ist es jedenfalls nicht gleicl^iltig, wenn wir anzunehmen 
berechtigt sind, dafs ein Künstler, welcher vorher am Tempel zu 
Olympia beschäftigt war, später in Athen arbeitete. Konnte man 
früher, ehe man die Giebelsculpturen kannte, sich denken, dafs Paionios 
von Athen aus dem Pheidias, etwa als sein Schüler, nach Olympia 
gefolgt sei, so ist diese Annahme unmöglich geworden. Doch könnten 
wir jetzt einen Einflufs der attischen Schule, speciell des Pheidias, auf 
das spätere Werk des Paionios, die Nike, nicht nur begreifen, sondern 
auch nachweisen, wann und wo Paionios denselben in sich aufge- 
nommen hat. Auch verstehen wir jetzt besser, warum sich die 
Messenier und Naupaktier für ihr Siegesdenkmal gerade an Paionios 



i) Ebenso hat man aus Arist. Vög. 1128 auf die kurz vorher erfolgte Aufstellung 
des dav^tos tnnof geschlossen. 

>) Ich erinnere an die regelmXfsigen Stadtanlagen des Hippodamos und an die 
Wasserleitung des Meton (c. 433. E. Curtius, Gr. Gesch. 5 m S. 284). 

3) C. J. A. I, 443. 

4) Sauppe, Gott. Nachr. 1867, S. 175 ff. E. Curtius, Arch. Z, 35, S. 134. Ders. 
Gr. Gesch. 5 II, S. 396 u. Anm. 16, S. 855. Mtlller-Strttbing, N. Jahrb. 1882, S. 289 ff. 
Löschcke, in Historische Untersuchungen A. Schäfer gewidmet, S. 25 ff. 



283 

wendeten. Er war ein Künstler, welcher damals in Athen, dem 
treuesten Schutzstaate der Messenier, lebte und arbeitete. 

Wie ich in der Note i angekündigten weiteren Ausfuhrung zu 
zeigen suchen werde, haben wir bei Alkamenes im Gegensatze zu 
Paionios eine entschiedene Weiterentwickelung des Künstlers über den 
Stil, welchen seine Olympiasculpturen zeigen, anzunehmen. Das Lob, 
welches seiner Aphrodite Urania gespendet wird, die mannigfache 
Verwendung des Künstlers für die Tempelbilder der aus ihren Ruinen 
wieder aufblühenden Stadt, welche in den verschiedensten Materialien 
hergestellt wurden, der ehrende Beiname seiner Athleten-Statue, zeigen 
ihn uns durchaus in einer Stellung, welche die Gleichsetzung mit 
Pheidias uns begreiflich macht, und diese Gletchsetzung kann uns zu- 
gleich zeigen , dafs Alkamenes über die decorative Gewandtheit, 
welche als charakteristische Begabung des Paionios bei der Betrachtung 
seiner Werke eben gewonnen wurde, zu der strengen plastischen 
Stilisirung des Pheidias fortgeschritten ist An seinen Götterbildern 
rühmt man das Gewicht, also eine Pheidiasische Eigenschaft, sein 
Hephaistos zeigte eine sinnige Anwendung eines charakteristischen 
Motives, welches wir auch in dem Friese des Parthenon angedeutet 
finden und ganz der naiven Weise entspricht, wie Pheidias seine 
Götter gestaltete. 

Wir denken uns also, dafs von jenen beiden Handwerksmeistern, 
die gerade zur rechten Zeit ein glückliches Geschick nach Elis führte, 
der ältere schon in einem Lebensalter stand, welches ihm den Anschlufs 
an die Fortschritte der neuen Richtung erschwerte, Alkamenes aber, als 
der jüngere und begabtere, wie ihn der Westgiebel zeigt, die g^nze 
Frische und Empfänglichkeit dem Neuen und Grofsartigen entg^en 
brachte, welches in der Meisterschöpfung des Pheidias im Tempel zu 
Olympia sich offenbarte, dafs er dem Meister nach Athen folgte und 
in einem Verhältnisse, welches zwischen dem des Schülers und des 
unabhängig nachstrebenden Künstlers die Mitte hielt, sich zu einem der 
ersten Meister der Idealplastik hindurcharbeitete. 

Die Kunst aber, welche Paionios und Alkamenes übten, als sie 
nach Olympia kamen, können wir wohl am besten bezeichnen als eine 
wild wachsende Pflanze, die ohne strenge Schulung und Zucht auf dem 
einzig fruchtbaren Boden hellenischer Kunstbegabung gedieh. Als die 
Gefahr der Perserkriege glücklich überstanden war, blieb in den Geistern 
nicht nur ein hoher idealer Schwung, sondern ganz Griechenland er- 
freute sich auch aus der reichen Beute eines Wohlstandes, den es früher 
nicht gekannt hatte. Empfand man den Wun3ch, den heimischen 



284 

Göttern den Dank für Rettung aus gröfster Noth in glänzenden Tcmpel- 
bauten abzutragen, so fehlte es auch nicht an Mitteln, die sich aller- 
wärts regende Baulust zu befriedigen. Mit den Bauhandwerkem, welche 
zu den gröfseren Bauunternehmungen zusammenströmten, kamen auch 
geschicktere Steinmetzen, welche künstlichere Arbeit verstanden, wenn 
es verlangt wurde, auch eine Figur machen konnten, namentlich 
von den marmorreichen Inseln Faros und Thasos. Ungezählte sind 
gestorben ohne einen Namen zu hinterlassen. Eine Reihe derselben 
sind durch die Bauinschrift des Erechtheion der Vergessenheit entrissen. 
Wenigen spielte Glück und Begabung eine grofse Aufgabe in die 
Hände, wie dem Paionios. Die wenigsten haben die Höhe künst- 
lerischen Schaffens erklimmen können. Zu ihnen gehört Alkamenes. 

Das Gemeinsame dieser decorativen Kunst ist aber, dafs sie sich 
den mannigfach damals in Griechenland sich kreuzenden Richtungen 
in der Plastik zugänglich erwies, und zwar um so mehr, je weniger 
der anordnende Künstler selbst über dem Standpunkt eines Decorateurs 
erhaben war.') 



i) Ich bemerke cum Schlüsse, dafs mir der zweite Band von Mnrrajr's history of 
Gr. sculpture erst nach Abschlufs der Arbeit zugekommen ist. 



XXI. 



WILHELM DITTENBERGER 



Epigraphische Miscellen. 



I. 

-A.US der grofsen Menge zum Theil recht unbedeutender metrischer 
Inschriften, die durch die Ausgrabungen der letzten Jahre zu Tage 
gefördert sind, heben sich die Epigramme des in der Nähe von 
Thespiae aufgefundenen Denkmals der neun Musen nicht gerade durch 
einen besonderen poetischen Werth, aber durch ihre Beziehung zu einer 
der berühmtesten Cultstellen des alten Böotien heraus, und verdienen 
daher besondere Beachtung. Leider sind nur vier von ihnen voll- 
ständig {ji^poioy VII. p. 282) und von einem fünften (Bulletin de 
correspondance Hell^nique m. p. 446 n. 6) die Versenden erhalten. 
Während aber von jenen vier die der Urania, Terpsichore und Polymnia 
dem Verständnifs keinerlei Schwierigkeiten in den Weg legen, scheint 
mir das der Thaleia bis jetzt noch nicht richtig gelesen und gedeutet 
zu sein. Was auf dem Stein steht, wissen wir zwar, nachdem 
Kumanudis einen nicht ganz vollständigen und richtigen Text gegeben 
hatte, durch J. Schmidt, Mittheilungen des arch. Instituts in Athen V. 
(1880) p. 121 ganz genau: 

•^AAAIEniPHNHZZO<|>IHZKAAATOirAIAnAZA 
I PHNHAO I BAITAZdEeAAE lAXEfi 
Wenn derselbe aber diesen Text in folgender Weise umschreibt: 
GdX3i(ß)$ in (ß)ifijpil^ iSö^ifig naXd tcm y^'^ aTnufoi' 
{sßQijyfl Xotßdg tdcdsj &dX€uXj x^* 
und übersetzt c Wetteifernd in des Friedens Künsten treibt schöne 
Blüthen Dir die ganze Erde; dem Frieden bringe ich, Thaleia, diese 
Spenden dar,» so erregt dies in mehr als einer Hinsicht Bedenken. 
Zunächst läfst sich die Messung yät* anaaa in keiner Weise recht- 
fertigen. Denn wenn es schon an sich höchst zweifelhaft erscheinen 
mufs, ob Y^'^^ überhaupt zu denjenigen Worten gerechnet werden 



^^8 

darf, deren Diphthong Vor folgendem Vocal unter Umstanden als 
Kürze behandelt wird,') so fehlen hier überdies die Bedingungen, 
unter denen die Verkürzung zulässig wäre. Denn wenn dieselbe in 
gewissen Fällen im Innern des Wortes (z. B. ofog iifcA), in noch viel 
weiterem Umfang aber im Auslaut vor einem vocalisch anlautenden 
Wort (z. B. XOVQO& ^Axoti&v) auftritt, so ist es dagegen ganz ohne Bei- 
spiel, dafs der vocalische Anlaut erst Elision des auslautenden kurzen 
Vocals und dann überdies noch Verkürzung des diesem vorangehenden 
Diphthongs gewirkt hätte; nach einem noX' hmsq oder einem ähn- 
lichen, dem yat armau analogen Versausgange dürfte man wohl in 
der gesammten daktylischen Poesie der Griechen vergeblich suchen. 
Zu diesem metrisch-prosodischen Bedenken gesellt sich aber, um von 
weniger erheblichen Anstöfsen abzusehen ,2) ein nicht minder ent- 
scheidendes sachliches: Wenn nach Schmidts Deutung Thaleia ohne 
Zweifel die angeredete Person sein soll, 3) wer ist denn dann der 
Redende? Das Denkmal ist geweiht nicht von einem Einzelnen, 
sondern von der Gemeinde Thespiae, wie die in grofsen, weit von ein- 
ander abstehenden Buchstaben über den Epigrammen hinlaufende 
Dedicationsinschrift [T]ad§4) Oetoniicg [äpid-iav ldn6Ui](on beweist. 
Welchen Sinn könnte es dann haben, dafs in dem Epigramm der 
Thaleia eine in keiner Weise näher bezeichnete einzelne Person von 
sich sagt eich bringe dem Frieden diese Spenden dar.> Ueberdies 
ist zu beachten, dafs in keinem einzigen der übrigen Epigramme die 



i) Man könnte sich dafür nur auf yaiaxo^ Pind. OL Xm, 78, yati^oxog Hesiod. 
Theog. 15 berufen. Aber der RUckschlufs von diesem Compositum auf das einfache yäki 
ist keineswegs unbedenklich, und aufserdem spricht viel dafür, dafs an jenen beiden Stellen 
vielmehr ytdxo^, y^^o^og zu schreiben ist (vgl. Boeckh Not. crit. ad. Pind. p. 424). 

«) Dafs die Abhängigkeit der beiden Genetive von einander (in* ft^ijytif üoqiiffi «in 
des Friedens Künsten») etwas sehr Geschraubtes hat, und dafs die asyndetische Neben- 
einanderstellung beider Sätze nicht elegant genannt werden kann, wird allerdings Jeder- 
mann zugeben. Aber man würde diese Härten und Unebenheiten allenfalls hinnehmen 
können, wenn alles Andere in Ordnung wäre. 

3) Denn auf wen aufser ihr könnte sich das Pronomen der zweiten Person beziehen? 

4) Von den fünf erhaltenen Steinen enthält jeder drei Buchstaben, und zwischen dem 
über dem Epigramm der Terpsichore stehenden EE [S\ und dem su dem verstümmelten 
Epigramm einer unbekannten Muse gehörigen SiNI fehlen gerade noch zwölf. Es herr^ht 
also die schönste Symmetrie, welche nur durch das zu Anfang fehlende T gestört wird. 
Dafs dies ganz allein auf einem links an den der Urania anstofsenden und sonst voll- 
ständig unbeschriebenen Stein gestanden hätte, ist wenig wahrscheinlich. Sollten die 
Böoter, wie das für das Pronomen ovtog jetzt durch eine ganxe Reihe urkundlicher Zeugnisse 
feststeht, auch bei S(f« den Anlaut der sämmtlichen Casus obliqui nach der Analogie des 
Nominativus singularis behandelt haben, und danach a^e zu lesen sein? Die bis jettt ans 
böotischen Inschriften, bekannten Beispiele geben nach keiner Seite eine Entscheidung. 



iS9 

Muse angeredet wird, wahrend in dreien unter den vier Gedichten 
der Verfasser sie selbst redend einfuhrt. ') So spricht Alles dafiir, 
dafs dies auch hier der Fall ist, und dafs überhaupt nur zwei Personen 
in unserem Epigramm in Frage kommen, die Muse Thaleia und die 
Friedensgöttin Eirene, welcher jene zum Dank für die Förderung der 
Künste durch den Frieden ihre Libation darbringt. Dafs eine Gott- 
heit der andern eine Opferspende ausgiefst, kann durchaus nicht auf- 
fallen, zumal in ganz analoger Weise in einem anderen der thespischen 
Epigramme Polymnia dem Zeus gegenübertritt. Danach ist zu lesen: 
@dXX(je)t in («)^^»'i|/? (SOffiff^ xaXa' zoiyaQ dndiftt[g] 
{E)lQijyif loißdg Tdöde OaX^a x^69. 

cEs blüht im Frieden die Herrlichkeit der Kunst; drum giefse ich, 
Thaleia, der Friedensgöttin alle diese Spenden aus.t 

Dafs dndaag ungeschickt und prosaisch ist, läfst sich nicht leugnen, 
aber ein bedeutender und geschmackvoller Dichter ist der Verfasser 
dieser Epigramme auch nicht gewesen. 

Aus einem ganz ähnlichen Grunde kann mich auch die Herstellung 
eines thebanischen Grabepigramms bei Kaibel Hermes Vm. p. 422 n. 40 
(Epigr. Gr. 488) nicht befriedigen. Er liest: 

2av ikh d^ nccrgig di^Pj Kegxiref 06§iav vUj 

^fA[€TiQ](ay iy X^^ (filtoy ' o[&€y ovJTrar' iTuUyav 
[ltl(f6fßi}&9" ^ ihdXa ydg [0^ <jp]t;0lv ^ya(tdfjkiiy. 

Die Ergänzung ^(ji[eTiQ]wff rührt von Bücheier her. Aber auch 
hier fragt man sich vergebens, wer denn eigentlich redend eingeführt 
wird. Die Freunde offenbar nicht; denn wie sollten diese sich selbst 
€ unsere Freunde» nennen? Und kann denn hier überhaupt von 
anderen Freunden, als von denen des verstorbenen Kerkinos selbst die 
Rede sein? «Er starb zwar fern von der Heimath, aber in den Armen 
der Freunde.» Das ist ein einfacher und für eine Grabschrift durch- 
aus angemessener Gedanke, der durch jenes ^fjkeriQWP zerstört wird. 
Ich schlage daher vor zu lesen: 

Sav f^ip d^ Tuxtglg d^v, Keqxivs Ool^iov tAi, 

Hovzidg *^Hqd»ksi i^€$ axog q^fjhdyavj 
^fjk [nQoi47t]iay iy x^QI^ ^ihav d[dv€g. ov\n(n' ijtaiyov 

[Ai|/<rofi]€i9'* ^ fjuxXa ydq [t^v (p]v(»y ^yaadfktp^. 
Endlich möge sich hier noch ein drittes Beispiel anreihen, wo 



>) Nämlich in den vollständig erhaltenen der Urania und Polymnia und in dem fragmen- 
tttten, wo die Versausgänge jjfff^K, «h iya^dUra und dido^xa xala keinen Zweifel lassen. 

19 



ebenfalls die Beziehung der in dem Epigramm vorkommenden ersieü 
Person bei der vom Herausgeber befolgten Lesung und Interpunction 
ganz unverständlich bleibt. L. Heuzey, Mission arch^ologique p. 439 
n. 225 veröffentlicht eine in der Kirche des Dorfes MavramaH^ nicht 
weit von den Ruinen des alten Gomphoi, gefundene Inschrift in 
folgender Gestalt: 

linäytcoy xqidtUßv dQevd ' f*evd Ttatda S'istikoVj 

sqyonv aftBriquov a^iop (og tdöfjuxy 
xal d* av viv xixw 

Zu der Unklarheit, wer hier in erster Person redend eingeführt 
würde, kommt noch der grobe prosodische Fehler in aT€dy%mf, den 
dem Verfasser zuzutrauen das sonst in metrischer Hinsicht ganz correcte 
Gedicht uns nicht berechtigt. Es mufs daher gelesen werden: 

*A TtdpToav xQifXkar l/^crcr (jbctd Ttatda S'istSkoy, 

So, als Epitheton der persönlich gedachten IdQerd, erscheint auch 
dieses Ttayiow x^mrcov passender und weniger geschmacklos, als wenn 
nach Heuzey's Lesung der doch wahrlich nicht tiefsinnige Gedanke 
«die Tugend ist besser als alles Andere» selbständig an die Spitze 
des Gedichtes gestellt wird. Befremden könnte auf den ersten Blick 
die Anschauung, wonach die liQsrd den Knaben einzuholen strebt, 
während uns das Umgekehrte, die Vorstellung von einem Lauf des 
Menschen, dessen Ziel die Tugend ist, ganz natürlich erscheint 
Indefs der Pentameter motivirt jene AuiTassung in durchaus ange- 
messener Weise: Da der Knabe (durch Abstammung und natürliche 
Begabung) würdig schien, in die Zahl der Verehrer der jigerd einzu- 
treten, so strebte die Göttin danach, ihn fiir sich zu gewinnen, und es 
wäre ihr auch gelungen, wenn nicht sein allzu früher Tod ihre Be- 
mühungen vereitelt hätte. 

Auch anderwärts lassen sich zuweilen Anstöfse durch eine leichte 
Aenderung in der Wortabtheilung beseitigen. So liest man in der 
^E(ptjfA€Qlg ä(ix^*oXoy$x^ TmQiodog 10. (1883) p. 25, n. i ein Weihgedidit 
aus dem Asklepieion in Epidauros: 

[Z^tpik xal ^HsXkp [x]al na(Up a€tyeyie<f(Uv 
[i]lßod6Taig xal [i^levd-SQtotg xal Xv(^tc6vouuv 
tsQtnpdwijg etg oirtji &€07t€td'h yctkav 
Jtoyivff;, JffoSq nqomoXoq, llcuijovog iQCvg. 

ohne dafs der Herausgeber verriethe, welchen Sinn das Zahlwort dg 



29t 

in diesem Zusammenhang haben könnte. Natürlich ist der Ariost eh' 
{ßtae = iÖQWfttto) herzustellen, i) 

Dafs metrische Inschriften keineswegs immer mit abgesetzten 
Versen eingehauen worden sind, ist eine bekannte Thatsache. Nicht 
selten wird daher von den Herausgebern der metrische Charakter der- 
selben verkannt. Ein Beispiel der Art, das sogar Kaibel entgangen 
zu sein scheint — wenigstens finde ich es weder in seiner schönen 
Sammlung, noch in den Nachträgen, die er im Rheinischen Museum 
gegeben hat — liegt unverkennbar in der von L. Duchesne und Ch. 
Bayet in Archives des missions scient. et litt^r, Ser. III T. EI (1876) 
p. 238 n. 55 mitgetheilten Grabschrift aus Thessalonike vor, wo Z. 3 
bis 6 zwei iambische Trimeter bilden: 

Denn dafs die drei ersten Silben von JtofttavQidoVj welche nach 
regelmäfsiger Prosodie einen Bacchius bilden, als Spondeus (oder 
Anapaest?) behandelt werden, würde nach den zahlreichen Beispielen 
ähnlicher Licenzen in Eigennamen selbst in einem Dedicationsepigramm 
der classischen «Zeit kaum Anstofs erregen, um so weniger in dem vor- 
liegenden, das nach dem beigeftigten Doppeldatum (J. 282 der make- 
donischen Provincialaera = 166 der Aera des Augustus) im J. 136 n. Chr. 
abgefafst ist. 

Ein ganz ähnlicher Fall liegt in dem Epitaphium von Anaphe 



■) Nicht mit denelben Zayersicbt glaube ich eben dieses Heihnittel auf das thespische 
Epigramm, Mitth. des archäologischen Instituts in Athen V (1880) p. 123 n. 11 : 

iy&adt affia ^tfs äyd^ic tpilov E^v^MVoi 
anwenden m können. Denn dafs in der späteren Kaiserzeit das Activum 9^tttm in der 
Literatur yorkommt, bemerkt der Herausgeber mit Recht Ueberwiegend wahrscheinlich aber 
ist es mir doch, dafs vielmehr ^iao* (d. h. ^iaaat) gelesen werden mufs. Dasjenige a», 
welches für den Accent als Kürze gilt, wird bekanntlich von den daktylischen Dichtem 
ohne Bedenken didirt; und wenn mir auch augenblicklich gerade für den Imperativus 
aoristi medii kein Beleg zu Gebote steht, so ist doch nicht abzusehen, warum man in 
dieser Form jenen Laut anders behandelt haben sollte als sonst. — In dem Epigramm 
von Tomis Arch. epigr. Mittheilungen aus Oesterreich VI p. 30 n. 60 findet Th. Gomperz, 
dafs sich das Distichon V. 5. 6 durch Geschraubtheit des Ausdruckes sehr zu seinem 
Nachtheil von den übrigen unterscheide, und nimmt namentlich Anstofs an den Worten 
Xiftnoy f(H0ra tpi^rt indem er bemerkt, das Verbaladjectivum jf^rop fehle den Wörter- 
büchern. Es ist aber durchaus nicht gerathen, es auf das Zeugnifs dieser Inschrift hin 
in dieselben aufzunehmen; denn es muis vielmehr gelesen werden: 

Dann kann freilich der Schlnfs des Hexameters nicht mit G. hergestellt werden fit W[rof], 
sondern es mufs dort ein Participium gestanden haben. Am nächsten der Ueberliefening 
liegt iXav[yiay], dessen sprachliche Zulässigkeit mir aber zweifelhaft ist 

19» 



vor, welches nach der mir nicht zugänglichen Originalpublication von 
Kumanudis, nahyyEvsüia, 19. Sept. 1865, P. Vidal-Lablache, Revue arch^o 
logique N. S. XXII (1870 — 71), p. 285 mittheilt. Denn was hier aut 
die in den üblichen Formeln abgefafste Dedication 'O däikoq \ J^&vfUda \ 
l^ydQOfjb^\vovg a^una \ ßhdcacav in Z. 6 — 9 folgt, ist offenbar ein elegi- 
sches Distichon: 

"Eamw x^^^0(fr6y erog ^^aaap älvTKing 

däfiog ätpfjQcilt^' Evdvißid* Ifipdqofiivovg. 

Auch hier wird die unrichtige Prosodie Ev&vfAida gewifs Niemanden 
an dem metrischen Charakter der Inschrift irre machen. Vidal- 
Lablache freilich (und Kumanudis?) hat denselben nicht erkannt, denn 
er setzt ganz unbefangen vor däiJhog die Ergänzung [6] ein. 

n. 

Unter den mannigfachen Schwierigkeiten, die sich der sicheren Er- 
gänzung verstümmelter Inschrifttexte in den Weg stellen, ist eine der 
hauptsächlichsten die Ungewifsheit über den Umfang der auszufüllenden 
Lücken. Ist der Stein auf einer oder gar auf beiden Seiten gebrochen, 
so dafs alle Zeilen gleichmäfsig unvollständig sind, und giebt weder 
metrische Abfassung noch streng regelmäfsige Anordnung der Schrift 
einen gewissen Anhalt, so ist es oft überhaupt nicht mit Sicherheit 
auszumachen, wie viel fehlt. Ganz besonders verwickelt aber liegt die 
Sache, wenn die erhaltenen Partien in verschiedenen Zeilen deutlich 
auf einen sehr verschiedenen Umfang des zu Ergänzenden hinzuweisen 
scheinen, während doch aus anderen Gründen anzunehmen ist, dafs 
die Zeilen sämmtlich wenigstens ungefähr gleiche Länge gehabt haben. 
So in dem delphischen Psephismafragment, welches in den Mitthei- 
lungen des arch. Instituts in Athen V. (1880), p. 202 n. 62 veröffent- 
licht ist. 

Dafs hier einzelne Zeilen-Enden .und Anfange für einen sehr ge- 
ringen Umfang der Lücken zu sprechen scheinen, ist dem Herausgeber 
natürlich nicht entgangen : namentlich verweist er auf Z. 6. 7, wo sich 
die Ergänzung [inay(pe]\(aaüyvo geradezu aufdrängt Allein, meint er, 
wer Z. 7 — 9 in 's Auge fasse, werde gerade das Gegentheil für wahr- 
scheinlich halten. Er verzichtet daher auf eine vollständige Herstellung, 
fügt aber den meisten Zeilen am Anfang und am Ende Ergänzungfsvor- 
schläge bei, welche sämmtlich auf der Voraussetzung beruhen, dafs das 
Verlorene an Umfang das Erhaltene erheblich übertreffe. 



lO 



293 

^^ATAOÖN 
NEOTEAEO^K/ 
ITOIA^EA<t>E 
OOYPIOliPEP 
ACPPOMANT 
lAiEPANEK 
ÖiANTOEP 
ONAO^KATE 
YOHKAI^EAO 
A E A <|» O I 1 O 
O I i A P O A C 
N T A N P P C 
N T H I A N r 
A A I Ö T A N 
15 TÄNTAPAN 
N O Y /// A F O I 

Gottfried Hermann (Opp. VE, p. 177) hat in einem ähnlichen Falle 
den Grundsatz ausgesprochen, man müsse von der Voraussetzung eines 
geringen Umfangs der Lücken ausgehen, weil dies die einfachere An- 
nahme sei.*) Allein, so berechtigt die Mahnung ist, in Kritik und Er- 
klärung stets das Einfache und Natürliche dem Gesuchten und Ge- 
künstelten vorzuziehen, so wenig hat sie doch mit der Frage zu thun, 
die uns hier beschäftigt. Und überhaupt wird sich über die Entschei- 
dung dieser Frage niemals eine allgemeine R^el aufstellen lassen, sie 
wird immer nach der Beschaffenheit des einzelnen Denkmals beurtheilt 
werden müssen. Darüber darf man jedoch etwas anderes nicht über- 
sehen: dafs, wo in Wirklichkeit nur wenige Buchstaben fehlen, unter 
der irrthümlichen Voraussetzung eines viel gröfseren Defectes sich eine 
sprachlich und sachlich befriedigende Ergänzung ausfindig machen 
läfst, ist gar nichts Auffallendes; denn mit dem Umfang der Lücke 
wächst die Zahl der Möglichkeiten. Nur durch einen höchst unwahr- 
scheinlichen Zufall aber kann das Entgegengesetzte eintreten, dafs an 
einer Stelle, an welcher in Wirklichkeit eine gröfsere Zahl von Worten 
zerstört ist, durch Einsetzung eines oder zweier Buchstaben ein in 
jeder Hinsicht unanstöfsiger Zusammenhang hergestellt werden kann. 
Und dafs dieser eigenthümliche Zufall gar drei- oder viermal in der- 



>) SU vtntum est ad Urtmm, de quo quaerendum sit, ttmliane an pauca perierint. 
Proficiscendum vero semper ab eo, quod majcime simplex est^ ut pauea deesst 
puiemus. 



294 

selben Inschrift wirksam gewesen sein soll, das darf man geradezu fiir 
unmöglich erklären. 

Man wird daher mit vollem Rechte behaupten dürfen, dafs, wo in 
demselben Denkmal einige Zeilen den Schein eines bedeutenden, andere 
den eines geringen Umfangs der Lücken erregen, jener, nicht dieser 
Schein die Präsumtion gegen sich hat, auf Täuschung zu beruhen. 
Und wenn insofern dem Hermannschen Grundsatz, so schief und un- 
zutreffend er in seiner theoretischen Formulirung ist, doch etwas 
Wahres zu Grunde liegt, so hat sich dies in praxi nicht nur an dem 
von ihm behandelten argivischen Epigramm (Röhl, J. G. A. 37) be- 
währt, sondern ich glaube zur Evidenz erweisen zu können, dafs es 
sich mit unserer delphischen Urkunde nicht anders verhält. Schon 
der Umstand, dafs der Herausgeber seine Voraussetzung eines gröfseren 
Umfangs z. Th. nur durch recht unwahrscheinliche Häufung von syno- 
nymen Ausdrücken hat durchsetzen können, >) spricht gegen dieselbe. 
Widerlegt werden aber kann sie nur durch einen von der entgegen- 
gesetzten Annahme ausgehenden Ergänzungsversuch, den ich hiermit 
vorlege. Es ist zu lesen: 

— — — og ^Ayd&oay \ Nsorileog xa\l toI ädeJUpelol] \ OovQiotg 
n€Q[i r]'a5 7i^fiavT[fj]\tag inay€y[€]\fji(UxyTOj ^7r[ri] | vaog 9axr€[xa]iV^y 
xal s6o[^€] I JsXffoXqj &[ovQi\ \ oig a7iado[/it£] | v rdp nQo[fjba] \ vrijtctyj n^Qo] \ altw- 
Tay [oy]\r(Miy TaQay[ri\\poVj [K]l€ol[TaVj ] 

Die Ergänzung des Anfangs mufs zweifelhaft bleiben. Dafs Z. 1—7 
von einen Antrag auf Erneuerung der Promanteia für die Thurier die 
Rede ist, welchen Agathon, Neoteles' Sohn, und seine Brüder — offenbar 
Bürger von Thurioi — an die Gemeinde Delphi gestellt haben, unter- 
liegt keinem Zweifel. Hält man es sprachlich für zulässig, dafs die 
Worte 71€qI rijg T^fuz^rfficcg inapercdicuvro diesen Sinn haben, so könnte 
man annehmen, dafs V. i weiter nichts als [ijü rov d^vog aQXoyT]og 
gestanden hätte. Ich gestehe aber, dafs ich nicht im Stande bin, diese 
Interpretation der Worte grammatisch zu rechtfertigen, und es ist mir 
deshalb wahrscheinlicher, dafs oben mehrere Zeilen fehlen, in welchen 
unter anderen ein Substantivum der Bedeutung c Gesuch, Antrag,» als 



>) Z. 6. 7. inavtv[io}cavTo inayaiQd](6aayT0. Z. 8. 9. 6 yaos xaTt[xav^ xtiuX]v^n. 
(Letzteres Wort auch an sich unpassend.) Auch Z. ii. 12 rdv nQo[ityiay nQo^ajyrtjtay 
n[QotJQiay ist keineswegs ohne Anstofs, so geläufig auch die asyndetische Nebeneinander- 
stellung solcher Worte ohne den Artikel in Urkunden über erstmalige Verleihung 
von Privilegien ist. Und wie unwahrscheinlich, dafs an aUen diesen Stellen der Stein gerade 
so gebrochen sein soll, dafs sich aus den Resten zweier Wörter durch Ergänzung von 
einem oder zwei Buchstaben ein tadelloses Wort herstellen läfsti 



295 

Object zu inuifeviwfttvto gestanden hat. Allerdings bedeutet dann der 
Satz nicht csie haben den Antrag auf Erneuerung der Promantie ge- 
stelitt, sondern csie haben den Antrag in Betreff der Promantie er- 
neuert»; indessen hat eine solche Zurückweisung auf einen schon früher 
einmal gestellten Antrag nichts Anstöfsiges. Und dafs es sich nicht 
um eine erstmalige Verleihung der Promantie, sondern um Bestätigung 
der bereits früher verliehenen handelt, geht auch so aus dem Verbum 
amdoiuv und aus dem Artikel %dv mit Sicherheit hervor. Meine Er- 
gänzungen von Z. 7 — 13 bedürfen wohl keines Wortes der B^ründung 
oder Vertheidigung. Dagegen ist der Schlufs nicht ohne Schwierig- 
keiten. Wenn der Herausgeber annahm, dafs Z. 14 die Massalioten,- 
Z. 15 die Tarentiner genannt würden, so verschwindet zwar letzterer 
Schein sofort, wenn man sich erinnert, wie häufig der Mannsname Ta^v- 
tXvoq in den delphischen Urkunden vorkommt; i) der Name der Massa- 
lioten aber kann nur durch Einsetzung eines Wortes entfernt werden, 
dessen Existenz in der griechischen Sprache durch kein Zeugnifs zu 
belegen ist. Da aber eine andere Möglichkeit, soviel ich sehe, nicht 
vorliegt, und es absurd wäre, um dieser einen Zeile willen die durch 
den übrigen Text über allen Zweifel erhobene Ueberzeugung von dem 
geringen Umfang der Lücken aufzugeben, so werden wir uns bei 
jener Ergänzung beruhigen müssen, falls sie sich sprachlich und sachlich 
durch genügende Analogien rechtfertigen läfst. Wie von i^JUacfa abge- 
leitet wird ^XtxuäTijgj um den Genossen derselben ^JUxia zu bezeichnen, 
so können von äXla die Mitglieder der Volksversammlung äX^okcu ge- 
nannt werden*.) Und wie der Vorsitzende der fiväfwveg Ti^fjkvdfuayj 
der Vorsteher der ahUfivävcu nqoaufiikpavcu heifsen (Syll. J. G. 252, 54. 
321, 5. 369, 13), so sehe ich kein Hindemifs nqoaiMftai als c Vorsitzende 
der Volksversammlung» zu deuten. Dafs in einem Psephisma die Namen 



*) Verkannt ist er von L. Thenop in dem Proxeniedecrete von Elyros auf Kreta 
Rcvne archeologique N. S. XIV (1866) p. 398, wo Z. 3 JtXtpoig KliiHf>dys$ Tä^yt\iyov\ 
{TaQayT[og] Tb.) zu lesen ist 

«} Der Umlaut des ä za m in dieser Bildung ist allerdings ursprünglich nicht all- 
gemein griechisch, denn bei den kleinasiatischen Joniem haben sich bekanntlich Formen 
wie MavcaU^tiifi erhalten, wovon Maec€ikttätfig die attische und erst später in allge- 
meinen Gebrauch gekommene Umwandlung ist. Andrerseits aber ist das ta von Hause 
aus gewifs nicht nur attisch, sondern ebenso gut auch dorisch. Bezeichnend dafür er- 
scheint mir namentlich, dafs das Ethnikon von Bargylia, welches sonst überall, und nament- 
lich in den Urkunden dieser Stadt selbst (Syll. J. G. 168, 24), Ba^yvXt^tig lautet, in einer 
Inschrift von Rhodos Revue archeologique N. S. XIII (1866) p. 357 n. 20 in der Form 
Ba^vXmxag auftritt. — Dafs die Volksversammlung der Delphier in den uns vorliegen- 
den Urkunden (z. B. Syll. J. G. 233, 34) nicht alia, sondern ixxkrjaia heifst, halte ich 
aus mehr als einem Grunde Air irrelevant. 



296 

derjenigen genannt werden, unter deren Vorsitz der Beschlufs gefafst 
ist, entspricht ganz dem allgemein griechischen Brauche. Wie sich diese 
nQoaXiWTM zu den in zahlreichen Delphischen Urkunden vorkommenden 
uQXOPi^^j ßovXevraij ßovSievovTsg (gewöhnlich drei mit halbjährige:r Amts- 
dauer) verhalten, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen, zumal wir 
nicht wissen, wie viele Namen auf unserm Stein gestanden haben. Doch 
gestehe ich, dafs mir die Identität höchst wahrscheinlich ist. Die Ver- 
schiedenheit der Titulatur kann kaum dagegen beweisen, da einerseits 
unsere Inschrift älter zu sein scheint als die grofse Mehrzahl der 
sonstigen Delphischen Urkunden, und andererseits auch in diesen ein 
Schwanken zwischen den oben erwähnten Bezeichnungen hervortritt. 
Andererseits kann man unter den ßavSievTcU {ßovleiioyi^sg) doch nicht 
wohl etwas anderes als die Vorsitzenden des Rathes verstehen; 
denn wenn auch der Ausdruck wörtlich genommen nichts bedeutet 
als cRathsmitgliedert, so wird doch Niemand glauben, der gesammte 
Rath von Delphi habe aus drei Personen bestanden 1 Die Vorsitzenden 
des Rathes aber sind nicht nur in Athen, sondern in vielen griechischen 
Staaten zugleich die Leiter der Volksversammlung gewesen; dasselbe 
auch fiir Delphi anzunehmen, berechtigt uns die constante Verzeichnung 
der ßavlsvoyrsi; neben dem (eponymen) Archon in den Psephismen. 

In der hiermit wohl genügend gerechtfertigten Textesherstellung 
erhält nun unser Decret eine gewisse Bedeutung als Zeugnifs für eine 
sonst unbekannte geschichtliche Thatsache. Dafs nämlich Z. 8 von 
einem Tempelbrande die Rede ist, hat der Herausgeber richtig er- 
kannt. Aber er denkt an das bekannte Ereignifs von 548 v. Chr., 
nach welchem der Tempel von den Alkmeoniden wieder hergestellt 
wurde. Eine andere Katastrophe von so grofser Bedeutung, dafs sie 
zum Ausgangspunkt fiir eine Aera habe dienen können, sei wenigstens 
nicht bekannt, freilich auch von der Zählung der Jahre vom Brande 
des Tempels an keine weitere Spur in unserer Ueberlieferung zu finden. 
Man darf wohl sagen, dafs dieser Gedanke einer Aera, deren Epoche 
die Zerstörung des Gotteshauses durch Feuer gewesen sei, an sich ein 
wenig glücklicher ist. Auf jeden Fall aber ist er ausgeschlossen, nach- 
dem der geringe Umfang der Lücken dargethan ist. Vielmehr wird 
der Brand des Tempels erwähnt, um das Gesuch der Thurier zu 
motiviren. Die Urkunde über ihre Promantie war im Tempel aufge- 
stellt, sie war bei dem Brande zu Grunde g^angen, und deshalb be- 
antragen sie jetzt eine Erneuerung ihres Privilegiums. So hat unser 
Psephisma seinem Inhalt und seiner Veranlassung nach die nächste Ver- 
wandtschaft mit dem attischen Decret für die Söhne des Apemantos 



297 

von Thasos (C. J. Att. 11 3. Syll. J. G. 49), durch welches die Wieder- 
herstellung ihrer unter der Herrschaft der Dreifsig vernichteten Proxenie- 
urkunde angeordnet wird. Zugleich aber schwindet damit jede Mög- 
lichkeit, die Worte auf jenes bekannte Ereignifs zu beziehen, schon 
deshalb — um von anderen schwerwiegenden Gründen abzusehen — 
weil zur Zeit jenes ersten Tempelbrandes die Stadt Thurioi noch gar 
nicht existirte. Ist demnach ein späterer, in der Literatur nicht er- 
wähnter Brand zu verstehen, so bleibt freilich die Möglichkeit, dafs 
derselbe durch irgend einen Zufall ausgekommen ist; und unter dieser 
Voraussetzung iäfst sich über seine Zeit nichts Bestimmtes ermitteln. 
Viel wahrscheinlicher aber ist die Vermuthung, dafs er bei Gelegenheit 
der gallischen Invasion im Jahre 279 v. Chr. stat^efunden hat. Das 
Schweigen der Schriftsteller erklärt sich in diesem Falle sehr einfach. 
Unsere Ueberlieferung über diese Zeit ist nicht nur sehr lückenhaft, 
sondern auch durch tendenziöse Entstellungen in hohem Mafse getrübt. 
In den zusammenhängenden Berichten bei Justin und Tansanias wird 
ja in tnaiarem Apolüms Pythii glariam überhaupt geleugnet, dafs es den 
Galliern gelungen sei, sich der Stadt und des Heiligthums zu be- 
mächtigen, und nur in vereinzelten gelegentlichen Andeutungen anderer 
Schriftsteller (Diodor. V, 32, 5. Strabo FV, i, 13 p. 188. AppianlUyr. 5) 
schimmert der wahre Sachverhalt durch (P. Foucart Archives des 
missions scient. et litt. Ser. 11 Tom. 11 1865, p. 209 ff.). Unter diesen 
Umständen kann das Schweigen dieser Schriftsteller über den Brand 
des Tempek — sie erwähnen nur die Plünderung — in keiner Weise 
als Beweis gegen die Thatsächlichkeit desselben gelten. 

Auf dieselbe Veranlassung darf man nun wohl auch die Erneuerung 
der Promanteia der Naxier zurückfuhren; die mehrfach herausgegebene 
Urkunde darüber (C. Wescher Revue archtologique N. S. IV (1861), 
p. 314. P. Foucart Archives des missions scient. et litt. Ser. n, T. II, 
(1865), P- 90 = Rcv. arch. VIII (1863), p. 56. Wescher et Foucart 
Inscriptions recueillies ä Delphes 466) erwähnt zwar die Veranlassung 
nicht, aber ihr Wortlaut {JeX<pol drtidanutv \ Na^io^g rcri/ nQOfMXPVfjtay \ xctvtd 
uQxcctaj ccQXoytog \ &BoXvrov, ßwkevovtoq \ ^Eji^yivsog) zeigt, dafs der Fall ein 
ganz analoger war, wie der der Thurier, und die sprachliche Fassung 
weist auf die ungefähre Gleichzeitigkeit beider Denkmäler hin, insofern 
in beiden die Form nQOfMxt^tjta sich findet, wogegen die sehr zahlreichen 
delphischen Inschriften aus dem Ende des dritten und dem zweiten 
Jahrhundert vor Chr., in welchen dieses Privilegium erwähnt wird, 
durchaus das der späteren Gemeinsprache angehörige TtQOfiaytfla bieten. 
Dafs dies uns berechtigt, jene beiden Inschriften erheblich früher anzu- 



298 

setzen, als jene, ist unzweifelhaft Aber dies geschieht ja auch schon, 
wenn wir annehmen, dafs die Erneuerung der Promanteia für Thurioi 
und Naxos in einem der nächsten Jahre nach der gallischen Katastrophe 
erfolgt sei. Ganz abzuweisen ist dagegen die Schlufsfolgerung Foucart's, 
welcher um jenes T^fAccvtffia willen behauptet, die Inschrift für Naxos 
sei im ionischen Dialekt verfafst, und dieselbe in*s vierte oder gar in's 
fünfte Jahrhundert hinaufrücken will.') 

Zum Schlufs sei hier noch kurz auf eine andere Inschrift hin- 
gewiesen, wo die vom Herausgeber nicht mit Bestimmtheit getroffene 
Entscheidung über den Umfang der Lücken meines Erachtens in dem- 
selben Sinne ausfallen mufs, wie bei dem eben besprochenen delphischen 
Psephisma: Die Brunnenaufschrift von Lebadeia, Mitth. des arph. Inst. V, 

(1880), p. 14D n. 52 dürfte einfach so zu lesen sein: ['O iaya 

v]3(aQ xcd [r]d [xQa]\TfiQiSia xcel i[c]\ovT6Hfi(n)va \ xal ro nv^ ti^ \ iff^i^ 
MAO I xonr<MA»t$aoju[a] I Tiav \ xcä ro stg \ ctvt^y vAoq \ [i]x %w Idktv \ rg 
&€ä xal Tg I TToJU». Denn gröfser können die Lücken am Ende von 
Z. I, 2 nicht sein, wie die Vei^leichung mit den folgenden vollständig 
erhaltenen Zeilen beweist. Das Wort Isowoxqowop ist meines Wissens 
sonst nicht nachweisbar, aber weder seiner Bildung nach, noch — bei 
der bekannten Verwendung der Löwenköpfe — sachlich anstöfsig. 

HL 

Eine höchst ergiebige Quelle sind die Inschriften für die Kenntnifs 
der griechischen Eigennamen. Je mehr die Masse der durch sorg- 
faltige Abschriften bekannt werde;iden Texte anwächst, desto bedenk- 
licher wird man werden müssen, Namen von auffallender Form, die 
keine Ableitung aus dem uns bekannten griechischen Sprachschatz 
zulassen, kurzer Hand durch Emendation zu beseitigen. Aber man 
mufs sich doch andererseits hüten, diese berechtigte Vorsicht bis zu 
einer kritiklosen Hinnahme des Undenkbaren zu treiben, sondern stets 
eingedenk bleiben, dafs weder die Steinmetzen noch die sorgfaltigsten 



>) Unverständlich ist mir das paläographische Argument, durch welches Foucart diese 
Zeitbestimmung su sttttzen sucht Die Buchstabenform S, meint er, gehöre dem ionischen 
Alphabet an und finde sich wieder in einer anderen Inschrift der Naxier, welche aut 
Delos geiunden sei und nach der sehr plausiblen Meinung Boeckhs in das fünfte Jahrii. 
vor Chr. gehöre. Beide Thatsachen sind richtig, aber was sie hier beweisen sollen, gestehe 
ich absolut nicht zu begreifen. Denn das ionische Alphabet wurde bekanntlich seit Ende 
des 5. Jahrh« nach und nach von allen Hellenen ohne Ausnahme adoptirt, und in ihm er- 
hielt sich die Form S neben dem vereinfachten 8 nicht nur bis in die Zeit, in welche ich 
die beiden Inschriften setze, sondern noch Jahrhunderte darüber hinaus bis tief in die 
römische Kaiserzeit. 



299 

Copisten unfehlbar sind. So hat der Herausgeber der sämischen In- 
schrift Bull, de corr. Hell. V (1881), p. 486 n. 7 gewifs nicht recht 
gethan Z. 3 die Lesung skyovov ToXikonqiov raS UQi[(ug] | t^ 'Hgag 
unbeanstandet zu lassen, da zwar von rolfuz abgeleitete Namen, wie 
Toificaagj ToXfMifgj dem Griechischen nicht fremd sind, aber die letzten 
Silben absolut keine Erklärung zulassen, mag man den Namen nun 
als Compositum oder als Derivatum fassen. Offenbar ist TOAMATFBOY 
für T0AMATPEOY d. h. T(Ji%w) Oi{aovhv) Mmqiw verschrieben oder 
verlesen. Genau den entgegengesetzten Irrthum begeht der Heraus- 
geber der Inschrift aus Sestos Bull, de corr. Hell. IV (1880), p. 516, wenn 
er dieselbe so liest : [Tt]toq 0{ldßtog) ^Ogifavog Thov \ [N]txtag to fWf/fjHjw \ 
ijwt^dBP %ä ädchfä \ [T]i%m 0(XaßUa) ^Oq^vä Tizav \ llv^ \ [x]al 0(iaßkf) 
OgifccTfi Tkov i7i;i/[v<rr];€« vfi ^fwajuXevd'i(^. Dafs hier der Gentilname 
Olaßiog durchw^, statt der gebräuchlichen Abkürzungen Ol, oder 
0Xn,j durch ein blofses O ausgedrückt sein soll, noch dazu neben dem 
überall voll ausgeschriebenen Pränomen Titog, ist gewifs seltsam. Ganz 
unerhört aber mufs man es nennen, dafs alle Personen neben dem als 
Cognomen behandelten eigentlichen Individualnamen noch einen zweiten 
griechischen Namen {^OQtfovoq, ^O^Kpanq) fuhren, der durch seine 
Stellung zwischen dem römischen Gentilnamen und dem Pränomeh des 
Vaters als gewifsermafsen zum Familiennamen gehörig erscheint. Viel- 
mehr haben die in unserer Inschrift genannten Personen 7Iro$ 
Oo^ffopog Thov Ntxkcg^ Tirog 0Oiffpav6g Thov nüdi/g und 0OQipat^ Thov 
Bipnlkfta geheifsen. Furfamus ist ein mehrfach bezeugter Gentilname 
(E. Hübner, Eph. epigr. 11, p. 6t) ^ abgeleitet von dem Cognomen 
Furfanus, Dafs aber neben den Ableitungen auf -ius diese Cognomina 
(ursprünglich Ethnika) auf -onus, -enus und -itius sehr häufig auch 
in unveränderter Gestalt als Gentilnamen gebraucht worden, ist 
eine bekannte Thatsache, für welche Hübner S. 30 bis 52 die 
überaus zahleichen Belege zusammengestellt hat. — Einen ganz 
unmöglichen Namen enthält ferner das Psephisma von Oropos, 
welches zuletzt und am genauesten von Newton Greek inscriptians in 
the BriUsh Museum 11. p. 27 n. CLXI herausgegeben ist. Z. i — 3 lauten 
hier dsdox^cct | zm J[ij\fMäij Otpotftlop 0tfjtiyog \ K^a ngo^eyoy tl[v]a[$]. 
Frühere Zweifel über die Lesung sind durch Newtons Abschrift end- 
gültig beseitigt, aber dafs OifHJy ein griechischer Name sei, kann ich 
nimmermehr glauben. Vielmehr hat sich der Steinmetz eines sehr be- 
greiflichen Versehens schuldig gemacht: Es ist zu lesen Oiyofptloy 
OiXonoift^fpog Kg^a; die Wiederholung zweier fast ganz identischen 
Silben in der Buchstabengruppe 0IAON0IAOPOIMENOS , welche er 



300 

in seiner Vorlage fand, hatte ein Abirren von dem zweiten O auf das 
dritte O, welches auch durch die Aehnlichkeit dieser beiden Buch- 
staben begünstigt wurde, und die Ueberspringung des Dazwischen- 
liegenden zur Folge. Bei der grofsen Seltenheit des Namens OiloTwifji^y 
darf man vielleicht vermuthen, dafs der hier erwähnte Kreter nach 
dem berühmten achäischen Feldherrn genannt sei. Das müfste dann 
um die Zeit geschehen sein, wo dieser sich auf der Insel aufhielt 
und in die dortigen Kämpfe eingriff. In diesem Falle könnte unsere 
Inschrift freilich erst aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts 
v. Chr. stammen; indefs sehe ich auch keinen Grund, dieselbe für älter 
zu halten.") — Reich an interessanten Personennamen sind die Ver- 
zeichnisse aus Thasos, welche E. Miller an verschiedenen Orten, 
namentlich aber in der Revue archöologique N. S. XII (1865) p. 141 ff. 
herausgegeben hat. Hier scheinen mir einige Namen vom Herausgeber 
verkannt zu sein: p. 141 n. 5 Z. 10 wohl [r]t;>Uw {[A]vXw M.); p. 145 
n. 9 col. n Z. I ergänzt M. [!A]rißiiTog. Aber dieser Name ist unver- 
ständlich, und überdies mufs nach dem Majuskeltext viel mehr als ein 
Buchstabe am Anfang fehlen. Sollte etwa [liyav]ri[Q]^Tog zu lesen sein? 
Z. 14 ist AvXuKfwvTog gewifs verschrieben oder verlesen statt W(y)>l6a- 
(p&v%og\ p. 268 n. IG col.'I Z. 8 J^Sagag ^Hyipsayog^a M. Abgesehen 
von dem Bedenken gegen ersteren Namen liegt hier ein Versehen vor. 
Denn nicht HFH^ArOPEQ, sondern HSHPAFOPEQ hat der Majuskel- 
text. Der Vatername ist also 'HgayogsfOy für den des Sohnes bleibt die 
Gruppe JHI0PA2H2 übrig, welche sicher JfiX&qdtHiq zu lesen ist, eine 
Namensform, die durch JfßXQoitfiq.Jfitikaxogy Jf(t(foßoq hinlänglich geschützt 
wird. p. 269 n. 1 1 col. II, 2 ist der ungeheuerliche Name Mv(P^QOif>Af .... 
ohne Zweifel in Mvg ^HQOfiop[Tog] zu verwandeln, p. 273 n. 14 hat 
M. ^Aycidwog Sotvqov unberührt gelassen, trotzdem in der folgenden 
Inschrift Aecidixog 2arvqov steht und auch sonst mehrfach in diesen 
Listen der Name AsdÖMog vorkommt. Natürlich ist AF Lesefehler 
für AE. p. 371 n. 20 ist für Xaiqqfav gewifs Xcuq{i)iAVj für 'Ay^idov 
wahrscheinlich AYQoi{7t)w zu lesen. — Bei Rofs Inscr. inedd. HI p. 13 
n. 255 (Thera), wo der Schlufs dem Herausgeber räthselhaft geblieben ist, 
haben wir offenbar zu lesen ayydog \ KalXn'o]'^ nal (E)v^g:{Q)av(Tyxijg 
(die Ueberlieferung ist 2Y \ OIANHKHS), Zu dem Namen kann man 
die von derselben Insel stammende Inschrift Bull, de corr. Hell. I 
p. 136 n. 59 vergleichen: ä ßavXd xal 6 da^kog itsifjbatfcv \ Ewp^lyfnxkxv 



!>} In der grofsen oropischen Urkunde bei Newton p. 22 n. CLX, ist Z, 29, wo 
IIAANIONOS auf dem Stein steht, offenbar nicht mit dem Herausgeber nkayioyof, 
sondern II)iay{y)6yog zu lesen. 



3Ö1 

^ErwfxetHx&tMov. — Mitth. des arch. tnst. t p. 24O n. 5 lese ich [^v]xog 
^EQWTOiUfd'iysi %A {flloo ixctglobno tw %inov. Denn nimmt man ''Eqfavoq 
als Vatemamen, so bleibt fiir den (filoq der Name S^ivf^g übrig, der 
an sich nichts Bedenkliches hat, aber doch nach der Analogie von 
Kgatfig, ^dxijg^ Mivifg, TiXi^ flectirt werden müfste und also nicht im 
Dativ 2'9'iysi lauten könnte. Dagegen wird ^EgointHfd'dy^ durch ^Egcino- 
x^Tog und Aehnliches geschützt, und die graphische Verdoppelung des 
er bedarf vollends keiner Vertheidigung. 

Zum Schlufs seien hier noch zwei Beispiele erwähnt, wo ich 
seltene oder ganz unbekannte Namen, die aber schlagende Analogien 
für sich haben, mit Sicherheit glaube ergänzen zu können. Das Epi- 
gramm von Pherae Bull, de corr. Hell. VE (1883) p. 61 n. 15 lese 
ich so: 

xdX* ^IcukxlyoQa] Taxrqidog ix Tsyiaq, 

Der Herausgeber schreibt Kaiia 2a ... . (sehr nahe läge Sa[tVQOv]), 
aber das einfache Lambda in einer Inschrift, die durchaus nicht ar- 
chaisch ist, sondern etwa aus dem dritten Jahrh. v. Chr. stammt, wäre 
auffallend. Dagegen kommt der Name ^latfayoQccg aufserdem in der 
larisaeischen Urkunde, Mitth. des arch. Inst. VH p. 229 vor. Lolling liest 
ihn zwar ""laayoqovj aber mit Unrecht, wie sein Majuskeltext (Z. 32 
Ende /^ Z. 33 QArOPOY) zeigt. — Der erste Hexameter des delischen 
Dedicationsepigramms Bull, de corr. Hell. VH (1883) p. 370 n. 20 sieht 
im Majuskeltext so aus: 

FANTAXOPHrHZAZFP'"«"E*.IOY..IZKPI TOAHM//// 

Die beiden Buchstabenreste in der Mitte zwischen V P und E ♦ 
g^ebt der Herausgeber zwar nicht im Text, bemerkt aber, dafs sie 
^assez nettetnenti auf dem Steine zu unterscheiden seien. Auf eine Er- 
gränzung dieser Stelle verzichtet er und liest am Ende [7ia]Xq Kqnod^ii[(H)]. 
Aber das dem [7ta]%q unmittelbar vorangehende OY zeigt doch, dafs 
hier der Vatername gestanden hat, Kqnidijikoq also der Sohn sein 
mufs. Es ist zu lesen 

ndyva XOQfjY^aaq nq[€n]€ff[fiii^ov naXq KQn6&iiii{oq\. 
Der Name ist, soviel ich weifs, unbelegt, aber durch nqenSkaog 
(Syll. J. G. 134, 4) hinlänglich geschützt. 



xxn. 



BERNHARD KÜBLER 



Athetesen im Aristophanes. 



In der letzten Zeit hat sich unter den meisten Bearbeitern des 
Aristophanes mehr und mehr die Ueberzeugung Bahn gebrochen, dafs 
die uns erhaltenen Handschriften dieses Dichters durch Zusätze Späterer 
stark entstellt seien. Vor Allen haben Meineke und Hamaker in dieser 
Richtung den Weg gewiesen, und O. Hense hat sich in der Vorrede 
zu seinen heliodoreischen Untersuchungen (Leipzig 1870) p. VI 
darüber in folgender Weise ausgesprochen: «Da unsere heutigen 
Aristophaneshandschriften, wie die Fragmente des Heliodor dies am 
augenscheinlichsten beweisen, auf ein durch die Byzantiner vielfach 
glossirtes und interpolirtes Exemplar zurückgehen, so bleibt fiir uns 
als Grundsatz bestehen, bei dem kritischen Geschäft zunächst weit 
eher an das Ausmerzen mannigfacher Interpretamente, als an die 
Statuirung etwaiger Lücken zu denken, eine Norm, die ohnehin die 
stimmfähige Kritik der scenischen Dichter von Tage zu Tage mehr 

« 

als die ihi'ige anerkennt.» In der That hat sich auch v. Velsen in 
seinen Ausgaben aristophanischer Komödien vielfach als ein Anhänger 
jenes von Hense aufgestellten Prinzips erwiesen. 

Allein wenn wir auf die einzige thatsächliche Begründung, welche 
Hense für seinen Grundsatz beibringt, auf die Ueberlieferung der Vers- 
zahlen in den kolometrischen Schollen, eingehen, so zeigt es sich bald, 
wie wenig daraus zu gewinnen ist. Das hat fiir ' den Plutus schon 
Bamberg in seinen Exercitationes criticae in Aristophanis Plutum 
(Programm des Joachimsthalsch. Gymnasiums zu Berlin 1869) p. 24 fg. 
nachgewiesen, wie Hense selbst zugiebt.^) Aber wenn nun der Letztere 



■) a.. a. O. p. 88. «Wie dieser Kritiker selbst wufste, konnte dieser Versuch (die 

metrischen Schollen zum Plutos für den Text des Dichters zu verwerthen) nur von sehr 

geringem Erfolge begleitet sein, da gerade diese Scholien meist ganz jungen Ur- 
sprungs sind. 

20 



3o6 

den Mangel oder nach Bamberg das gänzliche Fehlen von Resultaten 
für die Behandlung des Plutostextes aus den metrischen Schollen 
darauf schiebt, dafs jene Scholien zum Plutos gerade sehr jung sind, 
so kann er doch selbst aus den älteren Scholion, die auf Heliodor s 
Kolometrie zurückgeführt wurden, keine bessere Ausbeute gewinnen. 
Denn jene Verszahlen, die uns in den Scholien aufbewahrt sind, waren 
der Verderbnifs zu sehr ausgesetzt, und wer bürgt uns dafür, dafs sie 
nicht, wenn sie mit der Zahl der in den Handschriften vorhandenen 
Verse nicht übereinstimmten, von den Schreibern eigenmächtig ge- 
ändert wurden? Das hat Hense selbst empfunden und ist daher mit 
diesen Zahlen sehr willkürlich umgesprungen, ohne ihnen irgend einen 
Werth beizumessen. So hat er z. B. im Scholion zu Fried, i — 8i, wo 
es heifst (Aerd di nsvzfixavTa oi^ia idu nQoavagxopfifjux %6 *€a ea* einfach 
für ixrd vorgeschlagen iwia zu schreiben, weil in unsern Texten 
jenes Sa Sa erst nach dem 59. Verse steht. Zu Fried. 124 — 153 
eifSd-BfUg elg tnixovg lafißtxovg tg^f^h^vg äxavaX^TOvg %b ^ wo wir 
30 Verse haben, verbessert Hense das x« in Xy um die Ueberein- 
stimmung mit unserer Aristophanesüberlieferung herzustellen. Noch 
evidenter ist die Unsicherheit solcher Verszahlen in dem Scholion zu 
Fried. 173 — 298 Iv hioig di äpTiyqaipoig iksxd (ftixovg va Sffth imkdqtov 
tods tri (f^;9 xal fj^er' aXlovg Xfi tqös ttij li^%. Hier zeigt das fiei* 
akXavgj dafs beide Male die gleiche Zahl stehen mufste, und doch 
finden wir erst 51, dann 38 (Piixot angegeben. So emendirt denn 
Hense beide Zahlen in }m\ Auch das Scholion zu Acharn. 860 — 928, 
welches XafJtßot 5« angiebt, während in unsern Handschriften 68 Verse 
stehen, hat Hense einfach in ^' geändert. Dagegen stimmte er Thie- 
mann nicht unbedingt bei in der Emendation des Scholions zu 
Acharn. 719 — 815, wo jener für das handschriftlich überlieferte atixot 
tafißtxol axatah^oi u; schrieb ^', während in unsern Handschriften 
107 Trimeter stehen, denn er hielt es nicht für unmöglich, dafs das 
ganz verstümmelte Scholion eine Bemerkung zum tnlxog k, dem 
sechzehnten Verse, enthalten habe. Das Scholion zu Acharn. i — 203, 
welches unsern 203 Versen gegenüber tuixot tafißixol TQi[jt€TQO& axcndXipnw 
cd zählt, liefs Hense unverändert, weil er Vers 201 und 202 für 
unecht hielt. Wir glauben, das Angeführte beweist zur Genüge, wie 
unsicher jene Zahlen sind, und werden also wenig Werth darauf legen, 
wenn sie einmal mit der Zahl der erhaltenen Verse stimmen, wie zu 
Ritt. T— 246 B%fig di Ttdhv h slod'ias^ lafjbßixol Ofwioi' f* (202 — 241), 
während auch hier der Anfang des Scholions (nlxot tafAßtxol äxcerdX^vot 
TQlfj^eTQOt ixatov if^evijxotna TQtig unsern 196 Versen g^enüber zählt, 



i(>7 

WOZU Hense bemerkt cdie Verwerthung der Zahl ivsp^xoyta tQag üxr 
unsem Text wird schwierig sein.» 

Läfst sich nun aber auch aus den metrischen Schollen eine Inter- 
polation unseres Textes, wenigstens was die dialogischen Partien be« 
trifft, nirgends mit Sicherheit erweisen,') so könnten doch aus innem 
Gründen manche Verse, die in unsem Handschriften fehlen, als unecht 
erkannt und ausgeschieden werden, und es kann ja auch nicht be- 
stritten werden, dafs Aristophanes, wie so mancher andere alte Schrift- 
steller, hier und da eine Zugabe von byzantinischer Erfindung erhalten 
hat. Allein es will uns bedünken, als sei die Kritik bei der Aus- 
xnerzung solcher Stellen oft nicht mit der nöthigen Vorsicht zu Werke 
gegangen, und wir wollen im Folgenden versuchen, diesen Satz auch 
den «Stimmfähigem gegenüber an einigen Beispielen zu erweisen; wir 
werden dabei ausschliefslich die späteren Komödien betrachten, einmal, 
weil die älteren erst kürzlich von Ehrhardt, (de Aristophanis fabularum 
interpolatione Hall. Dissert. 1881) behandelt sind, und dann, weil wir 
vornehmlich die neuen Ausgaben v. Velsens berücksichtigen wollen. 

Mit Recht gilt es als ein sehr gewichtiges Bedenken gegen einen 
Vers, wenn derselbe in unseren besten Handschriften, im Ravennas 
und Venetus, fehlt, und so ist denn wohl seit Bergk von den meisten 
Herausgebern«) Plutos 281 hav %dqiv (/ 6 damori^c 6 ö6g xixX^ dsvQO 
beseitigt worden, zumal da derselbe Vers hinter 259 in unveränderter 
Gestalt steht. Er konnte leicht von einem Schreiber zur Ergänzung 
des q>Qd(ku d* avma %i%Xipuxq ^gar hinzugeschrieben worden sein und 
sich so in den Text eingeschlichen haben. Das letztere Argument 
allein würde ich aber nicht ohne weiteres für ausreichend gehalten 
haben, um die Annahme einer Interpolation zu hegenden. Daher 
kann ich v. Velsen nicht beistimmen, wenn er 1173 

d^' av ydq o lIlavTog oitog ^^ccro ßiÄiuiv 
in Klammern setzt, weil wir auch 968 lesen: 

afp' av yoQ 6 &e6g avtog f ^oro ßkim&v 
und 1113 

äg>' av ydg ^Q^cer' SS dqx^^ ßHjutiy a lHavTag. 

Aristophanes schreibt sehr häufig Verse, die aneinander anklingen, 
vgl. Plut. 65 

d f^ q>QaaiBig yaq^ äno fS* aXä tuxxw xaxäg 



>) Ausgenommen vielleicht die Stelle im Frieden 890, welche Hense p. 76 f. be- 
handelt. 

«) Dindorf behält ihn bei. 



20 ♦ 



5o8 

mit 418 

iyd yoQ vfAag i^oXw xaxavg xcacäg; 
sodann Plut 188 

&(n' avdelg f*efUdg 0ov yiyov ovdslg ndnors 
mit 193 

Cöv (f iyivet avdelg fi&ndq avdsjmTmtSf 
wo freilich Kappeyne Vers 188 tilgt, was aber v. Bamberg a. a. O. 
p. 26 fg. genügend widerlegt hat. 

Plut. 302 iyni öi T^v Kiqxfpf ys tijv rd qxxQfuxx' dfHxxvxAfay 
ist beinahe ganz gleich dem Verse 309 

ovxovy €fe x^v Kiqxfiv ye %^v xd (pdqikon dvammAfuv, 
Vergleiche ferner Plut. 1060 

xahivtav' dvdqäv avx vyudvHV (MH doxstg 
und 1066 yigap dt^Q w ovx vyiaipe$y f*o$ daxstg. 
Endlich sind einander völlig gleich die Verse Plut. 1002 u. 1073 

TuiXcu iwt ifiav aXx^fMOk M$i^<ao$, 
Solche Wiederholungen sind oft absichtlich vom Dichter gesetzt 
und darauf berechnet, eine komische Wirkung hervorzubringen, die 
wir bisweilen nicht mehr völlig verstehen oder nachempfinden können. 
Es mochte vorkommen, dafs solche Verse auf Ausdrücke und Redens 
arten anspielten, die gerade zur Aufführungszeit der betreifenden Ko 
mödie in aller Munde waren; der Art mochte das oAx^/uo* Milijaio^ sein. 
Man sollte sich daher solchen Versen gegenüber doppelt vorsichtig 
verhalten, und sie nicht tilgen, wie es z. B. Hamaker, Meineke, Kappeyne 
und Dindorf thaten mit Plut. 957 

ou kfc' iiuivav toS Tmyt/^av xof^juxrogj 
weil er zu sehr anklinge an Vs. 862 

iotxe d* slpcu ToS TmvfiQav xofkfuxvog, 
Dafs man in jener Zeit gerade viel über das miserable Geld, das 
noyfjQOp x6(/ijiaj gewitzelt hat, sehen wir auch aus Ecclesiaz. 816 

»cd xccxop yi f/KH 
t6 xofifA iyiver* ixetvo 
und noch deutlicher aus der Parabase der Frösche 725 sq. 

diJM TOVTOtg tcZg Tioy^QOtg %ahtio$g 
%'9'ig %e xal nQWfjv xotisM %& xccxkfrto x6fJkfMxt$ xtX. 
Viel deutlicher fiir uns liegt aber der Grund, weshalb Aristophanes 
jenen Vers 11 73 des Plutos schrieb, den er mit geringen Aenderungen 
schon zweimal gebraucht hatte. Gerade dadurch wollte er Heiterkeit 
erregen, dafs jeder, der die Bühne voll Ingrimm über den Umschwung 
der Dinge betrat, seine Tiraden damit anfing: c Seitdem der ver- 



309 

dämmte Plutos sein Augenlicht wieder erlangt hat» So beginnt das 
alte Weib, Vs. 968, so Hermes, Vs. 11 13, so der Priester, 1173. 
Diesem Argument gegenüber scheint mir der Anstofs, den v. Velsen 
daran nahm; dafs auf die Frage des Chremylos ri d* S(fttVj w ßiXrtiHe; 
geantwortet werde vi yctq all' ^ xaxägj statt rl yoq SsXX' ^ xcacoy kaum 
in 's Gewicht zu fallen, und ich wundere mich, dafs dieser Kritiker durch 
Bambergs Ausführungen a. a. O., p. 31, nicht überzeugt worden ist, 
zumal, da er von diesem belehrt wurde, dafs wir nach Tilgung des 
Verses 11 73 in ri yoQ aiX ^ xcatäg ämholaj wie nun v. Velsen ver- 
bindet, eine nicht aristophanische Wendung erhalten {xax&q aTwiMlu). 
Allerdings ist der fragliche Vers fehlerhaft überUefert, aber aus der 
Lesart des Venetus 

atp' w yctQ ßlhfsip 6 ülovrog f ^crro 
ergiebt sich durch leichte Emendation Meineke^s 

dq>* ov yoLQ av ßXiruiP 6 ülovrog f^orro. 

Jenes ovrog, das in R. und V. fehlt, pafst gar nicht hierher; es 
steht wohl 986 an seiner Stelle, wo es heifst 6 d-eog oSroq, auch 958 
Sni %6v d'Bw TOVTov'y aber 1114, wo der Name des Gottes genannt ist, 
steht nur Uhovroq, und auch an unserer Stelle mufs das oinog getilgt 
werden. Wie es in den Text gekommen ist, ist ja völlig evident: 
ovtoq sind die fiinf letzten Buchstaben von Blovtoq, welche zweimal 
geschrieben wurden. So gab vielleicht dieser unglückliche Schreibfehler 
den ersten Anstofs dazu, einen Vers dem Aristophanes abzusprechen, 
über den man sonst ohne Bedenken würde hinweggelesen haben. 

Aber sehr häufig finden sich Beispiele, wo die Kritiker gerade 
.deshalb an der Echtheit eines Verses zu zweifeln begannen, weil der- 
selbe fehlerhaft überliefert war. Besonders wenn durch einen Lapsus 
calami sich eine nichtattische Form oder Construction in den Text 
eingeschlichen hatte, schien das Indicium gefunden zu sein, durch 
welches sich die Hand des Fälschers verrieth, während man doch 
meinen sollte, es habe von vornherein näher gelegen, durch Emendation 
den Vers von seinem Makel zu befreien, wenn sich nicht ganz unab- 
weisliche Gründe gegen die Echtheit ergaben. 

So heifst es Thesmoph. 38 

7iQO&wf6fjbsyog iotxs T^g Ttoi/ifi&ag. 

Da nun die Attiker nicht Soixs mit dem Nominativ des Participiums 
verbanden, schrieb Meineke n^go&txsofkevogy olfMxi ysj tijg Twnjff^oitg, 
schlug aber in den Vindicien auch vor jifodvtfOfAiviio d' &hx€ r^ Twt^öBdoq, 
Dindorf dagegen erklärte den Vers für unecht und v. Velsen ist ihm 
in seiner Ausgabe gefolgt. Allein der Ausdruck T^^odv^tv t^ 7w$iJ€f60iig 



3IO 

ist für einen Scholiasten viel zu charakteristisch; er ist nach meinem 
Gefühl durchaus drastisch und komisch und verräth den Geist des 
Aristophanes. Wie ein Scholiast solche Dinge aufTafste» zeigt die 
ernsthafte Erklärung, die uns in den Scholien aufbewahrt ist: awe yoiq 
dga/Aa TtoiijfUu i^eXoPj TtQore^y SvöUxq iTwhvy. Auch das ioate in 
unserem Verse ist dem komischen Ausdrucke völlig entsprechend und 
findet seine Analogie in Acharn. 240: 

ixTwdtiv' &^(PijOP ydq dvijQj (ig sotx% S^iqxecou. 

Der Anstofs, den die sprachkundigen Gelehrten an der Construction 
nqo&ixfofksvog so^xs nahmen, war eigentlich schon durch den Scholiasten 
beseitigt, wenn derselbe bemerkte: XBijut %o tigj wg htxej und Blaydes 
schreibt daher ganz richtig: 

nQodvddfjbeyog, &n9Uj T^g TW^üBüig 
indem er auf Plut. 1097 verweist, 

%ig iad'* 6 xÖTTTunf %ijV dv^v; Towi %l fjy; ovMgj ioiau. 

Ein ähnliches Beispiel dafür, dafs ein Vers einer anstöfsigen Form 
wegen, welche den Interpolator genugsam zu verrathen schien, getilgt 
wurde, bietet Thesmoph, 761 

%ig tiiv äyanfjT^ Ttatöd Oöv '^i^pi^crTO; 
Lobeck zum Phrynichos p. 716 nahm an der Form '^ijQijfUxTo Anstofs 
und erklärte deshalb den Vers für unecht; ihm folgte Cobet (Novae 
Lectiones p. 325). Dagegen hielten Buttmann, G. Hermann und Enger 
die seltene Aoristform nicht für völlig verwerflich, während Meineke 
duxQij<uxtOt Dindorf '^a^jp^^iUrOj Pritsche ^^fiQaOütOj Bergk 'Sa^tjf^aro ver- 
suchten. Es wird schwer sein, unter diesen Vorschlägen zu entscheiden, 
aber soviel steht fest, der Vers an sich bot nichts Anstöfsiges; jene 
ungewöhnliche Form allein, die doch aus einer Erklärung sich in den 
Text gedrängt und das Richtige beseitigt haben konnte, genügte für 
Lobeck und Cobet, den Vers für das Machwerk eines Interpolators zu 
erklären. Andere Gründe waren es, die v. Velsen bewogen, nicht 
allein Vers 761, sondern auch 762 — 764 zu tilgen, aber freilich mochte 
auch er durch jene barbarische Form nicht wenig in seinem Urtheil 
über die Echtheit der Verse bestärkt werden. Betrachten wir die 
Stelle etwas genauer. Die von v. Velsen ausgeschiedenen Verse bilden 
den Schlufs der Scene, in welcher der Schwager des Euripides, der 
von den Weibern bewacht wird, einem Weibe, der yvy^ Aj einen 
Weinschlauch, den jene als ihr Kind ausgeputzt hatte, geraubt und 
ausgetrunken hat. Nachdem der Schlauch geleert ist, wird er vom 
Räuber dem Weibe, als der Antheil, welcher der Priesterin gebührt, 
zurückgegeben. Darauf folgen die Verse 760, 761 : 



3" 

welche in den bisherigen Ausgaben die Personenbezeichnung }^w^ F 
hatten, indem man annahm, in Uebereinstimmung mit dem Scholiasten, 
dafs mit Mhtxa die beraubte Mutter, also yw^ A angeredet werde. 
Die Antwort auf diese Frage ertheilte dann nach der gewöhnlichen 
Lesart y^^ ^ ^^ ^^^ Versen 762 — 764 

o napovQyog oirtog' äXk' ijutdiJTtSQ 7uiQ&> 
ffvlci^ov avtoVj Iva XußovtSa KXsufdivfi 
totmr TtQwäv&UVf ä tictwUix' ovtogj (fgatSta. 
Nun steht aber im Ravennas vor Vers 760 FY. A,^ während erst 
die verbessernde Hand hinzugeschrieben hat aA^ y^^' ^^^ letztere 
Bezeichnung allein findet sich im Augustanus. Vor 762 aber steht 
iveder im Ravennas noch im Augustanus eine Bezeichnung. So war 
denn also die Einführung eines zweiten Weibes an dieser Stelle durch 
die ältere, gute Ueberlieferung nicht beglaubigt, und v. Velsen hatte 
den Schein der soliden Kritik fiir sich, wenn er sowohl 760 als 762 
mit Fv. A. bezeichnete. Dann konnte aber dieses Weib mit Mixxa 
nur ihr todtes Töchterlein, d. h. den geleerten Weinschlauch, anreden, 
und Vers 762 — 764 wurden nun nicht allein überflüssig, sondern völlig 
unverständlich. Also fort mit ihnen! War es doch ganz ersichtlich, 
dafs die Stelle von einem Interpolator gemacht war, um den Abgang 
der Fv. A. von der Bühne zu motiviren, mit starker Benutzung oben- 
drein von Vers 652 u. 654 

Towoyl g)vld(P(tev€ 
iyw di tavta totg nQmdvBdtv ayysXä 
und verrieth sich doch die Hand dieses Grehülfen des Aristophanes nur 
allzudeutlich in der Form ''^fiQijaüTO. 

Allein zugegeben, dafs dies alles richtig wäre, so blieben doch 
noch manche Zweifel zurück. Erstlich hätte dann die Scene keinen 
Abschlufs. Sodann müfste man nach v. Velsens Lesart annehmen, dafs 
yw^ A. die Bühne nicht verläfst. Dann ist aber nicht ersichtlich, warum 
nicht auch in der folgenden Scene 841 ff. yw^ A. die Unterredung mit 
dem Schwerer des Euripides fuhrt, sondern wie v. Velsen mit dem 
Ravennas schreibt, yvy^ F.j und wie denn eigentlich yvv^ F, dazu kommt, 
die Bewachung des x^€(fT^ zu übernehmen, da dieselbe doch vom 
Kleisthenes nur den Weibern insgesammt übertragen war. Es war schon 
deshalb nöthig, dafs yvv^ A. nach den Versen 760 — 764 abtrat, weil 
der Schauspieler, der ihre Rolle gab, auch den Euripides spielte. Er 
mufste also jetzt die Bühne verlassen, um sich umzukleiden. Sein Ab- 



312 

gang mufste aber motivirt werden, und das geschah in Vers 762—764. 
Zugleich mufste in der Rolle des Weibes, das sich bei dem yvy^ A. 
nach dem Mörder ihres Kindes erkundigte, derjenige Schauspieler, 
welcher vorher den Kletsthenes gegeben hatte, eingeführt und für die 
folgende Scene als Wächterin des xfjdeffr^g dem Publikum vorgestellt 
werden. Diesem Zwecke dienen die beanstandeten Verse. Sie sind 
aus technischen Gründen unentbehrlich, und wenn wir auch v. Velsen 
gerne zugeben, dafs sie nicht gerade sehr geschickt erfunden sind, so 
enthalten sie doch auch nichts Anstöfsiges (aufser dem *lSfiQijaüto). Was 
das anbetrifft, dafs im Ravennas von erster Hand FY. A, zu Vs. 760 
geschrieben ist, so wird doch Niemand bestreiten, dafs sich ein solcher 
Irrthum sehr leicht einschleichen konnte, zumal da auch Vers 759 die 
Bezeichnung FY. A. hatte. Der Fehler ist eben vom Verbesserer, der 
nach V. Velsens eigenen Angaben) mit dem Schreiber des Ravennas 
fast gleichzeitig war (chaec manus fere suppar aetate primae manui), 
erkannt und berichtigt worden. Noch weniger Gewicht wird darauf 
zu legen sein, dafs in beiden Handschriften vor 762 die Personen- 
bezeichnung fehlt. V. Velsen selbst kehrt sich häufig sehr wenig an die 
Personenbezeichnungen der Handschriften. 

Das sehen wir recht deutlich in der Scene der Frösche, wo Dio- 
nysos, als er in der Kleidung des Herakles in die Unterwelt gekommen 
ist, von zwei Schenkwirthinnen heftig in's Gebet genommen wird, weil 
jene ihn für den wirklichen Herakles halten, der ihnen einstmals mit 
der Rechnung durchgegangen ist und sich auch sonst sehr wenig an- 
ständig betragen hat. Nun setzen sie ihn zur Rede und beschliefsen 
endlich, um zu ihrem Rechte zu kommen, sich an Kleon und Hyper- 
bolos zu wenden. cGeh», sagt das eine Weib, chole mir den Kleon» 
Vers 569 

Xd't d^ xdXe(fov top Tr^ocrrcrVf »^ Klifopd fwtj 
darauf das andere, Plathane mit Namen, wie Vs. 549 lehrt, 
570 (fv d* SfAW /j idvTteq iTnrvxfl?» ^YiiiqßoXoVy 
t/ avToy intTQitfHOfjbey, 
Hierauf um ihrer Wuth durch Schimpfen Luft zu machen, fährt 
das erste Weib fort: 

cS fuccQa (paQV/^j 
dg ^diwg av dov XI&m rovg }^Ofi(fi(wg 
xoTVKHfjif* avj olq (jüw xatitfocy^ tot ffoq%ia 
das zweite aber giebt wieder ihren Beitrag dazu mit den Worten: 

574 iyat di y' ^h ro ßdga^QOV ifjbßdloifjti ^ 
Hamaker (Mnem. VI p. 215) findet in dieser Stelle mancherlei 



313 

Bedenken. Zunächst fragt er, an wen die Aufforderung, den Kleon 
zu holen, gerichtet sein könne, und findet darauf die Antwort, dafs 
Plathane, die zweite Hökerin, der er diesen Vers zutheilt, darum die 
erste ersuche. Dann wird aber Vers 570 sinnlos, und da Hamaker 
ohnedies glaubt, dafs die Hinzufiigung des Hyperbolos zur Erwähnung 
des Kleon nur aus der Erfindung eines Interpolators stamme, so streicht 
er diesen Vers und läfst Plathane weiter reden bis Vers 573. Ferner 
findet es aber Hamaker auffallend, dafs die zweite Hökerin im Vergleich 
zur ersten so wenig rede, aufserdem eine so nichtssagende Bemerkung 
mache,, wie Vers 574, während der ersten die charakteristischsten 
Schimpfwörter in den Mund gelegt sind, und da er in solchen Stellen 
einen TtoQaXX^iMf/wg beobachtet zu haben meint, so streicht er Vers 574 
und giebt der ersten Hökerin die letzten vier Verse der Scene, dafs 
sich also die Stelle, wie folgt, gestaltet: 

569 nXa&. »^* d^ xdXeOw toy nqiHHdtfii; KXk^vd (*o$, 
571 ^^* cdftov i7r$TQltp€dfkey. w (uce^ ^dQVjrSj 

cog ^itag av Cöv U&w %wg yo/Mfiovg 
xoTTio^fi' äpj otg fjkiv xcetäipayog xd ifog^ia, 
575 JIcepdox. fyd di ye top XdqvyY* ^^ ixTiiMH(d ükhJj 

dginavw laßovg'j & tag xalmag xatiffnaöüg. 
dXX' slfjk' ijA %w KJMav'j ig airtoS t^fAsgov 
i7C7npfutTa$ tavta nfOCkaXwfJbsyag, 
Ebenso hat v. Veben, ohne sich im geringsten an die Personen- 
bezeichnungen der Handschriften zu binden, die Stelle in den Text 
aufgenommen, nur giebt er 569 — 573 der ersten Hökerin, 575 — 579 der 
zweiten, und es ist ja auch passender, dafs das erste Weib dem mehr 
untergeordneten zweiten den Auftrag giebt, den Kleon zu holen. 

Hier ist aber nun zunächst zu bemerken, dafs jener von Hamaker 
hergestellte Parallelismus an unserer Stelle nicht am Platze ist. Plathane 
spielt, wie Kock treffend bemerkt, in der ganzen Scene die zweite 
Violine. Sie redet nur wenig, und nichts von eigener Erfindung. 
Demnach ist es durchaus ihrem Wesen entsprechend, wenn sie, nach- 
dem ihre Freundin auf die Ermahnung des Xanthias hin, dafs hier 
etwas geschehen müsse, den Kleon rufen läfst, auf den Gedanken 
kommt, sich ihrerseits an den Hyperbolos zu wenden. Ebenso findet 
sie Vers 574 ihren Geistesanlagen gemäfs kein treffenderes Echo zu den 
Schimpfreden ihrer Genossin, als das farblose: 

i}^(o di Y* ^h ^0 ßdqad'qop ifjtßdlotfU <fE. 
Ich halte es also fiir falsch, hier irgend etwas zu tilgen. Es bleibt 
nur die Schwierigkeit, an wen die Aufforderung, den Kleon, resp. den 



314 

Hyperbolos zu holen denn eigentlich gerichtet ist. Die alte Erklärung, 
dafs jede der beiden Hökerinnen eine Sklavin bei sich gehabt habe 
und diese nun zu ihrem Patron absende, wird wenige befriedigen, da 
doch nachher Vers 577 die eine der beiden erklärt, sie gehe selber 
nun zum Kleon. Aber auch dafs die erste Hökerin die Plathane ab- 
schickt, wie V. Velsen will, geht nicht wohl an, da Plathane zwar nicht 
an geistiger Gewecktheit, wohl aber an Rang ihrer Freundin völlig eben- 
bürtig ist, und also nicht in so kurz befehlendem Tone abgefertigt 
werden kann. Ich glaube, dafs hier im Venetus die Spur der richtigen 
Lesart erhalten ist; dort heifst es nämlich Vers 569 nicht td't df xdle(favj 
sondern xal d^ xäleööy. Demnach vermuthe ich, dafs Aristophanes 
geschrieben hat: 

xal d^ xaXä top nqwftthfpf KXian^d fJKH. 

Wir lernen von Cobet (Variae Lectiones p. 29, 620, Novae Lectiones 

p. 64, 438), dafs man in späterer Zeit häufig statt xalä die jüngere 

Futurform xaXicu> in die alten Texte brachte; aus xaledio wurde xdle^v 

korrumpirt und dies hat die Aenderung des xcä in idt bewirkt.') So 



i) Ich glaube, dafs überhaupt in dieser Scene der Venetus hätte mehr berücksichtigt 
werden sollen. Die Personenbeseichnung des Ravennas, der nur zweimal Vs. 551. 558 
n AN. ß hat, ist unzureichend; dagegen giebt der Venetus eine Vertheilung der Verse, 
die, wie ich glaube, mit einer einzigen Aenderung beibehalten werden kann. Ich setre 
die ganze Scene nach dem Venetus hierher. 

550. ^g tlg t6 naydpiuioy tictld-tay nojt 

hxaidtx' oQzovg xaritpay i/itoy. Ulad: y^ Jia, 
ixtiyog ai^os d^ra. Sav. xaxoy ^Xft r»W. 
nayd. xal xQia yt n^og rovronsty dyaßQam' §fxoir$y 
dy' tj^Hoßoltaia. Say. diiatt Tkg dixifv, 
555* Hayd. x€u rd cxoqoda rd nolXd. Jto. XtiQfig, eS yvva^ 

xodx ola9'* S r» kiyin. navd. od fjify ovy fii nQoffMxas, 
oTt^ xod-oQyovg ilx^iy dv yymytU <r' ht\ 
nia^. Ji dai; ro nolv rd^&x^g odx tt^fjxd not. 
navd. fjid Ji\ oddi Toy Tv^oy yt rov ](lfaq6y, rdkay^ 
560. 8v ovTog ad^oig rolg xaXdqoig xanjeS-uy. 

xdnHT* inndfj rd^yv^^oy inqtxxrofAtiy^ 
fßlttpey ttg fii dqhfjiv xdfivxato yt. 
Sny. TovTov ndyv rovQyoy^ o^og 6 tqoiios nayraj^ov. 
Jtka^. xai To ^itfog y iündro, fAoiytc^ai doxdSy. 
565. Uayd. v^ Jia rdXawa, ydi dt deicacai yi nov 
ini jijy XifT^lnp tdd-v^ dyintidtioafity' 
6 d* fyiT* i^^^ag yc rag tpHxdiivg laßaiy. 
Say. xal tovto tovtov rov^oy' dkl' l/^^v r» dgdy. 
Uayd. xal dij xaldt rov nqocrdrriy Kki(oyd /not. 
570. nka^. av d' i/Lio^y Idyntq irnTvxps, 'Yni^ßokoyy 
i^y a^oy innqifpwfuy, (J fA%a^ ffidqvyl. 



315 

scheint mir jeder Anstofs beseitigt. Da Xanthias sagt ail' ^XQV^ ^* 
Sqw, es hätte etwas geschehen müssen, erwidert die Hökerin: cja 
wohl, ich werde mir den Kleon rufen,» cUnd mir», fällt Plathane ein, 
«wenn du ihn triffst, den Hyperbolos. » Ganz hiermit übereinstimmend 
vcrläfst dann die erste Wirthin die Scene mit den Worten: tdXX* eI(A' 

ijd toif KXiav* og mX, 

Wir kehren zurück zur Behandlung solcher Verse, die wegen eines 
fehlerhaften Wortes getilgt worden sind. Da bietet sich ein belehrendes 
Beispiel in der Stelle der Lysistrata 175 ff. 

aiX s(ftt xai toik' ev 7rctQe(Jkeva(fftipoy. 

nunctXfiipOfhB&a ^dg z^v äxqamhv r^fteqav, 

tc^g TtQeaßwdTtug ydq Tt^thamai tovto dfjSvj 

ifog &p ^f*etg tavxa tfvwkd'wihed'a, 

&V€tv doxawkug xcetaXaßsty t^ ax^noX^v. 
Cobet (Mnemos. n, p. 108) in der Meinung, dafs Aristophanes sich 
niemals des Ausdruckes dxQOTioXtg bedient, vielmehr stets TwXtg ge- 
schrieben habe, verbesserte Vers 176 in xcnahi^miksad'a tijy TtöXiv ydg 
i^ijfAeQoy und 179 in &v£tp doxov<fct$g %^v mhv xataXuikßdvstv. Meineke 
schlofs sich ihm an in Bezug auf Vers 176, während er (Vindic. p. 120) 
in Vers 179 die Worte tt^v nohv xataXafjtßdyHv tilgen und also einen 
Halbvers {xiaXaQtap) herstellen wollte. Dagegen entdeckten andere 
Kritiker in jenem dxQOTwX^ das Wort, durch welches sich der Inter- 
polator verrathen hatte, und nun mufste der Text von der Fälschung 
befreit werden. Leider konnten aber nicht beide Verse, die das ver- 
dächtige Wort enthielten, entfernt werden, und nach Tilgung des einen 
blieb immer noch in dem andern das unglückliche äxQOTwX^g stehen. 
Was aber dem einen Verse recht war, war dem andern billig, und 
wenn man Vers 176 durch Emendation heilen konnte, warum nicht 
auch 179? So ist es denn kein Wunder, dafs Bergk sich dafür ent- 
schied, den Vers 176 zu tilgen, während Kruse (Quaestiones Aristo- 
phaneae, Flensburg 1874) lieber 179 entbehren wollte. Wir halten 



Ilayd, (ig ^cfcftK* äv 6ov ki&t^ ro^g yo/LKpiovg 

xÖTtTotfA «CK, 0^; fjiov xaTitpaytg rä (poqvia. 
nXaS'. iy(o di y üq ro ßaQad-Qoy ifAßälotfii Cf, 
575. nayd. iyij^ dt jov Xagvyy av ixxi^ohfii <fov, 

dqinavov Xaßova* ^ rag ](6l$xag xatiönacag. 
dXk* tlfi ini Toy KXmy\ ^ a&tov r^fjuqoy 
ixnr^yuirai ravra nQocxaXov^tyog» 
Ich halte diese handschriftlich begründete Vertheilung der Verse für besser, als die 
der Vulgate, welche v. Velsen aufgenommen hat. Nur 571 wird es sich wohl empfehlen, 
auch die Worte c3 fjuaga (f>aQvy^ der naydoxivtQHx- tu geben. 



3i6 

beide Verse aufrecht und sind auch von Cobet s Behauptung, das Wort 
äxQOTwlUg betreffend, durchaus nicht überzeugt. Es findet sich in der 
Lysistrata noch 

Vs. 241 al yccQ yvpatxeg tfjp äxQOTwkiy r^g d'eov 

fldfi xaT€tX^a(U (von Hirschig emendirt in t^ twoIuv 
z^ riß d'BOv) 
Vs. 263 xdxa d' axqojwhv i^kotv Xaßstv 
Vs. 482 oti ßiwXofMVcU Ttote ri^ Kgapadv xcctiXaßw^ 
lif %i t€ ikBYctUnetQOVy aßccrov ax^onohv. 
Sollten alle diese Stellen corrumpirt sein? Wenn Thucydides, der 
übrigens selbst stets axqojiohg schreibt, sagt ü, 15: xak^rcu 47 Satqirwhq 
fA€XQi tovÖB m vn' ^AB^aUav nohg^ so heifst das doch nur, dafs der 
Ausdruck nohq für axqonoX^ im Volke noch nicht geschwunden sei, 
und dies wird ja auch durch das bei Aristophanes so häufige tiojU^ be- 
stätigt. Der Dichter konnte aber sehr wohl daneben auch schon den 
jüngeren Ausdruck gebrauchen, zumal in der Ol. 92, i (411) aufge- 
führteir Lysistrata; derselbe findet sich bereits in einer öffentlichen 
Urkunde vom Jahre Ol. 92. 3 = 410 (C. I. A. I, 58), vgl. Michaelis 
zu Pausan. I, 26. 

Eines schönen Verses wollte Hamaker den Aristophanes berauben, 
indem er Lysistr. 190 für unecht erklärte: 

190 elg atSnid* ifJtofffig fjbtjdip ä^ip^ nigtj 
weil ihm die Verbindung stg äcnida ofjbvvyat zt anstöfsig erschien. Das 
müfste freilich ein recht geistreicher Interpolator gewesen sein, der so 
geschickt auf den Vorschlag der Lysistrate, etg ätfräda zu schwören, die 
hübsche Antwort fand, man solle doch nicht einen Vertrag, der den 
allgemeinen Frieden herbeizuführen bestimmt sei, auf den Schild be- 
schwören; dagegen müfste Aristophanes wenig Witz besessen haben, 
wenn er seine Kalonike auf jenen Vorschlag nichts anders erwidern lassen 
konnte, als das kahle fjt^ (fv/j i Av(Si/(HQd%fi ohne jede Begründung. 
Dafs aber in den überlieferten Versen durchaus nichts Anstöfsiges ent- 
halten ist, lehrt ein Vergleich mit Xen. Anab. 11, 2, 9 xaSta d* &fMKfay 
iffaSccvreg zavqw xai xdji^QOP xal xq^ov elg attJtidaj wo doch sicher 
analog unserer Stelle zu verbinden ist xavta (F &fMHfav sig dftrcida. 

Dafs wir nicht zu viel behaupteten, wenn wir das Verfahren der 
Kritik, die auf solche Indicien hin Interpolation statuirt, oben ab ein 
unvorsichtiges bezeichneten, das zeigte Meineke selbst, wenn er Lysist. 24 

Kai p^ Jia TtaxV' KAA, xq%a n&g ovx ipcofkfp; 
ausschied, weil er mit Nauck an dem Ictus auf der letzten Silbe in 



317 

^Ul Anstofs nahm. Er war seiner Sache so sicher, dafs er in seiner 
Ausgabe den Vers unter den Text setzte. Aber bereits in den 
Vindiden, die doch zur Rechtfertigung seiner Ausgabe geschrieben 
waren, gab er den Vers seinem Dichter mit der Emendation i^ Jia 
ndyv naxv zurück. 

Er hätte übrigens lieber naxv ^vv schreiben sollen. Denn auch 
in der Verbindung %a%v miw, auf die er sich beruft — wir können 
seinen Beispielen noch Lysistr. 864 hinzufügen — steht ridw stets an 
zweiter Stelle. 



Wir gehen nunmehr über zur Betrachtung solcher Verse, welche, 
sei es als Witzwort, sei es als Sentenzen, sei es endlich als irgend- 
welche Erklärung, so lose in den Zusammenhang der Rede eingefügt 
sind, dafs sie ohne Schaden fiir das Verständnifs des Ganzen oder für 
den Fortgang der Handlung entfernt werden können. Es fragt sich, 
ob dergleichen Verse an und flir sich bei einem klassischen Dichter 
Grund zum Anstofs geben. Ob man aus den Werken der Tragikdr 
die Kunstregel abstrahirt hat, dafs jeder Vers so fest in den Zusammen- 
hang verwebt sein müsse, dafs man ihn ohne Schädigung des Ganzen 
nicht entfernen könne, weifs ich nicht. Für den Aristophanes hat im 
Allgemeinen bisher diese Regel nicht gegolten; mancher treffende oder 
geistreiche Ausspruch würde damit dem Dichter entrissen werden, und 
grade dem Komiker mufs es doch erlaubt sein, hier und da ein Witz- 
wort anzubringen, wenn dasselbe auch für den Gedankengang^ der 
betreffenden Scene entbehrlich ist. Verlangt man für die Wahrheit 
dieser Behauptung Belege, so liefse sich z. B. Plut. 146 anfuhren: 

a7uxv%a %ä nXvvt&v ydq e(f&' VTv^oa, 

Der Vers ist leicht zu entbehren, ja er wiederholt eigentlich nur 
das, was Chremylos schon in den beiden vorhergehenden Versen aus- 
gesprochen hat: 

xcd n^ JV ä %i Y* stn* lafkTtfoy ttal xaXw 

^ XctqUv av&qwnotCkj d$d (fi (seil, tov UXoviov) Yiyverca. 

Dennoch ist jener Vers noch nie beanstandet worden, und er ist 
auch nicht allein im Munde des Chremylos sehr bezeichnend, sondern 
entspricht auch vollkommen der Stimmung, aus welcher heraus Aristo- 
phanes den Plutos geschrieben hat. 

Der Umstand also, dafs ein Vers fehlen kann, scheint für sich 
allein nicht hingereicht zu haben, die Annahme einer Interpolation zu 
begründen; es mufste hinzukommen das Urtheil des Kritikers, versum 



3i8 

languere aut lepidum esse aut ineptum aut jejunum. Wie unsicher aber 
ein solches Urtheil ist, sieht Jeder ein; es beruht lediglich auf dem 
Geschmack des betreffenden Kritikers, und Niemand ist gezwungen, 
sich dem zu unterwerfen. Man sollte wenigstens auf solche Gründe 
hin einen Vers, wenn man ihn auch für verdächtig hält, niemals unter 
den Text setzen oder einklammem, denn man läuft dabei Grefahr, den 
Dichter zu hofmeistern, nicht aber den Text zu constituiren. Diese 
Erwägungen sind es, welche mich ermuthigen, gegen das einstimmige 
Urtheil von Cobet, Meineke, Bergk, Kappeyne, v. Bamberg und 
V. Velsen den Vers Plut. 584 

tva Tovg ''EXi^yag anavtaq aal d$* Stovg Ttiikmov (fvvayetQ& 
aufrecht zu halten. Dafs es für den Sinn der Stelle gar nichts ver- 
schlägt, wenn der Vers fehlt, gebe ich unbedingt zu. Aber im 
Uebrigen enthalten die Worte weder grammatisch noch metrisch etwas 
Anstöfsiges ; tva in der Bedeutung c wohin» kann sehr gut auf den 
Ausdruck des Ortes, der im vorhergehenden tdf^^OlvftTnxw äyäya liegt, 
bezogen werden. Verlangt man aber durchaus eine Beziehung auf 
Aywaj so scheint mir es auch dafür nicht an Analogien zu fehlen. 
Wie z. B. in den Versen des Euripides bei Plut. Gorg. p. 484 E 

viiMav ro nXeXaxov fnkiqag rovtm fbigag 

Iv avtog avTOv rvYxdvsi ßiXrufrog &p 
das Iva = iv & auf rwtm zurückgeht, so kann es auch an unserer 
Stelle fiir slq ov mit äycova verbunden werden. Ebenso steht Ipu für 
iy ä im Oed. Col. 1237: 

yiJQCcgj Iva ngonai^a xaxd xax&v l^vvouut. 
Und wie, wenn Aristophanes den Vers im Plutos doch nicht ohne 
Absicht geschrieben hätte? Wenn es ihm darauf angekommen wäre, 
hervorzuheben, dafs Zeus bei dem olympischen Feste, wo er alle 
Griechen, rovg "Elltivag artavtagj versammelt, im Angesichte des ge- 
sammten Hellas also, den Sieger nur mit einem Olivenkranz belohne, 
statt mit einem goldenen? Wenn man nur darum einen an sich 
guten Vers tilgte, weil er überflüssig erschien, warum liefs man dann 
z. B. Plut. II 22 

l(S%ddag ,oa' elxog stfttv 'EQfjb^v itf&Uiy 
unbehelligt, einen Vers, den man ebenso gut als einen unnützen Zu- 
satz bezeichnen konnte? oder den ganz unnöthigen Vers Thes- 
moph. 654: 

Fv, a, ays d^ vi dgägAcv; Kleufd'. tovtopI gwldtrere 
654 xaX&gy ontog fjb^ dtafpvydy ol%iq(ie%at' 

iyd di vavra xoXg nqvtdv^Av iyyslä. 



319 

Durchaus entbehrlich ist auch der Vers Thesmoph« 
294 davXotg yccQ ovx i^sm* äxowky %&v XoYtav 

und so ist ei; denn von Meineke und v. Velsen ausgeschieden worden. 
Meineke bemerkt dazu Vindic, p. 151, cNon dubito, quin recte hunc 
versum, quo nihil cogitari potest jejunius, in va&€lag suspicionem 
vocaverim.» Das ist aber gerade zu erweisen, dafs der Vers wirklich 
jejunus sei. Mir erscheint er an dieser Stelle durchaus passend und 
von komischer Wirkung. Man stelle sich doch nur die Situation vor: 
Der Schwager des Euripides, in Weiberkleidung, schreitet mit ko- 
mischer Steifheit und Würde einher, die Dienerin hinter sich, der er, 
die feierliche Weise der Weiber bei ihren Festen parodirend, seine 
Aufträge giebt. Dann spricht er, das gemessenste und wichtigste 
Wesen annehmend, ein Gebet zu den beiden Göttinnen, voll der 
tollsten Einfälle und ärgsten Verhöhnungen der Weiber, das eben 
durch diesen Contrast stark auf die Lachmuskeln der Zuschauer wirken 
mufste. Endlich entläfst er in derselben würdevollen Haltung die 
Dienerin mit den Worten : entferne dich, denn nicht geziemt es Dienern, 
zu hören unsere Reden. Dafs er auch hiemit die Wichtigthuerei der 
Weiber verspottet, welche grofsen Werth darauf legten, dafs nur frei- 
geborene Athenerinnen ihren feierlichen Festen beiwohnen durften, be- 
weisen die Schlufsworte des folgenden Chorliedes: 

Enthielt nun ein überflüssiger Vers der oben beschriebenen Art 
in Folge der Corruption der Ueberlieferung gar einen Fehler oder einen 
ungeschickten Ausdruck, so war ihm sein Urtheil gesprochen. Kein 
neuerer Kritiker hat z. B. gewagt, den Vers 566 des Plutos 

vfi xov Ji' d dsZ Xa&€Zp avtopj näq oi%i x6a(u6y iati} 

den zuerst Bentley für unecht erklärte, zu vertheidigen, obwohl er in 
älterer Zeit von Brunck, Hemsterhuis und namentlich Reisig, Conj. 
P- 250, gehalten worden ist. Dafs mit dem Vers, so wie er vorliegt, 
nicht viel anzufangen ist, liegt auf der Hand, und auch Reisig s Ver- 
besserungsvorschläge können nicht genügen. Warum meint aber 
V. Bamberg a. a O. p. 33, dafs den Vers ne is quidem Aristophani 
vindicare poterit, qui ex versus ruderibus integrum fecerit? An und 
iiir sich, abgesehen von der fehlerhaften Form, scheinen mir die Worte 
nichts Anstöfsiges zu enthalten. Die Usvia sucht in hartem Wortgefecht 
mit Chremylos zu erweisen, dafs sie dem Plutos vorzuziehen sei. Da 
bringt sie nun das Argument vor 563 



320 

m xociuoTi/g oix^ fAer* iftaVj tov IIXovtov d'Stfviy vß(fißiV. 
Darauf erwidert Chremylos 

ndw }^avv xJÜTvteiv xocfuoy itH^v nuA %ovg toixovg *Ao^vTt&Vj 

i Freilich, das ist wohl sehr hübsch {xaafuw), zu stehlen und einzu- 
brechen.» cGewifsl», fällt Blepsidemus ein, indem er die Göttin der 
Armuth durch eine scheinbare Vertheidigung ihrer Sache ad absurdum 
zu fuhren sucht, cgewifsl wenn man nicht ertappt wird, wie sollte es 
da nicht ganz hübsch sein?» Dergleichen Zwischenreden dritter Per- 
sonen beim Wortwechsel zweier Streitenden sind ja sehr häufig beim 
Aristophanes, man vergleiche z. B. die Zusätze, welche in den Vögeln 
Euelpides macht, als Peisthetäros in der Wechselrede mit dem Chor, 
Vs, 460 fg., sein Programm entwickelt, oder die Bemerkungen des 
Dionysos in den Fröschen beim Streite des Aeschylos und Euripides 
oder die des Xanthias und der Plathane in der oben besprochenen 
Schimpfscene desselben Stückes, oder die Beiträge des Karion zu den 
Verhandlungen des Chremylos mit dem Gott des Reichthums im 
Anfange des Plutos u. s. w. Solche Zwischenreden dienten dazu, 
hier und da ein Witzwort anzubringen und waren sogar nothwendig, 
damit der dritte Schauspieler nicht völlig unbetheiligt am Dialog bliebe. 
Es wäre durchaus gegen die Art des Aristophanes, den Blepsidemos, 
der in der Scene zwischen Chremylos und der llerta anwesend ist, 
von Vs. 499 — 612 ohne j^liches Eingreifen in das Gespräch stehen 
zu lassen, und schon deshalb möchte ich den Vers 565 nicht aufgeben. 
Geben wir aber zu, der Vers sei unecht, so kann er, da er aus einer 
erklärenden Scholiastenbemerkung nicht stammen kann, nur von einem 
planmäfsig fälschenden Interpolator herrühren. Auf einen solchen 
läfst jedoch die verderbte Gestalt des Verses am wenigsten schliefsen; 
denn da es ihm darauf ankommen mufste, sein Machwerk, das er dem 
Aristophanes unterschieben wollte, dieses Dichters würdig zu gestalten, 
so würde er doch wohl einen tadellosen Tetrameter gebaut haben. 
Besser als durch alle erdenklichen Gründe würde ich meine Leser 
wohl von der Echtheit des Verses überzeugen, wenn es mir gelänge, 
durch eine sichere Emendation die ursprüngliche Lesart herzustellen. 
Leider kann ich aber auch nur einen Vorschlag bieten. Soviel ist 
sicher, dafs das völlig beziehungslose ctvrw zu beseitigen ist, und dafs 
höchst unpassend det gesagt ist. Denn nicht, cwenn man verborgen 
bleiben mufs,» wird erwartet, sondern, «wenn man verborgen bleiben 
kann». Das det ist vielleicht durch Dittographie nsLchy'n entstanden. 
Demnach habe ich versucht: 



32t 

Wenn wir hiermit unsere Betrachtungen beschliefsen, so wollen 
wir damit keineswegs stillschweigend andeuten, dafs wir über die hier 
nicht behandelten Verse, welche v. Velsen eingeklammert hat, mit 
diesem einer Meinung sind. Wir sind vielmehr erstaunt, dafs er z. B. 
Frösche 151 und 168 trotz Ritschl's einleuchtenden Verbesserungen 
(Rhein. Mus. XXIII, p. 508 fg.) oder Thesmoph. 833, 837 nach Hiller s 
Ausfuhrungen in Fleckeisen's Jahrbüchern 1877 Bd. 115 p. 618 fg. ge- 
tilgt hat, während er doch Frosch. 15 u. 1432 gegen Meineke durch 
Emendation zu halten suchte. Aber einerseits wollen wir nicht 
Stellen besprechen, zu deren Aufklärung wir nichts mehr beizubringen 
wissen, wo wir uns vielmehr auf die Wiederholung von Gesagtem be- 
schränken müfsten, andererseits glauben wir an den angeführten Bei- 
spielen unsere Meinung, dafs auch v. Velsen in seinen Ausgaben, über 
deren Werth und Verdienst ja kein Zweifel besteht, bei Statuirung 
von Interpolationen nicht mit der genügenden Vorsicht verfahren sei, 
hinreichend erläutert zu haben. Um indessen zu zeigen, dafs wir nicht 
etwa aus fanatischem Glauben an die Handschriften, sondern lediglich 
aus sachlichen' Gründen in Bezug auf so viele Stellen der Meinung 
der bisherigen Herausgeber entgegengetreten sind, wollen wir schliefs- 
lich noch zwei Verse besprechen, die wir unsererseits für zweifelhaften 
Ursprungs halten. 

In der bereits oben behandelten Scene der Thesmophoriazusen, 
in welcher der Schwager des Euripides einem der Weiber einen Wein- 
schlauch geraubt hat, wird am Schlufs das Leeren und Austrinken 
des Weinschlauchs seitens des Schwc^ers drollig mit einem Opfer ver- 
glichen. Der xffimni^ hat das Opferthier geschlachtet, und das be- 
raubte Weib hält das Opfergeräth, in dem das Blut aufgefangen wird, 
das (SfpaY^ov^ unter, um wenigstens die etwa vorbeifallenden Tropfen 
zu erhalten. Da sie nun keinen weiteren Antheil an dem Opfer er- 
hält, als das herabtröpfelnde Blut, sagt sie zu dem Räuber des 
Schlauches, Vers 757 

xcac&q anohn'" loq q)dvy€Q6g et koI dtxSfitvijg, 

Darauf folgen die beiden Verse 

758 Kijö.: Tavrl t6 diqfka tijg legsiag ylyyetcu 

759 ^t>. ^. Ti r^g Ugeiag y^Y^^^^i ^^* rot^r» Xaßi, 

Was soll hier der zweite Vers noch nach dem ersten? Sollte 
Aristophanes wirklich unmittelbar hintereinander zwei Verse geschrieben 
haben, die beide genau dasselbe, und zwar mit denselben Worten be- 
sagen? Hier scheint es uns zweifellos, dafs eine Scholiastenerklärung 

21 



322 

sich in den Text gedrängt hat. Vers 758 ist zu tilgen. Zu dem tovtI 
des Verses 759, das wohl der Zuschauer, nicht aber der Leser ohne Er- 
klärung verstehen konnte, war vielleicht schon in der alexandrinischenZeit 
die Bemerkung hinzugefugt: ro diQfjux Tijg leQstag /lypetat, oder auch blos 
To diQfMx. Daraus entstand, zusammengenommen mit dem zu erklärenden 
Tovrij mit Leichtigkeit jener Vers, der dann durch Versehen späterer 
Abschreiber in den Text kam. Blaydes macht ganz dieselbe Be> 
merkung, während vor ihm, wie es scheint, der Vers noch nicht An- 
stofs erregt hatte. Doch schwankt er, ob nicht die Stelle durch Um- 
stellung der Verse 758 und 759 geheilt werden könne. Dafs aber 
damit nichts erreicht wird, leuchtet ein. Wohl aber wäre es möglich, 
dafs der Vers 758 einen anderen Vers verdrängt hat, in welchem der 
xffieotf^ dem Weibe auf ihren Vorwurf etwas antwortete und sie dabei 
als Priesterin bezeichnete. 

Der Vers Lysistr. 369 ist, soviel ich sehe, noch niemals in Zweifel 
gezogen worden. Er steht in der Scene, in welcher der Chor der 
Greise, bei dem Versuch die Akropolis zurückzuerobern, einen scharfen 
Wortwechsel hat mit dem Chor der Weiber. Da bricht er, als es 
ihm nicht gelingt, die Weiber in Angst zu setzen, voll Unmuth in die 
Worte aus, Vers 368, 369: 

ov* itn' äy^Q EvQ&7riSov CöffxatSQog noi^i^' 
avdiv ydq äSi &Qdfi(jb' dpcudig iifvtv dg j^vyaXxsg. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dafs jeder Athener, auch wenn er 
den zweiten Vers nicht hörte, genau wufste, warum gerade hier die 
Greise den Euripides als den besten Dichter loben. Dem Aristophanes 
konnte also für seinen Zweck der Vers 368 allein genügen, und dafs 
wirklich Vers 369 erst später in den Text gekommen ist, glaube ich 
aus folgendem schliefsen zu dürfen. Die ganze Scene ist durchaus 
concinn gebaut. Zuerst Vers 352 — 363 antworten die Weiber mit 
dreimal je zwei Versen auf dreimal je zwei Verse der Greise, dann 
364- 375 folgt stichomythisch Vers auf Vers; endlich ist die Wuth 
auf beiden Seiten so gesteigert, dafs jedem Halbvers der Greise ein 
Halbvers der Weiber antwortet, nur 376 u. 377 sprechen noc^ einmal 
sowohl Greise als Weiber je einen vollen Vers. Stets aber sind Rede 
und Gegenrede in Bezug auf die Verszahl einander \iöllig gleich. Ich 
glaube darin eine planmäfsige Anlage des Dichters zu erkennen und 
nehme daher an, dafs Vers 369, welcher die Ordnung stört, zu 
beseitigen ist. Denn wenn er bestehen bleibt, so würden an dieser 
Stelle zwei Verse der Greise dem einen Tetrameter der Weiber ent- 
sprechen. Es kommt dazu, dafs jener von mir beanstandete Vers der 



in 

einzige der ganzen Scene ist, welcher nicht nach dem vierten Jambus 
die Diaerese hat. Vielleicht verräth es sich auch dadurch, dafs der 
Vers aus einem Trimeter des Euripides stammt, der zur Erläuterung 
dieser Stelle an den Rand geschrieben war und der vielleicht, wie 
Dindorf vermuthet, folgendermafsen lautete: 

ov^v ydq ioSi 'd'qifkfk' äpcc$dig wg }^vpij. 
In Sophokles Electra 624 redet Klyträmnestra ihre Tochter mit 
den Worten •d-Qinn* äycuddg an, und dafs Euripides denselben Ausdruck 
einmal auf das ganze weibliche Geschlecht angewendet hat, ist ja sehr 
wahrscheinlich. 



21' 



XXIII. 



CARL CURTIUS 



Ueber Pliniushandschriflen in 

Lübeck. 



Von den zahlreichen Handschriften alter Klassiker, welche am 
Ausgang des Mittelalters in Lübeck vorhanden waren, haben sich nur 
spärliche Reste auf der hiesigen Stadtbibliothek erhalten. Um so 
gröfser war daher meine Ueberraschung , als mir vor einiger Zeit der 
um die Erforschung der Lübeckischen Geschichte sehr verdiente Senator 
Dr. W. Brehmer die Mittheilung machte, er habe in dem Einband 
einer Lübeckischen Chronik eine Pliniushandschrift entdeckt. Diese 
Chronik, geschrieben von Rhebein im Anfange des 17. Jahrhunderts, 
besteht aus 12 Heften, denen eben so viele Pergamentblätter mit der 
Signatur A — M als Umschlag dienen.') Nachdem die letzteren von der 
Chronik abgelöst und der hiesigen Stadtbibliothek überwiesen worden 
waren, habe ich die Handschrift einer näheren Untersuchung unter- 
zogen und gefunden, dafs dieselbe mehrere Abschnitte aus der historia 
naturalis des Plinius enthält. Die Schrift weist auf das 15. Jahrhundert 
und eher auf deutschen als auf italienischen Ursprung. Die Höhe der 
12 Folioblätter, welche in 2 Columnen mit je 46 Zeilen beschrieben 
sind, beträgt 0,38 m, die Breite 0,27; die beiden Schriftcolumnen sind 
je 0,28 m hoch und 0,09 m breit. Am Beginn der Bücher findet sich 
eine grofse in blauer und rother Farbe gemalte Initiale, während die 
Anfangsbuchstaben der einzelnen Abschnitte, über denen eine von 
allen üblichen Zählungen abweichende Ziffer steht, abwechselnd roth 
und blau sind. Als Ueberschrift dient auf den linken Seiten Hb', 
auf den rechten die Zahl des betreffenden Buchs. Aufserdem lesen 
wir am Anfang von Buch 35 die mit rother Farbe geschriebenen 
Worte: Incipit lib' XXXV | gay pliny scdi nälis historie contines de 
pic|tuä t cololb' Ca V. Die Schrift stammt von einer Hand und 



t) Eine Beschreibung der Chronik giebt Deecke, Beitr. z. Lübeck. Geschichtskunde, 
Lübeck 183s, Heft i p. 31 f.i wo freilich von dem Einbände nicht die Rede ist. 



328 

ist mit Ausnahme einzelner etwas abgeriebener Stellen ohne Schwierig- 
keit zu lesen. Zwischen den Zeilen sind bisweilen noch schwache 
Reste von gröfseren Buchstaben einer älteren Schrift zu erkennen. 

Die 12 Pergamentblätter gehörten ursprünglich vier Quaternionen 
an; doch ist von jedem Quaternio wohl durch Zufall, nicht in Folge 
einer entsprechenden Lücke im Original, je ein Blatt verloren ge- 
gangen, welches durchschnittlich so viel Text umfafste, wie lo Seiten 
der Ausgabe von Detlefsert. Die noch vorhandenen Blätter enthalten 
in Lage I über 28, i — 182 mit Ausnahme des 4. oder inneren Blattes 

» » n > 28, 182 — 29, 99» » »4, » » » 

» » III » 29,99—30,135 » > » 3. » 

> > IV » 34,114—35,69 > » > I. oder äufseren » 

im Ganzen somit ist in unserer Handschrift erhalten über 28, i — 69 
nudari aut umbram. 28, 115 (üg)neum vas conditos — 28, 250 mulcentur 
quod. 29, 30 cultum et tutelam — 29, 143 resinae parte tertia. 30,21 
e murino fimo inditur — 30, 68 myrti prodest. 30, 89 potest remeare 
— 30, 135 quae vocatur syria(sis). 34, 114 trita aceto Thasio — 35,69 
.quoque ingeni(oso). 

Die Zahl der älteren Handschriften der naturalis historia des 
Plinius ist so grofs, dafs eine vollständige Mittheilung der Varianten 
in den I^übeckischen Blättern, welche ich der Kürze wegen im Folgen- 
den mit Lub. bezeichne, kaum lohnend erscheint. Doch ist die Frage 
zu steUen, zu welcher Klasse von Handschriften der cod. Lub. gehört, 
und welcher QueUe er muthmafslich entstammt. 

Nach der übersichtlichen Darstellung, welche Detlefsen in den 
Vorreden zu den einzelnen Bänden seiner treffüchen Ausgabe und 
ausführücher noch im Philologus (Bd. 28, 285 ff.) und im Rheinischen 
Museum (N. F, Bd. 15, 265 ff. 367 ff.) über Inhalt und Alter der ein- 
zelnen Handschriften so wie über ihr Verhältnifs zu einander gegeben 
hat, haben wir unter denselben eine ältere und eine jüngere Klasse zu 
unterscheiden. Dafs die erstere hier nicht in Betracht kommen kann, 
ergiebt sich sofort aus der späten Entstehungszeit des Lub. Es fragt 
sich daher nur, mit welcher von den zahlreichen jüngeren Handschriften 
er die gröfste Aehnlichkeit hat. Diese zerfallen nämlich nach den 
Untersuchungen von Detlefsen, deren Resultaten ich mich hier an- 
schüefse, wieder in zwei Hauptfamilien, welche beide auf einen gemein- 
samen Archetypus X' mit der Umstellung eines Abschnittes in Buch 2 
und 4 zurückgehen. Zu dieser Umstellung kommen in dem Arche- 
typus X^ dem Stammvater der ersten Familie, noch Rücken jn Buch 23 
und 25 sowie Umsteüungen und Wiederholungen in den Büchern 31 



329 

bis 33, in dem Archetypus X^ welchem die Handschriften der zweiten 
Familie entstammen, die Auslassung der beiden Abschnitte 27, 113 
bis 124 und 28, 39 — 51. Leider sind nun in dem Lub. gerade die- 
jenigen Bücher, welche jene charakteristischen Merkmale haben, nicht 
erhalten. Nur der Umstand, dafs der Lub. den Abschnitt 28, 39 — 51 
hat, welcher den meisten der aus X' abgeleiteten Handschriften fehlt, 
macht es wahrscheinlich, dafs unser Fragment nicht der zweiten, 
sondern der ersten Familie, welche aus X* stammt, angehört. Unter 
den Hauptvertretern dieser Familie kommen für unsere Untersuchung 
und liir die Bücher 28 — 30 und 34 — 35 folgende Handschriften vor- 
zugsweise in Betracht: codex Leidensis Vossianus n. LXI (V), cod. 
Riccardianus (R), cod. Leidensis Lipsii n. VII (F), in welchem Detlefsen 
den verlorenen ChifTletianus wiedergefunden zu haben glaubt;') ferner 
aus etwas späterer Zeit cod. Toletanus (T), cod. Parisinus n. 6797 (d), 
cod. Vaticanus n. 1953 (x), cod. Laurentianus n. LXXXn^i oder 
Slaglosianus (L). Von diesen Handschriften sind nach dem Urtheil 
von Detlefsen V und R als c leibliche Brüder» (Rhein. Mus. 15, 276) 
anzusehen, während er den cod. F nicht mehr wie früher als diesen 
gleichstehend, sondern als abgeleitet aus V betrachtet. 2) Als Ab- 
kömmlinge von F gelten ihm sodann die vier zuletzt genannten Hand- 
schriften T d X L. Zur leichteren Uebersicht über das Verhältnifs der 
wichtigsten hier in Frage kommenden Handschriften möge der folgende 
Stammbaum dienen. 

X' 

X» X* 



VRE 



T L d 



Y 



Lub. 

Mit welcher von diesen Handschriften zeigt nun der Lub. die 
gröfste Aehnlichkeit? Da fiir die hier überlieferten Bücher, wie schon 
bemerkt wurde, die gröfseren Lücken und Umstellungen der aus X* 



1) Vgl. Philologus 28, 288; Jahrb. f. Philol. Bd. 95, 70 ff. 

«) Praef. ad vol. IV p. VI. Die Gründe, welche K. Welzhofer (Beitr. z. Handschriften- 
kunde der nat. hist. des Plinius. MUnchen 1878) gegen die Identität des F mit dem 
Chiffletianus und gegen seine Abstammnng aus V geltend macht, scheinen mir nicht ganz 
stichhaltig zu sein. Vgl. Urlichs in Bursian's Jahresbericht Über d. Fortschritte der das* 
sischen Alterthuroswissensch. Bd. 14, 267 ff. 



330 

abgeleiteten Handschriften nicht in Betracht kommen, so sind wir 
darauf angewiesen, die Lesarten einzelner Abschnitte und Stellen zur 
Vergleichung heranzuziehen, und namentlich auch zu untersuchen, wie 
sich das Lübecker Fragment zu den kleineren Lücken in VR und 
deren Abkömmlingen stellt. Ich gebe daher, um auch Anderen die 
Prüfung zu ermöglichen, zunächst die Varianten von ausgewählten Ab- 
schnitten aus drei verschiedenen Büchern (lib. 28, i — 3; 29, 55 — 56; 
34, 116 — 17) mit Bezugnahme auf den kritischen Apparat der Aus- 
gaben von Sillig und Detlefsen. Hierbei habe ich die Lesarten des 
Lub. vorangestellt, sodann die mit ihm übereinstimmenden Hand- 
schriften angegeben, und, wo es von Interesse zu sein schien, noch die 
wichtigsten Abweichungen der anderen Handschriften hinzugefügt.*) 

Lib. 28, I — 3. Detlefsen vol. IV p. 167 Z. 17 dictae erant naturae d, 
dicta natura RV. — Z. 18 terras FVRd, terra R*. — Z. 19 tractata 
d, tractarent V, tractarunt R, — Z. 20 traversus V*, transversos R*d. 

— p. 168 Z. I qui d, quid V R. — diximus T, dixerimus r. — Z. 4 
carent V, carenti r. — Z. 6 urgeat, jurgeat R. — Z. 7 gratiam, gratia 
VR. — Z. 8 barbaros ritus VRd, barbaros etiam ritus R*. — Z. 9 
appellat, appellet r. — Z. 9 — 10 judicii ita E Vd, judic. ta R. — Z. 13 
quam R d, cum V. — Z, 1 5 illi, illic r. — emissa haec itaque V d, 
omissa R. 

Lib. 29, 55 — 56. Detl. vol. IV p. 234 Z. 15 CommagenoT, Gamma- 
genorum E R, Commagenorum d. — Z. 16 am. ex — aliqui VRd. — 
Z. 17 sed in hoc Commagenes usurie parte, Suriae VR*, susuriaeRd. 

— cynamomo VRT, cinnamo d, — Z. 18 cicere Vd, picere R^ — 
obrui*, obruis d, obrutis V R. — Z. 19 jocundo, jocunde V, jucundi E, — 
Z. 20 subditos, subitos r. — sumpta quaeque d, omniaque quae R, 
omnia quaeque V. — acopiis V, acopus R, acopis d. — Z. 21 fit et 
V d, fit ac R. — Z. 22 adipe aut cum, adipe avium aut cum d, adipe 
avium RV. — erysistrepto, erysistreptro d, erysisceptro R*. — lixo- 
balsamo, lyxobalsamo V d, xylobalsamo R*. — Z. 23 phoenice tuso 

— qui V d, quid R, quod Sillig. — Z. 24 vino bis (am, aut) ter sub- 
fervefactum — fiat RVd, fit r. — q' estate. — Z. 25 am. remedia 
R d. — Z. 26 ex mise', ex misere d, ex ansere R, ex imis aere V. — 
pancharis R V T d, in capris R*. 

Lib. 34, J16— 17. Detl. vol. V p. 93 Z. 28 Est et RVd, B(amber- 
gensis) am. est. — Z. 29 scoleaca d T, coleaca R V. — aere hie trito V d, 



i) R und V aliein bedeutet stets die erste Hand, R* V« die Correcturen von aweiter 
Hand; mit r bezeichne icb die Uebereinstinimung der übrigen Handschriften im Gegensatz 
zum Lub. 



33» 

aere trito B R. — Z. 30 acerrimo r, acerrime V. — fit hoc r, hoc fit d. 
— aestuosissimis r, aestivosissimis B. — Z. 31 viride r, putride V. — 
Z. 33 fiiere B, fiere R V. — p. 94 Z. i santenia V d, santer R. — Z. 2 
quam d, qua r. — feruminarii, femitninarii d, feruminari B. — usus 
B V R, ususque d. — Z. 3 scolea R V T d, scolex B. — lapide R d, 
lapidi B V. — Z. 5 Calcitim vocant lapidem V R d, om. lapidem B. — 
et ipso r, et ipsum d. — Z. 6 cadmia r, cadmea B. — subsidialibus 
VRd, subdiahT>us B. — Z. 7 idem Vd, item BR. — fiiat se Bd, 
ftiat si VR. — Z. 9 quo, quod r. — mysios BV, misyos Rd. — 
soreos B V d, sorecis R. 

Schon diese Auswahl genügt, um die Aehnlichkeit des Lub. mit 
den aus X^ abgeleiteten Handschriften und namentlich mit R V T d 
darzuthun. So hat jener allein mit V 28, i traversus und carent, mit V 
und d 28, 2 judicii ita, 29, 55 cicere statt pipere, mit RVd 29, 56 
pancharis statt in capris, lyxobalsamo statt xylobalsamo. Doch kann 
der Lub. nicht direct aus V oder R abgeschrieben sein, da er an zahl- 
reichen Stellen, wo diese kleinere Lücken haben, vollständig ist. 
Unter den vielen Fällen der Art fiihre ich hier nur einige Beispiele 
an, nämlich 28, 2 barbaros etiam ritus (R V am. etiam); 28, 202 corium 
caprinum — epoto {om. R V); 29, 61 contra serpentium morsus (RV 
am. contra), 34, 118 imponi cum suco vero {am. RV); 34, 120 tri- 
tumque pinguiter — olfactum (am. RV). 

Am auffallendsten ist aber die Uebereinstimmung des Lub. mit 
dem Pari sin US d in vielen charakteristischen Fällen, und zwar nament- 
lich an solchen Stellen, wo letzterer von allen oder von den meisten 
anderen Handschriften abweicht. Hierher gehören aufser einigen Stellen 
(28, I tractata, 35, 38 refiigerat, emoUit), an welchen der Lub. mit d 
allein die richtige Ueberlieferung bewahrt hat, folgende beiden ge- 
meinsame Irrthümer:') 28, i qui ergo fiir quid ergo. 29, 56 aut cum 
für avium — ex misere dir ex ansere. 29, 58 tadina für catulina. 
34, 116 scoleaca für scoleca. 34, 121 prurulentis fiir purulentis. 34, 123 
exstent e quibus fiir extentae quibus. 35, 45 in libris fiir in libras — 
am. faciunt nach fulgorem minii. 35, 50 venerent fiir venirent. 35, 60 
frillus fiir Erillus. 

Eine solche Uebereinstimmung in so aufialligen Irrthümem weist 
mit ziemlicher Sicherheit auf eine directe oder indirecte Abstammung 
des Lub. aus d oder einem nahen Verwandten von d hin. Wo die- 



1} Auch hierfür führe ich nur einige Beispiele an, die sich leicht vermehren lassen. 



332 

selben dagegen von einander abweichen, handelt es sich meist nur 
um kleinere Schreibfehler oder um die Auslassung eines Wortes in der 
jüngeren Handschrift. Als solche sind im Lub. anzusehen 28, 2 appellat 
für appellet 28, 3 illi für illic. 29, 55 adipe für ex adipe — subditos 
für subitos — 29, 56 bis ter für bis aut ter. 

Ueber den Werth des cod. Parisinus d, welcher aus dem 13. Jahr- 
hundert stammt und sämmtliche Bücher der historia naturalis enthält, 
gehen die Ansichten der Herausgeber auseinander. Sillig und von 
Jan halten ihn für wichtig genug, um seine Lesarten in ihrem kritischen 
Apparat mitzutheilen i). Und Sillig, wenn er gleich vor den Inter- 
polationen dieser Handschrift warnt, sagt von ihr (praef. ad vol. I p. 
XV): et fuit quidem hie codex dignus, qui totus conferretur, ut qui 
cum Toletano et in multis locis cum ChifHetiano familiam faciens unus 
plene conferri posset. Viel ungünstiger urtheilt über dieselbe Dct- 
lefsen (Rhein. Mus. Bd. 15, 286), welcher sie in dem Verzeichnifs 
der Varianten nur an einzelnen Stellen anführt. Dürfen wir somit für 
die Kritik des Plinius dem Parisinus in jedem Falle keine grofse 
Bedeutung beilegen, so gilt dasselbe natürlich in noch höherem 
Grade für die ihm nahe verwandten aber viel jüngeren Lübecker 
Fragmente. 

Indessen verlohnt es sich vielleicht doch der Mühe, auf die Frage 
einzugehen, wie diese Handschrift nach Lübeck kam, und eine Ver- 
muthung über ihre Herkunft aufzustellen. Es ist von Detlefsen^) nach- 
gewiesen worden, dafs nicht nur der codex Parisinus d, sondern die 
ganze dem Archetypus X* entstammende Handschriftenfamilie ihre 
Heimath im nördlichen Frankreich hatte. Von hier scheinen sich die 
Pliniushandschriften durch die Benedictiner, wie L. UrlichsS) vermuthet, 
bis in den Norden von Deutschland nach Lübeck und Schleswig- 
Holstein 4) verbreitet zu haben. In einem Lübeckischen Kloster nämlich 
existirte im 15. Jahrhundert noch eine andere Handschrift der historia 
naturalis, welche etwa um das Jahr 1430 von den dortigen Mönchen 
für 100 rheinische Goldgulden an Cosimo di Medici nach Florenz 
verkauft wurde. Ueber diesen Kauf erzählt Vespasiano im Leben des 



i) Vgl. V. Jan in Jahrb. f. PhiloL Bd. 95, 853 ff. 
>) Philol. Bd. 2$, 291. 297. 

3) In der Zeitschrift Eos Bd. II 1866, p. 360. 

4) Eine Handgchrift der h. n. gab es auch in der Gottorfer Bibliothek, wohin die- 
selbe wahrscheinlich aus dem Kloster Bordesholm in Holstein gebracht war. Vgl. Steffen- 
hagen, die Klosterbibliothek zu Bordesholm und die Gottorfer Bibliothek. Kiel 1884* 
S. .79. 88. Jetzt ist die Handschrift in Kopenhagen. 



333 

Poggio (bei Angelo Mai, spidl^. Roman. I p. 549): Plinio non era in 
Italia; avendone notizia Nicoiao, che a Lubecchi nella Magna v' era 
uno finito e perfetto, fece tanto Nicoiao con Cosimo de* Medici, che 
per mezzo d'uno suo parente, che aveva di lä tratto co' frati, che 1' ave- 
vano, si ch* egli dette cento ducati di Reno, ed ebbono il libro. S^ui- 
tonne presso che uno grandissimo inconveniente ed a' frati ed a quello, 
che 1' aveva comperato. Derselbe Schriftsteller berichtet im Leben des 
Niccolo Niccoli (spicil. Rom. I p. 618): Plinio intero non era in Firenze, 
se non uno frammentato; Nicoiao sapeva che n* era uno a Lubecchi 
nella Magna, ed ordinö che Cosimo facesse d' averlo, e cosi fece, e per 
mezzo suo venne Plinio in Firenze. Von der hier bei Vespasiano er- 
wähnten Handschrift, welche Cosimo aus Lübeck erwarb, haben Urlichs 
und ausftihrlicherDetlefsen nachgewiesen,') dafs sie mit dem cod. Lauren- 
tianus n. LXXXU oder Slaglosianus (L) identisch sei. Dieselbe 
stammt aus dem 13. Jahrhundert und hat am Anfang auf einem Bilde 
die Beischrift: Petrus de Slaglosia (aus Slagelse auf Seeland) me fecit. 
Freilich hat neuerdings G. Voigt (die Wiederbelebung des klassischen 
Alterthums I^ 255 f.) die Notiz des Vespasiano auf den codex Mediceus, 
welcher die Briefe des jüngeren Plinius enthält und ursprünglich auch 
die Annalen des Tacitus (lib. I — VI) umfafste, beziehen wollen, da jener 
vollständiger ist als die früher in Italien bekannten Handschriften von 
Plinius' Briefen. Allein al^esehen davon, dafs man bei der Erwähnung 
des Plinius ohne weiteren Zusatz eher an die naturalis historia als an 
die Briefe denkt, machen die nahen Beziehungen von Lübeck und 
Dänemark es wahrscheinlich, dafs eine aus Slagelse stammende Hand- 
schrift über Lübeck nach Florenz gekommen ist. Dazu kommen die 
Gründe, welche K. Welzhofer») gegen die Hypothese von Voigt vor- 
gebracht hat. Er weist nämlich darauf hin, dafs der Mediceus des 
Tacitus erst später nach Florenz gelangt ist, und namentlich darauf, 
dafs Cosimo in einem eigenhändigen Katalog der von ihm erworbenen 
Handschriften die Worte «Plinius de naturali historia, literis antiquis, 
cooperta crocea — fl. 100» verzeichnet hat. Wir bleiben also dabei, 
dafs die gerade auch (iir die Summe von 100 Gulden aus Lübeck er- 
worbene Pliniushandschrift der Laurentianus (L) ist. Wer vorher in 
Lübeck der Besitzer war, läfst sich nicht sicher ermitteln. Urlichs irrt 
jedoch jedenfalls,3) wenn er an ein Kloster des h. Johannes des Evan- 



>) L. Urlichs in der Eos Bd. II, S. 362. Detlefsen im Philologus Bd. 28, S. 292. 
«) Jahrb. f. klass. Phil. 1881 S. 805 (T. 
3) In der Eos a. a. O. S. 362. 



334 

gelisten denkt Denn das Johannes-Kloster in Lübeck war schon seit 
dem Jahre 1245 ein Nonnenkloster. 

Da die Handschrift von Mönchen verkauft wurde, können nur die 
Dominikaner des Burgklosters oder die Franziskaner des Katharinen- 
klosters in Frage kommen. Von den letzteren wissen wir in Sonder- 
heit, dafs sie eine ansehnliche Bibliothek besafsen und reidi verzierte 
Handschriften selbst geschrieben haben. 

Leider ist nun in dem Laurentianus, welcher in Florenz vielfach 
durchcorrigirt und abgeschrieben ist, keine CoUation ftir lib. 28 — 54 
vorhanden, so dafs eine Vergleichung desselben mit dem Lub. un^ 
möglich ist. Da indessen der letztere dem Parisinus d nahe verwandt 
ist, und d nach dem Urtheil von Sillig (praef. ad vol. L p. XX) und 
Detlefsen die gröfste Aehnlichkeit mit L. zeigt, so ist es immerhin 
möglich, dafs der Lub. in Lübeck aus L. vor dessen Verkauf nach 
Florenz abgeschrieben ist. Auch der Vorsteher des hiesigen Staats- 
archivs, Herr Dr. Wehrmann, meint, dafs die Schrift der Pergament- 
blätter sehr wohl von einem hiesigen Mönch des 15. Jahrhunderts 
herrühren könne. 

Von Interesse ist somit der hier besprochene Fund nicht so sehr 
durch seine Bedeutung für die Kritik des Plinius, als dadurch, dafs er 
von der frühen Verbreitung dieses Schriftstellers nach dem Norden 
Deutschlands und von den gelehrten Beziehungen Lübecks zu Florenz 
Zeugnifs ablegt. Einige hierauf bezügliche Notizen, welche ich der 
Güte des Herrn Direktor Detlefsen in Glückstadt verdanke, haben 
mich veranlafst, den Verbindungen der Mediceer mit Lübeck genauer 
nachzuspüren. Es ist bekannt, dafs Poggio im Auftrage von Cosimo 
di Medici und dessen gelehrtem Rathgeber Niccolo Niccoli einen 
grofsen Theil Europa's durchreiste, oder durch seine Agenten durch- 
forschen liefs, um Handschriften der alten Klassiker zu erwerben oder 
abzuschreiben. Wenn nun auch jener c Bücher-Missionar auf deutschem 
Bodent (Voigt a. a. O. I\ 238) Lübeck nicht selbst besucht zu haben 
scheint, so fuhren doch verschiedene Nachrichten darauf, dafs die 
Florentinischen Gelehrten regelmäfsige Verbindungen und bestimmte 
Agenten in der Stadt hatten, welche damab als Wechselplatz des 
Nordens, sowie ab politischer und geistiger Mittelpunkt der nieder- 
deutschen Städte wie kein anderer Ort geeignet war, um von hier aus 
die litterarischen Schätze in den Klöstern Nordalbingiens und der nor- 
dischen Reiche aufzusuchen und zu erwerben. Schon im 14. Jahrhun- 
dert erfuhr der Florentinische Staatskanzler Coluccio Salutato durch 
den Markgrafen Jobst von Mähren, dafs dieser, als er mit Kaiser 



335 

Karl rV in Lübeck war,') eine sehr alte Handschrift des Livius ge- 
funden habe. In einer von M. Haupt^) mitgetheilten Nachschrift zu 
einem Briefe des Salutato an den Markgrafen heifst es über diesen 
Livius: accepi, qualiter apud monasterium sancti Benedicti dyocesis 
Lubecensis totus vel maxima pars ejus in uno volumine vel pluribus 
reperitur. Das einiige Benedictiner Kloster des Btsthums Lübeck aber 
war zu Cismar in Holstein. 3) 

Der freilich vergebliche Wunsch, einen vollständigen Livius zu 
entdecken, hat dann auch Poggio vielfach beschäftigt und, als er von 
einem angeblichen Funde der Art in Sorö auf Seeland gehört hatte, 
seine Aufmerksamkeit nach Lübeck gelenkt Er schreibt darüber im 
Jahre 1424 von Rom aus an Niccolo in Florenz: Venit huc quidam 

doctus homo natione Gothus Idem retulit se vidisse X decades 

Livii duobus voluminibus magnis et oblongis scriptas litteris Longo- 

bardis. Libri sunt in monasterio de Sora, ordinis Cisterciensium 

prope Roschild ad duo milliaria theutonica, hoc est, prope Lubich 

paulo amplius quam est iter diei unius. Cura ergo, ut Cosmus 

scribat quam primum diligenter ad Gherardum de Bueris, ut, si 
opus sit, ipse eo se conferat; imo omnino se conferat ad mona- 
sterium. 4) Der hier erwähnte Gerhard de Bueris oder de Boeris war 
aber eine in Lübeck wohlbekannte Persönlichkeit, welcher wir wieder- 
holt vom Jahre 14 13 bis zu seinem Tode im Jahre 1449 begegnen. Er 
heifst in den Urkunden der Stadt bald Gerardus de Boeris, bald Gerar- 
dus de Wale, böigere to Lubeke,5) bald Gherardus de Boeris anders 
genomet de Wale,^) bald Lombardu^, oder auch Gherardus Nicholai 
de Bueris, civis Florentinus.7) Denn er war Italiener, aber als Büi^er 
in Lübeck ansässig, und mit der Tochter eines dortigen Bürgermeisters 
verheirathet. Er war Bankier und vermittelte Geldgeschäfte zwischen 



x) Im Jahre 1375. Vgl. die Chronik des Franziskaner- Lesemeisters Detmar (her. 
von GrautofT. Hamburg 1829) zu diesem Jähre. 

s) In den Berichten des K. Sttchsischen Ges. d. Wiss. Phüol. hist. Kl. Bd. II. 
1850 p. 17. 

3) Vgl. ttber diesen Fund auch G. Waitz, Schleswig-Holsteins Geschichte Bd. II, p. 7, 
und G. Voigt a. a. O. I« 251. 

4) Poggii epistolae coli. Thom. de Tonellis vol. I p. 104. In einem Briefe des 
Poggio an Franc. Coppinus (bei Mai sptcil. Rom. X 316) heifst der Finder der angeblichen 
liviushandschrift in Soroe Nicolaus quidam Gothus. 

5) Urkunden-Buch der Stadt Lübeck Bd. VI n. 95. 586. VII 501. 547. 634. 652. 737. 

6) So in einer Eintragung in das hiesige «Nieder-Stadtbuch» vom 10. August 1445. 

7) In einer noch ungedruckten Urkunde des hiesigen Archivs vom 17. Febr. 1449, 
welche mir nebst anderen Belegen Dr. Wehrmann mitgetheilt hat. 



d 



336 

den niederdeutschen Städten und Italien, sowie zwischen den Bischöfen 
und Klöstern des Nordens und dem Papst. In Sonderheit mufs er, 
wie C. W. Pauli') in seiner interessanten Abhandlung über Lübeck 
als Wechselplatz des Nordens nachgewiesen hat, in enger Beziehung 
zu dem Bankgeschäft der Mediceer in Rom gestanden haben, welche 
in Lübeck eine Art von Commandite hatten. Denn nach dem Tode 
Gerard's erscheint hier im Jahre 1450 ein procurator Cosmi de Medicis 
siner gesellen unde seltschup, de ime hove to Rome wert ghenomet: 
de seltschup Cosmi de Medicis, und erhebt in dessen Namen für die 
noch ausstehenden Forderungen Ansprüche auf den Nachlafs des Gerard 
de Boeris.*) 

Sehen wir somit, dafs Cosimo in Lübeck einen ständigen Vertreter 
hatte, dessen er sich nicht nur zu Geldgeschäften, sondern auch, wie 
der Brief des Poggio zeigt, zu litterarischen Erwerbungen bediente, so 
werden wir auch annehmen dürfen, dafs Gerard de Boeris auch bei 
dem Ankauf des codex Slaglosianus (L.) des Plinius die Hand im 
Spiele hatte 3), und dafs durch seine und seiner Nachfolger Vermittelung 
wohl noch manche andere Handschrift aus Lübeck und den Klöstern 
der nordischen Nachbarreiche ihren Weg über die Alpen gefunden hat. 4) 

In Lübeck namentlich fehlte es im 15. Jahrhundert keineswegs an 
Handschriften der alten Klassiker. Das hiesige Staatsarchiv bewahrt 
ein Testament des im Jahre 1464 verstorbenen Syndicus Simon 
Batz, in welchem er seine Bücher gegen eine an seine Erben zu 
leistende Entschädigung von 300 Mark an den Rath der Stadt ver- 
macht, und ein dazu gehöriges,* freilich sehr schwer zu lesendes Ver- 
zeichnifs der Bücher. In diesem werden unter zahlreichen theologischen 
und juristischen Schriften des Mittelalters Esopus, Euclides, Ovidius de 
amore, Ovidius de remedio amorum, Virgilius, Priscianus, Donatus 



i) C. W. Pauli, LUbtckische Zustände im Mittelalter Bd. II (Lttbeck 1872) S. 104 ff. 

«) Vgl. die Urkunde bei Pauli a. a. O. S. 115 ff. In der Anm. 18 angcfllhiten 

Urkunde iteUt Cosma de Medicis zu demselben Zwecke suo nomine et nomine ejus 

societatis de curia Romana, que in civitate et curia Romana vocatur «societas Cosimi de 
Medicis et sociorum de curia Romana» eine notarielle Vollmacht für einen gewissen 
Benedict Stephani aus. 

3) Wenn es in der oben mitgetheilten Notiz des Vespasiano heifst, dafs Cosimo 
durch Vermittelung eines Verwandten (per mezzo d' uno suo parente) den codex L. von 
den Lttbeckischen Mönchen gekauft habe, so schliefet das die Betheiligung des hier 
ansässigen Gerard de Boeris keineswegs aus. 

4) Als Nachfolger Gerard's nennt Pauli a a. O. S. 106 Clawes Buntsin, een Wale, 
bordich van Florencie und Franciscus Russelai, Wale, welche beide bereits seit 1449 
in Urkunden vorkommen. 



33; 

aufgeAihrt. Zwar sind fast alle diese Schätze sowie ein grofser Theil 
der einst an Handschriften reichen Dombibliothek jetzt hier nicht mehr 
vorhanden. Doch zeigen uns die Briefe der italienischen Gelehrten und 
die hiesigen Urkunden, dafs in Lübeck, welches im 15. Jahrhundert 
noch als Vorort der Hansa die nordischen Meere beherrschte, auch 
Interesse für die humanistischen Studien war, und dafs die Vaterstadt 
von Ernst Curtius in der Geschichte der Wiederbelebung des klassischen 
Alterthums nicht ohne Bedeutung ist. 



22 



XXIY. 



ARTHUR MILCHHÖFER 



lieber die Lage des „Kolonos" 

in Athen. 



22* 



Oeute gilt unter denjenigen, welche sich mit der Topographie 
Athens befassen, meines Wissens ohne Widerspruch die Annahme, 
dafs die im Gegensatz zum «Kolonos iTunog* von den Alten gewöhnlich 
als «Kolonos ayogatog oder fda&tog* bezeichnete Oertlichkeit (vgl. Har- 
poerat. s. V. Kohavhag, Pollux VII, 132 fg. u. s. w.) westlich der Agora ge- 
legen und speziell den Hügel umfafst habe, auf dessen Nordende noch 
heute ein dorischer Tempel, das sogen. «Theseion», liegt. 

Dafs die Sicherstellung dieses Punktes auch für die Markttopographie 
selber von einschneidender Bedeutung ist, dürfte Jedem, der mit den 
Problemen der letzteren vertraut ist, ohne weiteres klar sein. Ich 
halte deshalb eine erneute Revision jener Frage") nicht für überflüssig, 
wenn es auch im Allgemeinen keine dankbare Aufgabe ist, scheinbar 
ge\yonnene Thatsachen wieder in 's Schwanken zu bringen. Andrerseits 
hat es freilich in jüngster Zeit auch Solchen an Beifall nicht gefehlt, 
welche auf demselben Gebiet weit gröfsere Neuerungen ausführten, als 
ich hier vorzubringen beabsichtige. Es gilt nur, einzelne Gesichts- 
punkte klarzustellen und zu consequenteren Folgerungen zu nöthigen, 
sobald man sich fiir die eine oder die andere der überhaupt vor- 
handenen Möglichkeiten entschieden hat. 

Die oberste Voraussetzung für alle ferneren Schlüsse besteht für 
mich in der Entscheidung der Frage, ob der «Marktkolonos» ein 
städtischer Demos, beziehungsweise der integrirende Bestandtheil 
eines städtischen Demos Kolonos gewesen sei, oder lediglich eine 
Stelle in der Nähe des Marktes auf dem Gebiete eines anderen Demos 
bezeichnet habe. Allerdings begegnet uns in den meisten Erwähnungen 



i) Bereits angedeutet in meinem Artikel «Athen» zu Baumeister' s «Denkmäler des 
classischen Alterthums.» 



342 

dieser Kolonos nur. als Standplatz der Dienstmänner bei der Agora 
(Harpocr. s. v. Kolfapitag: nXfpiov T^g ayoQag, PoUux VH, 132: ip ayoQq)^ 
Näher bestimmt wird derselbe noch nach der Lage des Eurysakeion 
(Pollux a. a. O. Tiaga rö EvQWfaxeioy. Argum. 11 ad Soph. Oed. Col. S. 16 
[Dindf.] TtQog rto EvqvcaxsUa) in der ausführlichsten Angabe, bei Harpocr. 
a. a. O., nach dem Hephaisteion und Eurysakeion {evdtc ro 'HtpcMfcetov 
xal EvQVöccxftoy ifSxiv). In demselben Lexicon (s. v. EvqwkixeMv) finden 
wir die Notiz, dafs das Eurysakeion in Melite lag (rifMspog Ev^wkheovg . . 
' iv ^Ad^vaig ovnag dvofjba^ofjbeyov iv Meklvfi. Daraus würde zu folgen 
scheinen, dafs auch der Marktkolonos in Demos Melite lag, also 
keinem besonderen Demos Kolonos angehörte. (Vgl. zuletzt C. Wachs- 
muth, d. Stadt Athen, S. 349, 355.) 

Gegen diese Annahme sprechen aber hinreichend bestimmt folgende 
Gründe: 

Es ist neuerdings erwiesen worden, dafs es in Attika «bereits im 
Anfang des vierten Jahrhunderts und sonach gewifs auch schon seit 
Kleisthenes» aufser dem bekannten Kolonos Hippios nicht blofs noch 
einen (Dittenberger, Hermes IX S. 403 fg.), sondern noch zwei Demen 
des Namens Kolonos gegeben hat; (vgl. U. Köhler, Mitth. d. Inst. IV 
S. 102, wo für die Zeit der 10 Phylen aus der Prytanenliste : l/idijpa$oy IV 
S. 196 = C. I. Att. n, 864 ein zur Leontis gehöriger Demos Kolonos 
aufgewiesen wird, während je ein Demos gleichen Namens aus der 
Antiochis und Aigeis für dieselbe Epoche bereits früher bekannt war. 
Siehe auch Hermann, Lehrbuch der griech. Staatsalterth. 5. Aufl. in 
der Demenübersicht S. 806 No. 88 — 90). 

Ist es aber schon an und für sich unwahrscheinlich, dafs der 
«Marktkolonos» zu keinem dieser Demen in lokalem Zusammenhang 
gestanden haben sollte, so wird diese Verbindung noch näher gelegt 
durch den Nachweis (welchen bereits Sauppe, de demis urb. Ath. 1846 
S. 18 fg. angetreten hat), dafs in der Stadt selber ein ausgedehnteres 
Quartier den Namen Kolonos trug. (Vgl. Schol. Aristoph. Av. 997, 
besonders aber Aeschin. I, 125: tijv iv KoXmf^ (fvvotxiav t^v JiqiM&vog 
xaXovfJtipfjp, Dieses Haus lag unzweifelhaft in der Stadt.) 

Endlich wird ja gerade der Kolonos ayogatog oder lUa&tog in all 
den genannten Scholien und Erläuteruhgsschriflen (die freilich immer 
nur zwei Kolonoi kennen) dem Kolonos inmog als h;BQog gegen- 
übergestellt, wie offenbar bereits der Perieget Diodor und Philochoros 
(s. Harpocrat. s. v. KoXwpirag) gethan haben; so sagt auch Pherekrates 
(bei Harpocr. a. a. O.): ig Kohovov UfujVj ov top äyogatopj aXld tov 
T&v Imiifav, 



343 

Wir gehen somit von der Voraussetzung aus, dafs der Ort, wo 
die Dienstmänner standen, der dem Markte zunächst gelegene Punkt 
eines zum Theil wenigstens binnenstädtischen Gaues Kolonos gewesen 
sein müsse. Will man daneben die Richtigkeit der Angabe aufrecht 
erhalten, dafs jener Punkt bei dem Eurysakeion in Melite gelegen 
habe (s. S. 342), so wird man zu der immerhin sehr mifslichen An- 
nahme genöthigt, dafs gerade am Dienstmännerplatze die Grenzen 
dreier Demen: Kolonos, Kerameikos und Melite zusammenstiefsen. 
Ich gestehe, dafs dies Bedenken geeignet scheint, den Verdacht zu 
bestärken, welchen mir die Ueberlieferung von der Lage des Eury- 
sakeion in Melite schon ihrer Form nach erweckt; Harpocrat. s. o. 
&QV(kixetW rifACPog itfuv EvQWkhtotig rov Atayro^ iv ^A&ijvaig ovztog 
ovoikoOifisvov ip MeXitfi, Sieht dieses von i}f \i&. getrennte ip MeXlTfi 
nicht wie ein späterer Zusatz aus, veranlafst etwa durch Combination 
mit der anderweitigen Nachricht (Plutarch. Solon 10), dafs Eurysakes 
in Melite gewohnt habe? Die Identität der einstigen Wohnstätte und 
der Altarstätte anzunehmen, ist wenigstens nicht zwingend geboten. 
Letztere kann, wie so viele Heroenheiligthümer, sehr wohl im Pelar- 
gikon gelegen haben; (worüber weiter unten). Eine aus dem Eury- 
sakeion stammende Ins,chrift {l4&^patoy VI, S. 274) wurde am Süd- 
abhange der Burg gefunden. 

Jedenfalls beweist die Nähe des Eurysakeion nichts gegen den 
Kolonos Agoraios als Theil eines besonderen Demos und selbst die 
Annahme, dafs jenes Heiligthum in Melite lag, wird mit den nach- 
folgenden Erörterungen nicht gänzlich unvereinbar sein. 

Sehen wir indefs zunächst von der nur im Allgemeinen bekannten 
Lage dieses letzteren Demos ab, ebenso von den möglichen Folgerungen 
aus topographischen Angaben, wie der Peri^ese des Pausanias, so 
schien für die Localisirung des Kolonos bereits der Name selbst 
einigen Anhalt zu bieten. Man ging davon aus, dafs xoltayog oder 
xoldiyfi einen Hügel bedeute, dafs dieser inmitten der Stadt aufge- 
wiesen werden müsse und einigte sich zuletzt darin, denselben in dem 
sogenannten «Theseionhügel» westlich der alten Agora zu erkennen. 
Dieser Theseionhügel ist ein Plateau, welches sich vom Fufse des 
westlichen Areopagtheils und des Hag. Marina-Hügels (70,0 ü. M.) in 
gleichmäfsiger Höhe zungenartig nach Nordnordosten vorschiebt (durch- 
schnittlich 68,0 ü. M.), wo es heute die nördliche, östliche und west- 
liche Niederung (65,0 — 60,0 ü. M.) mit steilerer Böschung überragt. 
Aber weder dieses Plateau noch irgend eine andere, dem Markte 
benachbarte Höhe kann im antiken Sprachgebrauche, soweit wfr den- 



344 

selben zu ermitteln im Stande sind, von ihrer Form den Namen 
Kolonos erhalten haben. Diesen Umstand hat schon K. O. Müller 
(Ind. lect. Gott. 1840/41 S. 8) meines Erachtens entschieden mit Recht 
betont: cAt enim vero nee praeter Areopagi collem et locum pauUo 
editum, quem Theseum totum occupat, quisquam coUis iis regionibus 
est, nee quivis collis graece dicitur Kolm^og, sed tumulus quidam vel 
coUis tumuli forma similis, paullo altior et a latiori fundo in cacumen 
aliquod fastigatus.» (Vgl. dazu die vollkommen unzweideutigen Be- 
legstellen in Stephanus Thesaurus s. v.: i. natürlicher, 2. künstlicher 
Tumulus [Grabhügel], 3. Bergspitzen). Ist diese Voraussetzung richtig 
(und in der That finden wir den städtischen Kolonos nie als lo^iog 
oder ähnlich, sondern nur als roTwg oder (Aigog t^ TwX&ag bezeichnet), 
so bleibt uns die Annahme übrig, dafs der Name nur einmal ent- 
standen sei an jenem wirklichen und echten Kohavoq^ dem längst 
richtig benannten Kolonos Hippios, nördlich aufserhalb der Stadt, und 
dafs sich von hier aus die gleiche Benennung des umli^enden Locals 
bis in die Stadt ausgedehnt habe. Daraus würde folgen, dafs der 
städtische Kolonos (wahrscheinlich vermittelt durch den dritten Demos 
Kolonos) mit dem Kolonos Hippios zusammenhing und somit östlich 
vom Kerameikos lag. So schliefst auch consequent Otfr. Müller 
a. a. O. : itaque alteram oportet amplecti sententiam, qua Coloni urbani 
nomen ab agresti ducitur: in quam et id concedere nos cogit, quod 
colonum Agoraeum a Ceramico orientem versus sitam esse — — 
apparet. 

Auch Sie selber, hochzuverehrender Mann, dem wir diese Zeilen 
widmen, vertraten einst (Attische Studien 11, S. 33) die Ansicht von 
der östlichen Lage des Demos Kolonos, welche ich Ihnen hier zu 
erneuter Prüfung wiedergebe. Die Hineinziehung des Kolonos in die 
Stadt würde sich unserer Auffassung nach sehr analog der des Namens 
Kerameikos vollzogen haben, welcher doch gleichfalls recht eigentlich 
bei den noch heute von den Töpfern ausgebeuteten Thonablagerungen 
vor dem Nordwestthor heimisch ist. Während aber der Kerameikos, 
welcher von der Akademie bis an den Areopag reichte, nur zu einer 
Phyle, der Akamantis, gerechnet wurde, hat Kleisthenes, so müssen 
wir annehmen, die bedeutend gröfsere Fläche vom Kolonos Hippios 
bis gegen den Nordabhang der Burg unter einem Namen auf drei 
verschiedene Phylen vertheilt, vielleicht auch das städtische Stück erst 
nach dem benachbarten vorstädtischen Terrain benannt. (Eine solche 
Zutheilung des Stadtgebietes zu aufserhalb angrenzenden Quartieren 
unter dem Namen der letzteren würde es erklären, weshalb die meisten 



345 

uns bekannten städtischen Demen auch vorstädtische waren; vergl. 
Diomeia und unten KoUytos. Ganz binnenstädtisch war vermuthlich 
nur Kydathenaion.) 

Im Folgenden kann es lediglich unsere Aufgabe sein, die sonstigen 
Nachrichten über den städtischen Kolonos und sein Verhältnifs zu den 
Nachbardemen auf das oben vorangestellte, einer einfachen Argumen- 
tation entsprungene Resultat zu prüfen. 

Bei dem gegenwärtigen Stande unserer Hülfsmittel ist es nicht 
zu vermeiden, dafs diese ferneren Erwägungen nur mehr indirecter 
Natur und von ungleicher Beweiskraft sind, zum Theil vielleicht sich 
auch als verfehlt erweisen werden. Im Allgemeinen jedoch scheinen 
mir dieselben durchaus zu demselben Ziele zu fuhren oder ihm wenig- 
stens nicht zu widerstreben. 

Zunächst bewegen mich noch andere Gründe zu der Annahme, 
dafs der Kolonos nicht in dem westlich vom Kerameikos gelegenen 
Theil Athens vermuthet werden dürfe. Einen bedeutenden Abschnitt 
der westlichen Stadtgegend nahm der Demos Melite ein (Wachsmuth, 
Athen S. 348 fg. Denkm. d. klass. Alt. S. 1 50 fg.). Dafs Melite an 
den Kerameikos grenzte und nach Norden wenigstens bis in die 
Gegend des piräischen Thores reichte, gilt bereits als ausgemacht 
(vgl. die Stellen über das Haus des Themistokles, die Lage der 
Richtstätte u. a.). Ich glaube jedoch mit Andern noch weiter gehen 
und Melite auch über den ganzen « Theseionhügel t ausdehnen zu 
dürfen; (das < Theseion t als Herakleion in Melite gefafst, Denkm. 
d. klass. Alt. S. 171). Bestimmend scheint mir dafür namentlich das 
Zeugnifs des Ariston in Demosthenes* Rede gegen Konon (5 7 fg.), auf 
welches ich hier noch einmal etwas ausfuhrlicher eingehen mufs. 
Ariston geht Abends nach seiner Gewohnheit auf der Agora spazieren, 
und zwar zwischen «Pherrephattiont und Leokorion {xcä f^av (fvfißaiye&j 
ävafHf^fffnxSiv am rav Oe^^effccrrkw xal 7u^non9va$j ndhv tuxt' avtö Toog 
to AsdoxoQwv ifvcu). Das Leokorion lag iyyvg T&y nv&odwgov^ d. i. bei 
den Verkaufsbuden, also im nördlichsten Theile des Marktes. Dazu 
stimmt die Erwähnung bei Thukydides (I, 20), nach welcher Hipparch 
hier noch den Panathenäenzug ordnete. Das Pherrephattion wird 
somit im Süden zu suchen sein und zwar, wie ich jetzt vermuthe, als 
Bestandtheil der chthonischen Heiligthümer am Ostfufse des Areiopag 
(vgl. Köhler, Hermes VI S. 106 fg., Löschcke, Dorpat. Progr. 1883, S. 16). 
Beim Leokorion nun begegnet Ariston das erste Mal dem Sohne 
des Verklagten, Ktesias. Von hier geht letzterer nach Melite 
herauf {na^X&$ n^g MfXittpf avw)^ um seinen Vater und dessen 



346 

Spiefsgesellen zu holen, welche dann den Ariston, als er zum zweiten 
Mal beim Leokorion ist, so jämmerlich mifshandeln. Ktesias ging 
also auf dem Wege nach Melite nicht die Agora südlich aufwärts, 
denn dies war ja der Weg der Spaziergänger, sondern er kreuzte 
denselben in westlicher Richtung. Mit der Steigung ngog MBUtf/p apa 
kann daher meines Erachtens nur der «Theseionhügel» gemeint sein. 
Auch auf der Rückkehr mit den Uebrigen ist der Begegnungsort 
wiederum das Leokorion, eine vom bessern Theil des Marktes offenbar 
etwas entfernte und zudem verrufene Gegend, in welcher sich auch die 
Hetären herumzutreiben pflegten. (Alciph. ep. III, 5, i. Theophylact 
ep. 12.) 

Aber auch weiter nördlich findet sich auf dieser Seite des Kcra- 
meikos kein Platz fiir den Demos Kolonos, weil meines Erachtens nur 
hier der Gau Kollytos an Melite gegrenzt haben kann. Die Haupt- 
gründe für diese Ueberzeugung habe ich schon kurz ang^eben: 
Denkm. d. klass. Alt. S. 151: der Kollytos stiefs, offenbar mit aus- 
gedehnter gemeinsamer Grenze, an Melite . fStrab. I, 65); er bildete zu- 
gleich eine Vorstadt, wo an den ländlichen Dionysien Aufführungen 
stattfanden (Aischin. I, 157, Demosth. XVIII, 180), diese Vorstadt war 
zugleich ein angenehmes und gesuchtes Quartier (Plutarch. de exil. 6); 
freilich auch ein Aufenthalt von Hetaeren und deren Liebhabern 
(Plutarch. Demosth. 11, Alkiphr. I, 39, 8). Im städtischen Theil da- 
gegen erhielt sich bis in die späteste Zeit ein sehr lebhafler Verkehr; 
s. über die Bazarstrafse Himerius in Phot. Biblioth. 375 b $6 fnmnmio; 
%iq ^v EokXvtog . . äyogäg x^iq tifHOfAerog, AU' diese Schilderungen 
sollten an sich schon auf die Nachbarschaft der Kerameikosgegend 
gefuhrt haben, in der sämmtliche Züge wiederkehren, (der theilwebe 
ländliche und anziehende Charakter, Lebhaftigkeit des Verkehrs bis in 
die späteste Zeit, und zwar nur hier, nicht in dem römischen Viertel 
von novae Athenae, Hetärenwesen u. s. w.), auch wenn sich ein anderes 
unbesetztes Grenzgebiet an Melite nachweisen liefse. Nun stiefsen 
an diesen Gau bereits die Demen Kerameikos, Kolonos (? s. unten), 
Keiriadai, Koile, wahrscheinlich (am linken Ilissosufer) auch Ankyle 
(vgl. Denkm. d. klass. Alt. S. 152). Die Südseite der Burg wird 
Kydathenaion eingenommen haben; jedenfalls konnte man nicht von 
den ländlichen Dionysienaufluhrungen im Kollytos sprechen, (Aischin. 
a. a. O.) oder von dem schauspielerischen Mifserfolg des Aeschines 
«im Kollytos» (Demosth. a. a. O.), wenn auch das Dionysostheater 
im Lenaion demselben Demos angehört hätte. 

Für die Agraigegend pafste wohl die natürliche Beschaffenheit, nicht 



347 

aber die dichte Bewohnung und das Marktgetriebe. Endlich läfst der 
Stadttheil nördlich von der Akropolis zwar allenfalls noch eine schmale 
Verbindung mit Melite (bei der Burg und beim Areopag) denkbar 
erscheinen, doch entbehrt sie ebenso wie die flache Gegend aufserhalb 
der Stadtmauer, wieder des landschaftlichen Reizes. Somit dürfte die 
Bemerkung des Himerius (a. a. O.), dafs jener KoXXvtog genannte 
fnfvamog (den man doch von dem gleichnamigen Demos ebensowenig 
wird trennen köhnen, wie den Kolonos Agoreios) iv tw iksoandtdo r^g 
TwXswg gelegen habe, nicht mathematisch zu nehmen sei. Es kam ihm 
ja nur darauf an, mit Nachdruck zu betonen, dafs so verwahrloste 
Zustände sich inmitten der Stadt selber vorfänden. Und gerade 
in der Gegend der Dipylonthore concentrirte sich ja in spätester 
2^it noch, wie die zahlreichen Reste dürftiger Privathäuser be- 
weisen, ein Rest bewegten städtischen Lebens, genährt durch die 
Verbindung mit dem Meere und dem Peiraieus. Wie der Grenz- 
stein westlich beim grofsen Dipylonthore lehrt (C. J. Att. 11 , iioi 
o^og K€Qafu$xav) gehörte das kleinere, südwestliche Thor nicht mehr 
zum Demos Kerameikos. Wir nehmen an, dafs dasselbe bereits im 
KoUytos lag, welcher sich somit dem Kerameikos parallel bis in den 
Oelwald zum Gau Lakiadai hinausgedehnt haben mag. (Oion Kera- 
meikon kann nördlich an den Kerameikos gegrenzt haben.) 

Diesen Erwägungen gegenüber fragt es sich weiter, ob die bei 
antiken Schriftstellern erhaltenen Angaben über den Kolonos Agoraios 
uns nöthigen, denselben neben Melite im westlichen Theil der Stadt 
zu suchen. 

lieber die Nachbarschaft von Kolonos und Melite haben wir 
bereits oben (S. 342 f ) gesprochen. Wenn dieselbe durch jene Stellen, 
welche vom Eurysakeion handeln, wirklich bezeugt wird, so hindert 
nichts, diese Berührung südlich vom Kerameikos, wo die Nordabhänge 
des Areiopag und der Burg sich b^egnen, stattfinden zu lassen. — 
Die Vermuthung eines Scholiasten zu Aristoph. Av. 997: (jnjTwre ovv to 
Xbnqiov ixeXvo Tuivj m nBQ$Xafißdp€Tai xal ^ Ilvvi, Koleorog itfviv o hsQogj 
6 fjbUf^'tog Xey6fi€vog wird ebenda durch die Bemerkung eines Anderen 
widerlegt, dafs alles jenes zu Melite gehöre. Der parenthetische Zu- 
satz, welcher den eben citirten Worten nachfolgt: ovrwg (Aigog n vvv 
üvv^eg YfyovB Kohevov xaXeXv, %6 otwsS'bp r^g fjucxQag Ctoäg besagt doch 
keineswegs, dafs der Kolonos einen Theil von Melite bilde. Ein 
engerer Zusammenhang wird erst durch die Conjectur Sauppes (de 
dem. urb. S. 18): ov st. ov%(ag geschaffen, woftir mir jedoch keine 
Nöthigung vorzuliegen scheint. 



348 

Endlich ist die Ansetzung des Marktkolonos abhängig von der- 
jenigen des Hephaistostempels, dessen Nachbarschaft durch jene Notiz 
bei Harpocration (s. v. KoiMphccg) verbürgt wird. Nach Pausanias (I, 14, 6) 
lag das Hephaisteion : vniQ xov KegafUMW Tuxi &rodv xipf mxhwfj^iy^ 
ßaailsMv, Da die Stoa Basileios jedenfalls auf der westlichen Markt- 
seite zu suchen ist {nqvkfi iv de^tq sagt der vom Dipylon, d. i. von 
Norden herkommende Pausanias), so glaubte man demgemäfs auch 
den Tempel des Hephaistos «jenseits» oder «drüber hinaus», d. h. 
wiederum auf dem Theseionhügel suchen zu müssen. An und für sich 
bezeichnet aber vtüq mit dem Accusativ (ohne ein Verbum der Be- 
wegung) noch keineswegs die Richtung «über einen Punkt hinaus», 
vielmehr hier wie auch an anderen Stellen lediglich «über», «oberhalb». 
(Z. B. Paus. I, 32, 7 ifTtiQ ri^v UfAv^y (foxvcu eUsl Ud'ov, wo der Perieget 
den See zur Rechten, die «Krippen» jedenfalls zur Linken hatte, siehe 
Mitth. d. Inst. I S. 80. — Vgl. ferner Paus. II, 3, i; 11, 27, 7; H, 32, 8; 
V, II, 7; 13, 7 u. s.w.) Dafs das Hephaisteion auf erhöhtem Punkte 
lag, beweist übrigens auch Andocid. I, 40: ävayayw aitov elg to 
'HifauPvetov. Die besondere Erwähnung der Stoa Baäileios aber nöthigt 
meines Erachtens ebenso wenig, den Tempel «über dieselbe hinaus», 
d. h. westlich hinter ihr zu suchen. Sie konnte als stattlichstes oder 
ehrwürdigstes Marktgebäude, das mit seiner Fassade vermuthlich nach 
Südosten blickte (s. Denkm. d. klass. Alt. S. 163), von oben, d. h. 
vom nordwestlichen Theil des Burgabhanges her ganz besonders ins 
Auge fallen; sie konnte auch, da Pausanias mit der Nennung des 
Hephaisteion von der «Enneakrunoswanderung» wieder zur Markt- 
gegend zurückkehrt, einen Rückweis auf den bereits erledigten Theil 
der Marktbeschreibung bezeichnen, welche der Perieget I, 3, i eben 
mit der Stoa Basileios begonnen hatte; ja es wäre nicht undenkbar, 
dafs jener Zusatz durch einen späteren Leser in den Text gelangt ist, 
welcher sich bei dem Wiederauftreten des Namens Kerameikos nach 
der Eingangsstelle über diesen Platz zurückorientirte. 

Hätte sich Pausanias bei der Erwähnung des Hephaisteion und des 
mit nkfpiop angeschlossenen Tempels der Aphrodite Urania (I, 14, 7) 
auf dem Theseionhügel befunden, so bleibt sein Stillschweigen über 
das hervorragendste Heiligthum dieser Stätte, das sog. «Theseion», 
unerklärlich; denn dafs letzteres mit keinem der beiden genannten 
Tempel identisch sein kann, gilt heute wohl als ausgemacht; die Versuche, 
es dem Hephaistos zuzuweisen (Pervanoglu, Philolog. XVH S. 660 fg.; 
Lolling, Gott. gel. Nachr. 1874 S. 17 fg.) bezeugen nur, wie stark man 
jene vermeintliche Auslassung empfunden hat. 



349 

Beim Hephaisteion, wohl etwas unterhalb, befanden sich die 
Schmiedewerkstätten sowie ein Markt fiir Erzwaaren (Andokid. I, 40, 
Bekker, anecd. gr. I S. 316). 

Ein Blick auf den Plan Athens lehrt, wie wenig Platz für eine so aus- 
gedehnte Industrie zwischen nordwestlicher Stadtmauer und Kerameikos 
übrig blieb, wenn dasselbe Quartier noch so stattliche Privathäuser, wie 
das des Demon (s. S. 342) und vielleicht auch des Meton (vgl. S. 350) ent- 
hielt und die Höhe mit einer Anzahl von Tempeln (mindestens drei) 
besetzt war. Andererseits befindet sich noch heute die Schmiede- 
gasse (yv^ucd) östlich beim alten Markte, was auf alte Tradition 
(wie bei den Töpfern) zurückgehen kann. 

Noch mehr. Auch mannigfach andere Gewerke scheinen im 
Kolonos ihren Hauptsitz gehabt zu haben. Das Haus des Andokides war 
etwas hoch gelegen, und zwar in der Nähe des Marktes, denn in dem 
Beispiel Plutarch's für das dcufWkftoy des Socrates (de gen. Socr. 10) 
wandelt dieser ava> jmog rö fSvikßoXov xal t^ otxkcy x^y ^Ardoxldov. 
Beim Weggange schlägt er mit einem Theil seiner Zuhörer eine Seiten- 
gasse, die der Schreiner {did t&v Tußumoimmv), ein, während die Anderen 
auf dem geraden Wege, der Bildhauerstrafse (dicr %^v eQ^yXwpiwy), 
zurückgehen. Das gemeinsame Ziel ist offenbar die Agora. (Vgl. auch 
Bursian, Geogr. v. Griechenl. I, S. 289.) Derjenige Trupp nun, welcher 
die directe Strafse gewählt hatte, wurde von einer entg^enkommenden 
Schweineheerde arg bedrängt und beschmutzt. Es ist, glaube ich, 
klar, dafs diese Schilderungen nur fiir den dem Markt östlich be- 
nachbarten, nicht aber fiir den beschränkten westlichen Stadttheil 
passen. Bei dem Hause des Andokides stand jene berühmte, von der 
Verstümmelung allein verschonte Herme, welche gewöhnlich 6 \ivdaxidov 
'EQfjk^ genannt wurde (Andocid. I, 62 Harpocrat. s. v. l/irdoxidov 'Egf^g 
Plut Alcib. 21 u. a. m.), in der That aber ein Weihgeschenk der Phyle 
Aigeis war. Erscheint nun die Voraussetzung selbstverständlich, dafs 
das an öffentlich profanem Orte aufgestellte Weihgeschenk der Aigeis 
seinen Platz in einem zu dieser Phyle gehörigen Demos gefunden 
haben wird, so haben wir nur die Wahl zwischen KoUytos und 
Kolonos. Der erstere kann aus den oben angeführten Gründen im 
östlichen Stadttheil nicht gesucht werden. Wir gelangen somit wieder 
zu dem Resultat, dafs östlich vom Markte der zur Aigeis gehörige 
Demos Kolonos lag. Freilich scheint bisher die Annahme gegolten zu 
haben, der Kolonos Hippios wäre der Aigeis zugetheilt gewesen, weil 
in dem aus Androtion beim Scholiasten zum Aristeides (DI, S. 485 
Dindf) aufgeführten Strategen des samischen Krieges 2oy>oxX^ ix 



35Ö 

Kohüvov an zweiter Stelle genannt sei, welchen Platz die Phyle Aigeis 
in der officiellen Reihenfolge bekanntlich einnimmt. Da jedoch die 
urkundliche Echtheit dieses Verzeichnisses den berechtigtsten 
Zweifeln unterliegt, auf welche ich hier nicht näher einzugehen brauche 
(vgl. Boeckh, C. I. Gr. I, S. 906; Fr. Ritter, Rhein. Mus. N. F. H, 
S. 183; zuletzt J. G. Droysen, Hermes IX, S. 9), da die Liste vielmehr 
von Androtion selber combinirt ist, so vermag auch ich so wenig wie 
Wachsmuth (d. Stadt Athen S. 355, Anm. 4) diesem Zeugnifs Werth 
beizulegen. Wenn drei Phylen auf den einen Namen Kolonos kamen, 
so ist eine Verwechselung bei Androtion durchaus erklärlich. 

Einige andere Angaben über den Kolonos knüpfen an Gebäude 
an, welche auf dem Kerameikos, bezw. in der Agora lagen. Da den 
letzteren aber nur im Zusammenhang mit der ganzen Markttopogra- 
phie ein Platz ermittelt werden kann, verweise ich hier lediglich auf 
das in meinem Artikel der «Denkm. d. klass. Alterth.» gesagte. Nach 
dem oben S. 347 erwähnten Scholion (zu Aristoph. av. 997) lag der 
Kolonos oTuad-iv Tijg fjucxQag (fvo&q, Dafs die lange Halle im Kerameikos 
lag, beweist C. J. A. 11, 421, Z. 14. In den «Denkm. d. klass. 
Alt.», S. 167, habe ich geltend zu machen gesucht, dafs die Makra 
Stoa aller Wahrscheinlichkeit nach mit der (östlich gelegenen) Attalos- 
stoa identisch sei, da derselben eine noch längere Halle westlich kaum 
gegenüber gelegen haben könne. 

Nur auf derselben Marktseite, wie die Attalosstoa (und zwar süd- 
licher), vermögen wir die Stoa Poikile anzusetzen (i Denkm. d. kl. Alt», 
S. 166). Nach Aelian var. bist. XIII, 12, war das Haus des Meton 
der Poikile benachbart. Es ist sehr wahrscheinlich, wenn nicht sicher 
(vgl. V. Willamowitz Kydathen, S. 168, Anm. 79), dafs Aelian diese 
Notiz aus einem vollständigeren Aristophanesscholion geschöpft hat, 
welches einen weiteren Beitrag zur Erklärung jener viel commentirten 
Worte des Meton in den Vögeln des Aristophanes (779) Mixmv ov 
ofdev 'EXlag x^ Kokatrog liefern wollte. 

Es mufs zwar dahingestellt bleiben, ob jene Angabe bei Aelian 
richtig ist (denn sonst würde sie den Streit entschieden haben), aber 
auch als willkürlicher Erklärungsversuch setzt sie doch die That- 
sache voraus, dafs die Gegend hinter der Poikile zum Kolonos ge- 
hörte. 

Die Nachbarschaft des Kolonos und der Poikile wird auch durch 
den Umstand wahrscheinlich, dafs Pausanias zu der letzteren unmittelbar 
nach Erwähnung des Hephaisteion und des Aphroditetempels übergeht 
(I, 15, i). Es würde die Continuität der Marktbeschreibung, in welche 



351 

welche sich nur die cEnneakrunosepisode» unvermittelt eingeschoben 
hat, aufs beste und natürlichste hergestellt sein, wenn sich an die Er- 
wähnung der «Tyrannenmörder» (I, 8, 5) im südöstlichen Theil des 
Marktes jene beiden Heiligthümer auf der Höhe des nordwestlichen 
Burgabhanges anschlössen (I, 14, 6, 7) und die Beschreibung sodann 
wieder auf die (noch unerledigte) Ostseite des Marktes zurückbog (vgl. 
Denkm. d. kl. Alt, S. 166). 

Unerklärlich bleibt mir aber, wie Jemand, der Pausanias den 
Markt vom Dipylon aus betreten läfst, die Poikile dennoch westlich, 
und zwar der Stoa Basileios nördlich benachbart, ansetzen kann, da 
Pausanias doch letztere als (I, 3, i) als ngdtf/ h ds^tq bezeichnet (vgl. 
K. Lange in seiner Jenaer Habilitationsschrift). 

Anhangsweise mögen einige Beobachtungen hier ihren Platz 
finden, denen ich selbstständige Beweiskraft natürlich nicht zuerkenne. 

Dies gilt zunächst von einzelnen Inschriftfunden. Es darf indefs 
immerhin bemerkt werden, dafs diejenigen Schriftdenkmäler, deren ur- 
sprünglicher Aufstellungsort bei der Makra Stoa, beim Hephai- 
steion und dem benachbarten Eurysakeion anzunehmen ist, sämmt- 
lich weit östlich und südlich der Agora zum Vorschein gekommen 
sind. Am Nordostfufs der Burg (bei Hag. Dimitrios Katiphori) fand 
sich die Basis einer Ehrenstatue für Miltiades, Sohn des Zoilos aus 
Marathon (Philistor II, 141, 2 aus dem i. Jahrh. v. Chr.), ebenda ein 
Dekret (a. a. O. S. 141,1 C. I. Att. H, 421, Frgm. a., Z. 14), welches 
offenbar die Aufstellung jener Bildsäule tiqo T^g] iy Keqa^txä gAaxQccg 
arloag anordnet. 

Von demselben Orte stammt die Basis eines Weihgeschenkes an 
Hephaistos und Athena Hephaistia, deren gemeinsame Verehrung im 
Hephaisteion auch Pausanias bezeugt, C. I. Att. ü, 114, A, Z. i — 3. 
^ ßavi^ ff ini Ilv&odoTOV [aQXoyrog] äv[i\&[€X€y] 'HifaitStia xrX. B, Z. 3 
äva&Btvai %6 te aya[kfjka rtS *H(faUn<a (?) x]al t^ ^A&fpfq t^ ^HifauSxiq. 

Sodann haben die Ausgrabungen der griechischen archäologischen 
Gesellschaft am Südabhange der Akropolis sowohl auf Hephaistos be- 
zügliche Inschriften ergeben (C. I. Att. ÜI, 4019, 1280 e, Z. 4), als 
auch die erste urkundliche Erwähnung des Eurysakeion, in welchem 
die betreffende Platte aufgestellt werden sollte: li&ijratotff VI S. 274, 
Z. 21, fg. (PrijXag X^ivag dvo xal m^aat [t^y fjbiv . . iv rä] EvQWkxTtsUa 
tifv di iv r& [mqißoha tov] v€(o tijg ^Ad^väg t§5 JSxiQccdog (im Phaleron?). 
Eine Verschleppung aller dieser Inschriften von der entgegengesetzten, 
westlichen Seite der Stadt ist doch wenig wahrscheinlich. 

Nach Bekker, anecd. gr. L, S. 212, 12, hatten die Tagelöhner 



352 

ihren Standort beim Heiligthum der Dioskuren: Idyaxatoy' JtotawvQmp 
leQoy, av vvv ol fjMf&ofpOQOvyreg dovloi sfuätup (vgl. Ps. Demosth. XLV, 
80). Da das Anakeion am Nordabhange der Burg lag, konnte dasselbe 
dem Dienstmännerstandplatz des Kolonos fUtfd'tog sehr wohl benach- 
bart sein. 

Endlich scheint mir in der etwas unklaren Erzählung über den 
nächtlichen Gang der Arrhephoren, welche Pausanias (I, 27, 3) seiner 
Beschreibung des Erechtheion anfiigt, jener bekannte, vom nördlichen 
Burgrande durch einen Felsspalt herabführende Weg doch eine Rolle 
zu spielen, wiewohl er ihn (aus Mifsverständnifs?) in das Heiligthum 
der «Aphrodite in den Gärten» zu verlegen scheint: Stftt di m^ßoXoq 
iv r^ nokei i;^q xcrAcw/u^i^ iv xipwtg \itpqodi%ifi ov TWQQta xcä dt' cAfov 
xdd'odo^ VTtoyatog ccvroficcT^' tavrij xccriatAv al TiccQd'iyot, 

Schon Wachsmuth (Athen I, S. 410 frg.) hat, in anderem Sinne 
freilich , den Periegeten einer Verwechselung der städtischen Aphro- 
ditenheiligthümer im Kolonos und in den Gärten geziehen. Da bei 
unserer Ansetzung des Kolonos der Tempel der Aphrodite Urania 
(I, 14, 7) in die Nähe des nordwestlichen Burgabhanges rücken würde, 
so liegt es nahe, in diesem das Ziel der den Felsgang herabschrei- 
tenden Mädchen zu vermuthen. 



XXY, 



GUSTAV HIRSCHFELD 



Zur Typologie griechischer Ansiede- 
lungen im Alterthum. 



as 




IVlit den folgenden Bemerkungen will ich die Aufmerksamkeit 
auf Erscheinungen zu lenken suchen, welche, soviel ich sehe, zu syste- 
matischer Behandlung noch niemals Anlafs gegeben haben. Dieselben 
gehen auf Wahrnehmungen zurück, bei welchen eigene und umfassende 
Anschauung nur durch die genauesten kartographischen Darstellungen 
ersetzt oder erweitert werden kann.') Was ich betrachten und auf 
gewisse Grundformen zurückzuführen suchen will, sind die Plätze, welche 
das griechische Alterthum zum Besiedeln wählte. Ich betrete damit 
ein fast unberührtes Gebiet, für welches selbst der Name erst zu er- 
sinnen war. So kann ich denn auch nur die Absicht haben, anzuregen, 
nicht zu erschöpfen; bevor etwas Abschliefsendes auf diesem Felde 
gegeben werden kann, müssen die meisten der Reisenden, welche jetzt 



i) Ich habe von solchen die General- und viele Detailaufnahmen der englischen resp. 
russischen Seekarten für Kleinasien und die ganze griechische Umgebung des Aegaeischen 
Meeres benutzen können; aufserdem für Kleinasien, zumal fUr das Innere in der Nord- 
hälfte, Kiepert' sehe Handzeichnungen, fUr Griechenland die grofse französische Karte, für 
die neu hinzugekommenen Provinzen die neue Oesterreichische Publication, über welche 
sich freilich Manches sagen liefse. Ich mache diese Angaben für Solche, welche bei Be- 
nützung der Üblichen reducirten Karten dem Vorgetragenen etwa nicht völlig zu folgen 
vermöchten, doch wird für die Hauptsachen jede gute Karte gröfseren Mafsstabes aus- 
reichen. Die Verweise wie die Beispiele beschränke ich auf das Nothwendigste. 

23* 



350^ 

die klassischen Länder durchstreifen, sich gewöhnen, mit viel schärferen 
Augen zu sehen und viel eingehender zu berichten. Vielleicht mufs aber 
überhaupt erst noch das Interesse an der Grestaltung des Terrains im 
Einzelnen in weiteren Kreisen erwachen, wenigstens wachsen und zu 
dem innerlichen, ja leidenschaftlichen Antheil werden, welcher den Blick 
am meisten schärft. In dieser Hinsicht darf freilich auf den cPelopon- 
nesost als ein Vorbild hingewiesen werden. 

Die menschlichen Ansiedelungen und das, was sie mit sich bringen, 
veranlassen und brauchen, sind es, welche dem Antlitz der Erde erst 
seinen lebendigen, und im Vergleich zur Naturphysiognomie jugendlicher 
Länder, gereiften Ausdruck geben. Wie man bei Gesichtern von 
scharfen, bestimmten und von verschwommenen Zügen spricht, genau 
so kann man von der Wirkung der Besiedelungsarten auf den Gesammt- 
ausdruck der Länder sprechen: neben den klaren, scharfen, man kann 
sagen, packenden Ortslagen des Alterthums erscheinen die Züge der 
griechischen Welt durch die heutige Besiedelung vielfach stumpf, 
schwächlich, nichtssagend, die edle einfache frühere Physiognomie ist 
entstellt, mindestens unklar geworden; eine starke Verschiebung aus 
Treffpunkten, wenn ich so sagen darf, in willkürliche, unbezeichnende 
Lagen ist eingetreten. Es kommt hier nicht in Betracht, dafs dies 
vielfach der Ausdi:uck einer anderen historischen Entwickelungsstufe 
ist, so sehr wir diesen Gesichtspunkt auch später noch für unsem 
Zweck werden betonen müssen. Uns genügt hier, an das Verhältnifs 
von Tripolitza, von Aiasluk (zu Ephesos), von Kokia (zu Plataiai), 
von Kionia (zu Stymphalos), von Atchikolo (zu Gortys), Sigadjik (zu 
Teos), Vurla (zu Klazomenai) zu erinnern, um nur wenige aus der un- 
übersehbaren Masse herauszugreifen. Man darf es sogar als Regel 
bezeichnen, dafs — zumal bei Orten mittlerer und geringerer Be- 
deutung — die alte Stelle verlassen, gleichsam als sei sie erschöpft, 
wie ein ausgesogenes Ackerfeld, und eine cNebenlage» — sit venia 
verbo — entstanden ist. Aber so sehr auch ein solcher Vergleich in 
die Tiefe fuhren und vielleicht auch ungehobene Werthe fördern könnte, 
so will ich doch hier lediglich bei den Thatsachen des Alterthums 
verweilen. Dieselben haben die antiken Betrachter mehr angezogen 
als die modernen. Indessen betreffen die Bemerkungen der Alten im 
Wesentlichen nur die Beziehungen der Wohnplätze, nicht die ihnen zu 
Grunde liegenden, in ihnen erkennbaren Typen, und zwar handelt es 
sich bei Plato (Gesetze III S. 6^^ ff.) um Höhenlagen und um das Ver- 
hältnifs zur Ebene, bei Strabo (XIII. S. 592 f.) auch um Binnenlagen und 
um das Verhältnifs zur Küste; über dies letztere hat bekanntlich auch 



357 

Thukydides (I, 7) sich ausgesprochen. Alle stimmen darin überein, dafs 
diese Verhältnisse und deren Veränderungen zugleich Stadien der 
menschlichen Entwickelung bedeuten; aber freilich war nach ihrer An- 
schauung dieser Process im Beginn der geschichtlichen Zeit bereits 
abgeschlossen, schon in den homerischen Gesängen in seinem ganzen 
Verlaufe geschildert. Selbst Strabo, dem doch das Material von vier 
weiteren Jahrhunderten vorlag, hat dasselbe nicht erkennbar in die 
Beurtheilung gezogen. 

Neuere sind, wo sie den Gegenstand überhaupt berühren, den 
Alten lediglich gefolgt, und sie haben keine Veranlassung genommen, 
so tief in die Einzelheiten einzugehen, wie nöthig ist zur Erkenntnifs 
der ursprünglichen Beweggründe und Absichten und ganz besonders 
zur Heraussonderung von Gruppen. 

Das Alterthum, zumal das griechische, bietet bei ungleich ein- 
facheren Verhältnissen die Möglichkeit zu einer besonders klaren An- 
schauung der Typen und ihrer allmälichen Wandlung. Denn weder 
ins Ungemessene sind die Niederlassungen gewachsen und haben da- 
durch den ursprünglichen natürlichen Stempel verwischt, noch sind die 
Existenzbedingungen jemals so vollständig umgestaltet worden, wie das 
durch den Wandel in unseren Verkehrsverhältnifsen bewirkt ist. 

Ueber die unerläfslichen localen Vorbedingungen zur Anlage einer 
Wohnstätte spricht Aristoteles in der Politik (Vn bes. cap. 11): er nennt 
bedingt Vertheidigungsfähigkeit, unbedingt gesunde Lage, gutes Wasser; 
dafs er die feste Nahrung nicht hinzufügt, ist in Ordnung; denn diese 
braucht nicht am Locale zu haften. Das Wasser aber mufs es:. daher 
die zahlreichen kleinen und grofsen Ruinenstätten auf antikem Boden, 
wo aufser der Mauerumhegung nichts weiter als die Wasseranlage — 
falls keine Quelle vorhanden — sich erhalten hat. Zur Erlangung des- 
selben hatte man von jeher keine Anstrengung gescheut; ich erinnere 
an die grofsartige Anlage auf Munychia, auf Akrokorinth, nenne von 
kleineren Orten eine Anlage bei Akrai (Holm, Sicilien I, 103), in Klein- 
asien die Felsengänge auf den Burgen zu Gangra, Iskelib, Tokad, vor 
Allen Amasia. Noch bei ein paar ganz unbedeutenden Ortschaften 
Charadra und Steiris hebt Pausanias hervor, dafs sie kein trinkbares 
Wasser in der Nähe hätten. Aspledon ward aus dem Grunde verlassen. 
Aber andererseits begnügte man sich auch vielfach mit dem Wasser 
der Cisternen, welche Aristoteles zahlreich und grofs anzulegen räth; 
umrandete quellenlose kleine Hochplateaus würden sonst fiir die Be- 
siedelung ganz ausgefallen sein, und welche entgegengesetzte Lehre 



358 

haben uns da erst neulich wieder die Funde von Gjölbaschi gegeben! 
Also selbst dies Erfordernifs entschied nicht. 

Es sind drei allgemeine Forderungen, welche wir bei der Wahl 
und Aenderung der Ansiedelungsplätze bei den Griechen nach einander 
in den Vordergrund treten sehen: die erste, zugleich älteste, lautet: 
«der Platz soll so fest und sicher sein wie möglich. t Diesem entsprechen 
im Allgemeinen die Plätze, welche schon für das Alterthum in graue 
Vorzeit zurückgingen. Die zweite Forderung lautet: cder Platz soll 
so verkehrstüchtig sein wie möglich», das giebt den Ansiedelungen 
aus der Zeit des Aufschwunges der Griechen das Gepräge, vorzüglich 
den Colonien. Und endlich lautet es: «der Platz soll so bequem sein 
wie möglich;» das ist die Signatur der Gründungen der Diadochen und 
der römischen Herrschaft. Freilich kann diese Eintheilung in aller 
Strenge nur für die Betrachtung aufgestellt werden, und ferner, wenn 
jene Forderungen auch historisch einander ablösen, so versteht es sich 
doch, dafs jedesmal auch ein gutes Stück der vorhergehenden in Geltung 
bleibt und erfüllt wird, und zwar im dritten Falle ein gröfseres Stück 
vom unmittelbar vorhergehenden als vom ersten. 

Bei allem Wechsel erhält sich nun aber ein Grundgesetz, dessen 
Strenge nur in der dritten Periode etwas gemildert wird: dafs nämlich 
der Platz der Stadt von der Natur selber schon so bestimmt 
wie möglich determinirt sei. Bei dieser Sachlage kann es nicht 
überraschen, wenn es ein Grundschema, einen Lagetypus gilt, welcher 
jeder der drei Perioden in gleicher Weise genügt, man kann das einen 
formalen Typus nennen. Ein solcher und zwar der verbreitetste und 
recht eigentlich griechische, ja der einzige, den man überhaupt einen 
Typus auch im Binnenlande nennen kann, ist das, was ich ganz allge- 
mein als Caplage bezeichnen möchte, d. h. im Binnenlande die Lage 
zwischen zwei Wasseradern oder Rissen. In welcher Periode der 
Ansiedelungen wir uns auch befinden, immer erfüllt diese Lage am 
leichtesten die Forderung natürlicher Abgrenzung, sowie diejenige der 
Sicherheit und Festigkeit. Der Grad der letzteren hängt dabei von 
zwei Factoren ab: von der Beschaffenheit des Zwischenterrains, — 
wenn ich mir diesen Ausdruck gestatten darf — und vom Richtungs- 
verhältnifs der Wasserläufe zu einander. Wenn als oberstes Prindp 
griechischer Ansiedelungen, zumal sehr alter aufgestellt werden kann, 
dafs der menschlichen Sicherungsthätigkeit so wenig wie möglich, der 
Natur so viel wie möglich überlassen bleibe, — so erscheint im Allge- 
meinen als die vollkommenste Form die Lage zwischen zwei conver- 
girenden und zwar spitzwinklig zusammenlaufenden Schluchten. Auf 



359 

diesen Typus, die Lage im Schluchtenwinkel oder die Lage in der 
Gabel, wie man dieselbe vom Zusammenfiufs aus gesehen bezeichnen 
könnte, gehen unzählige Ortslagen zurück; uralte wie Delphi und relativ 
jui^e wie Akragas, binnenländische wie Meeresstädte, Ansiedelungen 
im Gebirge wie auf leicht bewegter Ebene (Theben, Larissa, freilich 
nicht nach der österr. Aufnahme), bedeutende und unbedeutende Orte, 
die schwierigsten wie Eira, Phyle, Lepreos und die leichtesten (Sparta), 
in Griechenland und dem Westen sowohl, als auch in Kleinasien (Mastaura, 
Sardes), bes. Lylden (Balbura u. a.), auf dessen dem eigentlichen Griechen- 
land analoge Besiedelungsart wir übrigens noch mehrfach zurückkommen 
werden. Ein gewisser Unterschied ist aber bei aller Gleichheit zu be- 
merken: es ist nämlich ein Anderes, ob eine Stadt über dem Zu- 
sammenfiufs von schon weither gekommenen Adern sich befindet (z. B. 
etwa Sparta) oder über solchen, die eben erst entstanden, also zwischen 
kurzen Rissen (Selge); es li^ in der Natur der Sache, dafs die letzteren 
zumeist höher, umbequemer und damit auch nicht selten älter sein 
werden; doch kann es natürlich auch da zahme Bildungen geben, wenn 
nämlich die Risse gleich darauf in die Ebene gehen, also vorzüglich 
auf Hochflächen (Kibyra, Messene, die Unterstadt). An sich verliert 
der Flufswinkel an Brauchbarkeit, je mehr er sich dem rechten nähert, 
oder ihn überschreitet, denn damit wächst die Linie, welche künstlicher 
Sicherung bedarf. Doch kann da eine Erhebung sichernd eintreten wie 
bei Xanthos. Andere Beispiele fiir die Lage im rechten oder stumpfen 
Winkel sind Städte wie Tanagra, Psophis, Nysa, Phlius, Phigalia. Man 
darf es als Abarten des Schluchtentypus bezeichnen, wenn an die 
Stelle des zweiten Risses ein Abfall . in eine beginnende Ebene tritt 
wie bei Andania, Myra — auch das Landcap von Dodona ist zu ver- 
gleichen (Karapanos), — oder auch eine steile Erhebung, nirgends 
characteristischer als bei Sagalassos. Endlich kann der vorli^ende 
Typus vollkommen ersetzt werden durch die Biegung eines einzigen 
Flusses, in dessen Umarmung sich dann gleichsam die Stadt einschmiegt. 
Diesen Typus zeigen so uralte Anlagen wie Orchomenos und das 
Bunarbaschi der troischen Ebene, im alterthümlichen Arkadien auch 
Gortys und Aliphera, in Thessalien Trikka; aufserdem nenne ich noch 
Ambrakia, Magnesia am Maeander, als relativ moderne Anlage vor 
Allen Amphipolis, welches eine Mauer sicherte hc jmrafMW ig muta- 
fkw (Thuk. IV, I02, Leake N. Gr. m, S. 191); solche Flufsumklamme- 
rung einte sich mit Meereslage bei Gela und Alexandreia. 

Zu dem Convergiren der Schluchten tritt als zweiter, ebenfalls 
häufiger Fall das Parallellaufen derselben; gehen sie unmittelbar in eine 



36ö 

dritte Querader, so unterscheidet sich vom ersten Falle der vorliegende 
oft nur graphisch, kann denselben sogar an Vortheil übertreflfen, da 
die vierte event. am meisten befestigungsbedürftige Stadtseite schmaler 
sein kann, als sie im ersten Falle gewöhnlich ist. Sind die Parallel- 
schluchten kurz, so kann der Platz über ihrem Beginn und doch nahe 
genug am dritten Querarm liegen; diesen vertritt am Gestade das Meer: 
Trapezunt, Herakleia Pontika, Oropos, Selinus, Kamarina haben dies 
Schema. Endlich kann, wenn auch schwächer, eine Ebene das dritte 
Element vertreten, in welche die Parallelschluchten zunächst aus den 
Bergen einmünden ; dann liegt die Stadt auf dem am weitesten vorge- 
schobenen geeigneten Bergfufs wie Pergamon, das alte, Tlos, Larisa 
Kremaste, Elateia. Zwischen diesem und dem unmittelbar vorher- 
gehenden Schema steht Sikyon, wohl auch Limyra. Einen eigenthüm- 
liehen Typus zeigt eine ganze Reihe lykischer Städte wie Akalissos, 
Apollonia, Ama, auch Kandyba, welche sich so zu zwei Paralleladem 
verhalten, dafs sie über dem Mittellauf der einen^ über dem B^[inn 
der anderen li^en; in Griechenland ist, wie es scheint, Lykosura 
i^ jtQ&ißvTatfl zu vergleichen. Sind die Parallelschluchten von längerer 
Ausdehnung, so wird der günstigste Platz doch wohl meist der über 
dem Querarm bleiben, (Thelpusa, Dion); aber es kann die Natur 
dann auch auf eine andere Stelle des Zwischenterrains mit Be- 
stimmtheit hingewiesen haben; dies geschieht durch kleinere Quer- 
schluchten, welche paarweise und wiederum parallel nach beiden Seiten 
hinunterstreichen und so auf der Höhe einen Platz umgrenzen, der 
freilich im Grunde wieder auf den Haupttypus hinausläuft: das trifft 
zu bei Termessus maior, bei Rhodiopolis (vgl. den Plan bei Spratt und 
Forbes, I. S. i66 mit der Karte derselben) Bura Achaiae; auch Pellene 
Achaiae, ist zu vergleichen. 

Der dritte weitaus seltenste Fall ist, dafs die zwei Schluchten diver- 
giren; dann empfahl sich zur Anlage der engste, ich möchte sagen 
der Schnürpunkt zwischen den beiden Einschnitten: das betrifft so 
bedeutsame Lagen wie Mykenai und Akrokorinth. 

Zu Häupten von allseitig oder doch vielseitig ablaufenden 
Schluchten, d. h. auf Spitzen, können immer nur unbedeutendere, 
wenn auch feste Orte gelegen haben; schwieriger Zugang ist von 
diesen fast unzertrennlich. 

Ich bemerke schliefslich, dafs über die nicht umflossene Seite des 
cLandcaps» Typisches nicht wohl au^esagt werden kann, nur dais 
auch dort eine natürliche Determination das Günstigste war, also Ab- 
fall oder auch starke Hebung gesucht ward, obgleich diese letztere 



36i 

immer ihr Bedenkliches hat (vgl. Selge); Einrisse auch an dieser Seite 
wie bei Akragas sind günstig, aber nicht gewöhnlich. 

Wenn auch der besprochene Typus niemals, wann und wo er 
sich auch bot, verschmäht worden ist, so bringen es doch seine be- 
stimmenden Züge mit sich, dafs er vorwiegend dem Binnenlande an- 
gehört; und da Binnenlage in einem Gestadelande, wie Griechenland 
es ist, auf ein prononcirtes Streben nach Sicherheit deutet, und damit 
auch nach dem treffenden Urtheil des Alterthums eine ältere Zeit ver- 
räth, so werden wir nicht irre gehen, wenn wir als die eigentliche 
Zeit dieses Typus die älteste, diejenige cdes festen Platzes» 
bezeichnen. Es entspricht dieser Auffassung, wenn dieses Schema 
vorzüglich in Griechenland sich findet; dafs Lykien unter diese uralte 
Besiedelungsart fällt, ist bezeichnend genug. 

Neben dem Typischen im Einzelnen ist nun ein Solches auch in 
der Anordnung der Städtereihen, in der Gruppirung erkennbar. 
Wie wir g^echischen Boden kennen, zeigt er uns im Binnenlande als 
Norm die Besiedelung der bergigen Ränder: so besonders deutlich in 
den längeren Flufsthälern, dem Kephisos in Phokis und Boeotien, 
dem Xanthos in Lykien, wo die Städte überm Flufslauf, wie an einer 
Perlenschnur aufgereiht beiderseitig sich hinziehen; solcher Grestalt ist 
auch die Randumsiedelung, — gleichsam eine Cemirung — der Ebene 
von Argos, der oberen Ebene Messeniens, derjenigen Thessaliens, 
Pamphyliens, Kilikiens. Erst eine späte Zeit — keine antike — ist 
unvernünftig genug gewesen, überall ins Thal selber hinabzuziehen und 
für die Verschwendung ergiebigen Bodens, die darin liegt — unent- 
behrlicher freilich bei der soviel dichteren Bevölkerung des Alter- 
thums — noch unerträgliche Hitze und ungesunde Luft obenein in den 
Kauf zu erhalten. Ich verweise auf die heutige Bewohnung des 
Xanthos-, auch des Kephisosthales. Auch dies gehört ins Capitel der 
modernen Verschiebungen, auf das ich hier eben nur hindeuten will. 
Das antike Princip verläugnet sich selbst bei ganz kleinen Ebenen 
nicht, wo z. B. Phlius, Kleonai, Hysiai seitlich gerückt auf der Höhe 
über ihrem Nährboden thronen. 

Habe ich bisher das Bild der Binnenbesiedelung im Einzelnen 
und im Ganzen als ein fertiges betrachtet, so sei nunmehr auf einen 
veränderlichen Zug hingewiesen: eine allmähliche Veränderung in der 
Höhenlage derselben Orte, eine Verticalentwickelung, wie man sagen 
kann, haben bekanntlich schon die Alten beobachtet; sie hat auf um- 
schlossenen Hochebenen, der oberen thessalischen, der arkadischen 
früher stattgefunden und stattfinden können als im offenen Gebiet. 



362 

Tradition oder Reste beweisen den Umzug der Bedeutung — nicht 
immer der ganzen Bewohnung — aus höheren Lagen in niedere 
z. B. für Larymna, Lebadeia, Phlius, Eira, Pylos (Pelop. 11. 176), 
Thuria, Elis, Helike, Mantineia, Rhodos, Samos, Dardanos, auch das 
Verhältnifs von Therapne zu Sparta ist zu vergleichen, sowie die 
Sagen, welche sich auf die uralte Sipylosstadt und auf Delphi's Vor- 
gängerin Lykoreia beziehen. Gerade diese -Sagen, wie z. B. die bei- 
läufige Notiz Strabos über die angeblich mehrfache Verlegung Ilions 
zeigen, dafs solches Hinabschreiten den Alten beinahe als das Nor- 
male erschien. Auch auf die nicht wenigen «Altstädte» weise ich hin 
und auf jene Palaimagnesia des Oxforder Marmors (C. J. Gr. 3137), 
deren Ueberlieferung gerade durch ihre Zufälligkeit weitere Schlüsse 
gestattet. Und wie ofl drängt sich dem Wanderer in klassischen 
Ländern schon von fernher die alterthümliche Gestaltung eines Wohn- 
platzes auf als ein unmittelbarer Eindruck: denn wie das Auge des 
Menschen, der an die Umgebung der modernen Natur gewöhnt ist, den 
altmodischen Schnitt gewisser Formen der Fauna und Flora, unverzüg- 
lich als fremdartig, als mit dem Gewöhnlichen unvereinbar ausscheidet, 
so sondert auf dem Gebiete menschlicher Niederlassungen schon der 
Blick des aufmerkenden Betrachters altfränkische Fagons — wenn der 
Ausdruck hier gestattet ist — ohne Weiteres von historisch gang- 
bareren Typen aus. Es giebt auch hier einen Archaismus und eine 
Erziehung des Auges wie auf künstlerischem Gebiete. Wir dürfen in 
dem angedeuteten Umzüge die Tendenz erkennen, den Forderungen 
einer belebteren, gesitteteren, verkehrsreichen Zeit soweit entg^en- 
zukommen, wie Binnenverhältnisse und die Rücksicht auf die eigene 
Sicherheit es gestatten. 

Aber in einem so wesentlich auf den Seeverkehr hingewiesenen 
Lande können nur Küstenstädte der zweiten von uns im Eingang 
formulirten Forderung vollkommen entsprechen. In der That wird 
die Besiedelung der Küsten und Isthmen von Thukydides als eine 
vorgerückte Stufe der Entwickelung bezeichnet , umständlicher bei 
Strabo characterisirt. Die homerischen Gedichte zeigen gewifs noch 
keinen starken Seeverkehr, selbst nicht an den Küsten, vollends nicht 
auf der Fläche des Meeres; dafs vor dem Dichter niemals ein fremdes 
Segel fiir Odysseus und seine Gefährten auftaucht, ist ja gewifs seinem 
Zwecke gemäfs; allein die Schlufsfolgerung wird doch gestattet sein, 
dafs das stete Auftauchen von Segeln von dem Bilde des Meeres um 
Griechenland nicht so unzertrennlich gewesen sein kann, wie es in der 
Blüthezeit des Alterthums der Fall gewesen sein mufs und noch heute 



363 

der Fall ist Dennoch finden sich die hauptsächlichsten Typen fiir die 
Lage der Seestadt schon in der Odyssee angedeutet, und die Vor- 
züglichkeit derselben mufste allerdings schon und gerade in den In- 
cunabeln der Seeschiflahrt einleuchten. Von diesen Typen entspricht 
der eine der Vorbedingung natürlicher Begrenztheit unbedingt, der 
andere zunächst noch nicht, worüber unten Einiges zu sagen ist; der 
erste ist das besiedelte Cap oder der besiedelte Isthmus, der zweite 
die sichere von Landzungen als natürlichen Molen umschlossene Bucht. 
Es ist nicht unbeachtet zu lassen, dafs jenes die in mancher Hinsicht 
ideale Stadt der gesitteten Phaiaken ist (Od. VI. 264): 
— xaXog di X&fi^ STuirs^B noXi/og, 
XsTVtfi (T eliA&ikfi* y^€g d' odov dfMptdlMku 
etQfktTcu, 
Die umschlossene Bucht wird bei den Laestrygonen geschildert 
(Od. X. 87): 

iv&* iml ig h^kiva xXvroy fjX&oi^eVj oy Tfigi 7J[irQ^ 
^iißarog rervxtpcs dtaf*7VBQig dfigHniQiod'ep, 
amal di ngoßi^reg ivayvlcu diJiiji/ijtUv 
iv (ftöfJUXTt ti^ovxowUp, ägat^ 6' cttfodog i&tty 
iy&' oly' €i<fHa ndyvsg sxov viaq äfAq>&€lkMäg, 
al (Miv dq' Svtwsd'ev hfkivog xoiloto didepto 
nJüfffiicu' ov ftiv Y^Q '^^^ di^eto xv/lmk y' ^^ aix&, 
avre fjhi/ ovt' oiiyovj levx^ cT ^v dfupi yah^vfi» 
Die bezügliche Odysseelandschaft giebt ein schönes Bild, wie eine 
durch mannigfache Anschauung reichbegabter Gestade befruchtete 
Künstlerphantasie sich so etwas zurecht legen konnte. Auch des 
Phorkys Hafen auf Ithaka ist solche geschützte Bucht (Od. Xm. 96), 
wo, wie im Hafen der Kyklopen (IX. 136) die Schiffe nicht angebunden 
zu werden brauchen. Beide Male gehört dazu im innersten Winkel 
des Hafens eine Quelle in einer Grotte und unter Bäumen, ein er- 
quickender Ruheplatz, wo der Umhergetriebene gern einmal friedlich 
rasten mochte, das Aufkommen günstigen Windes abwarten und vor 
den Stürmen sich bergen konnte, die auch in der Odyssee durchaus 
im Charakter der griechischen Meere ebenso schnell und plötzlich her- 
einbrechen wie sie sich verziehen. 

Das Grundschema des ersten T3^us ist ein dem Festlande isthmisch 
angefügtes Cap, das beiderseits eine Landestelle schirmt und zugleich 
durch Erhebung oder Abgeschlossenheit des Ganzen oder einzelner 
Theile mehr oder weniger der Forderung natürlicher Wehrhaftigkeit 
genügt. Dafs diese Gestaltung griechische und vorgriechische Ansiedler 



364 

besonders anlockte, ist öfters bemerkt und von Conze (Lesbos S. 3) 
treffend damit begründet worden, dafs feste Sicherheit und leichte 
Beweglichkeit im Seeverkehre in ihr sich am vollkommensten zu- 
sanunen fand. 

Zur ersten Besiedelung bot sich entweder das Cap oder der 
Isthmus; als Regel erscheint Besetzung des ersteren und allmähliche 
Ausdehnung auf den Isthmus. Als sicher darf das von folgenden Bei- 
spielen gelten: Amastris, Tenedos, Mitylene, Pitane, Teos, Jasos, auch 
Phokaia; im Mutterlande von Hermione. Dag^en ist nur der Isthmus 
besetzt bei Sinope; letzteres ist selbstverständlich, wenn das den 
Doppelhafen schaffende Vorgebirge zu ausgedehnt ist für die Stadt 
anläge, wie das bei Kyzikos der Fall ist, auch bei Potidaia; in analogem 
Sinne wie dieses letztere war Lysimacheia auf der thrakischen 
Chersonesos gedacht. In diesen Fällen wächst sogar die Wichtigkeit 
der Lage mit dem Umfange des die zwei Häfen trennenden Vorbaues, 
weil dadurch der an jener Stelle stattfindende Ueberland- und lieber- 
ladungsverkehr immer mehr gesteigert wird; das grofsartigste Beispiel 
der antiken Welt ist bekanntlieh Korinth, das Panama des Alterthums; 
doch stofse ich da auf öfters berührte Gesichtspunkte und trete aus 
dem Rahmen meines Themas. 

Um die Gunst der von der griechischen Welt besiedelten Küsten- 
linien in vollem Umfange zu würdigen, ist es nöthig, dieselben zunächst 
mit den alten, ja ältesten Schiffen im Greiste zu befahren; ich nehme 
an, dafs die Fahrzeuge, mit welchen die Griechen an den klein- 
asiatischen Küsten tastend und Platz suchend entlang fuhren, etwa aus- 
gesehen haben wie die Ruder- und S^elboote jener alten Dipylon- 
vasen (Mon. 1872 Villi,* Taf XXXX) von welcher das wichtigste 
hierher gehörige — unter andern mit einem Boote von zwölf Ruderern 
— noch immer nicht veröffentlicht ist.') Nicht etwa mit Trieren, 



>) Aus A. Cartault, la Triere Athemienne p. 10 entnehme ich, dafs die zahlreichen 
Scherben dieses weitaus merkwürdigsten aller derartigen Geisse sich im Jahre 1881 in 
den Händen des Herrn O. Rayet befanden. Ich habe des allgemeinen Interesses wegen fiber 
diesem Aufsatz das oben erwähnte Boot (in halber Gröfse des Originals) abbilden lassen, 
von welchem ich im Jahre 1873 ^^ Athen eine Durchzeichnung nehmen durfte. In den 
anderen zwei Schiffen — Mon. d. Inst. a. O. — hatte B. Graser im Anhang zu meiner 
Abhandlung (annali 1872 S. 180) mit Recht zugleich Ruderboote erkannt. Ob die 
Längsspalte in der Schifisseite zum Durchstecken der Ruder bestimmt war, wie Graser 
(S. 178) annahm, ist zwar nicht deutlich erkennbar, aber sehr wahrscheinlich, obgleich 
die Ruderstangen auch vor der oberen Schranke sich zu befinden scheinen; es entspricht 
das aber nur der Weise dieser Malerei, alle Linien durchzuführen, unbektlmmert, ob sie 
vor oder hinter einander zu stehen hätten. Die blofse Umrifszeichnung, welche oben an- 
gegeben ist, macht das auch auffallender, als es in der That bei der vollen AusiÜhnmg 



36s 

deren Tiefgang bei ungefähr 230 Tonnen Gehalt auf 8'/»', also auf 
mehr als denjenigen unserer Schraubenkanonenboote berechnet worden 
ist, sind jene Meere zuerst befahren worden, sondern mit flachgehenden 
kleinen Booten, die nicht nur viel geringeren Raum einnahmen als 
unsere modernen Colosse, sondern einmal eingelaufen mit Leichtigkeit 
an's Grestade gezogen werden konnten und gegen jede Eventualität 
geschützt waren. Die ganze gerühmte Seemacht des Polykrates 
(Thuk. I 13, IQ 104) bestand in hundert TtevrfpcoytOQO^ (Herod. HI 39); 
selbst bei Thukydides (IV 118) ist noch von Seeschiffen die Rede, 
welche 12 Tonnen haben (vgl. Graser, de vett. re navali S. 45 f). 

Es thut hier nichts zur Sache, dafs diese Verhältnisse nicht mehr 
diejenigen des grofsen Verkehrs der vorgeschrittenen antiken Zeit sind; 
in der Periode, in welcher die Ansiedelungen sich vollzogen, waren sie 
jedenfalls die mafsgebenden. So ist überhaupt eine grofse Reihe der- 
selben erst erklärlich, Wo die Meerestiefen eine Landung der späteren 
xiQXovQW, besonders aber pbvqHHpoqw und fjwQHXfHpoQOi genau so unmög- 
lich machen, wie diejenige unserer Seeschiffe. Die Ausbildung der 
Verkehrsvehikel zur See hat noch stets den Kreis der concurrenz- 
fahigen Landestellen sehr in's Enge gezogen: gewifs verlor auch das 
besiedelte Cap vielfach seinen Werth, die Ortschaften mufsten zurück 
bleiben — wie so viele an der Nordküste Kleinasiens, oder auf künst- 
liche kostspielige Weise den geänderten Verhältnissen sich anpassen, 
wie es z. B. bei dem anscheinend doch auch zweihäfigen Side zu er- 
klären ist, das die Reste seiner bedeutenden zwei Haupthäfen keines- 
wegs unter dem natürlichen Seitenschutz des besiedelten Caps, sondern 
vielmehr vom an der Spitze grofsartig und mühevoll angelegt zeigt 
(Beaufort Karamania 2, S. 147 u. Engl. Seek. Karamania 11.). 

Wenn ich also hier auch eine grofse, keineswegs vollständige Reihe 
natürlicher Doppelhäfen anfuhren kann, so versteht sich doch nach 
dem Vorhergehenden, dafs ihr Werth für den Grofsverkehr der 
griechischen Welt ein äufserst verschiedener war, ein Gesichtspunkt, 
der fiir uns freilich in zweiter Linie steht. Ich nenne — aufser den 
schon oben angeführten — Imbros, Hephaistia und Myrina auf Lemnos 
Antissa Lesb., Heraklea am Latmos, Priene, Myndos, Knidos, Megiste, 
Antiphellos, Phaseiis, Side, Anemurion; auch Skiathos und Peparethos 
auf Skopelos gehören wohl hier; sicher Neopolis Thrac, der Peiraieus 



ist Die beiden Krieger dürfen wohl als die Besatzung des Bootes betrachtet werden; es 
ist ein ausgedehnter ScbiiFskampf dargestellt. Der Streifen unter dem Boot bedeutet nicht 
etwa das Wasser, sondern gehört zu einem da beginnenden Ornament. 



366 

mit seinen unvergleichlichen, z. Th. dem Cap selber eingeschnittenen 
Becken, dann Epidauros, Kalauria, Hermione, Minoa, Tainaron, 
Leuktra Laked., Asine, Oiniadai, Kerkyra, Ortygia, Lilybaion; — 
Klazomenai, Minoa, Syrakus, Motye, vielleicht Apollonia Thrac. (?), 
denn auch die dem Festlande verbundenen Inseln gehören hierher. 
Rechnet man als zweiten Hafen einen solchen, an welchen die Stadt 
nicht unmittelbar stöfst, der ihr aber auch dient, so wäre in erster 
Linie Teos, dann Kalchedon, Erythrai, Antikyra zu nennen, auch die 
Stadt auf Kalymnos (Rofs Inselr. 11 Taf.) und Halikamass. Doch 
liegen diese Fälle insofern anders, als sie doppelhäfig a posteriori sind: 
denn ihre Anlage war wohl nur durch die Rücksicht auf den Hafen 
veranlagst, an dem sie liegen. 

Phokaia bietet diC; Erscheinung der Doppelhäfigkeit, aber der 
Vortheil, der für die Segelschiffahrt darin liegt, wird zum gröfsten 
Theil dadurch aufgehoben, dafs der Platz innerhalb einer gröfseren, 
auch geschützten Bucht liegt, was freilich auf der andern Seite seine 
Sicherheit erhöhte; dazu ist Physkos zu vergleichen, Ainos und Leukas, 
entfernter auch Hermione und Motye. Eine Mittelstellung nimmt Sigri- 
Antissa Lesb. ein, wo der Abschlufs der umfassenderen Bucht durch 
eine längliche kleine Insel gebildet wird, welche nördliche und südliche 
Zufahrt gestattet. 

Aber auch ohne den Vortheil der Doppelhäfigkeit ist das Cap der 
angezeigte, weil der event. immer am meisten von der Natur geschützte 
und determinirte Platz für die Stadt; selbst in kleinen Binnenseen wird 
dies Princip nicht aufgegeben: Apollonia im See ApoUoniatis, Ejerdir 
(Limenai?), Stymphalos, Pheneos; vollends am Meere, wo diese Lage 
doch immer einen gewissen, wenn auch sehr verschiedenen Schiffs- 
schutz verlieh oder doch die Anlegung künstlicher Wehren erleichterte. 
Es genüge auf Amisos, Parion, Lindos und auf die kilikischen Seestädte 
zu verweisen. 

Eine besondere Stelle verdienen Städte wie Byzanz, wo der 
Meeresarm hinter dem Cap ins Binnenland greift, wozu Taras und 
Gadeira verglichen werden können, und selbst ein paar unbedeutendere 
Orte wie Zarax (Curtius Pelop. II 13) und das eigenthümlich eingeschach- 
telte Bargylia (Engl. Seek. N. 1531 und Lebas, itin. pl. 67), Doch fehlt 
es auch nicht an Beispielen, dafs man bei einem Cap die Besiedelung 
des Winkels am Lande vorzog, was auf seine lokalen oder zeitlichen 
Ursachen in jedem einzelnen Falle noch zu untersuchen bleibt: Tel- 
missos, Paphos, Epidauros Limera, Asopos, ZankleC?), Panormos und 
eine Reihe kleiner Orte an der Nordküste Kleinasiens. 



367 

Wenn man nun wohl auch sagen hört, das Cap (nebst Isthmus) 
und die umschlossene Bucht seien die beliebtesten Stellen der 
Küstenbesiedelung bei den Griechen gewesen, so wäre es doch ein Irr- 
thum, beide in gleicher Weise als Typen zu bezeichnen: denn das 
Cap oder der Isthmus sind durch die Natur determinirte Stadtplätze, 
in der geschlossenen Bucht hingegen mufs eine bestimmte Stelle erst 
noch determinirt sein: sie ist zunächst noch ein zu allgemeiner Be- 
siedelungsausdruck; unter diesen Umständen vereint sie sich denn auch 
mit Typen jeder Art, und die sie nützende Stadt li^ bald auf einem 
der natürlichen Molen in Caplage wie bei Taras und dessen eben- 
genannten Analogien, bei Syrakus, Zankle (?), Lindos; oder an einer 
bestimmter vorgezeichneten Stelle im Innern, wie bei den aeolischen 
Städten, vor Allen Myrina, bei Kytoros und Kalpe, dessen Beschrei- 
bung bei Xenophon (anab. VI, 4,3 vgl. Arrian peripl. 17) in mancher 
Beziehung an die homerischen Buchten mahnt. 

Dasselbe, die Nothwendigkeit einer speciellen Determinirung, 
welche dann keine andere als der Binnentypus zu sein pflegt, trifft 
auch die Seestädte, welche nicht am Meere liegen und diejenigen, 
welche in der Küstenlinie nicht gleichsam vorgebildet sind. -Die 
ersteren, welche uns von unseren nordischen Küsten so geläufig sind, 
kommen im eigentlichen Griechenland, wegen der Unbedeutendheit 
seiner Flufsadem kaum vor, vielleicht mit Ausnahme von Oiniadai, 
für welches man bei Skylax (34) eine Hindeutung auf Meeresverbin- 
dung durch den Acheloos finden könnte. Amphipolis konnte wohl 
im Alterthum den Strymon als grofse Strafse zum Meere benützen 
(vgl. Leake N. Gr. in, S. 184); von Kaunos, Aspendos, Antiochia am 
Orontes führte ein schiffbarer Flufs zum Meere, vielleicht darf man das 
auch für Adana annehmen (vgl proceedings of the R. Geogr. Soc. 
1884, S. 316), für Limyra aus dem Stadiasmus folgern. Die grofsen 
Ströme Südrufslands forderten allerdings zu solcher Ansiedlung heraus, 
wie die unsrigen, daher denn die Lagen von Tanais, Ophiussa, beson- 
ders Olbia. Ein paar Beispiele einer unwesentlich verschiedenen Abart 
finden sich allerdings noch auf dem Boden Kleinasiens: Nikaia, am 
Ende des Ascanischen Seebeckens, welches von der Seestadt Kios 
her durch den schiffbaren Ascanius erreichbar war; in kleinerem Mafs- 
stabe wiederholt das Patara. 

Ueber die eben bezeichnete zweite Gruppe von Küstenstädten 
könnte man sich wundern, wenn man ^ die zahlreichen schönen Caps, 
Isthmen, Buchten betrachtet, welche auf griechischem Boden unbe- 



368 

siedelt geblieben sind.») Allein die Stelle der Ansiedelung im All- 
gemeinen wird und ward bekanntlich zunächst häufig durch Fac- 
toren bestimmt, — geographische, politische und commercielle, — 
welche vor unser augenblickliches Thema fallen, sich zu dem- 
selben etwa verhalten, wie die allgemeine Beurtheilung eines Falles 
zu dem endgültigen Verdict (mit der ersteren pflegt die moderne 
Geographie sich vorwiegend zu beschäftigen). Da gilt übrigens 
ceteris paribus der Grundsatz, dafs eine mangelhafte topographische 
Lage durch eine gute geographische mehr als aufgewogen werden 
kann, als Beispiel nenne ich Patrai mit seiner schlechten Rhede, aber 
seiner ausgezeichneten Strafsenlage am ' Eingang des Korinthischen 
Meerbusens. Für nicht wenige derartige Orte mufs man freilich auf 
ihre antiken Lebensbedingungen zurückgehen, um sie noch zu ver- 
stehen. Ein hauptsächlicher, ich möchte sagen, banaler Typus ist da 
ein Bergabfall oder ein Hügel, neben dem ein Flüfschen in*s Meer 
geht, das reicht aber schon stark in die Diadqchenzeit hinein. Denn 
das ist ja klar, dafs dieser Typus im Allgemeinen erst aufkommen 
kann, wenn ein begabtes Gestade schon vorher Küstenbesiedelung 
ver^nlafst hat. Er kann sehr nützliche und bedeutsame Functionen 
erhalten, aber er füllt doch im Allgemeinen nur die Lücken, welche 
zwischen den von der günstigeren Küstenbildung vorgezeichneten 
Stadtreihen bleiben. Diese ist doch die erste nothwendige Voraus- 
Setzung der Gestadebesiedelung, wozu auch Strabo's Bemerkung über 
Etrurien (V. 223) zu vergleichen ist. Ich möchte die zuletzt besproche- 
nen Seestädte zweiter Ordnung nennen. 

Wie bei den Binnenstädten, so sei es auch hier gestattet, noch 
einen Blick auf die Gruppirung zu werfen. Hier ist bei der eigen- 
thümlich tiefen Auszahnung der griechischen Küstenlinien besonders 
ein Verhältnifs beachtenswerth: die Lage innerhalb gröfserer Meer- 
busen. Alle schon besprochenen Typen sind da vertreten; sie li^en 
am Eingang, an den Seiten, an der Spitze. Beispiele fiir das Letztere 
sind Astakos, Nikomedeia, Kios, Priapos, Atameus, Smyma, Hera- 
kleia am Latmos, Passala, Bargasa, Hyda, Physkos, Syme, Telmissos, 
Akanthos, Assera, Thessalonike, Pagasai, Kelenderis (Hafen von 



>) Es wäre venuessen, da überall eine Erklämng geben su woUen, allein bisveflttn 
liegt eine solche doch zu nah: das Fehlen bedeutenderer Orte an der so trefflich aus- 
gestatteten Kttste von Attika darf gewifs auf die so Überwiegende Bedeutung Athens 
zurückgeflihrt werden, wie sie dieselbe auch wiederum schlagend erweist. Analog dUifte 
übrigens die so auffallende Ortslosigkeit in der Bergumgebung des unteren Eurotasdurch- 
bruches durch Spartas Gewicht zu erklären sein. 



3^9 

Troizen), Chaleion, Antikyra, Bulis, Kranioi KephaL, Vathy auf Ithaka; 
etwas landeinwärts gerückte Spitzstädte sind Adramyttion, Olynth, 
Argos und die akamanischen wie Palairos, Alyzia, Astakos — während 
griechische Ansiedler meist gröfsere Bequemlichkeit der Sicherheit vor- 
zogen. Akamanien freilich war ein zurückgebliebenes Land; schon im 
2. Jahrhundert v. Chr. fanden die Römer diese Küste stark verödet 
vor. Jene eigentlichen Spitzstädte habe ich mit Absicht zahlreich auf- 
gezählt, weil sie übereinstimmend eine zunächst überraschende That- 
sache lehren: keine derselben war eine Stadt ersten Ranges — im 
Alterthum auch Smyma nicht. Theilweise ist das gewifs durch 
die relative Bedeutungslosigkeit oder, wenn man will, Abgelegenheit 
der Busen zu erklären, die so zu den grofsen Strafsen mehr oder 
weniger im Verhältnifs todter Winkel standen; aber an der Westküste 
Kleinasiens ist das anders: viermal wiederholt sich da in merkwürdiger 
Analogie bei tief eingreifenden Meeresarmen das gleiche Schauspiel: 
Seitenbesiedlungen in günstiger topographischer Lage ersparen die 
dem Segelschiff besonders unwillkommene Einfahrt in die innersten 
Winkel und fangen wie Aufsenposten den Verkehr auf, Phokaia und 
Klazomenai für Smyrna, Milet und Priene fiir Herakleia a. L. (und das 
arme Myus), Bargylia und Jasos fiir Passala, Halikarnafs und Knidos, zu 
denen sich inmitten Kos gesellt, veröden den Keramischen Meerbusen. 
Wenn nicht bezweifelt werden kann, dafs die Küstenbesiedelung 
historisch einen Fortschritt bedeutet, auch nach der Anschauung des 
Alterthums, so entsteht die Frage, wie verhielten sich dazu die bereits 
fertigen griechischen Städte, zumal die bedeutenderen, welche in 
mäfsiger Entfernung vom Meere angelegt waren? Geriethen, so fragen 
wir, die moderneren Typen nicht in Conflict mit jenen älteren, über- 
holten sie dieselben nicht und legten sie lahm? Eintreten konnte solche 
Concurrenz freilich nur im Mutterlande, im Osten und Westen des- 
selben begann wenigstens die griechische Besiedelung mit der ent- 
wickelteren Form. Im Mutterlande aber ist dieser Kampf der Typen — 
wenn der Ausdruck gestattet ist — in der That hier und da eingetreten, 
grofsentheils waren aber die Ansiedelungen dort schon zu fest gewur- 
zelt. So ist man denn mehrfach auch auf diesem Gebiete, weit ent- 
fernt von Starrheit und Eigensinn, ein Compromifs eingegangen, wie 
das besonders bei mehreren der bedeutendsten Städte offen zu Tage 
li^, bei Athen, Korinth und Megara. Zur Stadtverlegung war es da 
zu spät, obgleich Themistokles (bei Thukyd. I. 93, 7) fiir Athen auch 
diesen Gedanken ausgesprochen hat; so werden denn die Meeresan- 
siedelungen durch Mauern wenigstens äufserlich eine Einheit mit der 

24 



370 

Stadt und erhalten so gleichsam eine Abschlagszahlung, da es unthun- 
lieh ist, die ganze Bedeutung auf sie zu übertragen. Wo der alte und 
neue Typus so nahe bei einander lagen, nur da konnten wohl auch 
zuerst jene ethischen Bedenken gegen Meeresnähe aufkommen, wie sie 
bekanntlich bei Plato (Gesetze IV, S. 705) und bei Aristoteles (Politik 
Vn, 6) sich finden. 

An anderen Punkten unterlag der ältere Typus; hierher gehören 
auch einige der oben S. 362 für den Umzug angeführten Beispiele. Auch 
Kirrha und Krissa konnten nicht gut neben einander existiren.^) Ob 
der überlebte Typus weiter bestehen bleibt, wird ja immer von einer 
ganzen Reihe von Ursachen, seiner relativen Nützlichkeit, der Nähr- 
kraft (im weitesten Sinne) der Umgebung u. A. abhängen. 

Man wird bemerkt haben, dafs bei den bisher gewählten Beispielen 
die Seestädte meist nach Kleinasien und Sicilien, die Binnenstädte nach 
Griechenland fallen, während fiir Kleinasien — wenn man das archaische 
Lykien und ein paar alte Plätze im südlichen Randgebirge ausninunt — 
noch nichts Binnenländisches angeführt worden ist. Dies hat seinen 
guten Grund: die Binnenbesiedelung Kleinasiens, so weit wir wenigstens 
jetzt dieselbe erkennen können, ist allerdings zum gröfsten Theil derart^, 
dafs sie der dritten im Anfang von uns aufgestellten Forderung entspricht. 

Das Innere der Halbinsel, welche bei dem Marsche Xenophons 
wenigstens scheinbar noch so arm an städtischen Niederlassungen ist, 
erscheint später und in seinen Resten ganz erfüllt von Ortschaften; 
wir halten uns an die zahlreichen, welche dynastische Namen von den 
Diadochen, Epigonen und deren Familien tragen, weil bei ihnen be- 
stimmte Daten zu gewinnen sind. Diese sind zuletzt von Droysen am 
Schlufs seiner Geschichte der Epigonen zusammengestellt worden; doch 
konnte der Gesichtspunkt, der für uns von wesentlichem Interesse ist, 
dort unbeachtet bleiben. 

Wenn im Stephanus Byz. bei nicht wenigen derartigen Orten nur 
von einer Umnennung die Rede ist (vgl. u. Apameia, Arsinoe, Bere- 
nike, Seleukeia, auch Strabo S. 330 fr. 24 Thessalonike), so könnte es 
scheinen, als habe es sich — wie vielfach in römischer Zeit — ledig- 
lich um eine Aenderung des Namens gehandelt. Dieser Eindruck wird 
zunächst verstärkt durch die Thatsache, dafs auch dynastische Namen 
des gleichen Ortes in schneller Folge einander ablösen: Antigoneta- 
Alexandreia Troas; Gadara-Antiocheia- Seleukeia; Ankore-Antigoneia- 



>) In Phoenikien ist Palaibyblos und Byblos zu vergleichen. Die Phoeniker können 
Überhaupt als Vorgänger der Hellenen auch in der Besiedelungsmethode betrachtet werden. 



371 

Nikaia, auch die c untergegangene» Lysimachea in Aeolis bei Plinius 
(V 122) gehört gewifs hierher. Allein derselbe Strabo, welcher von 
Prusias sagt ^ Kiog ti^tsqw oyofjuxtfd'stisu , erzählt zugleich, dafs Kios 
von Prusias wieder aus seinen Trümmern erbaut sei; und wenn 
Stephanus die Stadt Philippoi nur als eine — beachtenswerther Weise 
auch plurale — Umnennung von Krenides bezeichnet, so ist aus Appian 
(bell. civ. IV p. 106) klar, dafs Philipp den Ort befestigte, aus Diodor 
(XVI. 3, 8), dafs er die Einwohnerzahl stark vermehrte,^) Wenn 
Stephanus vom Kilikischen Seleukeia sagt, dafs es früher auch Olbia 
geheifsen habe, so lehrt Strabo (S. 670) zweierlei, einmal dafs das 
nahe Holmoi gemeint ist, und zweitens, dafs der Zusammenhang nur ih 
der Umsiedelung der Bewohner nach der Diadochengründung bestand. 
Schon diese Fälle zeigen, dafs nicht blos eine Umnennung statt- 
gefunden hat, wo nur von einer solchen die Rede ist; gefehlt hat 
das freilich schon in der Diadochenzeit nicht, wie die Beispiele Ephesos- 
Arsinoe, Tarsos- Antiocheia , Alabanda-Antiocheia, Tralles-Seleukeia- 
Antiocheia, Pleistarcheia-Herakleia erweisen; aber diese Namen hielten 
sich auch eben nicht, fielen ab wie ein loser Behang und Itefsen wieder 
die alten in ungestörter Geltung. Ja sogar wo, wie bei Patara, von 
einer eingreifenden Thätigkeit des Ptolemaios Philadelphos , von einer 
ijwhtevfq gesprochen wird, welche die Umnennung Arsinoe nach sich 
zog, heifst es doch iTt&tqdtffis di to iS a^X^ ovofAa. Wir werden also 
annehmen dürfen, dafs, wo diese Namen sich erhalten haben, das nirgends 
ohne Grund geschehen ist : wie bei Prusias-Kios, so ist es bei Apameia-Myrlea 
die Aufrichtung der zerstörten Stadt, bei Philippoi-Krenides die Befestigung 
und Vergröfserung, bei Nikaia wohl ein Neubau an alter Stelle (wie 
ein Vergleich von Stephan, u. d. W. mit Strabo S. 566 lehrt), bei 
Nikomedeiä eine Wegrückung vom alten Punkt, die aber durch ein 
Wunder beim Opfern motivirt ward; ähnliches meldete die Sage 
(Paus. Vn 5, 2) von Smyma, das 20 Stadien fern von seiner alten un- 
bequemen Stelle neu gegründet ward (Strabo 646); endlich heifst es 
vom I6g)ag Kshuvw bei Strabo (S. 578): irrev^sr (T dratmlöüg rovg 
di^Qomavg 6 Suit^q Hrrtoxog ftg %ipf vvv ^Tca/ufiav %^ fJi^Qog inciwfjboy 
T^ Tvahv ajtidsi^sv IdTtdikoq. Finden wir nun, dafs zu den allermeisten 
dynastischen Namen von Städten in Kleinasien — und sonst — die 
Ueberlieferung noch einen andern setzt, der nicht selten ausdrücklich 
als ein früherer bezeichnet wird, so folgt daraus, dafs die Diadochen- 



1) Wie dergleichen im Einzelnen zuging, ist in der einzigen, noch nicht genug ge- 
würdigten Inschrift von Teos, Lebas no 86 zu lesen. — Plan von Philippoi bei Heuzey, 
Macedoine pL A. 

24* 



372 

gründungen der Hauptsache nach sich an bestehende Niederlassungen 
anschlössen, diese erweiterten, zusammenzogen, besonders aber der 
neueren Zeit gemäfs zurecht rückten, und gerade dadurch werden sie 
für unsern Zweck charakteristisch. In Griechenland selber war weder 
für diese Thätigkeit Raum, noch lag in den Zeitverhältnissen ein An- 
lafs dazu vor; es ist bezeichnend, dafs die zwei einzigen dynastischen 
Namen auf engerem hellenischen Gebiete Lysimacheia und Arsinoe da 
in einen so zurückgebliebenen Landestheil wie Aetolien fallen, wo 
freilich ihr Verhältnifs zu früher Bestehendem auch noch der Auf- 
klärung bedarf. An Mantineia hat der Name Antigoneia so wenig 
gehaftet wie Demetrias an Sikyon, trotz der aufserordentlichen Verdienste 
der betreffenden Fürsten um jene Städte; erst in einem Gebiete, das in 
der geschichtlichen Entwicklung Griechenlands völlig zurückgetreten 
war, ist eine Gründung ganz im Sinne der kleinasiatischen entstanden: 
Demetrias am Pagasaeischen Meerbusen. Von Küstenstädten gehören 
in diese Zeit zumeist die als Seestädte zweiter Ordnung charakterisirten 
(oben S. 368), wofür ich Demetrias, Prusias, Apameia, Nikomedeia, 
Smyrna, Attaleia, Seleukeia Kilik. nenne; im Binnenlande sitzen ihre 
Burgen auf mäfsigen Hügeln über fruchtbaren Ebenen, in welche selber 
sie sich hinunterziehen, wie Apameia Kibotos, Seleukeia Sidera, Strato- 
nikeia, Eumeneia (Ramsay, Journal, of Hellen. Stud. IV S. 399) Dionyso- 
polis (Ramsay S. 379), Philadelphia, Hierapolis, Laodikeia. Damak ward 
Magnesia herabgerückt (C. J. 3137), und auch die Verlegung von Gergis 
kann hierher gehören (Str. 616). Statt wie ehedem auf der Wasser- 
scheide zu thronen, steigen diese Orte auch hinab in das Flufsthal, an 
dessen Seiten sie sich malerisch und gartenreich emporziehen: Neocae- 
sarea und wohl auch Apameia Kibotos; etwas anders Nysa und Perga- 
mon. Das bedeutet zugleich ein Motiv, Flufsdurchfurchung des Stadt- 
gebietes, welches kleinasiatische Städte schon früher gekannt haben: 
Apameia (Herod. VE 26, Xenoph. anab. I 2, 7, vgl. auch Strabo 
S. 577), Tarsos (Xenophon anab. I 2, 23 vgl. Strabo S. 673), wohl auch 
Kolossai (Herod. VH 30). Durchflossen war im Mutterlande die späte 
Megalopolis; Mantineia und Elis sind dagegen erweislich erst durch 
allmäliche Ausbreitung dahin gelangt, keineswegs darauf angelegt. 
Dasselbe war wohl bei Tralles der Fall, das sich ursprünglich gewifs 
auf die Burg beschränkte (Plin. V 108 perfunditur Thebäite). Es 
mufste ja schltefslich nicht selten dahin kommen, wenn die alten Landcap- 
städte sich nach unten über den Zusammenflufs hinaus ausbreiteten. 

Wie die Diadochengründungen die grofsen Verkehrsstrafsen be- 
zeichnen, hat schon Droysen bemerkt (m, 2 S. 266). Das aufmerk- 



373 

same Auge lernt diese Anlagen bald unterscheiden; wenn ich ein 
Gleichnifs aus der Kunstentwickelung entlehnen darf, so erscheinen sie 
wie jene anmuthigen, flüssigen Schöpfungen, welche nach Zeiten grofser 
Blüthe lange und in grofsen Massen produdrt worden sind. 

Von dauernder Anziehung und unerschöpflichem Interesse sind 
aber auch hier nur die Vertreter des Archaismus und der Blüthe. Ja 
selbst das Archaistische fehlt nicht ganz und verräth sich auch hier 
durch seine Inconsequenz. Messene sollte zwei Rollen vereinen, die 
einer Veste im alten Sinne und einer Wohnstadt im neuen; das war 
nicht lebensfähig. Rühmend sagt Strabo wie etwas nicht Gewöhnliches 
von seiner Vaterstadt aus: mlewg afta %€ xcu (pQOVQiov 7Ux^xB<tdtu 

Die Römer haben im Osten der griechischen Städtewelt keinen 
neuen typischen Zug hinzugefugt, aber es ist eine bemerkenswerthe 
Thatsache, dafs unter ihrer Herrschaft die Städte auch des ältesten 
überlebten Typus, wie Sagalassos, Termessos eine Nachblüthe feiern, 
einen ruhigen Spätsommer haben von ungewöhnlicher Dauer. 

Vom Typus der Diodochenstadt gab es keinen weiteren Fort- 
schritt, sondern nur Rückgang, und zwar nicht Rückgang auf die ver- 
kehrstüchtige feste Stadt, — denn diese ist nur Station auf dem Wege 
des Aufschwunges, sondern Sprung auf den alten festen binnenlän- 
dischen Typus. Dieser ist der lebensfähigste aller, er überdauert in 
der Stille jeden Wechsel, und wie er das erste Asyl der Menschen 
war, so ward er ihr letztes, aber doch so, dafs er immer wieder zum 
Ausgangspunkt neuer Entwickelung werden kann. Da herrscht kein 
Stillstand, sondern Leben und Bewegung. 

Sikyon beschränkte schon Demetrios auf die Oberstadt, in Theben 
ward nach des Pausanias Bericht nur noch die Burg bewohnt, Akro- 
korinth ward wieder Stadt; auch die Wanderung Spartas nach Mistra 
gehört in diesen Zusammenhang. Wenn nun Sparta wieder aufgelebt 
ist an seiner alten Stelle, wenn die Korinther hinabgewandert sind 
bis an 's Meer nach Lechaion, wenn am Krissaeischen Meerbusen, 
über dem Delphi durch keinen Glauben mehr gehalten wird, Galaxidi 
emporblüht und neben Athen der Peiraeius sich wieder zu einer Stadt 
entwickelt hat, — um nur weniges zu nennen — so sind das Zeichen 
der Zeit, welche, so einfach sie auch erscheinen mögen, doch erst 
durch die Analogie des Alterthums ihre tiefere Bedeutung erhalten. — 



XXYI. 



CHRISTIAN BELGER 



Goethes und Schillers Beschäftigung 
mit der Poetik des Aristoteles. 



«'vJleiches wird nur durch Gleiches erkannt 1> Dieser Satz der 
alten Philosophie mag zwar, zu weit ausgedehnt, üble Consequenzen 
haben: auf dem Gebiete des Ethischen aber, oder wo es sich um die 
Würdigung einer geistigen Leistung in ihrem vollen Werthe handelt, hat 
er unbedingte Gültigkeit. Die moderne Psychologie könnte dafür, 
freilich lange nicht so tief und schlicht, etwa sagen: ceine Vor- 
stellung kann nur dann apperdpirt werden, wenn eine apperci- 
pirende Vorstellungsmasse bereits vorhanden ist». Belehrt also wird 
durch ein philosophisches System nur der, welcher die Vorstufen 
desselben in sich selbst in eigenem Denken durchgemacht hat oder 
sie wenig3tens historisch kennt. Wer ohne Kenntnifs der Bedingungen, 
welche es in der Seele des Philosophen hervorriefen, an dasselbe 
herantritt, wird es vielleicht gedächtnifsmäfsig in sich aufnehmen, aber 
keinen Augenblick vor den gröbsten Irrungen sicher sein. 

Von diesem Gesichtspunkte aus liefse sich eine Geschichte des 
Verständnisses, oder auch des Mifsverständnisses überlieferter Schrift- 
und Kunstdenkmäler schreiben; besonders belehrend aber werden 
solche Werke der Vergangenheit sein, welche von vornherein grofse 
Autorität hatten und dieselbe durch die Jahrhunderte sich erhielten. 
Zu ihnen gehören in erster Linie die Werke des Aristoteles, und von 
ihnen wieder war besonders verbreitet die Poetik. 

Die Autorität dieses kleinen Büchleins war so grofs, dafs selbst 
bis auf unsere Tage eine grofse Anzahl der Aesthetiker glaubten, eine 
Theorie oder ein Kunstwerk von vornherein verwerfen zu müssen, 
wenn es mit des Aristoteles Lehren nach ihrer Meinung nicht überein- 
stimmte; es entstand daraus die grofse Gefahr, dafs jeder seine eigene 
Ansicht in den Aristoteles, hinein interpretirte, wenn er sie nicht darin 



378 

fand, wie sich dies namentlich in dem heute noch geführten Streite um 
die xä-9'ccQ(Ug täv TtaS^ihdrcav zeigt. 

Dieser Irrthum ruht auf einer irrigen Voraussetzung über die Ent- 
stehung der Poetik. Die Poetik ist nicht eine allgemeine Aesthetik, 
auf speculativem Wege aus allgemeinen Sätzen abgeleitet, sondern 
bietet eine abschliefsende Betrachtung der bis Aristoteles erreichten 
Entwicklung des griechischen Epos und Dramas; sie ist mehr 
Formulirung des Gegebenen als Construction von Neuem. Sie zeigt 
nur im treuen Spiegelbilde, was die griechische Kunst wirklich ist, 
sie geht Schritt für Schritt von den vorliegenden Kunstwerken aus, 
beschreibt uns in Folge dessen selbst Nebensächliches, und nur soweit 
die griechische Kunst auch an sich Vollendetes geschaffen hat, sind 
ihre Sätze auch über das Griechenthum hinaus bindend. Einen recht 
deutlichen Beweis liefert das ausfuhrliche Capitel über die Erkennungs- 
scenen. Wir werden uns darüber aber nicht wundem, wenn wir allein in 
Sophokles' Elektra acht solcher avayvo^Utsig verschiedener Art finden: 
wer jedoch etwa eine deutsche Poetik von der deutschen Kunst aus 
schreiben wollte, würde diesen Punkt nur nebensächlich berühren. 

Die Poetik ist also auch in dieser Hinsicht ein treffliches Beispiel für 
Aristoteles* Methode: er sammelt, erklärt und vertieft das Vorliegende, 
seien es nun Thatsachen oder Meinungen, wie in unserer Schrift die 
inductiv aus der Betrachtung griechischer Dichtungen gefundenen Sätze 
und die namentlich von Plato bereits aufgestellten Theorien. Wie er 
an diese anknüpft, bald abweisend, bald weiterbauend, habe ich in 
der Dissertation De Aristotele etiam in arte poetica componenda 
Piatonis discipulo nachgewiesen. Aus dieser Entstehung der Schrift 
erklärt sich auch, warum über den Begriff der Schönheit, welcher in 
einer speculativen Aesthetik an der Spitze stehen würde, keinerlei 
Untersuchung in ihr angestellt wird. Das Verständnifs der Poetik 
aber richtet sich nunmehr nach der Regel: Je mehr der Erklärer 
deductiv gefundene, allgemein gültige Wahrheiten in ihr sucht, desto 
gröfsere Gefahr des Mifsverständnisses läuft er, je deutlicher er einsieht, 
dafs wir zunächst nur eine griechische Poetik, aus g^echischen Kunst- 
werken abstrahirt, vor uns haben, desto sicherer wird er gehen. 

Vor Lessing krankt die gesammte Betrachtung der Aristotelischen 
Dichtkunst an dem bezeichneten Fehler, und wir lernen sein grofses 
Verdienst erst recht würdigen, wenn wir seine Vorgänger lesen. Un- 
abhängig von ihm aber hat Schiller die zeitliche Bedingtheit des 
Griechen noch viel schärfer ausgesprochen, und seine Aeufserungen 
gehören zu dem Besten, was über die Poetik überhaupt gesagt worden 



379 

ist. Wie die Entwicklung seines eigenen Geisteslebens zu diesem 
richtigen Urtheile führte, um cGleiches durch Gleiches» erkennen zu 
können, verdient wohl ein allgemeines Interesse. 

Schiller, der kühne, speculative Denker, der begeisterte Anhänger 
Kants, hatte von vornherein ein Vorurtheil gegen den inductiv ver- 
fahrenden Aristoteles und würde kaum zu ihm gegriffen haben, wenn 
ihn nicht Goethe darauf hingewiesen hätte; da in jener glücklichen 
Periode beider Gedanken nur in ihrer gegenseitig aufeinander 
wirkenden Kraft betrachtet werden können, dürfen wir auch hier 
Schiller nicht allein behandeln; es wird sich aber zeigen, dafs er, 
soweit wenigstens die Theorie der Kunst in Betracht kommt, meist 
der anregende, Goethe mehr der empfangende ist. 

Nach der ersten Periode dramatischer Fruchtbarkeit, in welcher 
sich Schiller cein eigenes Drama nach seinem Talent» gebildet hatte 
(Schiller-Kömer, 25. Febr. 1789), drängte ihn sein philosophischer Geist, 
auch über die Gesetze der Kunst sich klar zu werden, welcher er mit 
allen Kräften diente: er fand nicht eher die innere Freiheit neuen 
Schaffens, ehe er nicht dieser selbstgestellten Aufgabe genügt hätte. «Ehe 
ich nicht meine dunklen Ahnungen von Regel und Kunst in klare 
Begriffe verwandelt habe, lasse ich mich auf keine dramatische Aus- 
arbeitung ein» (1. 1. 26. Novbr. 1790). Dieser Vorsatz zeitigte eine 
Reihe herrlicher Abhandlungen über verschiedene ästhetische Gegen- 
stände, namentlich auch über die tragische Kunst, welche in den 
Thalien und den Hören erschienen, und mit der grofsen Abhandlung 
über naive und sentimentalische Dichtung 1796 abschlössen. Eine 
grofse Untersuchung, welche den Namen Kallias tragen und haupt- 
sächlich dem Begriffe des Schönen dienen sollte, beschäftigte ihn jahre- 
lang, kam aber nicht zum Abschlufs, und wahrscheinlich hat ihn gerade 
dieses Problem allmählich ermüdet und wieder zur praktischen Aus- 
übung seines eigentlichen Berufes, den des dramatischen Dichters ge- 
leitet. Er führte mit Kömer weitläufige Unterhaltungen über den 
Begriff des Schönen, Unterhaltungen, welche auf die Dauer den Ein- 
druck des Mühseligen immer deutlicher hervortreten lassen. Und wir 
wundern uns nicht darüber; denn die Schönheit läfst sich nicht in 
Begriff fassen. 

Bei diesem Versuche, das tiefe Geheinmifs der Schönheit zu 
ergründen, hatte er sich für den deductiven Weg entschieden: «Die 
Untersuchungen über das Schöne, wovon beinahe kein Theü der 
Aesthetik zu trennen ist, fuhren mich in ein sehr weites Feld, wo für 
mich noch ganz fremde Länder liegen. Die Schwierigkeit, einen 



38o 

Begriff der Schönheit objectiv aufzustellen und ihn aus der Natur der 
Vernunft a priori zu legitimiren, so dafs die Erfahrung ihn zwar 
durchaus bestätigt, aber dafs er diesen Ausspruch der Erfahrung zu 
seiner Gültigkeit gar nicht nöthig hat, — diese Schwierigkeit ist fast un- 
übergehbar» (1. 1. 25. Januar 1793). Und ferner: dch habe einen doppelten 
Weg vor mir, Dich in meine Theorie hineinzuführen: einen sehr unter- 
haltenden und leichten, durch die Erfahrung, und einen sehr reizlosen, 
durch Vemunflschlüsse. Lafs mich den letzten vorziehen; denn ist 
der einmal zurückgelegt, so ist das Uebrige desto angenehmer» 
(1. 1. 8. Febr. 1793). 

Während er sich nun redlich bemüht, auf diesem Wege sein Ziel 
zu erreichen, hatte er doch für sein Studium den anderen glücklicher- 
weise nicht aufser Acht gelassen; denn schon 1790 nimmt er neben 
der theoretischen Aesthetik das genaue Studium der griechischen 
Tragödie in sein Arbeitsprogramm auf (1. 1. 26. Novbr. 1790). Ja 
als gegen das Jahr 1797 der reinen Aesthetik und der Jagd nach 
dem Begriff des Schönen müde war, vertiefte er sich so in das Studium 
der Griechen, dafs er eine ganze Reihe von Sätzen, namentlich aus 
den Tragödien des Sophokles ableitete, welche mit den von Aristoteles 
aus derselben Quelle geschöpften sich fast wörtlich decken. Er hatte 
sich entschlossen, den Wallenstein zu einem Drama zu gestalten und 
las gleichzeitig die griechischen Tragiker, besonders den Sophokles. 
Mit Goethe unterhielt er sich lebhaft über die neu aufgehenden Ge- 
danken. Schon am 18. März 1796 schreibt er ihm: «Jetzt bin ich erst 
an dem Knochengebäude, und ich finde, dafs von diesem, ebenso wie 
in der menschlichen Struktur, auch in dieser dramatischen alles ab- 
hängt», und am 4. April 1797: «Ich finde, je mehr ich über mein 
eigenes Geschäft und über die Behandlungsart der Tragödie bei den 
Griechen nachdenke, dafs der ganze cardo rei in der Kunst liegt, eine 
poetische Fabel zu erfinden». Welcher Leser der Poetik dächte dabei 
nicht sofort an den fivdvg, welcher der Tragoedie Seele ist! 

Ein anderer, nicht minder wichtiger Funkt, findet sich in demselben 
Briefe: «der Neuere schlägt sich mühselig und ängstlich mit Zufällig- 
keiten und Nebendingen herum, und über dem Bestreben, der Wirklich- 
keit recht nahe zu kommen, beladet er sich mit dem Leeren und 
Unbedeutenden, und darüber läuft er Gefahr, die tiefliegende Wahr- 
heit zu verlieren, worin eigentlich alles Poetische liegt. Er möchte 
gern einen wirklichen Fall vollkommen nachahmen und bedenkt nicht, 
dafs eine poetische Darstellung mit der Wirklichkeit eben darum, 
weil sie absolut wahr ist, niemals coincidiren kann»l 



381 

Weiter ausgeführt wird dieser Gedanke an dem concreten Beispiel 
der Dejaneira: cWie ganz ist sie die Hausfrau des Herkules, wie indi- 
viduell, wie nur für diesen einzigen Fall passend ist dies Gemälde, 
und doch wie tief menschlich, wie ewig wahr und allgemein». 
Ferner heifst es: cDie Charaktere des griechischen Trauerspiels sind 
mehr oder weniger idealische Masken und keine eigentlichen Indi- 
viduen.» In dem zuerst angeführten Ausspruche richtet sich die 
Polemik gegen die, welche die Illusion gern absolut vollenden möchten. 
Fast komisch wirkt es, wenn man liest, mit welchem Ernst Gottsched 
und seine Nachfolger z. B. die drei Einheiten daraus ableiten, dafs 
jeder Zuschauer an demselben Ort etwa drei Stunden sitzen bleibe 1 
Wie aber durch ihre strenge Beobachtung gerade das Gegentheil er- 
reicht wird, die gröfste Unwahrscheinlichkeit der Handlung, brauche 
ich nicht auszuführen. Wer aber erinnert sich nicht bei der Ver- 
gleichung der absoluten poetischen Wahrheit mit der vom Zufall 
regierten Wirklichkeit im neunten Kapitel der Poetik? Was sind die 
idealischen Masken anders als das xad'oXav des Aristoteles im Gegen- 
satze des xa^' ixatnoy} 

Wenn weiter Schiller sagt (7. April): «Es geschähe den Poeten 
und Künstlern schon dadurch ein grofser Dienst, wenn man nur erst 
ins Klare gebracht hätte, was die Kunst von der Wirklichkeit weg- 
nehmen oder fallen lassen mufs», so sollte er auch hierüber bald im 
Aristoteles treffende Worte finden. Ich möchte aus dieser Stelle 
schliefsen, dafs Schiller damals die Dramaturgie Lessings noch nicht 
gelesen hatte, mindestens aber, dafs ihm ihr Inhalt nicht mehr recht 
gegenwärtig war; sonst wäre ihm wohl eingefallen, dafs gerade über 
diesen Punkt Lessing im Anschlufs an Aristoteles vielfach sich aus- 
spricht; auch ist die Art, wie Schiller über die Dramaturgie später 
redet, ganz geeignet, diese Meinung zu unterstützen. Er sagt nämlich 
am 4. Juni 1799: «Ich lese jetzt Lessings Dramaturgie, die in der 
That eine sehr geistreiche und belebte Unterhaltung giebt.» Das klingt, 
als läse er sie jetzt zum ersten Male; wie einer, der von dem Buch 
hat reden hören, der es selbst aber noch nicht kannte. Dieser Punkt 
ist darum von Wichtigkeit, weil unter dieser Voraussetzung die oben 
angeführten Gedanken Schillers ganz eigene Production sind: denn zu 
den landläufigen gehörten sie in jener Zeit nicht. 

Ja, soweit ging der Umschwung in Schillers Werthschätzung der 
deductiven Aesthetik, dafs er am 27. Juni 1798 an Wilhelm von Hum- 
boldt schreiben konnte: «Sie müssen sich nicht wundem, lieber Freund, 
wenn ich mir die Wissenschaft und die Kunst in einer gröfseren Ent- 



382 

fernung und Entgegensetzung denke, als ich vor einigen Jahren viel- 
leicht geneigt gewesen bin. Meine ganze Thätigkeit hat sich gerade 
jetzt der Ausübung zugewendet und ich erfahre täglich, wie wenig der 
Poet durch allgemeine, reine Begriffe bei der Ausübung gefördert 
wird, und wäre in dieser Stimmung zuweilen unphilosophisch genug, 
alles, was ich selbst und andere von der Elementarästhetik wissen, für 
einen einzigen empirischen Vortheil, für einen Kunstgriff des Hand- 
werks hinzugeben. In Rücksicht auf das Hervorbringen werden Sie 
mir zwar selbst die Unzulänglichkeit der Theorie einräumen, aber ich 
dehne meinen Unglauben auch auf das Beurtheilen aus und möchte 
behaupten, dafs es kein Gefäfs giebt, die Werke der Einbildungskraft 
zu fassen, als eben diese Einbildungskraft selbst». 

Wenn dieser Brief zwar erst von 1798 stammt, so zeigen doch 
die Briefe an Goethe von 1797 schon dieselbe Stimmung. In dieser 
Zeit, da Schiller, der reinen Theorie müde, an den griechischen Dichtem 
inductiv zu abstrahiren begann, that Goethe einen guten Griff, indem 
er sich eines vor langer Zeit gelesenen und lange vergessenen Büch- 
leins zur rechten Stunde erinnerte. Er schreibt am 28. April 1797: «Ich 
habe die Dichtkunst des Aristoteles wieder mit dem gröfsten Ver- 
gnügen durchgelesen; es ist eine schöne Sache um den Verstand in 
seiner höchsten Erscheinung. Es ist sehr merkwürdig, wie sich Aristo- 
teles blos an die Erfahrung hält, und dadurch, wenn man will, ein wenig 
zu materiell wird, dafür aber meistens desto solider auftritt. So war 
es mir auch sehr erquickend zu lesen, mit welcher Liberalität er die 
Dichter gegen Grübler und Krittler in Schutz nimmt, immer nur aufs 
Wesentliche dringt und in allem anderen so lax ist, dafs ich mich an 
mehr als einer Stelle verwundert habe. Dafiir ist aber auch seine 
ganze Ansicht der Dichtkunst und der besonders von ihm begünstigten 
Theile so belebend, dafs ich ihn nächstens wieder vornehmen werde, 
besonders wegen einiger bedeutender Stellen, die nicht ganz klar sind 
und deren Sinn ich wohl erforschen möchte. Freilich über das epische 
Gedicht findet man gar keinen Aufschlufs in dem Sinne, wie wir ihn 
wünschen.» 

Wenn hier Goethe Aristoteles als den Verstand in seiner höchsten 
Erscheinung bezeichnet, so kann damit nur gemeint sein die empirische 
Richtung seiner Untersuchung, die gerade den entgegengesetzten Weg 
einschlägt, als die oben von Schiller characterisirte Vernunft, welche 
rein durch Vernunflschlüsse, von aller Erfahrung absehend, a priori 
den Begriff des Schönen konstruiren wollte. 



383 

Interessant ist es, bei Göthe zu sehen, wie dasselbe Buch unter 
verschiedenen Bedingungen ganz verschieden auf ein und denselben 
Menschen wirken kann. Mit welchem Interesse er in seiner Jugend 
ästhetische Untersuchungen verfolgte, ist aus den schönen Worten 
aus Dichtung und Wahrheit bekannt, welche den Eindruck des 
Lessingschen Laokoon auf ihn schildern. In jener frühen Zeit aber 
hat er auch , vielleicht gerade durch Lessings Schriften angeregt, 
Aristoteles' Poetik zum ersten Mal gelesen. Er schreibt wenigstens 
am 6. Mai 1797 an Schiller: «Ich bin sehr erfreut, dafs wir gerade 
zur rechten Stunde den Aristoteles aufgeschlagen haben. Ein Buch 
wird doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird. Ich er- 
innere mich recht gut, dafs ich vor 30 Jahren diese Uebersetzung 
gelesen und doch auch von dem Sinne des Werkes garnichts begriffen 
habe.t Aus dem angeführten Datum ergiebt sich, dafs Goethe 1767, 
also noch als Student zu Leipzig, das Buch von der Dichtkunst las; 
es blieb ihm unverständlich, weil er die griechische Literatur noch 
sehr wenig kannte: «Ich wandte mich wieder, so erzählt er von seiner 
Leipziger Zeit, gegen die geliebten Altert, die noch immer, wie ferne, 
blaue Berge, deutlich in ihren Umrissen und Massen, aber unkenntlich 
in ihren Theilen und inneren Beziehungen, den Horizont meiner 
geistigen Wünsche begrenzten t (Dichtung und Wahrheit, VII). 

Dafs Goethe die Uebersetzung von Curtius vor sich hatte, lehrt 
ein Brief Schillers an Körner vom 3. Juni 1797. Er meldet dem 
Freunde seine Freude: «Du mufst Aristoteles selbst lesen. Ich las 
ihn nach einer deutschen Uebersetzung von Curtius, die in Hannover 
vor langer Zeit erschienen ist.» Goethe aber schrieb in dem schon 
angeführten Briefe: «Ich erinnere mich, dafs ich diese Uebersetzung 
vor 30 Jahren gelesen habe.» 

Ist es schon von hohem Interesse, dieses Buch zu studiren, um 
danach das gewaltige Verdienst Lessings, welcher vielfach auf dasselbe 
Rücksicht nimmt, recht zu würdigen, so ist es fiir unseren Zweck un- 
umgänglich, diesen Umweg zu machen, weil Schillers und Goethes 
weiter anzuführende Urtheile nur auf Curtius' Uebersetzung beruhen. 

«Aristoteles' Dichtkunst, in's Deutsche übersetzt, mit Anmerkungen 
und besonderen Abhandlungen versehen, von Michael Conrad Curtius, 
der Königlichen deutschen Gesellschaft in Göttingen Mitgliede. Han- 
nover, verl^'s Johann Christoph Richter. 1753» ist der Titel des be- 
sagten Buches. Es ist entstanden auf Anregung von Gottsched und 
Geliert und athmet denn auch fast in jeder Zeile den Geist derer, die 
seine Geburt forderten. Diesem Einflüsse und der eigenen Schwäche 



384 

des Verfassers verdankt es seine Gestalt. Von historischer Methode, 
die den Schriftsteller aus sich selbst erklärt, findet sich keine Spur; so 
rechnet das erste Kapitel echt gottschedisch die Dichtkunst unter die 
Wissenschaften, indem es nicht etwa das Wissen um die Gesetze der 
Dichtkunst so bezeichnet, was ja berechtigt wäre, sondern den ein- 
zelnen Dichtungsarten selbst jenen Namen zuweist. Die Unterscheidung 
würdiger und niedriger Qiaraktere im 2. Kapitel gestaltet sich in seiner 
Terminologie zum Unterschied zwischen Tugend und Laster, einer Be- 
zeichnung, die durch das ganze Buch sich hinzieht. Das mangelhafte 
Verständnifs des neunten Kapitels hat schon Lessing hervorgehoben 
(Dramat. St. 89); wenn als Abschlufs bei Curtius sich folgendes findet: 
c Aus allem diesen erhellet, dafs ein dramatischer Dichter seine Absicht 
mehr auf den Vers, als auf die Fabel richten müsse», so mag die 
völlige Umkehrung des Gedankens wohl Druckfehler sein, der «drama- 
tische» Dichter aber ist nur des Uebersetzers Eigenthum (d^loy ow ix 
Tovranfj tnh top TOMjtfiv ik&kXov Täv fAiySwv elinu öbX notfp^iiP ^ Tay ydr^v 
c. 9., p. 145 1 b. 27). Welche Vorstellung der Uebersetzer von griechi- 
scher Denkungsart hat, zeigt am besten seine Anmerkung zu der Stelle 
des dreizehnten Kapitels, in der es erklärt wird, warum die Stücke des 
Euripides meist den unglücklichen Ausgang haben. Anm. 169 nämlich 
sagt Curtius: «Ich glaube, dafs die Griechen besondere Ursachen gehabt 
haben, warum ihnen die Trauerspiele mit unglücklichem Ausgange 
reizender erschienen. Sie hegeten einen so unversöhnlichen Königshafs, 
dafs das Unglück eines Prinzen das angenehmste Opfer war, das man 
ihnen bringen konnte. Der unglückliche Ausgang der Könige, den 
die Tragödien abbildeten, schmeichelte also ihren Vorurtheilen : und 
hierin lag vermuthlich der Grund des Vorzuges, den diese Gattung von 
Trauerspielen bei ihnen fand.» Aehnliches findet sich noch vielfach. 
Bereits Lessing hat manchen Fehler dieses, wenn ich so sagen 
darf, in^s Gottschedische übersetzten Aristoteles gerügt: dafs er dem 
jungen Goethe das Verständnifs nicht erleichterte, ist klar; bewundem 
aber müssen wir namentlich Schillers Scharfblick, welcher auch durch 
dieses trübe Glas ein treffendes Bild des Griechen sah. An diesem 
Beispiele namentlich ist mir eine Stelle aus der Charakteristik Schillers 
Mar geworden, welche Wilhelm von Humboldt seiner Ausgabe ihres 
Briefwechsels vorgesetzt hat. Humboldt schreibt p. 16: «Es ist merk- 
würdig, aus welchem kleinen Vorrath des Stoffes, wie entblöfst von 
den Mitteln, welche andere ihm zuführten, Schiller eine sehr vielseitige 
Weltansicht gewann, die, wo n^an sie gewahr wurde, durch genialische 
Wahrheit überraschte.» 



385 

Auf den ersten Brief Goethes, welcher die Poetik erwähnt 
(28. April 1797) antwortet Schiller nichts, wiewohl er zwei Briefe an 
jenen schreibt; der cKantianer» wollte offenbar von Aristoteles nichts 
wissen; nennt er ihn doch noch später in demselben Briefe, in 
welchem er seiner hohen Anerkennung beredten Ausdruck giebt, einen 
nüchternen Kopf, einen kalten Gesetzgeber, einen c solchen Verstandes- 
menschen» (5. Mai 1797). Goethe liefs sich jedoch durch diese 
Ignorirung seiner warmen Empfehlung nicht abschrecken, er urtheilte 
wohl, dafs bei Schillers damaliger geistigen Prädisposition eine grofse 
Wirkung erfolgen müsse, und schickte kurzer Hand ohne weiteren 
Commentar das Buch am 3. Mai 1797 an den Freund: «Hier schicke 
ich den Aristoteles, wünsche viele Freude daran und sage für heute 
nichts weiter.» 

Der Erfolg entsprach durchaus der Erwartung; denn schon zwei 
Tage darauf, am 5. Mai, antwortet Schiller in einem Briefe, dem man 
die* helle Freude in jedem Satze ansieht. Was er selbst allmählich 
bei der Lektüre der griechischen Tragiker gedacht, findet er hier in 
klaren Worten ausgesprochen. Er zeigt nunmehr jenen von Humboldt 
geschilderten genialen Blick, und was man zunächst kaum erwarten 
sollte, eine völlig richtige historische Auffassung von dem eigentlichen 
Wesen der Poetik. Er schreibt: «Ich bin mit dem Aristoteles sehr 
zufrieden, und nicht blos mit ihm, auch mit mir selbst; es begegnet 
einem nicht oft, dafs man nach Lesung eines solchen nüchternen 
Kopfes* und kalten Gesetzgebers den inneren Frieden nicht verliert.» 

«Der Aristoteles ist ein wahrer Höllenrichter für alle, die entweder 
an der äufseren Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich 
hinwegsetzen. Jene mufs er durch seine Liberalität und seinen Geist 
in beständige Widersprüche stürzen; denn es ist sichtbar, wie vielmehr 
ihm um das Wesen, als um alle äufsere Form zu thun ist; und 
diesen mufs die Strenge fürchterlich sein, womit er aus der Natur des 
Gedichts und des Trauerspiels insbesondere seine unverrückbare Form 
ableitet. Jetzt begreife ich erst den schlechten Zustand, in den er die 
französischen Ausleger und Poeten und Kritiker versetzt hat; auch 
haben sie sich immer vor ihm gefürchtet, wie die Jungen vor dem 
Stecken. Shakespear, soviel er gegen ihn. wirklich sündigt, würde 
weit besser mit ihm ausgekommen sein, als die ganze französische 
Tragoedie.» 

Hierzu bedarf es keiner Erklärung: Lessings Dramaturgie bietet 
durchweg reichliche Beispiele für die falsche Erklärungsweise der 
Franzosen; wenn Schiller aber sagt: «es ist sichtbar, wie viel mehr es 

25 



386 

ihm um das Wesen, als um alle äufsere Form zu thun ist,» so giebt 
es der Stellen der Poetik, die sich anfuhren lassen, genug: Aristoteles 
setzt das Wesen der Dichtung nicht in den Gebrauch des Verses, 
sondern die Behandlung des Stoffes. Wenn er z. B. im 9. Kapitel 
(Curtius) sagt: cDie Geschichtsschreiber und Dichter unterscheiden sich 
nicht durch die gebundene oder ungebundene Schreibart,» so Cand 
Schiller seine eigene Meinung wieder, die er in seinem Briefe an Kömer 
(26. März 1790) aussprach: cAuch in Prosa würde Deine Epistel 
Gedicht bleiben, und dies ist die eigentliche Probe; denn der Vers 
macht kein Gedicht.» Das ganze 9. Kapitel befreit den Dichter von 
dem sklavischen Festhalten an dem geschichtlich Ueberlieferten; es 
würde zu weit fuhren, die am Tage liegenden Beweise hier zusammen- 
zustellen, das ganze 25. Kapitel aber schlägt der französischen und 
Gottschedischen Praxis so direkt in's Gesicht, dafs Goethe und Schiller 
wohl besonders dieses vor Augen hatten, wenn sie von der Liberalität 
des Aristoteles sprechen, die bis zur Laxheit geht. Läfst er doch, 
wenn dadurch das Kunstwerk besser wird, sogar zu, dafs der Künstler 
der Hirschkuh Geweihe giebt. Ich glaube, im Vorbeigehen davon zu 
sprechen, dafs dem Aristoteles bei diesem Passus die sehr bekannte 
und alte Gruppe des Herakles vorgeschwebt hat, welcher die Hindin 
ereilt hat und sie mit den Händen am Greweih festhält 

Wenn Schiller weiter sagt: «Den Verächtern aller Form mufs die 
Strenge fürchterlich sein, womit er aus der Natur des Gedichtes, und 
des Trauerspiels insbesondere, seine unverrückbare Form ableitet,» 
so mochte er an das 6. — 8. Kapitel, in denen die Beschaffenheit der 
Fabel genau festgestellt wird, an das 9., welches den Dichter bindet, 
immer durch Ursache und Wirkung fortzuschreiten, und hauptsächlich 
an das 13. und 14. denken, welche beide die Grenzen ziehen, innerhalb 
deren der Dichter bei der Wahl seiner Charaktere sich bewegen darf. 
Vielleicht, dafs Schiller dabei seiner eigenen Produktionen gedachte, 
von denen Don Carlos bedenklich mit den Forderungen der Einheit 
der Handlung und der Gleichmäfsigkeit der Charaktere in CoUision 
geräth. Daher ist es auch begreiflich, dafs er bei der Lesung der 
Poetik seinen c inneren Frieden» wenigstens gefährdet fühlte. 

In Widersprüche aber mit sich selbst müssen durch Aristoteles 
die Regelpedanten gerathen, weil er dem Dichter erlaubt, gegen alle 
Illusionsgesetze zu verstofsen, an denen jene hängen, wenn anders er 
durch die Verletzung einen höheren Erfolg erzielt (c. 25). 

Schiller fahrt dann fort: «Indessen bin ich sehr froh, dafs ich ihn 
nicht früher gelesen; ich hätte mich um ein grofses Vei^nügen und 



3»; 

um alle Vortheile gebracht, die er mir jetzt leistet. Man mufs 
über die Grundbegriffe schon recht klar sein, wenn man ihn mit 
Nutzen lesen will ; kennt man die Sache, die er abhandelt, nicht schon 
vorläufig gut, so mufs es gefährlich sein, bei ihm Rath zu holen, t 

Wie angelegentlich Schiller über den vorliegenden Gegenstand 
selbst nachgedacht, haben wir gesehen; nicht ausgeführt ist dabei, 
inwiefern er, und mit ihm die moderne Tragödie, über den Aristoteles 
hinaus gewachsen ist. 

So möchte auch die Gefahr, welche Schiller in einer verfrühten 
Lektüre des Buches sieht, darin liegen, dafs der Anfänger leicht durch 
die strenge Ableitung der aristotelischen Regeln in seinem Blicke für 
die Gegenwart befangen wird, eine Gefahr, der Lessing nicht ganz ent- 
gangen ist. 

Es folgt im Schiller'schen Briefe ein Passus, der die einzig 
richtige Würdigung der Poetik möglich macht: «Ganz aber kann 
er sicherlich nie verstanden oder gewürdigt werden. Seine ganze An- 
sicht des Trauerspiels beruht auf empirischen Gründen: er hat eine 
Masse vorgestellter Tragödien vor Augen, die wir nicht mehr vor 
Augen haben; aus dieser Erfahrung heraus raisonnirt er, uns fehlt gröfs- 
tentheils die ganze Basis seines Urtheils.t — Erkennt man aber dieses 
an, so ist damit zugleich gegeben, dafs des Aristoteles Ansicht nicht für 
alle Zeiten bindend sein kann, mindestens dafs ganze Gattungen über 
seine Poetik hinaus wachsen können. Schiller fahrt fort: «Nirgends 
beinahe geht er von dem Begriff, immer nur von dem Factum der 
Kunst und des Dichters und der Repräsentation aus; und wenn seine 
Urtheile dem Hauptwesen nach ächte Kunstgesetze ') sind, so haben 
wir dieses dem glücklichen Zufalle zu danken, dafs es damals Kunst- 
werke gab, die durch das Factum eine Idee realisirten, oder ihre 
Gattung in einem individuellen Falle vorstellig machten, t 

Es leuchtet sofort ein, wie diese Art der Kunstbetrachtung grade 
Schiller frappiren mufste, da sie seiner eigenen Weise, sich des Gegen- 
standes zu bemächtigen, so durchaus entgegengesetzt ist, und er sich 
damals gerade in dem Uebergange zu derselben Methode befand. 
«Nirgends beinahe geht er vom Begriff aus»; heifst es; die Fälle, in 
denen er es doch thut, sind wohl z. B. das siebente Kapitel, wo aus 
dem Begriff der Schönheit im Allgemeinen das rechte Mafs für die 



i) In der dritten Ausgabe des Brietwechsels (Cotta 1870) steht hier: cKunstgesetze» ; 
in Boxbergers revidirter Ausgabe (Spemann): «Kunstschätze». Vollmers nach den Ori- 
ginalbriefen gemachte Ausgabe ist mir augenblicklich nicht zugänglich. 



388 

Fabel abgeleitet wird, oder das achte, welches aus dem Begriff der 
Einheit heraus ganze Gattungen von Gedichten zurückweist, clmmer 
nur,t fahrt Schiller fort, «geht er voh dem Faktum der Kunst und des 
Dichters und der Repräsentation aus.t 

Für diese Behauptung ist die ganze Poetik ein fortlaufender Be- 
weis; nach den faktisch gegebenen Darstellungsmitteln, den Gegen- 
ständen, der Art der Darstellung gliedert sich die ganze Kunst, nach 
im Menschen natürlich gegebenen Bedingungen wird und wächst sie 
(c. 4), nach gegebenen Charakteranlagen des Dichtenden spaltet sie 
sich in die beiden Hauptarten ; aus der empirisch beobachteten mensch- 
lichen Natur, der Constatirung dessen, was sie erfreut, wird die Defini- 
tion des Trauerspiels abgeleitet (c. 6), und aus ihr, also mittelbar immer 
wieder aus dem Faktum des Dichters und der Repräsentation, die 
übrigen Gesetze der Tragödie (13, 14); aus dem Faktum der Bühnen- 
auflfiihrung die 6 Theile (c. 6); und gewisse Unterschiede zwischen 
Epos und Drama (c. 24 «das Heldengedicht hat zur Ausdehnung seiner 
Gröfse viele Vortheile, die dem Trauerspiel fehlen: weil dieses nicht 
viele Begebenheiten zugleich, als zu einer Zeit geschehen, vorstellen 
kann, sondern sich in die Handlung einschliefsen mufs, welche wirklich 
auf der Bühne vorgestellt wird. Das Heldengedicht aber kann, weil 
es eine Erzählung ist, viele Geschichten zugleich zu Ende bringen t 
etc.). Die verschiedenen Versmafse der Dichtungsgattungen ferner 
werden eben so, als von der Erfahrung gegeben, aufgenommen, (c. 4. 
«Da man aber einen anständigen Ausdruck fiir das Trauerspiel wählte, 
fand die Natur von selbst das gehörige Silbenmafs: denn die jam- 
bische Versart kömmt der ungebundenen Rede am nächsten.») 

Die gegebenen Nachweisungen, weit entfernt, den Stoff erschöpfen 
zu wollen, werden doch genügen, klar zu machen, was Schiller meinte. 
In dem Schlufssatze, dafs die Lehren des Ar. nur insoweit echte 
Kunstgesetze sind, als die griechischen Tragödien mustergültige Werke, 
ist genau der Werth, aber auch der Grenze der Aristotelischen Lehre 
fes^estellt. 

Im Folgenden bestimmt Schiller weiter die Art des Aristotelischen 
Buches: «Wenn man eine Philosophie über die Dichtkimst, so wie 
sie jetzt einem neueren Aesthetiker mit Recht zugemuthet werden 
kann, bei ihm sucht, so wird man nicht nur getäuscht werden, sondern 
man wird auch über seine rhapsodische Manier und über die seltsame 
Durcheinanderwerfung der allgemeinen und der allerpartikularsten 
R^eln, der logischen, prosodischen, rhetorischen und poetischen Sätze 
etc. lachen müssen, wie z. B., wenn er bis zu den Vocalen und Con- 



389 

sonanten zurückgeht. Denkt man sich aber, dafs er eine individuelle 
Tragödie vor sich hatte und sich um alle Momente befragte, die an 
ihr in Betrachtung kamen, so erklärt sich alles leicht, und man ist sehr 
zufrieden, dafs man bei dieser Gelegenheit alle Elemente, aus welchen 
ein Dichterwerk zusammengesetzt wird, recapitulirt.» Der Ausdruck: 
«alle Momente, die an ihr in Betracht kommen t für «Theile der Tra- 
gödie» ist sehr glücklich und erst in neuster Zeit wieder von Vahlen 
(Rangfolge der Theile) angewendet worden; die Erklärung, welche 
Schiller für die vermeintliche Sonderbarkeit des Arist. giebt, übersieht 
nur das eine, dafs dazumal die Wissenschaften noch nicht so 
scharf geschieden waren wie heute, dafs namentlich grammatische 
Untersuchungen noch als etwas Neues auftraten und ihren festen Platz 
noch nicht hatten. 

Im Folgenden kommt Schiller auf den Punkt zu sprechen, um 
welchen sich sein Briefwechsel mit Goethe damals bewegte, die 
Eigenart von Epos und Drama; «Ich wundere mich gar nicht darüber, 
dafs Arist der Tragödie den Vorzug vor dem epischen Gedicht giebt: 
denn so wie er es meint, obgleich er sich nicht ganz unzweideutig 
ausdrückt, wird der eigentliche und objective poetische Werth der 
Epopöe nicht beeinträchtigt. Als Urtheiler und Aesthetiker mufs er 
von derjenigen Kunstgattung am meisten satisfacirt sein, welche in 
einer bleibenden Form ruht und über welche ein Urtheil kann abge- 
schlossen werden. Nun ist dies offenbar der Fall bei dem Trauerspiel, 
so wie er es in den Mustern vor sich hatte, in dem das einfachere 
und bestimmtere Geschäft des dramatischen Dichters sich weit leichter 
begreifen und andeuten läfst, und eine voUkommnere Technik dem 
Verstände weist, eben des kürzeren Studiums und der geringeren 
Breite wegen. Ueberdem sieht man deutlich, dafs seine Vorliebe für 
die Tragödie von einer klareren Einsicht in dieselbe herrührt, dafs er 
von der Epopöe eigentlich nur die generisch-poetischen Gesetze kennt, 
die sie mit der Tragödie gemein hat, und nicht die spezifischen, wo- 
durch sie sich ihr entgegensetzt; deswegen konnte er auch sagen, dafs 
die Epopöe in der Tragödie enthalten sei, und dafs einer, der diese 
zu beurtheilen wisse, auch über jene absprechen könne; denn das all- 
gemein Pragmatisch-poetische der Epopöe ist freilich in der Tragödie 
enthalten, t 

Um dem Gange der Poetik nach mit der zweiten Hälfte dieses Ab- 
schnitts zu binnen, so meint also Schiller, Aristoteles kenne nur die 
generischen Gesetze des Epos, insofern es sich nach dem Kunststil 
(beide haben das crwvdcätw zum Gregenstande) mit der Tragödie zii 



390 

einer Art vereinige, doch mangelten ihm die unterscheidenden, die 
Eigenthümlichkeiten des Epos; diese Meinung ist mit einer wichtigen 
Ausnahme richtig: In der ganzen Poetik tritt die Gemeinsamkeit des 
Kunststiles so sehr in den Vordergrund, dafs Aristoteles z. B. im 
achten Kapitel, mitten in der Untersuchung über die Tragödie, seine 
Forderung der Einheit der Handlung als durch Homer erfüllt be- 
zeichnet (ebenso giebt c. 17 die Odyssee das Beispiel für eine Frage 
der tragischen Composition und öfter cf. Vahlen, Beiträge zu Arist 
Poetik n, p. 17), und im 5. Kap. sagt er ausdrücklich: «Beide Gat- 
tungen von Gedichten (Epos und Drama) haben folglich einige Stücke 
mit einander gemein, einige aber kommen dem Trauerspiele allein 
eigenthümlich zu. Wer daher das Schöne und Fehlerhafte eines Trauer- 
spiels, kennet, der ist auch im Stande, ein Heldengedicht zu beurtheilea 
Denn das Trauerspiel begreift alle Stücke eines Heldengedichtes in 
sich, die Theile eines Trauerspieles aber sind nicht alle in einem 
Heldengedicht enthalten.» Der Unterschied des Epos vom Drama 
besteht darin, dafs cdas Heldengedicht seine Nachahmung durch das 
Silbenmafs allein verrichtet, eine Erzählung ist und überdem eine 
grofse Ausdehnung hat.» Nach diesen Gesichtspunkten richtet sich 
denn auch die Specialbehandlung, die dem Epos in c. 23 und 24 zu 
Theil wird; da es mit der Tragödie die bedeutendsten ftd^ (Fabel 
l^d^j duivom) gemein hat, so hebt Aristoteles aus der Theorie der 
Tragödie zunächst einige Hauptsätze heraus, über Einheit der Hand- 
lung, über die Abweichung von der Geschichte, welche gleiche An- 
wendung auch auf das Epos finden, und verbreitet sich eingehender 
über die dem Epos im Unterschiede von der Tragödie angehörenden 
Eigenheiten (Vahlen EI, 275). 

Diese Eigenthümlichkeiten bestehen, wie erwähnt, darin, dafs das 
Epos eine Erzählung ist, gröfsere Ausdehnung und ein besonderes 
Metrum hat. Aus dem ersten Umstände, dafs das Epos eine Erzäh- 
lung ist, ergiebt sich ein wichtiger Unterschied desselben vom Drama: 
€(c, 24) Das Epos hat zur Ausdehnung seiner Gröfse viele VorÜieile 
die dem Trauerspiele fehlen; weil dieses nicht viele Begebenheiten zu- 
gleich, als zu einer Zeit geschehen, vorstellen kann, sondern sich in 
die Handlung einschliefsen mufs, welche wirklich auf der Bühne vor- 
gestellet wird. Das Heldengedicht aber kann, weil es eine Erzählung 
ist, viele Geschichten zugleich zum Ende bringen etc.», und weiter 
heifst es: «Das Wunderbare hat im Epos um so viel mehr Platz, 
weil man die handelnden Personen nicht wirklich vor Augen hat» 
Leider ist der Anfang des 3. Kapitels, der gerade diesen Grunduntcr- 



391 

schied zwischen Epos und Drama darstellt, von Curtius ganz falsch 
verstanden worden, sonst würde die Einsicht des Aristoteles auch in 
diesem Punkte Schillern gröfser erschienen sein (cf. Vahlen HI, p. 293) ; 
denn ganz Aristotelisch ist es gedacht, wenn Schillers und Goethes 
Ansicht zu Anfang des Schlufsbriefes über Epos und Drama (23. Decbr. 
1797) also von Goethe formulirt wird: cDer Epiker und Dramatiker 
sind beide den allgemeinen Gesetzen unterworfen, besonders dem 
Gesetze der Einheit und -dem Gesetze der Entfaltung; femer behandeln 
sie beide ähnliche G^enstände, und können beide alle Arten von 
Motiven brauchen; ihr grofser wesentlicher Unterschied beruht aber 
darin, dafs der Epiker die Begebenheit als vollkommen vergangen vor- 
trägt, und der Dramatiker sie als vollkommen gegenwärtig darstellt 
Wollte man das Detail der Gesetze, wonach beide zu handeln haben, 
aus der Natur des Menschen herleiten, so müfste man sich einen 
Rhapsoden und einen Mimen, beide als Dichter, jenen mit seinem 
ruhig horchenden, diesen mit seinem ungeduldig schauenden und 
hörenden Kreise umgeben, immer vergegenwärtigen, t Wiewohl es 
thöricht wäre, anzunehmen, die Freunde hätten nicht auch selbst auf 
diesen Gredanken kommen können, ist es doch immerhin möglich, dafs in 
ihren Worten unwillkürlich die Erinnerung an das in der Poetik Gelesene 
nachklingt 

Wenn Schiller zu Anfang des besprochenen Abschnittes sagt, 
Aristoteles drücke sich nicht ganz unzweideutig aus, indem er der 
Tragödie den Vorzug vor dem epischen Gredicht giebt, so ist diese 
Meinung nur durch die Uebersetzung veranlafst (c. 26); dafs er Fragen, 
die ihm bei der Untersuchung über das Epos aufgestofsen waren, 
unbeantwortet findet, ist einfach zuzugeben; denn sein Gesichtskreis 
ist ein weiterer, als der des Aristoteles. 

In dem vorliegenden Briefe folgt hierauf: cEs sind viele schein- 
bare Widersprüche in dieser Abhandlung, die ihr aber in meinen 
Augen nur einen neuen hohen Werth geben, denn sie bestätigen mir, 
dafs das Ganze nur aus einzelnen Apergus besteht, und dafs keine 
theoretischen vorgefafsten Begriffe dabei im Spiel sind, manches mag 
freilich auch dem Uebersetzer zuzuschreiben sein.» Was Schiller auf- 
fiel, ist nicht zu sagen, doch fehlt es nicht an Anlafs (cf. Vahlen zu 
c. 9 und c. 13, II, p. 22, 26, scheinbarer Widerspruch c. 13, 
das Urtheil über Euripides, c. 26, cf. Vahlen IV, p. 400, fin. IV, 
495, n, 62). Seine Ansicht von der Poetik als Buch ist falsch (cf. 
Vahlen überall), ebenso ist es Irrthum, wenn er meint, ces seien keine 
vorgefafsten theoretischen Begriffe im Spiele»; man sieht aber seine 



392 

lebhafte Freude an der empirischen Methode des Aristoteles, während 
doch die ganze Poetik auf dem Begriffe des noieZv ruht. 

Den Schlufs bilden auch einige Einzelbemerkungen: Nachdem 
er ausgesprochen hat, wie sehr er sich freut, die Schrift mit Goethe 
durchzusprechen, wenn er da sein werde, fährt er fort: cDafs Arist 
bei der Tragödie das Hauptgewicht in die Verknüpfung der Begeben- 
heiten legt, heifst recht den Nagel auf den Kopf getroffen.» 

Weiter heifst es bei ihm in demselben Sinne: tWie er die 
Poesie und Geschichte mit einander vergleicht, und jener eine gröfsere 
Wahrheit als dieser zugesteht, das hat mich auch sehr von einem 
solchen Verstandesmenschen gefreut.» 

Diese Aeufserung geht auf c. 9 und ist wieder ein Beweis, wie 
Schiller sich freut, in Aristoteles' Worten den klassischen Ausdruck 
'seiner eigenen Gedanken zu finden. 

Femer: «Es ist auch sehr artig, wenn er bemerkt, bei Gelegen- 
heit dessen, was er von den Meinungen sagt, dafs die Alten ihre Per- 
sonen mit mehr Politik, die Neueren mit mehr Rhetorik haben sprechen 
lassen.» Dies geschieht in c. 6. «Auf der dritten Stufe stehen die 
Meinungen, das ist die Geschicklichkeit, solche Dinge sagen zu lassen, 
die in der Natur und den Umständen der Handlung gegründet sind. 
Wozu in Ansehung des Ausdrucks die Politik und Rhetorik Anlei- 
tung giebt. Insbesondere liefsen die Alten ihre Personen nach der 
Politik, die Neueren aber nach der Rhetorik reden.» Wie Schiller 
diese Worte verstand, ist nicht zu sagen, die Anmerkung des Ueber- 
setzers aber hat ihn sicher nicht zu seinem Urtheil verleitet; denn 
dieser ist der Ansicht, politische Reden seien immer Reden, die sich 
auf die Geschichte der Regierung beziehen, die dramatischen Stücke 
der Alten aber hätten ihre Stoffe gröfstentheils aus der Beschaffenheit 
der Republik genommen, und so hätten die Geschäfte des gemeinen 
Wesens insbesondere in den Trauerspielen einen wichtigen Antheil 
gehabt In der Zeit der Macedonierherrschaft aber sei ohne Zweifel 
diese Freiheit, von Staatsgeschäften auf der Schaubühne zu reden, 
eingeschränkt worden: Der Sinn der Stelle also sei: «Die Alten 
redeten von den Angelegenheiten der Regierung, die Neueren aber 
begnügen sich mit oratorischen Erweiterungen.» Wahrscheinlich ver- 
stand Schiller die Worte wie Dacier (von Curtius citirt) «vor diesem 
redete man natürlich und ungekünstelt, nun aber schmücket man die 
Reden künstlicher aus.» 

Auf c. 9. bezieht sich das Folgende: «Es ist gleichfalls recht 
gescheidt, was er zum Vortheil wahrer historischer Namen bei drama- 



393 

tischen Personen sagte.» Dort heifst es nämlich: cDas Trauerspiel 
bedient sich zwar der wahren Namen. Die Ursache hiervon ist, weil 
nur das Mögliche glaublich ist; denn, was nicht geschehen ist, scheint 
uns auch nicht möglich zu sein. Wirkliche Begebenheiten aber haben 
den offenbaren Beweis der Möglichkeit in sich; denn wären sie un- 
möglich, so wären sie nicht geschehen.» 

Die letzte Bemerkung Schillers zeigt wieder, dafs er vor der 
Lektüre der Poetik selbst sich ein ganz falsches Bild von ihr gemacht 
hatte; er sagt nämlich: «dafs er den Euripides so sehr begünstigte, 
wie man ihm sonst Schuld giebt, habe ich ganz und gar nicht gefunden. 
Ueberhaupt finde ich, nachdem ich die Poetik nun selbst gelesen, wie 
ungeheuer man ihn mifsverstanden hat.» Jene Ansicht von einer Be- 
günstigung des Euripides durch Aristoteles stammt aus einer falsch 
verstandenen Stelle des 13. Kap., in welcher Euripides in der einen 
Beziehung, dafs die meisten seiner Stücke traurig enden, der tragischste 
Dichter genannt wird. Schiller hat aber Recht; denn Sophokles ist 
das Vorbild des Aristoteles und im besondern gilt ihm der Oedipus rex 
als klassisches Beispiel für die wichtigsten Gesetze. 

Am Schlufs bezeugt Schiller noch einmal sein grofses Interesse an 
der Poetik, indem er schreibt: «Gehört der Aristoteles Ihnen selbst? 
Wenn das nicht ist, so will ich ihn mir gleich kommen lassen; denn 
ich möchte mich nicht gern sobald davon trennen.» 

Auf diesen Brief antwortet Goethe am 6. Mai 1797 die schon 
erwähnten Worte: «Ich bin sehr erfreut , dafs wir gerade zur 
rechten Stunde den Aristoteles aufgeschlagen haben. Ein Buch wird 
doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird. Ich erinnere 
mich recht gut, dafs ich vor dreifsig Jahren diese Uebersetzung gelesen 
und doch auch von dem Sinne des Werkes garnichts begriffen habe. 
Ich hoffe, mich bald mit Ihnen darüber weiter zu unterhalten. Das 
Exemplar ist nicht mein.» * 

Ebenso interessant wie das, was Schiller am Aristoteles besonders 
packt, ist das, was er ignorirte. Die einzige, speculativ philosophische 
Stelle, die xd&aqcfig t&v Tm^fAcctan^y die «Reinigung der Leidenschaften», 
wie seine Zeit sich ausdrückt, erwähnt er überhaupt nicht. 

Die beiden Dichter trafen bald darauf in Jena persönlich zusammen, 
(Brief Goethes vom 23. Mai in Jena) und werden sich da wahrscheinlich, 
der ausgesprochenen Absicht zufolge des Näheren über Einzelheiten der 
Poetik unterhalten haben. Am 18. Juni ist Goethe wieder in Weimar. 
Der folgende Briefwechsel aber enthält zunächst keinerlei Beziehung 
auf Aristoteles' Schrift. 



394 

Da der Brief über Epos und Drama (23. December 1797) nach 
dieser Zusammenkunft geschrieben ist, so ist wohl möglich, dafs die 
weitere Besprechung dieses Gegenstandes im Anschlüsse an die Poetik 
durch deren Worte mitbeeinflufst wurde. Wahrscheinlich war aucji durch 
jene Besprechung zunächst wenigstens der Stoff, der beide so interessirte, 
erschöpft; denn 1797 findet sich in dem Briefwechsel nur noch eine bei- 
läufige Erwähnung des Aristoteles. Schiller nämlich schreibt am 8. Decbr. 
1797 dafs er an die Maltheser denke: t dieses Stück wird so ein- 
fach behandelt werden müssen, als der Wallenstein complicirt ist. — 
Ich kann ihn ganz in der griechischen Form und nach des Aristoteles' 
Schema, mit Chören und ohne die Akteneintheilung, ausfuhren, und werde 
es auch thun. Sagen Sie mir doch, woher denn die Akteneintheilung 
sich schreibt? Im Aristoteles finden wir nichts davon, und bei sehr 
vielen griechischen Stücken würde sie gar nicht anzuwenden sein.» 
Schiller braucht wahrscheinlich cdas Aristotelische Schema» im Sinne 
der damaligen Ansicht, dafs die drei Einheiten die Hauptsache seien. 

Als Goethe in Jena war (23. Mai 1797 bis 16. Juni) theilte Schiller 
seinem Freunde Körner den neuen Fund mit, noch einmal kurz das 
zusammenfassend, was er des Breiteren an Goethe geschrieben hatte 
(3. Juni 1797): «Ich habe vor einiger Zeit Aristoteles' Poetik, zugleich 
mit Goethe, gelesen, und sie hat mich nicht nur nicht niedergeschlagen 
und eingeengt, sondern wahrhaft gestärkt und erleichtert. Nach 
der peinlichen Art, wie die Franzosen den Aristoteles nehmen und 
an seinen Forderungen vorbei zu kommen suchen, erwartet man einen 
kalten, illiberalen und steifen Gesetzgeber in ihm, und gerade das 
Gegentheil findet man. Er dringt mit Festigkeit und Bestimmtheit aui 
das Wesen und über die äufseren Dinge ist er so lax, als man sein 
kann. Was er vom Dichter fordert, mufs dieser von sich selbst fordern, 
wenn er irgend weifs, was er will: es fliefst aus der Natur der Sache. 
Die Poetik handelt beinahe ausschliefsend von der Tragödie, die er 
mehr, als irgend ein anderes poetisches Genre begünstigt. Man merkt 
ihm an, dafs er aus einer sehr reichen Erfahrung und Anschauung 
herausspricht, und eine ungeheure Menge tragischer Vorstellungen vor 
sich hatte. Auch ist in seinem Buche absolut nichts Speculatives, kdne 
Spur von irgend einer Theorie: es ist alles empirisch; aber die grofse 
Anzahl der Fälle und die glückliche Wahl der Muster, die er vor Augen 
hat, giebt seinen empirischen Aussprüchen einen allgemeinen Gehalt 
und die völlige Qualität von Gesetzen. Du mufst ihn selbst lesen. Ich 
las ihn nach einer deutschen Uebersetzung von Curtius, die in Hannover 
schon vor langer Zeit erschienen ist. 



395 

Mich hat er mit meinem Wallenstein keineswegs unzufrieden ge- 
macht Ich fiihle, dafs ich ihm, den unvertilgbaren Unterschied der 
neuen von der alten Tragödie abgerechnet, in allen wesentlichen Forde- 
rungen Genüge geleistet habe, und leisten werde.» 

Inwiefern er mit sich zufrieden sein mochte, zeigt der schon einige- 
mal citirte Brief an Goethe vom 4. April 1797, aus dem noch ein Satz 
hier Platz finden soll: «Nebenher entwerfe ich ein detaillirtes Scenarium 
des ganzen Wallenstein, um mir die Uebersicht der Momente und des 
Zusammenhangs auch durch die Augen mechanisch zu erleichtem.» 

Lebhaft erinnert diese Notiz an die Forderungen, die Aristoteles 
im 17. Kap. hinsichtlich der Entwerfung des Planes an den Dichter 
stellte. «Bei Entwerfung des Planes der Fabel und Bildtmg des Aus- 
drucks mufs der Dichter sich die ganze Handlung vor Augen stellen», 
und weiter: «der Plan bekannter Fabeln sowohl, als neuer Stücke mufs 
zuerst allgemein eingerichtet werden. Hernach kann man sich der 
Episoden bedienen und dieselben einschalten.» Hauptsächlich aber wird 
Schiller gedacht haben an die straffe Einheit der Handlung und des 
Charakters, wie sie gerade im Wallenstein erreicht sind. Schon 1796 
aber (21. März) schrieb er an Humboldt: «Ich bin jetzt wirklich und 
in allem Ernst bei meinem Wallenstein. — Vor Ihrer Ankunft in Jena, 
welche doch wohl im August erfolgt, werde ich noch nichts eigentlich 
ausgeführt haben, aber dann, hoffe ich, soll der Plan ziemlich zu Stande 
sein, und mit dem Plan ist auch die eigentliche poetische Arbeit 
vollendet.» Bei solcher Ansicht konnte Schiller natürlich nach der 
Lektüre der Poetik mit sich zufrieden sein. 

Kömer antwortet (10. Juni 1797) «Du hast mir Lust gemacht, des 
Aristoteles Poetik zu lesen, und ich habe schon angefangen, auch be- 
reits manche fruchtbare Bemerkung darin gefunden. Die so oft ange- 
führte Reinigung der Furcht und des Mitleids ist mir sonst immer an- 
stöfsig gewesen; es schmeckt so nach Sulzer, aber vielleicht erklärt er 
sich darüber in der Folge auf eine befriedigende Art.» Die «Reinigung» 
aber scheint doch Körnern die Lust zum Weiterlesen genon\^men zu 
haben, wenigstens findet sich in den späteren Briefen keine Andeutung. 
Dafs Schiller die Frage gar nicht berührte, sahen wir schon. 

Eine Reihe von Jahren ist darauf keine Rede mehr von der Poetik, 
was bei Schiller wenigstens sehr begreiflich ist, da er sich gerade in 
dieser Zeit von der Reflexion über seine Kunst ab- und produktiver 
Thätigkeit zuwandte; 1802 taucht das Büchlein noch einmal auf Goethe 
war mit dem Philologen Wolf in nahe Beziehungen getreten (cf Michael 
Bemays: Goethes Briefe an Fr. August Wolf, preufsische Jahrbücher. 



396 

1867), und hatte für den historischen Theil seiner Farbenlehre mit ihm 
das Büchlein von den Farben durchgelesen, welches Wolf lieber dem 
Aristoteles, als einem Nachfolger zuschreiben wollte (Goethe an Schiller 
am 5. Juli 1802). Als er dies Schiller mittheilte, erinnerte sich dieser 
ihrer früheren Unterhaltung über die Aristotelische Poetik und fordert 
Goethe auf, dafs er von Wolf eine lateinische Uebersetzung der 
Poetik des Aristoteles, die der verstorbene Reitz im Manuskript zurück- 
gelassen, sich verschaffen möchte; auch diese Schrift werde beiden ein 
interessantes Thema zu künftigen Conferenzen über das Drama abgeben 
(6. Juli 1802). Doch scheint die Aufforderung vergeblich gewesen zu 
sein, da Goethe nicht darauf antwortete : immerhin aber ist es möglich, 
dafs er des Freundes Wunsch erfüllte; am 26. Juli 1802 trafen beide 
wieder zusammen, und was der Briefwechsel verschweigt, kann ja in 
persönlichem Verkehr besprochen worden sein. In der Biographie 
Wolfs von Körte habe ich aber ebensowenig wie in den Briefen Goethe's 
an Wolf (preufsische Jahrbücher 1868) etwas über diesen Punkt finden 
können. 

Wenn in der Folgezeit noch immer auf die Poetik Bezug genommen 
werden sollte, so bot die Vorrede zur Braut von Messina, die letzte 
Schrift Schillers über einen Gegenstand aus der Aesthetik, passende 
Gelegenheit; doch ist diese herrliche Abhandlung, die den Gebrauch 
des Chors in der Tragödie bespricht, durchaus das Eigenthum Schillers, 
geht in ihrem Hauptgedanken über den Gesichtskreis der Poetik hinaus, 
und ist in der Auseinandersetzung über das Verhältnifs Von Kunst zur 
Wirklichkeit eine erweiternde Fortsetzung der Gedanken, die das neunte 
Kapitel der Poetik ausspricht: die Aufgabe der Kunst sei, den Menschen 
nicht blos in einen augenblicklichen Traum von Freiheit zu versetzen, 
sondern ihn wirklich in der That frei zu machen, und dieses dadurch, 
dafs sie eine Kraft in ihm erweckt, übt und bildet, die sinnliche Welt, 
die sonst nur als ein roher Stoff auf uns lastet, als eine blinde Macht 
auf uns drückt, in eine objektivere Ferne zu rücken, in ein freies Werk 
unsres Geistes zu verwandeln, um das Materielle durch Ideen zu be- 
herrschen. Selbst was Schiller über den Chor sagt, Tst durch eigene 
Abstraktion von den griechischen Dichtern entstanden. Ja, während es 
bei Aristoteles heifst (c. 18) «der Chor mufs gleichfalls als eine spielende 
Person angesehen werden, einen Theil des Ganzen ausmachen und an 
der Handlung theilnehmen,» ist bei Schiller zu lesen: «der Chor ist 
selbst kein Individuum, sondern ein allgemeiner Begriff; aber dieser 
Begriff repräsentirt sich durch eine sinnlich mächtige Masse, welche 
durch ihre ausfüllende Gegenwart den Sinnen imponirt. Der Chor 



397 

verläfst den engen Kreis der Handlung, um sich über Vergangenes 
und Künftiges, über ferne Zeiten und Völker, über das Menschliche 
überhaupt zu verbreiten, um die groisen Resultate des Lebens zu ziehen, 
und die Lehren der Weisheit auszusprechen, t Wenn nun auch durch 
das Beispiel, welches Aristoteles zur Verdeutlichung seiner Forderung 
aufstellt, der Chor des Sophokles, zeigt, dafs der Gegensatz zwischen 
ihm und Schiller nicht so grofs ist, als es auf den ersten Augenblick 
scheint, so geht doch wieder die Schillersche Betrachtung weit über 
den Horizont des griechischen Philosophen hinaus. Er beurtheilte die 
griechische Tragödie in dieser Hinsicht besser und sah tiefer auf den 
Grund der Sachen wie Aristoteles selbst 

Der Tod Schillers erfolgte 1805. 

Er gestaltete seine Gedanken über seine Kunst durchaus selbst- 
ständig, mit offenem Sinne vor fremdem Guten sich nicht verschliefsend. 
Ein eigenthümliches Glück wollte es, dafs er gerade da die Poetik auf- 
schlug, als seine eigene Reflexion dieselben Wege zu gehen begannen, 
welche Aristoteles eingeschlagen hatte; so kam es denn auch, dafs er 
das Büchlein so gerecht würdigen konnte, trotzdem es ihm nur entstellt 
vor die Augen trat. Wäre er früher darauf gestofsen, so ist es nicht 
unwahrscheinlich, dafs ihn eben die Punkte, die er jetzt ignorirte, wie 
die Begriffe der fUfAifi^ und xd&OQatg abgeschreckt hätten. Müfsig ist 
nach dem Dargelegten die Frage, welchen Einflufs die Poetik auf die 
Gestaltung seiner letzten Dramen ausgeübt hatte; denn, wie wir sahen, 
empfand er nach ihrer Lektüre nur die Befriedigung, seine eigenen 
Gedanken in ihr vortrefHich ausgedrückt zu finden und selbst den 
Wallenstein so gebildet zu haben, wie die Poetik es fordert. Der 
Gesichtspunkt der Beurtheilung ist von Schiller durchaus richtig erfafst, 
dafs das Buch ein Produkt seiner Zeit ist und zunächst nur flir diese 
Geltung in Anspruch nehmen darf; zufällig nur ist es, dafs einzelne 
seiner Gesetze für alle Zeiten mafsgebend sein können. 

Aus der letzten Zeit des Goethe-Zelterschen Briefwechsels mag hier 
noch eine Bemerkung Zelters Platz finden, welche aber durch die ge- 
gebene Darlegung bereits erledigt ist. Zelten schreibt im Januar 1830 
an Goethe (V, p. 368): «Indem ich hinterher noch in der Raumerschen 
Abhandlung [welche unten besprochen wird] das Verhältnifs des Aristo- 
teles zu Deinen und den Schillerschen Producten nachlese, will ich doch 
noch sagen, was mir dabei einfiel: Schiller hätte seine letzten besseren 
Tragödien ohne das Studium des Aristoteles wenigstens nicht sq 
gemacht, wiewohl in solcher Dependenz die schönst'e Freiheit flihlbar 
ist; in Deinen sämmtlichen Dramen, vollendet oder nicht, habe ich 



398 

eine gewisse Nothwendigkeit nie abwehren können: mir gefallen 

lassen zu müssen, was mich dagegen aufregte. Woraus denn 

folgt, wenn Aristoteles Deiner Werke nicht bedurft hat, um seine Poetik 
zu machen, Du denn auch bei aller Kenntnifs seiner schönen Lehre stets 
glücklich um ihn herum den Weg zu Dir selber findest. » Es leuchtet ein, 
dafs das über Goethe hier Gesagte genau ebenso auf Schiller pafst, und 
nur die wahrhaft rührende, an die altgermanische Zeit erinnernde, ab- 
solute Hingebung, welche Zelter in den letzten Jahren Goethe entgegen- 
brachte, liefs ihn Schiller in seiner Orginalität etwas herabsetzen. Zu 
untersuchen aber, ob die Schillerschen Stücke den aristotelischen Regeln 
entsprechen, liegt aufserhalb der Grenzen dieser Abhandlung und ist 
eine Aufgabe für sich. Friedrich von Raumer hat in einer Schrift 
«Ueber die Poetik des Aristoteles und sein Verhältnifs zu den neuen 
Dramatikern» (abgedruckt im historischen Taschenbuche 1842, aber 
schon etwa 10 Jahre früher erschienen) einzelne kurze Notizen über 
einige Schillersche Dramen gegeben, aber auch für diese weder genau, 
noch vollständig, von dem rein theoretischen Interesse, welches 
Goethe und Schiller an Aristoteles nehmen, spricht er nicht. 

Gelegentlich taucht die Erinnerung an die Poetik und an die über 
die gepflogenen Unterhaltungen bei Goethe 1824 wieder auf Göttling 
gab die Politik des Aristoteles heraus und widmete sie Groethe: 
«Goethio laureati populi principi.» Da gedachte Goethe des grofsen 
Schillerschen Briefes und schrieb am 24. December 1824 ^^ Knebel: 
«Zum neuen Jahre schönstens Glück wünschend, übersende hierbei ein 
Bildnifs, dem Du manchmal einen freundlichen Blick gönnen mögest. 
Ein gleiches lege fiir Herrn Professor Göttling bei, den ich schönstens 
zu grüfsen und fiir seine Zuschrift des Aristoteles zu danken bitte. Er 
verzeihe, wenn ich nicht selbst schrieb, denn was ich senden wollte, 
ist mir noch nicht zur Hand gekommen. Ich suche einen Brief von 
Schiller, worin derselbe die Integrität, Einheit und Vollendung der 
aristotelischen Poetik auf gleiche Weise ausspricht, wie Herr Göttling 
die der Politik, t Hätte Goethe Schillers Brief vor dieser Aeufserung 
noch einmal lesen können, so würde er sich gewifs etwas vorsichtiger 
ausgedrückt- haben. Seine Absicht scheint nicht in Ei^uUung gegangen 
zu sein: in den «Goethe-Göttling-Briefen» wenigstens findet sich keine 
Hindeutung darauf. 

Wahrscheinlich veranlafste aber Goethe diese erneute Erinnerung 
an die Poetik, einem längst gefafsten Vorsatze wieder näher zu treten. 
Schon in dem Briefe vom 28. April 1797, in welchem er Schiller 
zuerst auf die Poetik aufmerksam machte, hatte er die Absicht aus- 



399 

gesprochen, auf einige bedeutende Stellen, die nicht ganz klar seien 
und deren Sinn er wohl erforschen möchte, nächstens wieder zurück- 
zukommen. Dies «nächstens» dauerte aber bis 1826, in welchem 
Jahre seine «Nachlese zu Aristoteles* Poetik» erschien. Er nahm wohl- 
begründeten Anstofs an der damaligen moralischen Erklärung der 
«Reinigung der Leidenschaften». Es sei unmöglich, dafs Aristoteles, 
der das Beste vor sich hatte, an den Effekt gedacht habe, und noch 
dazu einen so entfernten Effekt, als eine eventuelle Besserung des Zu- 
schauers ist; hiergegen sei ewige und unerläfsliche Forderung die 
Vollendung des Kunstwerkes in sich selbst; diese Forderung aber ver- 
mifste er in der aristotelischen Definition und suchte sie darum in der 
tui&aQ(f$g täp rmd^^kmav wiederzuerkennen. Er giebt dann folgende 
Uebersetzung: «Die Tragödie ist die Nachahmung einer bedeutenden 
und abgeschlossenen Handlung, die eine gewisse Ausdehnung hat und 
in anmuthiger Sprache vorgetragen wird, und zwar von abgesonderten 
Gestalten, deren jede ihre eigene Rolle spielt, und nicht erzählungs- 
weise vor einem Einzelnen, nach einem Verlauf aber von Mitleid und 
Furcht mit Ausgleichung solcher Leidenschaften ihr Geschäft abschliefst.» 
Der Nachweis der sprachlichen Unmöglichkeit ist leicht und von 
Bemays in der Schrift über die xa^o^ok^ (Grundzüge der verlorenen 
Abhandlung des Aristoteles über die Wirkung der Tragödie) gefuhrt. 
Interessant in mehr als einer Hinsicht sind aber die daran sich anschliefsen- 
den Briefe Goethes und Zelters. Zelter liest mit lebhafter Freude 
den Goetheschen Aufsatz «die prätendirte Reinigung der Leidenschaften 
sei ihm ohngefahr so appetitlich gewesen, wie das Fest der Reinigung 
Mariae, um hier einen Feiertag und dort eine Regel mehr zu haben 
(10. März 1827, rV p. 260)»; und am 14. März (p. 275), nachdem ihm 
Bedenken aufgestiegen sind: «In ernsthafter Stimmung heftet sich 
wohl irgend ein Bedenkliches an; so bin ich an Deiner Verdeutlichung 
der problematischen Worte des Aristoteles hängen geblieben und will 
nicht loslassen. — Genug, dafs ich Deinen Begriff am einleuchtend- 
sten finde, mir unter dem problematischen Worte die reine Ab- 
schliefsung einer ernsthaften Handlung (als eine Art von Geschäft) zu 
denken und die Wirkung auf die Zuschauer gar nicht prädestiniren 
zu wollen.» Von philologischer Methode ist diese Art, Schriftsteller 
zu erklären, allerdings das grade Gegentheil; denn selbstverständlich 
darf es nur auf die Constatirung des Echten, Thatsächlichen ankommen, 
gleichviel ob es uns gefällt oder nicht. Goethe antwortet am 
29. März 27 (p. 288): «Die Vollendung des Kunstwerkes in sich selbst 
ist die ewige unerläfsliche Forderung 1 Aristoteles, der das Voll* 



400 

kommenste vor sich hatte, soll an den Effekt gedacht haben l Welch 
ein Jammer 1» Interessant ist das Folgende. Goethe fährt fort: «Stünden 
mir jetzt, in ruhiger Zeit, jugendlichere Kräfte zu Gebote, so würde 
ich mich dem Griechischen völlig ergeben, trotz aller Schwierig- 
keiten, die ich kenne; die Natur und Aristoteles würden mein Augen- 
merk sein. Es ist über alle Begriffe, was dieser Mann erblickte, sah, 
schaute, bemerkte, beobachtete, dabei freilich aber im Erklären sich 
übereilte» (ähnlich am 5. Octbr. 28, V. p. 117). 

Zelter liest darauf die Poetik in der Uebersetzung von Vallet 
(8. April 27, IV, p. 291). 

1829 mufs die Raumersche Abhandlung erschienen sein; denn 
Goethe schreibt Sylvesterabend 1829 (V, p. 355): «Eine Stelle in des 
Aristoteles Poetik legte ich aus als in Bezug auf den Poeten und die 
Composition. Herr von Raumer beharrt bei dem einmal ange- 
nommenen Sinne, indem er die Worte als von der Wirkung auf das 
Publikum zu verstehen deutet und daraus auch ganz gute und an- 
nehmbare Folgen entwickelt. Ich mufs aber bei meiner Ueberzeugung 
bleiben, weil ich die Folgen, die mir daraus geworden sind, nicht ent- 
behren kann. Für mich erklärt sich sehr Vieles aus dieser Art, die 
Sache anzusehen. Ein Jeder, der bei seiner Meinung beharrt, ver- 
sichert nur, dafs er sie nicht entbehren könne.» 

Raumers Schrift ist allerdings nicht dazu angethan, den Frage- 
punkt klarzustellen, sondern ist nur eine Compilation passender und 
unpassender Parallelstellen und allerlei Notizen, z. B. gegen 12 Ueber- 
setzungen der Definition der Tragödie (auch in's Spanische 1), aber die 
Art, wie Goethe ihr entgegentritt, ruht wieder auf der Ansicht, dafs 
die eigene Meinung nothwendig auch die des Aristoteles sein müsse» 
' wenn sie anders Anspruch auf Geltung haben soll. 

Zelter theilte diesen Brief Goethes an Raumer mit, und dieser 
liefs denn auch Goethes Erklärung als eine hocherfreuliche gelten, ein 
Verhalten, welches Zelter treffend charakterisirt: «Mir fiel dabei unser 
guter Bernhard ein, der einen Contract aufsetzte von vielen Para- 
graphen, deren letzter damit schlofs, dafs ,Contrahenten sollen an 
Nichts gebunden sein*.» (18. Januar 1830. V. p. 371.) 

In den Gesprächen Goethes mit Elckermann finden sich direkte 
Hinweise auf die Poetik wenig. I, p. 258 sagt Goethe: «Sie wissen, 
Aristoteles sagt vom Trauerspiele, es müsse Furcht erregpn, wenn es 
gut sein solle. Es gilt dies jedoch nicht blos von der Tragödie,, 
sondern auch von anderer Dichtung.» n, p. 95 heifst es bei Gelegen- 



4Ö1 

heit der Schlegel*schen Kritik des Kuripides: cEin Dichter, den Sokrates 
seinen Freund nannte, den Aristoteles hochstellte, — mufste doch 
wohl in der That Etwas sein.t Dies bezieht sich auf Poetik c. 13. 

Gedanken aber, die genau Aristotelischen gleichen, finden sich in 
grofser Anzahl, vorzüglich über das Verhältnifs des Dichters zur Wirk- 
lichkeit (I, 226, 154, 225, II, 27), über den Wechsel der Situation zur 
Freude (im Philoktet, Oedip. Coloneus) DI, 91, und die allerschlagend- 
sten Beispiele für den Satz des Aristoteles, dafs die darstellende Kunst 
wohl gegen die Forderungen anderer Künste oder Wissenschaften ver- 
stofsen dürfe, wenn sie nur ihren eigenthümlichen Zweck durch den 
Verstofs besser erreiche, (c. 25.) ÜI, p. 106 flf. 

Endlich im Anhange der Wanderjahre (siehe Goethes Sprüche 
in Prosa, erläutert von G. v. Loeper, p. 165) tritt noch einmal die 
Poetik namentlich genannt auf, und grade bei dieser letzten Er- 
wähnung gewinnt Goethe den einzig richtigen Gesichtspunkt für ihr 
Verständnifs. Dort heifst es nämlich: c Einen wundersamen An- 
blick geben des Aristoteles Fragmente des Traktats über die Dicht- 
kunst. Wenn man das Theater in- und auswendig kennt, wie Unser- 
einer, der einen bedeutenden Theil des Lebens auf diese Kunst ver- 
wendet und selbst sehr viel darin gearbeitet hat, so sieht man erst, 
dafs man sich vor allen Dingen mit der philosophischen Denkart des 
Mannes bekannt machen müfste, um zu begreifen, wie er diese Kunst- 
erscheinung angesehen habe; aufserdem verwirrt er unser Studium nur, 
wie denn die moderne Poetik das Alleräufserlichste seiner Lehre nur 
?u ihrem Verderben anwendet und angewendet hat.* 

Mit diesem Ausspruche sind wir wieder bei dem Satze angelangt, 
welcher diese Darstellung einleitete. Dürfen wir nun von unserer Wande- 
rung eine Nutzanwendung mitnehmen ? Vielleicht giebt es eine solche. 
Das Reich der Schönheit ähnelt dem Meere, immer sich gleich und 
doch immer wechselnd, aus unerschöpflem Schofse immer Neues her- 
vorbringend, was Niemand in der Theorie sich vorzustellen vermochte; 
kann Jemand das Meer in einen Begriff fassen? Und könnte er es, 
vermag er mit diesem Begriffe das Meer zu erzeugen? Mit einem 
abstracten Schemen concretes Leben hervorzubringen? Ebensowenig 
wird es gelingen, jemals die Schönheit in einen Begriff zu fassen, wie 
das Meer in eine Grube zu schöpfen oder den lichten Sonnenschein 
in ein Gefafs zu verschliefsen. 

Ist es darum aber nutzlos, das Meer zu bewundern und in allen 

Erscheinungen seines wechselnden Lebens zu studiren? Sollen wir 

26 



402 

dem Nachdenken über das Schöne entsagen, weil sein innerstes Ge- 
heimnifs dem Verstände sich entzieht? Neinl Aber wir werden uns 
hüten, mit der Theorie anzufangen, sondern das weite Reich der Kunst 
fleifsig durchwandern und in dem vertiefenden Anschauen der Schön- 
heit unsere Seele würdig machen, jenen Abglanz des Göttlichen in 
sich aufzunehmen. 



XXYII. 



PHILIPP SPITTA 



Ueber die Beziehungen Sebastian Bachs 
zu Christian Friedrich Hunold und 

Mariane von Ziegler. 



26 



Oachs Leben, wie es uns jetzt erscheint, ist nicht reich an äufser- 
licher Bewegung, und dafs es in der That geräuschloser verflofs, als 
das der meisten hervorragenden Künstler, welche seine Zeitgenossen 
waren, ist eine in Bachs innerem Wesen begründete Annahme. Es 
würde dieser Eindruck im Grofsen und Ganzen wohl bestehen bleiben, 
auch wenn wir mehr von seinen äufseren Erlebnissen wüfsten, als es bis 
jetzt der Fall ist. In dieser Richtung das Wissen zu erweitern, wird man 
wünschen, aber es hat nach dem, was bereits geschehen ist, seine Schwie- 
rigkeiten. Mit einiger Aussicht auf Erfolg möchte es wohl nur auf dem 
Wege zu versuchen sein, dafs man dem Leben und Wirken derjenigen 
Persönlichkeiten noch schärfer beobachtend nachgeht, mit welchen Bach 
möglicherweise in Berührung gekommen ist. Unter ihnen nehmen aus 
mehreren Gründen die Dichter seiner Zeit eine hervorragende Stellung 
ein. Bach sah sich veranlafst, soweit er Vocalcomponist war, den 
poetischen Erzeugnissen seiner Umgebung Beachtung zu schenken. 
Wenn es gelingt, die Verfasser der von ihm componirten Dichtungen 
ausfindig zu machen und die Zeit der Entstehung derselben festzu- 
stellen, so ist, abgesehen von der gröfseren Belebung, welche sein 
Lebensbild dadurch erfährt, eines der wirksamsten Mittel zur Her- 
stellung einer Chronologie der Bach'schen Werke gewonnen — eine 
Aufgabe, die für die Geschichte seiner Entwicklung eben so wichtig, 
wie bei dem Mangel an directen Zeugnissen schwierig zu lösen ist. 
Andererseits hat es auch ein allgemeines Interesse dir die Kunst- 
geschichte, das Verhältnifs zu beobachten, in welchem die Dichtkunst 
jener Zeit zur Tonkunst stand. Bei höchster Entwicklung der letzteren 
ein tiefes Darniederliegen der erstei^n, und dennoch ein rastloses und 
erfolgreiches Zusammenwirken beider. Ich habe es mir daher ange- 



4o6 

legen sein lassen, gerade den Dichtern, welchen Bach auf seinem 
Lebenswege begegnet ist oder begegnet sein könnte, stets eine be- 
sondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dafs sich eine vollständige 
Darstellung aller derartiger Berührungen nicht auf* einmal würde er- 
reichen lassen, verstand sich dabei freilich von selbst. Nie sind die 
Deutschen schreiblustiger gewesen, als am Anfange des achtzehnten 
Jahrhunderts. In der Masse der damals im Druck erschienenen Dicht- 
werke das vermuthlich wichtige zu finden, erfordert oft sehr langes 
Suchen, und in dem Wust des Unbrauchbaren das wirklich wichtige 
zu ergreifen, ist nur zu häufig Sache des Glücks. 

Ueber zwei Dichter seiner Zeit, deren Zusammenwirken mit Bach 
jetzt nachgewiesen werden kann, möchte ich hier handeln. 



I. 

Im Herbst des Jahres 1717 folgte Bach einer Berufung als Capell- 
meister an den Hof des Fürsten Leopold von Anhalt -Cöthen und ist 
in dieser Stellung geblieben bis zum Frühjahr 1723. Seine Thätigkeit 
als Componist richtete er zumeist nach den Anforderungen ein, welche 
sein Amt an ihn stellte. Kirchenmusik wurde an dem Hofe 
reformirter Confession nicht gepflegt, Kammermusik dagegen um 
so eifriger, als der Fürst selbst die Tonkunst in ungewöhnlichem 
Mafse liebte, eine bemerkenswerthe musikalische Bildung besafs und 
sich auch mit der musikalischen Ausübung eifrig befafste. Was nun 
an Kammermusikwerken Bachs aus der Cöthener Periode vorliegt, ist 
gröfstentheils instrumentaler Gattung. Von Vocalmusik kannte man lange 
nur eine beglückwünschende an den Fürsten gerichtete Cantate («Durch- 
lauchtger Leopold, es singet Anhalts Welt »). Eine andere Kammer- 
cantate ist dann ans Licht gezogen, von welcher jedoch der Anfang ver- 
loren gegangen ist. Es war anzunehmen, dafs der verlorene Theil 
nicht mehr als einen engbeschriebenen Foliobogen betragen hat, dafs 
die Cantate bestimmt war, zum Jahreswechsel im Schlosse aufgeführt 
zu werden. Aus der Dichtung liefs sich schliefsen, dafs sie an das 
gesammte anhält -cöthenische Fürstenhaus gerichtet gewesen ist, sowie 
dafs sie nur zwischen den Jahren 17 17 und 172 1 componirt sein 
kann.') Es sind jetzt die Mittel vorhanden, die Richtigkeit der Ver- 



<) «J. S. Bach> II, S. 45of. und 822 ff. Die Cantate ist kUrdich in der Ausgabe 
der Bach-Gesellschaft, Band XXIX, S. 209 ff., veröffent^cht. 



407 

muthungen zu beweisen und das Jahr der Entstehung der Composition 
genau festzustellen. 

Christian Friedrich Hunold, in der Sdiriftstellerwelt unter dem 
Namen Menantes bekannt, hatte von 1700 bis 1706 in Hamburg ge- 
lebt, sich den Ruf eines gewandten, wenn auch schlüpfrigen Litteraten 
erworben und als Verfasser theatralischer Dichtungen an dem Ham- 
burger Opernwesen thätig theilgenommen. Wegen eines zügellosen 
Romans mufste er Hamburg verlassen, begab sich in seine Heimath 
Thüringen zurück und lebte von 1708 an in Halle, wo er Vorlesungen 
über Poesie, später auch über Rechtswissenschaft hielt, dabei aber seine 
litterarischen Beschäftigungen fortsetzte. Als gewandter Versemacher 
versorgte er Halle und Umgegend, im Besonderen auch die mittel- 
deutschen Fürstenhöfe mit Gelegenheitsgedichten. Unter diesen hat er 
keinen so reichlich bedacht, als den cöthenischen. Es sind nicht 
weniger als sieben Gedichte vorhanden, welche auf ihn Bezug nehmen.*) 
Besondere, jetzt nicht mehr sicher zu bestimmende Verhältnisse müssen 
ihn bewogen haben, seine leichte Feder so häufig zur Ehre dieses 
Hofes in Bewegung zu setzen. Das früheste ist eine Cantate aus dem 
Jahre 1713, als Bach noch in Weimar weilte, und dem 10. December^ 
dem Geburtstage des damals noch nicht regierenden Prinzen Leopold 
gewidmet.*) Die übrigen sechs fallen in die Jahre 17 18 bis 1720. 
Eines darunter trägt die Ueberschrift: c Glückwunsch zum neuen Jahre 
1719 an das Durchlauchtigste Haus von Anhalt- Cöthen. Im Namen 
anderer. 1 3) 

Dies ist die Dichtung zu der oben erwähnten Bach 'sehen Kammer- 
cantate, welch letztere demnach zum Neujahrs-Tage 1719 componirt 
und aufgeführt worden ist. Wer die « anderen t sind, für welche Hunold 
das Gedicht gemacht hat, läfst sich aus einem Gratulationscarmen 
seiner Feder schliefsen, mit welchem am 10. December 17 19 dem 
Fürsten Leopold «wolten ihre Devoüon bezeigen der Capell- Meister 
und sämtlichen Cammer-M<xr^'.»4) Zuverlässig waren auch bei der 
Neujahrs-Cantate Bach und seine Musiker die Besteller gewesen. 



i) Sie finden sich gedruckt in «Auserlesene und theils noch nie gedruckte Gedichte 
unterschiedener Berühmten und geschickten Männer zusammen getragen und nebst seinen 
eigenen an das Licht gestellet von MENANTES». Halle 17 18, 17 19, 1720. Drei Bände. 

3) Dafs der 10. December Leopolds Geburtstag war und nicht der 2. November, 
wie Krause in der Fortsetzung der Bertramischen Geschichte des Hauses und FUrstenthums 
Anhalt (Halle 1782) angiebt, erhellt aus dem bei Menantes mehrfach wiederkehrenden 
Datum, und ist nachträglich auch archivalisch festgestellt worden. 

3) A. a. O. Band n (1719), S. 286 fi^ 

4) A. a. O. Band ü, S. 576 ff. 



4o8 

Dieselbe stellt sich als eine dramatische tSerenaUi* dar. Redende 
Personen sind «Die Zeit> und «Göttliche Vorsehung». Bach läfst erstere 
Tenor, letztere Alt singen. Zeit beginnt im Recitativ: «Die Zeit, die 
Tag und Jahre macht. Hat Anhalt manche Seegens-Stunden, Und itzo 
gleich ein neues Heil gebracht. (Göttliche Vorsehung:) O edle 
Zeit! mit GOttes Huld verbunden. (Zeit, «^r/a:») Auf Sterbliche, lasset 
ein Jauchzen erthönen: Euch strahlet von neuem ein göttliches Licht 
Mit Gnaden bekrönet der Himmel die Zeiten; Auf Seelen, ihr müsset 
ein Opfer bereiten, Bezahlet dem Höchsten mit Dancken die Pflicht. 
Auf Sterbliche, lasset ein Jauchzen erthönen : Euch strahlet von neuem 
ein göttliches Licht.» Im Recitativ fährt sodann die Zeit also fort: 
«So bald, als Dir die Sternen hold O höchst gepriesnes Fürsten- 
ThumI Bracht ich den theuren Leopold. Zu deinem Heil, zu seinem 
Ruhm, Hab ich ihn manches Jahr gepfleget. Und ihm ein neues bey- 
geleget. Noch schmück ich dieses Götter Haus, Noch zier ich Anhalts 
Fürsten Himmel Mit neuem Licht und Gnaden Strahlen aus; Noch 
weicht die Noth von diesen Gräntzen weit; Noch fliehet alles Mord- 
Getümmel; Noch blüht allhier die güldne Zeit: So preise denn des 
Höchsten Gütigkeit.» Die Göttliche Vernunft ergreift das Wort: «Des 
Höchsten Lob ist den Magneten gleich Von oben her mehr Heil an 
sich zu ziehen. So müssen weise Fürsten blühen; So wird ein Land 
vom Seegen reich. Dich hat, o Zeit, zu mehrem Wohlergehn Für 
dieses Haus der Zeiten Herr ersehn.» 

Hier darf ich einhalten, denn mit der letzten Zeile sind wir an 
die Stelle gelangt, von welcher aus die Composition ohne Unter- 
brechung weitergeht. Bach hat die Serenata später zu einer Kirchen- 
cantate umgestaltet («Ein Herz, das seinen Jesum lebend weifs»)'). 
Die Vergleichung der beiden Dichtungen ergiebt,, dafs der verloren 
gegangene Anfang der Composition der Serenata ungefähr von dem- 
selben Umfange gewesen sein mufs, wie derjenige des .Kirchenstücks. 
Darnach wären aufser dem Eingangs -Recitativ 144 Takte der ersten 
Arie in Verlust gerathen. Ungefähr 12 Takte auf das System ge- 
rechnet, ergiebt sich, dafs im Ganzen 12 Systeme ftir die Arie vor- 
handen gewesen sein müssen. Drei Systeme fanden bei Bachs Schreib- 
art bequem auf einer Folioseite Platz, Es hat also das verloren ge- 
gangene Stück der Arie auf nur einem Foliobogen gestanden. Daneben 
blieb noch Raum für das Eingangs-Recitativ und ftir einen guten Theil 
des der Arie folgenden Recitativs, welches Bach auf zwei leer ge- 



Bach-Gesellschaft, Band XXVIII, No. 134. 



409 

bliebene Notenzeilen am Fufs der Folioseiten notirt haben wird, wie 
er solches häufig zu thun pflegte. 

Am I. Januar 17 19 war das Gedicht noch ungedruckt, denn der 
zweite Band der Sammlung, in welchem es sich befindet, erschien erst 
im Laufe dieses Jahres. Bach hat also nach Hunolds Manuscript 
comportirt. In demselben mufs der Text hier und da eine andere 
Fassung gehabt haben, als im Druck. Einige Verschiedenheiten, welche 
zwischen dem gedruckten Gedicht und dem Text der kürzlich ver- 
öffentlichten Composition bestehen, sind indessen auf Irrthümer des 
Herausgebers zurückzuführen, welche freilich leicht entstehen konnten, 
denn das Autograph ist manchmal schwer zu entziffern.*) 

Für den 10. December 17 18 hat Hunold zwei Gedichte geliefert. 
Das eine ist eine geistliche €Cantata\ an des Durchlauchtigsten 
Fürsten Leopoldi, Fürstens zu Anhalt Cöthen, etc. etc. Geburths-Feste, 
den IG. Dec, 1718. bey gehaltenem GOttes- Dienste.»*) Aus dieser 
Ueberschrifl ergiebt sich, dafs die Cantate componirt und aufgeführt 
worden ist. Der Componist kann natürlich nur Bach gewesen sein. 
Die Dichtung fuhrt den Text der Festpredigt (Psalm 119, v. 175) aus. 
An der Spitze steht für den Chorus der Bibelspruch «Lobet den 
Herrn, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen thut» 
(Psalm 103, V. 21). Dann folgen drei Recitative und drei Arien.3) 
Die Cantate gehört zu jenen zwischen kirchlicher und weltlicher Musik 
mitten inne stehenden Compositionen , für welche nur die allgemeine 
Bezeichnung: religiöse oder erbauliche Musik vorhanden ist. Es ist 
mit ihr der Menge Bach 'scher Vocalmusik ein Werk hinzugefügt, von 
dessen Existenz man bisher nichts wufste. Die Composition selbst ist 
verloren gegangen. Gemuthmafst kann werden, dafs Bach sie später 
für kirchliche Zwecke wieder verwerthete. Ob etwa Theile derselben 
in eine der noch vorhandenen Kirchencantaten aufgegangen sind, das 
zu bestimmen fehlt es einstweilen an Mitteln. 



>) Der Herausgeber der Umgestaltung zur Kirchencantate, welcher im Anhang des 
betreffenden Bandes auf das weltliche Original Rücksicht nimmt, hat dagegen Überall 
richtig gelesen. Im Recitativ «Bedenke nur beglücktes Land» ist durch einen Schreib- 
fehler Bachs eine sinnlose Construction entstanden. Es mufs gelesen werden: «Schau an 
des Prinzen edlem Leben» u. s. w. 

>) Auserlesene und theils nie gedruckte Gedichte etc. Band II, S. 134. 

3) Hier die Anfänge derselben: Redtativ «Mein Leben kommt aus deiner Hand», 
Aria «Ich lebe Herr! mein Herz soll dich erheben», Rccit, «Was nutzte mir ein zeitlich 
Lebens -Gut», Aria «Herr, lafs meine Seele leben». Redt, «Herr, dein Gericht, In dem 
die höchste Weisheit spricht, Aria «Herrsche Du selber mit Gnaden von oben». 



4IO 

Nicht mit gleicher Sicherheit läfst sich behaupten, dafs Bach auch 
das andere Gedicht für den lo. December 1718 componirt hat Dies 
ist wieder eine weltliche Serenata, welche der zum i. Januar 17 19 be- 
stimmten auch insofern ähnelt, als hier wiederum zwei allegorische 
Personen eingeführt werden: die Glückseligkeit Anhalts und die Fama.') 
Man mufs schliefsen, dafs dabei zwei bestimmte Sänger in's Auge ge- 
fafst waren, welche damals dem Cöthener Hofe zur Verfügung standen. 
Hunold wird daher die Serenata wohl in der Erwartung entworfen 
haben, dafs Bach sie componiren werde. Ob er dies aber neben der 
Composition der religiösen Cantate auf denselben Tag, und neben der 
Serenata auf den folgenden Neujahrstag wirklich ausgeführt hat — er 
würde alsdann etwa während eines Monats nicht weniger als drei Com- 
positionen ähnlicher Bestimmung gesetzt haben — ist doch etwas 
zweifelhaft. 

Anders steht es wiederum um die beiden noch übrigen Cantaten- 
dichtungen. Eine derselben hat den Titel: «An das Hochfurstl. Haus 
zu Anhalt Cöthen beym Eintritt des 1720. Jahres. Im Namen anderer.»*) 
Sie ist nicht dramatisirt, sondern ein gewöhnliches Singgedicht, aus 
Arien und Recitativen bestehend. Dafs Bach hierzu die Musik machte, 
ist um so wahrscheinlicher, als er sich bei dem drei Wochen vorher 
einfallenden Geburtstage des Fürsten begnügt hatte, ein einfaches 
Gratulations- Carmen in Alexandrinern zu überreichen, von welchem 
oben schon die Rede war. Die andere und letzte Dichtung gilt wieder 
dem Geburtstage. Datum und Jahr sind hier nicht angegeben. Es 
kann aber nur der 10. December 1720 gemeint sein, denn am 
6. August 1721 starb Hunold. 3) Die Form ist dieses Mal die eines 
Schäfergesprächs, an welchem sich drei Personen: Sylvia, Phillis und 
Thyrsis betheiligen.4) Man erfährt aus demselben, dafs der Fürst im 
Frühjahr schwer erkrankt gewesen war; hiermit wird seine im Mai 1720 
unternommene Reise nach Carlsbad zusammenhängen, auf welcher Bach 
ihn begleitete. Der Beisatz «Im Namen anderer», welcher sich auch 
über diesem Gedichte findet, deutet wie in früheren Fällen auf eine 



i) Auserlesene und theils nie gednicVte Gedichte etc. Band ü, S. 84 ff. Anfang: 
«Der Himmel dacht auf Anhalts Ruhm und Glück« (Recitativ der Glückseligkeit). 

>) A. a. O. Band III (1720), S. 6 ff. Anfang: «Dich loben die lieblichen Strahlen 
der Sonne» (Arie). 

3) Geheime Nachrichten und Briefe von Herrn MENANTES Leben und Schrifiten. 
Cöln, 1731. S. 108. 

4) A. a. O. Band III, S. 580 ff. Anfang: «Heut ist gewiiz ein guter Tag» (Recit 
der Sylvia). 



411 

von der Musikcapelle dargebrachte Huldigung hin. Beide Com- 
Positionen sind verloren gegangen. 

Die gewonnenen Ergebnisse dienen nun auch dazu, die Ent- 
stehungszeit der Cantate «Durchlauchtger Leopold t zu bestimmen, 
welche lange Zeit als die einzige Gelegenheitsmusik bekannt war, die 
Bach während seines Aufenthalts in Cöthen für den Hof geschrieben. 
Nachgewiesen sind aus Hunolds Dichtungen während Bachs Cöthener 
Zeit: Geburtstagscantaten für 1718 und 1720, und für 17 19 ein Ge- 
burtstagsgedicht ohne Musik, aufserdem Neujahrscantaten fiir 17 19 und 
1720. Die Cantate «Durchlauchtger Leopold t ist Geburtstagsmusik; 
fiir sie bleiben also die Jahre 17 17, 1721 und 1722 übrig. 1721 ist 
aber unmöglich, denn in diesem Jahre fand am 10. December^) die 
Vermählung des Fürsten statt, ein Ereignifs, auf welches in der Cantate 
unfehlbar Bezug genommen wäre. Der Text enthält keinerlei Hin- 
deutung hierauf, wohl aber darauf, dafs der Fürst noch nicht lange an 
der Regierung war, als ihm diese Huldigung gebracht wurde.*) 
Und am Anfang heifst es: «Es singet Anhalts Welt von neuem mit 
Vergnügen.» Der Fürst hatte die Regierung am 28. December 1715 
angetreten. Seinen ersten Geburtstag als Regent feierte er also 1716, 
«von neuem», d.h. zum zweiten Male beging er ihn als solcher 171 7. 
Auf den 10. December dieses Jahres fällt also die Cantate; sie ist 
Bachs erste derartige Composition in Cöthen und von ihm gleich nach 
seinem Amtsantritte geschaffen. Unmittelbar nach der AufTührung 
mufs er dann nach Leipzig abgereist sein, wo er am 16. December 
in der Universitätskirche zu thun hatte. 3) 

Wir sind noch nicht am Ende. Unter Bachs Kammercantaten 
fuhrt eine den Titel «Von der Vergnügsamkeit».4) Sie ist für Solo- 
sopran gesetzt und sehr umfangreich, enthält nicht weniger als vier 
Arien mit ebenso vielen Recitativen. Einem bestimmten Zwecke 
dient sie nicht, ist aber dennoch mit ganz besonderer Hingabe ge- 
arbeitet. Hunold veröffentlichte 1713 eine Gedichtsammlung ^Me- 
nantes Academische Neben - Stunden allerhand neuer Gedichte, Nebst 
Einer Anleitung zur vernünftigen Poesie». In ihr begegnet man auf 
S. 62 ff. dem Text zu einer Kammercantate, betitelt «Von der Zu- 
friedenheit» und es ergiebt sich, dafs dieser in dem von Bach com- 



>) Oder II. December; die Angaben variiren hierüber. 

<) cDaix er werde Anhalts Lande Setzen in beglückten Stande«. 

3) «J. S. Bach» I, S. 621. 

4) Veröffentlicht B.-G. XI », S. 105 ff. 



412 

ponirten Texte enthalten ist. Letzterer beginnt mit einem längeren 
Recitativ, welches zu Hunolds Dichtung nicht gehört, aber doch von 
diesem herrührt: es findet sich in derselben Sammlung auf S. 40: 
«Der vergnügte Mensch», und bildet da ein Ganzes für sich. Dann 
folgt der auf S. 62 ff. stehende Text, doch mit Uebergehung der zwei 
madrigalischen Zeilen, die als poetisches Thema an der Spitze der 
Dichtung stehen. Nachdem die Dichtung vollständig durchcomponirt 
worden ist (drei Arien und zwei recitativische Zwischenstücke), hat 
Bach trotzdem noch mehr zu sagen. Es folgen nun jene zwei madri- 
galischen Zeilen, und dann weitere Betrachtungen in Strophenform, 
erst recitativisch, dann zu ariosem Gesang sich festigend. Sie finden 
sich in Hunolds Gedichten nicht. Ebensowenig die Verse, welche 
den Text der Schlufsarie abgeben. 

Von Hunold selbst kann die Compilation nicht gemacht sein. 
Der als Eingangsrecitativ von Bach benutzte Text besteht aus 
Alexandrinern und ist vom Dichter zu musikalischer Behandlung gar 
nicht bestimmt gewesen. Durch die Verbindung, in welche er mit 
der eigentlichen Cantatendichtung Hunolds gebracht wird, verdunkelt 
er die Bedeutung der letzteren, welche in hübscher Weise aus den 
nunmehr von ihrem Platze verdrängten zwei Zeilen «Ein edler Mensch 
ist Perlenmuscheln gleich, In sich am meisten reich» entwickelt worden 
ist. Die strophischen Betrachtungen aber des letzten Recitativs und 
Ariosos der Composition sind dermafsen ungeschickt abgefafst, dafs 
sie wohl von einem Anfanger oder Dilettanten, niemals aber von dem 
gewandten und schulgerechten Hunold herrühren können. 

Darnach ist auch kein Grund anzunehmen, dafs die Composition 
noch zu Hunolds Lebzeiten entstanden sein müsse. Ueberdies weisen 
schon die grofsen, reich entwickelten Formen der Musik auf eine 
spätere Zeit hin, und die Schriftzüge des Autographs desgleichen.') 



') Im dritten Recitativ ist zu lesen cEh' ein Ergetzen» (oder «Vergntigen», wie 
Bach componirt) und vorher mit einem Comma zu interpungiren. Am Schlufs des zweiten 
Recitativs ist eine Sinnlosigkeit entstanden, an welcher Bach allein Schuld sein dürfte. 
Die Stelle lautet bei Hunold: «Geld, Wollust, Ehre sind nicht sehr In dem Besitzthum zu 
betrachten. Denn tugendhafit sie zu verachten, Ist unvergleichlich mehr». 

Im ersten Recitativ mufs es heifsen «Ein Narr rUhrt seine Schellen», nicht «rühmt«. 
Ferner hat die drittletzte Zeile in der Composition eine ganz andere Fassung, als in dem 
gedruckten Gedichte*; hier lautet sie: «Die Demuth liebt mich selbst; wer es so weit 
kann bringen* u. s. w., dort: «Ich fürchte keine Noth, frag nichts nach eitlen Dingen*. 
In dieser Aenderung erkenne ich das Bestreben, einen Zusammenhang mit der bei Hunold 
selbstständig dastehenden Cantatendichtung herzustellen. Freilich ist nun ein Fehler in 
der Satzconstruction entstanden. 

Im dritten Recitativ sind nach den Worten «gen Himmel sein Gesicht gewandt* 



413 

Verhält sich dieses aber so, dann liegt am Tage, dafs Bach fiir 
Hunolds Gedichte ein persönliches Interesse gehabt haben mufs, und 
dieselben nicht nur bei äufserlich gebotener Gelegenheit componirte, 
sondern aus eigener Bewegung auch in späteren Tagen noch in die 
Hand nahm. Und dies scheint auf den ersten Blick merkwürdig 
genug, denn verschiedenere Naturen konnte es nicht leicht geben. 

Wenn man nur die eine und andere von Hunolds Hamburger 
Schriften liest, so erhält man ein abstofsendes Bild des Mannes. Die 
Züge verändern sich aber, wenn man zur Vorstellung eines Gesammt- 
bildes vordringt. Hunold war dennoch ein Mensch von nicht gewöhn- 
licher Begabung, dessen Wesen auch des Ernstes und einer gewissen 
sittlichen Kraft nicht ermangelte. Nachdem er als zwanzigjähriger 
Jüngling tief in das liederliche Treiben der galanten Welt Hamburgs 
hineingerathen war, besann er sich später auf sein besseres Ich, bereute 
freimüthig seine Ausschweifungen, wurde gesetzt und arbeitsam. Er 
ist eine von den phantastischen Naturen jener Zeit, welche aus Roh- 
heit und Talent, leichtfertiger Sinnlichkeit und religiösem Ernst, Bos- 
heit und Gutmüthigkeit bunt zusammengewürfelt erscheinen. Er ähnelt 
Günther, wenn er auch an Begabung diesem weit nachsteht. Aufser- 
dem nahm man damals manche Dinge leichter, die einem spätereren, 
strenger denkenden Geschlechte unerträglich scheinen. Die ernsthafte, 
bürgerlich solide Burchardt Menke konnte an Günthers Bearbeitung 
eines schamlosen Gedichtes des Johannes Secundus Wohlgefallen 
finden und dieses sogar öffentlich aussprechen. Es ist kein Grund 
vorhanden, Bach in dieser Beziehung einen empfindlicheren Geschmack 
zuzutrauen. Unter solchen Umständen war das Entscheidende folgendes. 
Hunold hat zuweilen artige Einfalle; aber auch da, wo ihn seine 
Phantasie gänzlich im Stich läfst, *wo seine Gedanken in der platten 
Prosa fortkriechen, bleibt seine Ausdrucksweise immer musikalisch. 
Weniger in dem Sinne, dafs sie schon selbst Melodie enthalte, 
sondern so, dafs sie sich sofort in Musik auflöste, sowie diese mit ihr 
in Berührung kam. Hunold war selbst sehr musikalisch, und besonders 
im Spiel der Violine und der Gambe wohl geübt. ') Als Verfasser 
von Operndichtungen, im Verkehr mit Reinhard Keiser und den 
Hamburgischen Sängern hatte er Gelegenheit genug gehabt, die Er- 
fordernisse eines guten Musiktextes praktisch zu erlernen. In 



zwei Zeilen hinzugefügt, welche diesen Gedanken weiter verfolgen. Das ist echt Bachisch, 
wahrscheinlich hat er also selbst die Zurichtung des gesammten Textes übernommen« 
Nachweislich hat er dergleichen auch bei anderen Gelegenheiten gethan. 
>) Geheime Nachrichten S. 3. 



4t4 

theoretischen Schriften hat er dieselben sich und anderen klar zu 
machen gesucht. Es ist nicht anders: die Poesie befand sich damals 
im Schlepptau der Musik. Nicht nur in gröfseren Formen, sondern 
selbst in der kleinsten, im Liede, bestand diese Abhängigkeit Und 
so sehr ist dieselbe Charaktermerkmal der Zeit, dafs die deutsche 
Dichtung am Ausgang des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts nur 
vom Grunde der Musikgeschichte aus völlig begriffen werden kann. 
Um die Poesie endlich aus den Banden der Musik zu befreien, bedurfte 
es einer gründlich unmusikalischen Person, deren Ohren taub auch 
gegen die süfsesten Sirenentöne waren. Gottsched war eine solche, 
und unter seinen Verdiensten um das Gedeihen einer selbstständigen 
deutschen Poesie ist diese negative Eigenschaft keins der geringsten, 
dafs er gegen den in der Verbindung von Tonkunst und Dichtkunst 
liegenden Reiz ganz unempfindlich war. 

Bachs und Hunolds Bekanntschaft kann sehr früh stattgefunden 
haben. Vielleicht traten sie einander schon in Hamburg persönlich 
nahe, wohin Bach zwischen 1700 und 1703 von Lüneburg aus zu- 
weilen kam. Hunold war in Wandersieben bei Arnstadt geboren, sie 
waren also Landsleute, die damals in der Fremde noch eifriger 
trachteten, sich zu finden, als jetzt. 1707 hielt er sich eine Weile in 
Arnstadt auf^) und könnte auch hier Bach noch getroffen haben, der 
im Sommer des Jahres von dort nach Mühlhausen zog. Der Verkehr 
konnte dann in Halle fortgesetzt werden, das Bach von Weimar aus 
mehrere Male besuchte. Doch das sind nur Möglichkeiten. Sicher 
ist, dafs während der Cöthener Zeit ein lebhafter Verkehr zwischen 
ihnen bestand. Diese Thatsache ist geeignet, noch zwei Ereignisse 
aus Bachs Leben schärfer zu beleuchten. Bach war im Herbst 17 19 
in Halle. Er soll Händel dort haben aufsuchen wollen, der aber an 
dem Tage vor Bachs Ankunft abgereist, und so gewissermafsen seinem 
grofsen Zeitgenossen ausgewichen sei. Ich habe schon an anderer 
Stelle gesagt, dafs Bach die Gewohnheit hatte, im Herbst Kunstreisen 
zu unternehmen und dafs er bei Grelegenheit einer solchen 17 19 durch 
Halle gekommen sein wird. Wenn er nur Händeis Bekanntschaft 
dort machen wollte, so konnte dies auch zu einer anderen Zeit ge> 
schehen, denn Händel hielt sich im Sommer 17 19 monatelang in 
Halle auf. 2) Jetzt wissen wir, dafs Bach damals etwas besonderes in 
Halle zu thun hatte: er wollte das Gratulations-Carmen der Cöthener 



>) Geheime Nachrichten S. 103. 
*) cj. S. Bach> I, S. 621. 



415 

Musikcapelle fiir den 10. December und den Cantatentext für den 
I. Januar bei Hunold bestellen. Das zweite Ereignifs ist die Hamburger 
Reise von 1720. Sie hätte beinahe zur Folge gehabt, dafs Bach als 
Organist der Jacobi- Kirche in Hamburg geblieben wäre, doch liefs 
der Kirchenvorstand es zu, dafs ein unbedeutendes Subject, Namens 
Heitmann, sich die Stelle ilir 4000 Mark erkaufte. Neumeister, damals 
Hauptpastor an St. Jacobi, war über den skandalösen Vorgang in 
heller Entrüstung, und rügte ihn öffentlich von der Kanzel.') Von 
persönlichen Beziehungen desselben zu Bach war bisher nichts bekannt. 
Neumeister war aber ein genauer Freund Hunolds, sein Lehrer in 
der Poetik und Vorbild im madrigalischen Singgedicht. 2) Es kann nun 
keinem Zweifel mehr unterliegen, dafs Bach in Hamburg mit Neu- 
meister in persönlichen Verkehr trat, und gerade dieser des Künstlers 
Berufung aufs eifrigste wünschte und betrieb. Beide Männer gehören 
in der Kunstgeschichte eng zusammen, für die auch Neumeisters Be- 
deutung eine grofse ist, denn er erfand die madrigalische Kirchen- 
cantate. Von seinen Dichtungen dieser Art hatte Bach schon einige 
in Musik gesetzt, bevor sie in Hamburg zusammenkamen. 



n. 

Was in litteraturgeschichtlichen Werken über Christiane Mariane 
von Ziegler zu lesen ist, geht zumeist auf Meusels unvollständige und 
theilweise falsche Notizen zurück.3) Ich bin in der Lage, etwas mehr 
über sie sagen zu können und thue es hier zunächst im Interesse der 
Musikgeschichte, in welcher die Ziegler fortan einen zwar sehr be- 
scheidenen aber gesicherten Platz einnehmen wird. Dafs auch flir die 
Litteraturgeschichte die nachfolgende Darstellung nicht ganz ohne 
Wichtigkeit sein werde, darf ich hoffen. 

Der Vater war Franz Conrad Romanus, geboren 1671, churfiirst- 
licher Appellationsrath, seit 1701 Bürgermeister zu Leipzig. Sie ist Ende 
Juni (wahrscheinlich den 28.) 1695 in Leipzig geboren. Die Familie 
war eine der angesehensten und wohlhabendsten der Stadt, der Vater ein 
hochbegabter, um das Gemeinwesen vielfach verdienter Mann. Unter 



>) A. a. O. S. 630 ff. 

«) Geheime Nachrichten S. 100 f. — MenarUes^ Galante^ Verliebte und Satyrische 
Gedichte. Hamburg, 1704. Vorrede. — Derselbe, Die Allerneueste Art, zur Reinen und 
ddanitn Poesie zu gelangen. Hamburg, 1707. Vorrede. 

3) Lexicon der vom Jahre 1750 bis 1800 verstorbenen Teutschen Schriftsteller. 
Band 15. Leipzig, 18 16. 



4t6 

dessen reger Theilnahme entwickelten sich früh die geistigen Interessen 
der Tochter. I) Ein gedruckt vorliegendes Gedicht kann sie nicht 
später als in den ersten Monaten des Jahres 171 1 gemacht haben, 
also mit höchstens 15 Jahren.*) Ob es von Anfang an ganz die vor- 
liegende Gestalt hatte, ist allerdings zweifelhaft. 

Ein schwer treffender Schlag erschütterte noch während ihrer 
Kindheit das Glück der Familie. Der Vater wurde plötzlich ver- 
haftet, wegen Staatsverbrechens in Anklagezustand versetzt und 1706 
auf den Königstein gebracht. Obgleich das gegen ihn eingeleitete 
gerichtliche Verfahren nicht zu Ende geführt wurde, ist er doch sein 
Leben lang Staatsgefangener geblieben. Erst 1746 ist er auf dem 
Königstein gestorben. Die Frage über seine Schuld bedarf noch der 
Beantwortung. Was bisher über diesen Gegenstand geschrieben wurde, 
ist ungenügend und zum Theil offenbar unrichtig. Soviel steht fest, 
dafs die Leipziger Bürgerschaft ihn nach wie vor hoch verehrte und 
ihrer Verehrung auch öffentlich unumwundenen Ausdruck gab. 3) 

In der ersten Zeit, welche diesem Ereignifs folgte, hielt sich, wie 
es scheint, die Familie von Leipzig fern. Spätestens im Sommer 17 11 
verheirathete sich die Tochter mit Heinrich Levin von Könitz und nahm 
ihren Wohnsitz in der Vaterstadt. Nach wenigen Jahren starb der Gatte; 
sie kehrte ins elterliche Haus zurück. Am 22. Januar 1715 schlofs sie 
eine zweite Ehe mit dem Hauptmann Georg Friedrich von Ziegler auf 
Eckartsleben bei Gräfentonna im Gothaischen. Sie begleitete ihn als er 
ins Feld zog, wie wir annehmen dürfen in den Schwedenkrieg.4) 



i) J. F. Lamprecht, Sammlung der Schriften und Gedichte, welche auf die Poetische 
Krönung der .... Frauen Christianen Marianen von Ziegler .... verfertiget worden. 
Leipzig, 1734. Vorrede. 

*) Versuch In Gebundener Schreib- Art. Leipzig, 1728. S. 107 ff. 

3) S. Karl Grofse, Geschichte der Stadt Leipzig. Band 2. Leipzig, 1842. S. 349 ff. 
— Carl August Engelhardt in seiner Biographie Johann Friedrich Böttgers. Leipzig, 1837. 
Joh. Arobr. Barth. S. 210 f. und 229. Engelhardt, obwohl er nach archivalischen Quellen 
gearbeitet hat, kennt nicht einmal den richtigen Namen des Mannes. Einen Franz 
Philipp Romanus hat es in jener Zeit in Leipzig überhaupt nicht gegeben. Ein junger 
Stiefbruder des Bürgermeisters hiefs Carl Friedrich Romanus. Derselbe ist aber niemals 
Staatsgefangener gewesen. Wie man im Lande über den Bürgermeister Romanus auch 
nach seiner Gefangensetzung dachte, geht aus der Vorrede der Lamprecht* sehen Sammlung 
und dem auf S. 82 dieser Sammlang befindlichen Gedichte deutlich hervor. 

4) S. Gottlieb Siegmund Corvinus, Reiffere Früchte der Poesie. Leipzig, 1720. 
S. 257 ff. — In den Pfarr-Registem von Eckartsleben steht hinter der Notiz der den 
Eheleuten dort am 12. Februar 1716 geborenen Tochter der Anfang eines alten Schweden- 
liedes («Der Schweden Held Zog ttbem Belt>). — Ob die Gedichte an cMariane», welche 
sich in Corvinus c Proben der Poesie», 17 10, S. 170 ff. und 193 £ befinden, auch auf 
Mariane Romanus gehen, und was daraus etwa zu folgern wäre, mag dahin gestellt bleiben. 



4t; 

Mernach war Eckartsleben ihr Aufenthalt. ^) Im Laufe des Jahres 1716 
mufsten beide diesen Ort verlassen haben, doch läfst sich nicht sagen, 
wohin sie gezogen sind. Ziegler starb jung, die Kinder beider 
Ehen (171 2 und 17 16 geb.) ebenfalls und ziemlich zu gleicher Zeit.^) 
1722 schon war die Wittwe völlig vereinsamt nach Leipzig zurück- 
gekehrt und hatte wie es scheint von neuem im Hause der Mutter Auf- 
nahme gefunden.3) 

Sie hatte von Jugend auf neben der Poesie auch die Musik geliebt 
und geübt, doch ohne auf diese Beschäftigungen grofsen Werth zu 
legen.4) In ihrer Vereinsamung fing sie an die Künste mit gröfserem 
Ernst zu pflegen. Sie begnügte sich nicht mit Ciavier und Laute, den 
damals bei den deutschen Frauen beliebtesten Instrumenten. Nach dem 
Vorbild der französischen Damen erlernte sie auch die Querflöte, der 
Zeit bei einer deutschen Frau noch etwas seltenes, wenngleich nicht 
unerhörtes. 5) Den öffentlichen Musikzuständen Leipzigs schenkte sie 
lebhaftes Interesse.^) Ihre unabhängige Lebensstellung, ihre Talente 
und reiche Bildung machten sie bald zu einer Persönlichkeit von Be- 
deutung für das gesellschaftliche und namentlich auch musikalische 
Leben Leipzigs. Ihr Haus wurde ein Anziehungspunkt für einheimische 
und zureisende Musiker. Man beeiferte sich, ihr durch Zusendung neuer 
Compositionen gefallig zu sein. Gräfe widmete ihr 1737 den ersten 
Theil seiner Oden mit Melodien. Junge Künstler kamen durch ihre 
Vermittelung zu Anstellungen.?) Sie liebte es, in ihrer Wohnung 
Musikaufiiihrungen zu veranstalten. Einer solchen Aufführung verdankt 



i) Sie nimmt Bezug auf diesen Aufenthalt in den cMoralischen und vermischten 
Send-Schreiben». Leipzig, 1731. S. 405. 

*) Send-Schreiben, S. 406. Ein den Tod des Gatten berührendes Gedicht cVer- 
mischete Schriften in gebundener und ungebundener Rede». GOttingen, 1739. S. 222. 

3) Versuch in gebundener Schreibart 1728. S. 87 ff. (Brefsler war am 25. Mai 
1722 beerdigt worden). 

4) A. a. O. Vorbericht. Dafs sie auch gezeichnet und gemalt habe, erwähnt sie 
Sendschreiben S. 28. 

5) Menantes, Die Edle Bemühung mUfsiger Stunden. Hamburg, 1702. S. 92. 

6) Versuch in gebundener Schreibart 1728. S. 333: 

«Man sagt, dafs Tclemann^ der eine Zeit daher 
Mit seinem Noten- Volck in Hamburg hat gesessen, 
Der Musicorum Haupt allhier geworden war». 
Die cursiv gesetzten Worte habe ich in die offen gelassenen Stellen des Original- 
drucks eingefügt. Es kann kein anderer als Telemann gemeint sein, welcher 1722 sich 
geneigt gezeigt hatte, das Thomas-Cantorat zu übernehmen, dann aber sich zurückzog, 
sodafs der Platz für Bach frei wurde. 

7) Sendschreiben, S. 395. 

27 



4i8 

auch wohl der Text zu einer Gartenmusik seine Entstehung,*) welcher 
uns von der Art solcher Aufführungen im Freien, die eine Eigenthüm- 
lichkeit der gesellschaftlichen Musik des vorigen Jahrhunderts waren, 
ein anziehendes Bild giebt. Die Künste schützen und befördern, war 
damals in der vornehmen Leipziger Gesellschaft noch etwas fast unbe- 
kanntes. Man überliefs das dem Hofe und hohen Adel in Dresden. 
Soweit nicht der Thomascantor von amtswegen die Musik zu bestellen 
hatte, lag deren Pflege fast ausschliefslich bei den Musikvereinen der 
Studenten. Erst in den vierziger Jahren trat hier eine Aenderung ein. 
Man wollte freilich auch vorher recht gern gute Musik hören, aber es 
sollte nichts kosten. cDie meisten von denen Zuhörern ^, schreibt Frau 
von Ziegler einem Freunde, c bilden sich ein, als schütteten die be- 
schäffligten Musen-Söhne die Noten bei dem Spielen nur aus dem Ermel; 
die Belohnung, so sie vor ihre Mühe haben, ist insgemein schlecht, und 
müssen sie öfflers froh seyn, wenn man selbigen vor ihre Mühwaltung 
einiger Stunden und musicalischer Bedienung ein magres Bein abzuklauben 
vorsetzet. Wovon sollen also dergleichen Leute leben, da niemand vor 
selbige einige Vorsorge heget, oder ihnen auf ein und andre Art unter 
die Armen greiftet. Rathen sie ja keinem musikalischen Geiste sein 
Brodt hier zu suchen; ein Stipendium zu erhalten hält gleichfals sehr 
schwer, es seynd hier nicht so viel Patrone als dienten.*)» 

Wie weit ihre eigene musikalische Bildung ging, läfst sich nicht 
sagen. Sie selbst spricht darüber stets sehr bescheiden, doch kann 
man erkennen, dafs sie das Mittelmafs überstieg. Die in den Briefen 
hier und da vorkommenden Aeufserungen sind nicht ohne Feinsinn 
und Sachkunde. Ein Musiker schickt ihr neue Compositionen; sie 
meint, die beiden unter denselben befindlichen Trios seien wohl ur- 
sprünglich fiir Oboe componirt gewesen und nur ihr zu Gefallen ftir 
Flöte arrangirt; sie bittet, solches doch künftig zu unterlassen, da c einem 
Stücke, welches von seinen eigenthümlichen Instrumenten in die Ver- 
setzung verfällt, der gröste Theil der Annehmlichkeit benommen werde. » 
Die Flöte zieht sie wegen ihres seelenvolleren Wesens den mecha- 
nischeren Instrumenten Ciavier und Laute vor. Was sie über eine 
Fuge sagt, zeigt, dafs sie von dem Bau eines solchen Tonstücks Kenntnifs 
hatte, und wenn sie meint, Adagio zu spielen erfordere einen gröfseren 
Künstler als Allegro, so beweist dies wenigstens eine wirklich musikalische 
Empfindung.3) Lamprecht rühmt den cmännlichen» Geist der Frau 

i) Versuch in gebnndener Schreibart. Andrer Theil. Leipzig, 1729. S. 291 ff. 

*) Sendschreiben, S. 394. 

3) A. a. O. S. 392 f. und 407. 



4t9 

von Ziegler, insofern nämlich die «nichtswürdigen Kleinigkeiten, womit 
sich noch so viele von ihrem Geschlecht unterhalten», sie nicht befriedigt 
' hätten. Ihr musikalischer Geschmack scheint dem entsprochen zu 
haben. Sie hatte eine Vorliebe für die gröfseren und reicheren Musik- 
formen, i) und als diejenigen Componisten, auf welche man rathe, wenn 
eine neue unbekannte Ouvertüre den Hörer in das gröfste Entzücken 
versetzt habe, nennt sie Telemann, Bach und Händel.*) Sie liebte 
auch die Opemmusik und bewies hierdurch, dafs sie Gottsched, ihrem 
Lehrer in der Dichtkunst, gegenüber doch ihre Selbstständigkeit wahrte. 3) 
Unter ihren Gedichten ist, wie gesagt, wenigstens eins, das sie 
mit spätestens 1$ Jahren gemacht haben mufs. Andere, die sich in 
der ersten Sammlung der Gedichte finden, stammen nachweislich aus 
dem Jahre 1722.4) Eifriger wurden ihre litterarischen Beschäftigungen, 
als Gottsched 1724 nach Leipzig gekommen war. Sie mufs bald mit 
ihm in Verbindung getreten sein, liefs sich von ihm unterweisen und 
suchte sich nach seinen Schriften zu bilden. 5) Lamprecht sagt, sie 
habe unter verdecktem Namen sich mit Beiträgen an den c Vernünfftigen 
Tadlerinnen» betheiligt, welche 1725 zu erscheinen anfingen. Die 
Arbeiten in dieser Zeitschrift sind sämmtlich anonym oder pseudonym 
gedruckt. Es würde sich also kaum feststellen lassen, welches die 
Beiträge der Ziegler sind. Die Sache selbst aber hat unzweifelhaft ihre 
Richtigkeit. Das Motto des Stücks vom 6. December 1726 ist einem 
Gedichte entnommen, welches die Ziegler zum Geburtstage des Grafen 
Joachim Friedrich von Flemming, auf den 26. Aug. 1726, verfertigte. 
Flemming war Gouverneur der Stadt Leipzig und Musikfreund, vielleicht 
hatte der letztere Umstand den Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt. 
In den c Vernünfftigen Tadlerinnent, deren Titel schon die Berechtigung 
der Frauen, in litterarischen Dingen mitzureden, andeutet, wird mehr- 
fach für ihr Streben nach gelehrter Bildung nachdrücklich das Wort 
ergriffen. ^) Gottscheds Billigung wird es also wohl gewesen sein, 
welche Frau von Ziegler ermuthigte, 1728 mit einer Sammlung ihrer 
Gedichte hervorzutreten, und da die Aufnahme beifallig war, 1729 eine 
zweite Sammlung hinterdrein zu schicken. Sie war gewillt, es hierbei 



') «Ouvertüren und starck gesetzte Sachen»; Versuch in gebundener Schreibart. 
1728. S. 79. 

*) Versuch etc. Andrer Theil. 1729. S. 297. 

3) Sendschreiben, S. 134. Vermischete Schriften (1739), S. 172. 

4) Versuch etc. S. 82 und 330. 

5) Vorbericht zum I. Theile des «Versuchs». 
'6) S. z. B. Band I, S. 401 f. 

27* 



420 

fiir immer bewenden zu lassen, doch entschlofs sie sich 173 1 noch zur 
Herausgabe einer Sammlung von Briefen in Prosa, weil es sie reizte, 
in Nachahmung der französischen Schriftstellerinnen ihren Lands- 
männinnen mit solchen Veröffentlichungen voran zu gehen. Diese 
Publication gab den Anstofs, dafs die Deutsche Gesellschaft in Leipzig, 
deren Senior damals Gottsched war, sie als Mitglied aufnahm. Die 
Aufnahme erfolgte noch in demselben Jahre 1731.') Die Antrittsrede, 
welche sie bei ihrem ersten Erscheinen in der Gesellschaft ablas, hat 
sie später drucken lassen. 2) Gottsched, der sie fortdauernd patronisirte, 
empfahl sie 1733 sogar der Wittenberger philosophischen Facultät für 
die Laurea poetica.3) Wirklich wurde von derselben einstimmig be- 
schlossen, Frau von Ziegler zur kaiserlichen Poetin zu krönen. Das 
unter dem 17. October 1733 ausgefertigte Diplom wurde ihr von dem 
Decan der Facultät, Johann Gottlieb Krause, selbst überbracht. Dieser 
setzte ihr auch in ihrer Wohnung zu Leipzig «im Beyseyn vieler an- 
gesehener und gelehrter Männert eigenhändig den Epheukranz auf. 

Dafs das Ereignifs grofses Aufsehen erregte, beweist die während 
Jahresfrist entstandene Menge von beglückwünschenden Gedichten und 
Schriften, welche 1734 von Jacob Friedrich Lamprecht gesammelt her- 
ausgegeben wurden. Es sind ihrer nicht weniger als 39, in deutscher, 
lateinischer, französischer, italiänischer und niederländischer Sprache. 
Andrerseits wollte auch die Deutsche Gesellschaft aus dem Ereignifs 
flir sich Capital schlagen und seine Wichtigkeit künstlich erhöhen. 
Denn ein Mitglied - der Gesellschaft, eben jener Lamprecht, ein Schüler 
Gottscheds, mufste die genannte Publication veranstalten. Natürlich 
blieben der Spott, die neidischen und mifsgünstigen Urtheile nicht aus. 
Die Frauenwelt ging hier voran.4) Auch die akademische Jugend 
bemächtigte sich des Falls, um ihren Witz an ihm zu üben, und 
wurde dermafsen anzüglich und beleidigend, dafs die akademische 
Obrigkeit einschreiten zu müssen glaubte.S) Vielleicht hängt ein Lied, 
das die gelehrten Frauen verspottet, 1736 zuerst in Leipzig gedruckt 
wurde und sich einer langdauernden Beliebtheit erfreute, mit der Krönung 



>) Litzmann, Christian Ludwig Liscow. Hamburg und Leipdg, Leopold Vofs. 
1883. S. 86 Anmerk. 

•) Vcnnischete Schriften, S. 381 ff. 

3) Litzmann, a. a. O. S. 85, Anmerk. 2. 

4) S. Vermischete Schriften, S. 395. 

5) Acten des Haupt- Staatsarchivs zu Dresden. Locat 5523, Christiane Mariane 
von Ziegler betr. 1734. Berührt, doch nicht in seinen Zusammenhängen verfolgt, hat 
diesen Gegenstand Karl von Weber, Archiv für die Sächsische Geschichte. FOnfter Band. 
Leipzig, Bernhard Tauchnitz 1867. S. 431 f. 



421 

der Ziegler zusammen.') Die Betroffene wufste alle Unbilden mit der 
Gelassenheit einer klugen und vornehmen Frau zu ertragen. Dafs der 
schnell erworbene Ruhm sie nicht bethörte, beweist schon die Zurück- 
haltung, die sie in der Folge der litterarischen Oeffentlichkeit gegen- 
über beobachtete. Der Gesellschaft legte sie zwar pflichtmäfsig zu- 
weilen eine Arbeit vor. Sie erhielt zweimal den Preis der Poesie in 
derselben, nämlich am 12. Mai 1732 und am 7. October 1734. Letzteres 
Gedicht zum Geburtstage des König- Churfursten, der damals in 
Leipzig weilte, wurde als Festgabe der Gesellschaft sofort gedruckt.*) 
Uebrigens vergafs sie ihren Vorsatz nicht, nach dem zweiten Bande 
ihrer Gedichte keine Poesie mehr zu veröffentlichen: sie ist demselben 
zwar ungetreu geworden, aber eigentlich doch nur ein mal. 1739 liefs 
sie in Göttingen c Vermischete Schriften in gebundener und ungebundener 
Rede^ erscheinen.3) 

Sie hatte in der Deutschen Gesellschaft eine Bekanntschaft gemacht, 
welche für ihr späteres Leben entscheidend werden sollte. Wolf Bal- 
thaser Adolf von Steinwehr, 1704 in Deez bei Soldin geboren, war, 
nachdem er in Wittenberg die Magisterwürde erlangt hatte, nach Leipzig 
gekommen und 1732 in die Deutsche Gesellschaft eingetreten. Eine 
am 7. October 1734 daselbst gehaltene Preisrede wurde mit dem oben 
erwähnten Preisgedicht der Ziegler zusammen gedruckt. 1738, da Gott- 
sched aus der Gesellschaft ausschied, wurde Steinwehr deren Secretär.4) 
1739 ging er als aufserordentlicher Professor der Philosophie nach Göt- 
tingen. Dafs die c Vermischeten Schriften ^ der Frau von Ziegler in Göt- 
tingen erschienen, wird auf Steinwehr's Vermittelung zurückzufuhren sein. 
Einige Gedichte darin 5) beziehen sich sicherlich auf ihn. Auch läfst 
die fünfte Strophe des auf Seite 172 beginnenden Gedichts muthmafsen, 
dafs sie schon 1739 an eine Verbindung dachten.^) 1741 wurde 
Steinwehr ordentlicher Professor zu Frankfurt a. O. Am 19. September 
1 741 vermählte er sich mit Frau von Ziegler. Mit dem Gottsched*schen 
Kreise scheint sie auch aus der Feme noch in freundschaftlichen Be- 



*) Dies Lied hat eine merkwürdige und lange Geschichte, deren Erzählung einer 
anderen Gelegenheit vorbehalten bleiben mufs. 

s) Wiederabgedruckt Vermischete Schriften, S. 28. Aufserdem s. daselbst S. 227. 

3) Wahrscheinlich ist dies nur eine zweite vermehrte Auflage der «Neuen vermischten 
Schriften in gebundener und ungebundener Rede», welche nach Angabe des Leipziger 
Mefs-Katalogs 1736 in Leipzig herausgekommen und mir unbekannt geblieben sind. 

4) Danzel, Gottsched und seine Zeit. S. 102. 

5) S. 173 und 241. 

6) Was Mosheim unter dem 3. Mai 1740 an Gottsched schreibt (Danzel, S. 182), 
wird auf Göttinger Stadtklatsch beruhen. 



422 

Ziehungen gestanden zu haben. Wenigstens wird im zweiten Bande 
der «Belustigungen des Verstandes und Witzes» (1742) auf Seite 480 
ihr Name noch unter den Gesinnungsgenossen genannt. Als Dichterin 
und Schriftstellerin aber verstummte sie. Am i. Mai 1760 ist sie in 
Frankfurt gestorben. 

Die erste Hälfte ihres Lebens war eine Kette von Erfahrungen 
schwerer und schmerzlicher Art gewesen. Die Befriedigung, welche 
sie in der Beschäftigung mit den Künsten und Wissenschaften fand 
— auch der Philosophie wandte sie ihr Interesse zu') — , der un- 
erwartet gekommene litterarische Ruhm, die Verehrung, welche ihrer 
Persönlichkeit gezollt wurde, endlich die letzte Wendung ihres Ge- 
schicks haben dann das Gleichgewicht zwischen bösen und guten 
Tagen wieder hergestellt. Eine angeborene Heiterkeit des Gemüths 
befähigte sie, auch die Zeiten des Unglücks ungebrochen zu über- 
stehen. Die Schilderung, welche Lamprecht von ihrem Charakter 
entwirft, erweckt Mifstrauen durch ihre bombastische Haltung, erweist 
sich aber beim Lesen ihrer Schriften im wesentlichen als richtig. Die 
Ziegler erscheint als eine verständige, theilnehmende, welterfahrene 
Frau, nicht ohne geistige Anmuth und frei von Eitelkeit;*) Heiterkeit 
war so sehr eine Grundeigenschaft ihres Temperaments, dafs sie durch 
diese gelegentlich bis zum Muthwillen getrieben werden konnte. Da 
ihr Haus einen Mittelpunkt des geistigen Lebens in der höheren Ge- 
sellschaft Leipzigs bildete, so kamen allerhand Litteraten und dilet- 
tirende Musensöhne über ihre Schwelle, die sich ihrer Gunst versichern 
und ihren Namen als Empfehlung benutzen wollten. Man vertraute 
ihr sogar Herzensangelegenheiten an und jedenfalls sehr viel schlechte 
Verse. Sich über diese mit anderen heimlich lustig zu machen, hielt 
sie nicht fiir unerlaubt. Auf einen solchen Fall bezieht sich jedenfalls, 
was im ersten Band der Gedichte (1728) auf Seite 332 zu lesen ist. 
Ein anderes Mal hatte eine Indiscretion ähnlicher Art empfindliche 
Folgen fiir sie. Ich meine die den Litteraturforschern bekannte An- 
gelegenheit des Professor Philippi aus Halle, welche Liscow zur 
Herausgabe der «Sottises champdtresf (1733) veranlafste. 3). Sich 
gemeinsam mit einem albernen Scribenten dem öffentlichen Gelächter 
preisgegeben zu sehen, mufste sie mit Recht als eine Beleidigung 



i) Vennischete Schriften, S. 213. 

>) Eine hübsche Selbstschilderung in den Vermischeten Schriften, S. 293 1 . 
3) Ilelbig, Christian Ludwig Liscow. Dresden und Leipzig, 1844. S. 18 f. — Litz< 
mann, S. 84 ff. 



423 

empfinden, und Liscow selbst bedauerte später die Herausgabe.') Die 
litterarischen Sitten jener Zeit waren wenig fein. Uebrigens mufsten 
auch die lächerlichen Lobhudeleien der Freunde der Frau von Ziegler 
ihr persönlich schaden.*) Wer aber den Sachverhalt wirklich kennen 
lernen wollte, konnte sich leicht überzeugen, dafs die Gottsched sehe 
Clique sie künstlich in eine litterarische Stellung hineinzubringen suchte, 
die sie selber gar nicht anstrebte. Gottscheds Frau kann man eine 
berufsmäfsige Litteratin nennen. Die Ziegler war immer nur die vor- 
nehme Dame, welche Kunst und Wissenschaft zwar mit Ernst, aber 
doch nur zu ihrem Vergnügen trieb. Ihre Anspruchslosigkeit spricht 
sich gut in den Worten ihrer Antrittsrede aus: c Meine schönste 
Wissenschaft ist diese, dafs ich wirklich weifs, wie wenig ich meinen 
Kräften zuzutrauen habet. 

In der That kann von poetischem Talent bei ihr nur im beschei- 
densten Sinne die Rede sein. Anzuerkennen sind die für jene Zeit 
ungewöhnliche Correctheit, die Klarheit und der gefallige Flufs der 
Sprache, aber auch dieses gilt für die älteren Gedichte nur mit Ein- 
schränkung, in welchen überdies der Ausdruck manchmal ins Ge- 
schmacklose und Niedrige fallt. Die Lebhaftigkeit der Phantasie ist gering, 
die Gedanken sind in der Regel schwunglos und nüchtern, landläufige 
Phrasen finden reichliche Verwendung. Das Anschaulichste, was sie 
in gröfserer Form geschrieben hat, ist das Festgedicht zum 7. October 
1734; in ihm sind auch die breit ausgeführten einfachen Gegensätze: 
der Schrecken des Krieges und die Segnungen des Friedens, von 
guter, man könnte sagen musikalischer Wirkung. Am besten gelingen 
ihr strophisch gebaute lyrische Lieder gemüthvoUer und heiterer Art. 
In den Vermischten Schriften von 1739 finden sich deren fünfzig. Sie 
enthalten nicht wenig des anmuthigen und zierlichen, einiges vortreff- 
liche. Es ist ein musikalisches Element in ihnen, und man wundert 
sich, dafs sie nicht noch häufiger componirt worden sind, als sich bis 
jetzt wenigstens nachweisen läfst. In den Gräfeschen Oden, deren 



>) Sammlang Satyrischer und Ernsthafter Schriften. Franckfurt und Leipzig, 1739. 
S. 37 f. Es ist kein Grund, an der Aufrichtigkeit dieser Erklärung zu zweifeln, ebenso- 
wenig an den Versicherungen der Hochachtung für Frau von Ziegler, welche Liscows 
Bruder, Joachim Friedrich Liscow, Gottsched gegenüber giebt 

1) Daher der Spott Hagedoms, der in einem Briefe an Chr. L. Liscow (bei Heibig, 
a. a. O. S. 48) schreibt: cMadame de Ziegler, qui des ages des Grawes et des Muses, 
dont eile etait la quatrieme et la dixieme il y a quelques lustres, a passe ä Tage de 
Minerve». Hier wird auf zwei Lobgedichte auf die Ziegler angespielt; s. dieselben bei 
Lamprecht, S. 22 und 37. 



424 

erster Theil der Frau von Ziegler gewidmet ist, finden sich zehn Com- 
positionen zu Gedichten von ihr : eine von Philipp Emanuel Bach, eine 
von Gräfe selbst, zwei von Giovannini, sechs von Hurlebusch. Die 
Texte sind bis auf einen, welcher in den Gedichten von 1728 steht, 
den genannten fünfzig Liedern der Vermischten Schriften entnommen, 
und durchschnittlich besser als die Musik. 

In den Vermischten Schriften begegnet man auch einem geistlichen 
Gedichte (S. iio). Dies ist vielleicht das beste Lied, welches die 
Ziegler überhaupt geschrieben hat. Ohne irgendwie durch bedeutende 
Gedanken hervorzuragen, gewinnt es durch echte Gefiihlswärme, ein- 
fache Frömmigkeit und fast vollendete Form, und wirkt noch jetzt 
mit voller Frische. In der Litteratur des 17. und beginnenden 18. Jahr- 
hunderts macht man oft die Beobachtung, wie gering begabten Poeten 
plötzlich die Flügel wachsen, wenn sie sich geistlichen Dingen zuwenden. 
Es ist, als ob ein anderer Geist in sie führe. Neumeister, ein nüchterner 
Formalist, hat einige Kirchenlieder gedichtet, die zu den besten ge- 
hören, welche die Evangelischen besitzen. Der kraftlose Reimer Henrici 
fand doch poetische Stimmung in sich zu geistlichen Gesängen, die 
noch heute nicht ganz aus dem Gebrauch verschwunden sind. Männer, 
deren weltliche Gedichte wüsten Wesens und unlauterer Elemente voll 
sind, wie der freilich allseitig hochbegabte Günther, schreiben geist- 
liche Lieder voll reiner Andacht und ergreifender Inbrunst. Hunold 
vermag sich selbst während seines liederlichen Lebens in Hamburg zu 
einer ernst gemeinten Passionsdichtung zusammenzunehmen. Am An- 
fang des 18. Jahrhunderts sind auf geistlichem Boden noch Dichtungen 
gewachsen, bei denen man von der übrigen herrschenden trostlosen 
Dürre nichts gewahr wird. Die Lieder Christoph Christian Händeis 
aus Anspach nenne ich hier auch deshalb, weil man sie gänzlich ver- 
gessen hat, obschon sie zu den denkwürdigsten Erzeugnissen der Zeit 
gehören. Händel war Oberhofprediger und Beichtvater des Markgrafen 
Wilhelm Friedrich von Brandenburg -Anspach, wurde 1709 seiner 
Aemter entsetzt, später wegen Beleidigung seines Fürsten zum Tode 
verurtheilt, zu lebenslänglichem Gefängnifs begnadet und starb 1734 
im Kerker zu Wülzburg. Er war überzeugt, dafs ihm schreiendes 
Unrecht widerfahren sei, scheute sich nicht, dies öffentlich auszu- 
sprechen und erregte allerhand Unruhen. Darauf überfielen fürstliche 
Dragoner sein Haus, um ihn in Gewahrsam zu bringen. . Seine Gattin 
wurde dabei so erschreckt, dafs sie bald hernach starb. Händel war 
von leidenschaftlicher Natur. So entstanden in Erinnerung an den 
Tod seiner Frau zwei Lieder, die an hinreifsender Gewalt ihresgleichen 



425 

nicht haben in dieser Zeit. Ein Mannesmuth, der im Gefühl seines 
Rechtes der ganzen Welt Trotz bietet, glühender Zorn über die ge- 
heimen Widersacher, denen er erl^en, und Klage über sein verlorenes 
Weib haben in packender poetischer Sprache einen Ausdruck gefunden, 
wie er zuvor nur Luther zu Gebote gestanden hat' ) 

Verdorbenheit der Phantasie, eine bedenkliche Gewöhnung an das 
Schlüpfrige, schlaffe Moral, liebedienerische Feigheit scheinen so sehr 
die Merkmale der damaligen Litteratur und des gesellschaftlichen 
Lebens zu sein, dafs man geneigt ist, das warnende Wort vom trüge- 
rischen Schein zu vergessen. In Wahrheit ging aber unter dieser 
mifsfarbigen Oberfläche noch immer eine starke, reine religiöse Unter- 
strömung dahin, welche erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts 
allgemach zerrinnt. Sobald die Dichter einen geistlichen Ton an- 
schlagen, quillt sie empor und fuhrt ihnen gröfsere Kraft zu. Sie 
allein war es auch, die den Menschen noch den Muth der freien 
Meinung einflöfste. Wenn Christian Händel seinen Fürsten, in dessen 
unbeschränkter Willkür es lag, ihn an Leib und Leben zu strafen, die 
Worte entgegen schleudert: 

Die Wahrheit Gottes zu besiegen 
Sind alle Fürsten viel zu klein. 
Hier mufst du, Markgraf, unten liegen, 
Sonst könnte Gott nicht Gott mehr sein, 

so war solches nur möglich bei einem unerschütterlichen Vertrauen 
auf die allwaltende Gerechtigkeit, wie es nur lebendige Religiosität 
verleiht. Die aufserordentliche Bewegung, welche der Pietismus her- 
vorrief, erklärt sich aus demselben Grunde. Die Orthodoxen, welche 
ihn am heftigsten bekämpften, machen freilich den Eindruck lebloser 
Härte. Aber es ist unrichtig zu glauben, dafs es in der evangelischen 
Welt nichts weiter gegeben hätte, als diese zwei Parteien. Es waren, 
zumal unter den Nichtgeistlichen, noch Leute genug vorhanden, die 
zu keiner von beiden hielten, und nicht die Schlechtesten befanden 
sich unter ihnen. In jenem Streite handelte es sich auch gar nicht um 
Religion, sondern um Dogmatik. Und selbst die wilde Kampflust 
der Orthodoxie läfst sich schliefslich auf das religiöse Gefühl zurück- 
fuhren, einen felsenfesten Glaubensgrund unter den Füfsen zu haben. 



i) Man findet diese Lieder vrieder abgedruckt in «Zeugnisse treuer Liebe nach dem 
Tode Tugendhafter Frauen in gebundener deutscher Rede abgestattet von Ihren Ehe- 
männern*. Hannover, 1743. S. 98 ff. 



426 

Die Begeisterung für die Kunst, welche sich gerade bei ihren Ver- 
tretern häufig findet, beweist klar, dafs doch nicht alle so verhärteten 
Gemüthes waren, wie es scheinen mag. Man mufs diese Zustände im 
Auge behalten, um eine Erscheinung, wie Bach, die immer noch 
unbegreifliches genug bietet, in jener Zeit überhaupt nur als möglich 
zu fassen. 

Ein anderes kommt hinzu, um den Abstand zwischen geistlicher 
und weltlicher Dichtung zu erklären. Die geistliche Dichtung hatte 
einen Rückhalt an einer entwickelten und im Volke wurzelnden Ton- 
kunst, welcher der weltlichen fehlte. Bei der Erzeugung reügiöser 
Lieder war die musikalische Phantasie mindestens in gleicher Stärke 
thätig, wie die poetische, und wirkte in langbewährten, dem Volke 
verständlichen und seine Seele zurückspiegelnden Formen. Es ist zu 
beachten, dafs die besten geistlichen Gedichte dieser Zeit auf all- 
bekannte Choralmelodien eingerichtet sind. Der Orgelklang kirchlich- 
künstlerischer Empfindung erfüllte das Innere des schaffenden Dich- 
ters und ist an dem Geschöpf haften geblieben. Er fliefst unter und 
zwischen den Wort- und Gedankenreihen hin, ihnen Wärme und 
Leben, Charakter und Farbe gebend. 

Wie bei den strophischen Dichtungen, so mufs man auch bei den 
madrigalischen mit diesem Elemente rechnen. Die sogenannten 
Cantatentexte werden von den Litteraturforschern meist mit äufserster 
Geringschätzung behandelt. Nur Wilhelm Scheerer macht hier eine 
Ausnahme,') doch scheint es mir, als ob auch er der Sache noch 
nicht völlig gerecht würde. Es kann mir nicht beikommen, den An- 
walt jener zahllosen Cantatenfabrikanten zu machen, welche, nachdem 
die Form einmal gefunden war, nichts weiter thaten, als Worte zuhauf 
zu bringen und in die üblichen Schemata einzutheilen. Aber nicht 
alle waren dieser Art, und erscheinen selbst bei den besten, bei Neu- 
meister, Salomo Franck, Joh. Jacob Rambach, die Dichtungen an sich 
betrachtet vielfach gering und inhaltsleer, so ist solche abgetrennte 
Betrachtung eben nicht zulässig. Sie fordern die Musik als Ergänzung, 
sind auf sie eingerichtet und gewinnen durch sie das gewollte schöne 
Leben. Bei Neumeister, der ohne eigene musikalische Bildung und 
zur Erfindung der madrigalischen Cantate vielleicht nur durch Zufall 
geführt war, kann man beobachten, wie der Genius der Musik ihn 
ergriff, nachdem er sich einmal in sein Gebiet gewagt hatte. Der 



<) Geschichte der Deutschen Literatur. Berlin, Weidmann'sche Buchhandlung. 
i88i. S. 348 ff. 



427 

erste, 1700 erschienene Jahrgang seiner Cantaten trifft die Stellen noch 
nicht, aus denen deutsche musikalische Empfindung am reichlichsten 
fliefsen konnte. Das madrigalische Wesen im Allgemeinen und die 
aus Recitativ-Dichtung und fester gefugten Strophen gebildete Form 
im Besonderen sind auch nicht deutschen, sondern italiänischen 
Ursprungs, und sollen nicht den Ausdruck gemeinsamer, sondern 
individueller Gefühle dienen. Die Einführung des Bibelworts und 
Chorals im dritten Jahrgange zeigt aber, dafs er bald die richtigen 
Mittel gefunden hatte; hier ist in meist sinnvoller Gruppirung alles 
bei einander, dessen eine umfassende nationale Tonkunst bedurfte, um 
ihre Fülle zu entfalten. Dies ist die Form, welche sich Bach aneignete 
und in welcher er seine unvergänglichen Kirchencantaten schuf 

Unter Bach's Kirchencantaten befinden sich acht, welche mir aus 
innern und äufsem Gründen als eng zusammengehörig erschienen sind, 
so dafs ihrer aller Entstehung in eine und dieselbe Zeit zu setzen 
war.^) Nach Textanfang und kirchlicher Bestimmung verzeichnet sind 
es folgende: 

1. Sonntag Jubilate, dhr werdet weinen und heulen». 

2. Sonntag Cantate, cEs ist euch gut, dafs ich hingehe». 

3. Sonntag Rogate, c Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen». 

4. Himmelfahrtsfest, cAuf Christi Himmelfahrt allein». 

5. Sonntag Exaudi, cSie werden euch in den Bann thun» (A-moU). 

6. Erster Pfingsttag, cWer mich liebet, der wird mein Wort halten» 
(die gröfsere der beiden Cantaten gleichen Anfangs). 

7. Zweiter Pfingsttag, «Also hat Gott die Welt geliebt». 

8. Dritter Pfingsttag, «Er rufet seine Schafe mit Namen».*) 

Wie man sieht, beziehen sie sich auf acht Sonn- und Festtage 
des Kirchenjahres, welche in ununterbrochener Reihe einander folgen. 
Was die Dichtungen betrifft, so sei es mir gestattet, eigene Worte zu 
citiren. «Aus dem tief ausgefahrenen Gleisen madrigalischer Reimerei 
wendet sich der Dichter häufiger zur Liedstrophe zurück und baut 
ungewöhnlichere, anmuthige Formen. Das Bibelwort tritt öfter ein 
als sonst. Die Empfindung ist durchweg tiefer und reiner, als durch- 
schnittlich in den früheren madrigalischen Cantaten, manchmal erhebt 



«) J. S. Bach, n, S. 830 «, und S. 550 ff. 

«) Die Bach-Gesellschaft hat von diesen acht Cantaten bis jetzt sechs veröffentlicht, 
nämlich No. i in Band XXIH als No. 103; No. 2 in Bd. XXHI, No. 108; No. 3 in Bd. XX'. 
No. 87; No. 4 in Bd. XXVI, No. 128; No. 6 in Bd. XVni, No. 74; No. 7 in Bd. XVI, 
No. 68. 



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sie sich zu wirklich erbaulicher Kraft. Gern möchte man wissen, ob 
sich hier ein neuer Textdichter zeigt, oder ob Bach, nachdem er mit 
dem Durchcomponiren ganzer Kirchenlieder deutlich sein Mifsbehagen 
an dem, wenn auch verwendbaren, so doch leeren Wortkram Picanders 
kundgegeben hatte, dessen Talent durch seinen ernsten Geist zu ver- 
edeln vermocht hat.» 

Es ist nun überflüssig geworden, Vermuthungen aufzustellen. Ver- 
fasserin der Gedichte ist Mariane von Ziegler. Im ersten Bande ihres 
«Versuchs in Gebundener Schreib- Art» (Leipzig, 1728) hat sie die- 
selben zwischen vermischten und scherzhaften und satirischen Ge- 
dichten auf Seite 243—268 veröffentlicht, und zwar genau in der 
Reihenfolge, wie sie oben verzeichnet sind. Hinter der ersten und 
zweiten Dichtung steht noch je eine religiöse Betrachtung in Alexan- 
drinern, hinter der siebenten und achten noch je eine geistliche cAria» 
von fünf Strophen. Diese Zuthaten hat Bach unberücksichtigt ge- 
lassen, und sich nur an die eigentlichen Cantaten-Texte gehalten. 
Aufser den verzeichneten acht findet sich darin aber auch ein neunter, 
auf das Trinitatisfest (cEs ist ein trotzig und verzagt Ding um aller 
Menschen Herzen»), mit einer aus vier Alexandrinern bestehenden be- 
trachtenden Zugabe (S. 271 ff.). Auch diesen Text, ausschliefslich der 
Zugabe, hat Bach componirt. Ich habe die Composition seiner Zeit 
an die übrigen acht nicht angeschlossen, da mir eine genügende innere 
und äufsere Berechtigung hierzu nicht vorhanden schien, und die Frage 
nach ihrer Entstehung halb offen gelassen (Bach ü, S. 559). Jetzt 
möchte ich nicht mehr zweifeln, dafs sie mit jenen auch zeitlich eng 
zusammengehört, so dafs Bach eine ununterbrochene Reihe von Kirchen- 
cantaten von Jubilate bis Trinitatis in einem und demselben Jahre 
componirt hätte. Mehr als diese neun Kirchentexte finden sich über- 
haupt in der Gedichtsammlung nicht; es folgen nur noch von Seite 
273—282 vier Kammercantaten religiösen Charakters. Bach hat also 
den gesammten für seine Zwecke verwendbaren Inhalt der Gedicht- 
sammluug rein ausgeschöpft. 

Im zweiten Theil des Versuchs «In Gebundener Schreib-Art» 
(Leipzig 1729) sind der Texte zu Kirchencantaten mehr, nämlich für 
alle Sonn- und Festtage des Kirchenjahrs, mit Ausnahme derjenigen, 
die schon im ersten Theile berücksichtigt worden waren. Unter den 
Texten der uns erhaltenen Kirchencantaten Bachs findet sich aber 
keiner, der aus ihnen entnommen wäre. Es ist recht wohl möglich, 
dafs sie ihm nicht zusagten. Sie sind durchschnittlich länger als die 
des ersten Theils, und er durfte mit seinen Compositionen, die ja 



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während des Gottesdienstes aufgeführt wurden, ein bestimmtes Zeit- 
mafs nicht überschreiten. ') Auch sind die eingestreuten Bibelstellen 
nicht immer für die Composition bequem geformt. Dagegen könnten 
noch zwei andere Texte, die Bach componirt hat, die in den beiden 
Sammlungen aber nicht stehen, von der Zitier eigens auf Bach 's 
Wunsch gedichtet sein. Ich meine die Cantaten dch bin ein guter 
Hirt» (Misericordias Domini) und «Gott fähret auf mit Jauchzen» 
(Himmelfahrtsfest).*) Sie liebt es, an die Spitze des Gedichts ein 
biblisches ^^Dictum'' zu stellen, und in der Mitte abermals ein 
Dictum^ oder auch — im zweiten Theile des c Versuchs» — einen 
Choral zu bringen. Auf letztere Art ist der Text der Misericordias- 
Cantate construirt. Der Text der Himmelfahrts-Cantate aber besteht 
gröfsten Theils aus einem Strophenliede, welches am Schlufs der 
Strophen wiederholt auf dieselbe Wendung zurückkommt. Derartiges 
verstand gerade die Ziegler artig zu gestalten,3) und auch die Em- 
pfindung des Gedichts ist die ihrige. Bevor dieses Gedicht beginnt, 
finden sich, durch Recitativ und Arie getrennt, wieder die beiden 
Dicta. 

Die Frage ist nunmehr, was aus dem Nachweis, dafs Bach die 
neun gedruckten Cantatentexte der Ziegler componirt hat, fiir die Ent- 
stehungszeit der Compositionen gefolgert werden kann. Ich habe 
dieselben an einem andern Orte in das Jahr 1735 gesetzt. Die Wahr- 
nehmung, dafs Bach nur die im ersten Bande der Gedichte enthaltenen 
Texte componirt hat, von den im zweiten Bande vereinigten aber 
keinen einzigen, könnte zunächst auf den Gedanken fuhren, Bach habe 
jene Texte gleich bei ihrem Erscheinen als willkommene Gabe er- 
griffen, sich mit ihnen aber fiir allemal an der Poesie der Ziegler 
genug gethan. Allein eine genauere Untersuchung lehrt, dafs dem 
nicht so gewesen sein kann. Der erste Band erschien, nach Ausweis 
des Leipziger Mefskatalogs von 1728, zu Michaelis dieses Jahres. Für 
1728 konnten also die Cantaten schon nicht mehr componirt werden. 
Der zweite Band erschien 1729 wiederum zu Michaelis. Im Vorbericht 
ist von den Cantatentexten desselben ausfuhrlich die Rede, auch von 
der Möglichkeit, dafs einer oder der andere einmal componirt werden 



i) Den Vorwurf xu grofser Länge sah die Verfasserin selbst voraus; s. den Vor- 
bericht zum zweiten Tbeil. 

«) B.-G. XX», No. 85 und X, No. 43. 

3) Vergl. Vermischete Schriften in gebundener und ungebundener Rede. Göttingen, 
1739. S. 173 ff. 



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könne. Dies geschieht in einer Weise, welche die Annahme, es seien 
die Texte des ersten Bandes bereits componirt und in den Leipziger 
Kirchen aufgeführt worden, völlig ausschliefst. Solches hätte unter den 
herrschenden Umständen nur in ebendemselben Jahre 1729 geschehen 
sein können, und es ist undenkbar, dafs die Verfasserin es unerwähnt 
gelassen hätte, zumal wenn Bach der Componist gewesen wäre. Grade 
dies hätte für sie die mächtigste Anregung sein müssen, neue Cantaten 
zu dichten, während sie doch nur den Beifall, welchen ihr ein vor- 
nehmer Freund (wahrscheinlich der Minister von ManteufTel) nach 
Lesung der früheren Cantaten gezollt habe, als den Grund ang^ebt. 
Somit kann also auch das Jahr 1729 die Entstehungszeit der Compo- 
sitionen nicht sein, und wäre frühestens das Jahr 1730 als solche an- 
zunehmen. Hier aber treten die an einem andern Orte angeführten 
Gründe, welche zur Annahme des Jahres 1735 veranlafstcn, wieder in 
volle Gültigkeit. Es dient also der Nachweis der Quelle, welcher die 
Dichtungen der betreffenden Bach'schen Compositionen entnommen 
sind, nur zur Bestätigung jener früheren Annahme, indem der ge- 
sammte Zeitraum vor 1730 nunmehr aufs bestimmteste aufser Fra^e 
gestellt wird. 

Die Gestalt, in welcher die Texte gedruckt sind, stimmt mit der- 
jenigen, welche sie in Bach s Compositionen zeigen, nicht immer ganz 
überein. Manche Abweichungen sind von keiner Bedeutung: Bach 
wird sich an einigen Stellen verlesen oder verschrieben oder beim 
Componiren die gelesenen Worte nicht mehr scharf in der Erinnerung 
gehabt haben. ') Andere haben gröfsere Wichtigkeit Unter ihnen sind 
vor allem diejenigen zu nennen, welche aus stilistischen Verbesserungen 
entstanden sind. Sie können von Bach nicht herrühren, der in solchen 
Dingen nicht allzu wählerisch war, sondern müssen auf die Dichterin 
zurückgeführt werden. Sie betreffen zunächst unrichtige Constructionen, 
bildliche Ausdrücke mit unpassenden Zeit- oder Beiwörtern und andere 
auf schielender Anschauung beruhende Sprachsünden. Bach hätte 



>) Einige Worte sind auch von den Herausgebern nicht richtig entsüTert. In der 
Himmelfahrts-Cantate steht am Schlüsse der Bafs-Arie, ehe sie in's Recitativ übergeht 
(6.-G. XXVI, S. 177) in Bachs Autograph: «Ist er gleich mir genommen»; in der 
zweiten Arie der Cantate für Jubilate ist zu lesen: «Erholet euch, betrübte Sinnen»; in 
der zweiten Arie der ersten Pfingstcantate lies statt «Dem Dreieingen» «Den Deinigen» 
(die gedruckte Gedichtsammlung hat «Seinigen»). Im ersten Recitativ der Jubilate-Musik 
muis es heifsen: «das Liebste»; Bachs Autograph hat hier eine Abbreviatur; und in der 
ersten Arie der ersten Pfingstcantate lese man: «Denn wer dich sucht»; in der hand- 
schriftlichen Vorlage ist die Stelle, wo das Wort gestanden hat, weggerissen. 



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sicher kein Bedenken getragen, den Vers t Weicht ihr Sorgen! Flieht 
ihr Klagen U in Musik zu setzen. Der geschulte Stilist mufste sich 
sagen, dafs die c Klagen» in dem hier herrschenden Sinne nicht 
cfliehen» können und setzte statt dessen lieber c Weicht ihr Sorgen, 
Trauer, Klagen 1» In der Rogate-Cantate steht einmal gedruckt: «O 
Wort, das Greist und Herz erschreckt». Grottschedisch pedantisch ist 
später cHerz» in «Seel» geändert. Die Cantate zum zweiten Pfingst- 
tage enthält jene nach ihrer ersten Veröffentlichung schnell in weitesten 
Kreisen beliebt gewordene Arie cMein gläubiges Herze». In der ge- 
druckten Fassung lautet der Text: «Getröstetes Herze, Frohlocke und 
scherze. Dein Jesus ist da. Weg, Kummer und Plagen, Ich will euch 
nur sagen: Mein Jesus ist nah.» Ich stelle die componirte Fassung 
vollständig gegenüber: «Mein gläubiges Herze, Frohlocke, sing, scherze, 
Dein Jesus ist da. Weg Jammer, weg Klagen, Ich will euch nur 
sagen: Mein Jesus ist nah.» In der vierten Zeile ist wieder eine 
falsche Zusammenstellung zweier im Wesen verschiedener Hauptwörter 
ausgemerzt. Die Aenderung der ersten Zeile bewirkt einen folgerich- 
tigeren Anschlufs an den vorhergehenden Chortext. Die Aenderung 
der zweiten Zeile erhöht die Lebendigkeit der Anschauung. Verbesse- 
rungen in der Art der beiden letzteren kommen noch an vielen 
Stellen vor. Die zweite Arie der dritten Pfingstcantate hat eine voll- 
ständige Umgestaltung erfahren, keine Zeile ist unverändert geblieben, 
die gesammte Anschauung ist einheitlicher geworden, lebendiger aus- 
geprägt, der Ausdruck gewählter und durch deutlichere Bezugnahme 
auf Biblisches erhabener, das Ganze aus einer poetischen Stümperei 
zu einem recht schönen geistlichen Gedichte gemacht worden. Auch 
aus diesen Dingen geht hervor, dafs die Dichtungen nicht gleich nach 
ihrem Erscheinen, also 1729, componirt sein können. Denn die 
Aenderungen können nicht eher vorgenommen sein, als nachdem die 
Ziegler von neuem und in schulmäfsiger Weise angefangen hatte, 
sich mit der Dichtkunst zu beschäftigen. Das geschah erst nach 
ihrem Eintritt in die Deutsche Gesellschaft und dieser fand am Ende 
des Jahres 173 1 statt. 

Aufser der Anwendung strengerer Logik in der Satzverbindung 
und gröfserer Anschaulichkeit gehört auch die Beseitigung nichts- 
sagender Flickwörter, banaler Phrasen und das Zusammendrängen zu 
breit gerathener Sätze in die Rubrik der stilistischen Verbesserungen. 
In den Recitativen wird gesucht, gröfsere Mannigfaltigkeit durch den 
Wechsel langer und kurzer Zeilen herzustellen. Es werden aber die 
Recitative auch häufig gekürzt, und hier könnte man schon einen 



43^ 

Wink des Componisten als Motiv vermuthen. *) In der Rogate-Can* 
täte ist nach der ersten Arie ein kurzes Recitativ ganz neu ein- 
geschoben. Dadurch wird die Wirkung des nachfolgenden Dktums 
bedeutend erhöht, freilich mehr 'die poetische, als die rein musikalische, 
und es mag daher sein, dafs auf diesen Einfall die Dichterin aus sich 
selbst gerieth. Ebenso wird sie wohl aus eigener Bewegung dazu ge- 
kommen sein^ dem zweiten Recitativ der Trinitatis-Cantate nachträglich 
einen Bibelspruch anzuhängen, so dafs nun auch in diesem Texte 
zwei Bibelsprüche zu finden sind. Sicher aber ist die Mitwirkung des 
Componisten bei einer Aenderung in der Himmelfahrts-Cantate anzu- 
nehmen. Hier findet sich das Seltsame in der Composition, dafs eine 
Arie in's Recitativ verläuft und mit diesem der Gesang endet, während 
die Instrumente durch Wiederholung des Arien-Ritornells wenigstens 
für eine nothdürftige Abrundung der Form sorgen. Der gedruckte 
Text gab zu dieser Seltsamkeit keine Veranlassung: hier schliefst die 
Arie in sich ab, und das folgende Recitativ beginnt mit einem neuen 
Gedankengange. Die ungeschickte Ausdrucksweise der letzten Zeilen 
der Arie sollte später verbessert werden. Nun aber gerieth die 
Dichterin, beliebtermafsen einem Bibelspruch folgend, in einen Ge- 
dankengang, der die Trennung zwischen Arie und Recitativ aufhob 
und unmittelbar aus jener in dieses hinüberleitet. Nach der bei Can- 
tatendichtungen jener Zeit gültigen Technik ist dies überhaupt gar 
keine zulässige Form, und die Ziegler mufs das selbst recht wohl ge- 
wufst haben. Es ist also nicht denkbar, dafs sie sich nicht mit dem 
Componisten zuvor darüber beredet haben sollte, ob diese Anomalie 
musikalisch möglich sei. 

Ueberhaupt aber würde eine zum Zwecke der Composition vor- 
genommene Umarbeitung gedruckt vorliegender Gedichte einen leb- 
haften Verkehr und Gedankenaustausch zwischen einer so musikalischen 
Dichterin und dem Componisten als geboten erscheinen lassen, wenn 
sich ein solcher unter den gegebenen Umständen nicht ohnehin 
von selbst verstände. Wenn oben eine Aeufserung der Frau von 
Ziegler über die geringe Werthschätzung der Musiker innerhalb der 



>) Im Recitativ der Cantate zum 2. PÜDgsttage ist in Folge einer solchen Kürzung 
ein ganz unverständlicher Satz in die Composition hineingerathen, nKmlich: «Was mich 
getrost und freudig macht, Dafs mich mein Jesus nicht vergessen.» Die Vergleichung mit 
der älteren Fassung ergiebt, dafs es heifsen mufs: «Was mich getrost und freudig macht, 
Ist, dafs mich Jesus nicht vergessen.» — Einmal, im zweiten Recitativ der Himmelfahrts- 
musik, findet sich auch eine Verlängerung von zwei Zeilen. Sie geschah offenbar, um 
den in der folgenden Arie eintretenden Gedanken besser zu vermitteln. 



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Leipziger Gesellschaft mit ihren eigenen Worten angeführt wurde, so 
geschah es, weil sie genau mit dem übereinstimmt, was wir von Bachs 
Erfahrungen in Leipzig, zum Theil durch dessen eigene Worte, 
wissen. Da die Ziegler wohl die einzige war, welche ihrer Zeit in 
Leipzig ein musikalisches Haus machte, so darf als sicher angenommen 
werden, dafs Bach ihre Bekanntschaft bald nach seiner Uebersiedlung 
dorthin gemacht hat. Sicherlich hat er sich schon in den zwanziger 
Jahren an ihren häuslichen Concerten betheiligt. Es wird nicht ohne 
Beziehung sein, dafs in der poetischen Schilderung einer Gartenmusik, 
welche sich im zweiten Bande der Gedichte findet, nach Anhörung 
einer Ouvertüre sein Name ausdrücklich genannt wird. Mit Gottsched 
war Bach im Herbst 1727 in persönliche Berührung gekommen, als 
jener für die Trauerfeierlichkeit zu Ehren der verstorbenen Königin 
Christiane Eberhardine eine Ode gedichtet hatte, welche Bach compo- 
nirte. Um 1736 bestimmte Bach auf Gottscheds Ansuchen zum 
Musiklehrer der Frau desselben seinen Lieblingsschüler Krebs. Der 
Gottschedianer Birnbaum, ein Mitglied der Deutschen Rednergesell- 
schaft, war sein ergebener Freund, T. L. Pitschel sein Bewunderer. ») 
Aus all diesem ergiebt sich, dafs Bach zu dem Gottsched'schen Kreise, 
dem gewissermafsen ja auch Frau von Ziegler angehörte, mancherlei 
Beziehungen unterhielt, und die Vermuthung ist begründet, dafs er 
eben durch die Ziegler in ihn hineinkam. Wir wissen auch, dafs er 
mit einem Mitgliede der Familie Romanus freundschaftlichen Verkehr 
pflog.*) Dafs er die Cantatendichtungen der Ziegler componirte, mufs 
indessen noch eine besondere Veranlassung gehabt haben. Es ist nicht 
anzunehmen, dafs dieselben bei ihrer Veröffentlichung seinem Blick ent- 
gangen wären. Hätte er sich nur durch ihren inneren Werth bewogen 
gefunden, sie in Musik zu setzen, so hätte er wohl nicht so lange 
damit gewartet. Welches aber die Veranlassung gewesen sein mag, liegt 
einstweilen ganz im Dunkeln. Immerhin ist soviel ersichtlich, dafs er mit 
besonderem Interesse an die Arbeit gegangen ist. Es ergiebt sich 
schon daraus, dafs er sämmtliche Dichtungen der Sammlung von 1728 
in einem und demselben Jahre, also unmittelbar hintereinander, in 



i) Zu Gottscheds Anhängern gehörte auch J. A. Scheibe. Es geriethen also um 
Bachs willen zwei Gottschedianer in Streit. Der Meister der Schule bemUhte sich, wie er 
zu thun pflegte, es mit keinem von beiden zu verderben. Scheibe's Critischer Musikus 
wird in den Beyträgen zur critischen Historie etc. Bd. VI, S. 453 ff. sehr wohlwollend 
recensirt, doch wird es zugleich abgelehnt, auf den Gegenstand des Birnbaum-Scheibe- 
sehen Streites einzugehen. 

>) Bach II, S. 955, Z. I und 2. 

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Musik gesetzt hat. Es ergiebt sich aber eben so sehr aus dem Werth 
der Compositionen selbst, die fast alle als Meisterwerke höchsten 
Ranges bezeichnet werden dürfen. 

Der kleine Lorbeer der Dichterin ist längst verwelkt, trotz aller 
Lobpreisungen dienstbeflissener Freunde. Um ihres selbständigen 
Kunstwerthes willen würde Niemand mehr die Poesien und Schriften 
Marianens von Ziegler in die Hand nehmen, und die Vergessenheit 
wäre verdient, in die sie zurückgesunken ist. Aber indem Bach sich 
durch sie zu einer Reihe seiner herrlichsten Schöpfungen anregen 
Hefs, hat er ihr gestattet, an seiner Unsterblichkeit Theil zu nehmen. 



Druck von J. Kkrskbs in Berlin C, Niedcrwallstr. 23. ^ 






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Tafel I, 



DIE MEERENGE VON SALAMIS 

nach der Seekarte von GRAVES 1838. 




Peiraieus 



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G*<i ^r Ui>Llr.st '^Sumdr v Vi' Greve Bei Im, 






LichldnioX vA fVisoh , Berlm W 



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